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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 101
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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101.

Dienstags, sechs Uhr früh.

Erinnern Sie sich Ihrer letzten Worte? Erinnern Sie sich, wohin Sie mich gebracht und wo Sie mich zu lassen glaubten? Nun, ich muß Ihnen sagen, daß ich mein Selbstbewußtsein sehr bald wieder hatte. Ich habe mich erhoben, um keines Haares Breite tiefer zu stehen als vorher, wo ich so hoch auf der Höhe wandelte! Es gibt ein Übermaß von Leidenschaft, das einen gegen alle Anfechtungen feit, wenn die eigene Seele nur über dem Gemeinen und Ehrlosen steht. In dieser grenzenlosen Hingebung und Selbstverleugnung gibt es für mich nur ein einziges Unglück, das ich nicht ertragen könnte! Sie zu kränken oder Sie zu verlieren! Das würde ich nicht überleben.

Ich scheue mich nicht, mutig und laut zu bekennen, was für ein Gefühl mich seit einem Jahre leben und sterben läßt. Trotz Ihrer Worte fühle ich mich nicht gedemütigt, denn ich halte Sie für ritterlich und mich für unschuldig. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich selber betrüge, oder daß ich mich zu rechtfertigen suche! Nein, mein lieber Freund, das Gefühl, das in mir lebt, verachtet die Hoffahrt und die Beschönigung, und wenn Sie mich anklagen, so will ich auf immerdar verdammt sein. Ihr Urteil, Ihre Achtung ist auch die meine und mir höher als diese.

Ich bin Ihres Edelmutes so sicher, ich kenne Ihr gutes Herz so sehr, daß ich überzeugt bin: ehe Sie gestern eingeschlafen sind, haben Sie sich gelobt, mich heute zu besuchen. Ich danke Ihnen für diese Regung, aber ich bitte Sie, nicht zu kommen. Beweisen Sie damit Ihr Zartgefühl und Ihr Mitleid! Ich muß meine Seele zur Ruhe kommen lassen. Sie haben mich in seelische Aufregungen gesetzt, wie ich sie noch nie erfahren hatte und wie ich sie selbst in der Phantasie für unmöglich gehalten hätte.

Mein Gott, wie furchtbar ist das wirkliche große Unglück! Es ist ohne Maß und ohne Grenzen. Ich bedarf der Ruhe. Lassen Sie mich zu Frieden kommen! Ich habe eben zwei Gramm Opium eingenommen. Indem mein Blut einschläft, fließen mir die Gedanken ineinander über; meine Seele kriecht zusammen, und so vergesse ich vielleicht.

Adieu, lieber Freund! Kommen Sie also nicht, und ich bitte Sie, nehmen Sie es nicht übel, wenn meine Türe verschlossen ist. Sie wird das für jedermann sein. Ich bin so schwach, und das Opium schläfert alle meine Fähigkeiten ein. Aber es nimmt für eine Zeit meine Schmerzen und mein Leid von mir; es löst den Teil meiner Existenz auf, der im Fühlen und Leiden beruht.

Leben Sie wohl! Ich trenne mich von Ihnen auf vierundzwanzig Stunden. Wenn ein unvorhersehbares Unglück den gestrigen Abend .... Nein, ich wage nicht weiterzuschreiben. Ich weiß ein Mittel, das alles wieder gut macht. Ich werde mir Strafe auferlegen. Ich verstehe zu leiden, und ich werde mich dazu verdammen, Ihnen nie laut zu sagen, was ich in diesem Augenblicke in zärtlichster Leidenschaft vor mich hinflüstere: Ich liebe Dich!

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