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Die Liebende

Therese Rie: Die Liebende - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorTherese Rie
titleDie Liebende
publisherS. Fischer, Verlag
year1914
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Der Narr

1

Muß mir der das Lied
verderben? Der Narr!

(Nachtasyl)

 

Verehrte Frau!

Ich bin gestern in Ihrem Konzert gewesen.– Nein, ich bin kein Gymnasiast. Sie brauchen keine Bitte um eine Photographie zu befürchten, nicht einmal um ein Autogramm. Ich empfinde nur schmerzlich, daß wir Zuhörer da unten sitzen müssen und unseren Empfindungen nur durch ein allgemeines brutales Händeklatschen Luft machen dürfen, alles Persönliche, Subtile, Feine müssen wir in uns hineinschweigen. Wann wird es endlich ein Publikum geben, das fein genug ist, nicht zu applaudieren? Wüstes Gelärm nach »Anakreons Grab« von Hugo Wolf – wie haben Sie das gesungen! – ist ein ebensolcher Vandalismus, als ob man eine schöne Statue mit ätzender Säure überschütten wollte. Ein ebensolches Zerstören des künstlerischen Eindrucks.

Es geht aber doch manch einer nach Hause, dessen Seele so voll ist, daß er es sagen muß. Hat der große Künstler, der so tiefe Wirkungen hervorgebracht hat, nicht ein Recht darauf, zu erfahren, welcher Art diese Wirkungen sind? Unbequemer mögen diese individuellen Äußerungen ja sein, als der Pauschalapplaus, aber vielleicht lernt der Künstler seine eigene Persönlichkeit besser dabei kennen und seine Kräfte. Darum schreibe ich Ihnen. Und auch, weil ich nicht anders kann.

Musiker bin ich auch – mit der Seele, nicht mit der Begabung. Ich habe Lieder komponiert, die ich selbst für fein, zart, nicht geistlos halte, aber doch fühle ich sehr wohl, daß sie aus der tiefsten Verehrung für Brahms, für Hugo Wolf, für Schubert geboren sind. Originalität, Genie – das fehlt. Das weiß ich, daran kranke ich, und das macht mich trüb und verschlossen.

Ich könnte ja mit meiner »hübschen Begabung« so zufrieden sein. Leben muß ich glücklicherweise nicht davon. Ich bin Konzeptspraktikant in einem Ministerium, Doktor juris, Papa ist Hofrat, eine gewisse Karriere mir also gesichert. Meine Mutter – Geschwister hab ich keine – ist eine elegante Mondäne, die in Patronessen- und Komitee-Kümmernissen aufgeht und deren Hauptsorge es ist, daß ich nur in recht viel »ersten« Häusern verkehre. Meine Familie, meine fünfundzwanzig Jahre, meine Eigenschaften als Tänzer und Tennisspieler machen mir das auch leicht. Sie sehen, wie schön, wie sorgenfrei, wie leicht das Leben für mich ist.

Sie hab ich oft gehört. Sie kommen ja so lange schon fast alljährlich nach Wien. Ich kenne alle Ihre großen Rollen, war in den meisten Ihrer Konzerte, sagte wie die andern auch: »eine geniale Künstlerin«. Aber dann kommt einmal ein Tag, wo die Seele offener, wärmer, empfindsamer zu sein scheint als sonst, wo man längst bekannte Dinge anders sieht und plötzlich weiß: diesem Menschen könnte ich Dinge sagen, die nie, nie einer früher von mir gehört hat. Auf solch einen Menschen hab ich mein Lebelang gewartet, und es ist ein unbeschreibliches Glück, daß ich nicht umsonst gewartet habe.

Das ist so schön, daß Sie weiße Haare haben. Hätten Sie die nicht, ich würde Ihnen nicht schreiben. Ich müßte befürchten, daß Sie meinen Brief anders auffassen, als er gemeint ist, daß Sie ihm die banale Deutung geben, die der Brief eines jungen Mannes an eine Künstlerin leicht erfahren kann. Meine Freunde – oder die sich so nennen – sagen, ich bin ein Träumer. Und da ist es nun schön, wenn solch ein Traum in einer Stimme, in einer Gestalt Wahrheit geworden ist. Sie hatten ein schweres goldbraunes Sammetkleid an mit alten vergilbten Spitzen daran, und Ihr Auge war so strahlend und Ihr Haar wie eine Krone aus Silber und Schnee. Sie verbeugten sich nicht vor den Menschen, sondern hatten nur ein wundervoll hochmütiges Lächeln zur Begrüßung, und es war, als neige sich das Publikum vor Ihnen. Dann wurde es sehr still in dem menschenerfüllten Raume. Und oben standen Sie und sangen.

Lachen Sie mich aus – ich will ja nichts von Ihnen, – ich will Ihnen nur sagen – ach, wenn ich nur wüßte, was ich Ihnen eigentlich sagen will!

Es ist ja gar nichts geschehen – ich bin in einem Konzert gewesen, wie ich im Laufe des Winters in fünfzig Konzerte gehe – ich habe Sie singen gehört, wie ich Sie schon oft gehört habe. Sie sind im Privatleben eine elegante Dame, die in München ihre Villa in der Prinzregentenstraße bewohnt – diese Details danke ich einem Jour bei meiner Mama – die vor einigen Jahren in Amerika die größten künstlerischen und materiellen Triumphe gefeiert hat und jetzt nur mehr da mittut, wo es gilt, einen großen Meister zu ehren, in Bayreuth, bei den großen rheinischen Musikfesten. Verzeihen Sie, verehrte Frau, mir also dieses Heraustreten aus der Konvention. Ich schäme mich ja auch ein bißchen. Aber so wie es Ihnen gelungen ist, die andern aus ihren banalen Alltagsstimmungen herauszureißen, so muß es Ihnen doch auch selbst gehen. Vielleicht zittert noch etwas von Ihren Liedern in Ihnen selber nach und Sie lesen diesen Brief – und lachen nicht!

 

Sind Sie der junge Mann mit den verträumten Augen, der in meinem Konzert in der ersten Reihe gesessen ist und niemals applaudiert hat? Nach dem, was Sie mir geschrieben haben, scheint es mir fast sicher, daß Sie das waren.

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief. Unsereiner wird ja viel mit allerhand Geschreibsel belästigt. Um so mehr freut man sich, wenn man einmal etwas Persönliches vernimmt. In meinem langen Leben habe ich so viel Komplimente gehört, von denen ich selber fühlte, wie unwahr sie waren, daß es mich freut, einmal etwas zu hören, das von dem herkömmlichen Begeisterungsklischee abweicht. Nein, ich bin nicht bescheiden. Ich weiß, daß ich Ihre Worte verdiene. Ich gehöre mit Haut und Haar der Musik, habe nie für ein bürgerliches Glück, nie für ein leidenschaftliches Zeit gehabt und haben wollen – habe mein Temperament, meine Jugend und Lebenskraft dabei verausgabt – da ist es schon recht, wenn einige Menschen das herausspüren. Die meisten begnügen sich ohnehin nur mit der Schablone: »berühmte Künstlerin«.

Mit solchen sehr persönlichen Dingen pflegt man im allgemeinen nicht die Briefe »jugendlicher Enthusiasten« zu beantworten. Allein es scheint mir, als täte ich Ihnen sehr unrecht, wenn ich Sie in diese Kategorie ohne weiteres einreihen wollte. Vor allen Dingen sind Sie nicht jung genug dazu. Mit fünfundzwanzig Jahren ist man selten mehr so impulsiv, daß man sich hinsetzt und einem bewunderten Künstler so einfach schreibt; da muß man schon was Extras zu sagen haben.

Sie meinen: es ist schön, daß ich weißes Haar habe. Ja, ich bin auch froh, daß dieses Symbol des Altwerdens sich mit fünfzig Jahren bei mir eingestellt hat – andere Frauen müssen noch länger darauf warten. – Auf der Bühne bin ich gerne noch jung – bin's ja auch, dank meiner Stimme und der Tatsache, daß ich mein Repertoire unablässig zu vergrößern bemüht bin, nicht nur ein paar altersschwache wohldressierte Paradepferde reite. Aber im Leben freut's mich, daß ich eine alte Frau sein darf, über vielen Dingen stehe. Jungsein ist schwer und oft tragisch – Gott sei Dank, daß ich's nimmer bin!

Übrigens: ich empfange hier im Hotel meine Freunde jeden Mittwoch und Samstag von fünf bis sieben. Es soll mich freuen, wenn ich Sie auch einmal unter ihnen begrüße.

 

Ich habe Sie als Fidelio gehört.

Gott sei Dank, Sie sind nicht die herkömmliche »hochdramatische« Sängerin, sind's so gar nicht. Ihre Leonore ist ganz Weib, ganz Schwäche, die nur durch die Liebe zu Florestan aufrecht erhalten wird. Wie ahnungsbang die Stimme im Kanon des ersten Aktes »Wie groß ist die Gefahr!« – In der Szene, da Leonore hinter der Tür den Plan Pizarros belauscht, sieht man nur Ihre Hand, die die Tür zuhält, eine edle, nervige Hand. Und wie die nun bald nervös erbebte, bald schlaff herabsank, bald empört sich ballte, das war ein Schauspiel allein für sich, bis Leonore hervorstürzen durfte mit dem elementar-gewaltigen Wutschrei: »Abscheulicher!« – Und wie schön war auch der Augenblick im Kerker, wo sie nun – nach den wundervollen paar Takten, dem Dankgebet für Florestans Rettung – allein mit ihm zurückgeblieben ist, wie sie von einer unsichtbaren Macht getrieben, zu seinen Füßen niedersinkt, sich bis zu seinem Kopf emportastet, ihre Augen in den seinen, als könnte sie's noch immer nicht fassen. Ihre Stimme klang noch umflort von Tränen, als Beethovens göttlicher Jubel schon begonnen hatte: »Oh, namenlose Freude!« – Und als Leonore zum Schluß an Florestans Arm unter das Volk tritt, da wußte ich, daß ich einen solchen Ausdruck seligster Verklärung, dem doch noch die ganze Schwere eben überstandenen Erdenleides anhaftet, nur noch einmal – an Tizians Assunta – gesehen hatte.

