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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 106
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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106.

Dienstags, elf Uhr abends.

Mein lieber Freund, Sie haben keine Sehnsucht, mich zu sehen; vielleicht ist es Ihnen sogar lästig, meiner auch nur zu gedenken. Sie stoßen die Erinnerungen von sich, die Ihnen Ihre Lebenslust zu trüben drohen. Ach, ich bedaure Sie tief, daß Sie nicht imstande sind, völlig in dem aufzugehen, was Ihnen gefällt oder Sie liebt. Mit dieser Halbheit vernichten Sie den Zauber und den Genuß der Liebe. Sie muß jedes edle Herz verletzen. Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich beklage mich nicht. Nur meine Schwachheit betrübt mich. Vor Ihnen ist meine Eigenliebe wehrlos. Ich liebe Sie. Alles persönliche Interesse verstummt bei diesen Worten.

Sie und Ihr Glück, das gibt mir Mut und Großherzigkeit. Und ich will Sie der lassen, die Sie lieben. Für dieses Opfer aber darf ich verlangen, daß Sie keinen Versuch mehr machen, in meiner Seele ein Gefühl zu nähren, das mir Verzweiflung bringt. Werben Sie vor allem nicht mehr um Zärtlichkeiten, die mich nur demütigen, mein Herz entehren und mich hinterher in Reue und Bedauern stürzen.

Mein lieber Freund, ich weiß ja, Sie dürfen mich nicht lieben, aber ist es dann etwas Unmögliches, ehrlich zu sein? Ist das zu viel von Ihnen verlangt? Kränken Sie mich also nicht mehr, mich, die ich Sie liebe und Ihnen Ihren Geschmack, Ihre Gelüste, Ihren Willen lasse, mit einem Worte, Ihnen den Gegenstand meiner Liebe zum Opfer bringe. Nicht der Frau von M[ontsauge] gebe ich Sie zurück, sondern Ihnen selbst, Ihrem eigensten Wesen, denn ich bin überzeugt, es ist Ihnen schmerzlich, mit ihr im Widerstreit zu liegen, und Sie werden glücklich sein, wenn das nicht mehr der Fall ist.

Mein Gott, wie konnte ich nur glauben. Sie betrögen mich leichten Herzens! Wenn Sie nicht stark genug sind, mich glücklich zu machen, so bleiben Sie sicher wenigstens ritterlich genug, um über das mir zugefügte Leid betrübt zu sein. Mein lieber Freund, glauben Sie einem Herzen, das Ihnen ganz und gar gehört, das nur für Sie schlägt: überlassen Sie sich widerstandslos Ihrer Neigung. Dann bleibt mir wenigstens der tröstliche Gedanke, ein wenig zu Ihrem Glücke beigetragen zu haben. Vorläufig muß ich mir das Gegenteil vorwerfen.

Befreien Sie mich und Sie von diesem Zwange! Seien Sie aufrichtig! Ich beschwöre Sie. Was soll ich tun, um die Wahrheit zu verdienen? Reden Sie! Nichts soll mir unmöglich sein. Hören Sie auf die laute Stimme Ihres Herzens, und Sie werden davon ablassen, das meine zu mißhandeln!

Ach, ich bringe es fertig, des Geliebtseins zu entbehren, aber es ist mir schrecklich, an Ihnen zu zweifeln. Ihnen zu mißtrauen. Zollen Sie mir so viel Achtung, daß Sie mich nicht betrügen! Ich schwöre Ihnen bei dem, was mir am teuersten ist, bei Ihnen, daß es mich nie gereuen soll; die Wahrheit verlangt zu haben. Ich werde Sie lieben ob der Schande, die Sie mir damit ersparen! Nie sollen Sie einen Vorwurf zu hören bekommen! Indem ich auf Sie verzichte, verzichte ich auch auf alles andere, selbst auf das Recht, mich zu beklagen.

Mein Lieber, bedenken Sie wohl. Sie würden sehr ungeschickt und sehr unritterlich sein, wenn Sie diese Gelegenheit an sich vorübergehen ließen, sich Ihre völlige Herzensfreiheit zu sichern. Bedenken Sie, daß Sie andernfalls fortan kein Recht mehr haben, mich in einem Wahne zu lassen. Sie haben dann keinen Vorwand mehr, mich zu betrügen. Wenn Sie mich mißbrauchten, begingen Sie eine schwere Sünde. Lassen Sie mich niemals jenes gräßliche Gefühl kennen lernen, das ich nicht wage beim Namen zu nennen, wenn ich an Sie denke ....

Mein lieber Freund, der Abbé von Boismont hat mich heute in Verlegenheit gesetzt, indem er von Ihnen sprach. Er behauptete, man habe ihm erzählt, ich sei in Sie vernarrt. So hat er sich wörtlich ausgedrückt und hinzugefügt: »Das ist nicht Bosheit von mir, auch keine Falle, noch eine Rache.«

Ich war ganz sprachlos, da meldete man mir im nämlichen Augenblick glücklicherweise den Erzbischof von Toulouse.

Was sagen Sie dazu?

Ich wage nicht, mich der angenehmen Hoffnung hinzugeben, morgen mit Ihnen zusammen zu Mittag zu essen, aber ich kann nicht umhin, es zu wünschen, wenn es auch vielleicht ein Wunsch gegen den Ihrigen ist.

Gute Nacht!

Ich fühle, der Abbé von Boismont hat recht, nur tut er Unrecht, es mir zu sagen. Ich habe heute zwanzig Leute bei mir zu Besuch gehabt, aber keiner hat es vermocht, mich von der Sehnsucht abzuziehen, die ich nach Ihrem Kommen hatte. Was haben Sie angefangen? Wo haben Sie zu Abend gegessen? Haben Sie daran gedacht, daß ich Sie liebe?

Aber: Leben Sie wohl!

Ich will nur die Wahrheit. Beherzigen Sie es nur dieses eine Mal noch, daß Sie sie mir rückhaltslos und ungeschminkt schulden!

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