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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 148
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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148.

Mittwoch, den 18. Oktober 1775, abends.

Mein vierter Brief nach Fontainebleau!

Endlich sind Sie in Fontainebleau. Ich dachte, Sie würden bereits am Sonntag den 15. hinkommen. Ich habe Ihnen täglich dahin geschrieben. Lassen Sie sich die drei Briefe aushändigen, und wäre es auch nur, um sie ins Feuer zu werfen. Ich bitte Sie darum. Teilen Sie mir, sobald Sie das wissen, den Tag mit, an dem Sie zurückzukommen gedenken, damit ich mich danach richte und Sie nicht noch in Fontainebleau vermute, während Sie schon abgereist sind. Ich folge Ihnen gern, möchte aber nicht hinter Ihnen her sein, denn Sie haben so viel zu tun, daß es Ihnen kaum einfallen wird, sich umzuschauen.

Sie haben mir recht knapp geschrieben, mein Lieber, aber es war trotzdem sehr lieb von Ihnen. Wenn Sie mir auch das Bewußtsein meines Unglücks nicht nehmen können, so doch wenigstens den Hang, mich darüber zu beklagen. Wie wonnig wäre es für mich, wenn ich Ihnen den Trost meines Lebens zu danken hätte! Wenn ich durch Sie nichts als Freude erfahren hätte! Aber ich verdiente es nicht.

Nun gibt es keine Rettung mehr für mich. Ich muß mein gräßliches Geschick tragen: ich muß leiden, Sie lieben und bald sterben.

Mein Lieber, ach, ich will Ihnen das Herz nicht mehr schwer machen. Ich will es nicht mehr ermüden. Es ist feig und grausam, sein Unglück auf jemanden abzuwälzen, der doch nicht mehr helfen kann! Ich muß mein Leid tragen, und dieses Muß soll mich großmütig machen. Ihr Glück und Ihr Friede, lieber Freund, sollen, wenn es mir möglich ist, mein einziges Streben sein. Aber dafür einstehen kann ich nicht. Dauerndes Leid macht einen so schwach! Und wenn man auch auf das eigene Glück gänzlich verzichtet hat, wähnt man doch oft, diese Resignation sei dumm oder töricht. Kurz und gut, ich werde tun, was ich kann, und Sie werden sich mit ein wenig Pflichtgefühl und viel Güte in das Übel schicken, das Ihnen aus Ihrer eigenen Untat an mir erstanden ist. Wenn es Ihnen an Mut und Geduld dazu fehlen sollte, so denken Sie nur daran, daß ich am Ende stehe und Sie am Anfange einer Laufbahn, die Ihnen Glück verheißt und Freuden bringt. Ja wahrlich, mein Freund: wenn ich mich recht prüfe, mich sehr genau betrachte und mich dabei über das befrage, was ich in der Welt noch will, was für mich noch übrigbleibt, so finde ich keine andere Antwort als die: Was sich ein todmüder Wanderer ersehnt, – eine Ruhestätte! Und ich sehe die meine im Friedhof Saint-Sulpice!

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