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Die Liebende

Therese Rie: Die Liebende - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorTherese Rie
titleDie Liebende
publisherS. Fischer, Verlag
year1914
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Die Liebende

Kara saß gerade vor ihrer farbigen Modellzeichnung, beschäftigt, zwei etwas extravagante Nuancen von orange und violett zu einem Abendkleide aufeinander zu stimmen, als Fritzi hereintrat. Sie war sehr aufgeregt und hielt eine Rechnung in der Hand.

»Denk dir, die Herzogin zahlt nicht.«

»Aber nein,« sagte Kara gleichmütig.

»Ihr Sekretär schickt mir eben die Rechnung zurück. Sobald die Frau Herzogin wieder hier sei, werde selbstverständlich alles beglichen werden. Einstweilen höre ich von ihrem Advokaten, daß sie auf unbestimmte Zeit verreist ist – sie sitzt nämlich in einer Nervenheilanstalt und kommt unter Kuratel.«

»Wir werden das Geld schon kriegen,« sagte Kara gleichgültig, wie sie immer in Geldangelegenheiten war.

»Ja, aber wann? Und ein Prozeß hat gar keine Aussichten. Dir natürlich ist das egal, du bist die Prinzessin, du zeichnest alle heiligen Zeiten einmal ein Modell, sonst kümmerst du dich um nichts.«

»Schimpf doch nicht!« sagte Kara in ihrem müden Aristokratinnen-Ton, der, wie sie wußte, Fritzi besonders irritierte. »Das Atelier geht doch nur meinetwegen so gut, selbst wenn ich gar nichts täte. Wieviel Geld ist es denn?«

»Zehntausend Kronen,« sagte Fritzi. Kara war nun doch von der Höhe der Summe etwas impressioniert. Fritzi klagte weiter. »Wie sollen wir existieren mit solchen Außenständen? Die Arbeitskräfte wollen gleich bezahlt sein, die Lieferanten auch, der teure Zins! Ich wollt, ich hätt meine kleine Schneiderei in der Gumpendorferstraße noch, wo ich für die braven Spießerinnen vom Grund gearbeitet hab, die wenigstens prompt bezahlen, wo man keine derartigen Summen riskiert hat!«

In diesem Augenblick wurde sie unterbrochen. Das Lehrmädchen erschien: Herr Rogler bitte Fräulein Kara zum Telefon.

»Sag ihm nur das mit der Herzogin,« rief ihr Fritzi nach. »Er hat uns ja die Person überhaupt geschickt. Und sag ihm, daß wir auch sonst nicht glänzend stehen.«

Aber Kara war fest entschlossen, nichts zu sagen. In all den Jahren ihres Verhältnisses zu Rogler hatte sie es nur ganz selten fertig gebracht, über Geldangelegenheiten mit ihm zu reden. Übrigens wußte sie, daß auch seine Finanzen nicht die besten waren. Hatte die Sonderausstellung seiner Werke ihm auch wahre Lobeshymnen von seiten der Kritik und des Publikums eingebracht, so hatte er doch einstweilen lange nicht so viel verkauft und viel weniger Aufträge erhalten, als er hoffte. Es war eben jetzt wenig Geld im Umlauf und alle bekamen das zu spüren.

Jetzt bat er Kara um einen Gefallen. Sein Modell war erkrankt. Ob Kara ihm nicht heute für Schulter, Arm und Hand sitzen wolle.

Immer noch gab es Kara einen Stich, wenn er ein anderes Modell benutzte. Und doch sah sie ein, daß er nicht immer sie und sie allein malen konnte, wie er's jahrelang getan hatte. Sie wußte, was es bei Rogler hieß, ein Modell haben. Wußte, daß seine mächtige Sinnlichkeit sich nie so stark entfaltete, wie unmittelbar nach der Arbeit. Wenn dann ein schönes Frauenzimmer in der Nähe war... Aber sie hatte in all den Jahren gelernt, über mancherlei zu schweigen. Jetzt versprach sie in einer Stunde bei ihm zu sein. Um die Zeit bis dahin zu verbringen, ging sie in die Probierräume hinüber.

Das tat sie nur äußerst selten. Sie haßte die neugierigen Blicke der Damen, die alle sehen wollten, wie Roglers Geliebte aussah – denn alle wußten, daß sie das war. Das bildete ja den Ruhm dieses Ateliers, in dem dennoch sein Name niemals genannt wurde. Die Sage ging, daß er alle Toilettenentwürfe zeichne, was natürlich nie der Fall gewesen war. Nur ganz selten, wenn er etwa eine Dame zu malen beabsichtigte, hatte er einmal für das betreffende Kleid einen Rat gegeben. Dennoch zehrte das Atelier Krumm von Roglers Ruf. Kara, die nur ganz selten erschien, galt als die Seele des Geschäftes. In Wirklichkeit war es Fritzi. Auch jetzt wandte sich eine kleine dicke Dame aufgeregt an Kara. »Welches Glück, daß Sie kommen, Fräulein! Denken Sie, Fräulein Fritzi will mir kein mauve konzedieren! Und ich hab mir's in den Kopf gesetzt, daß ich mauve haben muß!«

»Meine Schwester wird schon recht haben,« sagte Kara kühl. »Sie wissen, meine Gnädige, hier bestimmen wir!« Das war der Ton des Krummschen Ateliers: die Kundinnen hatten zu schweigen. Die Inhaberinnen wählten Farben und Formen, wie sie es ihren künstlerischen Intentionen gemäß für gut fanden. Ausgemacht wurde nur die Bestimmung des Kleides und der Preis. Man ging zu den Krumms wie etwa zu großen Porträtmalern. Fritzi besonders hatte sich eine Art forschenden Lenbachblick unter gerunzelten Brauen hervor zurechtgelegt, der tiefen Eindruck machte, und die kurz angebundene Grobheit eines großen Künstlers. Das war die Spezialität des Hauses und ein Teil seines Erfolges. Aber die Dame jammerte weiter und Kara dachte gelangweilt: »Wenn du wüßtest, wie gleichgültig mir deine Toilettensorgen sind, du fette Bourgeoise! Daß ich mich darum kümmern soll – ich, Kara Krumm!« Dann ließ sie sie stehen und ging in ihr Zimmer. Dort streifte sie ihr blaßgrünes Hausgewand ab, das, aus billigstem Stoffe gefertigt, ihr etwas angenehm Phantastisches, Märchenprinzessinnenhaftes gab – dieses Kleid hatte wirklich Rogler entworfen, – schlüpfte in ein dunkles Jackenkostüm und ging zu ihm.

So diskret sie sich auf der Straße auch gab, sie war es schon gewöhnt, daß sich fast alle Köpfe nach ihr wandten. Die eine Hälfte in sichtlichem Wohlgefallen und die andere mit einem ironischen Lächeln über das ganz Moderne – wie man in der Stadt sagte: »Sezessionistische« – ihrer Erscheinung. Alles, was dazu gehört, besaß sie freilich. Sie war groß, biegsam, schlank bis zur Magerkeit. Ihr kupferrotes Haar lag in weichen welligen Scheiteln um den schmalen Kopf. Das blasse Gesicht war fein im Schnitte, mehr pikant als schön, die Nase ein wenig zu kurz, der Mund etwas zu groß. Die Augen graugrün, schön geschnitten, aber stets etwas kurzsichtig zusammengekniffen. Rogler hatte immer neue Schönheiten an ihr gefunden, immer neue biegsame Linien und seltsame Farbenspiele, und jahrelang war sie und immer nur sie auf seinen Bildern zu sehen gewesen, so daß sie fast eine Art Typus geworden war. Viele Erscheinungen mondäner Frauen formten sich direkt nach ihr.

Die weiche Luft des Herbstabends genießend, schritt sie der Stadt zu. Der Abend legte seinen Duft über die kleinen Villen des Cottage-Viertels. Die Ranken von Weinlaub, die die Bäume der bepflanzten Straßen miteinander verbanden, glühten in allen Farben, vom hellen freundlichen Gelblichrosa bis zu tiefen Purpurtönen.

Es war auch eine Roglersche Idee gewesen, daß die Schwestern hier draußen in einer stillen vornehmen Straße, weitab von allem Lärm des Geschäftsviertels ihr Atelier haben sollten. Rogler kannte seine Leute. Je schwerer erreichbar es wurde, desto mehr Reiz hatte es für die Snobs und auf Exklusivität war das Ganze gestellt: kleine Zimmer, wenige aber teure Arbeitskräfte, die Möglichkeit, nur wenige Aufträge zu gleicher Zeit auszuführen, diese sich freilich horrend zahlen zu lassen. Fritzi, in ihrer tüchtigen Geschäftsklugheit hatte nach anfänglicher Opposition bald begriffen, worum es sich handelte und gab den Ton des Ganzen sehr bewußt an, Kara tat mehr unbewußt mit, aber gerade ihr unberührbares, leises und etwas hochmütiges Wesen stimmte vortrefflich dazu.

Obgleich Kara auf die Minute pünktlich bei Rogler eintrat, merkte sie an seinem unzufriedenen Blick, daß er schon gewartet hatte. Er musterte sie kopfschüttelnd. Ihr Gesicht war vom raschen Gehen etwas gerötet, was sie hübsch kleidete, er aber liebte vor allem das matte Elfenbeinweiß ihrer Wangen. Ohne viel Worte zu machen zog er ihr die Bluse ab und prüfte ihre Arme und Hände, als hätte er sie nie gesehen. Alles an ihr war gut geformt, lang, schmal und weiß. Er schüttelte den Kopf. Etwas mager war sie, mit den Formen des Modells verglichen. »Aber ich bin ja so ängstlich bestrebt, mir meine Schlankheit zu erhalten, gerade deinetwegen,« sagte sie etwas ärgerlich. »Du sagst doch immer, es ist für eine Frau so gefährlich, wenn sie sich den Dreißig nähert. Ich lebe fast nur von Obst und grünem Gemüse, und Süßigkeiten vermeide ich ganz, obgleich ich sie so gern habe.« Er aber hörte sie nicht mehr. Er stand schon vor seiner Staffelei, und Kara wußte, daß er heute seinen Arbeitstag hatte und sie kaum mehr ein Wort von ihm zu hören bekommen würde. Seine Blicke lagen auf ihrem nackten Fleisch und doch fühlte sie, daß es für ihn ebensogut hätte aus Stein sein können, so wenig sprach jetzt der Mann aus ihm.

Ihre Augen glitten im Atelier umher und blieben auf dem fast vollendeten Porträt einer jungen Gräfin hängen, die ihre Stellungnahme zur Moderne dadurch bekundete, daß sie sich von Rogler malen ließ. Sie war eine schöne geistreiche Frau, aber Kara fürchtete sie nicht. Viel mehr bangte ihr vor den Urwüchsigen, den Bodenständigen, die in dem Bauernsohn eine Art Heimatsgefühl auslösten. Sie selber war ihm schon zu kompliziert. Er, der bei aller seiner Gesundheit in die tiefsten Mysterien altindischer Philosophie einzudringen bemüht war, wollte gar nicht haben, daß eine Frau ihm auf seinen kraus verschlungenen Geisteswegen folgte. Plötzlich erinnerte sich Kara eines Spazierganges vor wenigen Wochen. Arm in Arm waren sie durch die Weingelände geschritten, an einem purpurnen Herbstabend, da hatte es ihn getrieben, von den alten deutschen Mystikern zu sprechen, von Jakob Böhme vornehmlich und Heinrich Suso. Sie folgte seinen Reden und gab ihm Antwort. Da starrte er sie an, wie aus allen Himmeln gerissen. Reden mußte er zu einem Menschen, das war ihm nötig, aber antworten sollte der nicht. Er sollte nicht verstehen, sich geistig nicht bemerkbar machen, nur durch seine animalische Nähe wirken, etwa wie ein treuer Hund. Er gab Kara keine Antwort mehr und sie fühlte wieder einmal, wie fremd sie sich in tiefster Seele waren.

Er schien ihr gesünder als sie. Mancher Snobismus stak in ihr, so der, daß sie die Schneiderin nie ganz verwinden konnte. Da lachte er sie immer herzlichst aus. Besser eine gute Schneiderin als die sehr mäßige Kunstgewerblerin, die sie früher gewesen war. Er würde sofort zum Maurerhandwerk, das er als Bub betrieben, zurückgekehrt sein, wenn er es als Maler zu nichts gebracht hätte. Daß sie mitunter ein wissenschaftliches Kolleg an der Universität hörte, verschwieg sie ihm angstvoll. Er, der für sich alle Hilfsmittel der feinsten Bildung in Anspruch nahm, würde es bei ihr nicht begriffen und sie kräftig ausgelacht haben. »Wäre Fritzi nicht um fünfzehn Kilo schwerer als ich,« dachte Kara mitunter erbittert – »hätte sie auch rotes Haar und auch eine pikante Nase – wer weiß!« Und dann stieg ein wilder Zorn in ihr auf, denn sie fühlte, wie sie ihn grenzenlos liebte und nie im Leben loskommen würde von ihm.

In diesem Zimmer, auf diesem Sessel hatte sie in der ersten Zeit ihrer großen Liebe gesessen, da sie noch seine Schülerin auf der Kunstgewerbeschule gewesen war und er sie stürmisch zu sich herüberriß. Da hatte sie auch in den bösen und traurigen Zeiten gesessen, da sie ihn kühler werden fühlte und in Todesangst zitterte, ihn zu verlieren. Aber er war nie ganz von ihr losgekommen und sie hatte niemals mit einem Gedanken daran gedacht, daß sie einen andern lieben könnte, obgleich sie vieles in ihrer Seele scheu vor ihm verbarg. Und jetzt waren sie schon zehn Jahre beisammen und bei aller Unsicherheit schien es ihr doch kaum möglich, daß all dies sich jemals ändern könnte.

Sie schreckte aus ihren Träumen auf. Er hatte seine Pinsel niedergelegt und sah sie nur an. Und nun kam, was kommen mußte, das, wovon sie so tief gehofft, daß es kommen würde, wieder einmal nach langer Zeit. Die ruhige Festigkeit des Malerblickes, der auf ihr ruhte, war unsicherer, flackernder. Dann schloß er sie in seine Arme – und sie bebte dabei, wie sie am ersten Tage gebebt hatte.

 

Dies hatten Rogler und Kara trotz ihrer tiefen Wesensverschiedenheit miteinander gemein: die Schüchternheit der Seele, die große Scheu, mit ihrer Person unter andere zu treten, unter Freunde am allermeisten. So kam es, daß Rogler, der gefeierte Schutzpatron der künstlerischen Jugend, dieser selbst fast unbekannt war. Allerdings hätte er kein besseres Mittel finden können, den mythischen Nimbus um seine Person zu erhöhen. Seiner derben Art widerstrebte der Dorian-Gray-Typus, nach dem sich diese jungen Leute zu modeln liebten, er verlachte sie und fühlte sich doch auch wieder ungeleckt und bäurisch unter ihnen. Ebenso tat Kara nichts dazu, um ihre Stellung als Roglers Geliebte auszunützen. Fritzi, nachdem sie erst einmal ihre schweren bürgerlichen Bedenken gegen diese illegitime Verbindung überwunden hatte, hätte gern für das Geschäft daraus herausgeschlagen, was nur irgend ging. In diesen Dingen aber war die sonst so energielose Kara unerbittlich.

Sie hatte fast keinen Verkehr. Menschen, die sie gefesselt hätten, kannte sie nicht. Sie war fast immer abends allein, wenn Rogler nicht da war und der kam jetzt nur selten. Fritzi aber war meist todmüde von der Arbeit und verlangte nur nach ihrem Bett. Ihr bescheidenes Liebesleben hatte sich in ihrem neunzehnten Jahr abgespielt, als sie die Braut eines eleganten Ministerialkonzipisten gewesen war. Der zog sich nicht in vornehmster Weise zurück, als die Schwestern, die einer bessern Beamtenfamilie entstammten, verarmt und verwaist zurückblieben. Seither hatte Fritzi ein tiefes Mißtrauen gegen die Männer gefaßt, und obgleich ihre hübsche, rundliche und behagliche Persönlichkeit, die an die der Niese erinnerte, keineswegs unbegehrt blieb – Kara fand immer, sie sei für den Witwer mit vier Kindern geradezu geboren – fühlte sie sich sicherer auf sich selbst gestellt. Die große Leidenschaft, die Kara mit allen Fibern zu Rogler hinzog, hatte sie tief erschreckt. Noch mehr erschreckte es sie, als Jahre darüber hin gingen und »nichts draus« wurde. Wohl wußte sie, daß Rogler Katholik und von seiner ersten Frau geschieden war, aber sie wußte auch, daß es in Österreich doch immer Mittel und Wege gibt, das Gesetz zu umgehen. Aber Rogler dachte nicht an eine neue Ehe und auch Kara protestierte gegen eine solche Zumutung mit der Heftigkeit von Frauen, die in tiefster Seele verletzt sind, daß der Geliebte nicht an Ehe denkt.

Oft setzte Kara Fritzi auseinander, wie alles gegen die Ehe sprach. Sie war keine Hausfrau; sie und Rogler waren zu verschiedene Temperamente, ein fortwährendes Beisammensein würde sie zerrieben haben einerseits, abgestumpft auf der anderen Seite. Sie zeigte die Ernüchterung in der Ehe an allen möglichen Beispielen und rief ihre ganze nicht geringe Belesenheit zu Hilfe. Fritzi nickte dann, aber ohne Überzeugung. Und hatte sie das Zimmer verlassen, dann weinte Kara.