Vielleicht wundern Sie sich, daß Ihr Fidelio und der Beethovens im Leben eines erwachsenen Menschen, eines wackeren Staatsbeamten eine so große Rolle spielen. Aber sind diese »irrealen« Dinge nicht im Grunde die einzigen, die uns von den großen Menschen bleiben? Was ist uns von Napoleon geblieben? Nichts! – Was von Goethe, von Beethoven? Alles! –

 

Nein, besuchen werde ich Sie nicht. Ich will Sie im Leben nicht kennen lernen. Sie könnten eine Geste, einen Tonfall haben, der zu meinem Bilde nicht stimmt. Lachen Sie mich nicht aus. Jede Frau enttäuscht. Da ist es nun schön, wenn man sich etwas konstruieren darf, wobei einem einige Genies mithelfen. Das darf man sich aber dann nicht eigenmächtig zerstören. Ich habe schon gezittert, als ich Ihren Brief aufmachte, und aufgeatmet, als ich Ihre große intelligente, gar nicht modern verkünstelte Schrift sah. Einen orthographischen Fehler hätte ich Ihnen nie verziehen.

Ich lebe das Leben des banalen jungen Mannes und weiß doch nicht, wie ich die Forderungen meines Wesens mit denen des gewöhnlichen Lebens in Einklang bringen soll. Ja, wenn ich ein Genie wäre, wenn meine Musik etwas taugte. Aber wenn ich mich auch vom gewöhnlichen Leben losreiße, wohin mit mir? Mein Vater hat sein Lebtag nur an seine Karriere gedacht, meine Mutter nur an ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen – da hat sich von Kindheit an in meiner Seele eine Menge überschüssiges Gefühl angesammelt, daß ich nicht weiß, wohin damit. Ich habe gelebt, wie die jungen Leute alle, habe allerhand Frauen gekannt, Schauspielerinnen, süße Mädeln, Familientöchter, anständige Frauen – aber ganz und gar hab ich keiner gehört. Es muß wohl nicht das Rechte gewesen sein.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil Sie eine so leuchtende Stimme haben, und so triumphierende Augen. Weil Sie, ohne zu grübeln und zu zweifeln, durchs Leben gezogen sind und immer das Richtige aus Ihrer Natur heraus gefunden haben. So wenigstens fasse ich Sie auf. Wie ein Kunstwerk fasse ich Sie auf. Und in dem, der so durch seine Stimme und seine Persönlichkeit wirkt, fließen ja Künstler und Kunstwerk in Eins zusammen.

 

Wissen Sie, woran ich denken mußte, bei Ihrer ängstlichen Weigerung, mich kennen zu lernen? Ich hatte einmal einen alten Freund in München – den Besitzer einer der schönsten Privatgalerien der Welt. Er hat mir übrigens eines seiner kostbarsten Stücke vermacht – das Bildnis eines jungen Kavaliers von Mieris, dessen Kopie in der Turiner Galerie hängen soll. Ein entzückend arrogantes Bürschchen ist das, mit dem hochmütigsten Lächeln von der Welt, in einem grauen Sammetkleid mit langen Locken und den schönsten langen feinen Händen, die man sich denken kann. – Doch nicht von diesem Bild wollte ich Ihnen erzählen, sondern von dem merkwürdigsten Stück der Galerie: das war ein ziemlich großer Goldrahmen wie die andern auch, bespannt mit einer glatten, weißen Leinwand – sonst nichts. Diese unbemalte Leinwand hing gleichsam als Hauptstück in der Mitte einer Wand, und die Beschauer zerbrachen sich den Kopf darüber, was das sein solle – für die Vorführungen einer Laterna magika sei das, meinten die meisten. Ich war ebenso dumm wie die anderen – damals war ich eben viel jünger, heute würde ich den Sinn der Sache vielleicht auch ohne Erklärung verstehen, und als der alte Brummbär einmal einen liebenswürdigeren Tag hatte, als sonst, faßte ich mir ein Herz und bat ihn um eine Deutung. »Hast du schon einmal Leonardos Abendmahl gesehen?« fragte er. Nein – ich war damals noch nicht in Mailand gewesen. »Das ist nun ganz zerstört – die schöne Mittelgruppe kaum mehr zu erkennen. Ganz hin ... Ich stand davor und war bitter enttäuscht. Hinter mir kam eine Gesellschaft herein. Auch ohne sie sprechen zu hören, hätte ich an den stapfenden Stiefeln, den Lodenanzügen, dem würzigen Duft der Jägerhemden erkannt, daß es Deutsche waren. ›Und dafor 'n Frank! Man sieht ja nischt!‹ brach sich endlich ihre Empörung Bahn. Ich ärgerte mich – wie man sich immer ärgert, wenn man fühlt, daß man mit jemandem einen gemeinsamen Gedanken hat, mit dem man lieber gar nichts gemein haben möchte. Als sie gegangen waren, setzte ich mich vor das Bild. Ich saß lange so. Und wunderbar! Die Konturen, die Gestalten, die Farben kamen wieder, alles wie es wohl einmal gewesen war, nein, viel schöner als es je gewesen war. Und als ich zu Hause recht intensiv an das Bild dachte, erschien es in seiner ganzen Pracht auf der weißen Wandfläche des Hotelzimmers. Da wollte ich keine Kopie mehr davon – ich konnte es ja in meiner Phantasie tausendmal schöner restaurieren, als es mir der beste Kopist hätte machen können. Und ich ließ mir den Rahmen machen. – In meinem Katalog fungiert er als das Abendmahl des Leonardo da Vinci. Aber eigentlich ist er schon längst nicht mehr das Abendmahl allein. Tausend Bilder anderer alter Meister sind mir schon darin erschienen, und nicht zuletzt eigene, wunderbare, die nie einer gemalt hat, nie einer hätte malen können. – Du lachst? Wozu ich dann überhaupt einen Rahmen brauche, meinst du, wenn alles nur ein Spiel der Phantasie ist? Ja, einen Anhaltspunkt muß die Phantasie haben! Ist nicht jedes Kunstwerk der Versuch, ein Stück Unendlichkeit mit einem Stück Materie festzuhalten? – Andere denken vielleicht anders darüber als ich alter Idealist, Zola zum Beispiel mit seinem ›un coin de la nature vu à travers un tempérament‹. – Aber hat ein wahrer Musiker schon die Absicht gehabt, eine Klavier – Violinsonate zu schreiben? Nein – er wollte ein Stück von der unendlichen Melodie des Alls einfangen, und Klavier und Violine waren die unwürdigen Mittel dazu ...«

Mein alter Freund mit den sonderbaren Kunstanschauungen ist längst tot, die Erben haben die Bilder verkauft, und was aus dem merkwürdigen Rahmen geworden ist, weiß ich nicht.

Ich bin auch so ein Rahmen für Sie. Das Bild wollen Sie selber malen.

 

Als ich eintrat, standen Sie am Kamin.

Sie trugen wieder ein Sammetkleid, diesmal ein dunkelblaues, das in weichen schweren Falten herabfiel, mit alten Silberspitzen. Ihr herrlicher Nacken war bloß, Ihr Hals mit einem hohen Perlenhalsband bedeckt. Ihr weißes Haar leuchtete über den blonden, roten, braunen Köpfen, so hoch ragte Ihre königliche Gestalt. Irgend jemand trat zu Ihnen und rühmte Ihre »großartigen Leistungen«, und ich werde nie vergessen, wie spöttisch Sie die Lippen schürzten, und wie nachsichtig herablassend Sie ihm zuhörten. Und als er sich wegwandte – bilde ich mir's nur ein, daß ich Sie murmeln hörte: Esel!

Ja, solche Worte nimmt eine Traumgestalt mitunter in den Mund! Auch die Art, wie Sie mich ansprachen, als ich Ihnen vorgestellt wurde, entbehrte nicht einer gewissen – Herzhaftigkeit: »Also das sind Sie! Für so einen kleinen Gefühlsprotzen schauen Sie nicht einmal so dumm aus!« –

Ich hatte gar nicht gewußt, daß Sie bei Behrends sein würden, daß Sie die Leute überhaupt kannten. Aber an dem Lächeln der Hausfrau und an dem Ihren merkte ich wohl ein kleines Komplott. Soll ich's Ihnen gestehen? Mir war es in diesem Augenblick eine große Erleichterung, daß ich einen Frack von Ebenstein an hatte und eine tadellose Boutonniere. Daß ich mich im Salon sicher fühlte und daß meine tiefe Verlegenheit vor Ihnen sich doch nach und nach von der erworbenen – weiß Gott, nicht leicht erworbenen! – Routine beherrschen ließ. Ich habe die Empfindung, daß Sie mich nach meinen Briefen ungefähr für einen Jüngling mit dem Äußeren eines Provinzschullehrers, langhaarig, mit fettigem Rockkragen halten mußten. Und Sie waren so schön ...

Bei Tisch saß ich nicht weit von Ihnen. Meine Nachbarin, ein braves Tennis- und Familienmädchen, muß sich nicht eben amüsiert haben, denn ich habe immer nach Ihnen hingehört.

»Künstlerehen? Taugt nichts, taugt nichts! Eine Künstlerin, die heiratet, hat's nie ernst gemeint!« »Aber Sie waren doch selbst verheiratet!« warf Ihr Nachbar ein.

