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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 108
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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108.

Dienstags, elf Uhr abends. [März 1775.]

Ich habe es abgeschlagen, diesen Abend mit zwei Leuten zu verbringen, die sich einander lieben. Ich will lieber mit dem plaudern, den ich liebe, und mich ihm mit mehr Ruhe und Genuß widmen, als ich dies in Gesellschaft gekonnt hätte. Mich völlig abzulenken, wäre ihr nicht gelungen, aber dem Liebsten nur halb zu gehören, das ist ein Unglück. Die Einsamkeit hat für ein reiches Herz große Reize. Wenn man für alles tot ist, nur für ein Etwas nicht, das einem die Welt bedeutet, so lebt man um so stärker für dieses Eine, das sich gleichsam aller unserer Kräfte bemächtigt. Dann ist es nicht mehr möglich wo anders als in der Gegenwart zu leben.

Ich soll Ihnen sagen, ob ich Sie in drei Monaten noch lieben werde? Dinge des Verstandes haben nichts mit Dingen des Gefühls zu tun. Ich soll Ihnen wohl, wenn wir uns wiedersehen, wenn Ihre Gegenwart meine Sinne und meine Seele bezaubert, Rede und Antwort stehen, welche Wirkung Ihre Verheiratung auf mich machen wird? Mein lieber Freund, das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht. Wenn ich das überwinde, so will ich es Ihnen sagen, und Sie werden mich gerechterweise darob nicht tadeln. Ist das Gegenteil der Fall, verzweifelt meine Seele, so will ich darüber nicht klagen, und meine Leidenszeit wird nicht von langer Dauer sein. Dann aber seien Sie so feinfühlig und ritterlich, einen Entschluß zu billigen, der Ihnen einen flüchtigen Kummer verursachen wird, über den Sie aber in Ihrer neuen Lebenslage schnell hinwegkommen werden. Ich versichere Ihnen, dieser Gedanke tröstet mich. Dabei fühle ich mich freier.

Fragen Sie mich also nicht wieder, was ich tun werde, wenn Sie mit einer Anderen einen Bund fürs Leben eingegangen sind. Wenn ich nur Eigenliebe und Eitelkeit besäße, so wäre ich mir eher darüber klar. In Rechnungen der Eigenliebe macht man selten Fehler. Sie blickt weit. Die Leidenschaft kennt keine Zukunft. Wenn ich Ihnen also sage: Ich liebe Sie, so sage ich Ihnen alles, was ich weiß und was ich fühle. Ich setze gar keinen Wert auf jene Treue, die der Vernunft untertan ist oder noch häufiger kleinlichen Interessen der Gesellschaft oder der Eitelkeit. Die verachte ich mit ganzer Seele. Ebensowenig achte ich jenen oberflächlichen Mut, der da leidet, wo es zu vermeiden wäre, und im Grunde nichts vollbringt, als daß er mit Hilfe des Verstandes ein warmes Gefühl zu einer frostigen Gewohnheit vergewaltigt. Alle diese Spiegelfechtereien, all diese Komödie zwischen Liebesleuten sind in meinen Augen nichts als Lug und Trug, nichts weiter als Hintertreppen des Egoismus und der Feigheit. Von allem dem werden Sie an mir nichts finden. Das ist nicht das Ergebnis der Überlegung, sondern so habe ich immer gelebt, so ist mein Charakter, so bin ich, so fühle ich, – mit einem Worte: das ist mein Ich, an dem Verstellung und Unnatur unmögliche Dinge sind.

Mein lieber Freund, ich fühle mich zu allem fähig, nur beugen kann ich mich nicht. Ich hätte die Kraft zur Märtyrerin, die Kraft zu .... Soll ich es sagen? Ja, die Kraft, meine Leidenschaft oder die meines Geliebten durch ein Verbrechen zu befriedigen. Aber keine Kraft habe ich in mir, meine Leidenschaft zu opfern. Lieber gebe ich mein Leben dahin.

Sie werden sehen, daß das nicht Geschwätz eines überhitzten Hirnes ist. Und wäre es die Schwärmerei einer überspannten Seele, so wäre sie auch großer Taten fähig. Dazu gehört Seele, nicht bloß Verstand, armselige, vorsichtige, beschränkte Vernunft!

Lieber Freund, ich habe gar keine Vernunft. Vielleicht habe ich neben meiner Leidenschaftlichkeit mein lebelang gerade genug Instinkt gehabt, mich Gleichgültigen gegenüber dem Zwange der Konvenienz zu unterwerfen. All das Lob über meine Mäßigkeit, meine Vornehmheit, meine Selbstlosigkeit, meine angebliche Opferfreudigkeit zu Ehren meiner Mutter und des Hauses d'Albon, – alles das habe ich unverdient eingeheimst! So urteilt die Gesellschaft, so beobachtet sie! Narren und Toren, ich verdiene Euer Lob nicht! Meine Seele ist nicht geschaffen, an Eurem kleinlichen Interesse teilzuhaben. Nur geboren für das Glück zu lieben und geliebt zu werden, brauchte ich weder Kraft noch Moralität, um die Armut zu ertragen und die Gelüste der Eitelkeit zu verachten. Ich habe viel genossen, ich kenne den Wert des Lebens wohl, und wenn ich es noch einmal beginnen sollte, so wollte ich es unter denselben Bedingungen von neuem anfangen: Lieben und Leiden, – Himmel und Hölle, – dem würde ich mich wiederum weihen, das ist die Welt meiner Gefühle, das ist die Luft, in der ich leben will, nicht in jener gemäßigten Zone, in der die Knechtsseelen und Automaten rings um uns zu existieren vermögen.

Als ich die Feder zur Hand nahm, wollte ich ein Porträt von Ihnen entwerfen, aber durch eine abscheuliche Eigenliebe habe ich ein anderes Modell genommen und mich selber gemalt. Wie im Wahnsinn gebe ich jeder Regung nach. Doch durch Sie bin ich, was ich bin, das heißt durch das innigste und zärtlichste Gefühl. Somit habe ich recht getan, jenem Drange zu willfahren.

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