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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 127
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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127.

Mittwoch abends, den 12. Juli 1775.

Sagen Sie mir, kann es wirklich einen stichhaltigen Grund dafür geben, daß Sie mir mit dieser Post nicht geantwortet haben? Auf das, was ich Ihnen über Ihre Lobschrift mitgeteilt habe, mußten Sie antworten. Und dann mußten Sie ....

Ach was. Sie mußten gar nicht, wenn mein Schmerzensschrei Ihr Herz nicht berührt hat. Es war recht von Ihnen, daß Sie mir nicht geantwortet haben. Sie hätten mich gekränkt, und ich wäre darob nur traurig geworden.

Liegt die Schuld an Ihnen, so wären Sie das Leid nicht wert, das ich Ihnen widme; sind Sie nicht daran schuld, so bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich Ihr Herz betrübt habe, indem ich Ihnen Unempfindlichkeit gegen mein Leid zutraute.

Ich muß nun auf den Sonnabend warten. Ob ich ihn herbeisehnen soll, das weiß ich nicht; vielleicht wird es der wichtigste Tag meines Lebens. Wenn er mir nur die eine Zuflucht läßt, gut! – dann vollziehen Sie ein gräßliches Schicksal, und es dünkt mich, ich müßte Sie darum segnen. Ja, ich werde Sie darob lieben, denn ich kann nicht mehr, ich will Sie nicht mehr hassen. Dieses schreckliche Gefühl ist mir allzu fremd und für mein Herz zu stark. Ich dachte, ich müsse sterben, so hat es mir den ganzen Leib durchkämpft und durchbebt. Ich fand die Ruhe erst wieder nach einer Dosis Opium, die mich so schlaff gemacht hat, daß man von Stumpfsinn reden könnte.

Lieber Freund, bald werde ich die körperliche Kraft nicht mehr haben, Sie zu lieben. Die unaufhörlichen Erschütterungen, in die Sie meine Seele versetzen, haben meinen Körper entkräftet und zugrunde gerichtet. Wenn nur der Leidensweg kürzer wäre! Aber man kommt so langsam vorwärts, wenn man jeden Augenblick angestoßen wird. Ach, wie viel Stunden müssen vergehen von jetzt an bis Sonnabend zwei Uhr! Ich gebe mir alle Mühe, mich über diese lange Zeit hinwegzutäuschen. Für heute nachmittag habe ich mich fünf- oder sechsfach verpflichtet, zu lauter Sachen, von denen mich nicht eine einzige auch nur ein wenig angeht, aber ich werde immer unter Leuten sein, die mich ein bißchen gern haben. Das wird meinen Mut heben. Morgen bin ich in Auteuil, am Freitag in Passy, um die berühmte Sängerin zu hören, die im vergangenen Jahre hier war, wissen Sie, die, der man eine so wundervolle Stimme und nebenbei Mordsdummheit nachrühmte. In ruhiger Stimmung würde ich Genuß daran haben können, aber für eine Seele, die leidet und liebt, hat das Leben keinerlei Reiz.

Mein lieber Freund, ich schreibe Ihnen im Hause des Grafen Crillon, wo ich mich seit zwei Tagen häuslich niedergelassen habe. Ich bin allein hier. Die Gräfin ist auf dem Lande und ihr Mann in Metz, um vier Wochen Dienst zu tun, – grausamsten Dienst, da er ihn von seiner Frau trennt. Vergebens habe ich alle Winkel dieser Wohnung durchsucht. Sie haben alles mitgenommen. Keine Spur von Glück ist dageblieben. Die Nacht habe ich, in einem steinharten Bett zugebracht; ich hatte acht Uhr früh noch kein Auge zugetan. Ich fühlte mich sehr angegriffen, sehr trübsinnig, und ich sagte mir:

Wie sind im selben Raum die Herzen so verschieden!

Aber wenn das Leid mehr Spuren hinterließe als die Lust und das Glück, so täte es mir leid. Die beiden fänden dann bei ihrer Rückkehr in diesem Bett alle die Gedanken und die Gefühle, die mich bedrückt haben.

Leben Sie wohl, lieber Freund! Es wäre nicht unmöglich, daß dies ein Lebewohl auf ewig wäre. Es steht allein bei Gott und bei Ihnen!

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