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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 134
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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134.

Montags, abends elf Uhr. [August 1775.]

Der Kopf ist stets der Narr des Herzens!

Das ist ebenso wahr wie gerecht, wenn man es mit dem energielosesten, leichtsinnigsten und allen Eindrücken auf das leichteste zugänglichen Menschen zu tun hat. Das sagte mir meine Erfahrung, aber mein Herz widersprach dem ganz leise und flüsterte: »Er kommt wieder!« Und jedes Atom von Gefühl in mir wiederholte mir: »Du siehst ihn wieder!«

Ach, mein Lieber, Sie verdienen wirklich nicht, was ich leide. Sie verdienen die Kämpfe nicht, die ich durchmache. Sie verdienen das Opfer nicht, das ich Ihnen gebracht habe: nicht allein mein Leben, sondern darüber hinaus. Sie verdienen vor allem nicht die Wirren, Verdrießlichkeiten und Entsagungen, die meine Liebe für Sie zum bedenklichsten Zustand meines Lebens gewandelt haben.

Mein Gott, das Leben hat mich müde gemacht; es hat zu viel Inhalt gehabt! Das Schicksal hat mich als eine Einsame in die Welt gestellt, geschaffen für den Schatten und den Frieden. Aber ich bin eine Beute aller Leidenschaften geworden. Kein Ungemach ist mir erspart geblieben. Ach, mit Ausnahme meiner Liebe zu Mora, habe ich von meinem Leben nichts als Schlimmes zu erzählen.

Lieber, ich wollte Ihnen nur ein paar Worte sagen, aber wider meinen Willen ist eine Herzensergießung daraus geworden. Meine Seele sucht die Ihre. Ich war so an Liebe gewöhnt, daß ich jetzt wandle wie durch eine Wüste. So komme ich zu Ihnen. Sie sind nicht Er; ach Sie sind es nicht!

Mein Gott, wie mich diese Erinnerungen mutlos und untröstlich machen!

Wollen Sie morgen in die Gemälde-Ausstellung kommen? Morgen vormittag um ein viertel zwei Uhr? Es wird wohl Ihrer Ehre nichts antun, wenn ich Ihnen sage, daß Sie der einzige sind, der zum Stelldichein nicht pünktlich da ist.

Sechs Briefe kommen mir zu, diesen eingerechnet. Ich will sechs Briefe haben, sonst sage ich Ihnen morgen keine vier Worte. Ich beeile mich, Ihnen drei Worte zu wiederholen, die Sie allzuoft hören: I.. l.... D...! Aber weniger wie erst, ja, weniger.

Davon habe ich einen bestimmten Beweis!

Den lieben wir, den wir bewundern müssen!

Heute bin ich wahrlich geistreich, geistreich wie Larochefoucauld.

D'Angiviller ist Ihr Freund, aber Sie sollten ihm sagen, er möge Frau von Marchais zum Schweigen bringen. Sie hat gesagt, die ersten beiden Akte des »Konnetabel« seien voll pursten Macchiavellismus. Der Konnetabel sei eine abscheuliche Rolle und die der Adelheid lächerlich, weil man mit achtzehn Jahren nichts von Politik, Gesetzen, Pflichten und dergleichen verstehe usw.

Gute Nacht, Geliebtester!

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