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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Am nächsten Tage, am Sonntag, um die Vormittagstunde, legte der kleine Dampfer Ostland an. Er war angefüllt mit Menschen. Wer hätte das gedacht?

»Es wird kein Gast mehr kommen«, hatte Ohlik gesagt.

Nun ward ein gutes Dutzend da. Eine lustige Kiste ist aufgemacht. Da kommen sie herausspaziert. Konsul Klemm in seinem Pelzmantel. Herr Daudat im flatternden Paletot. Der junge Lehrer, Herr Mathiessen, in der Wolljacke, und neben ihm Geesche mit grossem Hut.

Es kommen auch noch andere, deren Namen man nicht weiss. Freunde von Konsul Klemm und ein paar Damen. Die Anlegestelle ist voll von Gelächter. Pagel steht ganz verdutzt an dem Eisenpflock.

Boom Garde hat Dole an der Hand. Sie zupft ihn, sie ist ungeduldig. Sie hat Herrn Mathiessen erkannt.

»Onkel Ferdinand«, ruft sie.

Er hat sie auf den Arm genommen.

»Kennst du mich noch?« lacht er.

Dole ist zutraulich. Sie will gar nicht von seiner Seite weichen. Er hatte heute auch die blauen Hosen an. Weite blaue Hosen, die im Winde flatterten. Man trägt sie wohl jetzt so in der Stadt.

»Onkel Ferdinand«, liebkoste ihn Dole.

Da stehen auch viele Leute aus Thorde am Landesteg, die Frauen, die Männer, Bieke und Holms.

Als Holms Geesche sah, ging er fort. Ein trüber Vogel war ihm über die lustigen Wolken geflogen.

Geesche begrüsste die Mutter. Bieke gab auch Herrn Mathiessen die Hand.

»Wir besuchen dich später«, rief Geesche.

Sie ging mit den anderen Gästen, sie gehörte dazu.

Zu den Frauen sagte Bieke:

»Sie wollen zum Sommer heiraten. Sie ist jetzt Fräulein bei Konsuls. Ja, sie wollen heiraten. Da wird sich hier eine ärgern.«

Die Frauen von Thorde machten lange Augen. Sie sahen Geesche nach. Sie trug einen grossen Hut und einen warmen braunen Mantel, den sie vorher nicht besessen hatte.

Ja, sie war nun Fräulein. Der wohlhabende Konsul respektierte sie.

Herr Mathiessen war eines Tages dazu gekommen, wie Konsul Klemm Geesche auszankte. Da bat Herr Mathiessen, Konsul Klemm unter vier Augen sprechen zu dürfen.

In dem Rauchsalon sagte er ihm dann, dass Geesche seine Braut wäre. Da rief Konsul Klemm Geesche herein. Sie hatte noch verweinte Augen. Er band ihr die Schürze ab und Geesche musste Platz nehmen.

»Sie sind ein kleines Flunkermaul, Fräulein Geesche«, sagte der Konsul. »Sie haben sich in unseren Haushalt geschlichen, um meiner Frau die Rezepte zu stehlen. Na, warten Sie!«

Geesche sass ganz hilflos da. Sie wäre eher tot umgefallen, als dass sie solche Worte begriffen hätte.

»Sie wollen also den Haushalt von der Pike auf lernen«, fuhr der Konsul fort. »Das ist vernünftig. Es würde mir auch herzlich leid tun, wenn unser Herr Mathiessen einmal verkochtes Essen bekäme.«

Herr Mathiessen lachte aus vollem Halse. Geesche wusste nicht, ob sie lieber wieder weinen sollte. Doch der Konsul war schon aufgestanden, hatte drei Gläser gefüllt und trank auf das Wohl des jungen Paares.

Herr Mathiessen bunkerte der ratlosen Geesche zu. Da musste sie auch lachen.

Die beiden hatten vorher kein Wort darüber gesprochen. Es war Herrn Mathiessen wohl auch erst eingefallen, als er hören musste, wie Geesche in einem fremden Hause ausgezankt wurde.