Jetzt war sie Dreißig. Wie lange noch? Fünf, sechs Jahre, den Schlanken ist ja eine längere Schönheitsfrist gegönnt. Dann würden die feinen Linien, die sich jetzt so pikant von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln zogen, tiefe Falten werden. Eine Frau darf Falten bekommen, eine Geliebte nicht. Die Frau darf einmal müde sein, reizlos, schlecht aufgelegt – die Geliebte nicht. Die Geliebte hat den Freund nur in seltenen Stunden, aber um die muß sie auch erst kämpfen, kämpfen, kämpfen. Und Kara senkte den Kopf in die Hände und kam sich müde vor und alt – uralt.

Manchmal kam die Sehnsucht nach dem Alltag sehr heftig über sie – dem Alltag, den sie doch so heiß verachtete. An Sonntagen, wenn sie allein saß und behagliche Kleinbürgersgattinnen am Arm ihrer Männer daherschreiten sah, hübsch und jung, im geschmacklosen Sonntagsstaat, oft ein Kleines an der Hand und schon wieder eines erwartend. Dieses, das ihr zuzeiten lächerlich, grotesk, widerlich erschien, eine Vergewaltigung der Natur an der Schönheit des weiblichen Körpers, erfüllte sie dann mit Sehnsucht. Die Sonntage überhaupt! Es war eine Eigentümlichkeit Roglers, die sie schwer ertrug, daß gerade er vom Sonntag nichts wissen wollte. Daß er sich dann doppelt in Arbeit stürzte, um der Sonntagsmelancholie, die wie ein böses Gespenst hinter den arbeitsvollen Wochentagen steht, nicht zu verfallen. Auch Kara hatte Angst vor der Sonntagsmelancholie, aber mit ihm hätte sie sich nicht gefürchtet. Er aber wollte gerade am Sonntag von einem Zusammensein nichts wissen. Am Anfang, als er ihr noch mehr zulieb tat, hatte er ihr zuweilen nachgegeben, aber voll Ärger und schlechter Laune, so daß sie sich nur bös gezankt hatten. Nun ließ Kara ihn in Ruhe, aber Sonntags saß sie nun immer einsam da mit besonders schwerem Herzen. Selbst die geistigen Beschäftigungen, die sie so liebte, erfüllten sie dann mit Trübsinn. Denn alle Frauen sind am Sonntag nur Frauen, ohne Ambitionen, nur voller Sehnsucht nach dem Mann. Fritzi allerdings aß Sonntags besonders viel und gut und schlief dann mit Genuß tief in den Nachmittag hinein, fast bis zum Abend. Ob auch sie sich nach etwas sehnte, erfuhr Kara nicht. Denn im Grunde waren sich die Schwestern fremd und lebten wie Fremde nebeneinander, wenn es nicht gemeinsame materielle Interessen gab.

Wochentags, wenn im Kreise der Kundinnen ein halb angedeutetes beneidendes Wort über Karas Verhältnis zu Rogler fiel, kam sie sich zuweilen sehr stolz und beneidenswert vor, eine neue Saskia, eine Helene Fourment. Am Sonntag aber war sie sehr arm. Sie gewöhnte sich mit der Zeit daran, ihn nicht mehr zu Hause zu verbringen, ein Theater, ein Konzert zu besuchen. Die viel begehrten Billette dazu mußte sie stets eine Woche vorher besorgen, sonst gab es keine mehr, und so mußte sie, kaum daß solch ein gefürchteter Ruhetag vorbei war, schon am Montag wieder dran denken, wie sie den nächsten Sonntag »versorgen« könnte. Diese innere Hetze, dieses Davonlaufen vor den Sonntagen schien ihr verächtlich, schien ihr eine Flucht vor dem eigenen Leben, und ihre Angst vor diesem Tag erfüllte sie mit Zorn gegen Rogler, einem Zorn, aus dem ihre Liebe nur desto heißer hervorwuchs.

Früher hatte sie ihm oft ins Gesicht geschrien, daß er der Typus eines Egoisten sei. Dann hatte er sich sehr gewundert. Er, der den Schwestern geholfen, ihre Laufbahn zu begründen, dessen Rat und Erfindungsgabe dieses eigenartige Schneideratelier seine Existenz und den größten Teil seines Kundenkreises dankte! Der namentlich in den ersten Jahren Bilanz machen half und voll Anteil an diesem Unternehmen blieb! Ganz entsetzt war er: »Jetzt hab ich gemeint, du bist etwas großzügiger, hast Sinn für persönliche Freiheit und jetzt bist du so ...« Und man sah ihm an, daß er dachte: »Gottlob, wir sind nicht verheiratet!« Da sah Kara ein, daß sie wieder mal eine »Dummheit« gemacht hatte. »Dummheiten machen in der Liebe, das heißt, wenn man ehrlich ist und seiner Persönlichkeit folgt,« dachte sie schmerzlich.

 

Draußen lag der Sonntag auf der Lauer wie ein böses schwarzes Tier und sah mit finsteren Augen in die Stube.

Kara kleidete sich für die Oper an. Sie sah, um den Sonntag hinzubringen, so oft Stücke, die sie nicht interessierten, daß sie diesmal sehr glücklich war, gerade die Meistersinger hören zu können. Dann ging sie hinüber in Fritzis behagliches Altjungfernstübchen, sich verabschieden. Fritzi war eben vom Nachmittagsschlaf aufgestanden, saß beim Kaffee und dehnte sich behaglich im Schlafrock, froh, dem Zwang des Mieders, des schwarzen engen Tuchkleides mit steifem Kragen und Manschetten entronnen zu sein, dessen vornehme Schlichtheit sie sich den Kunden zuliebe aufzwang.

»Dir geht's gut – gehst in die Oper,« sagte sie, obgleich sie durch keine Oper der Welt zu bewegen gewesen wäre, jetzt ihr Zimmer zu verlassen. Kara sah sie neidvoll an: die wußte, was Behagen war! Wie lange hatte sie keines mehr empfunden!

Alles auf der Welt sah sie auf seine Beziehung zu Rogler an. »Es geht so nicht!« sagte sie sich, während sie langsam der Stadt zuging. – »Ich muß mich von ihm emanzipieren!«

Sie begann damit, daß sie in eine Konditorei eintrat und ein Glas Eiskaffee mit viel Schlagobers bestellte. Auf den kleinen roten Samtsofas unter den goldgerahmten Spiegeln in der Ecke flüsterten zwei Liebespaare. Das war Kara schon unangenehm. Der Eiskaffee erschien, isabellenfarbig, duftend, mit einer zarten Haube schmelzender Schlagsahne. Genießerisch führte Kara einen Löffel nach dem andern zum Munde, aber die erwartete Freude blieb aus. Durch die jahrelange Enthaltsamkeit war auch die Genußfähigkeit verschwunden. Die Speise erschien ihr fade, sie selbst sich schulmädelhaft. Ärgerlich schob sie das hohe, langgestielte Glas von sich, bezahlte und schritt der Oper zu. Sie beneidete die Menschen, die materiellen Freuden zugänglich sind und darüber für Minuten an alles vergessen können. Ihr ging aller Sinn dafür ab. Armut und Reichtum, Luxus oder Dürftigkeit galten ihr ziemlich gleich, wenn sie innerlich ruhig war.

Auf dem Sitz neben ihr saß ein junger Infanterieoffizier, ein sehr hübscher Mensch mit gebräuntem Gesicht und weißer Stirne. Er ließ den Blick nicht von ihr und Kara fühlte sich während des ganzen ersten Aktes irritiert.

Im Zwischenakt stand er auf und klappte die Hacken zusammen! »Gestatten mir Gnädigste nur ein Wort!«

Kara wendete sehr ungnädig den Kopf weg.

»Ich bitte Gnädigste dringend ... Oberleutnant Eduard Hahndl Ritter von Wehrhahn!«

»Ich pflege auf diese Art keine Bekanntschaften zu machen und es interessiert mich nicht, wer Sie sind,« sagte Kara und wollte vorbeigehen.

»Gnädigste haben vollkommen recht – aber wenn Sie bedenken, daß ich in Wlachatitz in Garnison liege – in Wlachatitz!« sagte der Offizier flehend.

Kara mußte lachen. »Was ist das gar so Schreckliches – Wlachatitz?« fragte sie.

»Wlachatitz – das ist ein kleines, ganz schmutziges Nest in Böhmen droben. Ein Nest, wo es nie eine gute Musik, nie eine schöne Frau gibt! Ein Nest, von dem ich ein paar Tage Urlaub bekommen habe, in das ich erbarmungslos wieder zurück muß. Wissen Gnädigste, was das heißt, sich vollsaugen müssen, um es wieder Monate und Monate dort aushalten zu können? Mein Erstes war, daß ich in die Oper gegangen bin.«

»Das ist hübsch.«

»Oh, ich bin nicht musikalisch. Aber nur dieser Geruch von Musik! Und dann sitzt eine Dame wie Gnädigste neben mir! Soll man da nicht wieder an das Glück glauben?«

»Und das erzählen Sie alles so einfach einer Fremden?« fragte Kara lächelnd.

»Wenn sie so ausschaut wie Sie ...«

Kara kräuselte die Lippen.

»Oder wissen Gnädigste nicht, wie schön Sie sind? – Dieses flammende Haar – dieses weiche schwarze Kleid – Gnädigste sollten sich malen lassen.«

»So?«

»Oder sind Gnädigste vielleicht schon einmal gemalt worden?«

»Öfters.«

»Oh!« sagte der Offizier hochachtungsvoll. »Gewiß von einem großen Künstler?«

»Rogler.«

Der Name sagte dem Offizier gar nichts. Wenn Kara gesagt hätte, Perugino oder Botticelli würde ihm das wahrscheinlich ebensowenig gesagt haben.

»Ich versteh nichts von Kunst,« sagte er. »Wissen Gnädigste, auf der Kadettenschul lernt man halt sowas nicht. Bei uns in Wlachatitz, da ist so ein altes Stadttor und Türme und so bemalte Häuser – Fiesko glaub ich, heißt man's – da gibt's Leut', die stehen lang davor und photographieren's oder malen's auch. Also, das ist nichts für unsereinen. Ein ordentliches Kaffeehaus mit einem Seifert-Billard wär gescheiter.«

Die Glocke gab das Zeichen, die seligen Wunder der Johannisnacht begannen. Aber Kara war nicht recht bei der Sache, der Blick ihres Nebenmannes störte sie.

»Wenn Gnädigste mir Ihren Namen sagen wollten?« bat er, gleich nachdem der Vorhang gefallen war.

»Wie bringen Sie das nur fertig, in diese Stimmung hinein zu reden?« fragte Kara strafend. Er senkte ganz beschämt den Kopf. Aber eigentlich war darin etwas, was Kara gefiel. Endlich ein Mensch, der nichts von Kunst versteht – und nichts von Stimmung! Dem alle andern Sachen viel wichtiger sind! dachte sie.

Sie erhob sich und schritt an seiner Seite ins Opernfoyer, das seinen feinen und zauberhaften Charakter davon erhält, daß ein grüner Teppich es schmückt – nicht der übliche rote. »Ich bin nur zwei Tage hier,« sagte er. »Nur zwei Tage! In diesen zwei Tagen könnte ich so glücklich sein! Wenn Gnädigste mir sagen wollten – nein, nicht Ihren Namen, nur, wann ich Sie wiedersehen darf!«

Kara lauschte ohne ein Wort und er sprach weiter. Sprach die Dinge, die Kara brauchte, weil sie von Liebe und von Begehren handelten und sagte sie naiv und ohne sie zu quälen.

Die große Pause war zu Ende, die Leute strömten hinein zum dritten Akt. »Dableiben! Dableiben!« bat er flehentlich. Kara blieb. Drinnen hatte die Musik begonnen, sie saßen hier ganz allein, die Diener sahen diskret weg, wenn sie an ihnen vorbeigingen. Es kam zuweilen vor, daß sich ein verliebtes Paar hierher zurückzog.

»Kommen Sie mit mir!« bat er. »Ein ganz bescheidenes kleines Souper! Ich will gar nicht fragen, wer Sie sind. Ich weiß, Sie sind eine große Dame und erweisen einem armen kleinen Offizier eine hohe Gunst, daß er etwas hat, um draußen an Sie zu denken – im Schmutz und in der Einsamkeit von Wlachatitz!«

Ein großer Trotz gegen Rogler stieg in Kara auf. Warum nicht, schließlich? War sie an ihn gebunden? Kümmerte er sich jemals um sie? »Gut!« sagte sie so laut und hart, daß der arme Oberleutnant erschrak, denn er wußte nicht, wieso er zu dem strengen Ton kam. »Gut! Aber nur heut abend und dann nie mehr.«

Er stürzte über ihre Hände her. Kara entzog sie ihm. Er ging in die Garderobe, ihren Mantel holen, aber als er wiederkam, war Kara verschwunden. An der Stelle, wo sie gesessen hatte, lag ein kleiner, mit Bleistift vollgekritzelter Zettel: »Ich kann doch nicht. Ich liebe einen andern. Bitte, tragen Sie den Mantel wieder in die Garderobe zurück, ich lasse ihn morgen holen. Ich wollte ja gern, aber es ging nicht. Und seien Sie nicht traurig in Wlachatitz!«

Aber der Offizier war doch sehr traurig. Er streichelte den Mantel, der aus schwerer stahlblauer Seide gefertigt und mit dunklem Pelz besetzt war und leise duftete. Er wollte einen Zettel mit ein paar Liebesworten in die Manteltasche stecken, aber mitten im Schreiben hielt er inne. »Nein,« dachte er, »was kann so ein dummer Kerl wie ich ihr schon zu sagen haben?«

Und dann ging er von dannen.

 

Weißt du, daß Regler da war?« sagte Fritzi schlaftrunken von nebenan, als Kara lange nach Mitternacht ins Bett schlüpfte.

»Heute?«

»Ja, gegen acht. Er ist dann ein bissel mit mir geblieben. Wir haben besprochen, wie wir den Warteraum vergrößern könnten, ohne nebenan durchzubrechen. Sehr vernünftige Vorschläge macht er immer.« Und sie wandte sich gähnend auf die andere Seite.

Kara blieb sinnend wach. Heut war er da! Heut, wo ich ihn einmal nicht gebraucht hab, kaum an ihn gedacht! Ein Wort fiel ihr ein, das sie einmal irgendwo gelesen, ein Wort der Rahel: daß wir zu ungleichen Stunden lieben. So sucht und sucht man sich, dachte sie. Nie findet man sich, außer am Anfang vielleicht in den Stunden bei Ekstase. Und ist nicht jede »Glückliche Liebe« im Grunde unglücklich, weil einer hungert, wenn der andere satt ist, weil man immer weit weg ist voneinander?

Draußen zog der schwarze Sonntag ab und nahm seine böse gedankenschwere Stille mit sich. Der lebenskräftigere hellere Arbeitstag kam herauf. Schon um sechs Uhr früh wurde Kara ans Telefon gerufen. Rogler war ärgerlich und verstimmt. Er hatte Kara so gebraucht gestern abend. »Warum warst du nicht da? Wo warst du? Hast du mich nicht mehr lieb?« Er wußte nicht, wie glücklich sein Ärger Kara machte. Seit so langer Zeit hatte er das nicht mehr gefragt. Also so macht man es, dachte sie. Man braucht nicht, dann wird man gebraucht. Sie fühlte, daß es ihre raffinierteste Koketterie gewesen war, gestern nicht da zu sein, und sie versprach ihm herablassend, ihn heute aufzusuchen.

Heut war überhaupt ein guter Tag. Eine Erzherzogin besichtigte das Krummsche Atelier und ließ sich eine Hoftoilette machen. Freilich wurde die Freude einigermaßen dadurch beeinträchtigt, daß die hohe Dame klein, fett und gelb war und eben darum die in Hofkreisen eigentlich nicht anerkannten Krumms aufgesucht hatte, die es verstehen sollten, die »Linie« zu geben. Fritzi sah die kaiserliche Hoheit mit ihrem Lenbachblick an, während sie überlegte, wie man nun auf dem Firmenschild draußen den kaiserlichen Adler der Hoflieferanten würde anbringen können, und ließ Kara zu Hilfe rufen, die mit Zeichenblock und Stift erschien und, da sie in vortrefflicher Stimmung war, gleich einige wirklich stilvolle Modelle entwarf.

