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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 100
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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100.

Sonnabends mitternachts. [Februar 1775.]

Mein lieber Freund, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt, ich würde Sie nicht sehen? Und ich habe Sie auch nicht gesehen. Mein Gott, wie ist es traurig, so richtig vorauszufühlen und jemandem etwas zu klagen, der keine Teilnahme daran hat!

Ich habe Sie schmerzlich vermißt. In meinem Zimmer war es heute nachmittag so voll wie etwa in der »Iphigenie«. Die großen und kleinen Logen alle besetzt. Ich bin ganz erschöpft vor Müdigkeit.

Dann war ich zunächst eine Stunde bei Turgot, eine zweite bei Frau von Châtillon. Dieses viele Treppensteigen hat mich halbtot gemacht. Ich hatte eigentlich versprochen, den ganzen Abend im Heiligen-Joseph zu verbringen, aber schließlich blieb mir nicht die Kraft dazu. Ich werde dafür morgen hingehen, wenn mir der Weg vom Marais bis dahin nicht zu schwer fällt. Vor Tisch will ich mir in der Rue de Cléry die Automaten ansehen, die wunderbar sein sollen. Man hat ihrer sattsam in der Gesellschaft, aber die in der Rue de Cléry sind interessanter.

Kommen Sie im Vorbeigehen mit hin? Dann sage ich Ihnen dort, ob ich die Loge des Herzogs d'Aumont habe. Morgen oder am Dienstag soll sie mir überlassen sein. Morgen wäre mir's lieber, weil wir am Dienstag Roucher erwarten. Kurzum, auf irgend eine Weise muß ich Sie morgen zu sehen bekommen, und ordentlich, sei es in der Oper oder bei mir.

Da fällt mir ein: Frau von Châtillon traut Ihnen eine bloße Vernachlässigung keineswegs zu. Sie hat mich heute gefragt, ob Sie dauernd grollten. Selbstverständlich habe ich nicht ermangelt, ihr zu antworten: Ganz und gar! Die Frauen wollen einander nur den Rang ablaufen. Weiter wollen sie nichts. Keine hat wirkliches Liebesbedürfnis. Und das ist ein Glück, denn in Paris gedeiht die Liebe am allerwenigsten. Man spricht dreist von ihr, aber man ist kalt und hat tausend andere Dinge im Kopfe. Liebe und Leidenschaft? Die armen Leute! Ein rechtes Zwerggeschlecht! Sie sind sehr nett, sehr galant, sehr artig. Dabei hat es sein Bewenden.

Leben Sie wohl, mein Lieber! Daß Sie mir gestern abend den Brief Ihrer Frau Mutter zu lesen gegeben haben, hat mich herzlich gefreut.

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