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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 14
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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14.

Sonntag, den 15. August 1773.

Mein Gott! Hören Sie mich nur an, und glauben Sie mir ein für allemal, daß ich Ihnen gegenüber nie im Unrecht bin. Sie wissen doch sehr gut, warum das so ist. Ich bin wirklich nicht saumselig gewesen: seit dem 3. Juli ist das hier mein fünfter Brief. Ich habe am 15. und 26. Juli, am 1. August, am 6. oder 7. und heute geschrieben. Ich verstehe nicht, daß Sie am 3. August meinen Brief vom 15. Juli noch nicht gehabt haben. Ich kann mich in die Unregelmäßigkeiten der Post nicht schicken; das macht mir das Leben zur Qual. Eins setzt mich aber in Erstaunen: daß Sie diesem Übelstande Wichtigkeit beimessen! Sie! Kann denn Ihr Herz für alles empfänglich sein? Ich lebe nur für eine einzige Sache, und dabei sterbe ich vor Erschöpfung und Schmerz.

Wie konnten Sie nur denken, ich hätte die Absicht, Sie zu beunruhigen? Ach, du lieber Gott, wo sollte ich ein so dummes Selbstbewußtsein hernehmen? Sie strafen? Wofür? Gesetzt den Fall – was durchaus nicht so ist, – ich wäre mit Ihrer Freundschaft unzufrieden, hätte ich dann ein Recht, Klage zu führen? Wäre es nicht ein grenzenloser Übermut, wenn ich mir einbildete, das Ausbleiben meiner Briefe wäre ein empfindlicher Verlust für Sie? Wenn ich Ihnen sage, ich bin nicht so albern eitel wie die Mehrzahl der Frauen, so sind Sie nicht gezwungen, mir das sofort zu glauben. Lernen Sie mich lieber besser kennen und Sie werden selber finden, daß ich dankbarst alles annehme, was man mir gnädig bewilligt. Daß ich mich herzlich darüber freue. Daß ich dafür alle Zärtlichkeit meines einfältigen Herzens gebe. Niemals aber fühle ich mich von jener Sorte Zuneigung ergriffen, die es nicht mit dem Herzen, vielmehr mit der Eigenliebe zu tun hat, die an den Geliebten Anforderungen stellt und es zuweilen sogar wagt, ihn auf die Probe zu stellen. Das Getriebe der Welt hat das Schlichte und Aufrichtige meines Herzens ganz und gar nicht verdorben. Beachten Sie aber, ich lobe mich nicht: ich verteidige mich.

Ich bin Ihres schlimmen Fußes wegen betrübt und voll Sorge. Sie werden ihn gewiß nicht schonen, wenn Sie es gleich sagen, und das ängstet mich mehr als das Übel selber. Ach ja. Sie haben sehr recht. Es gibt nichts laueres und platteres, als seine Freunde schonen zu wollen.

Das größte Unglück unserer Trennung liegt darin, daß ich nicht alle Kleinigkeiten erfahre, die Sie angehen. Man sagt viel und läßt doch noch so viel zu fragen übrig. Es scheint mir immer, als ob mein lieber Freund gerade das übergehe, was ich zu wissen begehre.

Warum überanstrengen Sie sich nur? Der Mangel an Schlaf ist dem Gehirn schädlich, und wie kräftig auch das Ihre sein mag, so bin ich doch überzeugt, daß Ihr Studieren und Grübeln die Nächte hindurch Ihnen wenig Nutzen bringen wird, ganz abgesehen davon, daß Sie damit Ihre Gesundheit zu untergraben drohen. Wenn Sie das Ziel erreichen wollen, das Sie sich gesteckt haben, so müssen Sie nicht bloß am Leben, sondern auch bei guter Gesundheit bleiben. Um in der Welt des Ehrgeizes die höchsten Gipfel zu erklettern, dazu ist, wenn ich nicht irre, ein guter Magen sehr dienlich. Ach, wenn Sie wüßten, wie körperliche Leiden die Seele klein machen, so würden Sie Ihren Schlaf und Ihre Kräfte nicht so verschwenden, wie Sie das jetzt tun. Dafür stehe ich. Was ich Ihnen da sage, klingt sehr banal, aber es ist die Sprache der Freundschaft. Bedenken Sie, daß Leute, die gern gefallen, von derlei keine Silbe reden. Die wahre Anteilnahme spricht ohne Ziererei, schwerfällig, immer wieder dasselbe, aber sie wird nie müde dabei, wenn sie jemandem gilt, der sie so wohl verdient.