Probiermamsellen gab es nicht im Krummschen Atelier. Man verschmähte es, Kunden zum Ankauf von Gewändern zu bewegen, die auf den tadellos gewachsenen Gestalten anders aussehen mußten, als auf den eigenen. Jedes Kleid wurde für die Bestellerin selbst gezeichnet, an ihr gesteckt und drapiert, fertige Sachen gab es nur ganz wenige. Die Erzherzogin, die aus kleinen südländischen Verhältnissen stammte und keine Spur von gutem Geschmack besaß, verliebte sich in ein scharfes Korallenrosa, das höchstens für eine ganz zarte Blondine bestimmt war und ließ sich nur mit Mühe zu einem matten Maisgelb mit alten gebräunten Spitzen bereden. Dann allerdings verließ sie hochbefriedigt das Atelier, im Bewußtsein, sich wirklichen Künstlerinnen anvertraut zu haben, während die Schwestern sich mit einem Augurenlächeln grüßten. Fühlten sie sich auch künstlerisch gewissenhafter, malerischer empfindend als andere Schneiderinnen, so wußten sie dennoch, wieviel an einer guten Inszenierung lag und sie brachten einander die Stichworte wie geübte Schauspielerinnen. Kara saß vor ihrem Modelltisch und war frohgemut. Das Leben schien ihr plötzlich sehr reich. Sie hatte Arbeit, die bis zu einem gewissen Grade künstlerisch war. Sie fühlte sich als freier, reicher Mensch, der in Tätigkeit, in voller Entfaltung seiner Fähigkeiten dahinlebte. Sie war die Geliebte eines großen Künstlers, viele sagten: des größten Malers seiner Zeit, war nicht durch kirchliches Gebot und stumpfsinniges Nebeneinandertraben an ihn gekettet, sondern in freiem Wollen von seiner und ihrer Seite. Viele mondäne Frauen beneideten sie, viele hatten versucht, ihn ihr zu nehmen. Er aber war ihr zu eigen, weil er ohne sie nicht sein konnte, wie sie nicht ohne ihn. Sie fühlte sich selbst wie eine sympathische Romanheldin und wenn sie vor einem Spiegel vorbeikam, nickte sie sich freundlich zu. Eine heiße Dankbarkeit gegen Rogler stieg in ihr auf, der sie geistig und körperlich zu dem gemacht hatte, was sie war, auch körperlich, denn ehe er kam, hatte niemand sonderlich viel Schönes an dem langen dürren rothaarigen Ding gefunden. Er hatte erst ihre Schönheit entdeckt, ihr Stil gegeben, sie Haltung und Geschmack gelehrt. Sie fühlte sich sehr demütig, ganz sein Geschöpf. Und sie wußte, daß heute ein Tag von seltener Schönheit war und daß ihre Hingabe an ihn ohne Grenzen sein würde.

So glücklich war sie bis vier Uhr nachmittags. Sie war zum Fortgehen schon gerüstet, da telephonierte er wieder: sie möge nicht kommen, er habe Porträtsitzung. – Wen denn? – Eine russische Aristokratin. Es sei ihm wichtig, da er doch im nächsten Jahr nach Petersburg wolle. Das eine Bild werde ihm viele andere Aufträge bringen.

Kara begriff ihn nicht. Sie wußte, daß er viel praktischen Sinn hatte. In ihm paarte sich sonderbar eine große Geschäftstüchtigkeit mit einem starken Idealismus und einer Freude am Schenken, die ihn alles Errungene wieder verschleudern ließ. Er war sehr hinter dem Verdienst her, ließ sich jetzt niemals mehr von den Kunsthändlern übers Ohr hauen, und doch war es unkontrollierbar, wo das Geld blieb. Sicher war nur, daß er immer welches brauchte. Aber in diesem Augenblick, wo alles in ihnen zueinander strebte, durfte er nicht an das denken, was vorteilhaft war, schrie es in Kara. Sie rief es ins Telefon. Da tat er etwas Ungütiges: Er klingelte ab, ohne ein weiteres Wort, und Kara blieb hilflos, die Hörmuschel in der Hand, und fand, daß das Telefon doch ein sehr grausames Instrument für die Liebe ist.

Die Sonne war fort. »Was tut's?« dachte die Vernünftige in ihr. »Auf einen Tag kommt's doch nicht an. Wir können uns ja morgen sehen.« Aber in Liebessachen gibt's keine Vernunft und kein morgen, wenn man sich heute braucht. Die Laune nach ihr war ihm wieder vergangen, wahrscheinlich durch Fernwirkung: weil sie ihn ersehnt hatte. »Auf – ab,« dachte Kara. »Wo ist Ruhe? Gibt es Frauen, die ruhig sind?«

»Ungütig – ungütig,« klang es traurig in ihr, während sie unlustig an ihrer Zeichnung herumstrichelte. Und doch kannte sie an ihm Züge von großer Güte. Für seine verstorbene Mutter hatte er gehungert. Für seine Schwestern, unbeträchtliche bäurische Dinger, die sich nur meldeten, wenn sie Geld brauchten, hatte er materielle Opfer gebracht, die weit über seine Verhältnisse gingen und über die Kara oft innerlich gegrollt hatte. Kein armer Teufel, der zu ihm kam, ging unbeschenkt, und mit seiner ganzen Autorität trat er oft für andere Künstler ein, wo er für sich selber keinen Finger rührte. Er war gewiß, was man »gut« nennt. Aber in der Liebe und gegen das Weib ist er schlecht, dachte Kara. Hart und schlecht und ohne Gefühl für die kleinen leisen Dinge.

In der Liebe gibt es aber keine kleinen Dinge, denn alles ist Symbol. Er aber will diese Symbole nicht kennen. Für ihn bedeuten die Dinge nur, was sie sind – das ist ein karger, geringer Wert. Für mich aber bedeutet jede Kleinigkeit so viel, so viel, weil ich an ihrer Einzelheit all das sehe, was mir das Ganze ist. – – –

– – Abends ging es dann wieder in die Höhe: Rogler rief an. Kara sagte ihren Namen am Telefon, aber dann stand sie stumm und regte sich nicht. »Schau, Kinderl, ich muß verdienen,« sagte er weich. »Ich möchte auch, daß du es gut haben sollst im Sommer, – wir gehen zusammen in irgendein unbekanntes Nest im Engadin.« Ihr stiegen die heißen Tränen in die Augen. Er fühlte das, trotzdem er sie weder sehen noch hören konnte. »Du sollst auch nicht immer arbeiten müssen,« fügte er hinzu. »Ich hab aber meine Arbeit lieb,« sagte Kara heiß – was hätte sie nicht alles zu lieben geglaubt, wenn Rogler so zu ihr sprach?

Gestärkt und erfrischt ging sie zu Fritzi zurück; die saß über langweiligen Rechnungen und war angenehm überrascht, mit welchem Interesse die eben so widerwillige Kara sich nun an der Arbeit beteiligte. »Wie mein Stimmungsthermometer gleich hinaufschnellt, wenn er mir ein gutes Wort gibt,« dachte Kara. »Morgen ist schon wieder Feiertag,« bemerkte Fritzi ärgerlich. »Wie soll man Arbeit abliefern bei diesen ewigen Festtagen!« Kara erschrak. Schon wieder! Aber im nächsten Augenblick lächelte sie. Warum sollte sie nicht wieder einmal in die Rogler-Ausstellung gehen, die noch ein paar Tage offen war? In den ersten Tagen war sie fast täglich dort gewesen, bis Rogler es sich verbeten hatte. »Ich mag nicht, daß du dort paradierst, wo jeder dich von den Bildern her kennt. Das ist unfein. Das mag für die Damen der ›guten‹ Gesellschaft sein, die sich in den Ausstellungen vor ihren Porträten aufpflanzen, womöglich in derselben Toilette wie auf den Bildern, damit man sie nur ja erkennen soll. Außerhalb der Gesellschaft ist man feiner.« – »Seit wann bist du denn so bös auf die Frauen der guten Gesellschaft?« fragte Kara lächelnd. »Seit jeher. Für junge Frauen aus gutem Haus mit zwei bis drei Kindern, sechs bis sieben Zimmern, drei bis vier Dienstboten und ein bis zwei Ehemännern hab ich nie was übrig gehabt,« sagte Rogler scharf.

 

Die Roglersche Sonderausstellung war seit Wochen eröffnet und sollte nun bald geschlossen werden.

Ihn selber interessierte sie nicht mehr besonders. Er hoffte, sie einmal in einer andern Stadt zu wiederholen, wo es mehr künstlerische Initiative gab als hier, wo er froh sein mußte, wenn er nicht draufzahlte.

Die Sonntage hatte er einem Gratispublikum frei gegeben, sehr zum Mißvergnügen des Inhabers, in dessen Privatkunstsalon er die Ausstellung veranstaltete. Aber Rogler blieb fest. Das »Volk« sollte auch an seiner Kunst Anteil haben, besonders die Arbeiter graphischer und gewerblicher Institute, unter denen sich oft so große Talente finden und deren Mittel ihnen das Eintrittsgeld nicht gestatten. Rogler hielt viel von seinem Kontakt mit dem Volke, aus dem er ja stammte. Er fühlte, daß er sich zuweilen ins Artistische verlor und da er von den Kunstsnobs lieber verdammt als angebetet sein wollte, machte er dann immer einen heftigen Ruck ins Soziale. Das lag seiner farbenfreudigen und phantasievollen Persönlichkeit wenig, seine Radierungen »Arbeiterleben« wirkten wie schwächliche Nachahmungen der Käthe Kollwitz oder Meuniers. Für seine Gesamtpersönlichkeit war auch dieser Teil seines Schaffens wichtig, für seine Kunst besagte sie nicht viel. Natürlich hielt er, wie alle Künstler, die sich besonders nach dem sehnen, was sie nicht haben, von dieser Seite seiner Arbeit besonders viel, während Kara leise den Kopf darüber schüttelte. Es nutzte ihr aber nichts, denn Rogler duldete keine Beeinflussung in diesen Dingen.

Der Kunstsalon besaß rückwärts im Hof einen Holzbarackenbau und in diesem hatte die Roglersche Ausstellung ihren Sitz aufgeschlagen. Alles stammte von ihm, die Anordnung der durch Holzrahmen gebildeten Räume, der Bewurf der Leinenwände, die Sitzgelegenheiten, das Arrangement des Blumenschmucks bis zum Katalog hinunter, der in den charakteristischen Lettern einer von Rogler eingeführten Antiquaschrift prangte.

An den freien Sonntagen mischte sich Rogler gern unter das Volk. Er, der an »fashionablen« Tagen nicht in seine Ausstellung zu bringen war, spielte dann Harun al Raschid, wandelte meist unerkannt unter den Leuten und sammelte Urteile.

Es war ein nasser nebliger Tag und die großen Bogenlampen in den Ausstellungsräumen gossen ein sanftes weißes Licht auf die drängende Menge. Kara blieb im Porträtsaal stehen. Ein paar Bildnisse junger Aristokratinnen waren da, und nie, so schien es Kara, hatte er schöneres geschaffen. Hinter den feinen und unbeträchtlichen Zügen der jungen Frauen lauerten die mächtigen Rassen, aus denen sie hervorgegangen waren. Wundervoll war der Zwiespalt zwischen der eigenen Unbedeutendheit und der Bedeutung des Geschlechtes zur Harmonie erhöht. Wundervoll auch die gedämpften satten Farben – er verschmähte das Kostüm, wollte moderne Kleider und stilisierte sie doch in etwas Bleibendes, keiner Mode Unterworfenes empor.

Wie Kara träumend vor den Bildern stand, hörte sie das laute, dröhnende Lachen, das nur Rogler gehören konnte. Er stand vor einem Bild, ihrem eigenen Bild, einem Akt im Schnee und sprach in fröhlichster Laune auf ein kleines Fräulein ein – Ladenmädel, dachte Kara prompt. Nun hatte er sie auch schon entdeckt und winkte sie lebhaft herzu. Er stellte vor: »Fräulein Karoline Krumm, Inhaberin des berühmten Modesalons Krumm – Fräulein Paula Huber, Manipulantin.« Es lag Absicht in dieser Vorstellung, schien es Kara – er kannte ihre sozialen Vorurteile und wollte sie ein bißchen bloßstellen, dem Ladenfräulein gegenüber. Die Kleine, das richtige süße Mädel, starrte Kara erschrocken an und dann das Bild, vor dem sie standen und das sie darstellte, nackt im Schnee. Es schien ihr unmöglich – diese überkorrekte diskret gekleidete Dame, die sie entschieden streng ansah, und das nackte Weibsbild da – aber es war doch dasselbe Gesicht und auch die Proportionen der langen schlanken Gestalt vermochte selbst ein ungeübtes Auge als die gleichen zu erkennen.

Rogler lachte. »Nämlich, das Fräulein Paula Huber geht da mit einer Freundin Arm in Arm herum und macht despektierliche Bemerkungen über meine Bilder. Ich steig ihr nach, weil sie hübsch is und weil sie so respektlos is, sprech ich sie an. Ich hab sie gefragt, ob sie sich von mir malen lassen möchte, aber sie hat sich bekreuzigt. Gott bewahr! Meine Bilder sind ihr zu verrückt – gelt?«

»Ich versteh doch nix davon,« sagte jetzt die Kleine mit den hübschen braunen Augen verlegen. »Ich hab ja noch so wenig Bilder gesehen. Aber wenn eine Ausstellung nix kostet und man nicht weiß, was man am Sonntag machen soll, nicht wahr?«

»Freilich – und in mein Atelier werden Sie doch auch kommen, gelt?« sagte er schmeichelnd. Er wußte, daß Kara jetzt sehr litt, aber er sprach doch so, weil ihre steife Haltung ihn erbitterte. In diesem Augenblick fühlte er sich viel mehr hingezogen zu diesem kleinen dummen Ding, das so wenig vom Leben hatte, daß es sogar in eine Ausstellung gleichgültiger Bilder ging, bloß weil es nichts kostete. Die Kleine fühlte das, wurde mutiger und gab ihre Anschauungen über Kunst zum Besten. Er wollte sich totlachen, ließ sie aber doch nicht aus. Kara blieb zurück. Sie stand vor ihrem Bild, als müsse sie es schützen vor dem trivialen Geschwätz kleiner Mädeln.

Karas Bild im Schnee. Das war die süßeste Erinnerung ihrer Liebe. Es stammte aus der Zeit, da das wildeste Sehnen vorbei war, da man sich besaß und in traumhaftem Entzücken an die Wirklichkeit dieses Besitzes noch nicht zu glauben vermochte. Damals wurde Rogler nicht müde, Karas Körper zu malen, dieses perlmutterartig schimmernde Weiß, das er gegen einen weißen Hintergrund zu stellen liebte, damit die leblose Farbe des toten Gegenstandes und das durchblutete Weiß des warmen jungen Frauenleibes im Kontrast zur Harmonie verwuchsen. Nie glückte es indessen ganz. Als er eines Morgens aufwachte, lag Schnee überall. Da wußte er, er müsse Kara inmitten samtener flockiger Schneemassen malen. Erst malte er draußen die Winterlandschaft und im Atelier dann Karas Akt dazu. Aber nie konnte ihn das befriedigen, immer sah man die Zwiespältigkeit, das Konstruierte, Unwahre. Kara war's, die zuerst erkannte, sie müsse sich einmal wirklich in den Schnee stellen. Er protestierte schwach: sie könne sich den Tod holen. Aber was hätte Kara sich nicht alles geholt, um ihm dienstbar zu sein!

Das Einfachste wäre wohl gewesen, draußen vor der Stadt einen umfriedeten Garten zu mieten und dort zu malen. Aber damals war Roglers schwerste Zeit in Geldsachen. Seine Lehrstelle hatte er aufgegeben; niemand kaufte ihm etwas ab: man wollte ihm nicht einmal mehr borgen und Kara hatte auch nichts. Ein paar Gartenbesitzer, denen er seine Wünsche vortrug, meinten, es handle sich um eine »Schweinerei« und wollten damit nichts zu tun haben. Da zogen die zwei selbander auf die einsamen Schneehänge des Wienerwaldes. Ein großes Feuer ward auf einer Wiese angemacht, der Schnee ringsum glühte rosig in seinem Licht, aber er war zu fest gefroren, um rasch zu schmelzen. Dann kleidete sich Kara aus und trat in die Wiese. Ihr war nie kalt, sie fühlte nicht, wie sie nach kurzer Zeit blau wurde und an allen Gliedern zitterte. Dann wickelte sie Rogler in seinen großen Mantel und trug sie ans Feuer. Sie brieten Kastanien und Äpfel. Waren sie warm geworden, so begannen sie aufs neue. Manchmal knackten die Äste unter dem Tritt eines Wildes, dann schraken sie zusammen und Kara verbarg sich lachend. Sie waren sehr glücklich damals.

Das Bild wurde den berühmtesten Vorbildern des französischen Impressionismus an die Seite gestellt. Von da an merkten die Kenner sich Roglers Namen. Merkwürdigerweise wurde es nie verkauft, zuerst weil Rogler sich nicht davon trennen konnte und Schwierigkeiten machte, später, weil es viel nachgeahmt worden war und den Reiz des Neuen verlor. Vielfach wurde es lustig parodiert und karikiert, aber seinen Zweck hatte es erfüllt: Rogler wurde berühmt daran.

Der Gong ertönte, der das Zeichen zum Schluß der Ausstellung gab. Rogler hatte sich nicht mehr gezeigt. Beim Hinausgehen sah sie ihn ohne Fräulein Paula Huber neben einem Arbeiter in einer blauen Bluse stehen, den Arm freundschaftlich in den des Mannes gelegt. »Natürlich! Warum sind Sie nicht gleich gekommen! Geholfen wird Ihnen werden und das gründlich!« hörte sie ihn sagen. »In einer solchen Lage kommt man halt gleich zum Rogler!« Es war dem Manne anzusehen, daß ihn ein Wort eben sehr glücklich gemacht haben mußte.

Irgend etwas in Kara wallte auf und wollte auch mittun. Und da ihr nichts anderes einfiel, nahm sie sich vor, am nächsten Morgen bei Fritzi eine Gehaltserhöhung für das kleine Laufmädel durchzusetzen, um das sie sich sonst nie gekümmert hatte.

 

Wenn es überhaupt eine Episode Paula Huber gegeben hatte, so dauerte sie jedenfalls nicht lange. Das konnte Kara mit Befriedigung konstatieren.