»Wer hätte keine Jugendeselei begangen? Ich war gründlich und habe sogar geheiratet. Er hieß übrigens Schwartze – nein, ein Tenor war er nicht, so banal bin ich nicht gewesen, aber Heldenbariton, Fliegender Holländer und dergleichen, das ist fast ebenso schlimm. Damals war ich freilich noch nicht lange beim Theater und auch noch keineswegs durchdrungen von der Überzeugung, eine Auserwählte zu sein. Nun, dieses Eheidyll hat zum Glück nur ein Jahr gedauert.«

»Und Sie haben nie mehr von ihm gehört.«

»O doch – als ich in Bayreuth zum ersten Male die Kundry gesungen habe und die Zeitungen allerhand Schönes über mich zu berichten wußten – da hat er mich angepumpt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt, ob er zugrunde gegangen ist – na, es ist mir auch ganz gleichgültig.«

»Hatten Sie kein Kind?«

»Nein – ich weiß nicht, soll ich sagen, leider Gottes oder Gott sei Dank. Ich hätte gern ein Kind, das meine künstlerischen Eigenschaften in erhöhtem Maße geerbt hat: Eine ideale Schülerin täte es übrigens auch. Die meisten Künstlerinnen sehen ihren ganzen Ruhm darin, daß man nach ihrem Abgang sagt: So eine Donna Anna wie die X. wird es nie mehr geben. – Ich meine, es wäre ein größerer Stolz, der Welt eine gleichwertige Donna Anna zu hinterlassen!«

»Und wie dankbar müßte die Welt Ihnen dafür sein!«

»Das ist mir gleichgültig. Ich war nie dankbar und verlange von den anderen auch nicht, daß sie's sind. Ich täte es auch nicht um der Welt willen, sondern um der Kunst willen.«

Das Gespräch wurde unterbrochen. Der Hausherr erhob sich und brachte das Wohl seines »berühmten Gastes« aus. Nun kamen alle anderen an Ihr Tischende, um anzustoßen, und Sie standen in Ihrer königlichen Haltung da und lächelten Ihr unvergleichlich schönes, ein wenig herablassendes Lächeln. – Ihre Hände sind schön, aber schöner noch ist Ihre Art, die Gegenstände anzufassen. Wie Sie da mit Ihrem erhobenen Champagnerglase standen, waren Sie ein Bild und wußten es auch. Die Art der Bühnenkünstlerin, die ihre Wirkungen kennt, floß hier mit der ungenierten Natürlichkeit der Frau, die weiß, daß ihr alles gut steht, was sie tut, zu einem erstaunlichen Ganzen zusammen, das doch frei von Pose war.

Als die Tafel aufgehoben wurde, sammelte sich ein großer Kreis um Sie. Ich konnte aber doch Ihre Stimme hören. »Aber gern, gern. Wenn ich Lust habe, braucht man mich gar nicht so zu bitten. Geben Sie mal den zweiten Band Schubert her. Wer begleitet mich? Ich sag's gleich, wenn er mir's nicht recht macht, bin ich imstande, und hör' mitten drin auf. Wer hat Courage?«

»Ich!«

Sie haben mich darauf einer eingehenden, nicht eben liebevollen Musterung unterzogen. »Schön. Also mein liebstes Lied. Gruppe aus dem Tartarus.«

Wie Sie's sangen? Mit malender bildhafter Wirkung, als schwängen seltsame Untertöne in Ihrer Stimme mit, all das Rauschen und Raunen und Flüstern der abgeschiedenen Geister ausdrückend. Mit langgezogenen Tönen unendlicher Sehnsucht bei der Stelle: »... ob noch nicht Vollendung sei?« Und dann der große Donnerschlag: »Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise, bricht die Sense des Saturns entzwei.« Wie eine eherne Glocke klang Ihre Stimme, und ehern war auch der Ausdruck Ihrer Züge, als Sie so hochaufgerichtet dastanden, wie das unerbittliche Schicksal selbst. Und denen, die Sie hörten, kroch ein Schauer über den Rücken, als verständen sie erst jetzt den Sinn des Wortes: Ewigkeit ...

»Gesindel,« sagten Sie ruhig, als die Zuhörer in lauten Applaus ausbrachen. »Versteht ihr denn nicht, daß jetzt der Moment wäre, eure dummen Hände ruhig zu halten? – Brav,« zu mir, »musikalisch sind Sie, das muß man Ihnen lassen.« Dann zu Herrn von Behrend: »Und nun, mein Lieber, ist's genug mit Ihrem Fest. Ich habe ohnehin schon über Gebühr gesündigt. In meinem Alter gehört man um Mitternacht ins Bett, wenn man am nächsten Morgen frisch sein soll.« – »Empfehlen Sie sich doch wenigstens auf Französisch, verehrteste Freundin, wenn Sie schon durchaus nicht mehr bleiben wollen,« bat der Hausherr leise. »Sie verscheuchen mir ja die andern Gäste.« – »Warum auch nicht? Ich verstehe den Ehrgeiz nicht, die Leute möglichst lange wach zu halten. Jede Soiree kommt ungefähr zwei Stunden nach dem Souper auf ihren toten Punkt, den müßte man benützen und gehen. – Machen Sie kein Gesicht, lieber Freund. Ich weiß schon, was Sie denken: Rücksichtslose alte Hexe!«

Und mit einem Lachen bahnten Sie sich Ihren Weg und waren verschwunden.

 

Warum ich Ihnen all das so genau erzähle? Weil ich gern festhalten wollte, wie das war, als ich Sie zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht zu sehen bekam. Weil ich mich gerne all der kleinen Züge Ihrer eigenwilligen, wenig rücksichtsvollen Persönlichkeit erinnern wollte. Weil mir eben diese Persönlichkeit tief zu Herzen gegangen ist ...

Eigentlich wollte ich diese »Schilderung« ja behalten. Aber es ist im Grunde vielleicht besser, Sie bekommen sie. Vielleicht lesen Sie mehr heraus, als ich schreiben konnte.

Auf Wiedersehen.

 

Auf Wiedersehen, gewiß. Aber nicht gar so bald, junger Freund. Wie Ihnen schon dieses Hotelbriefpapier zeigt, bin ich jetzt in Venedig.

Die Gründe für meine Abreise? Oh, keine andern, als daß ich bei Ihrer abscheulichen Wiener Witterung einen Bronchialkatarrh fürchtete. Und nach Venedig ging ich, weil ich Frau Cosima dort wußte. Ich sollte heuer nach längerer Pause wieder in Bayreuth singen, Ortrud und Isolde, aber mein Arzt meint, es wäre besser, die Sache rückgängig zu machen, ich brauchte Ruhe. Frau Cosima war indessen wenige Stunden vor meiner Ankunft weggefahren, trotzdem will ich aber noch ein wenig in Venedig bleiben. Wenn man so viel Wanderleben gehabt hat, wie ich seinerzeit, wird man seßhaft mit den Jahren.

Es hat mir recht leid getan, Freund Felix, daß ich Sie nicht mehr sehen konnte. Sie sind ein sympathischer Junge, und es hat sich gut mit Ihnen geplaudert. Hoffentlich sagen Sie das letztere auch von mir. Die Zeiten sind ja gottlob vorüber, wo man meinte, der wahre Künstler müsse in allem, was nicht direkt mit seiner Kunst zusammenhängt, ein Idiot sein. Für viele stimmt's leider freilich immer noch. Ich bin aber, dem Himmel sei Dank, kein – wie nennt Ihr Jungen das doch? – Produkt meines Milieus. »Milieu« ist überhaupt ein Wort, das ich nicht ausstehen kann. Ich habe die ersten vierzehn Jahre meines Lebens – ehe ein in unserem Hause wohnender alter Klavierlehrer mich auf eine Musikschule brachte – also ich hab in der Tischlerwerkstätte meines Vaters auf Hobelspänen geschlafen und bis dahin überhaupt kein Bett gekannt. Jetzt empfange ich manchmal regierende Fürsten bei mir zum Tee und mache meine Sache wohl auch nicht schlechter als eine der Damen ihres Kreises. – Nein, wir sind nicht das Produkt unserer Umgebung, nein, die ganz kleinen Äußerlichkeiten können unser Leben nicht so beeinflussen, wie verschiedene Dichter es uns gern einreden möchten. Hören Sie mir auf mit dieser – Tapeziererpsychologie!

Ja – ich wollte Ihnen ja eigentlich von Venedig erzählen. Ich kann das nur so schlecht, wenn ich mitten in einer Sache stehe. Die Erinnerung malt viel künstlerischer, hebt hervor und verwischt, färbt und tönt, macht ein feines Kunstwerk aus dem Erlebnis. Die Gegenwart arbeitet nur wie ein schlechter Photograph. Wenn ich erst eine Woche von Venedig fort sein werde, werd' ich wissen, wie's mir eigentlich gefallen hat. Ich bin nämlich zum ersten Male hier und hab doch mehr als ein dutzendmal im nahen Mailand gesungen – in der Skala. Ja – also ich bin eher kühl. Komme auch zu keiner rechten Empfindung, denn der »Zauber Venedigs« ist ein Wasser, in dem sich schon allzu viele Gefühle gebadet haben. Der saubere Mensch wird davon ein bißchen degoutiert. Man sieht dann immer nur die kleinen Gegenwärtigkeiten. Wenn ich an den Markusplatz denke, erscheint mir nicht der geflügelte Löwe, nicht das leuchtende Mosaik, sondern nur das junge deutsche Hochzeitsreisepaar. Sie, Tauben auf der ausgestreckten Hand – Gott, Schnucke, sieh doch, wie himmlisch! – er, männlich ernst und mit Vollbart, mit der rechten den Arm der Gattin, mit der linken den roten Bädeker an sich drückend.

Und dann gehen sie schnell noch mal nach Santa Maria Qualcosa, einen Tizian anschauen, den man unbedingt gesehen haben muß!

Nicht daß ich den Leutchen ihr junges Glück mißgönne, aber wenn man es immerfort vor sich ausgebreitet sieht und in so geringen Variationen, wird man schließlich ganz irritiert.

