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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 105
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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105.

Dienstags, abends elf Uhr. [1775.]

Mein lieber Freund, Sie tragen immer wieder Unfrieden und Schmerz in meine aufgeregte Seele. Erinnern Sie sich aller Ihrer Worte? Und wie ungeduldig waren Sie, nur wieder fortzukommen! Wem zuliebe hatten Sie es so eilig!

Wie konnte ich da ruhig bleiben? Ich sehnte mich nach Ihnen, ich litt und ich machte mir Vorwürfe. Und so kam ich heute vormittag zu Ihnen, in traurigster Stimmung. Sie waren da, und vor Freude darüber wich meine tiefe Schwermut ein wenig. Aber dann haben Sie mich mit Ihrer Wut verwirrt gemacht, und ich habe selber alles geglaubt, was Sie mir vorgeworfen haben. Da hörte ich Ihren Namen rufen. Alles, was Sie mir sagten, kam mir nun verächtlich vor. Wie konnte ich anders? Ich fürchtete. Sie zu belästigen, Sie abzuhalten, Sie zu bedrängen. Mein Herz lag auf der Folter.

Ach, mein lieber Freund, ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie in einem falschen Verdacht gehabt habe. Unglück und Mißtrauen sind Geschwister. Ach, wie oft habe ich Ihnen meine Schmerzen und meine Tränen verheimlicht! Ich weiß nur zu gut, ein Herz, das einer Anderen gehört, ist einem unwiederbringlich verloren. Das sage ich mir immer wieder, und zuweilen glaube ich, ich sei geheilt. Dann erscheinen Sie, und alles ist vorbei. Die Überlegung, meine Vorsätze, mein Leid, alles verliert seine Macht vor dem ersten Worte, das Sie aussprechen. So habe ich keine Zuflucht mehr als den Tod, und nie hat ein unglücklicher Mensch ihn heißer herbeigesehnt als ich.

Sie sind die Veranlassung, daß ich für Marmontel schwärme, nicht weil er Gutes von mir geredet hat, sondern weil er Ihnen gesagt hat, daß ich Sie liebe. Lieber Freund, es ist mein Unglück, daß Sie es nicht nötig haben, so geliebt zu werden, wie ich nun einmal liebe. Ich behalte mein halbes Herz zurück. Seine Glut, sein wildes Schlagen würde Sie nur belästigen und Sie ganz verjagen. Wen nicht friert, der braucht kein Feuer. Wenn Sie wüßten, wenn Sie erführen, welche Freude einst eine große und leidenschaftliche Seele am Genüsse meiner Liebe gehabt hat! Er verglich mich mit anderen und früheren Geliebten, und immer wieder sagte er mir: »Du bist eine Meisterin der Liebe. Deine Seele ist heiß wie die Sonne Limas. Im Vergleich zu dir scheinen mir meine Landsmänninnen auf dem Eise Lapplands geboren zu sein!« Das schrieb er mir noch aus Madrid. Das sollte keine Schmeichelei sein; er fühlte so. Und auch ich will mich keineswegs loben, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihnen in toller Liebe darbiete, was ich nicht für mich behalten kann.

Eben unterbricht mich ein Brief Vaines. Er beunruhigt mich. Er schreibt, d'Alembert solle vor acht Uhr bei ihm sein und seine Lobschrift auf den Abbé von Saint-Pierre mitbringen. Er fügt hinzu: Eine wichtige Sache. Ich vergehe vor Angst, daß man die Ruhe meines Freundes gefährden könne. Ich wäre untröstlich darüber. Lieber möchte ich selber noch mehr Leid tragen, als daß er leiden sollte. Haß und Heuchelei sind immer an der Arbeit. In grenzenloser Unruhe harre ich des Morgens, und ich fühle es, ich werde diese Nacht kein Auge zutun. Je mehr ich mein eigenes Glück verliere, um so teurer ist mir das meiner Freunde. Ich kann Ihnen meine herzliche Zuneigung zu dem guten Condorcet und zu d'Alembert nicht anders schildern als mit den Worten: sie sind eins mit mir. Ich habe beide nötig wie meine Lungen die Luft. Sie beunruhigen meine Seele nicht; sie füllen sie. Diese Zuneigung ist nichts anderes denn Freundschaft. Bei Gott! Ich wäre sonst ein verworfenes Geschöpf. Ach, ich wünschte, es wäre schon morgen!

Ich habe den »September« von Roucher vorgelesen bekommen. Sehr schön, großartig, erhaben! Zu meinem vollen Genusse fehlten nur Sie, mein Lieber; Ihre Gegenwart vertieft mir jede Freude und bringt Leben und Wärme in sie. Zu jeder Zeit, in jeder Stimmung sehnt sich meine Seele nach Ihnen.

Ich bin erst halb acht Uhr zurückgekommen. Meine Freunde erwarteten mich. Roucher war dabei. Er ist nicht in Versailles gewesen.

Ich wünschte, es wäre schon morgen. Sehe ich Sie flüchtig? Ich werde wohl allein sein, denn Frau von Châtillon hütet ihr Zimmer. Sie möchte mich abends bei sich haben. Ach, du mein Gott, die Abende gehören Mora oder Ihnen. Der Abend ist mir das Liebste vom Tage. Gute Nacht!

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