Sie sah die Sache vor sich, wie wenn sie dabei gewesen wäre: Rogler hatte die Kleine ein paarmal ins Atelier kommen lassen. Die hatte sich mit der Freundschaft des vielbesprochenen Malers gebrüstet und war üppig geworden. Das genügte für Rogler, sie fallen zu lassen. Denn im Grunde verlangte er Demut von den Frauen, die ihn liebten und daß sie Reklame mit ihm machten, vertrug er schon gar nicht. In diesen Tagen fühlte Kara, daß er ihr stilles und stolzes Wesen sehr schätzte und instinktiv stimmte sie es besonders auf ihn. Ernstlich fürchtete sie ja solche Episoden niemals. Aber daß sie überhaupt eine Minute lang Wert für ihn haben konnten, begriff sie nicht recht.

Rogler konnte sich nicht verhehlen, daß seine Ausstellung keineswegs die Resultate gezeitigt habe, die er erwartet hatte.

Von einem Teil der Kritik in alle Himmel gehoben, von dem andern in alle Tiefen verdammt, war er früher auch gewesen. Das was er wollte: den Kontakt finden mit dem Volk, das Überströmen seiner Kunst auf viele war ihm auch diesmal nicht geglückt. Freilich sagte er sich, daß der Maler über die Wirkungen, die er erzielt, ja stets im unklaren bleibt. Niemals erhält er einen der gefühlvollen Briefe, die dem Dichter, selbst dem Komponisten aus dem Publikum zuflattern können. Alles was ihm bleibt, ist außer ein paar Aufträgen, die ja auch nur die Wohlhabenden geben, nur der Streit zwischen ein paar Kritikern. Wem er in die Seele gesprochen hat, erfährt er nie.

In solchen Zeiten der Unzufriedenheit ergoß sich sein Zorn über die Stadt. »Immerfort grübelt ihr über den Grund, warum die Stadt künstlerisch und politisch niedergeht! Das hat doch nur eine Ursache: die Mehlspeisen! Entzieht einmal dieser behaglichen Rass' ihre Knödel, Nudel und Strudel! Dann werden eine ganze Menge Kräfte, die man jetzt ausschließlich zum Verdauen braucht, frei werden und die Menschen ein bissel geistig und künstlerisch beweglicher. Aber so lang sie soviel Seelenspeck ansetzen, ist nichts zu hoffen!«

»Wenn du jedes Jahr ausstellen würdest – wenigstens eine größere Arbeit ...« sagte Kara schüchtern. Da fuhr er auf. »Die Künstler, die jedes Jahr zur Saison mit einem neuen Werk in die Wochen kommen und die Liebenden, die immer für das geliebte Wesen da sind, aus Angst vor dem Vergessenwerden – die verachte ich. Man muß ein Werk reif werden lassen können – und eine Sehnsucht.«

»Es gibt aber Menschen, die den Gedanken einfach nicht ertragen, daß der andere sich sehnt,« sagte Kara, die aus seinen Worten immer nur das heraus hörte, was sie besonders interessierte: das von der Liebe. Aber eben das war es, was Rogler am wenigsten wichtig schien und er fing an, von Differenzen mit seinem Kunsthändler zu erzählen. Auf Diskussionen über die Liebe ließ er sich nicht gerne ein.

 

Weihnachten stand vor Kara wie ein unübersteigbar hoher Berg, über den man niemals wegkommen würde, der aber wohl auf einen fallen konnte und einen erschlagen.

Seit Wochen ging sie nicht mehr in die festlich erleuchtete, menschenerfüllte Stadt. Höchstens Kinder sind zu Weihnachten glücklich, dachte sie. Erwachsene sind es nicht mehr. Wenn ich die ausnehme, denen ihre materielle Lage in diesen Tagen besonders hart zum Bewußtsein kommt, blieben auch noch immer die, wie ich, schwer unter der Melancholie dieser Tage leiden. Wenn wir Einsame uns einmal zueinander fänden ... Aber nein, das würde uns noch schwerer demütigen. Jedes Unglück ist nur dadurch erträglich, daß es etwas Apartes ist, etwas für uns allein Geschaffenes. Schon in dem Wort »Schicksalsgenossen« liegt eine Beleidigung: daß ein Schicksal Genossen haben kann. Und niemand würde sich's auch gestehen, wie tief er die Sehnsucht nach dem konventionellen banalen Weihnachtsglück in sich trägt.

Am Anfang ihres Verhältnisses hatte Rogler einige Male die Weihnachtsabende mit den Schwestern gefeiert. Es war eine wundervolle Zeit für Kara. Einmal schuf sie ein entzückendes Weihnachtszimmer ganz im Stil einer bäurischen Heimatskunst, in starken Farben gehalten: blau, rot, gelb; auch der Baum war auf solch derb stilvolle schlicht volkstümliche Art geschmückt, selbst das Zuckerwerk und die Lebkuchen, die in altertümlichen Formen gebacken waren, schienen dem Rahmen des Ganzen angepaßt. Damals lobte sie Rogler sehr und schalt auf die charakterlosen ätherisch silberumsponnenen Christbäume, die eine falsche Kitschpoesie umwehte. Jedes Jahr suchte Kara nun etwas Neues zu finden, aber nicht immer glückte es. Dann erklärte Rogler auf einmal: heuer werde er nicht kommen. Sie hielt dies für eine seiner unbegreiflichen Launen. »Wie hart du bist!« sagte sie traurig. »Im Gegenteil – ich bin sehr weich«, meinte er und ging. Mit einem Mal fühlte Kara, was sie sonst nur ahnte: daß auch sie nur wenig wußte von ihm. Woran dachte er in diesem Augenblick? An seine Frau, von der er nie sprach, die er einmal sehr leidenschaftlich liebte und auch nach der Scheidung zuweilen gesehen hatte? An das Kind, daß ihm gestorben war? Sie wußte es nicht. Sie verbrachte den Weihnachtsabend in schwerem Trübsinn allein mit Fritzi. Die aber erklärte am nächsten Morgen resolut: nie wieder! Für das nächste Mal lud sie sich bei einer Tante ein, mit der sie sonst kaum verkehrten. Kara trabte willenlos mit. Die Spießbürgeratmosphäre bedrückte sie. Es bedrückte sie, so arm zu sein, daß sie gerade an diesem Tage Zuflucht bei Menschen suchte, die sie sonst kaum beachtete. Fritzi war nicht so subtil. Sie trank viel Punsch und fand es ganz gemütlich. Die Verwandten vertrugen sich sehr gut mit ihr, aber Kara stand als fremdes Element zwischen ihnen. Schon äußerlich gab ihre herbe stilisierte Schlankheit eine Dissonanz zu diesen behaglich rundlichen Leuten. Sie wußte auch nichts mit ihnen zu sprechen. Und dann fühlte Kara, wie ihr Verhältnis zu Rogler, das sie wohl kannten, diese guten Katholiken und braven Bürger abstoßen mußte, wenn sie auch taktvoll zu schweigen bemüht waren. Von da an ließ sie Fritzi allein gehen, blieb zuhause und legte sich am Weihnachtsabend schon um neun Uhr zu Bett.

Es blieb für Kara immer ein Schmerz, daß von Rogler nie die kleinste Weihnachtsgabe kam.

Er schenkte gern und reich, aber er sträubte sich leidenschaftlich gegen den Tribut, den das Herkommen an bestimmten Tagen verlangt. Er wollte nach Laune und Stimmung schenken. Einmal, an einem ganz irrelevanten Tage brachte er Kara einen sehr schön gearbeiteten Anhänger aus rosa Halbedelsteinen, am nächsten Tage einen ähnlichen aus grünen Steinen und am übernächsten Tage einen aus Amethysten. »Aber Lieber,« sagte Kara, die schon beim zweiten bestürzt gewesen war, »es ist ja wunderschön, aber warum soviel Geld für ganz Überflüssiges ausgeben! Einer in Gottesnamen! Aber gleich drei! Ich brauchte so vieles nötiger!«

»Eben, weil nur das Überflüssige, der Luxus, das Unsinnige den Reiz des Geschenkes hat,« sagte Rogler verächtlich. »Das scheinst du nicht zu verstehen. Kinder, die noch ihre gesunden, durch keinerlei ›Vernunft‹ verkrüppelten Instinkte haben, wissen das ganz genau. Versuch du einmal, einem Kinde etwas ›Nützliches‹ zu schenken! Meine Mutter hat zwar nicht lesen und schreiben können, aber daß nur Überflüssiges das wahre Geschenk ist, hat sie auch gewußt. Die Leut im Dorf haben natürlich gesagt: warum kauft die Roglerin ihrem Buben für ihre paar Groschen nicht lieber ein Paar ganze Stiefel? Sie aber hat gefühlt, daß ich lieber meine Zehen erfrieren wollte als meine Phantasie. Sie hatte eben noch die feinen Gefühle der ganz primitiven Menschen.«

Aber trotzdem nahm Rogler einen Spirituskocher neuesten Systems, den ihm Fritzi verehrte, mit freundlichem Dank entgegen.

Fritzi stand vor dem Spiegel und legte die letzte Hand an ihre Toilette. Sie trug ein derbes bürgerliches braunes Cheviotkleid und freute sich, so oft sie es anziehen durfte, denn die fließenden ästhetischen Gewänder, die sie das ganze Jahr über anfertigen mußte, (»psychologische Schlafröck'« nannte sie sie bei sich) gingen ihr schon auf die Nerven. Sie forderte Kara dringend auf, zur Tante mitzukommen, aber Kara schüttelte den Kopf. Sie hatte genug von diesen Weihnachtsfreuden.

So zog Fritzi leise brummend ab. Das Dienstmädchen hatten sie schon früher zu ihren Verwandten entlassen. Kara blieb allein.

»Gemütlich machen,« dachte sie. Sie ließ die gelbseidenen Stores herab und zündete die Teemaschine an. Die summte leise, draußen war es still, nur zuweilen knisterten Tritte im Schnee. »Wie gemütlich!« dachte Kara und wiederholte es ein paarmal laut, um sich selbst davon zu überzeugen. Und in diesem Augenblicke kam ihr die grenzenlose Traurigkeit dieses einsamen Weihnachtsabends so stark zum Bewußtsein, daß sie in Tränen ausbrach.

Nur ein Ende machen – nur ins Bett, fühlte sie dumpf. Der Tee blieb ungetrunken. Sie schmiegte sich in die eiskalten Kissen und bereute einen Augenblick, nicht mit Fritzi zur Tante gegangen zu sein. Dort war doch die animalische Wärme von Menschen, Licht, Stimmen, nicht diese tödliche Einsamkeit.

In diesem Augenblick klingelte es draußen. »Er!!« durchfuhr es Kara. Sie nahm sich nicht Zeit, in einen Schlafrock zu fahren. So wie sie war, in ihrem langen Nachthemd mit bloßen Füßen stürzte sie hinaus. In diesen wenigen Sekunden, bis sie die Entreetür erreicht hatte, stürmten tausend Gedanken durch ihren Kopf: Er kann's nicht sein, er lautet schärfer, bestimmter. Wer aber sollte es sein außer ihm? Der Liebe, Liebe! Sie zitterte vor Erregung, als sie aufschloß. Im Augenblick fühlte sie mehr als sie noch sah: er ist es nicht. Es ist eine Frau. Aber sie blieb starr vor Erstaunen, als sie Fräulein Miriam Rubinstein erkannte.

Fräulein Miriam Rubinstein war noch nicht lange Kundin des Krummschen Ateliers. Sie war Schauspielerin und wirkte erst seit kurzer Zeit in der Stadt. Draußen im Reiche hatte sie Triumphe gefeiert und war als eines der größten darstellerischen Talente der Moderne ausgerufen worden. Hier war ihr Talent noch umstritten. Die einen fanden, daß sie namentlich die klassischen Rollen mit ganz neuem Geiste erfülle und sie dadurch dem Empfinden der Zeit nahe bringe. Die anderen meinten, daß sie nur »justament« alles anders mache, als es die Tradition vorgezeichnet habe. Die einen nannten sie absolut genial, die anderen hysterisch. Im übrigen war sie eine fanatische Jüdin und hatte ihrem farblosen Namen Marie Stein mit wilder Absichtlichkeit eine ganz semitische Fassung gegeben, um ihre Gesinnung sogleich jedem ins Gesicht schleudern zu können. Viele sagten ihr nach, daß sie überhaupt keine Jüdin sei, sich nur als solche gebe, um eine originelle persönliche Note zu haben, da diese Nuance nun einmal noch nicht so abgegriffen sei wie alle anderen.

Ins Atelier Krumm war sie gekommen wie andere Schauspielerinnen auch, von einer Kollegin aus einem andern Rollenfach empfohlen. Denn da sie von draußen kam, legte sie einstweilen noch mehr Gewicht auf die geistige Durchdringung ihrer Rollen als auf äußeren Schick und das schadete ihr. Kara stand damals mit dem Zeichenblock vor ihr, nachdenklich bemüht, den Stil dieser unscheinbaren und doch durchaus eigenartigen Erscheinung zu finden, da fühlte sie die durchdringenden grauen Augen der schlanken jungen Jüdin gedankenvoll auf sich gerichtet. Es war wie ein Blitz, als ob sich plötzlich zwei Seelen einander erschlössen, aber es dauerte nur einen Augenblick. Irgend etwas gleichgültig Alltägliches unterbrach den Zauber und in der Folge vergaß Kara im Drang ihrer eigenen Angelegenheiten völlig daran. Und nun am Weihnachtsabend stand sie an ihrer Tür im Hemd mit bloßen Füßen und Fräulein Miriam Rubinstein stand vor ihr.

»Sie wundern sich,« sagte Miriam und zuckte die Achseln. »Ja, es ist auch merkwürdig. Ich fühlte, daß Sie heute einsam sein würden. Oh, ich kenne Ihre Geschichte nur soweit, als die Kunstwelt sie hier eben kennt, aber das ist genug. Ich habe Sie gestern auf der Straße gesehen. Sie waren sehr blaß. Ich bin's gewöhnt, Menschen zu beobachten. Da wußte ich, daß Sie heut ebenso einsam sein würden wie ich.«

»Wollen Sie nicht hineinkommen?« sagte Kara ungeschickt. »Verzeihen Sie, daß ich so bin. Ich will mich gleich anziehn.«

»Gehen Sie ruhig ins Bett zurück,« sagte Miriam und nahm ihr Kopftuch ab. Sie war es sichtlich mehr gewöhnt als Kara, sich in absonderlichen Situationen zu bewegen, die sie herbeigeführt hatte. »Ich setze mich zu Ihnen und mache uns Tee. Oh, ich sehe, Sie haben es auch versucht, sich den Abend behaglich zu machen und da hat seine Trostlosigkeit Sie übermannt. Ganz wie bei mir. Nun wollen wir zusammen sein.«

»Wie seltsam dies ist,« sagte Kara und schmiegte sich wohlig in ihr Bett, das ihr jetzt wärmer schien, während die schmale graue Gestalt der Schauspielerin sich leise auf und ab bewegte. »Wie konnten Sie nur ahnen?«

»Schicksalsgenossinnen finden sich zusammen,« sagte Miriam gleichmütig. »Glauben Sie nicht, daß mich irgendeine besondere Freundschaft zu Ihnen zieht. Oder vielmehr, sie zieht mich nur heute abend zu Ihnen, morgen sind wir fremd für einander – wieder nur irgendeine Schauspielerin, irgendeine Schneiderin, die in geschäftlichem Verkehr miteinander stehen. Aber heute sind wir zwei traurige, weiche, einsame Frauen, die dafür büßen, daß sie lieben.«

»Sie auch?« fragte Kara.

»Ich auch,« nickte Miriam. »Ich hab ihn fortgeschickt heut am Weihnachtabend, zu seiner Frau und seinen Kindern.«

»Dies konnten Sie?«

»Ich mußte es können. Ich liebte ihn so sehr. Es ist der stärkste Liebesbeweis, den eine Frau einem Manne dadurch geben kann, daß sie sich von Zeit zu Zeit ausschaltet. Ganz – vollständig. Nicht mehr da ist. Ihn an sich vergessen läßt, ihn nicht bedrängt mit ihrer Liebe. Dann kann er ihr wieder kommen. In so einer Periode bin ich jetzt. Ich habe ihn kühler werden gefühlt, da mußte ich ihm einen Urlaub geben – physischen und Denkurlaub. Ich habe ihm freigestellt, wieder zu kommen, wenn er will. Er war gerührt und grenzenlos dankbar. Vielleicht halte ich ihn mit dieser Rührung, mit dieser Dankbarkeit. Für ihn bin ich in diesen Tagen nicht mehr da. Aber ach! ich bin gar nicht mehr da, auch für mich nicht. Es ist, als habe er meine Seele mit sich fortgenommen. Ich stehe auf der Bühne – eine Puppe, ein seelenloses Nichts. Aber ich bemühe mich, ruhig zu sein und nicht zu klagen. Denn ich sühne ein schweres Unrecht gegen ihn: meine zu große Liebe.«

Die Stimme der Schauspielerin klang singend im Raum. Wie ein Lied klang sie. Wie ein leises trauriges Lied ohne Ende.

»Auch Sie?« fragte Kara ergriffen.