Also – ich habe vor der Pracht Venedigs mit kühlen Ketzeraugen gestanden, hab mich höchstens an dem Raffinement gefreut, mit dem die Greuel des Dogenpalastes unter der zierlichsten kapriziösesten Architektur verborgen sind. Werden Sie sich entsetzen? Die barbarisch bunte Pracht der Markuskirche hat mir mißfallen – ganz direkt mißfallen! Ich mußte dabei immer schmerzlich an die erhabene Grazie oder graziöse Erhabenheit – Sie können das drehen, wie Sie wollen – des Mailänder Doms denken, dieser wunderschönen Marmorphantasie ... Alles hat mir hier mißfallen, bis ich zum Standbild des Colleoni kam. Da war ich gepackt, da wollt' ich gar nimmer weg. In dieser Kondottieregestalt, die so trotzig in die blaue Luft hineinreitet, steckt mehr Renaissance als in der Buchweisheit von Burckhardt, Gregorovius und Gobineau zusammengenommen.

Nebenbei: Ich habe hier ein Jubiläum gefeiert. Jetzt vor fünfundzwanzig Jahren bin ich »entdeckt« worden. Als Berühmtheit entdeckt, mein' ich. In London, in der Season – ich sang damals Sieglinde und Mignon. Eine schöne Zeit, Sie junger Herr, der gerade so alt ist, wie mein Ruhm – nicht wahr? Wieviel empfangene und versetzte Fußtritte, wieviel Elend, wieviel Tränen, wieviel Bitterkeit – und wie schön sah das alles aus – von außen.

Ich glaube, mir tut Venedig schlecht. Man denkt zu viel an die Vergangenheit – auch an die Zukunft, an den künstlerischen decline, der unaufhaltsam kommen wird, kommen muß, auf den tausend Feinde lauern, um ihn dann jubelnd in die Welt zu posaunen. Und ich denke oft, der Mut und die Energie, die ich beim Hinaufkommen entwickelt habe, werden nichts sein gegen den Mut, den man zum Hinabsteigen brauchen wird ...

Lassen wir das lieber – Addio!

 

Venedig ist nicht weit von hier – und ich könnte meinen Sommerurlaub schon jetzt bekommen.

Aber ich fürchte Ihren Spott, wenn ich Ihnen nachkäme. Sie haben ein gewisses Lächeln, das mich entmutigt und mir mein geringes Selbstbewußtsein ganz nimmt.

Geringes Selbstbewußtsein ist eigentlich nicht das rechte Wort – ich habe eine ziemlich hohe Meinung von mir selbst, nur eine geringe von meiner Wirkung auf andere.

Ich weiß, Sie finden mich lächerlich, und ich muß Ihnen ja wohl auch so scheinen. Sie sind immer durch die Welt gegangen, Ihres Gottes voll, und Sie wissen nicht, wie einem zumute ist, der seinen Gott erst suchen muß. Ich bin ein sehnsüchtiges Kind gewesen und war immer von Härte umgeben. Ich bin ein sehnsuchtsvoller Mensch geworden und bin an Sie geraten, die Sie die Härte selbst sind, hart und leuchtend wie ein edler Stein. Das muß schon so mein Schicksal sein.

Ich hab immer hinaus gewollt und einem großen Ziel nach. Ich bin an meinem Klavier gesessen, nächtelang, fiebernd, wartend – und was ich fand, war eine Form, die ein Größerer mir hinterlassen hatte.

Sie haben alles, was mir fehlt: die Kraft, das hochmütige Lächeln, den Riesenwuchs, geistig und körperlich. Ihr Genie sitzt nicht nur in der Kehle, darum vergißt man bei Ihnen auch so ganz, daß Sie »nur« reproduzierend tätig sind. Wer aber die gegebenen Konturen eines Kunstwerks so ganz mit seiner leuchtenden Persönlichkeit ausfüllt, der ist Schöpfer.

Haben Sie mir das mit London nicht nur erzählt, um mir so recht sinnfällig darzutun, daß sich das alles vor fünfundzwanzig Jahren abgespielt hat, als ich gerade geboren wurde? Daß Sie damals schon ein reifes Weib waren mit reifer Kunst, als ich noch ein Säugling war? Glauben Sie wirklich, daß mich das befremden kann? Im Gegenteil, es käme mir sonderbar vor, wenn es anders wäre. Sie waren schon, als ich noch längst nicht lebte – Sie werden noch lange, lange sein, wenn ich tot bin – also sind Sie – für mich – ewig.

Ich hätte Ihnen wohl noch manches über Venedig zu sagen, und über Ihre seltsam falsche, seelenlose Auffassung – aber jetzt kann ich nicht reden. Ich möchte Ihnen immer nur das eine, einzige sagen – das eine, das Sie nicht hören wollen ...

 

Freund Felix, ich habe Ihnen nichts zu erwidern als dieses: wenn Sie eine sentimentale Stimmung aus meinem letzten Brief herausgelesen haben wollen, so war es wohl nur die Schuld einer ganz ordentlichen Malaria, die mich am selben Abend befallen hat. Es wird früh warm heuer in Venedig, und ich denke mit Sehnsucht an die Bäume des Englischen Gartens, die in München zu meinen Fenstern herein grüßen und die ich, will's Gott, übermorgen abend wiedersehen werde.

Und ein paar kühle Worte, die die Situation zwischen uns ein für allemal klären sollen. Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich mein Leben lang allen Gemütsbewegungen des bürgerlichen Lebens aus dem Wege gegangen bin, um an meinem Lebensherbst eine unverzeihliche Dummheit zu begehen? – Mein Vater war Tischlermeister, und ich bin heute eine große Dame. Das wäre nun an sich nichts Verwunderliches, denn ich war ein hübsches Mädel, aber ich bin nur mit künstlerischen Mitteln in die Höhe gekommen. Ich sage Ihnen das, um Ihnen darzutun, daß ich all mein Lebtag sehr tugendhaft gewesen bin – einfach darum, weil ich für das gewöhnliche Leben kein bißchen Temperament übrig gehabt habe. Wäre das nicht gewesen, hätte ich mein Licht an beiden Enden angezündet, so wäre ich heute in keiner Hinsicht, was ich bin. Ich habe nie einen Geliebten gehabt, und, was schlimmer ist, auch kaum je geliebt. Und was nun Ihre Schwärmerei betrifft, mein lieber Felix, so will ich sie gerne dulden, solange sie sich eben in den Grenzen der Verehrung für die Künstlerin bewegt, die solche Verehrung auch verdient. Alles übrige aber gehört in die Wertherzeit – und schon damals wäre eine weißhaarige – nicht gepuderte – Lotte lächerlich gewesen.

Und damit erscheint mir diese Sache ein für allemal erledigt.

Also, ich habe hier, soweit es meine Gesundheit zuließ, Kunstgeschichte getrieben, und zwar eine kuriose Kunstgeschichte, die an all den Tizians und Veroneses gänzlich teilnahmslos vorbeiging und sich dafür an bescheideneren Größen hoch ergötzte. Sie werden das komisch finden: ich, die ich so robust und gesund bin, ich mag diese brutale, robuste, gesunde Malerei nicht. Wenn ich irgendwo eine traurige Madonna mit einem traurigen Bambino sehe – nicht das herkömmliche, selig lächelnde Mutterglück – dann ist meine Aufmerksamkeit gleich geweckt. Da hängt in der Akademie irgendwo eine Madonna von Aloise Vivarini, fälschlich dem Bellini zugeschrieben. Eine Mutter blickt mit gefalteten Händen auf ihr schlafendes Kind. Und so kümmerlich ist dieses langgestreckte magere Körperchen und der Ausdruck der Mutter so voll Angst. Das Kind wird nicht alt werden, das fühlt sie, und das weiß sie, und der Beschauer ängstigt sich mit ihr ...

Im Grunde wird die Malerei mir, die so ganz von Musik erfüllt ist, ewig eine fremde und untergeordnete Kunst bleiben. Aber ich will mich dafür interessieren, dafür und für andere Dinge auch. Diesen Intelligenzfonds lege ich für mein Alter an. Gut, ich werde noch zehn Jahre singen – schön singen können. Aber was dann? Meine Lorbeerkränze zählen? Eine Monographie meiner Triumphe schreiben, mit Aufzählung aller meiner Hausorden und Medaillen für Kunst und Wissenschaft? An der jungen Künstlergeneration und dem schlechten Geschmack des Publikums verbittert herumkritteln? Nein, dann muß ich Interessen haben, und für diese Interessen muß der Grund gelegt sein. Vielleicht wäre das Alter für die meisten weniger böse und schmerzlich, wenn die Menschen sich besser auf das Altsein vorbereiten wollten. Sie denken aber zumeist nur an die materielle Versorgung; an die seelische vergessen sie.

Kennen Sie die beiden roten Säulen am Dogenpalast? Die sind hauptsächlich schuld, daß ich Venedig verlasse, mehr noch als die Hitze. So unheimlich sind mir die.

Sie wissen ja, im ersten Stocke wird die lange Kolonne weißer Säulen von zweien aus rötlichem Marmor unterbrochen. Gerade die muß ich immer ansehen, wenn ich auf die Piazzetta komme. Wissen Sie, was die bedeuten? Hier, zwischen diesen Säulen wurden früher die Todesurteile der Republik verlesen. Darum sind sie rot.

