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Die Liebende

Therese Rie: Die Liebende - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorTherese Rie
titleDie Liebende
publisherS. Fischer, Verlag
year1914
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Die Spießbürgerin

Elisabeth ging ihren gewohnten Nachmittagsweg, ihr Töchterchen von der Schule abholen, und auch ihre Gedanken gingen auf gewohnten Wegen: daß das Fleisch wieder teurer werden würde, wie der Fleischhauer versichert hatte; daß die Dienstboten doch immer frecher würden; daß ihr dunkelblaues Kostüm vielleicht noch ginge, wenn es ein neues Futter bekäme, aber modern würde es doch nicht mehr. Dann schweiften ihre Gedanken einen Augenblick lang zu Lady Rowena Springfield, die in der Romanfortsetzung (aus dem Englischen) des heutigen Abendblattes ihrem Gatten hochaufgerichtet zugerufen hatte: »Elender, meine Rache an dir ist bereits vollzogen!« Da hier die Fortsetzung abbrach, mußte man leider bis morgen warten, ehe man erfuhr, was Lady Rowena ihrem Gatten eigentlich angetan hatte. Und von da glitten Elisabeths Gedanken zu ihrem eigenen Mann, und sie fand, daß der Professor wieder nervöser und verträumter war denn je, und daß er sie schon lange über Gebühr vernachlässigte. Wie Elisabeths Gedanken aber den gewohnten Rundgang abhalten und wieder zum Fleischer zurückkehren wollten, wurde sie gewahr, daß der Blick eines Mannes sich auf sie richtete.

Es war ein langer bewundernder Blick. Es erfüllte Elisabeth fast unbewußt mit Genugtuung, daß er gerade in einem Augenblick kam, in dem sie sich über die Gleichgültigkeit ihres Mannes beklagen zu müssen glaubte. Sie fühlte einen Moment lang die Vorzüge ihrer Person: obgleich zu derb um schön zu sein, war sie doch groß und üppig gewachsen, hatte goldenes Haar und sehr frische Farben. Als Mädchen hatte sie bei einem festlichen Aufzuge einmal eine Germania dargestellt, und bei dieser Gelegenheit hatte sich der Professor in sie verliebt. Das war nun acht Jahre her, aber er war schließlich einmal doch in sie verliebt gewesen wie sie in ihn, und in ihrem einfachen Sinn dachte Elisabeth, daß so etwas zwischen Eheleuten eben bestehen bleiben müsse.

Sie trat in eine Pfaidlerei und kaufte eine Rolle Zwirn, und wie sie herauskam, merkte sie, daß der Fremde ihr gefolgt war und ihr auch jetzt noch folgte. Das machte sie verlegen und sie fühlte selbst, wie ihr Gang ungeschickt wurde. Daß einer ihr »nachstieg«, war ihr schon passiert, aber diese Hartnäckigkeit überraschte sie doch. Sie ging sehr rasch und kam zu früh vor die Schule, wo sie noch ein paar Minuten warten mußte. Der Herr stellte sich ihr gegenüber auf die andere Seite des Fahrwegs und betrachtete sie unaufhörlich aber diskret. Nun mußte auch sie ihn ansehen, ob sie wollte oder nicht. Er sah gut aus. Mittelgroß, schlank, mit hellgrauen Augen, die seltsam zu den sehr schwarzen Wimpern und Brauen kontrastierten. Eine etwas grell lila Krawatte stand gut zu dem olivenfarbenen Teint und dem dunkeln Schnurrbart. Er trug sich elegant und hatte sogar ganz neue hellgelbe Handschuh an, wobei sich Elisabeth mißvergnügt erinnerte, daß ihre eigenen Zwirnhandschuhe an den Spitzen mehrfach gestopft waren.

Die Schulglocke läutete, die Kinder kamen paarweise heraus, und die kleine Mizl stürzte der Mutter an den Hals. Nun verschwand auch ihr Verfolger, aber Elisabeth war doch noch so mit ihrem Abenteuer beschäftigt, daß sie zu Hause ihrem Gatten gleich beim Eintreten zurief: »Denke dir, heut ist mir einer nachgestiegen!« Der Professor zuckte zusammen, wie immer, wenn er tief in seiner Arbeit stak und man ihn unvermutet anrief. Elisabeth hatte ihm gleich noch etwas Interessantes mitzuteilen: »Was sagst du nur, das Fleisch wird schon wieder teurer?« Und als er auch darauf nicht reagierte, spielte sie ihren letzten Trumpf aus: »Die Mali hat heut wieder eine Kaffeetasse zerschlagen! die dritte in einer Woche. Na, ich hab ihr auch gekündigt. Was man heutzutag mit den Dienstboten für ein Kreuz hat!« Der Professor regte sich noch immer nicht. Er starrte nur gequält in sein Manuskript, als könnte er nicht erwarten, daß sie fertig werde. »Schrecklich, so ein Mann, der sich für gar nichts interessiert!« dachte Elisabeth geärgert und ging in die Küche.

Sie dachte an sein feines, über die Bücher gesenktes Profil und seufzte. Ihr Mann gefiel ihr immer noch besser als alle anderen Männer, aber es war doch traurig, daß er, der unbesoldete außerordentliche Universitätsprofessor mit seinen geringen Kollegiengeldern, seinen paar schriftstellerischen Arbeiten und einigen Privatvorlesungen so karg verdiente, daß sie leben mußten, wie ganz kleine Leute. Wenn sie an ihre Schwester dachte, die einen reichen Materialwarenhändler in Linz geheiratet hatte! Freilich, ihr Professor gefiel ihr tausendmal besser als der dicke Materialwarenhändler. Nur, daß er sie nicht mehr ansah ... Warum nicht? Sie war doch eine junge fesche Frau und wirtschaftlich und häuslich! Was wäre er, der Zerstreute, Verträumte geworden ohne sie! Daß sie sich für seinen ägyptischen Kram nicht interessierte, hatte er immer gewußt, sie hatte es ihm bei der Verlobung gleich gesagt, und er hatte gelacht. Ach was! Sie trug die Jause hinein und rief mit ihrer vergnügten lauten Stimme: »Der Kaffee ist fertig! Ganz ein frisches Kaffeetscherl!«

Der Professor machte wieder sein gequältes Gesicht: »Schau Kind – du siehst doch, daß ich über einer schweren Arbeit bin! Stör mich doch nicht immer!« sagte er mit einer Sanftmut, der man anhörte, daß sie erkünstelt war. Dieser Ton – wie man zu einem unvernünftigen Kinde spricht, das für seine Taten nicht verantwortlich ist –, ärgerte Elisabeth viel mehr als ein heftiger Ausbruch. »Dann kriegst du ihn halt kalt,« sagte sie zornig und ging in die Küche. Dort setzte sie sich an den Tisch und bröckelte eine Semmel in ihre Tasse ein. Kaffeetrinken ist etwas sehr Wichtiges. Wenn einem der Kaffee nicht mehr schmeckt, das ist schon das letzte, pflegte ihre verstorbene Mutter zu sagen.