»Wir alle,« sagte Miriam, »wir alle kranken an demselben Leid: wir lieben zu sehr. Mit der ganzen Kraft unserer heißen dürstenden Seelen stürzen wir auf den Mann, den wir lieben. Das ist zuviel. Bald wird es ihm zu schwer. Seine Liebe ist leicht und klein. Er erträgt die unsere nicht.«

»Gibt es denn nicht auch Frauen, die eine leichte kleine Liebe fühlen, wie die Männer?«

» Echte Frauen – nein,« sagte Miriam nachdenklich. »Ich glaube wenigstens nicht. Im Anfang, ja, da mag's mit einem Flirt anfangen, einem Scherz. Ich denke oft, der Schutzpatron der Frauenliebe sollte der heilige Christophorus sein, sein Bild sollte über unseren Betten hängen ... Kennen Sie die Legende nicht? Der heilige Christophorus nahm ein kleines Kind auf seine Schultern und trug es über einen Fluß. Es war das Jesuskind und es war leicht und klein. Doch unversehens wurde es schwerer und schwerer und drückte so sehr auf dem Rücken des riesenstarken Mannes, daß er fast zusammenbrach und kaum mehr das Ufer erreichte. So nehmen wir Frauen eine kleine, leichte Liebe lächelnd auf unsere Schultern und unversehens wird sie so schwer, daß wir an ihr zugrunde gehen.«

Nun schwiegen beide. Kara dachte an die ersten Male, da ihr einstiger Zeichenprofessor sie »angesehen« und beim Korrigieren lange bei ihr verweilt hatte. Wie hatte sie sich damals gefreut in ihrer kindisch geschmeichelten Mädcheneitelkeit! Ihr lächelnder Blick zog ihn noch mehr an. Sie ahnte damals nicht, was dies Gefühl für sie werden sollte.

»Fürchten Sie nicht, ihn zu verlieren, wenn Sie ihn so sich sehnen lassen?« fragte sie.

Miriam schüttelte den Kopf. » Uns lähmt und entnervt die Sehnsucht. Die Männer beflügelt sie. Sie wollen Qual.«

»Es ist wohl einfach zuviel Liebe in der Welt – zuviel obdachlose Frauenliebe,« sagte Kara.

Miriam nickte. »Wenn dieser brausende eigensinnige Liebesstrom sich anderswohin abwälzen ließe, zum Beispiel ins Soziale! Wieviel weites dürres Land ist da. Wie ließe sich das bewässern! Aber für uns ist das nicht. Wir halten uns zu sehr am Persönlichen fest.«

»Manche am Religiösen,« sagte Kara und dachte an die Nonnen in der Klosterschule, die sie ein paar Jahre lang besucht hatte.

»Weil Ihr Herr Jesus ein Mann war, – ein schöner junger Mann war,« sagte Miriam. »Es ist immer dasselbe. Darum kann es fromme Christinnen geben. Wir intelligenten Jüdinnen können's nicht mehr. Sollten wir etwa für Moses schwärmen? – Außer dann, wenn wir uns einmal eine originelle Pose geben wollen, wie ich's jetzt tue.«

»Und doch ist Ihr Wesen im Grunde so einfach!« sagte Kara. »Da Sie so lieben können!«

»Ja, ich bin einfach in der Liebe. Dieser Zug der Männer ist mir fremd: wenn sie eine Frau am meisten begehren, haben sie sie am wenigsten lieb. Sie hassen uns dafür, daß sie uns wollen.«

»Tun sie das?«

»Jawohl. In diesem Punkte wenigstens sind wir weniger kompliziert. Lieben und Begehren ist bei uns eins: darin sind wir heidnisch. In den Männern aber muß eher ein Stück christlicher Askese stecken, die sie den Liebesakt im Grunde niedrig einschätzen lehrt, sie in den Zwiespalt von Begierde und Angst vor der erfüllten Begierde bringt. Wir treten mit dem Liebesakt eigentlich erst in das Heiligtum der Liebe ein. Der Mann hat schon die Ausgangstür in der Hand.«

»Denn wir lieben eben eine Seele und darin erst fangen die Sinne zu brennen an,« sagte Kara. »Der Mann fängt mit den Sinnen an und bringt es über diese hinüber zuweilen fertig, eine Seele zu lieben ... Gibt es Frauen, die den Mann ihrer Liebe behalten?«

»Vielleicht, wenn sie ihm die Erfüllung seiner Wünsche versagen,« sagte Miriam gedankenvoll. »Mir scheint die Gewährung wie die goldene Treppe, die zu einer Pforte führt, welche das Paradies erschließen soll. In Wirklichkeit ist nichts hinter der Pforte. Man tut den Schritt, aber man stürzt ins Dunkel. So wenigstens fühlen es die Männer. Sie wissen es und wollen doch nicht auf der goldenen Treppe bleiben, die empor führt. Sie müssen hinabstürzen, sie können nicht anders. Oder glauben auch sie immer aufs neue, es könne ein Paradies hinter der Pforte liegen, wenn nur die rechte Frau sie führt? Ich weiß es nicht.«

Draußen erhob sich ein Wind. Er drang eisig herein, daß die Mädchen erschauerten. Miriam stand auf, sie war noch bleicher als sonst. »Es nützt nichts,« sagte sie, »es hilft alles nichts. Man kann sein Schicksal nicht wegphilosophieren. Ich hätte es wissen sollen und nicht kommen. Gute Nacht.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind,« sagte Kara und hielt die Schauspielerin an der Hand fest. »Ich möchte Sie wiedersehen.«

»Wünschen Sie sich's nicht,« sagte Miriam ein wenig spöttisch. »Morgen bin ich ganz anders. Und wenn erst mein Geliebter wieder bei mir ist, kenn' ich niemand andern mehr als ihn. Ja, so bin ich. Undankbar und vergeßlich den guten Stunden gegenüber. Aber Sie haben mir eine geschenkt und heute dank ich Ihnen dafür.«

»War dies eine gute Stunde?« sagte Kara. »Mir scheint es, daß es eine böse und traurige war.«

»Wenn Sie in späteren Zeiten daran zurückdenken, werden Sie finden, daß es eine gute war. Übrigens geb ich Ihnen einen Trost für die bitteren Stunden: Sagen Sie sich, daß immer eine noch bitterere nachkommt ... Und nun leben Sie wohl. Nein, stehen Sie nicht auf. Ich finde den Weg allein.«

»Du hast Besuch gehabt, sagt mir die Hausmeisterin?« fragte Fritzi, als sie heimkam. »War's hübsch? Wie, du hast ihr nicht einmal mit etwas aufgewartet außer mit Tee? Wirklich, Kara, wie gedankenlos du bist, man muß sich ja schämen! Was wird sie sich denken? Sehr nett war's bei der Tante, schad, daß du nicht mit warst. Also Gott sei Dank, der heilige Abend war wieder einmal herum!« Und mit einem Gähnen streckte sie sich in die Kissen.

 

Gleich nach den Feiertagen kam Rogler zu Kara. Er ließ sich schweigend nieder, steckte seine kurze englische Pfeife an und sagte nach einer Weile: »Ich habe geglaubt, daß du am Weihnachtsabend zu mir kommen wirst.«

»Ich hab ja nicht gewußt, daß du das willst,« sagte Kara, innerlich ganz elend.

»Das mußtest du fühlen!«

»Wie soll ich das denn? So oft, wenn ich zu dir gekommen bin, ganz heiß, ganz voll Empfindungen, hast du mich zurückgestoßen. Wie sollte ich da noch wissen, was du willst!«

»Du bist eben unempfindlich für Strahlungen.«

»Sag lieber, so oft enttäuscht und fortgestoßen, daß ich zermürbt bin.«

»Nein. Nur unempfindlich, nicht naiv genug, dich einfach sein zu lassen, Stimmungen auf dich übertragen zu lassen. Du arbeitest immer mit der Reflexion entgegen, statt mit der Natur zu gehen. Alles auf der Welt geschieht aber durch Strahlung. Jetzt kommt man ja Gottlob schon darauf, daß auch die Menschen radio-aktiv sind. Freilich haben das auch die alten indischen und deutschen Mystiker schon gewußt, nur ein so prachtvolles Fremdwort dafür haben sie noch nicht gehabt. Dir fehlen aber alle ursprünglichen Instinkte.«

»Das heißt, ich hab gelernt, sie zu erwürgen im Verkehr mit dir,« sagte Kara, den Tränen nahe.

»Nein, du hast immer so eine vivisektorische Art gehabt, auch Freuden gegenüber.«

»Möchtest du mir sagen, wo man ungebrochene Genußfähigkeit zu kaufen bekommt,« fragte Kara scharf.

»Du bist aber reizbar heute!«

»Wenn ich für dich empfindlich bin, nennst du es Feingefühl. Wenn ich es aber für mich bin, heißt es Reizbarkeit.«

In diesem Augenblick kam es Kara zum Bewußtsein, daß sie eben das tat, was sie an liebenden Frauen sonst so sehr verachtete: sie machte eine Szene. Was sie jahrelang mit unendlicher Geduld vermieden, wollte sie jetzt in einem unbedachten Augenblick bloßlegen. Wozu ihm erklären, was ich empfinde! dachte sie. Mann und Frau leben nach so verschiedenen Gesetzen, daß es mir immer lächerlich vorkommt, sie mit dem Sammelnamen »Menschen« zusammen zu fassen. In Wirklichkeit sind sie so verwandt miteinander wie etwa ein Vogel und ein Fisch.

Rogler sah sie an. Er wartete offenbar auf einen Ausbruch. Selbst gereizt, würde es ihn erleichtert haben, wenn der andere einen Auftritt provoziert hätte. Aber Kara fühlte, daß sie das nicht konnte. Leiden – gut, dachte sie. Aber es ihm zeigen – nein. »Ich bin Weihnachten mit Miriam Rubinstein gewesen,« sagte sie laut.

»Mit der Schauspielerin?«

»Ja – kennst du sie?«

»Ich habe sie als Ophelia gesehen. Das heißt, es war nicht die Ophelia, sondern eine Art akademische Vorlesung: das erotisch-pathologische Moment bei Shakespeare mit Demonstrationsbildern. So wenigstens spielt sie.«

»Sie ist eine denkende Schauspielerin.«

»Hör mir damit auf!« schrie Rogler. »Ich kann die Leut nicht leiden, die ›denken‹. Auf die blitzartige Eingebung kommt es an. Denken kann heutzutage schon jeder Esel ... Wenn aber eins beim Theater so anfängt – das ist schon das Minderwertigste in dieser minderwertigen Kunst.«

»Du gehst aber doch selber in Veranstaltungen dieser minderwertigen Kunst,« sagte Kara, der es aufdämmerte, als ob Rogler heute ihren Widerspruch brauche, denn anders konnte er seinen angesammelten Groll nicht los werden.

»Ich geh hinein – aber ich verachte mich dafür,« sagte Rogler wütend. »Theater ist auch einer von den ewigen künstlerischen Irrtümern der Menschheit.«

»Den sie seit der Antike schon hat,« sagte Kara, froh, das Gespräch ins allgemeine zu lenken.

»Ich hab's schon gesagt: es gibt ewige Irrtümer. Ich begreife, daß man ein Theaterstück schreiben kann, daß man sich nach dieser Form sehnt, die Menschen selbst sprechen läßt ohne Kommentar. Wie man sich es aber vorspielen lassen kann, versteh ich nicht.«

»Aber Shakespeare ...«

»Bloß mit Shakespeare komm mir nicht,« schrie Rogler. »Ich sitze in meinem Zimmer und lese die ewigen Herrlichkeiten des Hamlet. Meine Phantasie dichtet mit, schafft die Gestalten nach, denkt weiter. Dann geh ich ins Theater. Was das größte dichterische Genie aller Zeiten ersonnen, wird mir nun von dem jugendlichen Helden, Herrn X, einem Trottel erster Güte verkörpert! Verkörpert mit ein paar stereotypen Bewegungen, die er in einer Theaterschule erlernt hat, nach einer Tradition, die seit achtzig Jahren tot ist, mit Mantelzipfel und Zungen-R – daß sich Gott erbarm.«

»Es gibt doch auch geniale Schauspieler.«

»Möglich. Aber welcher Mensch kann mich zwingen, mir den Johannes Rosmer genau nach seinem Bilde vorzustellen! Welch grenzenlose Anmaßung, die Phantasie so zu knebeln! Selbst wenn es mir so scheint, muß es meinem Nachbar nicht so vorkommen. Und wenn er mir eine Rolle ganz zu erfüllen scheint, so ist damit doch schon gesagt, daß es bei der nächsten nicht mehr sein kann. Wozu also dieses störende Zwischenglied zwischen mir und der Phantasie, das mir die Kunst als etwas Glattes, Rundes, Fertiges hinstellt, bei dem man nichts zu tun hat, als zu genießen. Wenn es nach mir ginge, würden die Schauspieler immer noch auf dem Schindanger begraben werden. Und besonders die Direktoren!«

Wie ihm da gleich besser wird! dachte Kara. Wie wichtig ihm alle diese Dinge scheinen, die doch nur Surrogate sind!

»Ich hab dir etwas mitgebracht,« sagte Rogler und zog ein Blatt aus seiner Brieftasche. »Mein Bild.« Kara griff begierig danach. Seit so vielen Jahren hatte sie sehnlich gewünscht, eines zu besitzen. Seinen Haß gegen die Photographie kannte sie. Aber auf eine kleine Skizze, ein Selbstporträt hoffte sie immer. Nun lag es vor ihr. Mit ein paar Strichen angedeutet, scharf bis zur Karikatur, alle Eigentümlichkeiten des sonderbaren Bauernschädels bis zum Grotesken hervorgehoben. Nur die dunkelblauen Augen unter den schwarzen Wimpern waren in Farben und mit einer gewissen Liebe ausgeführt. Offenbar hatten sie ihn koloristisch interessiert. »Schreib mir was drauf,« bat Kara glücklich. – »Bist du ein Backfisch?« – »Schreib mir doch was drauf!« – »Da,« sagte er und beugte sich nieder, während es in seinen Augenwinkeln zuckte. Dann küßte er sie auf das Nackenhaar und ging. Sie sah das Bild an. »Du gehst zu Weibern – vergiß die Peitsche nicht!« hatte er darauf geschrieben. Er wußte es, daß ihr das Wort weh tat und hatte sie wohl nur necken wollen. »Als ob ihr Männer wohl jemals die Peitsche zuhause ließet – die Peitsche eurer mangelnden Liebesfähigkeit, auch da, wo ihr es gut meint,« dachte Kara traurig. Aber Fritzi freute sich darüber, als sie hereinkam. »Das ist gut – ist das von Rogler selber? Nein? Ach so, von Nietzsche! Das ist der Verrückte, nicht? Aber recht hat er! Uns Weiber muß man kujonieren, sonst werden wir alle Kanaillen! Und gar so ein Dickschädel wie du!« sagte sie freundlich zu Kara und ging wieder an ihre Arbeit.

 

Fritzi trat bei Rogler ein. Sie sah sehr würdig aus, ganz in schwarz und beinahe schlank in dieser Farbe. Sie setzte sich nieder und fragte nicht ohne Pathos: »Rogler, was haben Sie aus Kara gemacht!«

»Was« – Rogler blieb die Stimme vor Erstaunen im Halse stecken. »Was ich aus Kara gemacht habe?«

»Ja. Sie sieht elend aus, arbeitet nichts mehr, weint die Nächte durch – Sie haben sie unglücklich gemacht!«

»Fritzi!!« rief Rogler und fing hellauf zu lachen an. »Mir scheint, Sie kommen als Rächerin der Familienehre! Wie schade! Grad zehn Jahre zu spät!«

»Als gar nichts komm ich,« sagte Fritzi würdig, die zu begreifen anfing, als ob ihr guter Kamerad, mit dem sie sich so wohl vertrug, nicht immer um den Finger zu wickeln sei. »Ich will wissen, was mit euch beiden ist. Auf die Dauer geht das so nicht weiter.«

»Es geht doch seit zehn Jahren.«

»Einmal kriegen die Sachen alle ein Eck. Dann heißt's: Entweder – Oder. Haben Sie Kara gern?«

»Ich hab nie aufgehört, sie gern zu haben.«

»Warum heiraten Sie sie dann nicht?«

»Sie wissen ganz ebenso genau wie ich, daß ich vor fünfzehn Jahren so unvorsichtig war, ein derartiges Experiment zu machen. Heut bin ich konfessionslos, damals war ich Katholik. Eine neue Ehe gilt heut nichts mehr.«

»Man kann ungarischer Staatsbürger werden.«

»Hat die Kara Sie geschickt?« fragte Rogler und runzelte zornig die Stirn. Aber Fritzis empörte Protestgebärde war so echt, daß er sich wieder beruhigte.

»Also hören Sie zu, meine Liebe: Ich habe nie, nicht eine Sekunde lang ein Geheimnis daraus gemacht, daß ich nicht wieder heiraten will. Ich habe es der Kara gesagt, schon damals auf der Kunstgewerbeschule, und sie hat auch nie dran gerührt, muß ich zu ihrer Ehre sagen. Warum Sie heut davon anfangen, weiß ich nicht. Ich sage nicht, daß die Ehe nicht für den Künstler taugt, aber sicher taugt sie für mich nicht. Ich könnte überhaupt nur so heiraten, daß ich von meiner Frau getrennt lebe, mit ihr nur zusammenkomme, wenn mir der Sinn nach ihr steht – grad wie mit der Kara. Läßt sich eine angetraute Frau das gefallen? Glaubt sie nicht auf jede Viertelstunde ihres Mannes ein Recht zu haben, wenigstens indem sie weiß, wozu er sie verwendet? Mich würde das wahnsinnig machen. Also ist alles gut so – warum etwas ändern?«

»Aber die Kara hält's nicht aus.«

»Zehn Jahre hat sie's doch ausgehalten.«

»Sie schaden ihr aber entsetzlich, bei ihr selbst und bei den andern. Ich geb gewiß nichts auf die Menschen, aber schließlich sind wir ein bißchen auf das angewiesen, was sie denken. Wir können sonst nicht leben.«

»Aber liebe Fritzi!« sagte Rogler und lächelte ironisch. »Sie selber haben mir gesagt, daß gerade dieses illegitime Verhältnis Ihrem Salon einen so besondern Nimbus gibt. Daß die Damen geradezu berauscht sind, wenn sie eine leise Atmosphäre von Sünde zu wittern glauben! Also schon aus Geschäftsrücksichten!«

»Sie sehen nur die Schneiderin in mir!« schrie Fritzi empört.