Nun stiessen sie an und tranken Wein. »Glückliche Jugend«, hatte der Konsul gesagt.

Ja, nun werden sie zum Sommer heiraten.

Die Gäste, die mit dem Dampfer Ostland gekommen waren, gingen alle in das Logierhaus.

In der Veranda wurden die Tische zusammengerückt, denn sie wollten alle an einer Tafel sitzen. Nur Herr Daudat, der nicht dazu gehörte, nahm im Speisesaal am Büfett Platz.

Er hatte die Malereien an den Wänden betrachtet, teils mit einem zustimmenden Kopfnicken, teils mit einem missbilligenden Hüsteln. Man konnte auch nicht abstreiten, dass Stiwenhack an einzelnen Stellen seiner Phantasie alle Zügel hatte schiessen lassen.

»Man darf nicht zu weit gehen«, sagte Herr Daudat zu Pagel. »Das Publikum will angeregt, aber nicht zu Widerspruch gereizt werden. Wenn ich mich ärgere, schmeckt der beste Wein sauer. Wenn ich dagegen in Stimmung bin, sehe ich nicht so sehr auf das Etikett.«

Pagel gestand, dass ihm die Wände vorher eigentlich besser gefallen hätten.

»Mein lieber Freund«, erklärte Herr Daudat, »unterschätzen Sie nicht die Kunst. Glauben Sie vielleicht, dass die Gesellschaft heute Ihrer schönen Augen wegen gekommen ist? Nein, glauben Sie das bitte nicht. Ich will es Ihnen verraten. In der Stadt geht das Gerücht um, dass sich in Thorde ein verrückter Maler angefunden hätte. Darüber sind die Damen ganz ausser sich geraten vor Neugier. Sie wollten durchaus dieses Wundertier sehen. Wenn es nicht im Dezember wäre und kurz vor dem Fest, gäbe es heute keinen leeren Stuhl.«

Herr Daudat strahlte vor Zufriedenheit: »Man muss sich auf Reklame verstehen. Dieser Maler ist Geld wert. Ein Zugstück ersten Ranges. Lieber Pagel, ich bewundere Sie. Das ist bisher die klarste Minute Ihres Lebens gewesen, als Sie diesem Pinsel die Pforten öffneten. Offen gesagt, so viel Instinkt hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, lieber Pagel.«

Pagel konnte sich nur schwer solcher Redseligkeit erwehren.

Er war froh, dass die Gäste nach ihm riefen. Er war überhaupt froh über diese Ablenkung.

In der Nacht war er zu dem Entschluss gekommen, mit Melitta wegen des Geldscheins zu sprechen. Aber er hatte dieses Gespräch hinausgeschoben.

Vielleicht fürchtete er, dass jenes Misstrauen, das jetzt noch wie ein zittriger Frost in der Luft hing, sich verdichten und wie ein Eisblock herniederstürzen könnte. Solche Furcht versuchte er mit der Hoffnung einzudämmen, dass Stiwenhacks Leichtsinn, in allzu grosse Leichtfertigkeit umgeschlagen, dieses Geld auf unredliche Weise an sich gebracht hätte. Derartiges Unbedenken würde er dem Maler im voraus gerne verziehen haben, wenn er dadurch die Gewissheit bekommen hätte, dass Melitta keine für ihn verständnislosen Wege gewandelt wäre.

Das alles könnte durch eine kleine Frage geklärt werden, aber Pagel scheute sich, diese Frage zu tun. Ja, er war froh, dass die Gäste eine Ablenkung brachten, denn nun war vorderhand nicht daran zu denken, mit Melitta über das Vorgefallene zu sprechen.

An diesem Tage trug Melitta das gelbe Seidenkleid.

Es war gar nicht notwendig gewesen, dass Pagel sie erst darum bitten musste, dem kranken Ohlik einen billigen Wunsch zu erfüllen. Als er mit den Gästen vom Dampfer kam, war Melitta in die Kammer verschwunden und hatte sich umgezogen.