Die Wohnung des Professors bestand nur aus Eß- und Schlafzimmer, woran sich ein Kämmerchen schloß, in dem Mizl schlief. Das Eßzimmer diente zugleich als Arbeitszimmer des Professors und durfte, einer Vereinbarung gemäß, nur zu den Mahlzeiten von den andern benutzt werden, sonst mußte er ungestört bei seiner Arbeit bleiben können. Aber heute machte es Elisabeth ein boshaftes Vergnügen, fortwährend ab und zu zu gehen, im Büfett zu kramen und mit dem Porzellan zu klirren, weil sie sah, wie zornig ihr Mann darüber wurde. Er sagte nichts, aber nach einer Weile stand er auf: »Ich gehe heute abend noch in den wissenschaftlichen Verein.« Und wirklich, er ging. Elisabeth stand fassungslos. So war er! Und wenn nicht eben die Hausmeisterin gekommen wäre, sich beschweren, daß man heute früh bei Professors wieder das Staubtuch zum Fenster hinausgebeutelt habe, wer weiß, was noch geschehen wäre. So ergoß sich ihr Zorn gegen die Hüterin des Hauses, die zwar im Recht war, aber das durfte man sie nicht merken lassen. Sonst wird man mit solchen Leuten niemals fertig.

Am nächsten Morgen, als sie Mizl in die Schule führte, geschah etwas Merkwürdiges: »Er« war wieder da. Er stand vor ihrer Haustür, als ob er nichts auf Erden zu tun hätte, als auf sie zu warten. Solange sie mit dem Kinde war, hielt er sich in respektvoller Entfernung. Kaum aber hatte sie es in der Schule abgeliefert, da hörte sie seine Tritte knapp neben sich. Rasch schritt sie dem nahen Marktplatz zu. Sie pflegte immer selbst einzukaufen, die Dienstboten machen sich ja doch nur »Körberlgeld«. Aber seine Nähe bedrängte sie, und die Marktfrauen hätten eigentlich Ursache gehabt, sich zu wundern, daß die Frau Professor, die sonst so stark im Herunterhandeln war, heute die Preise ziemlich vorbehaltslos akzeptierte. Als sie sich mit ihrer gefüllten Wachstuchtasche nach Hause wandte, hörte sie seine Stimme neben sich: »Gnädige Frau!« und immer flehender: »Nur ein Wort, verehrteste gnädige Frau!«

Aber Elisabeth wandte sich nicht. Verfolger bringt man am besten durch Ignorieren zum Schweigen, das wußte sie, und eine ehrbare Bürgersfrau wie sie, hatte zu ignorieren. Ihr war's, als höre sie ihn noch auf der Treppe, als sie ihre vier Stock hinauflief. Hochaufatmend und erhitzt warf sie die Tür ins Schloß.

Eigentlich wollte sie dem Professor ihr Abenteuer gleich erzählen, aber er war so ungenießbar, daß sie es lieber unterließ. Kaum hatte sie die Bluse gewechselt und die Küchenschürze vorgebunden, da klingelte es. »Nicht aufmachen!« wollte sie der Mali zurufen, aber es war schon zu spät. Die Mali kam zurück. »Ein Dienstmann hat einen Brief für die gnä' Frau bracht,« sagte sie. Elisabeth riß das große, blaßgrüne, stark parfümierte Kuwert auf und las: »Gnädige Frau! Ich kenne meine sträfliche Vermessenheit, aber ich folge einem so übermächtigen Drang, daß ich weiß: Sie werden verzeihen. Ich will und begehre nichts von Ihnen als das eine: lassen Sie mich einmal zu Ihnen sprechen. Mißfällt Ihnen mein Wort, so will ich für immer aus Ihrer Nähe verschwinden. Ich werde auf Sie warten und von Ihrem Antlitz ablesen, ob ich zu Ihnen sprechen darf. Oh, stoßen Sie mich nicht zurück! Der Ihre

A. B.«

Als Elisabeth den Brief zu Ende gelesen hatte, war sie so verwirrt und unruhig, daß sie beschloß, das Kind vormittag durch die Mali aus der Schule holen zu lassen. Übrigens hätte sie auch gar nicht fortgehen können, denn ihre Schwester – sie hatte nur zwei – kam zu Besuch.

Diese Schwester, die an einen Steuerbeamten verheiratet war, fühlte sich sehr stolz auf ihren gelehrten Schwager und trachtete bei jeder Gelegenheit in seiner Gesellschaft zu sein. So ließ sie sich auch heute im Eßzimmer nieder, obwohl oder vielmehr weil sie wußte, daß er da arbeitete, und bezog ihn fortwährend in die Konversation ein. Der Professor, der viel zu wehrlos war, um anders als höflich und geduldig zu sein, ließ den Redestrom zerstreut über sich ergehen, und nur einmal schien es, als ob, er aufmerksamer würde, das war, als die Frauen von der bevorstehenden Ehescheidung einer Kusine sprachen. Sie verdammten dieses Verfahren in Grund und Boden: was beisammen sei, solle beisammen bleiben. Aber der Professor sagte: »Wenn man erkannt hat, daß man nicht zueinander paßt, soll man auseinandergehen« – er sagte es gegen seine sonstige unbestimmte Redeweise so dezidiert, daß Elisabeth einen Moment lang stutzte. Ihr fiel ein, daß sie vor ein paar Wochen schon einmal über dieses Thema gesprochen hatten, und der Professor eine ähnliche Äußerung getan hatte. Nur beachtete sie's damals nicht – wie's denn überhaupt eine Eigentümlichkeit von ihr war, daß ihr die meisten Dinge erst hinterher auffielen. Sie dachte einen Augenblick: Will er sich am Ende von mir scheiden lassen? Ihr Blick glitt über sein feines, unentschlossenes blasses Gesicht. Da war sie beruhigt – er war nicht der Mann dazu, abgesehen davon, daß sie ihm ja niemals die geringste Ursache zu solchen Wünschen gegeben hatte. Er fürchtete alles, was laut war, viel zu sehr, um an derartiges zu denken.

