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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 116
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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116.

Sonntag mitternachts, den 14. Mai 1775.

Lassen Sie mir sagen, oder wenn Sie kräftig genug sind, schreiben Sie mir, wie Sie die Nacht verbracht haben. Hoffentlich ohne Fieber. Ich habe eben in meinen Büchern nachgeschlagen, daß Ihnen römische Kamillen nicht schädlich sein können. Sie wirken beruhigend; man wendet sie gegen Kolik an. Melden Sie mir doch gleich, ob sie Ihnen Linderung verschaffen.

Die Ehe wird Wunder an Ihnen tun. Die Fürsorge Ihrer Frau und Ihre ganze neue Umgebung wird Ihnen Ihre Gesundheit am besten wieder herstellen. Sie genießen ja bereits Vorfreuden der Häuslichkeit. Sie haben recht getan, sie der Oper wegen nicht zu verlassen. Sie war schrecklich öd. Farblose Musik! Mein lieber Grétry sollte beim lieblichen, sanften, sentimentalen Genre bleiben. Zu mehr langt es nicht. Wenn man ein kleiner Kerl ist, so begibt man sich nur in Gefahr und macht sich obendrein noch lächerlich, wenn man auf hohen Stelzen herumspaziert. Man fällt auf die Nase, und die Vorübergehenden lachen einen aus. Damit widerspreche ich – wohlgemerkt! – meinem früheren Urteil durchaus nicht; im Gegenteil ich sage das, gerade weil mir »Zemira und Azor«, »Der Hausfreund« und »Der falsche Zauber« überaus gefallen haben.

Heute habe ich zwei Briefe erhalten, die mich bestürzt und doch reich gemacht haben. Denken Sie, welche Daten: »Madrid, den 3. Mai 1774, beim Einsteigen in den Reisewagen, der mich zu Ihnen führt ....« und der andere: »Bordeaux, den 23. Mai 1774, eben halb tot angekommen.« Ich erhalte sie genau ein Jahr später! Das berührt mich wie etwas Wunderbares. Wie eine Mahnung! Es beunruhigt mich und macht mir Gedanken. Und dabei danke ich dem Himmel, daß ich am Leben bleiben durfte, um diese mir heiligen Blätter noch zu empfangen.

Sie hüten Ihr Zimmer; somit wird es Ihnen keine besondere Mühe machen, meine Briefe zusammenzusuchen. Gewähren Sie mir diese Gnade!

Ich habe die Absicht, morgen mittags auszugehen und um vier Uhr zurückzukommen, um dann zu Hause zu bleiben. Ich versage mir das Verlangen nach Ihrem Besuch. Über meine Freude geht Ihr Wohlergehn, Ihr Glück, Ihr Wille und selbst Ihre Laune. So bescheiden bin ich.

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