Nun erschien sie in dem gelben Kleid.

Konsul Klemm sprang galant auf. Er verstand es noch, schönen Frauen den Hof zu machen. Die jüngeren Herren blieben sitzen. Sie sahen Melitta ungeniert an. Potzblitz, eine flotte Person. Sie machten aus ihrer Verwunderung kein Hehl. Die Damen waren darüber ein wenig geärgert. Man sah es an ihren Gesichtern. Herr Mathiessen hatte Melitta zuerst gar nicht bemerkt. Er war dabei, Geesche das aufgesprungene Armband wieder zu schliessen. Es war ein breites Armband aus Silberblech. Jetzt fühlte er sich bei dieser Beschäftigung beobachtet. Er sah auf und erblickte Melitta. Mit einer kleinen Verbeugung begrüsste er sie. Er war nicht einmal aufgestanden.

Geesche hatte ihm alles erzählt. Sie hatte sich über Melitta beklagt. Du bildest dir doch nicht ein, dass ein Lehrer dich heiraten wird. Geesche musste nachträglich noch manche Träne darüber vergiessen.

Es hatte schwer gehalten, sie überhaupt mit in das Logierhaus zu bekommen.

Als sie jetzt Melitta vor sich sah, wurde sie ängstlich. Sie kämpfte beinahe mit den Tränen. Herr Mathiessen streichelte ihr die Hand.

Er sah rundum und sagte dann zu Melitta hin:

»Wir trinken wohl alle Grog!«

Die Damen lächelten. Sie gönnten Melitta diese kleine Abfuhr. Aber sie sollten rasch um ihren Triumph kommen.

Wie eine grosse Trompete fuhr Stiwenhack dazwischen.

Man sah sofort, dass er der Maler war. Schief sass seine gesprenkelte Krawatte. Sein Haar hatte sich dem Kamme nicht gebeugt. Es fiel ihm wuschlig in die Stirne. Ja, so stellte man sich einen Maler vor.

Die Damen sagten unwillkürlich: »Ah!«

Die Herren warfen sich in Positur. Sie wollten nicht zu sehr abfallen. Nur Konsul Klemm war der Situation gewachsen. Er streckte dem Maler die Rechte entgegen und schlug ihm mit der linken Hand herzhaft auf die Schulter:

»Sie also sind der Rembrandt!«

Stiwenhack hatte die Tafel mit kurzem Blick überflogen. Schon wusste er, dass Konsul Klemm die grosse Flöte spielt. Einem anderen würde er auf solche vertrauliche Ansprache mit bissigem Spott gedient haben. Zu Konsul Klemm aber sagte er:

»Für Sie, mein Herr, eigens aus dem Grab gestiegen!« Dabei öffnete er mit elegantem Schwung die Arme.

Konsul Klemm war entzückt. Er klatschte in die Hände. Er sah seine Freunde auffordernd an: Seht, das ist ein Kerl!

Stiwenhack begrüsste die Damen. Doch Melitta begrüsst er am tiefsten.

Eine der Damen fühlte sich zurückgesetzt. Sie fragte:

»Wann bekommen wir unsern Grog?«

Stiwenhack sprang zur Tür.

»Sofort, Gnädigste!« rief er. »Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie zu bewirten.«

Er nahm ein Tischtuch unter den Arm. Er lief hinaus.

Nun machte das auch dem Konsul Spass. Er ging hinter Stiwenhack her.

Auch die anderen Herren erhoben sich und eilten in die Küche. Sie kamen zurück und brachten Gläser.

Man ist auf einmal nicht mehr in einer Wirtschaft, man ist bei einem Picknick.

Die Herren stehen in der Küche umher, rauchen und scherzen.

Pagel braut den Grog. Der Konsul weicht nicht von dem grossen Kessel am Herd. Er will ein gutes Rezept verraten. Am liebsten möchte er den Grog selber brauen. Doch Pagel weiss gut Bescheid. Donnerwetter! Das ist ein Grog! Konsul Klemm schmeckt und lobt, er schmeckt noch einmal und fliesst über vor Anerkennung.

