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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 147
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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147.

Dienstag, den 17. Oktober 1775, vier Uhr.

Ich habe auf den Briefträger gelauert, ich erwartete einen Brief von Ihnen, aber Sie haben nicht geschrieben. Auf einem der Briefe erkannte ich den Stempel »Fontainebleau«; die Brust schwellte sich mir schon vor Freude, da merkte ich meinen Irrtum. Ach, der Brief war nicht von Ihnen.

Du mein Gott, wie toll und ungerecht bin ich und vor allem wie unglücklich! Lieber Freund, wenn ich Sie nicht liebte, wenn ich einen lieben könnte, den ich nicht liebe, dann wäre ich vielleicht die Qual los, die mir Leib und Seele foltert.

Heute geht es mir besser. Ich habe eine große Dosis Ipekakuanha eingenommen; das hat mich zunächst zu Tode ermattet, aber es scheint mir, als habe es meine Lunge gestärkt. Gestern konnte ich kaum atmen. Mein Lieber, warum spreche ich denn eigentlich von meinem Zustande? Wenn Sie bei mir sind, rede ich niemals davon, aber dann spüre ich mein Leid auch nicht mehr.

Warum liebt man? Oder warum liebt man nicht?

Wer ist der Tor oder Mensch aus Stein, der je eine Antwort darauf geben könnte?

Ich sende diesen Brief an Herrn von Vaines. Zweifellos sind Sie mit ihm in Montigny. Mein Lieber, sind Ort, Leute und Dinge samt und sonders so berückend, daß Sie vergessen haben, mir zu schreiben? Sie sind am Sonntag in Fontainebleau angekommen. Wenn Sie mir am Montag vormittag geschrieben hätten, so hätte ich ihren Brief heute bekommen. Aber Sie müssen ja erst die Königin, Herrn von Duras, die Minister, Ihre Freunde und Bekannten und solche, die es nicht sind, und wer weiß wen noch alles sehen. Na, einmal werden Sie schließlich alles gesehen, alles gehört und alles erfahren haben. Man hat zu tun, man macht seine Sache schlecht und recht, man sieht eine Menge großer Leute, man ist selber wunder was – und wenn man sich's zu guter Letzt besieht, dann ist man so klug als wie zuvor. Man hat die niedliche nette Tätigkeit eines Eichhörnchens im Drehkäfig ausgeübt!

Wie war es süß, für einen Menschen zu leben und zu lieben, der alles kennen gelernt hatte, sich über alles klar war, alles hinter sich hatte und schließlich bei der uralten Weisheit angelangt war, daß alles eitel ist! Nur lieben noch wollten sein Herz und seine Seele!

Ich will Ihnen noch mehr Bewegung machen. Ich bitte Sie, suchen Sie bei den Bücherhändlern das »Gespräch zwischen einem Bischof und einem Pfarrer über die Ehe der Protestanten«. Es soll ausgezeichnet sein. Lesen Sie es und schicken Sie es mir durch Herrn von Vaines! Ich habe es hier nicht bekommen können. Legen Sie, bitte, der Broschüre keinen Brief bei, weil Sie die Sendung nicht siegeln können.

Wissen Sie, was schlimm an Ihnen ist? Ihre Gleichgültigkeit gegen jedwedes Ungemach, selbst gegen unglückliche Umstände, die sie durch Ihre Art und Weise selber verschuldet haben. Sagen Sie dagegen, was Sie wollen! Ihre Sorglosigkeit grenzt an Charakterlosigkeit.

Leben Sie wohl, mein Lieber! Ich liebe Sie. Ich komme mir recht dumm vor, und es scheint mir eine große Geschmacksverirrung von Ihnen zu sein, sich von einem so dummen Dinge lieben zu lassen. Was denken Sie darüber?

Wenn ich heute abend in der »Clarissa [Harlowe]« lese, werde ich darin weder Liebe noch Leidenschaft entdecken. Mein Gott, kann man tiefer sinken?

Ich liebe Fontainebleau gar nicht. Ob das so ist, weil Sie dort sind? Mein Lieber, wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie lieber mich in Montigny haben wollen oder die Gräfin Boufflers?

Ich habe noch nie das Glück gehabt, mit jemandem, den ich über alles in der Welt liebe, auf dem Lande zu verweilen.

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