Ach, wenn man doch in einer Welt lebte, in der es keine Todesstrafe mehr gäbe! So oft ich von einer Hinrichtung lese, bin ich ganz krank. Nicht die Todesstrafe ist das Entsetzliche dabei, sondern die Todes angststrafe. Das Verfahren der mittelalterlichen Ritter, die ihre Gefangenen meuchlings im Kerker erdrosseln oder ersäufen ließen, war noch menschlich gegen den heutigen Hinrichtungsgang. »Gerechtigkeit!« sagen Sie vielleicht? Ach, du lieber Gott! Wer ist denn gerecht? Die Natur? Ja, wenn es kein physisches Leiden gäbe! Die soziale Weltordnung? Ja, wenn sie dafür sorgte, daß jeder sein Stückchen Brot hätte! Und dann plötzlich, in diesem einzigen Fall, besinnen sich die Menschen und sind so furchtbar »gerecht«!

 

So muß es endlich aufhören zwischen uns. Ich kann nicht immer in blasser lyrischer Andacht verharren, wie Sie es verlangen, ein Wort von meinen Gefühlen in einem Brief über alles mögliche einfließen lassen, um ebenso von Ihnen mit einem leichten Wink – zwischen hundert anderen Themen – zur Ruhe verwiesen zu werden. Ich bin ein Mensch mit Jugend, mit Blut und Nerven, und ich habe Sie so lieb, wie ich noch nie einen Menschen gehabt habe.

Ich kann ja von Ihnen nicht verlangen, daß Sie meine Gefühle erwidern. Sie haben mich nur einmal gesehen – ich Sie oft und oft und immer in der tiefsten Bewegung. Aber ich verlange von Ihnen, daß Sie mich nicht immer in respektvoller Distanz halten, daß Sie meine Bewunderung als das nehmen, was sie wirklich ist, nicht nur als Stimulus für Ihre gute Laune. Jede Frau hat ihre eigene Art von Koketterie, und Sie haben die Ihrige im allerreichsten Maße. Aber spielen dürfen Sie nicht mit mir, dazu bin ich zu gut.

Ich will mehr von Ihnen, und Sie wollen das nicht verstehen. Wäre es zum erstenmal, daß eine nicht mehr junge Frau die Leidenschaft eines jungen Mannes erregte? Ninon de l'Enclos, George Sand – mir sind die Namen alle wirklich nicht gegenwärtig.

Es ist mir nicht gegeben, schöne und charakteristische Worte für meine Gedanken zu finden. Ich muß immer die Worte der anderen nehmen, und bei einem Menschen, der ewig nur zitiert, glaubt man nicht so recht an die Echtheit der Empfindung. Und doch hab ich neulich so sehr an Sie denken müssen, als ich im Theater stumpf und teilnahmlos dem Lieben und Sterben von Grillparzers Hero zusah, bis eben dieses Wort fiel: »Der du einhergingst im Gewand der Nacht und Licht mir strahltest in die dunkle Seele« ...

Und Licht mir strahltest in die dunkle Seele ...

Wenn Sie nicht spüren, wie echt und wahr es mir ist, dann haben noch wenige Menschen echt und wahr zu Ihnen gesprochen. Ich hab Sie lieb, ich hab Sie lieb! Das hat Ihnen noch keiner so gesagt, das kann Ihnen noch keiner so gesagt haben! Verkehrt und unnatürlich – ja, es ist verkehrt und unnatürlich, daß ich so vor Ihnen stehe, wie sonst die Frau vor dem Mann zu stehen pflegt – daß Sie das Leben in seinem ganzen Reichtum kennen, und ich komme daher und hab Ihnen nichts zu geben als mein armseliges bißchen Liebe!

 

Mein junger Freund, in diesem Ton geht es nicht weiter, das spüren Sie doch selbst. Es täte mir leid, wenn ich mich gezwungen sehen sollte, den Briefwechsel mit Ihnen abzubrechen, der mir Freude macht – denn ich bin eine altmodische Person und schreibe gern Briefe. Zwingen Sie mich doch nicht, zu der abgeschmackten Schablone »mütterliche Freundin« greifen zu müssen. Sie haben mir geschrieben unter dem Einfluß eines starken künstlerischen Eindrucks, der von mir ausging, ich habe aus Ihrem Brief, wiewohl er weder übermäßig geistreich, noch sonst irgendwie hervorragend war, eine sympathische Persönlichkeit herausgelesen. Als sich zufällig eine Gelegenheit bot, Sie kennen zu lernen, hab ich lächelnd diese Gelegenheit ergriffen und die Bekanntschaft eines hübschen und gut angezogenen jungen Herrn gemacht, mit einer subtilen und ein wenig zu empfindsamen Seele. Das ist alles, und es soll, weiß Gott, auch alles bleiben.

Hier zu Hause ist es nun wieder sehr schön. Sie würden lachen über mein kleines Gärtchen, das ganz démodé ist, mit altmodischen Blumen und bunten Glaskugeln. Wenn die modernen Villenbesitzer nur wüßten, um wieviel Genuß sie sich gebracht haben, indem sie das alles verbannen. Da steckt ja unsere ganze Kindheit drin und die Welt, die aus der farbigen Glaskugel herauslacht, ist allemal die schönste.

– – Ich werde in meinem Leben nichts so lieben, wie Musik. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich, daß ich recht hatte, meine ganze Existenz daran zu setzen. Keine Kunst ist so reich. In jeder Stimmung, die mich überkommt, weiß ich ganz genau, was ich nun brauche, was meine Gefühle ergänzt und löst.

Zwei Sterbeopern kenn' ich: Tristan und Traviata. Die schöne, liebe, liebe Traviata! Nicht als ob ich sonst Verdi besonders liebte. Als ich ein junges Mädel war, sind meine Tränen oft geflossen, wenn ein Direktor von mir verlangte, ich solle die Leonore im Troubadour singen: so sehr ging mir diese Art Rollen gegen Gefühl und Geschmack. Aber mit dem letzten Akt der Violetta möchte ich sterben können. Bei diesen schmerzlich süßen Tönen müßten selbst die wildesten Qualen der physischen Auslösung milde werden.

 

Gestern hatte ich Besuch. Ein Herr Kritiker war da, der meine »Ansichten« einem Sammelwerk über Musiker einverleiben wollte. Aber ich alter Stacheligel hab ihn hinausgeworfen. Ich hab mich mein Lebtag nicht um die Kritik gekümmert und um das Publikum schon gar nicht. Das will en canaille behandelt sein; wird gegen rücksichtslose Individualitäten immer Front machen, sich aber schließlich immer von ihnen unterjochen lassen. Denen, die ihm Konzessionen machen, dankt es mit kurzer Allgemeinbeliebtheit und wirft sie schrecklich schnell unter das alte Eisen. Es hat im Grunde gesunde Instinkte, richtiges Gefühl für wahre Kraft. Aber terrorisiert muß es werden, politisch und künstlerisch. Und wer es wirklich ernst nimmt, ist verloren.

Die Kunst ernst nehmen, nicht die Zuhörer. Ich hatte auch genug zu arbeiten, bis ich soweit war. Mit ein paar hübschen Kopftönen allein gab ich mich nicht zufrieden. Da gab's zu lernen – auf allen Gebieten. Ich hatte nur meine Volksschulbildung, sonst nichts, und fühlte plötzlich, wie eine Kunst in die andere hinübergriff, wie die einzelnen Gebiete gar nicht mehr zu trennen waren. Mit dem Bücherlesen hätte ich nicht viel erreicht – ich mußte an dem studieren, was das lebendige Leben mir bot. Der heilige Geist der Kunst erschließt sich nur der kultivierten Persönlichkeit. Und so oft ich ein historisches Kostüm tragen sollte, ging ich erst in eine Galerie und prüfte, ob es richtig war. Damals war man noch nicht so peinlich in bezug auf Ausstattung, wie jetzt, wo man wieder viel zu viel tut. Als ich zum ersten Male die Carmen sang, wurde ich fast ausgepfiffen. Statt der damals üblichen eleganten Theaterspanierin mit Atlaskleid und Spitzenmantille stellte ich ein richtiges zerzaustes, zerlumptes Zigeunermädel auf die Beine, mit Glasperlen barbarisch behängt und mit zerrissenen Strümpfen – aber elementar wirkend eben durch ihre Wildheit und Verwahrlosung. Später wurde gerade diese Auffassung dann bejubelt, (sie war eine so schöne Ausrede für Sängerinnen, die nichts konnten), da hatte ich aber schon genug vom Verismus, und heute habe ich mich ganz auf die Rollen zurückgezogen, die Stil verlangen, die eine naturalistische Auffassung ausschließen. Die Musik ist nun einmal ein übersinnliches Element, und darum müßte auch alles andere in der Oper außerhalb des Gewöhnlichen sein, sonst kommt ein Mißklang heraus. Ich erinnere mich einer Zeit recht wohl, in der man bei Gartendekorationen wirkliche Blumen und Sträucher in den Vordergrund stellte. Das war schauderhaft. Dekoration und Wirklichkeit brachten sich gegenseitig um.

 

Ich habe meinen Urlaub nun doch angetreten und als Ziel Salzburg gewählt, um näher bei Ihnen zu sein.

Wie alles in dieser Stadt mich an Sie erinnert! Hier hab ich Sie gehört, – es war bei einem großen Mozartfest vor vielen Jahren. Sie sangen damals die Sopranpartie im Requiem und die Königin der Nacht. Damals liebte ich Sie noch nicht. Ist es nicht sonderbar? Es gab einmal eine Zeit, in der hab ich Sie gehört und liebte Sie noch nicht! Damals bin ich wie heute an den Ufern der Salzach entlang gewandert, ein feiner Nieselregen schlug mir ins Gesicht wie heut, und meine Seele war leer von Ihnen und Ihr Name nichts für mich als nur ein Name!