Nach Tische brachte der Professor, der auf die Hofbibliothek ging, das Kind meist zur Schule und Elisabeth tat ein Schläfchen, denn sie war müde vom Frühaufstehen und der häuslichen Arbeit des Vormittags. Es war dann ganz still in der Wohnung, nur aus der Küche klang das leise Geklapper des Geschirrs, das die Mali abwusch. Heut aber schlief Elisabeth nicht. Etwas lag in der Luft, das sie erregte, sie wußte selbst nicht, was. Sie ging ein wenig früher fort als sonst, in dem Bedürfnis nach Licht und Sonne. Wie sie hinunter kam, stand Er da.

Er näherte sich ihr und zog mit äußerster Höflichkeit den Hut. »Gnädige Frau, ich kenne meine Kühnheit. Aber ich bitte Sie, mich nur ein einziges Mal anzuhören. Sie brauchen kein Wort zu sprechen. Nur mich zu hören.«

»Was wollen Sie eigentlich?« fragte Elisabeth unfreundlich, aber gegen ihren Willen halb überwunden.

»Es ist schwer zu erklären. Gnädigste, was mich zu Ihnen hingezogen hat. Zuerst war es wohl Ihre frische Frauenschönheit. Aber es ist noch etwas anderes. Ich bitte Sie zu glauben, daß es kein gewöhnliches Straßenabenteuer ist, das Sie mit mir erleben, keines von denen, die Sie sicherlich und mit Recht verachten. Jemehr ich Sie beobachte, desto mehr muß ich Sie verehren. Ihre frische lebensfrohe Tüchtigkeit, Ihr sorgendes hausfräuliches Wesen ...«

Er sprach weiter und Elisabeth hörte zu. Endlich einer, der mich schätzt, wie ich bin, dachte sie nicht ohne Genugtuung. Er ging jetzt neben ihr, und sie konstatierte mit Befriedigung, daß sie größer war als er. Übrigens war sie auch größer als der Professor, der sich noch dazu gebückt hielt. Er sprach ihr von seiner Einsamkeit, daß er eltern- und geschwisterlos aufgewachsen und immer voller Sehnsucht nach echter Weiblichkeit gewesen sei. Auch seinen Namen nannte er ihr: Anton Brückler. Als sie in die Nahe der Schule gekommen waren, küßte er ihr voll Devotion die Hand. »Sie sind eine edle Frau. Sie haben ein gutes Werk getan.«

»Aber ich bitt' Sie,« sagte Elisabeth verlegen. Das Ausbleiben der erwarteten Frechheit brachte sie ganz um die abwehrende Haltung, die sie hatte annehmen wollen. »Und nun bitte ich Sie um eins,« sagte er. »Darf ich morgen wieder ...« Elisabeth machte eine ablehnende Bewegung, er hob die Hände: »Nur so wie heut – nichts als eine Viertelstunde des Beisammenseins mit einer schönen, guten und klugen Frau.«

Da schwieg sie, aber sie fühlte, daß ihr Schweigen keine Abwehr war.

»Komisch,« dachte sie, »gestern früh hab ich noch nicht gewußt, daß ein Anton Brückler lebt und heute – heut hab ich so was wie ein Abenteuer!« Und sie fühlte, daß sie sich eigentlich dessen freute. Am nächsten Tag war er wieder da und so immer, zweimal des Tags, so oft sie allein ausging und das geschah nur, um Mizls Schulweg zu machen. »Ja, haben Sie denn kein Geschäft, daß Sie so viel Zeit haben?« fragte sie. Da lächelte er. »Ich bin Ministerialbeamter – da ist's nicht so gefährlich mit der Arbeitszeit.«

Erst sprach er ganz allein, in seinem vertrauensvoll verehrenden Tone, der sie zuerst kaptiviert hatte. Nie riskierte er eine Annäherung, nur einmal brachte er ihr ein paar Rosen. Bald fing auch sie an, ihm Vertrauen zu schenken. Sie hatte ohnehin keine Freundin, niemanden, der sie verstand. Brückler hatte Sinn für die kleinen Kümmernisse des häuslichen Lebens, er sehnte sich danach und bewunderte ihr Walten, ihre Umsicht, ihre Sparsamkeit. Übrigens kannte er den Professor, er hatte ihn einmal im Hause einer Frau Stefani, einer Malerswitwe, getroffen.

Es waren erst ganz wenige Tage, daß Elisabeth ihren neuen Freund kannte, und doch schien es ihr eine lange Zeit und die Tage waren merkwürdig reich geworden. Sie freute sich jetzt schon auf die Spaziergänge, die sie lange über den Schulweg hinaus ausdehnten und immer durch andere Straßen machten, daß die Leute nichts zu reden bekamen, denn darauf hielt Elisabeth. Einmal beklagte sie sich sehr über ihren Mann, und Brückler gab ihr recht. »Was weiß dieser verschlafene Gelehrte, was er an Ihnen hat! Sie verbringen Ihr ganzes Leben, ihm das seine angenehm zu machen und er merkt es nicht einmal!« – »Das ist wahr,« sagte Elisabeth und seufzte. »Oft mein' ich, er denkt überhaupt an eine andere.« – »Kann schon sein,« sagte Brückler und lächelte. – »Wie, Sie wissen etwas?« rief Elisabeth. – »Ich weiß gar nichts,« sagte Brückler vielsagend. »Ich weiß nur, daß Edith Stefani sehr für ihn schwärmt. Manche sagen, sie ist ernstlich in ihn verliebt.« – »In meinen Mann!« sagte Elisabeth entrüstet.

Sie hörte den Namen Stefani nicht zum erstenmal. Frau Stefani war ein Schöngeist, schwärmte für Altertumskunde, und viele Gelehrte und Künstler trafen sich in ihrem Hause. Der Professor ging zuweilen hin, aber Elisabeth war nie mitgekommen, ihr war das viel zu fad. Aller Verkehr ihres Mannes langweilte sie, und sie hielt sich ihn vom Halse. Sie hätte gern mit ein paar feschen lustigen Ehepaaren verkehrt, mit denen man abends auf ein Glas Bier oder in ein Kaffeehaus geht oder Sonntags einen Ausflug macht nach Rodaun oder in die Wachau. Davon aber wollte wieder der Professor nichts wissen und so lebten sie ganz zurückgezogen.