»Manchmal merk ich doch, daß Sie Karas Schwester sind,« sagte Rogler und lachte vollends. Aber die zornige und gekränkte Fritzi brach in Tränen aus.

»Wissen Sie, daß Sie mir Kara geradezu entwerten mit solchen Sachen,« sagte Rogler ernst.

»Sie und Kara – mit euren Subtilitäten versäumt ihr das Glück!« sagte Fritzi und betupfte sich heftig die Augen. »Ich bin eine alte Jungfer – gut, für mich ist es einmal so gekommen. Ich bin aber nicht hart und nicht bitter, sondern ganz vergnügt und wer weiß! Einmal find ich doch noch einen Mann ›in den besten Jahren‹, wie Kara sagt. Aber sie wird ruiniert – sie wartet auf etwas, was nicht kommt, auf eine Erfüllung, auf ein Ausruhen in einer sichern Liebe. Zehn Jahre lang hoben Sie sie innerlich gehetzt. Ja, das wissen Sie freilich nicht, aber es ist doch so.«

»Wäre sie glücklicher, wenn sie dasäße als meine Frau – und ich würde sie betrügen, denn betrügen würd' ich sie – viel mehr als jetzt, weil ich voll Haß gegen sie wäre, daß sie mir meine Freiheit genommen hat. Warum könnt ihr Frauen den wundersamen Reiz der Freiheit nicht begreifen? Das Lockende der unbegrenzten Möglichkeiten! Die Schönheit, die darin besteht, alles nehmen zu können und doch so vieles am Wege liegen zu lassen! Warum fühlt Kara das nicht? Warum denkt sie nicht an das noch verschleierte Glück, an das Wunderbare, das einmal für sie kommen könnte?«

»Ach Gott, Kara!« sagte Fritzi. »Die denkt an Sie und an sonst nichts.«

»Sie wollen also nicht?« fragte sie nach einer Weile.

»Fritzi!« sagte Rogler. »Dies Nein hätten Sie mir ersparen sollen!«

Fritzi zuckte die Achseln und erhob sich. »Ich hab ja voraus gewußt, daß es so kommen würde. Aber ich fühl mich gar nicht erniedrigt, daß ich's wenigstens versucht habe. Wir sind ja alle so vornehm über diese Frage weggegangen und es war doch schließlich Pflicht, zu fragen und zu wissen. Bös bin ich nicht auf Sie, Rogler. Behüt Sie Gott.«

Er küßte Fritzi ritterlich und achtungsvoll die Hand. Nie tat er das sonst. Fritzi errötete dunkel. Zum erstenmal vielleicht ward ihr bewußt, daß dies der einzige Mann war, den sie in all den letzten Jahren überhaupt gesehen, denn Geschäftsfreunde schienen ihr ebenso ohne Geschlecht, wie sie selbst im Geschäft es war. Sie saß in der Tramway und dachte etwas verwirrt an alle ihre Beziehungen zu diesem Schwager, der es durchaus nicht werden wollte. Erst war er der Unerreichbare – der Professor, der die Gnade hatte, Kara auszuzeichnen. Fritzi war voll Haß und Wut gegen ihn, daß er die Schwester so aus allem Bürgerlichen riß. Dann schied er im Zorn von der damals kleinlich und engherzig geleiteten Lehranstalt. Nun kam die Not auch zu ihm. Gesprochen würde er niemals davon haben, aber daß er damals zuweilen zu einer Mahlzeit in der kleinen Werkstatt der Schwestern blieb, sagte mehr als Worte. Fritzi hatte ihr kleines Schneideratelier in der Gumpendorferstraße, offiziell war Kara daran beteiligt, in Wirklichkeit tat sie gar nichts, so erfüllt und verträumt war sie von ihrer Liebe. Sie war nur Roglers Modell in der Zeit und hatte ihm ja auch Glück gebracht. Er kam in die Höhe. Und lachend beschloß er, daß nun auch die Schwestern in die Höhe müßten, mit ihm. Er entwarf den Plan dieses originellen Ateliers, er lieh alles Geld, das er zusammenraffen konnte, er tischlerte, polsterte, strich an – alles mit seinem stürmischen Temperament, seinem unfehlbaren Geschmack. Fritzi dachte oft, wenn er sich einem praktischen Beruf zugewendet hätte, würde er mehr Geld verdient haben. Aber er ließ nicht von seiner Malerei und war nur selten und nur zu seinem Vergnügen Innen-Architekt. Auf das, was er aus der Werkstatt der Schwestern gemacht hatte, war er aber eine Zeitlang stolzer als auf sein bestes Bild.

»Warum hast du das getan, Fritzi?« fragte Kara blaß, als die Schwester ins Zimmer trat.

Fritzi erschrak so sehr, daß sie vergaß, zu lügen. »Woher weißt du, Kara?«

»Ich konnte mir's denken, daß du bei ihm warst – ich fühle es,« sagte Kara müde. »Es war sehr lieb von dir. Und er will natürlich nicht?«

Fritzi schlang in einer bei ihr seltenen spontanen Zärtlichkeit ihre Arme um Karas Hals. »Mach dir nichts draus! Er wird schon! Man kann die Frucht nicht abschütteln, bis sie reif ist, und eines Tages wird sie reif werden! Ich hab halt ein bissel zu früh gebeutelt! Weißt, jetzt hält er sich noch für einen Halbgott – und er ist doch nur ein Mann!« sagte sie und drückte einen Kuß auf Karas Wange, über die leise ein paar Tränen rollten.

 

Am nächsten Tag bekam Fritzi einen Heiratsantrag. Es war übrigens ihr erster nicht. Immer kamen sie aus der Branche und auch der diesmalige war von dem Chef eines Seidenwarenhauses, mit dem Fritzi öfters zu tun hatte. Ehrlicher als die anderen, redete er ihr nicht viel von Liebe vor, sondern meinte, daß seine verwaisten Kinder eine Mutter brauchten und daß auch für Fritzi die Stütze eines Mannes nur angenehm sein könnte. Schon geschäftlich, denn da sie das Atelier wohl behalten würde, könnte es dann zehnfach vergrößert werden.

»Vergrößert?« sagte Fritzi erstaunt. Und sie setzte ihm auseinander, daß dies doch eben den Reiz des Ateliers ausmache, seine Exklusivität, die Beschränkung der ausführbaren Aufträge.

Der gewiegte Geschäftsmann lächelte: »Ja, ja, Fräulein Krumm, zum Einführen sind solche Tricke ja ganz gut. Aber vergessen Sie nicht, daß Ihre Regien dieselben sind wie bei einem großen Betrieb und nur durch einen solchen hereingebracht werden können. Sie selbst haben mich voriges Jahr um Prolongierung der Zahlfrist ersuchen müssen.«

Fritzi protestierte heftig: sie seien Künstlerinnen, nicht Schneiderinnen. In der Kunst sei ein Massenbetrieb nicht möglich. Und während sie so sprach, kam ihr ein seltsamer Gedanke: sie redete ganz vom Roglerschen Standpunkt aus, ganz wie Kara an ihrer Stelle gesprochen haben würde. Ihr Visavis aber nahm den praktischen Gesichtspunkt ein, ihren eigenen, den sie gegenüber Kara und Rogler so oft vertreten hatte. Und mit einem Male sah sie, daß ihr ihre eigensten Ansichten fremd geworden waren, daß sie schon die der anderen hatte, von denen sie doch wußte, daß sie dem Geldgewinn weniger förderlich waren. »Hokuspokus« hatte sie manchmal gedacht, wenn sie ihn aus Geschäftsrücksichten eifrig mitmachte, und nun sah sie, daß er ihr schon zur zweiten Natur geworden war und sie anders nicht mehr konnte.

Sie war aber klug und vorsichtig und mochte den Mann nicht beleidigen. Scheinbar stimmte sie ihm ein wenig zu und dankte ihm auch für den Antrag, der sie sehr ehre und über den sie gewiß nachdenken wolle. Aber freilich, sie und ihre Schwester seien alte Jungfern aus Prinzip und Überzeugung und würden es wohl bleiben. Sie machte aber so viel freundliche Worte um den bittern Kern, daß der Bewerber kaum fühlte, daß er hinauskomplimentiert worden war. Fritzi sah ihm befriedigt nach und dachte: »Jetzt denkt er sich: Scharmantes Frauenzimmer! und hat ganz vergessen, daß er mich hat heiraten wollen. Kara an meiner Stelle hätte sich benommen wie die Jungfrau von Orleans, er wär todbeleidigt gegangen und nach der nächsten Bilanz hätte er uns die Seidenpreise doppelt erhöht.«

Mit roten Backen trat sie bei Kara ein und erzählte ihr alles. »Der Mann hat recht,« sprach Kara müde.

Fritzi wechselte die Farbe, diesmal vor Erstaunen. »Das sagst du – du?«

Kara zuckte die Achseln: »Denkst du, ich glaube noch on die Farce dieses ›künstlerischen Ateliers‹? Schon längst nicht mehr! Wie beneide ich euch alle, die ihr Ehrgeiz habt, dich und Rogler! Wenn du wüßtest, wie gleichgültig mir das alles ist! Geld verdienen, ja, dos hat noch einen Zweck! Alles andere ist nichts!«

»Seit wann bist du geldgierig?«

»Ich bin nicht geldgierig, – aber für Geld kann man sich kleiden, pflegen, schonen, – mit Geld kann man schön sein, jung bleiben. Meinst du, du bist schön, erhitzt, eingepreßt in dieses enge schwarze Kleid? Oder ich mit meinen Ermüdungsfalten, die Augen kurzsichtig zusammengekniffen? Nächstens werde ich mir eine Brille anschaffen müssen ... Nein, Fritzi, arbeitende und ehrgeizige Frauen sind immer häßlich.«

»Kara!! Man muß doch einen Zweck im Leben haben!«

»Wir haben doch einen Zweck im Leben: den Mann!«

»Kara!!« rief Fritzi. »Du bist nicht normal!«

»Im Gegenteil,« sagte Kara, »wir leben so anormal, daß man schon Zeter schreit, wenn wir einmal natürlich empfinden.«

»Es muß in deinem Alter liegen,« sagte Fritzi kopfschüttelnd. »Mit dreißig sollen viele Frauen mannstoll werden. Gott sei Dank, ich hab damals soviel Arbeit gehabt, daß ich nicht die Muße dazu hatte. Und jetzt ist wohl nicht mehr die Zeit dazu.«

Sie sah zufällig in den Spiegel. Dabei kam ihr der Gedanke, daß die herbe, schlanke, mädchenhafte Kara ja längst alle Sensationen des Weibtums kannte und daß sie, die Vollerblühte, Frauliche, immer noch Mädchen war. Zum ersten Male dachte sie bewußt daran, und es störte sie. »Eine Farce« hatte Kara das Atelier genannt und das ging ihr nicht aus dem Sinn. Eine elegante, ein wenig überspannte Kundin, die kam, sie zu konsultieren, ward ihr unangenehm. Das Kömödiantenhafte ihres eigenen vorgezeichneten Gebarens kam ihr zum Bewußtsein und ward ihr plötzlich zuwider.

Nicht für lange glücklicherweise. »Im Grunde ist alles gleich nötig und gleich überflüssig,« dachte sie. »Meine Arbeit, Roglers Malerei, das Werk des Dachdeckers da drüben.« Ihre Gesundheit schüttelte die Unlust ab und warf sich mit aller Energie auf das, was ihr nötig erschien, während Kara saß und träumte.

»Sonderbar, mich hat noch nie einer heiraten wollen,« dachte Kara. Über ihr lag seit ihrer frühen Jugend der Schleier jener Frauen, die in festen Händen sind. Wenn sich der Wunsch eines Mannes an die Frau eines andern wagt, an die Geliebte wagt er sich selten. »An die Geliebte!« sagte sie bitter. »Eine Liebende bin ich – aber das Wort gibts noch nicht in der deutschen Sprache. Wenigstens der Sprachgebrauch erweist uns die Galanterie, uns das Geliebtwerden zuzugestehen, die uns das Leben versagt.«

Da wurde sie von Rogler ans Telefon gerufen und sie vergaß alle ihre Betrachtungen und stürmte zum Apparat.

Wenn es März wurde, litt es Rogler nicht mehr in der Stadt.

An warmen Vorfrühlingstagen riß es ihn hinaus in den Wienerwald in die kleinen Orte im Westen, die sich langsam der vergrößerten Stadt als Villenviertel anzugliedern begannen. Die Äste der Obstbäume waren noch kahl, dick und knorrig, aber man sah: bald würden sie blühen. Die Sträucher setzten schon Blättchen an, von den Mauern her sandten rote Nesseln ihren scharfen gewürzigen Duft. Von den Hügeln aus sahen sie lauter weiße Häuser, denn diese Viertel waren neu, bekrönt von der goldenen Kuppel der Irrenanstalt. Aus den kahlen Bäumen schimmerten dichte Büschel schmarotzender Misteln, in den noch leblosen Gärten standen in fast regelmäßigen Abständen dicke Tuffe von Schlüsselblumen wie weiche, gelbe runde Polster. Die kotnassen Straßen waren hoch beschottert und in den Zweigen zwitscherten die Amseln ein leises Lied.

Hier war Rogler glücklich. Dies genoß er selig wie ein Kind. Er liebte jede der kleinen, namenlosen gelben und weißen Blumen in den Wiesen, aber er hatte es nicht gern, daß Kara sie pflückte. Er wurde böse, wenn sie einen welk gewordenen Strauß wegwerfen wollte und bei jedem Bächlein, an dem sie vorbeikamen, erfrischte er die müden Blüten. Daß Kara selbst vom Gehen und der Vorfrühlingsluft oft sehr erschöpft war, merkte er nicht. Sehr böse wurde er, als sie einmal die feine Struktur eines »Grillengrases« zu ornamentalen Zwecken skizzierte. Er schrie sie an – und schrie sie erst recht an, als sie etwas beleidigt sagte: »Ich bin doch schließlich Künstlerin – ich nehme Anregungen, wo ich sie finde.« Da wurde er wild. Im Ganzen lag die Anregung, in der Luft, in der Stimmung dieser Wiesen und Hügel, im Gesang der Vögel und im Duft der Erde. Wer hier auf Details jagte, »Anregungen« suchte, war ein Dilettant, ein Pfuscher, ein Journalist der Malerei. Und dies letzte war das schlimmste Schimpfwort, das er zu vergeben hatte.

Dann gingen sie durch die kleinen verschlafenen Orte, die nun zur großen Stadt gehörten: um die Kirche herum gruppierten sich das Wirtshaus, das Café (meist stolz »Kasino« genannt), der Barbier und der Konditor, bei dem es stets nach ranziger Butter roch und wo es viele Fliegen gab. Aber Rogler trat stets ein, vertilgte mit Begeisterung die Bäckereien, die auf fettigen Papieren ausgebreitet waren und schwatzte mit den Ladenmädchen, während Kara etwas dumm und hilflos daneben stand. Er besah mit wirklichem Interesse die Photographien im Schaufenster des Ortsphotographen, während Kara ihre Langweile an diesen stumpfen Gesichtern, die überall gleich aussahen, nicht verbergen konnte, und kam entzückt nach Hause, nachdem er, der Feinschmecker, in irgendeinem Wirtshaus einen unmöglichen Kalbsbraten mit wässerigen Kartoffeln verzehrt hatte.

Zuhause steckte Kara ihre Blumen sorgfältig ins Wasser, aus Angst vor Rogler, auch wenn er's nicht sah. Sie waren welk geworden, die schönsten auf der Fahrt verloren gegangen. Sie sandten einen herben Duft ins Zimmer, nach Wiese, nach sumpfigen Bächen, nach verfallenen Ziegelmauern, an denen sie gepflückt worden waren.

Aber in diesem Frühling nahm er Kara nicht mehr mit sich hinaus.

 

»Kara nicht zu Hause?« fragte Rogler ärgerlich, als er in dem kleinen Wohnzimmer Fritzi allein fand – wie immer am Sonntag nachmittag im Schlafrock, vor der Kaffeemaschine und behaglich die Zeitung vor sich ausgebreitet.

Es war ein hübsches Bild bürgerlichen Friedens, aber Rogler war gereizt. »Nie ist sie da, wenn man sie braucht. Nur wenn man sie absolut nicht brauchen kann, hat sie ein wahres Genie, aufzutauchen.«

»Sie ist doch immer für Sie da,« verteidigte Fritzi die Schwester. »Wissen Sie, wie viele Sonntagnachmittage sie allein in ihrem Zimmer versitzt? Nur heut hat sie's nicht ausgehalten und ist hinaus in die Weinberge, obgleich sie sonst die Sonntagsspaziergänger nicht leiden kann. Sie ist halt sehr nervös,« fügte sie mit einem Seitenblick auf Rogler hinzu.

»Nervös? Ein unglückliches Temperament hat sie,« sagte Rogler barsch.

»Kommen Sie, Rogler, trinken Sie lieber ein Schalerl Kaffee mit mir statt zu brummen,« meinte Fritzi freundlich.

