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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 143
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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143.

Sonntag, den 24. September 1775, abends.

Ich will Ihre falsche Rechnung nicht umstoßen. Sie könnten argwöhnen, ich machte es aus schlechter Laune, absichtlich, gar aus Eigensinn. Das wäre unverzeihlich. Die Vernunft ist gerecht und leidenschaftslos, und es ist Zeit, daß ich mich zu ihr bekehre. Geben Sie mir gütigst niemals Erklärungen von Taten, die selbst der liebe Gott nicht mehr zu ändern vermöchte. Man muß sich an die Resultate halten.

Sie sind verheiratet. Sie haben geliebt. Sie lieben oder Sie werden lieben, und zwar ein Wesen, das Sie schon seit langem durch die Lebhaftigkeit und Macht seiner Leidenschaft gefesselt hat. Das ist völlig in der Ordnung, das ist eine Naturnotwendigkeit. Folglich wäre es dumm, töricht und verlogen zugleich, wollte man Bedingungen und Einschränkungen drum und dran hängen, die Sie nur unglücklich machten und mir meine Qualen verlängerten. Kein Wort mehr davon. Lassen wir die Einzelheiten. Wenn der Faden einmal abgerissen ist, so soll man ihn nicht wieder anknüpfen. Da kommt nie etwas Gutes dabei heraus. Ich habe zu jeder Zeit, unter allen Umständen die Wahrheit gesagt. Somit kann ich niemals in Verwirrung oder Verlegenheit geraten. Solange ich lebe, habe ich mir nie den Vorwurf zugezogen, irgendwen in der Welt getäuscht zu haben. Zweifellos habe ich viel gesündigt, aber ich kann sagen, die Wahrheit ist mir immer heilig gewesen, und ich wiederhole es, Sie wären noch glücklicher als Sie es so sind, wenn Sie denselben Grundsatz beherzigt hätten.

Romanverhältnisse wie die meinen sind unentwirrbar, oder vielmehr, in keinem Roman gibt es so hoffnungsloses Unglück, wie es mit meinem Leben verknüpft ist. Andererseits bin ich überzeugt, daß der Roman, dessen Held Sie sind, in Freude und Glück enden wird. Ich wünsche es von ganzem Herzen. Was mich anbetrifft, so gehörte ich höchstens in einen der Romane des Abbé Prévost. Sagen Sie selber, was sollte ich zum Beispiel in der »Asträa«?

Herrn von Saint-Chamans geht es seit zwei Tagen wieder besser; er läßt Ihnen tausendmal danken. D'Alembert ist sehr gerührt, daß Sie seiner gedacht haben. Graf Crillon ist wieder im Himmel; Mutter und Kind sind kreuzfidel. Frau von Châtillon ist eben gekommen; sie spaziert im Zimmer umher. Ich hoffe, Herr d'Anlezi kommt in etlichen Tagen zurück.

Ich habe kein Fieber mehr.

Leben Sie wohl!

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