Und heut morgens zog es mich ins Mozarteum, weil es mir war, als müßte ich dort ein Stück von Ihnen finden. Langsam, langsam bin ich die drei Stock des schwarzen alten Hauses in der Getreidegasse hinaufgestiegen, habe zerstreut die Bilder in dem finsteren Hinterzimmer gemustert, in dem Mozart – man kann kaum sagen, das »Licht« der Welt erblickt hat – bis ich plötzlich fand, was ich unbewußt die ganze Zeit hindurch gesucht hatte. Es war nur ein Stück Papier, und auf diesem Stück Papier stand in Ihren festen harten Zügen Ihr Name neben denen der anderen Mitwirkenden von dem Musikfest damals. Ich habe das Spinett sanft berührt, bin mit den Fingern leise an der verblichenen Seide der Möbel herabgeglitten – und war mit meiner Seele doch ganz, ganz anderswo. Als hätte hier nie der Schöpfer des Requiems, des Figaro gelebt – so hab ich nur an Sie gedacht.

 

Auch in Hellbrunn bin ich gewesen. Mir war's ganz recht, daß der Aufseher die laute Touristenhorde um sich sammelte, um ihnen die albernen Wasserspiele zu zeigen. Ich bin nach rückwärts in den stillen Park gegangen mit seinen viereckig geschnittenen Teichen, und hab mich auf eine Bank gesetzt. Und es war still, und die Vögel haben gesungen.

Warum ich gerade jetzt so viel an Sie denken muß? Denn es ist hier noch schlimmer mit mir geworden. Ich habe Sie – außer bei den Festaufführungen – hier nie gesehen, und doch fühle ich beständig, als hätte ich Ihr damaliges Leben genau miterlebt, als wären mir diese Dinge völlig vertraut, die ich nie erlebt habe.

So geht es mir überhaupt oft. Meist noch seltsamer. Ich erinnere mich deutlich an Orte, an Dinge, an Ereignisse, die lange vor meiner Geburt liegen, die ich schon einmal gesehen habe, und doch nie gesehen haben kann. Aber welcher nachdenkliche Mensch kennt das nicht? Seelenwanderung? Nichts für uns aufgeklärte Menschen! Aber wenn die winzigen Ei- und Samenzellen Geistes- und Charaktereigenschaften längst Verstorbener fortzupflanzen vermögen, warum nicht auch die Erinnerung an Dinge, die unsere Väter erlebt haben, die wir aber nicht kennen?

 

Und so sehr gut paßt diese Stadt zu Ihnen, die Stadt, in deren Glockenspiel Don Juans feierlich steifes Menuett in einem Klingen und Lachen untergeht. Die Stadt, deren Bischöfe ihre düstersten Untaten mit galanten Aventuren verbrämt haben. Die alte Festung möchte gern schwarz und böse aussehen, aber ein Stückchen Mozartscher Harmonie lacht in der Luft mit und macht die bösen Mauern fröhlich. Und Vögel hab ich nie so singen hören, wie einmal, da ich langsam zur Festung emporstieg. Unten war gerade das Glockenspiel mit seinem Menuett fertig geworden, da fing oben das Orgelwerk an, Sie wissen ja, der »Stier« von Hohensalzburg. Und so voll Klingen war die Luft, daß nun die Vögel auch anfangen mußten zu singen. Intermezzo aus Chiemsee. Sind Sie je da gewesen? Ich bin heut von Salzburg hierher gefahren. Das Schloß – ach, vom Schloß weiß ich nicht viel. Aber im Garten saß ein junges Mädchen. Ich weiß nicht, ob sie schön oder häßlich war – ich habe nur ihre großen träumenden Augen gesehen, die mich ergriffen haben. Aber wie ich die sah, ahnte ich plötzlich, was das junge Mädchen empfinden mußte, und es schien mir, als wüßte ich genau, wonach sie sich sehnte.

 

§§§Der König schläft. Eine Mittagsphantasie.

Es war so still, die Sonne so warm, der Himmel so dunkelblau, das welke Laub fiel so leise auf die Parkgänge. Die Brunnenfiguren blitzten im Sonnenlicht, und das Königsschloß lag träumend da. Ringsum keine Menschenseele.

Sie hatten das Schloß besichtigt um drei Mark Entree. Etwas viel, fand Papa, wenn man das Geld für die Bahn und das Dampfschiff dazurechnete. Und was war schließlich weiter zu sehen? Daß der König verrückt gewesen war, wußte matt ohnehin, – oder ist es vielleicht nicht verrückt, zweieinhalb Millionen allein in ein Schlafzimmer hineinzustecken, das man nachher nicht einmal benützt? Na also!

Sie hatten dann in der Restauration gespeist – teuer und schlecht, fand Papa – die Herren zündeten ihre Zigarren an, und Mama zog ihre Handarbeit hervor. Das Mädchen schlich leise davon.

So mittagsstill ... Die weißen Gardinen am Schlosse waren herabgelassen, an jenem Schlosse, das die Ausgeburt einer Königsphantasie war, einer Künstlerseele. Du großer Künstler, dachte das Mädchen. Warum bist du als König zur Welt gekommen, du mit deiner großen Schönheitssehnsucht, du mit deinem stolzen Einsamkeitsbedürfnis? Was du hier geschaffen hast, das ist noch nicht die Schönheit, das ist nur ein Sehnsuchtsschrei danach ... Da in diesem heißen, stillen, ungepflegten Garten, da ist noch etwas wie ein Hauch von dir. Im Schloß nicht mehr. Da darf jetzt jeder Philister für drei Mark Entree die Schöpfung deines Königshirns begutachten. Ich aber fühle den heißen Schönheitsdrang mit dir. Du bist nicht tot, du schläfst nur. Der König schläft.

Drinnen auf dem goldenen Prunkbett liegst du, und von oben kommt rosiges Licht. Und ich an deiner Seite. Und meine Lippen hängen an den deinen und spüren deinen Gluthauch, du mein Held, mein Gott, mein König!

Auf uns lastet die Mittagsglut. Und ich schiebe die schwere Golddecke weg und stehe leise auf und schleiche mich leise hierher ins Freie. Die Bäume sind gelb, und die Brunnen sind versiegt. Nichts regt sich im Schlosse. Der König schläft.

Und in diesem Augenblicke fühl' ich selbst, wie ich ein königliches Wesen bin. Und in mir steigt eine solche Schönheitslust auf, ein so jauchzendes wehmütiges Glück. Wehmütig, weil es schmerzt, den andern nichts davon geben zu können. Aber die Menschen wollen es ja nicht und würden es nie verstehen. Doch. Einer will es, einer braucht mich. Das bist du, mein König. Wach auf, wach auf!

Aber nichts regt sich. Ein paar Blätter fallen leise nieder auf die Wege. Der König ist ja schon viele, viele Jahre tot.

Tritte im Kies. Das sind die anderen. Der Papa ist böse. »Aber Kind, wo bleibst du so lange? Das Dampfschiff versäumen? Das fehlte noch! Hat ohnehin ein Heidengeld gekostet, der ganze Spaß. Und überhaupt, wenn man Versailles gesehen hat, ist das hier gar nichts. Hast du den Plaidriemen?«

 

Wir wollen die Komödie lassen. Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich bei Ihnen in München.

 

2

Ich hatte gehofft, daß Sie gleich abreisen würden nach dieser grotesken Szene, wo ich mich so hab anstrengen müssen zur Verteidigung meiner fünfzigjährigen Tugend!

Kind, Kind, sind Sie denn ganz des Teufels? War das wirklich notwendig? Sie haben nun wohl gelernt, daß es nicht gut ist, mit Brünnhilden anzubinden! Ware ich dreißig oder auch nur zwanzig Jahre jünger, so würde ich sittliche Entrüstung markieren – so hab ich nur ein Lächeln. Darum schreib' ich Ihnen ja auch noch – andere würden wahrscheinlich jede Verbindung abbrechen. Sie verirrtes Lämmlein Sie! Das ist's ja eben, daß ich lache, und Sie Kind meinten wirklich, ich würde Sie ernst nehmen, im Guten wie im Bösen?

Ich habe das an Ihnen so gerne gemocht, was eben so gar nicht modern war – die schrankenlose Hingabe an das Schöne, und daß Sie die Dinge ernst genommen haben, die mir ernst sind, denn es ist ein kurioses Gefühl für uns Künstler, daß das, was uns Leben ist, für euch nur »Unterhaltung« vorstellt. Für die sogenannten »ernsten« Menschen bleiben wir ja deshalb auch immer untergeordnete Menschenexemplare, obgleich wir in neuerer Zeit durch die Unsummen, die wir verdienen, uns auch die Hochachtung dieser Braven zu erwerben anfangen. Sie aber verwechseln Kunst und Künstler. Wenn ich jedem, dem mein Gesang gefallen hat, ein Recht auf mein Leben einräumen wollte – wohin käme ich? Junge Freunde, wie Sie einer sind, hab ich schon viele gehabt. Ich leugne nicht, daß diese Freundschaften in vielen Fällen dieselbe Wendung genommen haben, wie bei Ihnen. Sie haben sich dann aber auch zumeist besonnen und erkannt, daß sie mehr in die Gräfin Almaviva und Isolde, in die Interpretin Schubertscher und Brahmsscher Lieder verliebt waren, als in meine Wenigkeit. Glauben Sie also ja nicht, daß etwas in unserem Verhältnis zueinander mir neu ist und mich überrascht. Vielleicht, daß bei den anderen der Übergang von sanfter Schwärmerei zu anderen Gefühlen etwas weniger jäh war, wie bei Ihnen.

Ich hatte eine objektive Freude an Ihrer Jugend. Mir gefiel Ihr Lächeln. Ich liebe Gesichter, die gewinnen, wenn sie lächeln, und Menschen, die gewinnen, wenn man sie im Sommer in der freien Natur sieht. Die Menschen, deren Gesichter nur im Ernst annehmbar sind, und deren Wesen nur im Beruf akzeptabel, sind mir entsetzlich. Ihre »Sommerart« kenne ich nicht, aber Sie hatten ein jugendliches, gläubiges, freundliches Lächeln.

