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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 103
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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103.

Donnerstags, elf Uhr.

Seien Sie ritterlich und hören Sie auf mich zu bestürmen. Ich habe nur noch einen Willen, nur noch eine Sehnsucht: Sie nicht mehr allein bei mir zu sehen. Ich kann zu Ihrem Glücke nichts beitragen, ich habe keinen Trost für Sie. Lassen Sie mich darum, und quälen Sie mich nicht immer mitleidsloser.

Ich mache Ihnen durchaus keine Vorwürfe. Sie leiden, ich bedauere Sie, und ich werde Ihnen nichts mehr von meinem Leid sagen. Aber im Namen dessen, das noch einige Macht über Sie hat: im Namen der Ehre, im Namen der Ritterlichkeit, rechnen Sie nicht mehr auf mich! Lassen Sie mich! Wenn ich meinen Frieden wieder erringe, will ich weiter leben, aber wenn Sie so fortfahren, so werden Sie es bald zu bereuen haben, mir die Kraft zu einem Schritte der Verzweiflung gegeben zu haben. Ersparen Sie mir den Kummer und das peinliche Gefühl, Sie in den Stunden, wo ich allein bin, von meiner Türe zu weisen. Ich bitte Sie und zwar zum letzten Male, nur in der Zeit von fünf bis neun Uhr zu mir zu kommen.

Wenn Frau von M[ontsauge] mir in die Seele blicken könnte, so seien Sie sicher, Sie würde mich nicht hassen. Sie würde mich höchstens bedauern. Sie beide, Sie haben mich die Qualen der Hölle erfahren lassen: Haß, Eifersucht, Reue, Gewissensbisse, Selbstverachtung und zuweilen Verachtung gegen Sie. Soll ich noch mehr sagen? Das tiefste Liebesunglück, aber nie etwas von dem, was eine ehrenhafte und empfindsame Seele beglückt. Das habe ich Ihnen zu danken, aber ich verzeihe Ihnen! Hinge ich am Leben, so wäre ich gewiß nicht so edelmütig, dann würde ich Ihnen den unversöhnlichsten Haß schwören! Aber bald werde ich vom Leben lassen, so wie ich von Ihnen lassen muß, und darum will ich meine Sehnsucht, meine Seele und mein bißchen Leben damit verbrauchen, das einzige Wesen zu lieben und anzubeten, das meiner Seele einen Inhalt gibt und das mir einst mehr Glückseligkeit und Erdenlust geschenkt hat, als sich andere kaum in der Phantasie erträumen können. Sie, Sie haben mich an jenem Manne zur Verbrecherin gemacht!

Ich möchte Ruhe haben, sonst sterbe ich. Noch einmal wiederhole ich Ihnen: haben Sie Mitleid, lassen Sie mich! Das ist der letzte Aufschrei meiner Seele! Sonst möge die Reue über Sie kommen.

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