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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 128
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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128.

Sonnabend, am Abend, den 15. Juli 1775.

Mein lieber Freund, ich lebe, ich werde weiter leben, und, welches Schicksal auch meiner warten mag, ich habe doch noch eine flüchtige Freude, ehe ich sterbe. Heute morgen dachte ich nicht so. Meine Seele war im Banne des Grauens; ich erwartete mein Todesurteil. Es dünkte mich unselig, aber ich wollte es mutig ertragen. Ich wollte nicht jammern, ich konnte nicht mehr leiden. Ich hatte den heutigen Tag zum letzten meines Lebens bestimmt, wenn Sie sich nicht meiner erbarmt hätten. Sie sind gekommen, lieber Freund. Ihr Herz hat mich gehört. Es hat mir geantwortet, und fortan ist mir das Leben wieder erträglich.

Heute vormittag überkam mich ein Anfall von Verzweiflung. D'Alembert war ganz erschrocken darüber, und ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, ihn zu beruhigen. Seine Teilnahme schnitt mir ins Herz. Das beschwichtigte mich; ich brach darüber in Tränen aus. Sprechen konnte ich nicht, und – wie er mir hinterher erzählt hat – ich brachte nur zweimal die Worte heraus: »Ich will sterben, gehen Sie!« Diese Worte erschütterten ihn, er weinte, wollte meine Freunde holen und sagte: »Wie unglücklich bin ich, daß Herr von Guibert nicht hier ist! Er allein könnte Ihr Leid lindern. Seit seinem Weggange verfallen Sie Ihrem Unglück.«

Ach, mein lieber Freund, Ihr Name hat mich zur Vernunft zurückgebracht. Ich sah ein, daß ich mich beherrschen müsse, um diesem vortrefflichen Manne Ruhe und Lebenskraft wiederzugeben. Ich nahm mich auf das äußerste zusammen und sagte ihm, dergleichen nervöse Anfälle ständen im engen Zusammenhange mit meinem Leiden. In der Tat waren mir ein Arm und eine Hand völlig gelähmt und verdreht. Ich nahm ein Beruhigungsmittel ein; nach dem Arzt hatte man bereits geschickt. Um ihn mir vom Hals zu schaffen, bot ich alle meine körperlichen und geistigen Kräfte auf, schloß mich in mein Zimmer ein und erwartete den Briefträger.

Er kam und brachte mir zwei Briefe von Ihnen. Meine Hände zitterten so stark, daß ich sie weder halten noch aufbrechen konnte. Zu meinem Glücke lautete das erste Wort, das ich verschwommen sah: »Meine liebe Freundin!« Mit meinen Lippen drückte ich mein Herz auf das Papier. Ich konnte nicht weiter lesen. Ich erkannte nur ein paar einzelne Worte. Ich las: »Ich atme auf. Sie geben mich dem Leben zurück!« Ach, mein Lieber, und Sie geben es mir! Ohne Ihre Liebe wäre ich tot. Nie, niemals habe ich ein ebenso zärtliches wie leidenschaftliches Gefühl an mir erfahren!

Endlich las ich, ich las zehnmal, zwanzigmal alle die Worte, die Trost in mein Herz brachten. Mein lieber Freund, Ihre Wiederkehr hat mich dem Leben erhalten. Ich liebe Sie mehr als Glück und Freude. Ohne beides will ich leben und Sie lieben. Ist mir das einmal nicht mehr genug, dann wird es Zeit sein zu sterben.

Eine reine Liebe soll uns einen. Das schwöre ich Ihnen, und dafür stehe ich. Ihr Glück und Ihre Pflicht sind mir heilig. Ich würde vor mir selber schaudern, wenn ich je in mir eine Regung entdeckte, die sie verletzen könnte. Lieber Freund, Sie sollen sich nichts vorzuwerfen haben. Sie sollen glücklich sein, und ich will Ihnen nie auch nur mit einem Wort verraten, wie unglücklich ich bin. Lieber Freund, Sie kennen die Leidenschaft, Sie wissen, welche Energie eine mit Leidenschaft erfüllte Seele hat. Gut! Ich gelobe Ihnen, zu dieser Kraft noch die zu gesellen, die mir der Wille zur Reinheit und die Verachtung des Todes gewähren, damit Ihr Frieden und Ihre Pflichten ewig unangetastet bleiben.

Ich bin tief in mich gegangen. Wenn Sie mich lieben, werde ich den Mut einer Märtyrerin haben; wenn ich aber Anlaß habe, an Ihnen zu zweifeln, dann habe ich nur noch das bißchen Kraft, das dazu nötig ist, um sich einer unerträglichen Bürde zu entledigen. Aber die habe ich sicher. Das habe ich heute morgen gespürt.