Seien wir uns doch klar über das, was wir voneinander wollen: Sie wollen durch meine Kunst aus der Alltäglichkeit herausgehoben werden, und ich will den Widerhall eben meiner Kunst in den Menschen kennen lernen. Das ist doch so klar – so einfach. Hab ich je etwas von Ihrem »Leben« gefordert? Hab ich je mit einem Wort nach Ihren privaten Angelegenheiten geforscht? Geben Sie mir, was ich verlange. Was Sie darüber tun, ist für mich wertlos.

 

Sie könnten mir auch böse Worte sagen, wenn Sie wollen. Sie können mir nicht einmal mehr weh tun, so still bin ich geworden.

Sie haben schon recht, ich bin nichts, ich hab nichts, was für Sie Wert haben könnte. Und daß Sie den Wert dessen nicht verstehen, was ich Ihnen zu geben hätte, daran ist Ihr Temperament schuld und Ihre Anlagen. So hoch hinauf wie Sie kommt man nicht ohne ein starkes Manko irgendwo. Sie haben schon recht. Ich muß büßen.

Wenn nur die große Müdigkeit nicht wär'. Was soll ich denn jetzt? Was wird aus mir? Das ist, wie wenn ein Reicher einem Bettler sagt: »Ja, warum ißt du dich denn nicht satt?« Und begreift halt nur nicht, daß der arme Teufel nichts hat, um sich satt zu essen.

Sie haben weder Mann noch Kind und sind doch nicht einsam oder haben's doch nie gespürt. Aber ich bin allein. Und wenn ich auch jeden Morgen sehr brav in mein Ministerium gehe – glauben Sie nicht auch, der Staat würde ohne mich bestehen können?

Alles würde ohne mich bestehen können – das ist's. Ein »nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden«. Das ist eine der traurigsten Phrasen, und wenn Sie mir die das nächstemal entgegenhalten wollen, tun Sie's, bitte, lieber nicht. Es gibt Menschen, deren ganzes Leben die Vorbereitung auf ein großes Etwas ist – und wenn es mit diesem Etwas nun schief geht, ist das ganze Leben nichts mehr nütz ...

Für Menschen wie mich wären materielle Sorgen eigentlich ein Segen. Denn für den, der um sein Brot zu kämpfen hat, ist alles andere nur ein Mittel zum Zweck, und der Zweck heißt »Leben« – und für mich ist das Leben nur ein Mittel – zu welchem Zweck? Mich dünkt, es ist noch nicht lange, da hab ich's gewußt. Jetzt weiß ich's nicht mehr.

In einem Roman würde solch ein Erlebnis irgendeine ungeheure Begabung auslösen. Als neuer Beethoven würde ich daraus hervorgehen. – In der Wirklichkeit kommt das nicht vor. Eine mittelmäßige Begabung wird nicht auf einmal groß, stark, tief. Höchstens, daß ich jetzt gar nicht mehr am Klavier sitzen mag, weil mir immer alle Lieder unter die Finger kommen – Ihre Lieder.

Das ist's eben, daß einer, der liebt, nicht begreift, nicht begreifen kann, daß es möglich ist, die Empfindung, die sein ganzes Leben ist, nicht zu erwidern. Wer sich im Tiefsten seines Wesens nie ganz an einen andern, Größeren hingegeben hat, der kennt das Leben nur halb. – Aber was soll das alles!

Bitte sehr! Ich will sehr gern der nette und liebenswürdige junge Mann sein, als den Sie mich haben wollen, der Ihnen sein gerüttelt und geschüttelt Maß »Verehrung« entgegenbringt, aber beileibe nichts darüber. Ein bißchen Cherubin und ein bißchen Hotelkurier – ist's nicht das, was Sie haben wollen?

Ich erbitte also weiterhin Ihre geehrten Konfidenzen. Ich werde sie mit dem größten Verständnis entgegennehmen. Ich werde über Kunstfragen mit Ihnen debattieren, daß es eine Freude ist. Sie sollen zufrieden sein.

– – – Wie hat es nur so zwischen uns werden können!

 

Wie häßlich Ihr Brief ausklingt, wissen Sie ja doch selber. Es ist darüber wirklich gar nichts mehr zu reden.

Wenn Sie mir nicht so leid täten, würde ich Sie ganz aufgeben. Aber Menschen meiner Art sind nicht dazu da, damit andere an ihnen zugrunde gehen. – Mir scheint gar, Sie möchten mir mit »Fatalismus« kommen? Ach, du lieber Gott, Fatalisten sind wir alle – das heißt, wir kennen alle das unabwendbare Ende: den Tod. Aber auf die Kleinigkeit, die dazwischen liegt, kommt es an ...

Wissen Sie eigentlich, daß ich unbeschreiblich neugierig bin auf den Augenblick meines Sterbens? Ich begreife so gut, daß man den Tod personifiziert. Mir will es gar nicht in meinen Vorstellungskreis, daß der Tod in mir ist. Ich vermute, ich werde, wie die meisten gesunden Leute meiner Generation, einmal an Verkalkung der Arterien zugrunde gehen. Also trüge ich den Tod schon in mir. Das verstehe ich nicht. Für mich muß er schwarzgekleidet zur Tür hereinkommen ...

Kennen Sie »Hoffmanns Erzählung«, diese Offenbachsche Musik, die Hoffmannischer ist, als der ganze E.T.A. selber? In ihr fand ich all das Grauen wieder, das mich bei der Lektüre der Hoffmannschen Bücher nun einmal nicht überkommen wollte. Entsinnen Sie sich des Doktor Mirakel, der mit seiner Geige das singende Mädchen zu Tode hetzt? Das ist Tod – alles andere nur wertlose Nachahmung ...

Sie werden wieder sagen, ich rede Kunst. Ich tu es absichtlich – ich bin wie einer, der krampfhaft redet, weil Schweigen noch schlimmer wäre. Kind, Sie tun mir ja so leid. Wenn ich denke, daß ich so hätte herumgehen müssen, mit solch einer Sehnsucht im Herzen.

Wissen Sie, daß ich einmal von einer Frau geliebt worden bin? Nicht in erotisch-perverser Weise, wie Sie vielleicht glauben, sondern sie fühlte sich von meiner Art ergriffen, liebte mich um meines Wesens willen, in dem alles war, was sie brauchte, was ihr fehlte. So oft ich in ihre Stadt kam, erhielt ich die herrlichsten Blumen – ach, wenn doch die Menschen wüßten, wie unempfänglich unsereiner im Lauf der Jahre für Blumenspenden geworden ist! – und Briefe schrieb sie mir, lange, geistreiche Briefe. Das ging so jahrelang. Einmal kam sie selbst – eine vornehme, blasse, schwarzgekleidete Frau in mittleren Jahren. Bat mich, beschwor mich um meine Freundschaft. Ich war ehrlicher als wohl die meisten anderen. Ich sagte ihr: Verehrte Frau, ich habe keinen Platz mehr in meinem Leben. Ich steh' im vollen Kampf, ich brauch' mich selbst, ich kann keine Zeit, keine Interessen verschwenden an Menschen, die ich nicht gerufen habe. Wenn doch die Leute endlich begreifen lernten, daß wir ihnen in der Öffentlichkeit alles geben, was wir ihnen zu geben haben, wenn sie nur nicht mehr von uns verlangten! Nach zehn Uhr abends wollen wir Privatmenschen sein, mit Privatgefühlen und einem Privatleben – das begriff sie nicht. Daß man in der Öffentlichkeit lebt, durch sie leben muß und sie doch fürchten, hassen und sie fliehen kann – das ist ein Widerspruch, aber nur ein scheinbarer, den die Menschen aus dem Publikum meistens nicht verstehen.

Seien Sie zufrieden mit dem Leben, wie es ist! Verstören Sie mir nicht das meinige. Ich mochte Sie so gerne, wie Sie anfangs waren. Und in mein harmonisches stilvolles geregeltes Leben paßte Ihr Wesen so gut hinein. Keine Mißklänge mehr, – ich bitte Sie darum.

 

Der Tod ist in der Welt, so fühlt' ich heut.
Er lag auf Wiesen grau und eingeschneit.
Das allbekannte »Leichentuch«
Trug deutlich der Verwesung Spuren:
Mir schien, als nah' aus weiter Fern ein Zug
Von beutegierigen Lemuren.
Der Himmel war so fahl und düstergrau,
Als bärg' er Schnee nicht – endlos düstern Regen

Auf allen meinen Wegen,
Solang ich leb, ich weiß es ganz genau,
Hab ich mit einem kokettiert: dem Tod.
So oft ein Schmerz die Seele mir vernichtet,
Bin ich in stiller Nacht zu ihm geflüchtet
Und hab geträumt, ich läg in Todesbanden,
Und bin getröstet wieder auferstanden.
Er war nicht so, wie Menschen ihn beschrieben,
Wie hold erschien er mir, wie treu, wie lieb!
Der einzge meiner Flirts, der treu geblieben,
Der einzge meiner Flirts, dem treu ich blieb ...

Jedoch in allem Ernst um ihn zu werben,
Dazu, ich sag es unverhehlt,
Hat immer mir der Mut gefehlt,
Ich werd' dereinst wohl ganz natürlich sterben.
Beugt einer dann sich auf mein Lager nieder,
Beschwert mit einer Münze meine Lider,
Dann sprechen meine angstverzerrten Züge,
Mein Antlitz, mein erblaßtes kampfentstelltes,
Und aus dem fahlen Munde schaurig gellt es:
Die Lieb' zum Tod – war meine Lebenslüge!

 

War das alles, was Ihnen der abnorm frühe Schnee zu sagen hatte?

Er ist in ein paar Stunden weggeschmolzen – wie das schon so ist bei Oktoberschnee. Aber Ihre Melancholie sitzt tiefer, und das tut mir von Herzen leid. Ich hab Sie lieb, Felix, wirklich.