»Ist die Stefani schön?« fragte Elisabeth. – »Nein, aber interessant. Und ganz hart, stählern, gewissenlos. Was sie will, erreicht sie,« sagte Brückler. »Glauben Sie, daß sie meinen Mann will?« fragte Elisabeth. »Wer weiß?« sagte Brückler ernst, aber Elisabeth lachte ein übermütiges Lachen: »Sie soll's halt probieren.« – »Hat er jemals von Scheidung zu Ihnen gesprochen?« fragte Brückler weiter. – »Ja – nein – ich weiß nicht,« sagte Elisabeth unsicher. Ihr fiel seine Haltung bei solchen Anlässen ein, und sie wußte nicht, was davon denken. »Eine gescheite Frau sollte einem Mann da eigentlich zuvorkommen,« sagte Brückler wieder – merkwürdig ernst. Elisabeth sah ihn an: »Fallt mir gar nicht ein,« sagte sie trotzig. Und dabei dachte sie sich: »Natürlich, das möcht' dir passen, wenn ich mich scheiden ließ!«

Brückler zuckte die Achseln und ging auf etwas anderes über. Er bewunderte Elisabeths neue Bluse, die sie selbst geschneidert hatte, das hörte sie gern. Sie erzählte des Langen und Breiten, wie sie den Stoff in einem Ausverkauf besonders billig erstanden habe, und daß die Spitzen von einem ganz alten Kleide stammten, die wie neu geworden waren, als sie sie mit Benzin geputzt hatte. Dann blieben sie vor einem Modegeschäft stehen und besichtigten mit Sachkenntnis die ausgestellten Waren. Ob man so ein bescheidenes Vergnügen jemals mit dem Professor hätte haben können!

Ihr Standpunkt veränderte sich überhaupt. Die paar Frauen, mit denen sie verkehrte, und auch ihre Schwester, fing sie langsam an, als Spießbürgerinnen zu taxieren. Wie bei ihr waren auch da die Männer mit der Zeit gleichgültig geworden, aber diesen Frauen war es nicht geglückt, sich einen so feurigen Bewunderer ihrer Reize anzuschaffen, wie es Elisabeth verstanden hatte. Sie merkte, daß auch er langsam ein anderer wurde, und sie duldete es schweigend; auf einsamen Parkwegen riß er manchmal ihre Hand an seine Lippen. Und dann folgte einmal ein Kuß ...

Sie hätte nicht sagen können, ob sie ihn liebte, aber ihr junges, warmes Blut stürmte zu ihm. Der Professor erschien ihr noch immer klüger, feiner, sympathischer. Aber er machte sich nichts aus ihr, ja oft schien sie ihm geradezu unangenehm zu sein, und der andere begehrte sie. So kurz war die Zeit, da sie ihn kannte! Und schon war er so fest in ihrem Leben drin!

Im Grunde wußte sie nichts von ihm. Weder wo er lebte, noch wie er lebte. Er hatte ihr unbestimmte sentimentale Sachen aus seinem Leben erzählt, aber nie etwas Wirkliches, Eigentliches. Sie nannte ihn du und Toni und wußte seine Adresse noch nicht und nicht wer seine Freunde waren.

Als er sie das erstemal darum bat, daß sie ihn in seiner Wohnung besuchen möge, stieß sie ihn zornig zurück: »Was denkst du von mir?« Sie ging früher nach Hause als sonst. Vor der Türschwelle lag das Abendblatt. Sie hob es auf und plötzlich fiel ihr ein, wie lange sie sich nicht mehr um Lady Rowena Springfield gekümmert hatte. Sie sah den Roman an, aber es hatte inzwischen ein neuer begonnen, und sie würde nun nie mehr erfahren, was aus Lady Rowena geworden war. Was tat's, da ihr eigenes Schicksal nun erfüllt war von wunderbaren und romanhaften Dingen!

Aber der Gedanke an Frau Edith Stefani quälte sie doch. »Ich möchte sie einmal sehen,« sagte sie, als Toni wieder den Namen nannte.

»Nichts ist einfacher. Sie besucht alle Vorlesungen deines Mannes. Da müßtest du sie eigentlich schon gesehen haben.«

Elisabeth sah ihn erstaunt an. »Ich? Ich geh doch nie hinein, das ist mir viel zu fad. Aber heut liest er. Gehen wir, willst du?«

Als Braut war sie einmal in einem Kolleg ihres Bräutigams – damals war er noch Privatdozent – gewesen und hatte sich so grausam dabei gelangweilt, daß sie sich mit Wonne hinter den Waschtrog verschanzte, als er sie in ihrer jungen Ehe manchmal fragte, ob sie mit wolle. Dann ließ er es natürlich sein.

Der Professor wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er heut seine Frau im Hörsaal erblickt hätte, aber bei seiner Kurzsichtigkeit sah er nicht bis in die dritte Reihe, und Elisabeth und Toni hielten sich ganz rückwärts.

»Wo ist die Stefani?« fragte Elisabeth leise. Brückler deutete auf eine Frau ganz vorn. Sie wandte sich um, Elisabeth konnte sie sehen. Eine schlanke, blasse, brünette Dame in mittleren Jahren, sehr klug aussehend und sehr energisch. »Ich bin hübscher,« dachte Elisabeth.

Ihr Mann kam herein, und die Studenten standen auf. Deutlich konnte sie sehen, wie sein Blick und der der Stefani sich trafen. Was er las, beachtete Elisabeth nicht, sie hätte es auch nicht verstanden. Aber dieses Einverständnis zwischen ihm und der Frau ärgerte sie furchtbar. Einen Augenblick dachte sie, ob sie nicht nach der Vorlesung auf ihn zustürzen sollte und Skandal machen. Aber sie kannte ihn: da wäre sie für immer fertig gewesen bei ihm.

Ein wilder Zorn kam über Elisabeth. »Oho,« dachte sie, »das ist die Gefährtin, die Seelenfreundin! Unsereiner rackert sich ab, und zu der geht er dann, sich erholen, Gedanken austauschen!« Mit einemmal erschien sie sich als Märtyrerin schwerer Hausarbeit, als Opfer der täglichen Bequemlichkeit ihres Gatten. Sie sah ihn an. Der konnte eine fremde Frau bis zur Leidenschaft reizen? Dieser müde, verträumte, temperamentlose Büchermensch? Und doch gab es eine Zeit, sie entsann sich ganz genau, wo auch sie ihn mit aller Heftigkeit geliebt hatte. Irgend etwas lag wohl in seinem Lächeln, im Klang seiner immer verschleierten Stimme, etwas Schutzsuchendes, etwas, das man lieben mußte. Da drehte sich die fremde Frau ganz herum. Ihr Auge schien Toni zu grüßen, der diskret den Kopf neigte, dann heftete es sich fest auf Elisabeth. Die hielt dem Blick nicht stand. Etwas wie Verderben sah sie aus dem Auge der andern an, etwas bei dem es ihr kalt über den Rücken hinabkroch – dann wandte die Stefani den Kopf wie verächtlich herum, als habe sie erkannt, daß die Gegnerin ihr nicht ebenbürtig sei. Kein Zweifel, sie wußte, wer sie war. Da stieg es in Elisabeth auf, wie sinnlose Wut. Sie war keine, die man hintergeht, die man betrügt und verschmäht. Zum Glück lag die Rache in ihrer Hand.