Rogler lachte. »Sehen Sie, Fritzi, das war das erlösende Wort.«

»Sie behandeln Kara nicht gut,« sagte Fritzi, während sie ihm ein großes Stück Kuchen abschnitt. »Sie verdient ganz anderes zum Danke für ihre Liebe.«

»Verdient Liebe Dank? ›Liebe ist nichts als eine Laune, die den Überfallenen nicht nach seinem Willen fragt. Mit welchem Recht könnt ihr behaupten, daß Liebe Dank verdient?‹sagt Ninon de L'Enclos.«

»Es ist mir ganz egal, was Ihre französischen Kokotten sagen – denn so Eine ist das wohl gewesen,« sagte Fritzi ungeduldig. »Ich weiß nur, daß Sie Kara ganz anders lieb haben sollten.«

»Da irren Sie sehr, wenn Sie meinen, ich habe sie nicht lieb,« sagte Rogler ernst. »Aber ich möchte mich manchmal ausruhen. Bei Kara kann man sich nicht ausruhen. Sie ist eine Glühende, wie ich. Manchmal aber braucht man die Frau, die nichts ist als Frau – die mollige weiche Frau, die nur an das Nächste denkt und nicht immer das ganz Große will.«

»Wie ich,« sagte Fritzi lachend.

»Wie Sie,« nickte Rogler. »Die Frau, die nicht über die Liebe philosophiert, sondern die sagt: trink mit mir ein Schalerl Kaffee. ›La nostalgie de la boue‹ nennen das die Franzosen. Oder, da ›boue‹ zu häßlich klingt, sagen wir lieber: das Heimweh nach der Trivialität. Ich sag nicht, daß mir das immer gefallen würde, meine liebe Fritzi, aber heut, an diesem Sonntagnachmittag ist's schön.«

»Schade, daß Kara nicht da ist,« sagte Fritzi, die sich unbegreiflich rot werden fühlte, obgleich sie wußte, daß Roglers Lobsprüche zweifelhafter Natur waren.

»Nein, das ist nicht schade,« sagte Rogler, und rekelte sich behaglich. »Ich wollte gern zu ihr und freue mich nun beinahe, daß sie nicht zu Hause ist. Ihr Seele ist mir auch manchmal zu herb, zu schlank, wie ihr Körper, obgleich der ja eigentlich mein künstlerisches Ideal ist. Ihr fehlt die Behaglichkeit.«

»Sie sehnt sich danach, aber Sie haben ihr nie Gelegenheit gegeben, behaglich zu sein,« sagte Fritzi.

»Fritzi, ich bitt' Sie, reden Sie jetzt nicht auch noch g'scheit!« rief Rogler. »Ich weiß ja, Sie sind's – machen Sie kein so beleidigtes Gesicht! Aber jetzt sollen Sie's nicht sein. – Was Sie für weiche Arme haben! Natürlich nichts zum malen! Keine edle Form – zu dicke Gelenke! Aber sehr gut zum Streicheln!« Er drückte plötzlich einen Kuß darauf. »Rogler!« zürnte Fritzi.

Rogler ließ seine große warme Bauernhand nicht von ihrem Arme. »Wie hübsch Sie heute sind! An den Wochentagen natürlich nicht, in dem schwarzen festen Kleid, aber so in dem losen Schlafrock! So am Sonntag nachmittag möcht ich immer zu Ihnen kommen, mich auszuruhen.« Er legte plötzlich seinen Kopf an Fritzis Brust. Sie atmete den kräftigen Duft seiner Haare ein und erinnerte sich plötzlich viele viele Jahre zurück, als einmal ihr einstiger Bräutigam so seinen Kopf an ihren Busen gelegt hatte. Aber damals war sie ein blutjunges Ding gewesen mit noch ungeweckten Sinnen, ein steifes wohlerzogenes Beamtentöchterlein. Dazwischen lagen lange unfruchtbare Jahre. Nun sprach wieder etwas Starkes, Männlich-Animalisches zu ihr, zu der geheimen Sehnsucht, die sie sich selbst vielleicht niemals eingestanden hatte. Sie fühlte sich zu schwach, diesen vertrauenden Kopf von ihrer Brust wegzustoßen. »Kara« ... sagte sie nur leise, aber er schien es nicht zu hören. Mit einer ganz selbstverständlichen, besitzergreifenden Gebärde schlang er nun auch den andern Arm um sie – alles so ruhig, so natürlich, als müsse es so sein und plötzlich fand Fritzi, daß es auch so sein müsse. Sie fühlte das Prickeln seines Schnurrhartes auf ihrer bloßen Haut. »Nur heute – nur heute ...« dachte sie. »Ich weiß, er gehört mir nicht – ich will ihn Kara auch gar nicht nehmen, Gott behüte ... nur diese eine Stunde soll sie mir ihn lassen! – Nur – diese – Stunde« ... wollte sie laut sagen, aber Roglers Lippen ließen sie nicht zu Wort kommen. Und ihre Sehnsucht nach dieser einen Liebesstunde ward erfüllt.

 

Kara setzte sich auf eine Bank in einer der Cottagegassen nieder. Ein paar schlecht gepflegte Kinder spielten vor ihr und wollten lachen über ihren schief sitzenden Hut und die falsch eingeknöpfelte Jacke. Aber als sie das drohend kalkfarbene Gesicht unter dem roten Haar sahen, lachten sie nicht mehr, sondern schlichen erschreckt zu einer andern Bank.

Sie hatten die heimkehrende Kara nicht gesehen und gehört. Hatten sie ganz einfach nicht gehört, so vertieft waren sie in ihr Liebesspiel. Kara stand in der Tür und glaubte zu träumen. Ihre Hand wurde von der Tür eingeklemmt und an dem Schmerz erkannte sie, daß sie wach war.

Sie wollte schreien, brüllen – aber es ging ihr wie im Traum, wenn man schreien will und nicht kann. Sie schlich hinaus und setzte sich auf die Bank. Sie sagte vor sich hin: Was ist denn geschehen? Es ist ja nicht so schlimm. Daß er unbeständig ist, weiß ich längst. Er hat immer andere gehabt. Zufällig ist's halt einmal meine eigene Schwester. Soll die brave alte Jungfer auch mal was Gutes haben.

Aber da kam der Schmerz und sprang ihr in den Nacken wie ein wütendes Tier. Sie mußte rennen, stürmen. Wohin? Das wußte sie nicht.

Wenn ich nur einen Menschen hätte! dachte sie. Einen! Und Sonntag ist ...

Mit einem Mal fiel ihr Miriam Rubinstein ein, mit der sie den Weihnachtsabend verbracht und die sie nicht wiedergesehen hatte seit damals. Bei einer Anschlagsäule überzeugte sie sich, daß sie nicht auftrat. Also war sie wohl zu Hause.

Sie war zu Hause. Sie trat, nachdem Kara einige Zeit hatte warten müssen, in den Salon und musterte den Besuch etwas erstaunt. »Ach, Fräulein Krumm – Sie kommen wohl wegen der Rechnung. Verzeihen Sie – es war mir bis jetzt nicht möglich, sie zu begleichen, aber im nächsten Vierteljahr hoffe ich bestimmt ...«

Kara fuhr zurück, als hätte sie einen Schlag bekommen. Wie? Wußte auch die nichts mehr? Hatte sie den schmerzlichen Weihnachtsabend vergessen, an dem sie über die tiefsten und geheimsten Leiden des Weibes gesprochen?

Dann erinnerte sie sich, daß Miriam gesagt hatte: »Morgen sind wir wieder fremd füreinander. Aber heute ...« Sie trat einen Schritt auf Miriam zu und wollte von sich sprechen, von ihrer Not und ihrem Leid. Aber Miriam machte eine leise abwehrende Handbewegung, als wisse sie wohl, was Kara hergetrieben, aber als wolle sie nicht verstehen. Aus der halboffenen Tür des Nebenzimmers drangen Zigarettenwolken und ein ungeduldig auf und ab wandernder Männertritt wurde hörbar. Da wußte Kara, daß Miriams Freund bei ihr weilte, daß sie sich glücklich fühlte und wirklich nur die Freundin einer einsamen Stunde für sie gewesen war.

Da ging sie wieder.

Sie lag im Bett und fieberte. Fritzi war nicht zu Hause gewesen, als sie zurückkam. Sie hatte hinterlassen: sie wäre bei der Tante. Das mochte wahr sein oder auch nicht.

Nun lag Fritzi wohl nebenan und schlief so wenig wie sie selber. Sie brauchte nur die Stimme zu erheben und zu rufen: Fritzi! Aber sie tat's nicht. Sie schauerte vor dem, was kommen mußte.

Gegen dieses Herzweh gibt es nur den Tod, dachte Kara. Unwillkürlich tastete sie nach der Dosis Veronal, die sie in langen Jahren zusammengespart hatte, um etwas zu haben, wenn das Leben nicht mehr erträglich wurde. Nun war es so weit. Aber ein anderes Bedenken kam: Einmal, als die Menschen noch mehr am Leben hingen, war der freiwillige Tod groß, dachte sie. Aber heute? Wo jeder Gymnasiast, der ein schlechtes Zeugnis fürchtet, sich freiwillig davon macht? Sogar der Tod ist abgegriffen, trivialisiert, banal geworden – sogar ihm haben sie seine Größe nicht gelassen. Was würde Er sagen, wenn ich ginge, weil ich dies Leben nicht mehr ertrage? »Sie war groß!« O nein. »Hysterisch war sie – oder überspannt.« Freiwillig stirbt der Gesunde doch immer nur für den andern als letzte große Schauspielerei – und heute ist dieser Abgang wertlos geworden. – –

– – Das sind Subtilitäten, hielt sie sich nach einer Weile vor und gebrauchte Fritzis Ausdruck. Ich lüge. Ich will leben – leben will ich, um ihn zu behalten. Ich kann nicht anders! Ich kann nicht anders!

Ich bin ehrlos! Nebenan schläft – nein, ich hör's deutlich, schnarcht die, der ich ins Gesicht schlagen sollte. Ich tu es nicht. Daß sie meine Schwester ist, bedeutet mir nichts. Eine andere hätt' es ebensogut sein können.

Dies ist das Entsetzliche: daß ich so schwach geworden bin, so willenlos, daß ich nicht sein kann, ohne ihn, daß ich alle Schmach lieber auf mich nehme, als mit ihm zu brechen. Was ist aus mir geworden! Wo bin ich hingeraten!

– – Wie etwas, über das sie nie hinüberkommen würde, lagen diese Stunden des Wartens auf Kara; diese gleichen Stunden, die in ruhigen Nächten ganz von selbst verflossen, türmten sich jetzt wie etwas Unübersteigliches vor ihr auf. Diese eine Nacht war etwas Furchtbares, Endloses, etwas, das nie vergehen würde. Kara begriff, daß man sich töten konnte aus Angst vor einer einzigen Nacht. Die ungeheure Dehnbarkeit des Begriffes Zeit stieg vor ihrer erschauernden Seele auf.

Gegen Morgen schlief sie vor Erschöpfung ein. Sie erwachte mit dem erstaunten Gefühl: sieh da, ich habe geschlafen! Und etwas, was mir gestern so schwer auf der Brust gelegen hat, ist fort. Aber indem sie es dachte, fing es in der Gegend ihres Herzens an zu brennen und der Druck umspannte sie fester und fester und sie neigte ihr Haupt zu wehmütigem Gruße: Grüß Gott, Freund Schmerz! Bist du wieder da? Verlässest du mich nicht?

Und da ward er so wild, daß sie glaubte, ihren Kopf an die Wand schlagen zu müssen, damit sie nicht mehr zu denken brauchte.

Fritzi hatte das bessere Teil erwählt. Vom frühesten Morgen an war sie in Tätigkeit unter ihren Arbeiterinnen, überdies war eine Zuschneiderin erkrankt und sie mußte auch diesen Platz ausfüllen. Zum ersten Male wurde sich Kara klar darüber, wie wenig sie und die Schwester sich eigentlich sahen. Denn es war auch sonst immer so, schon vom Morgen an. Wenn Kara ihre Teemaschine anzündete, hatte Fritzi schon längst gefrühstückt, natürlich Kaffee. Schon lange tönte aus dem Arbeitszimmer ihre helle, ein wenig schrille Kommandostimme. Kara saß allein in dem hübschen hellblumigen Zimmer mit den getupften Musselinvorhängen, die von grünseidenen Maschen zusammengehalten wurden, strich mechanisch, ohne sie zu verzehren, ihre gerösteten Semmelschnitten und dachte daran, daß Fritzi sie immer Prinzessin nannte.

Es kam zu keiner Aussprache zwischen den Schwestern – – es wäre nicht gegangen, selbst wenn beide es gewollt hätten, denn die Arbeit drängte allzu sehr. Nur wenn das Telefon ging, horchte Kara auf: ob er Fritzi zum Telefon rufen ließ. Aber das schien nicht der Fall zu sein, denn immer ging ein Atelierfräulein an den Apparat. Einmal richtete Fritzi durch die Tür eine Frage an Kara und sprach mit einer süßlichen Kamillenteestimme, die Kara unangenehm an kindliche Leibschmerzen erinnerte. Aber ihr Zorn war heftig nur gegen Rogler.

Sie fühlte, daß er kommen mußte. Aber er kam nicht. Endlos dehnten sich die Stunden, alles schien bleiern. Sogar die Möbel standen stumm und langweilten sich. Endlich gegen Mittag ertrug sie es nicht mehr und ging zu ihm.

Er war nicht zu Hause. Kara saß und wartete. Sie sah im Atelier umher. In den Arbeitsräumen dieses Führers der Modernen gab es nicht ein neues Stück.

Junge Kunstgenossen legten ihm diese scheinbare Gleichgültigkeit gegen moderne Kunst und modernes Kunstgewerbe in seinem Heim übel aus. Neue Stücke, die er erhielt, wurden nie aufgestellt; war er genötigt, welche zu kaufen, so verschwanden sie auf irgendeine rätselhafte Weise. Wohl aber konnte er mit dem Fanatismus des Sammlers auf seinen Reisen bis in die letzten Bauernhütten eindringen; sich um lächerlich geringe Summen in den Besitz alter Bauernschnitzereien, bunt glasierter Kacheln und feiner Altarspitzen setzen. Aus Italien hatte er etruskische Steinvasen mühsam über die Grenze geschmuggelt, goldgrundierte Heiligenbilder, auf Holz gemalt, aus Umbrien, als wirkliche Kostbarkeit hing eine Madonna des Ghirlandajo an der Wand. Alte Fayencen standen umher, südungarische Bauernstickereien in feinen blauen und orangefarbenen Tönen auf bräunlicher Leinwand lagen über alten Tischen, deren warmes Nußholz im Verein mit all den blassen und doch starken Tönen diesem riesigen Raum, der Schlaf- und Arbeitszimmer war, seinen Charakter gab. Nur ein Teil desselben war ganz kahl und nüchtern, weiß getüncht. Hier wurde gearbeitet.

Kara gegenüber hing ein alter Rahmen, in dem fast täglich ein anderes Bild war, meist ein Frauenporträt. »La belle du jour« nannte es Rogler und pries die Japaner, die ihre Bilder nicht an den Wänden hängen haben, sondern sie nach Laune und Stimmung aufrollen. Heute war die Mona Lisa da.

Kara kannte das Bild gut, aber immer wieder ergriff sie das Geheimnis dieses Antlitzes, um das Legenden gesponnen worden sind von einer großen Liebe. Und plötzlich ging es ihr durch den Kopf: so rätselhaft, so sieghaft kann nur die Frau blicken, die den Künstler niemals verstanden hat!

Mona Lisa hat den Leonardo nie verstanden, nie von ihm etwas gewußt. Das gab ihr Macht über ihn. Ihre Unkenntnis seiner Seele und daß sie nur an sich dachte – das wurde ihr Herrschertum. Das ist der Blick der Frau, die sich über alles liebt, das sind die weichen Hände der Schönen, die nur geküßt werden wollen. Mona Lisa, das ist der Triumph der Selbstsucht, der innigsten hingebendsten Eigenliebe und darum noch immer Herrscherin über Männerseelen heute wie damals im Mailand des Cinquecento ...

Kara schauerte. Sie fühlte, daß ihre nach Hingabe dürstende Seele niemals siegen würde.

Ihr war nach Flucht zu Mut. Rasch verließ sie den Raum. Sie war noch keine fünfzig Schritt auf der Straße gegangen, als sie Rogler erblickte.

Er stand auf dem Marktplatz der Freyung in lebhafter Diskussion mit einem Standelweib, beschäftigt, einen wundervollen Strauß Anemonen, feuerfarbene, zitronengelbe, blutrote, zusammenzustellen. Er wühlte in den Vorräten des Blumenweibes, aber diese, die bei jedem andern eine Reihe heftiger Grobheiten losgelassen haben würde, wurde nicht ungeduldig bei ihm. Er hatte die rechte Art mit diesen Menschen.

Er sah Kara schon von weitem und winkte ihr mit einer Unbefangenheit zu, die sie sprachlos machte.

»Da schau die Pracht! Ich bring sie dem Paolozzo, weißt, der arme Kerl ist schwer krank. Ich geh jeden Tag hin, sonst verkommt er mir ganz.«

Kara dachte ein wenig bitter: wie lang ist es her, daß er mir Blumen gebracht hat?

»Wer ist der Paolozzo?« fragte sie.