Offengestanden, ich glaube beinahe, die Mißstimmung, in der Sie sich befanden, als Sie mir schrieben, hat Ihnen ein wenig die Gedanken verwirrt. Ich soll Ihnen schleunigst schreiben, aber Sie sagen mir nicht, wohin ich meinen Brief richten soll.

Ich weiß, daß Sie seit dem 12. nicht mehr in Wien sind, und doch schreibe ich dahin; das ist Unsinn, ebenso wie Ihnen nach Breslau geschrieben zu haben. Allein warum haben Sie auch das Bedürfnis, auf Ihren Fahrten in der Fremde von Ihren Freunden hören zu wollen! Das ist höchst widerspruchsvoll. Wahrlich, es gibt Augenblicke, wo ich mich so müde fühle, daß ich nahe daran bin, Sie Ihrer Wege gehen zu lassen. Ich bin so krank, so traurig, daß es mir scheint, es wäre gut für Sie, wenn Sie mich ganz vergessen ließen. Je gütiger, je zärtlicher Sie sind, desto mehr habe ich den Mut, Ihnen dafür zu sagen, daß Sie es oft bereuen werden, sich zu schnell zu einer Verbindung verstanden zu haben, von der alle Vorteile allein auf meiner Seite sind.

An einer gewissen Stelle Ihres Briefes vermochten meine Augen nicht zu weilen. Um so fester hat sich mein Herz daran geklammert. Großer Gott, was für ein Wort haben Sie da ausgesprochen! Das Blut erstarrt mir. Nein, nein! Dann würde meine Seele die Ihre nicht mehr suchen. Ach, schon der Gedanke daran tötet mich. Trösten Sie mich, beruhigen Sie den Sturm in meinem Herzen, wenn es möglich ist! Hüten Sie sich aber anzunehmen, daß ich auch nur einen Augenblick ein Unglück überleben könnte, vor dem die Furcht allein schon mein Leben mit Grausen erfüllt. Sie hat mich krank gemacht und verwirrt unablässig mein Denken.

Leben Sie wohl! Ich kann nicht mehr schreiben. Das Herz krampft sich mir zusammen. Wenn ich auf andere Gedanken gekommen bin, werde ich den Brief fortsetzen. Ich muß mich vor Ihnen rechtfertigen und Sie um Verzeihung bitten, obgleich ich mir keiner Schuld bewußt bin.

Immer noch Sonntags.

Ich wollte Ihnen schon immer gestehen, daß ich Ihr entzückendes Aperçu über den König von Preußen ausgeplaudert habe. Ich habe geglaubt, das ohne Bedenken tun zu dürfen. Man hat es nach Gebühr aufgenommen und so und so oft zitiert, bis es auch Frau du Deffand zu Ohren gekommen ist. Sie hat es sehr schlecht kritisiert, scharf unter die Lupe genommen, interpretiert und ihrer Meinung nach tausend Widersprüche darin nachgewiesen. Zu guter Letzt hat sie die Äußerung getan: wenn Sie außer dem »Konnetabel« sogar die »Athalie« geschrieben hätten, so wäre das kein Grund für sie, Inhalt und Form Ihres Gedankens nicht abscheulich zu finden. Einige Tage später hat sie sich dem neapolitanischen Gesandten gegenüber auf ähnliche Weise ausgelassen. Den Marquis [Caraccioli] ärgerte das, und er gab ihr zur Antwort, wenn man kritisieren wolle, so sei es das erste, die Worte einer Sentenz ehrlich wiederzugeben. Da sie aber willkürlich daran geändert habe, so fände er ihre Kritik ebenso ungerecht als hart.

Frau von Luxemburg und Frau von Beauvau, in deren Gegenwart dies vorging und die sich zu Frau du Deffands Gegnerinnen aufwarfen, fragten den Gesandten, ob er ihnen Wohl eine Abschrift verschaffen könne; er versprach es, kam zu mir und erzählte mir den albernen Streit. Ich gestehe, das Vergnügen, Frau du Deffand zu beschämen, machte mich den Bitten des Gesandten nachgiebig. Er erhielt eine Abschrift der drei Zeilen und ging triumphierend von dannen.

