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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 138
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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138.

Sonnabends, zwei Uhr nachmittags. [26. August 1775.]

Lieber Freund, tausend Dank! Sie sind ein guter Junge. Ich habe die Billetts der Loge erst heute vormittag um neun Uhr erhalten, und ich fürchte, daß Sie inzwischen durch einen Boten belästigt worden sind. Die Damen waren in großer Unruhe, weil sie die Billetts nicht bereits gestern abend hatten.

Aber kein guter Junge sind Sie, sondern ein sehr böses und ungerechtes Geschöpf, weil Sie geschrieben haben, ich machte Ihnen gerne die Hölle heiß. Du lieber Gott, was für ein sonderbares Vergnügen wäre das! Wenn Sie unter »die Hölle heiß machen« offen und ehrlich sein verstehen, dann ist Lieben und Geliebtwerden allerdings ein unnütz Ding. Nichts wäre häßlicher, als in der vertrauten Liebe eine ähnliche ewige Komödie zu spielen wie in der Gesellschaft.

Mein lieber Freund, um fünf Uhr, wenn der »Konnetabel« anfängt, werde ich es machen wie, ich weiß nicht welcher Prophet, der die Arme gen Himmel hob, während Josua in der Schlacht war. Meine Gedanken, meine Seele werden bei Ihnen sein. Wo ich selber währenddem sein werde, das tut nichts zur Sache. Ich werde auf einer Chaiselongue bei Frau von Saint-Chamans liegen. Sie ist immer noch krank.

Mein Lieber, ich hoffe, Sie kommen bereits in der Nacht [aus Versailles] zurück, sei es nun, daß Sie lorbeergekrönt sind, sei es niedergeschlagen von einem mittelmäßigen Erfolg.

In der letzten Nacht habe ich kein Auge zugetan. Ich hatte Schmerzen, war aber weniger unglücklich als in den beiden letzten Tagen. Da hatte mir das Herz weh getan; ich hatte einen Anfall von Melancholie, der sechzig Stunden gedauert hat. Während dieser Zeit habe ich keinen Menschen angenommen, nicht einmal den [d'Alembert], von dem ich sicher wußte, es würde ihn erfreuen, mich zu sehen.

Mein Lieber, ich liebe Sie, aber unter so viel Ruhelosigkeit, mit so wenig Vertrauen, daß meine Liebe wahrlich fast immer ein großes Übel ist, während ich sie früher unaufhörlich als großen Genuß empfand.

Wenn Sie ruhmbedeckt sind, dann melden Sie mir es! Und sollten Sie nicht zufrieden sein, so müssen Sie es mir erst recht sagen, denn Ihr Leid ist mein Leid.

Adieu!

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