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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 146
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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146.

Montag, den 16. Oktober 1775, vier Uhr nachmittags.

Mein lieber Freund, ich schreibe Ihnen heute zeitig, weil ich fürchte, es am Abend nicht zu können. Gestern hatte ich bereits gehöriges Fieber, aber heute nacht um zwei Uhr bekam ich einen Hustenanfall und dann eine Atemnot, daß ich dachte, sterben zu müssen. Der Tod stand leibhaftig an meinem Bett. Das entsetzte und verzerrte Gesicht meiner Kammerfrau verriet mir dies auf das deutlichste. Als ich wieder sprechen konnte, fragte ich sie nach dem Grunde ihres Schreckens. Sie vermochte nichts herauszubringen als die Worte: »Ich dachte, Sie stürben!« Und sie ist doch wahrlich daran gewöhnt, mich leiden zu sehen.

Ich liege noch in meinem Bett; abgesehen von meinen gewöhnlichen Schmerzen ist eine geringe Beklemmung zurückgeblieben.

Sind Sie in Montigny oder gehen Sie nicht hin? Haben Sie sich nicht mit Frau von Boufflers dorthin verabredet? Sie ist heute mit dem Abbé Morellet hingefahren und kehrt am Donnerstag zurück. Der Erzbischof von Toulouse soll heute abend dort eintreffen.

Jemand, der Frau von Boufflers sehr gut kennt, hat mir gestern gesagt: »Sie macht sich lächerlich. Je mehr sie ihm nachrennt, desto mehr verliert sie ihn. Ich wette, sie bietet alles auf, um – nicht an der Tafel der Könige wie Candida in Venedig, aber – am Mittagstisch der Minister in Montigny zu erscheinen.« Heute habe ich von eben derselben Person folgende Zeilen erhalten: »Glauben Sie mir nun, daß ich die Menschen kenne? Gestern haben Sie mich ausgelacht! Sie ist heute früh abgereist, um Leuten ins Haus zu fallen, die sie kaum kennt. Ja, die liebe Einbildung!«

Mein Lieber, wenn sie so etwas tut, um mit Ihnen zusammenzukommen, so tut sie recht daran. Sagen Sie mir doch, mein Lieber, wer wird nach Ihrer Meinung Kriegsminister? Man sagt, der Baron von Breteuil, der sein lebelang mit den auswärtigen Angelegenheiten zu tun gehabt hat.

Haben Sie schon die Quellenstudien für Ihr neues Werk begonnen? Sie haben dazu erst acht Tage Zeit gehabt, aber Sie lesen ja so rasch, daß Sie in acht Tagen das bewältigen, was andere nicht in acht Monaten fertig bringen.

Haben Sie Turgot gesehen? Die Arbeit, die Sie für ihn gemacht haben, kann ihm gerade im Augenblicke von großem Nutzen sein. Sie werden ihn in Montigny treffen. Ich möchte, Sie plauderten mit ihm, und Sie werden sehen, daß er den Leuten bedeutend überlegen ist, die ihn mit leidenschaftlichem Vorurteil bekritteln und auch Sie beeinflussen.

Vor etlichen Tagen haben Sie mir geschrieben, zweifellos um mich in den siebenten Himmel zu versetzen: »Von hier aus, wo ich verehrt werde, wo ich zu arbeiten habe, wo ich glücklich bin, sage ich Ihnen, daß ich Sie liebe ....«

Ach, mein Lieber, wie stolziert man durch die Straßen, wenn man jung ist, wenn man ein hübsches Lärvchen hat, wenn man gefallen will und manierlich ist und vor allem bis in die kleinste Handlung verrät, daß man sich an nichts ordentlich bindet! Und warum sollten Sie nicht geliebt werden? Werden es doch Gecken und Narren! Pikant aber und etwas Seltenes, ja fast Wunderbares ist es, – denken Sie an Diana von Poitiers, an Frau von Maintenon, an Fräulein Clairon! – wenn man sagen darf, obgleich man alt ist, trübsinnig, krank und von Leid verzehrt: Ich werde geliebt! Noch mehr, wenn man sagen kann: Ich werde geliebt von einem liebenswürdigen ritterlichen Manne in den besten Jahren seines Lebens, wo Männer am allerwählerischsten und verwöhntesten sind, wo sie sich zu den größten Eroberungen und den höchsten Gnadenbeweisen berechtigt glauben.

Mein Lieber, das ist wirklich der Rede wert, denn es ist etwas Wunderschönes! Dagegen vor Eitelkeit zu platzen, wenn man bloß von seiner eigenen Frau geliebt wird, weil man nett ist und ihr vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen vorredet und dartut, daß man leidenschaftlich in sie verliebt ist, – pfui, das ist gewöhnlich! Graf Crillon macht es so.

Glauben Sie, es gäbe ein Geschöpf, und sei es noch so verlassen, das Anwandlungen spürte, den dritten im Bunde abzugeben und die abfallenden Brotsamen dieser – großen Leidenschaft aufzulesen?

Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das alles vorschwatze. Wenn ich Fieber hätte, so könnte mir kaum tolleres Zeug in den Sinn kommen. Aber ich habe meine Freude, mit Ihnen zu plaudern, und ich rede ins Blaue hinein. Schreiben Sie mir doch! Ich sehne mich nach Trost und Halt. Meine Seele und mein Körper sind in jämmerlichem Zustande. Mein Lieber, Sie sind vierzehn Wegstunden fern. Das ist sehr weit und wäre doch so nahe, wenn....

Doch, leben Sie wohl!

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