»Du kennst ihn nicht? Den mußt du kennen lernen! Komm mit!«

Wie feig ich bin! dachte Kara, als sie neben ihm ging, als ob es nichts gäbe, worüber sie ihn zur Rede stellen müßte. Die schwere Qual der stolzen Menschen legte sich auf sie, die nicht imstande sind, zu klagen, zu beschuldigen. Aber Rogler ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

»Nämlich der Paolozzo, das ist ein kleiner Lombarde, der vor ein paar Wochen extra zu mir gekommen ist. Der Vater Italiener, die Mutter Deutsche – ein gutes Gemisch für die Kunst. Rasend talentiert, aber todkrank. Ich hab ihn bei meiner Aufwärterin einquartiert, da wird er jetzt gepflegt. Einen Blutsturz hat er nämlich auch gehabt. Ich hab ihm ein Hundl gebracht, daß er nicht gar so allein sein soll. Siehst du, wenn du dich um den Paolozzo angenommen hättest, wär ich dir recht dankbar gewesen.«

»Aber ich konnte doch nicht ahnen, daß er existiert!« sagte Kara.

»Natürlich mußtest du es ahnen! Du hättest fühlen müssen, daß mich in der letzten Zeit etwas besonders stark beschäftigt, ich hab's beinah erwartet von dir. Du hättest dich konzentrieren müssen, es zu erraten. Es ist gar nichts Viertdimensionales dabei, zu erraten, was ein anderer denkt. Nur eine Sache der Seelenkraft.«

»Was du alles von meiner Seele verlangst!« seufzte Kara, der plötzlich einfiel, wie lange ihre Lippen nicht aufeinander geruht hatten. Merkwürdigerweise dachte er ihren Gedanken zu Ende. »Jetzt bist du beleidigt, weil ich an deine Seele zuviel Ansprüche stelle und deinen Körper vernachlässige. Früher beim Modellstehen war's umgekehrt. Da hast du mir versichert, daß du auch eine Seele hast und ich nur den Leib beachte. Merkwürdig seid's ihr Weiber! Immer seid ihr für was beleidigt, bald für euren Körper, bald für eure Seele. Aber beleidigt einmal immer!«

»Für den Italiener hast du jedenfalls Zeit gehabt!« sagte Kara heftig. »Für mich, Gott weiß, wie lang nimmer.«

»Immer das alte Lied!« sagte Rogler sehr ungeduldig. Kara erschrak. Warum werden wir, wie die andern einen sehen, dachte sie traurig. Er hält mich für nörgelnd und quälerisch und wenn ich ihn sehe, werde ich es auch und rede Dinge, die ich gar nicht will, bloß unter dem Einfluß einer Art suggestiven Kraft, die mir zeigt, wie ich in seinen Augen aussehe – und die mich ähnlich werden läßt.

Sie waren inzwischen bei einem alten schwarzen Stadthaus angelangt. Schweigend und übellaunig stieg Rogler die vielen Treppen hinan, Kara folgte. Oben nahm eine alte Frau sie in Empfang und führte sie in ein kleines düsteres Zimmer, in dem der Junge lag. Ein kleiner Hund sprang wütend an Kara empor.

»Mein Dackel Elektra,« stellte der Jüngling vor.

Rogler nahm an seinem Bett Platz, plötzlich frei und heiter geworden. Eifersüchtig sah es Kara. Der Junge gefiel ihr auch. Nur allzu blaß war das magere feine Gesicht und die Augen übertrieben groß. Das gab dem Gesicht etwas Unwahrscheinliches, wie auf den zurechtgemachten Köpfen alter Stahlstiche. Sie bemühte sich, herzlich zu ihm zu sein. »Darf ich Ihnen morgen noch einen Polster schicken? Sie liegen ein wenig tief. Sind Sie sonst gut hier versorgt?«

»Ganz gut, danke,« sagte der Junge strahlend. »Etwas Wanzen sind hier, aber das tut nichts.«

»Pfui!« rief Kara und nahm unwillkürlich ihr Kleid zusammen.

»O, das ist doch nichts Böses! Fein in der Farbe sind Wanzen,« sagte der Junge begeistert. »Ich hab sie studiert, dieses zarte durchsichtige Rötlichbraun!«

»Hören Sie auf!« sagte Kara schaudernd, aber Rogler lächelte befriedigt und klopfte dem Jungen die Backen. »Schon recht! So muß der Maler die Dinge sehen! Vor dem Künstler gibt es kein Ungeziefer, und die Wanze ist ein so adeliges Vieh wie der Löwe.«

»Er soll nicht viel reden,« sagte Rogler nach einer Weile und stand auf. »Aber morgen bin ich wieder da und das schöne Fräulein hier kommt vielleicht auch wieder.«

Als sie schon an der Tür waren, sah Kara, daß Rogler sich über das Bett gebeugt hatte und dem Jungen etwas auf die Decke legte, das aussah wie ein Portemonnaie. Im Hinausgehen sagte er: »Ich kann den Burschen da nicht lassen, es ist finster und unsauber. So lang er gesund war, ging's ja. Bei mir wieder ist keine Frau. Er muß mir fort ins Grüne.«

»Gib ihn zu mir,« schlug Kara vor. Sie empfing dafür einen so freundlichen Blick wie schon lange nicht. »Ich danke dir. Aber bei euch ist kein Platz und soviel Unruhe. Im Sommer geb ich ihn zu euch, Fritzi kann ihn dann bemuttern.«

Zum ersten Male nannte er den Namen. Kara fuhr empor. Aber er blieb ganz ruhig, als ob nichts wäre.

»Bis dahin tu ich ihn in ein Sanatorium,« sagte er.

»Hast du soviel Geld?« fragte Kara, nur um etwas zu sagen.

Rogler lachte. »Geld? Nein. Das kommt schon. Apropos, kannst du mir ein paar Kronen leihen?«

»Bis du heimkommst, genügt das wohl,« sagte Kara und schüttete den Inhalt ihrer Börse in seine Hand. »Nur eine Krone mußt du mir lassen zum Nachhausekommen.«

»Wie vorsichtig du bist. Danke,« sagte er etwas ironisch. »Bis übermorgen genügt das wirklich.«

»Bis übermorgen, wieso?«

»Übermorgen rechne ich mit dem Kunsthändler ab.«

»Und bis dahin?«

»Bis dahin hab ich eben nichts,« sagte Rogler vergnügt. »Was ich oben gelassen habe, war mein gesamtes Eigentum!«

»Um Gottes willen!« rief Kara.

»Um Gottes willen!« äffte er ihr nach. »Der arme Bursch aber sollte hungern, nicht?«

Er sprach hämisch und verächtlich. Die Einsamkeit schlug wieder ihre schweren Flügel um Kara, und es war ihr, als legten sich graue kalte Nebel um sie und sie müsse Reglers Blicken entschwunden sein. Aber er sah das nicht, oder wenn er es sah, wunderte es ihn nicht. Denn er, der Künstler, war es gewohnt, von den anderen Menschen durch einen Schleier geschieden zu sein.

Jetzt muß es sein – sagte sich Kara und ihr Herz schlug bis an den Hals. Sie folgte ihm bis in sein Atelier. Oben sagte sie mit erstickter Stimme: »Du – ich weiß!«

» Was weißt du?«

»Das – das mit Fritzi.«

Er sah sie ruhig und prüfend an. »Das tut mir leid für dich,« sagte er und wandte sich ab.

Seine Haltung empörte Kara. »Das ist alles, was du mir zu sagen hast?«

»Was soll ich tun? Soll ich in Sack und Asche trauern?«

» Fühlst du denn nicht, was du mir getan hast?« schrie Kara.

»Fühlen? Nein. Das kann niemand. Jeder liest nur aus dem andern heraus, was ihm bequem ist. Wir verbringen unser ganzes Leben in einer Einzelhaft.«

Kara zitterte am ganzen Leibe: »Und was soll nun aus uns werden?«

»Was immer war.«

»Und du meinst, ich kann in dies Leben wieder zurück?«

»Wenn du dir ein neues gründen kannst ...«

»Schuft!« zischte Kara ihn an.

Rogler fuhr herum, bleich vor Zorn. »Häßlich bist du jetzt,« sagte er verächtlich. »Dein Haar hat eine unmögliche Farbe in solchen Augenblicken. Wie schmutziges Stroh ... Ich weiß, daß du mich jetzt haßt! Sag's doch, daß du mich haßt! So seid ihr alle! Das Beste aus uns wollt ihr heraussaugen. An unseren erhabenen Augenblicken wollt ihr teilnehmen. Aber Menschen sollen wir nicht sein. Immer Lüge, immer Komödie, nie Wahrheit zwischen zwei Menschen. Alles geglättet, verzuckert, mit sogenannter Rücksicht verbrämt.«

Er war dunkelrot geworden und ächzte. Kara dachte plötzlich mit Schrecken daran, daß der baumstarke Mann an einem Herzfehler litt, der sich niemals ganz kompensiert hatte. Aber wenn sie ihn daran erinnert hätte, wäre er noch wilder geworden.

Als er sich auf einen Sessel fallen ließ, trat sie leise zu ihm und nahm seinen Kopf in ihre Hände. Er war hilflos und ließ sich's gefallen. Er litt, aber um was, das erfuhr sie nicht und konnte es nicht erraten. »Ich weiß es nicht,« dachte sie traurig. »Es kann etwas mit der Kunst sein – oder er denkt an seine Frau und an sein Kind. Oder an Fritzi – nein, nicht an Fritzi, die ist ihm nichts. Ich liebe ihn über alles und weiß nicht, was er denkt!« Sie sah seinen Schädel an, den schöngewölbten, starken, festen – aber die Gedanken hinter der Knochenhülle blieben ihr fremd.

»Ein wenig Güte!« sagte Rogler jetzt sehr leise. »Nicht immer so feilschen um das bißchen Liebe. Ob du auch genau so viel herausbekommst, als du gibst. Zehn Jahre sind wir jetzt beisammen. Was bedeutet da ein Gestern? Was bedeuten die vielen anderen ähnlichen Dinge, die es gegeben hat?«

Er ließ den Kopf sinken, müder, erschöpfter, als Kara ihn je gesehen hatte.

»Güte« – sang etwas Wunderschönes sein Lied in Kara. »Güte – Mütterlichkeit – Resignation.«

Sie sah auf ihre Hände nieder – ihre schmalen, heißen, fleischlosen Mädchenhände, die geschaffen schienen, in wildem Begehren umklammert zu werden, die sie als Kunstwerk liebte, deren Schönheit sie angstvoll vor jedem Nadelstich bewahrt hatte. Sie sah diese Hände sanfter, älter, wunschlos geworden, weich über das Gesicht eines Müden, Zerbrochenen gleiten, der aus tausend Lebenstäuschungen heimgefunden hatte zu ihr. – Aber das war nur ein sentimentaler Spuk ihrer Wünsche. Rogler war noch nicht zerbrochen, war noch in voller Kraft. Menschen seiner Art ändern sich nicht, das wußte sie. Auch in ihr gärten Jugend und Wünsche, die weit fort waren von mütterlichem Verzicht. »Güte – Güte,« sang es weiter in ihr. Sie senkte den Kopf. Diese Güte mußte sie sich selber abringen. Die stieg erst wie ein feiner grauer Rauch aus der Asche des Feuers, in dem die süßesten Wünsche geglüht haben ...

 

»Was ist, Fritzi?« fragte Kara. Die Schwester stand vor ihr wie ein gescholtenes Kind. So pflegte sie sonst manchmal vor der tüchtigen sicheren Fritzi zu stehen.

»Ich muß dir etwas sagen, Kara,« sagte Fritzi, dunkelrot vor Verlegenheit. »Du wirst es vielleicht sonderbar finden. Ich hab mich nämlich verlobt.«

Kara schwieg.

»Mit dem Seidenmenschen,« fuhr Fritzi fort. »Ich hab ihn telephonisch gefragt, ob er noch will. Er wollte noch. – Du brauchst nicht zu fürchten, daß das Geschäft darunter leiden wird, Kara. Ich werde es führen, wie jetzt, ganz exklusiv, wie Er – wie Rogler es wollte. Nur ein Mann wird halt da sein, fürs rein Praktische, das kann nur nützen, wir waren immer zu ideal. Lach nicht, ich bin's auch immer gewesen. – Ich hab mir heut seine Kinder angeschaut,« fuhr sie, mutiger gemacht, fort, da Kara nichts sagte. »Sie sind recht lieb, ganz groß schon und vernünftig – Gott, du hast mir ja immer prophezeit, daß ich da enden würde. Und weißt – jetzt – jetzt ist's eben für mich notwendig.«

»Fritzi!« sagte Kara und trat ganz nah an die Schwester heran. »Du bist ein braver Kerl. Aber dein Leben zu opfern, wär' nicht notwendig gewesen.« »Ich opfer' es aber nicht!« schrie Fritzi, um nicht zu zeigen, daß sie weinte, und lief hinaus. Sie war ganz verwirrt. Sie fühlte, daß Kara wußte.

Und sie opfert sich auch wirklich nicht! dachte Kara. Ihre Sinne sind jetzt geweckt, sie wird ganz glücklich mit dem andern werden. Sie wird an Rogler nicht sterben und an der Erkenntnis, die sie nicht eine Sekunde verlassen hat, daß sie ihm das Erlebnis eines Augenblickes gewesen ist. Vielleicht tut sie den Schritt sogar im Einverständnis mit ihm. Ist es möglich, daß etwas, woran ich zugrunde gehe, für den andern nicht mehr ist als ein Erlebnis, über das man hinauskommt?

Nach einer Weile steckte Fritzi den Kopf wieder herein. »Du, die Rubinstein ist drüben. Sie will dich sprechen.«

»Geh du doch,« sagte Kara, der es nicht nach einem Wiedersehen mit Miriam gelüstete.

»Nein, dich will sie.«

Da ging Kara. Drüben stand Miriam, schlank und grau wie immer. »Er ist zu seiner Frau zurück und zu seinen Kindern,« sagte sie, als Kara eintrat, – so einfach und selbstverständlich, als hätten sie immer in freundschaftlichem Verkehr gestanden.

»Wie war das möglich, da er noch vor wenigen Tagen mit Ihnen war?« fragte Kara, die sich in die Art der Schauspielerin nicht zu finden vermochte.

»Alles auf der Welt, mag es noch so lange vorbereitet sein, geschieht schließlich in einem Augenblick,« sagte Miriam bitter.

»Er hatte Kinder,« sagte Kara nachdenklich. »Wenn Sie ein Kind gehabt hätten, vielleicht dann ...«

Miriam lächelte. »Wenn es in den Romanen nicht mehr weiter geht, dann läßt der Autor und besonders die Autorin die Heldin zu einem Kinde kommen, einem eigenen oder einem adoptierten; dann schweigen alle Wünsche, dann lebt sie nur mehr in dem Kinde. Die Leser sind gerührt und der Dichter erleichtert. Aber im Leben? Wenn ich ein Kind hätte, würde ich es sehr lieben. Aber mich darum ganz aufgeben? Nichts mehr für mich wollen? In dem Kinde untergehen und doch wissen, daß in seinem Leben alles genau so Stückwerk sein wird, wie in dem meinen? Nein, nein. Für mich wäre ein Kind kein Abschluß, nur ein Immerweiterkämpfen und Ringen. Und die Geschöpfe, die wir Frauen immer am unglücklichsten und hoffnunglosesten lieben, sind doch schließlich unsere Kinder.«

»Was wollen Sie nun?« fragte Kara.

»Ich geh nach Deutschland. Ich will arbeiten. Ich muß in die Höhe. Ich bin all die Zeit im Stillstand gewesen durch meine Liebe ... Liebe, das ist nichts für eine Künstlerin. Arbeiten muß man, nicht wahr?« Und plötzlich lag sie schluchzend in Karas Armen und die beiden Mädchen weinten, als solle ihnen das Herz brechen.

Miriam faßte sich zuerst. »Wir müssen lernen, die Liebe nehmen als das, was sie ist, als Turnübung der Seele, als Motion, als psychische Muskelstärkung, die uns Spannkraft geben soll, als einen gesunden Sport, der uns jung erhält. So will ich lernen, ihr zu begegnen.«

»Als Sport – ja,« sagte Kara mit weitoffenen Augen. »Als die ungeheure geheimnisvolle Macht, die gesunde junge Menschen auf die Berge treibt und in Abgründe stürzt – das nennt man ja auch wohl Sport!«

Miriam sah sie an. »Ich fürchte, daß Sie eine Stigmatisierte sind,« sagte sie leise.

Kara schwieg. Miriam drückte ihr die Hand und ging. Kara hielt sie nicht, denn sie fühlte sie ganz weit weg von sich.

Mit der vollkommensten Deutlichkeit sah sie alle Möglichkeiten ihres zukünftigen Lebens vor sich: daß Rogler sich vielleicht doch einmal in eine Frau verlieben würde, die er würde heiraten wollen. Alle Schwierigkeiten, die sich einer neuen Ehe entgegengestellt hatten, konnte er überwinden, was er für sie niemals getan hatte. Und sie würde dann verlassen werden oder mit Freundschaft abgespeist – nein, verlassen, denn er war nicht der Mann der halben Dinge. Oder er starb. Sein kleiner Herzklappenfehler würde das Ventil, durch das das Leben dieses mächtigen Körpers plötzlich entfliehen konnte, und sie blieb allein da, ohne ihn, und nicht einmal auf seinen Namen hatte sie ein Recht. Mit fast hellseherischer Deutlichkeit wußte Kara, daß sie einsam altern würde, freudlos, ohne Glück. Aber sie lächelte mit blassen Lippen. Sie hatte keine Wahl mehr. Langsam breitete sie die Arme aus, wie die jungen Märtyrerinnen es einst taten, die den Tod empfangen wollten. Und sie gab sich wehrlos ihrer großen Liebe hin und wußte, daß sie nun erst den tödlichen Schmerzen entgegengehen würde.

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