»Gehen wir zu dir,« stieß sie hervor, als sie mit Brückler die breite Marmortreppe hinabging.

»Wie meinst du?« fragte er überrascht.

»Gehen wir zu dir – hast du mich nicht erst gestern darum gebeten? Heut will ich – also komm.«

»Heut geht's nicht,« sagte er verlegen. »Es tut mir furchtbar leid – aber ich bin Junggeselle, es ist nichts bereit. Aber morgen – morgen gern!« Und er küßte ihr feurig die Hand.

Wie Elisabeth aber nach Hause kam, in die bürgerliche Atmosphäre zurück, die ihr Lebensluft war, tat ihr ihr Versprechen schon wieder leid. Am liebsten hätte sie abgeschrieben. Wäre der Professor an diesem Abend herzlich und warm zu ihr gewesen, wie in den ersten Ehejahren, so wäre nichts geschehen. Aber er war es nicht und Elisabeth fühlte ihren Trotz wachsen.

Am nächsten Tag überlegte sie, was sie wohl anziehen sollte. Obwohl keinerlei französische Romane in ihren Gesichtskreis gedrungen waren, sagte ihr ihr weiblicher Instinkt etwas von einer toilette de circonstance, von Spitzen und zartfarbigen Bändern. Und all ihre eigene Wäsche war grob, leinen, trostlos nüchtern. Aber etwas für diese Gelegenheit – diese einzige Gelegenheit, sagte sie sich, – neu anzuschaffen, verbot ihr ihr sparsamer Sinn. Auch war es schon zu spät und sie sagte sich, daß ihr schönes Haar, ihr gesunder, sauberer Körper Zier genug seien. Im Grunde hatte sie wenig Lust zu gehen, aber Ärger, Eifersucht, Neugier und die geweckten Sinne zogen sie doch.

Als ob das Schicksal es nicht wolle, so geschah unmittelbar vor ihrem Fortgehen vieles, das ihr den Gang schwer machte. Der Professor sprach plötzlich lieb und freundlich mit ihr. Mizl hing sich an ihren Hals und wollte sie nicht fortlassen. Es begann zu regnen. Und als sie endlich in der Elektrischen saß, entstand plötzlich eine Verkehrsstörung, die eine nicht unbeträchtliche Verspätung im Gefolge hatte.

Als sie in seine Wohnung – ein Hochparterrezimmer auf der Wieden – kam, eilig und erhitzt, trat Toni ihr mißmutig entgegen. »Aber so spät!« und er sah auf die Uhr.

»Hast am End' noch was vor?« fragte Elisabeth, die einen feurigen Empfang erwartet hatte, beleidigt und spitz.

»Aber ich bitt' dich! Das mußt du doch selbst einsehen. Wenn man so lang und so sehnsuchtsvoll wartet, wird man halt nervös ...«

Sehnsuchtsvoll klang der Ton aber eigentlich nicht, eher nüchtern und geschäftsmäßig. Elisabeth wollte ihr Abenteuer genießen, wollte dieses etwas dumpfige Zimmer mit seinen Öldrucken, den vielen Teppichen, den Papierfächern und dem etwas aufdringlichen Parfüm inspizieren, aber er war sehr ungeduldig. So eilig hatte er's, daß er ihr gar nichts von den Süßigkeiten anbot, die auf einem Tischchen bereit standen, und von denen Elisabeth gerne gekostet hätte. Sie fühlte sich im Grunde nicht erregt. Wie bei den meisten Bürgersfrauen war mit der Tatsache, daß sie zu ihm gekommen war, daß sie sein Milieu nun kannte, der Hauptreiz der Sache nun vorbei. Aber er drängte sie in fast brutaler Eile. »Im Grunde liebe ich ihn gar nicht,« dachte sie, während er sie küßte, ganz nüchtern – »im Grunde ist mir mein Mann viel lieber ...«

Da geschah etwas Entsetzliches. Sie hörte die Stimme ihres Mannes. Sie glaubte zu träumen, aber sie hörte sie. »Aufmachen!« schrie es draußen. »Aufmachen! Oder wir sprengen die Türen ...«

Das war ihres Mannes Stimme – heiser vor Erregung, wie sie sie noch nie vernommen, aber sie war es doch. Erst konnte sie nicht sprechen vor Entsetzen, wie man's im Traum oft nicht kann, dann fand sie endlich ihre Stimme wieder. »Nicht!« schrie sie und klammerte sich an Toni. »Nicht aufmachen! Um Gottes willen nicht!«

Aber Toni stieß sie von sich. In seinem blauseidenen Pyjama riß er sich los von der jammernden Elisabeth und eilte zur Tür. Sie sprang ihm nach, im Hemd, mit bloßen Füßen, das Haar offen, wie sie eben war. Die Tür, an der sie noch eben gedonnert hatten, flog auf, der Professor stand draußen, ein fremder Herr neben ihm. Elisabeth fing laut zu schreien an.

Der Professor zitterte am ganzen Körper. »Elende!« schrie er heiser, »Elende!« Er stürzte auf sie los und wollte sie schlagen, Toni und der fremde Herr hielten ihn an den Armen zurück.

Elisabeth hörte mit halbem Ohr auf die Schmähreden ihres Mannes, die sich über sie ergossen. »Warum bin ich eigentlich da?« dachte sie. »Was mach ich hier?« Sie hatte sich die Bettdecke fest um den Körper gelegt, denn sie genierte sich besonders vor dem fremden Herrn. Der stand da, ruhig, fast fachkundig, betrachtete das Zimmer, musterte Elisabeth in ihrem Negligé und Toni, der sich ganz in eine Fensternische zurückgezogen hatte. Als er sah, daß die Erregung den Professor fast umwarf, klopfte er ihm wohlwollend auf die Schulter. »Es ist genug,« sagte er, »was wollen Sie noch andern?« – Der Professor sah auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sie haben recht,« sagte er, »da ist nichts mehr zu ändern. – Du gehst zu deiner Schwester,« sagte er zu Elisabeth. »Ich schicke dir meinen Advokaten. Der soll alles mit dir ausmachen.« Er wollte nun auf Toni los, aber der fremde Mann flüsterte ihm was ins Ohr. Mit einer Gebärde des Ekels wandte sich der Professor ab, dann gingen sie.

Elisabeth starrte ihnen nach wie im Traum. Das Unerhörte, Furchtbare dieses Erlebnisses war noch immer nicht Wahrheit für sie. Sie wunderte sich nicht einmal. Weder darüber, wie der Professor hergekommen war, noch über die Anwesenheit des fremden Herrn, noch über Tonis passives Verhalten. Toni besonders war aus ihrem Bewußtsein wie ausgelöscht.