Nun sind auch die Damen in Aufregung gekommen. Sie ziehen das Tischtuch glatt, sie schmücken die Tafel. Aus dem Nebenzimmer holen sie die hohen Vasen mit den trockenen Gräsern. Sie rücken die präparierten Blumen, die leeren Gläser zurecht. Jede von ihnen will sich beschäftigen.

Nur Melitta beteiligt sich nicht an dem Aufstand. Sie hat sich zu Daudat gesetzt. Sie sehen die Freunde des Konsuls hin und her laufen. Das tun die Herren, weil der Konsul es auch tut. Melitta verzieht den Mund.

»Seine Freunde«, sagt Daudat. »Verstehen Sie. Er hat den Geldbeutel. Schmeichel und Speichel, so sind sie.« Doch springt Herr Daudat auf, wenn jemand seinen Stuhl streift, und fragt, ob er behilflich sein dürfe. Aber die Herren danken freundlich. Nein, heute wollen sie selbst. Es ist ein Spass. Dann setzt sich Daudat wieder.

Melitta hebt ihre Stimme. Sie sprechen über die neuen Pläne. Zum Sommer sollen die grossen Terrassen gebaut werden. Ja, das können die anderen hören.

Die Damen haben nichts mehr für ihre Hände gefunden. Sie gehen durch die Zimmer und begutachten die neuen Malereien. Sie kommen in den Speisesaal und stehen vor dem Bild in der Ofenecke. Es ist das Fischerboot mit dem Mond darüber in den Abendwolken. Ein dunkles schwarzes Boot ist es mit braunem Segel und das Mondlicht spiegelt sich in dem Wasser.

Die Damen sind ergriffen. Sie seufzen und reden durcheinander. Sie sprechen von dem Maler.

»Er ist ein grosser Künstler«, sagt eine.

Daudat wartet, bis sich ihre Begeisterung gelegt hat. Er sitzt nur noch mit halbem Ohr zu Melitta. Er wartet auf den Moment, wo er aufspringen kann.

Dieser Augenblick ist gekommen. Herr Daudat steht schon neben den Damen. Er sagt:

»Ja, wir wollen unserem verehrten Publikum das Höchste bieten. Wenn der Magen schwelgt, darf das Auge nicht zu kurz kommen. Wir haben uns in Meister Stiwenhack eine Perle der heutigen Malkunst gesichert. Ich bin beglückt, dass wir bei Ihnen, meine geschätzten Damen, Anklang gefunden haben. Aber Geduld, Geduld, meine Damen. Es wird noch viel besser kommen. Im Frühjahr werden die grossen Terrassen gebaut. Italienische Terrassen mit bunten Schirmen. Die Damen werden im Sommer hier sitzen wie an der Riviera, wo die schönen Türkinnen ihren Mokka schlürfen.«

Die Damen kicherten. Sie erzählten es den Herren. Lachend kamen die Herren in die Küche und brachten es bei Konsul Klemm an.

»Es werden Terrassen gebaut für die schönen Türkinnen«, verkündeten sie. »Herr Daudat will in Thorde einen Harem eröffnen.«

Konsul Klemm ging in die Höhe vor kletterndem Lachen. Er stand auf den Zehen. Er drehte sich. Er beruhigte den betroffenen Pagel.

»Köstlich, köstlich«, stöhnte er noch immer.

Dann liess er sich erklären, was an dem Gerücht Wahres wäre.

Ja, es soll eine Terrasse gebaut werden. Das ist eine Idee des Malers. Die Baufirma hätte es bereits überrechnet. Man würde zeitig im Frühjahr mit der Arbeit beginnen. Es ist schon alles perfekt.

Herr Daudat war dazugekommen. Er machte Pagel ein Zeichen. Doch Pagel liess sich nicht beirren. Er setzte auseinander, was man vorhätte.

