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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 161
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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161.

Dienstag, den 21. November 1775, um drei Uhr.

Liebstes, Bestes, Herrlichstes, Trefflichstes und Geliebtestes aller Erdenkinder! Es ist weder Ihre Schuld noch die meine, wenn Sie in Versailles keinen Brief von mir bekommen haben. Ich habe Ihre Zeilen heute vormittag um elf erhalten. Um nach Versailles zu antworten, war das zu spät. Und da ich mir einbilde, daß Sie doch erst nach Hause gehen, ehe Sie zu mir kommen, so beeile ich mich, Ihnen für Ihre so liebenswürdige und überaus gütige Aufmerksamkeit zu danken.

Ihre Sorglichkeit rührt mich so tief, daß ich untröstlich bin, sie nicht belohnen zu können, etwa indem ich Ihnen sagte, daß es mir besser gehe. Aber daran ist kein Gedanke. Gestern bin ich vor Husten fast umgekommen, und diese Nacht habe ich so starkes Fieber gehabt, daß es mir im Kopfe wüster und wilder zugeht als je. Heute vormittag um elf war mein Arzt bei mir; er hat höhere Temperatur als gewöhnlich um die nämliche Stunde festgestellt. Dieses Fieber hat seine Ursache in einer inneren Entzündung; meine Lunge und meine Därme sind noch heißer und aufgeregter als meine Seele.

Aber, mein Bester, ich liebe Sie, und wenn Sie mich wiederliebten, so hätte ich die Kraft einer Märtyrerin. Ich würde leiden, aber ich würde meine Schmerzen um kein Glück der Welt hergeben.

Eben erhalte ich ein sehr liebes Briefchen vom Erzbischof von Toulouse. Es beunruhigt mich. Er selber macht sich keine Sorgen, aber ich fürchte, es nimmt ein schlimmes Ende.

Ach, wie fern und fremd ist Ihnen alles, was mir lieb ist, was mich interessiert, was mir Sorge macht! Lieber Freund, wenn es Ihnen nur gut geht! Quälen Sie mich nicht mehr, und tun Sie mir nicht mehr weh! Aber fallen Sie auch nicht mehr ins andere Extrem; machen Sie mir nicht weis, mein Leben sei Ihnen unentbehrlich. Das würde mir unendlich leid tun, denn ich fühle Todessehnsucht.

Viele Grüße, lieber Freund! Kommen Sie, kommen Sie! Sie haben mehr Gewalt über mich als Logistila über Roland, mehr als das Opium über den Schmerz, und wahrlich, ich glaube, Sie sind stärker als der Tod!

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