Er wandte sich endlich zu ihr – mehr mitleidig als erregt oder entsetzt. »Komm, mach dich fertig, hier kannst du ja nicht bleiben. Ich bring' dich zu deiner Schwester.«

Zum erstenmal an diesem Tage war er nett zu ihr, half ihr ankleiden, sprach freundlich mit ihr. Aber Elisabeth merkte es nicht einmal, aufgelöst in Apathie wie sie war. Bis zum Haus ihrer Schwester brachte er sie. »Ich komme morgen – dann wird man alles weitere sehen,« versprach er ihr. Elisabeth stieg mechanisch die Treppen hinauf, erwiderte mechanisch den Gruß der Hausbesorgerin, läutete mechanisch. Niemand öffnete. Elisabeth entsann sich, daß ihr die Schwester gestern – wie unendlich lange her war dieses Gestern! – gesagt hatte, sie gehe ins Theater. Also konnte sie vor elf nicht da sein. Elisabeth setzte sich auf die Treppenstufen und wartete lange. Das Licht im Hause wurde ausgelöscht, das Tor zugesperrt und Elisabeth saß immer noch und wartete ... Und dabei schlief sie vor Erschöpfung ein.

Sie erwachte erst, als ihr Schwager auf der Treppe über sie stolperte und ihre Schwester laut aufkreischte. Elisabeth, verschlafen und übermüdet wie sie war, gab so verworrene Auskünfte, daß die Verwandten zuerst dachten, sie hätte den Verstand verloren. Dann freilich, als sie begriff, brach die Schwester in lautes Jammern aus. Diese Schande! Wenn man einen so prächtigen, hochgebildeten Mann hatte, wie den Professor! Über die Nacht versprach sie Elisabeth bei sich zu behalten. Aber am nächsten Morgen müsse sie zu ihrem Manne zurück – da gäbe es nichts.

Ganz zeitig in der Früh, ohne daß Elisabeth darum wußte, begab sich der Schwager zum Professor, eine Wiederversöhnung einzuleiten. Aber er kehrte niedergeschlagen zurück. Zum erstenmal – zum erstenmal in seinem ganzen Leben vielleicht – hatte sich der Professor unerbittlich gezeigt. Ganz als ob ein fremder Wille hinter dem seinen stünde, dachte der sonst gar nicht psychologiebeflissene Schwager. Er wollte Elisabeth nicht zurücknehmen. Das Leben mit ihr sei übrigens schon lange unhaltbar gewesen. Er habe noch gestern mit seinem Rechtsanwalt gesprochen, die Scheidungsklage sei bereits überreicht. Elisabeths kleine Mitgift gehöre natürlich ihr, er wolle aus Eigenem noch eine Kleinigkeit hinzufügen, obgleich es ihm schwer falle. Mizl gehe einstweilen zu seinen Verwandten, bis er ein besseres Unterkommen für das Kind gefunden habe. Und damit sei der Irrtum seiner Ehe zu Ende.

Und nun ging alles mit unheimlicher Folgerichtigkeit weiter. Elisabeth war es, als sei sie in die Räder einer Maschine hineingeraten; die sie zerschmettern müsse. Sie dachte nicht, sie fühlte nicht, sie fügte sich nur. Sie bekam auch einen Advokaten, aber viel zu prozessieren gab's da nicht. Der Fall war klar. – Und Toni war nicht mehr gekommen.

Am Tag danach hatte er ihr einen Brief mit einem großen Blumenstrauß geschickt. In dem Brief stand, daß er leider plötzlich verreisen müsse aber bald zurückkomme, und viele Trostworte. Das Leben werde ihr noch viel bieten und das bisher sei doch kein Glück gewesen. Aber ein Tag verging nach dem andern und er kam nicht. Und Elisabeth wunderte sich gar nicht, daß er nicht kam. Denn das hatte sie immer gefühlt, daß das keine Liebe war.

Die andere Schwester, die Materialwarenhändlerin aus Linz, war auch gekommen, und bei vielen Tassen Kaffee saßen die Schwestern und beratschlagten, was mit Elisabeth geschehen solle. Obgleich beide gutmütig und im Grunde hilfsbereit waren, gab ihnen das Ereignis den angenehmen Kitzel, dessen sie bedurften. Elisabeth war immer die hübscheste von ihnen gewesen und hatte, wenn auch nicht materiell, so doch sozial die beste Partie gemacht. Sie waren nicht unzufrieden, der Professorsgattin nun ihre Hilfe anbieten zu können. Vor allem bestanden sie darauf, daß man sich an Toni wenden müsse. Toni war der Schuldtragende, er durfte sich nicht in aller Gemütlichkeit aus dem Staube machen. Elisabeth wollte zuerst nicht. Aber sie hätte nicht die sein müssen, die sie war, wenn sie nicht doch auf das Urteil ihrer Schwestern etwas gegeben hätte. Sie liebte Toni nicht, aber ihre Eitelkeit war tief gekränkt. So ging sie zu ihm.

Sie läutete und niemand öffnete. Dann ging sie zur Hausbesorgerin: ob Herr Anton Brückler nicht da sei.

»O na,« sagte die, »der wohnt gar net bei mir.«

»Aber er muß doch da wohnen,« insistierte Elisabeth. »Ich war doch selber früher einmal da bei ihm. Es ist doch gar nicht anders möglich.«

Die Hausmeisterin zuckte die Achseln. »Bitt' Sie, Fräul'n, dös is a Absteigquartier, das wird monatlich vermiet' – wenn man da ein jeden von die Herren kennen wollt'.«

»Aber Sie müssen ihn kennen,« rief Elisabeth und beschrieb ihn: mittelgroß, dunkler Schnurrbart, auffallend helle Augen. Die Frau entsann sich jetzt: »Ja freilich – am ersten Mai hat er das Zimmer gemietet für einen Monat. Im Juni hat's schon ein anderer gehabt.«

Am ersten Mai. Und am zweiten Mai war sie ihm zuerst auf der Straße begegnet.

Die Hausmeisterin wollte sie trösten. »Ja, so sein die Herren alle, der Ihrige ist keine Ausnahm«! Jeden Augenblick kommt eine Dame nach einem von die Herren fragen, die was hier ihr Absteigquartier haben. Und unsereiner kann nie net Auskunft geben, uns sagen die Herren ja net einmal ihren wirklichen Namen.«

Elisabeth ging ratlos fort. Sie erinnerte sich, daß er Ministerialbeamter sein sollte und ging in die Ministerien, nachfragen. Da hatte es nie einen dieses Namens gegeben. Sie sah im Adreßbuch nach und fand einige Brückler, wenn auch keiner Anton hieß: einen Fleischhauer, einen Rechnungsrat, einen Kommis. Sie ging zu jedem einzelnen, aber es war natürlich keiner, noch hatte er einen Verwandten dieses Namens. Aber der Kommis, der die Situation begriff, erbot sich, an die Stelle seines Namensbruders zu treten.