Konsul Klemm lobte den Plan. »Aber der Kostenpunkt?« fragte er.

Der wäre geregelt. Pagel erzählte von dem Verkauf des alten Hauses.

Daudat schlich davon. Er beklagte sich bei Melitta.

»Welche Unüberlegtheit! Er entwickelt dem Konsul den Plan bis aufs I-Tüpfelchen. Dass er das Geld dafür nehmen will, was er für sein Haus bekommt. Ja, wie kann ich denn den Konsul dann einspannen? Wir brauche mehr Geld als die paar Tausende von der Gloddes. Anstatt den Konsul langsam weichzuklopfen, erklärt er ihm, dass schon alles perfekt wäre.«

»Weiss denn Pagel überhaupt, dass Sie mit dem Konsul etwas vorhaben?« fragte Melitta. »Es ist ja das Neueste, was ich höre.«

»Konnte ich denn Pagel eine Minute alleine sprechen?« lamentierte Herr Daudat. »Nein, er weiss es noch nicht! Aber er konnte es ahnen. Instinkt, Frau Melitta, Instinkt! Wozu glaubt er wohl, schleppe ich den Konsul her? Er kann sich doch denken, dass ich damit einen Schachzug verbinde. Aber es ist traurig, Pagel hat eben keinen Instinkt.«

Herr Daudat sass niedergeschlagen da.

»Wir müssen uns vergrössern. Wir brauchen Geld. Es hat keinen Sinn, sich mit einem Schritt zu begnügen. Wir müssen einen Sprung tun.«

Er hob treuherzig seinen Blick.

»Sie haben eine reiche Frau Mutter«, sagte er. »Wäre es nicht möglich, Ihre verehrte Mama für unser Unternehmen zu interessieren? Ich habe mir erzählen lassen, dass sie eine Villa in Juliusbad besitzt. Man schätzt ihr Vermögen auf rund eine Million. Ich weiss nicht – pardon –, wie Sie mit dieser geschätzten Dame stehen. Aber ich glaube, wenn eine Tochter an die Mutterliebe appelliert, die Mutter müsste ja ein Herz von Stein haben.«

Melitta war erschrocken. Was sollte sie Herrn Daudat darauf antworten? »Ich werde es mit meinem Mann besprechen«, sagte sie zögernd. »Darüber kann ich nicht entscheiden. Er ist so eigen in Geldgeschichten.«

Diese Antwort genügte vorderhand Herrn Daudat.

»Schieben Sie es nur nicht auf die lange Bank«, bat er. »Vielleicht überzeugt sich Ihre Mama an Ort und Stelle. Ich würde mich freuen, die alte Dame persönlich kennenzulernen.«

Auf der Veranda war grosser Tumult. Stiwenhack trug den Grog auf, Konsul Klemm füllte die Gläser. Der Maler wusste einige Sprüche, mit denen er das heisse Getränk begleitete. Er liess den warmen Duft in seine Nase ziehen und rief: »Feuersalamander, wir trinken umeinander!«

Schwärmerisch riefen die Damen es nach.

Alle waren angeregt. Man trank und plauderte durcheinander. Das ganze Haus war voll von dem Gelächter, das wie eine Wolke über dem Tisch aufstieg.

Pagel hatte Melitta beseitegenommen.

»Konsul Klemm hat Mittagessen bestellt für alle. Er fragte, was so unvorbereitet sich herrichten liesse. Was meinst du?«

Melitta sah Pagel sprachlos an.

Er wiederholte es:

Ja, die Gesellschaft wolle zu Mittag bleiben.

Melitta lachte auf.

»Das hätten sie sich früher überlegen sollen. Sie konnten sich anmelden. Heute, am Sonntag, wo soll man das hernehmen?«

Pagel wollte sie beruhigen.

»Nun, so schlimm ist das nicht. Wir haben allerhand im Haus.«

Melitta warf den Kopf zurück.

