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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 160
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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160.

Montag, den 20. November 1775, drei Uhr nachmittags.

Mein lieber Freund, wie liebenswürdig sind Sie! Meine grenzenlose Verblendung, mein endloses Leid ist gerechtfertigt. Ach, alles, was ich gelitten habe, und alles, was mir noch droht, nichts würde mich hindern und dagegen wappnen können, mich in Sie zu verlieben, wenn ich Sie noch nicht liebte! Es gibt Dinge im Leben, die mich zur Fatalistin machen. Es war mir bestimmt, noch einen Moment für Sie zu leben und dann daran zu sterben. So habe ich Sie geliebt, mein Freund; ich will mich nicht mehr beklagen.

Lassen Sie mich mein Schicksal tragen und verschlimmern Sie mein Unglück ja nicht, indem Sie mir gerade dann das Leben lieb und wert machen, wann ich es verlassen muß, wenn ich bereits fühle, wie es mir entgleitet. Ach, mein Lieber, lassen Sie mich aus Güte, aus Erbarmen bei meinem Glauben, daß mir der Tod eine schwere Bürde abnimmt. Lassen Sie mich verweilen, lassen Sie meine Gedanken diesem heiß ersehnten, lange erwarteten Augenblick entgegenträumen! Ich fühle sein Herannahen mit einer gewissen Seligkeit, wenn ich an mein Todesurteil zurückdenke, das Sie am ersten Mai 1775 unterzeichnet haben.

Und doch, als Sie gestern bei mir waren, als ich Ihrem Plaudern zuhörte, da dachte ich mit Rührung daran, daß ich Ihnen bald auf ewig Lebewohl sagen werde. Ich prüfte mich im Geiste, ich hätte mich gern nicht für krank erklärt; es tat mir leid, keine Hoffnung mehr haben zu dürfen. Mein Lieber, da füllte sich meine Seele voll Zärtlichkeit für Sie, und ich war nicht mehr imstande, jenen Wunsch zu hegen, dessen Ziel die ewige Trennung von Ihnen ist. Mit einem Male ward es mir entsetzlich klar, daß der Tod ein Übel, ein großes Übel ist.

Sie werden sich niemals eine Vorstellung von der Todesmarter und der Herzensangst machen können, die ich in den letzten drei Wochen durchgemacht habe. Nicht die Abnahme meiner Kräfte, nicht meine Abmagerung, nicht meine außerordentliche Veränderung verwundern mich, nein, viel rätselhafter dünkt es mich, daß ich diese Folterqualen aushalte.

Aber da sind Sie! Wie einst sind Sie wieder gütig und feinfühlig. Sie haben meine Seele beschwichtigt, mir Balsam in mein Blut gegossen. In der vergangenen Nacht waren meine Schmerzen erträglicher. Geschlafen habe ich zwar nicht, ich hatte Fieber, ich habe gehustet, aber doch war ich nicht unglücklich, denn ich träumte von Ihnen süß und sehnsüchtig. Ich überlegte mir, was ich Ihnen schreiben wollte. Wohl wagte ich nicht, auf eine Antwort von Ihnen zu hoffen, aber selbst das schien mir nicht unmöglich.

Malen Sie sich die Glückseligkeit aus, die mich ergriff, als jemand in mein Zimmer eintrat und mir sagte: »Von Herrn von Guibert!« Mein Liebster, diese Worte haben mir einen guten Tag geschenkt. Ihren Brief in den Händen, habe ich keine Angst mehr vor dem Fieber. Er hat mehr Gewalt über mich, als meine Krankheit.

O mein Freund, ich liebe Sie mit jedem Atom meiner Seele und meines Geistes, mit jedem Atemzuge, den ich tue. Kurzum, ich liebe Sie, da ich lebe, und ich lebe nur, weil ich Sie liebe!

Wenn ich Sie nicht morgen, Dienstags, am Vormittag sehe, so schreiben Sie mir ein paar Worte; daß Sie zu mir kommen, daran zweifle ich nicht. Wenn Sie vormittags nicht kommen und mir den Abend nicht widmen können, so wissen Sie, daß ich von vier bis halb sechs Uhr allein bin. Somit stehen Ihnen drei verschiedene Gelegenheiten, mich zu sehen, zur freien Wahl. Ergreifen Sie eine davon, mein Lieber, denn ich habe Sehnsucht nach Ihnen.

Ich bin unbescheiden! Ach, du lieber Gott, ich habe stumm so viel gelitten! Liebster, glauben Sie, daß je irgendwer auf Erden das Gute an Ihnen besser erkennt und inniger an Sie denkt? Glauben Sie, daß es eine noch zärtlichere Leidenschaft geben kann, als die in mir? Im Pochen meines Herzens, im Schlage meines Pulses, in jedem Atemzuge lebt meine Liebe deutlicher, fühlbarer als je. Nicht, daß sie stärker geworden wäre, nein, sie ist im Verglimmen. Sie ist wie eine Flamme, die noch einmal heftig auflodert, ehe sie auf ewig verlischt...

Leben Sie wohl, mein Bester; ich liebe Sie!

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