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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 141
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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141.

Sonntag, den 17. September 1775.

Ach Gott, ich bin nicht mehr glücklich genug, aber auch nicht so unglücklich, daß sich mir gewisse Erfahrungen nicht in Gift und Galle wandelten. Das ist Ihr Werk. So weit haben Sie mich gebracht! Sie haben mir die Seele gelähmt und damit zugleich ihre Fähigkeit unterbunden, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Ahnen Sie, hinter welches Geheimnis ich gekommen bin? Es ist mir der Schlüssel zu tausend mir vordem unerklärlichen Dingen; es hat eine falsche Vorstellung in mir berichtigt, die ich mir nur aus Unkenntnis bilden konnte. Ich wähnte den Brief einer Siebzehnjährigen an einen Mann zu lesen, der seit ein paar Tagen ihr Gatte ist, statt dessen vernehme ich eine junge Frau, die einem Manne schreibt, in den sie seit zwei Jahren verliebt ist. Alles, was sie ihm sagt, ist somit der natürliche Niederschlag einer Leidenschaft, die seit langem gehegt, eingestanden und erwidert worden ist.

Dieses Ihnen entfallene Geheimnis hat mir auch jene infamen Zeilen erklärt, die Sie mir aus Schloß Courcelles geschrieben haben. Aber eine Erklärung ist keine Rechtfertigung. Für eine solche Beschimpfung gibt es in der ganzen Welt keine Entschuldigung. Jedes Ihrer Worte mußte eine ehrliebende Seele entrüsten und empören.

Mein Gott, ich habe Sie bei mir sehen, mit Ihnen plaudern können, und ich rede noch jetzt mit Ihnen! Ach, wie tief sinkt man, nachdem man die Stimme des Gewissens einmal überhört hat. Ich kann mir es wirklich nicht oft genug sagen: ich bin vom Marquis von Mora geliebt worden, das will heißen, von der hehrsten Seele, dem idealsten Manne, der je gelebt hat. Dieser Gedanke gibt mir Halt, macht mir das Herz stark und stolz genug, um mich von Ihren Demütigungen und Beleidigungen nicht zugrunde richten zu lassen. Ich habe Ihren kurz vor Ihrer Abreise geschriebenen Brief nicht beantwortet.

Ach, was hätte ich Ihnen zu antworten gehabt? Wenn ich nunmehr Liebesworte von Ihnen lese, so sagt mir die Vernunft: Ebenso schreibt er einer Anderen, vielleicht mit noch mehr Schwung und Wärme. Der Unterschied zwischen dieser Anderen und mir ist der, daß er alle Tatsachen seines Lebens gleichsam auf sie einstimmt, um ihr zu beweisen, daß er so fühlt wie er zu ihr spricht. Ich hingegen? Es gibt kein äußeres noch inneres Erlebnis in seiner Existenz, das nicht im grellsten Widerspruche zu seinen Worten zu mir stünde.

Nach dieser ebenso berechtigten wie bitter begründeten Betrachtung sagen Sie mir, bitte, was soll ich Ihnen antworten? Ich appelliere bei dieser Frage an Ihr Gewissen. Glauben Sie wirklich, ich könnte dahin gelangen, von Ihnen zu meinen und zu fühlen, was Sie wünschen? Nein, ich habe die Kühnheit, Ihnen zu versichern: wenn Sie mir in mein Gewissen schauen könnten, so würden Sie darin nur den Frevel wühlen sehen, den ich auf Ihre Veranlassung begangen habe. Ich habe nie einen Gedanken gehegt, nie ein Gefühl in mir bewahrt, das Ihre Hochachtung nicht verdient hätte; Sie müßten sie denn derjenigen versagen dürfen, die Ihnen ein Opfer gebracht hat, das mehr wert ist als die Ehre.

Sagen Sie mir, warum wollen Sie an mir Ihre Moral und Ehrbegriffe üben? Das ist Ihnen recht spät eingefallen! Und falls Sie mit diesem Unterfangen glauben, das Böse zu sühnen, das Sie mir angetan haben, so sind Sie da wiederum arg im Irrtume. Lassen Sie also das Trachten, mich zum Opfer Ihrer Moral zu machen, nachdem Sie mich zum Opfer Ihres Charakters und Ihrer Liebeleien gemacht haben. Ich versichere Ihnen, daß ich mir nicht anmaße, Ihnen Vorwürfe zu machen. Ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen, und was ich Ihnen eben gesagt habe, das mußte ich Ihnen auf Ihren Brief antworten.

In Ihrem Sonnabendsbriefchen haben Sie von Ihrer Besorgnis gesprochen, Ihre angebliche unglückliche Stimmung könne auf Ihre Frau übergehen. Was soll ich dazu sagen? Ist nicht Ihre Besorgnis schon genug Abwehr des Gefürchteten? Liegt nicht schon in den Entsagungen, die Sie sich Ihrer Frau wegen auferlegen, in Ihrer Zeiteinteilung, in Ihrer Zuneigung, in Ihrem ureigensten Ich eine genügende Bürgschaft dafür? Was könnte noch fehlen? Daß ich in meine Wünsche aufnehme, es sei an dem? Kann ich mehr tun für jemanden, zu dem ich keine nahe Fühlung habe? Wohl kaum. Leute, die Sie nicht zusammen mit Ihrer Frau Gemahlin sehen, Leute, die nicht wissen wie ich, daß sie seit zwei Jahren eine Leidenschaft für Sie hegt, solche Leute meinen, Sie verwechselten Ehepflichten mit Knechtsfesseln. Man sagt, nur Lakaien – die bei Hofe sind hier inbegriffen – seien an die Stunden gebunden. Man munkelt etwas vom Glockenschlag Elf, der streng wie eine Klosterordnung einzuhalten sei. Das ist natürlich dummes Geschwätz. Diese Leute kennen mein Geheimnis nicht. Ich, die ich eingeweiht bin, ich ... Nein, genug damit!

Graf Crillon hat gestern bei mir geweint. Seine Frau hat eine glückliche Entbindung gehabt, aber das Kind liegt im Sterben. Nicht wegen dieses Kindes hat er geweint, sondern wegen des Kummers, den sich seine Frau darüber machen wird, und unter der Qual, die er empfindet, weil er ihr den Zustand des Kindes verheimlichen muß. Also auch die glücklichen Menschen haben ihr Leid! Gewiß. Behaupten doch sogar Sie, welches zu haben.

Um meine Gesundheit steht es schlimmer denn je. Ich habe häufige Fieberanfälle, aber ich habe mir geschworen, mich nicht durch die Ärzte systematisch vergiften zu lassen.

Leben Sie wohl!

Ich fordere nichts von Ihrem Herzen, noch von Ihrer Moral, noch von Ihrer Tugend. Lasse ich Ihnen nicht alle Freiheit?

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