»So, du denkst, ich stelle mich hin und koche! Heute am Sonntag, gerade heute! Sollen sie doch in den Gasthof gehen.«

»Nimm doch Vernunft an, Melitta. Es ist doch unser Geschäft. Du bist doch die Wirtin.«

Melitta fuhr hoch:

»So, die Wirtin? Auch was Rechtes! Ich will meinen Sonntag haben. Sollen sie sich allein was kochen. Sie haben das Dienstmädchen ja mitgebracht. Soll doch Geesche kochen.«

Pagel schüttelte den Kopf.

»Sei verständig, Melitta. Wir wollen uns nicht zanken. Du brauchst gar keine Umstände zu machen. Der Konsul hat gesagt: Was ganz Einfaches, bloss keine Geschichten.«

Melitta hatte sich vor Pagel aufgestellt. Sah er nicht, dass sie das feine Kleid anhatte, das gelbe Seidenkleid? Sie strich über das Kleid. Nein, er sah es nicht.

Sie musste es ihm sagen. Sie hatte Tränen. Sie sagte:

»Ich habe mich so fein gemacht. Aber dafür hast du kein Auge.«

Nun weinte sie wirklich.

Königin von Thorde, hatte der fremde Maler zu ihr gesagt, aber ihr Mann verlangte, dass sie am Herd stünde, während die anderen feierten.

Es ist unser Geschäft. Das hat er gesagt.

»Was gehen uns die Leute an?« weint Melitta. »Sonntags ist die Küche geschlossen.«

Pagel hat ihr bis jetzt gut zugeredet. Nun wird er ungeduldig.

»Sonntags ist der Haupttag für eine Gaststätte. Wir sollten uns freuen, wenn wir jetzt im Winter ein paar Mark verdienen.«

»Wir haben keine Gaststätte«, ereiferte sich Melitta. »Ich habe ein Pensionshaus für den Sommer. Hier ist keine Speisewirtschaft.«

Pagel ärgerte sich.

»Das sind Worte! Was heisst das: für den Sommer? Willst du im Winter feiern? Dann hättest du dich in ein anderes Bett legen müssen. Dazu habe ich kein Geld.«

Ja, Pagel war ärgerlich. Er wies Melitta auf den Stuhl, auf den sie gehörte.

»Was hast du dich mit Bieke gezankt? Wäre der Streit nicht gewesen, könnten wir sie herumholen und alles wäre in Ordnung. Aber ihr habt euch um den jungen Lehrer in den Haaren gehabt.«

Melitta schluchzte. Sie bekam kaum ein Wort heraus. Also auch deswegen machte er ihr Vorwürfe.

Da stand sie in dem gelben Seidenkleid. Ein Vogel nach Thorde verflattert. Konsul Klemm hatte sie wie eine grosse Dame behandelt. Stiwenhack würde ihr die Hand geküsst haben: Königin von Thorde! Pagel jedoch schien sie Geesche gleichstellen zu wollen, dem Dienstmädchen mit dem Armband aus Silberblech. Nein, er trat nicht vor die Gäste. Er sagte nicht: »Ich kann es sonntags meiner Frau nicht zumuten.« Nein, er ergriff nicht ihre Partei. Er lieferte sie aus.

Melitta unterdrückte die Tränen. Sie wollte nicht mehr weinen. Anklagen wollte sie.

Ihr Gesicht hatte sich gerötet. Ihre Augen waren unruhig.

»Du hältst nichts auf mich«, schrie sie. »Du verlangst, dass ich koche, während das Dienstmädchen an der Tafel sitzt. Nein, du hältst nichts auf mich. Selbst das Kleid musste ich mir schenken lassen.«

Pagel antwortete nicht. Es dauerte Minuten, bis er sich gefasst hatte. An seinen Ohren flutete Melittas Redeschwall vorüber.

In seinen Gedanken war nur dieser Satz: Selbst das Kleid musste ich mir schenken lassen.

Da ist ein böser Pfeil abgeschossen worden. Zu tief hat er Pagel getroffen.