Sie werfen mir Härte vor – Sie Kind, Sie wissen noch nicht, daß die wenigsten Menschen hart sind. Die meisten von uns sind nur indolent und bequem. Sie können das auf der Straße alle Tage beobachten. Wieviel mehr Almosen würden wir Frauen geben, wenn nur unsere Kleidertaschen leichter zu erreichen wären! – Das, was Sie meine Härte nennen, hat freilich nichts zu tun mit der gewöhnlichen Bequemlichkeit. Es ist der Wunsch nach Ruhe nach einem an Erregungen überreichen Leben.

Ich werde in diesem Jahre wieder nach Wien kommen, wie immer – ich werde in Ihrem Opernhause singen, das ich liebe, weil das ganze Haus nach Musik riecht – und Sie werden Ihren Tee bei mir trinken, wie alle Musikgrößen Ihrer Stadt es tun, und vielleicht kann ich auch für Ihre Lieder etwas tun. Kind, Kind, schlecken Sie doch an dem Stückchen Zuckerbrot, das ich Ihnen hinhalte – ich mein' es ja so gut mit Ihnen. Ich denke nicht daran, Ihrem Wahnsinn nachzugeben, etwas zu zerstören, was so ästhetisch, so fein, so anmutig ist. Sagten Sie nicht neulich, wenn auch in böser Laune, »Cherubin«? Wollen Sie nicht Cherubin bleiben und ich Ihre unerreichbare Gräfin, unerreichbar schon deshalb, weil Erreichen und Ernüchtern eins wäre?

Und dann: ich lebe mein Leben jetzt, wie ich leben muß – ich hab es mir so gezimmert unter tausend Entbehrungen und langjährigen Kämpfen. Was wissen Sie junger Herr aus gutem Hause von materiellen Sorgen, von oft und oft verletztem Ehrgeiz, bis endlich der Sieg doch kam? – Was ich jetzt lebe, ist, um es mit einer banalen Wendung zu bezeichnen, der Strahlenglanz eines Herbstabends. Ich bin klug und will ihn mir nicht selbst vernichten.

Und darum, mein lieber Junge, machen wir ein Ende. Ich werde Ihnen nicht mehr schreiben. Wir werden uns im Winter, in vier, fünf Monaten wiedersehen, und Sie werden Ihre Kinderei vergessen haben. Nein, ich tu Ihnen unrecht und mein's auch gar nicht so. Es ist keine Kinderei. Aber daran sterben werden Sie auch nicht. Wenn ich einst lange nicht mehr singe, und man einmal von mir spricht, werden Sie vielleicht nachdenklich sagen: Und sie hatte Gesang in sich – und vielleicht steigt dann mit der Erinnerung an das, was ich gesungen, auch ein wenig von dem auf, was Sie mit mir erlebt haben. Erlebt, trotzdem wir uns nur zweimal im Leben begegnet sind.

Seither begreife ich auch, was ich früher nie begriff: warum Dante Beatrice liebte, lieben mußte, obwohl er sie nur einmal sah – weil er sie nur einmal sah.

Ich grüße Sie, wie man Menschen grüßt, die für einen gelitten haben, und die man für ihre Leiden gerne hat. Ich lächle Ihnen mein bestes Lächeln zum Abschied zu – und wenn Sie hier wären, wüßten Sie, daß ich jetzt ans Klavier trete und meine schönsten Lieder singen will – für Sie.

 

Ich werde nicht daran sterben, meinen Sie?

Vielleicht gehe ich an »unglücklicher Liebe« zu Ihnen zugrunde. Aber das allein ist es nicht. Es kann auch einer daran sterben, daß ein anderer das ist, was er sein sollte ...

Gibt es überhaupt eine glückliche Liebe? Unter Durchschnittsmenschen vielleicht. Aber bei feineren Geistern scheint nur ein bestimmtes Quantum von Liebe vorhanden zu sein in zwei Schalen. Was hüben zu viel, ist drüben zu wenig. Ich habe meine Schale des edlen Weines allzuvoll gegossen, darum ist nichts mehr in der Ihrigen.

Sie haben wohl gespürt, wie gerade Ihre Kälte mich entzündet hat, wie meine Hingabe aufgeflammt ist an Ihrer stolzen Selbstherrlichkeit. Sie haben mein Bestes aus mir herausgerissen, aber als ich es in Ihre beiden schönen Hände niederlegte, da haben Sie sich hinter wohlwollender Mütterlichkeit verschanzt, sind mir mit »Vernunft« gekommen. Es war ein feiner Triumph, daß Sie an der Schwelle des Alters noch das Beste und Tiefste eines Menschen zu eigen bekommen haben. Und ich Narr weiß das alles, und Ihr Wesen hat mich doch so tief ergriffen, daß ich aus Ihrer Welt nun nicht mehr zurück in die meine finde.

Manchmal kommt es mir vor, als seien wir gar keine Menschen, als ständen sich in uns zwei Prinzipien, zwei Weltanschauungen einander gegenüber – ich ein Nichts, Sie die self-made-woman, das Genie, die Selbstherrlich-Gewordene. Und doch sind Sie die Dekadentere von uns beiden. Ich habe wenigstens noch die volle Kraft des ungebrochenen Gefühls.

Sie haben recht: Lassen Sie sich Ihr Leben nicht trüben durch die verrückte Leidenschaft eines armen Narren. Ich will Ihnen nicht Ihr Lied verstören. Ich werde mich ohne jegliches Trara empfehlen. Nichts Geschmackloseres als den letzten Appell des Scheidenden an die menschliche Gesellschaft: Weil ihr mir dies und das versagt habt, darum gehe ich. Nein – der gut erzogene Mensch soll still davon schleichen und es der Deutung seiner lieben Freunde überlassen, ob er wegen Schulden, wegen unheilbarer Krankheit oder vielleicht als Opfer eines amerikanischen Duells gegangen ist ...

Sie müssen mich nicht bedauern, weil ich schon fort will. Sie mögen die Neige nicht – ich auch nicht. Soll ich wirklich dafür leben, daß ich in drei Jahren vielleicht Vize-Sekretär werde und eine »gute Partie« mache? Das ist mir zu wenig.

So kraftlos, wie Sie meinen, bin ich nicht. So abfinden kann ich mich nicht mit der Welt. Ich bin glücklicher als andere, weil ich an einem Erlebnis zugrunde gehen darf. Wie viele sterben am Nichterleben!

Nennen Sie mich nicht schwach, feig, dekadent. Ich gehe lächelnd und leuchtenden Auges. Soll ich wirklich weiß Gott wie lange auf irgend einen dummen Zufall warten, auf ein Staubatom, das in meine Lunge kommt, auf einen Typhusbazillus, den ich mit einem Schluck Wasser trinke? – Je mehr ich mich selber kennen lerne und meine Empfindungen, desto freier und leichter wird mir. Als ich diesen Brief begann, beherrschte mich eine tiefe Verbitterung gegen Sie. Nun ich ihn beende, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit.

Es ist nicht wahr, daß Sie mir mein Leben nehmen. Sie haben es mir erst gegeben. Mögen Sie sein, wie Sie wollen. Daß ich aber nun hingehe und mich getraue, mein Leben wegzuwerfen, weil es mich nicht mehr freut, weil es nicht mehr zu mir paßt, das ist doch Ihr Werk. Und dafür danke ich Ihnen.

Es gibt Menschen, die nicht »lebensfähig« sind, und das sieht man ihnen äußerlich gar nicht an. Nur müssen sie sich auch klar darüber sein. Es gibt Leute – und die werden Sie nie verstehen – die sich beständig der Welt und den anderen gegenübersehen und fragen: Was bin ich? Was will ich? Was kann ich erreichen?

Wenn es mir gelungen wäre, durch mein Wesen so tief auf Sie zu wirken, wie Sie auf mich, dann wüßte ich vielleicht, was ich bin, was ich kann, was ich erreiche. Aber es ist nicht gelungen. Es scheint, ich habe nur die Wahl, als Träumer auf dieser Erde zu altern, der die Augen beständig nach dem Ideal verdreht – oder als kühler Hofrat mit Karrieresorgen. Beides mag ich nicht.

Ich möchte noch einmal alles Liebe und Schöne finden, daß ich Ihnen sagen könnte. Sie wollten einen Spiegel an mir haben, einen Reflex Ihrer selbst. Vielleicht gibt Ihnen mein Wesen nun doch einen Begriff davon, wie stolz, wie klug, wie schön Sie sind, und wie Sie sich der Seelen zu bemächtigen verstehen.

Schönbrunn ... das Schloß ist still, die verschnittenen Hecken kahl, die Gloriette, feinziseliert wie der Kamm einer Frau, verschwimmt mit ihrem Hintergrunde in ein feines Grau. In den rotblonden Herbstbäumen rauscht es leise. Auf dem Regenwasser in den Furchen am Boden schwimmen braune Blätter.

Der Großstadtlärm kommt nur ganz gedämpft hierher, ganz von ferne. Hier und dort geht ein Burggendarm auf und ab, ein schöner junger prachtvoller Kerl, und bemüht sich, sein Gähnen zu verbergen. Die edlen und kostbaren Tiere in der Menagerie haben sie schon hineingetan. Nur ein paar Wölfe laufen im Käfig auf und ab, ein paar Bären schreiten zwischen den Gittern herum, schwer, gleichmäßig, ruhelos.

Es ist sehr still in den Alleen um die Mittagstunde. Hie und da ein alter Pensionist, der seine Zeitung zusammenfaltet und nach Hause humpelt. Ein paar Kinder vielleicht noch, müde, blasse Vorstadtkinder. Die Sonne ist bleich und grau. Auf dem Wasser der steinernen Brunnen liegt grüner Tang.

 

Und die Wölfe im Käfig heulen leise auf, wenn in der Ferne irgendwo im Gebüsch ein Schuß fällt.

 

Ende

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