Da wußte Elisabeth nun, daß sie ganz und gar betrogen und verlassen worden war.

Ihr war nicht einmal bang nach ihrem Kind. Sie hatte Angst vor seinem Blick und seinen Fragen und war froh, daß sie es einstweilen nicht zu sehen brauchte. Der grausame Augenblick, in dem die Scheidung ausgesprochen wurde und sie ihren Mann noch einmal aus der Entfernung von Angesicht zu Angesicht sah, ließ sie kalt. Sie war in einer vollkommenen Starrheit des Empfindens befangen und sie, die Frische, Tätige, saß tagelang mit müßigen Händen.

Und doch, hätte sie sich Rechenschaft ablegen können über das, was in ihr vorging, so hätte sie keinen Schmerz, nur eine ungeheure Auflehnung in sich gefunden, daß sie, die so gut in ihr Leben gepaßt, nun daraus herausgerissen war, heraus aus der Bürgerlichkeit, die ihr so wohl anstand, in eine fremde feindliche, ihrem Wesen ganz und gar nicht gemäße Existenz geworfen.

Und warum das alles? Weil sie einer auf der Straße angestarrt hatte ...

Aber nein, der Grund lag tiefer: Weil sie mit einem Manne verheiratet gewesen war, den eine große geistige Kluft von ihr trennte. Heut war ihr auch, als ob sie diesen Mann gar nicht mehr liebe. »Warum war er nicht zufrieden mit mir, einfach und brav wie ich war?« dachte sie voll Groll. »Warum hat er mich denn nicht lieb gehabt, für das, was ich ihm sein konnte? Ist eine gute und brave Frau denn gar so wenig?« Manchmal fiel ihr ein, ob nicht auch sie zuweilen Schuld an den ehelichen Dissonanzen getragen habe und ihm auf die Nerven gegangen sei, aber solche Gedanken wies sie rasch zurück. Es war schöner, sich ganz als Opfer zu fühlen.

In solchen Augenblicken sagte sie sich, daß sie sich nun doch endlich entschließen müsse, etwas zu tun. Ewig konnte sie nicht bei der Schwester bleiben, die in kärglichen Verhältnissen lebte und eine beschränkte Wohnung besaß. Wenn sie ihr auch etwas Kostgeld zahlte und ihr eine Magd ersparte, waren diese beiden Menschen doch ihr Lebtag viel zu sehr das Alleinsein gewöhnt gewesen, um die Anwesenheit eines dritten nicht als störend zu empfinden. Lieber wäre sie zu der anderen Schwester nach Linz gegangen, aber in der kleineren und frommen Stadt konnte man eine »Geschiedene« nicht gut brauchen. Da geschah nach Monaten etwas, was sie aufrüttelte und ihr ihren Lebensmut wieder gab.

Auf dem Markt traf sie die Mali, ihr einstiges Dienstmädchen. Obgleich dieses mit der Professorin meist auf Kriegsfuß gelebt hatte, stürzte sie nun doch voll Freude auf ihre frühere Herrin zu, um sich mit ihr über die wichtigen Ereignisse der letzten Zeit auszusprechen. Auch sie diente nicht mehr beim Professor, Frau Stefani hatte sie hinausgeworfen. Der Professor wollte Frau Stefani heiraten und bewarb sich zu diesem Zweck um die ungarische Staatsbürgerschaft. Sie sei klug aber entsetzlich bös. Nichts fragte sie ihn, alles bestimmte sie und er ließ sich alles gefallen, einen eigenen Willen hatte er ja nie gehabt. Von da ging die Mali auf ihre jetzige Gnädige über, die ein Drache sei. Elisabeth möge sich vorstellen, die verlange, daß man ein Kilo hinteres Rindfleisch um achtzig Kreuzer nach Hause bringe, während doch jedes Kind wisse, daß es das heutzutage nicht mehr gäbe und so weiter.

Elisabeth hörte zu. Sie hörte sogar mit Interesse, was Mali von ihrer neuen Gnädigen erzählte. Plötzlich war etwas von ihr abgefallen, was sie zu Boden gedrückt hatte. Der Professor hatte sich mit seinem Schicksal zurecht gefunden, also mußte sie es auch tun. Ganz frei kam sie sich mit einem Male vor, wie eine, die ein neues Leben anfangen darf, mit ganz reinem Gewissen. Unverbrauchte Kräfte waren noch da, das Leben lag noch weit vor ihr. Sie verabschiedete die Mali, setzte sich auf eine Bank und überlegte.

Von den Zinsen ihres Geldes konnte sie nicht leben. Aber sie wollte es auch nicht. Sie brauchte Arbeit und mußte welche finden. Gelernt hatte sie freilich nicht viel, aber in der Wirtschaft war sie tüchtig wie nur eine, das mußte sich verwerten lassen. Wie von einer neuen Kraft getrieben, ging sie gleich in ein Annoncenbüro und gab ein Inserat auf.

Schwester und Schwager waren entzückt von der Aussicht, daß sie nun auf eigenen Füßen stehen wollte, und Elisabeth war ein paar Tage lang zufrieden: Ganz so einfach war der Platz freilich nicht zu finden, den sie suchte. Die Stellen als Wirtschafterin fanden sich meist bei Junggesellen oder Witwern, die mit allzu wohlwollendem Lächeln ihre Erscheinung musterten und vom Manne wollte Elisabeth einstweilen nichts wissen. Endlich nach langem Suchen fand sich doch, was sie wollte.

Eine Baronin suchte eine Wirtschafterin auf ihr Gut. Sie legte weniger Wert auf Erfahrung als auf absolute Ehrlichkeit und vernünftiges Wesen. Elisabeth, die sich vorstellte, gefiel ihr auf den ersten Blick. Was ihr fehlte, konnte sie bald nachholen, da die jetzige Wirtschafterin, die in einigen Monaten heiraten sollte, sie anlernen konnte. Schon in acht Tagen konnte Elisabeth den Dienst antreten. Es war auf einem Gut in Steiermark, wo es still und schön war.