Ja, es dauert Minuten, bis dieser Schmerz nachlässt. Dann richtet sich der Mann auf und sagt:

»Das ist ein böses Wort gewesen, Melitta. Der Zorn hat dich ungerecht gemacht. Wenn ich das erwidern wollte, könnte ich sagen: Du hast selber dein Geld, genug, um dir nichts schenken zu lassen.«

Melitta erschrak. – Da war der Geldschein. –

»Ich habe kein Geld«, entgegnete sie hastig.

Pagel hatte wohl diesen Einwurf überhört. Er fuhr unbeirrt fort. Er sagte:

»Ich wollte dich etwas fragen. Ja, ich hatte es schon vorhin vor, aber es ergab sich keine Gelegenheit. Ich war gestern abend beim Wirt. Ich bin lange nicht dagewesen. Nun gut, ich ging also hin. Da gab er mir einen Geldschein, ob ich den wechseln könnte. Der Maler hatte damit bezahlt. Ich habe den Geldschein in der Tasche. Er macht mir Gedanken. Ich denke, dass ich ihn schon einmal in den Fingern gehabt hätte.«

Melitta suchte nach einer Antwort. Sie bewegte unruhig die Hände. Jetzt erst erkannte sie, wie unüberlegt sie gehandelt hatte. Es war kein Wunder, dass Pagel von dem Geldschein etwas erfuhr.

»Ja, ich wollte dich danach fragen«, sagte Pagel. »Es könnte doch sein, dass der Maler an deinem Gelde gewesen ist. Man will doch wissen, mit wem man unter einem Dach lebt. Aber wenn du sagst, dass du kein Geld hast, dann wird es ja seine Richtigkeit haben, denn du wirst mich wegen des Malers nicht belügen wollen.«

Pagel hatte den Schein aus der Tasche genommen.

»Gib her«, rief Melitta. »Es ist mein Geld! Du brauchst dich nicht aufs hohe Pferd zu setzen. Ich hatte es ihm geliehen, damit er den Wirt bezahlen konnte. Er arbeitet ja für ein Butterbrot bei dir. Was täte es, wenn du ihm etwas Geld zugesteckt hättest, dass er den Landjäger vom Hals bekäme. Aber du hast kein Verständnis für einen Künstler.«

Melitta redete sich in Wut. Sie kramte alles herbei, sie legte ihr Leben dar. Sie war eine gefangene Taube, erschüttert sprach sie darüber. Sie sehnte sich nach einem milden Trost.

Pagel stand wie versteint. Nur seine Hand zitterte etwas. In dieser Hand hielt er den Geldschein.

»Was stehst du da wie ein Klotz«, schrie sie. »Das ist nicht dein Geld. Das ist meins. Meine Mutter hat es mir geschickt. Jawohl, das Geld ist von meiner Mutter!«

Nun glaubte sie schon selbst, dass Emita ihr das Geld gesandt hätte.

»Jawohl, von meiner Mutter«, rief sie. »Es ist traurig, dass ich mein Leben so hinbringen muss. Meine Mutter hat die Welt gesehen. Ach, wäre ich doch bei meiner Mutter geblieben!«

Sie dachte nicht daran, dass Emita sich nie um sie gekümmert hatte.

Sie dachte auch nicht daran, dass vor dem Hause ein kleines Mädchen spielte, das Dole hiess.

Sie bejammerte nur ihr Schicksal. Sie stand in Tränen aufgelöst.

Pagel fand kein Wort. Vielleicht suchte er gar nicht danach. Vielleicht war er wie abgestürzt in einen Schacht wie Ohlik damals nach dem Tode der Hilda. Ja, vielleicht lag er tief verschüttet. Oder waren seine Gedanken doch wach geblieben und erwog er in diesen Augenblicken, dass er doch lieber wieder auf See fahren müsste. Dass es doch besser wäre, wenn er nicht immer da sein würde.

Ja, vielleicht wäre es am besten, wenn ich wieder auf See ginge.

