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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 145
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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145.

Sonntag, den 15. Oktober 1775, am Abend.

Lieber Freund, Sie haben mir nichts, gar nichts zu sagen, wenn ich nichts sage? Ach, wenn nicht immer jemand hinter Ihnen stände und Ihnen über die Schultern guckte, dann wollte ich Ihnen Bände schreiben. Ich würde Ihnen meine ganze Seele ausschütten, ich würde mein lebelang nichts tun als mich beklagen. Ihnen verzeihen und Sie lieben. Aber woher nehme ich die Kraft, die Sie mir genommen? Der Schlag, mit dem Sie mich getroffen haben, hat meine Seele verwundet, und mein Körper erliegt; ich spüre es.

Ich will Sie weder erschrecken noch für mich einnehmen, aber ich fühle, daß ich daran sterbe. Es gibt keine natürliche Rettung mehr für mich, und selbst das Unmögliche vorausgesetzt, daß Sie wieder frei wären und mir das würden, was ich mir ersehne, selbst dann wäre es zu spät. Die Grundlagen meines Lebens sind untergraben, und ich erkenne es ohne Bedauern, ohne Angst. Mein Lieber, Sie haben mich einst daran gehindert, mich zu töten, und mich dann langsam hinsterben lassen. Welcher Widerspruch! Aber ich verzeihe Ihnen. Binnen kurzem wird alles ausgeglichen sein! Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen. Ich wünschte, Sie könnten mir in die Seele schauen. Sie ist weit entfernt davon, Sie zu kränken, Ihnen auch nur eine Stunde Ihres Lebens zu trüben.

Im Gegenteil, an der äußersten Grenze des Leids, als Märtyrerin meiner Liebe, ebensosehr Sünderin wie Unglückliche, trage ich nichts im Herzen als den sehnlichen Wunsch: Werden Sie recht glücklich! Ihrem Wohl gilt der letzte Gedanke meines verlöschenden Lebens.

Gute Nacht, mein Lieber!

Schreiben Sie mir, berichten Sie mir, was Sie angeben, sagen Sie mir, ob Sie zufrieden sind, ob sich alles nach Wunsch erledigt hat!

Zum Schluß: Finden Sie, wenn möglich, ein bißchen Seligkeit darin, einem tief verwundeten Herzen, das Ihnen trotz alledem so ganz und gar gehört, ein paar frohe Augenblicke zu gönnen! Ich werde Ihnen alle Abende schreiben, aber wenn Sie von Fontainebleau zurückkommen, müssen Sie mir alle meine Briefe zurückgeben. Nennen Sie das nicht Mißtrauen! Es ist ja nur edle Sorge um Ihren Frieden.

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