Nun ward Frau du Deffand Lügen gestraft und wagte nicht länger an dem herumzunörgeln, was alle Welt vortrefflich gefunden hatte.

Bis dahin war noch mit keinem Worte davon die Rede gewesen, an wen Sie das eigentlich geschrieben hätten. Nunmehr verlangte sie, es zu erfahren. Der Gesandte weigerte sich. Um so heftiger ward ihre Neugier. Schließlich gestand er ihr, es wäre an mich gewesen, und fügte hinzu: »Gewiß haben Sie hier instinktiv etwas herabgesetzt, was geistvoll und elegant ist!«

Das ist eine lange Geschichte. Ich hätte sie Ihnen längst berichtet, aber es kam mir kläglich vor, so etwas vierhundert Meilen weit zu befördern. Ich darf übrigens nicht vergessen, daß mir der Gesandte die Abschrift zurückgebracht hat. Wir haben sie verbrannt. Ist das nicht ein Beweis von Kleinlichkeit! Ja, ja, das Unglück hat auch sein Gutes. Es befreit einen von all jenen kleinen Leidenschaften der Drohnen und Lüstlinge. Ach, wenn die lieben könnten, so würden sie gute Menschen.

Sagen Sie nach alledem: Habe ich mich eines Vertrauensbruchs schuldig gemacht? Wenn Sie es meinen, will ich's glauben. Aber sagen Sie mir ja nicht, man glaube, wir schrieben uns, um geistreiche Einfälle loszulassen! Und so weiter! Was geht es uns an, was die Dummen und Bösen denken? Sie werden nur dadurch zu etwas, daß man sie fürchtet; ich hasse und fliehe sie, aber ich fürchte mich nicht mehr vor ihnen.

Seit einigen Jahren habe ich die kritischen Menschen so tief ergründet, daß ich Ihnen die Verachtung nicht ausdrücken kann, die ich gegen alles, was Meinung heißt, empfinde. Ich will sie nur nicht herausfordern; doch das ist auch alles.

Es gibt eine Leidenschaft, die die Seele all dem Erbärmlichen unzugänglich macht, das die Weltleute plagt. Ich habe diese traurige Erfahrung gemacht. Großes Heizeleid läßt nichts anderes aufkommen. Für mich gibt es nur eine Freude, ein Unglück und einen Richter auf der ganzen Erde. Von Kleinlichkeit steckt nichts in mir. Sicher nicht. Bedenken Sie, daß ich mit dem Leben nur in einem Punkte zusammenhänge; wenn ich den verliere, dann sterbe ich.

Aus dieser tiefen und beharrlichen Stimmung meines Gemüts sehen Sie mühelos, daß die Welt für mich tot ist. Ich weiß nicht, ob es ein Glück oder ein Unglück gefügt hat, daß ich von neuem der Liebe fähig geworden bin. Ich mag noch so tief in mich gehen, ich finde da nichts, was mir das erklärte. Aber, wo auch die Ursache liegen mag, ihre Wirkung ist die Sonne meines Lebens. Es bleibt mir unbegreiflich, daß mein Unglück Ihre Teilnahme erwecken konnte. Das beweist mir die Güte und die Feinfühligkeit Ihres Herzens. Jetzt bereue ich die Gewissensbisse, die ich anfangs ob meiner Neigung zu Ihnen hatte. Das Unglück macht einen grausam gegen sich selber. Ich hatte angesichts Ihrer Wohltat das Gefühl der Sünde. War ich nun damals im Irrtum oder bin ich es heute? Auf Ehre, ich weiß es nicht. Sie jedoch, dessen Seele von keinem Unglück gequält wird, Sie werden klarer urteilen, und bei unserem Wiedersehen müssen Sie mir sagen, ob ich mir Glück wünschen darf oder ob ich mich über das Gefühl grämen muß, das Sie in mir wachgerufen haben.

Ich habe gestern aufregende Nachrichten [vom Marquis von Mora] bekommen. Seine Gesundheit will sich gar nicht festigen. Ewig droht ein tödlicher Rückfall. Im Laufe eines Jahres haben ihn schon zwei solche an den Rand des Grabes gebracht. Sie sehen, ich kann meines Lebens nicht froh werden.

Leben Sie wohl! Schreiben Sie bald!

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