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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 111
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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111.

Montags, elf Uhr abends. [Mai 1775.]

Mein lieber Freund, gewiß habe ich Ihnen verziehen, aber da es nicht aus Großmut geschehen ist, so bin ich gestraft worden – durch Sie. Ist letzteres gerecht?

Erzählen Sie mir Neuigkeiten von sich! Haben Sie Molken getrunken? Haben Sie gebadet? Haben Sie am Mittwoch Medizin eingenommen? Haben Sie endlich einmal gemacht, was Sie immer schon tun wollten? Ich habe Sie wieder nicht gesehen. Ich erwartete Sie, ich war in zärtlicher Stimmung, – da kam der Fürst von Pignatelli. Sein Erscheinen machte mich tot. Beim Klange seiner Stimme habe ich vom Scheitel bis zur Zehe gezittert. Rührung und Grauen durchschauerten mich abwechselnd. Kurzum, er regte mich so auf, daß ich vergaß, daß Sie kommen könnten. Erst um zehn Uhr ist er wieder gegangen, und seitdem bin ich einer Verzweiflung verfallen, der nur Sie mich entreißen könnten.

Mein Lieber, haben Sie auf den entzückenden Brief, den Sie gestern vormittag geschrieben haben, schon Antwort erhalten? Was Sie auch dagegen sagen mögen. Sie wollen lieber gefallen als geliebt werden. Ich weiß das genau. Wie liebenswürdig waren Sie einst! Welche Wonne versprach Ihre Liebe! Ach, was für ein Irrtum! Die Enttäuschung, die nachfolgte, wird erst mit dem letzten Atemzuge meines Lebens verfliegen.

Gestern habe ich ein herrliches Geschenk bekommen. Die Begleitzeilen sind so witzig und originell, daß ich sie Ihnen mitteilen will: »Ich überreiche Ihnen dieses Buch, das Ihnen so sehr gefallen hat. Behalten Sie es infolgedessen so lange, bis es Ihnen nicht mehr gefällt. Ich werde daraus ersehen, wie langer Zeit es bedarf, um bei Ihnen aus Gunst in Ungnade zu fallen.«

Wenn Ihnen diese Worte alltäglich vorkommen, dann weiß ich überhaupt nicht, was man unter Witz und Eigenart versteht. Ich selber bin mir zu dumm, um auf so etwas antworten zu können. Bedanken muß ich mich aber doch. Machen Sie mir die Antwort! Derartig, daß ich auf ewige Zeiten zur zweiten Frau von Sévigné werde. Das ist das erstemal, daß es mir Spaß macht, mich mit fremden Federn zu schmücken. Lieber Freund, Scherz beiseite! Strengen Sie Ihren Geist für mich an! Sie wissen, ein Mann hat mir jenes Geschenk gemacht, einer, dem ich noch nie geschrieben habe, Vergleiche kann er also nicht anstellen. Gute Nacht!

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