Sie glauben also, es gäbe keine Steigerung der Leidenschaft über die hinaus, die ich Ihnen geoffenbart habe. Kleingläubiger, ich stehe Ihnen dafür, daß Sie kein Herzenskenner, kein scharfer Beobachter sind. Die Sprache ist viel zu arm, um die Kraft einer Leidenschaft in Worte zu fassen, die sich von Tränen und Reue nährt und nur zwei Gebote kennt: Lieben oder Sterben! Davon steht allerdings nichts in den Romanen, mein lieber Freund. Ich habe einst mit Ihnen zusammen einen Abend erlebt, der überspannt erscheinen würde, wenn man ihn bei Prévost läse, diesem Weltmanne, der doch alles so auf das genaueste kennt, was die Liebesleidenschaft an Wonnen und Qualen hat.

Meinen Stoß Briefe habe ich immer noch nicht. Ich werde nicht eher beruhigt sein, als bis ich sie erhalte. Ich kann mich der Befürchtung nicht erwehren, daß Sie irgend eine Unbesonnenheit begangen haben, Sie sind immer so impulsiv. Ich wäre beispielsweise verloren, wenn Vaines den Inhalt dieser Briefe erführe. Das wäre sehr unrecht von Ihnen, und ich würde höchst unglücklich sein, aber ich glaube, Vorwürfe würde ich Ihnen doch keine machen. Begreifen Sie, wie großmütig das wäre?

Mein lieber Freund, es ist mir ein Ding passiert, das mich ehedem höchlichst aufgebracht hätte. Frau du Deffand hat schwarzen Verrat an mir begangen. Sie hat mich in die große Klatscherei der Frau Necker und der Frau von Marchais verwickelt. Sie hat mich vor Frau d'Anville bloßgestellt, obendrein in einer Weise, die noch alberner denn boshaft ist. Es muß zu Erklärungen kommen. Herr d'Angiviller spielt auch seine Rolle in dieser Teufelsfarce. Selbst der [neapolitanische] Gesandte ist dabei nicht unbeteiligt. D'Alembert ist wütend, ich, inmitten dieses Tanzes, teilnahmslos, kühl und ruhig wie eine marmorne Unschuld. Als man mir deshalb den Kopf waschen wollte, habe ich immer nur geantwortet: »Ruhig Blut!« Schließlich rühmte man meine Froschblütigkeit bei all dem Sturm.

Mein Gott, mir gingen ganz andere Dinge im Kopf herum. Für mich gab es nur eine einzige Sache von Bedeutung in der ganzen Welt: die nächste Post aus Bordeaux. Ich nehme es mit allen bösen Geistern auf, wenn ich nur mit Ihnen in Frieden bin. Darin liegt ja das Gute, das qualvoll Gute am Unglück, daß es all die kleinen Kleinlichkeiten aus dem Leben hinauswirft, die der Zeitvertreib der Kinder der Welt sind.

Doch genug davon.

Der Chevalier [von Chastellux] hat mir Neuigkeiten aus der Bretèche mitgebracht. Man [Madame de Montsauge] hat mit der letzten Post einen Brief von Ihnen bekommen; ich mußte warten. Das ist nicht recht, denn wie gern sie auch Briefe von Ihnen liest, sicherlich hätte sie nicht so gelitten, wie ich gelitten habe, wenn sie zu meinen Gunsten einen Brief von Ihnen eine Post später bekommen hätte. Warum glaubt sie eigentlich, daß der »Konnetabel« nicht aufgeführt werde? Das ist mir unverständlich.

Lieber Freund, wenn ich mich einmal vor Ihnen recht erniedrigen will, so werde ich Ihnen einen Verdacht mitteilen, den ich mir gegen Sie zu hegen herausnehme. Warum untergraben Sie auch mein Vertrauen. Es wäre so wonnig, fest an Sie glauben zu dürfen. Es ist mir gräßlich, Schlechtes von Ihnen zu denken.

Sie schreiben mir, Sie hätten sich die abscheulichen Injurien, die ich Ihnen gesagt hätte, hinters Ohr geschrieben. Mein Gott, was wollen Sie damit? Sie wissen doch sehr gut, daß ich das für ungültig erklärt habe. Ich lebe und liebe Sie. Mehr ist von meiner Verzweiflung und von meinem Haß nicht übrig geblieben.

Und dann sagen Sie, Sie wollten Ihren Verstand zusammennehmen, um mir zu antworten. Sie haben das nicht nötig, und ich, ich bin so vernünftig, wenn sich meine tollen Anwandlungen gelegt haben, daß es Eulen nach Athen tragen hieße, wenn Sie mir mit Vernunft und Vernünftelei aushelfen wollten. Indessen warte ich darauf voll reger Ungeduld. Wie lange Zeit ist es vom Sonnabend zum Mittwoch!

Ach, wie schleicht Unseligem die Stunde!

Gute Nacht, mein lieber Freund.

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