Elisabeth ging von der freundlichen Frau beglückt fort, und das Leben schien ihr wieder reich. Sie wollte fort aus der ratternden lärmenden Großstadt, sie sehnte sich nach Natur, nach Vergessen und Arbeit. Sie fühlte, dabei würde sie wieder rein werden, rein und klar. Vielleicht würde sie ihrem Kinde dann auch etwas sein und erwarb sich ein Recht, es zurückzufordern. Und vielleicht kam auch noch ein Glück. Unwillkürlich streckte sie die Arme aus, ihre weißen, festen, muskulösen Arme, geschaffen zur Arbeit und zum Umfangen in irdischer Frauenliebe. Eine Vision stieg vor ihr auf, von einem gesunden, kräftigen, tüchtigen Leben mit irgendeinem Manne, einem Förster oder Inspektor, einem Leben zwischen Vieh und Feldern, von arbeitsvollen Wochen und stillen Sonntagen, wo man behaglich bei Kaffee und Kuchen saß und dann friedlich eingehängt im Wald spazierte, wo es nach feuchtem Laub roch. Von einem Leben wie sie es brauchte, dem sie gewachsen war, für das ihre geistigen Interessen genügten.

Dies war der letzte glückliche Augenblick in Elisabeths Leben.

 

Denn plötzlich erstarrte sie. Ein Mann strich eilig an ihr vorbei, sie erkannte ihn, es war Toni. Es schien, als habe auch er sie erkannt, aber er tat nichts dergleichen und strebte vorwärts. Eine innere Stimme rief in Elisabeth: »Mach's wie er! Kenn' ihn nicht! Es ist zu deinem Heil!« aber sie folgte ihr nicht. Ein ungeheuer glühroter Zorn stieg in ihr auf gegen den Verräter, der sie preisgegeben hatte. Ihre Verachtung wollte sie ihm wenigstens ins Gesicht schreien. Sie lief ihm nach, er immer schneller voraus. Es war eine Jagd. Er bog in eine Seitengasse und da versperrte ihm ein Lastwagen den Weg. In diesem Augenblick packte sie ihn beim Ärmel.

»Laß mich,« stöhnte er, sehr bleich geworden.

»Da bleibst!« sagte Elisabeth heiser. Sie fühlte, daß die Wut ihre Stimme gemein machte. »Warum hast du das getan?« zischte sie. Sie hatte ihn unter ein Haustor gezogen. »Laß mich!« flehte er. »Laß mich!«

»Ich laß dich nicht,« sagte sie und krallte sich an ihn. »Die Polizei ruf ich. Du wirst was erleben!«

»Polizei wird dir nicht viel helfen,« sagte Toni fast mit einem Lächeln. »Ich bitt' dich, laß mich. Du tust mir leid, armer Narr. Laß mich gehen. Glaub mir, es ist besser für dich.«

»Du bleibst,« rief Elisabeth. »Wie du heißt, will ich wenigstens wissen. Alles an dir war Lüge, auch der Name.«

Toni wollte sich losmachen, aber Elisabeth war rasend geworden. »Ich erwürg' dich, wenn du nicht redest,« schrie sie und legte ihre Hände um seinen Hals. Er zerrte an ihr, aber er fühlte sich blau im Gesicht werden und empfand plötzlich, daß er in Gefahr war. »Red,« zischte sie, »red!«

Er winkte mühsam, zum Zeichen, daß er reden wollte. Da wurde ihr Griff lockerer, aber sie ließ ihn nicht aus. »Frag beim Detektivbüro Minotaurus, wer ich bin,« sagte er heiser.

»Was heißt das?« fragte sie.

»Geh nur hin und frag!«

Ihr Griff wurde wieder fester. »Red, daß ich dich versteh.«

»Also gut,« sagte er. »Ich bin von der Frau Stefani aufgenommen, um dich zu verführen, damit dein Mann dich los wird, da er zu wenig Energie hat, um sich ohne tiefere Gründe scheiden zu lassen.«

Nun ließ ihn Elisabeth ganz frei. Sie war bleich geworden. Ganz verstand sie ihn noch immer nicht. Er fuhr fort: »Ja, es gibt Leute, deren Geschäft das ist. Ich bin speziell für Ehebrüche aufgenommen. Kein sehr feines Geschäft, aber was soll ein ehemaliger Offizier machen, der sonst nichts gelernt hat? Da wird man eben Detektiv. Liegen auch mehr Schmerzen dahinter als du denkst. Am End' – es haben schon viele Frauen ihr Glück gemacht, wenn sie von ihrem unausstehlichen Mann losgekommen sind. Zuerst hast du mir ja leid getan. Ich hab dich gewarnt: gib den Mann frei, ein Frauenzimmer wie die Stefani kennt keine Schonung. Du hast nicht wollen. Am Abend war ich bei ihr – ich hab ihr täglich rapportiert – da hat sie gesagt: Gut, dann also das Gewaltmittel. – Du mußt zugeben, es war alles gut besorgt. Dein ahnungsloser Mann hat in dem Augenblick, in dem du sein Haus verlassen hast, den anonymen Brief bekommen, der ihn von deiner Untreue verständigen sollte, ein Zeuge war auch zur Stelle. Ich hab nur Angst gehabt, daß er vor dir kommt, denn du warst ja so spät. – So, jetzt weißt du's,« sagte er und wurde plötzlich freundlich.

»Armer Hascher, dir wär' wohler, gelt, du wüßtest nicht alles! Aber am End' – so ein fesches Weiberl wie du ...«

Er wollte sich zu ihr herunterneigen, aber sie gab ihm einen Stoß in den Magen. Er sah etwas Gefährliches in ihren Augen glimmen und zog es vor, sich zu entfernen. Sie regte nicht eine Hand, ihn zu halten.

Eine Weile stand sie noch an die Mauer gelehnt, dann ging sie. Gar nicht gebrochen, gar nicht gedrückt, sondern hochaufgerichtet, wie jemand, der genau weiß, was er tun will.

Im Vorbeigehn sah sie alle Läden scharf an, an denen sie vorüberkam. Ein Drogengeschäft war noch offen, da ging sie hinein.

Im Hausflur des Professors wartete sie. Es dauerte nicht lange. Eine Dame trat ein.

Dann ertönte ein furchtbarer Schrei. Leute eilten herbei und fanden eine Frau mit ausgebrannten Augen bewußtlos am Boden liegen. Andere stürzten sich auf Elisabeth, die flüchten wollte und hielten sie, die sich wand, an den Armen fest. Der Ruf »Vitriol« erschallte ein paarmal leise, dann immer lauter. Mit unbegreiflicher Plötzlichkeit war ein Reporter da und notierte in sein Buch: »Eifersuchtsattentat. Die durch ihr eigenes Verschulden geschiedene erste Frau des Universitätsprofessors X hat heute auf dessen zukünftige zweite Gattin ein Attentat ...« Dann ertönte der Ruf »Polizei!« und die Menge wich, ehrerbietig Spalier bildend, zu beiden Seiten auseinander.

Und die Welle des Lebens ging über Elisabeth weg und riß sie mit hinunter.

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