Aber vor dem Hause spielt Dole. Durch das Fenster kann man ihr fröhliches Spiel beobachten. Boom Garde ist bei ihr und sie verlangt, dass er sie haschen soll.

Pagel hat Dole nicht gesehen, aber er hört ihr Lachen. Als käme er von einem weiten Weg zurück, sagt er schliesslich zu Melitta:

»Dann will ich dir dein Eigentum wiedergeben.«

Er schiebt ihr den Schein hin.

Melitta greift zu. Sie presst den Schein fest in der Hand. Sie klammert sich an den Schein.

»Es ist mein Geld«, klagt sie.

Sie beide haben vergessen, dass Gäste in der Veranda sitzen, die Bescheid haben wollen. Das ist ihnen ganz aus dem Kopf gekommen.

»Die Herrschaften draussen lassen sich erkundigen«, sagt jemand.

Sie starren ihn an wie einen Fremden. Sie müssen sich erst erinnern.

Stiwenhack ist es. Er ist vorsichtig in die Küche gekommen. Er hat draussen die erregten Worte gehört. Vorsichtig kommt er: Die Herrschaften lassen sich erkundigen. Er fragt es bekümmert. Er hat in diesem Augenblick nichts von seinem forschen Auftreten. »Wie ein Bote fragt er.

»Ich rühre keinen Finger«, herrscht Melitta. »Sie haben ja ein Dienstmädchen mitgebracht. Ich koche nicht für Dienstmädchen!«

»Wer würde das verlangen«, ruft Stiwenhack. »Ich werde die Gäste fortschicken.«

Er ist eilig. Er will rasch aus der Küche. Doch Pagel hält ihn zurück. Mit Bestimmtheit sagt er:

»Die Leute bekommen ihr Essen.«

Stiwenhack wirft einen fragenden Blick auf Melitta. Sie will antworten, doch im Flur sind schon Stimmen. Daudat ist es und der Konsul. Sie kommen in die Küche. Daudat sagt:

»Ich garantiere Ihnen, Herr Konsul, für ein vorzügliches Menü!«

»Nur keine Umstände«, wehrt der Konsul.

Melitta hat ihre Tränen getrocknet.

»Was bringt der Küchenzettel?« fragt Herr Daudat.

Stiwenhack möchte sich einmischen, aber Pagel schneidet ihm das Wort ab und sagt:

»Labskaus gibt es heute. Ein echtes Seemannsessen.«

Der Konsul ist entzückt.

»Auch das verstehen Sie?« wendet er sich an Melitta.

Sie lächelt verlegen.

»Die Herrschaften müssen sich noch etwas gedulden«, sagt Daudat in der Veranda.

Das Essen ist serviert worden. Die Gäste waren begeistert. Es hatte sich herausgestellt, dass Pagel selbst das Essen gekocht hatte. Er stand dabei und empfing die Lobsprüche.

»Ich habe öfter auf den Schiffen gekocht«, erklärte er. »Ja, ich bin auch einmal auf einem Amerikadampfer als Koch gefahren.«

Daudat strahlte.

»Ja, unser Herr Pagel! Ein vorzüglicher Wirt, ein erstklassiger Koch! Ich hoffe, dass Sie uns Ihre Sympathie erhalten, meine Damen und Herren.«

Konsul Klemm vergewisserte sich noch über Pagels Kochkunst. Er nickte befriedigt. Er knallt mit den Lippen. Er nickt.

»Eine grossartige Idee!« ruft er. »Eine grossartige Idee, meine Freunde!« Er schnippt mit dem Finger. »Wir werden ja in diesem Winter noch Schnee bekommen! Dann wird eine Schlittenfahrt gemacht, hierher, in Pagels Logierhaus! Jawohl, ihr werdet mit einem lukullischen Mahl überrascht werden.«

Er wollte nichts weiter verraten, aber die Damen und Herren drängten in ihn. Er musste mit seinem Geheimnis herausrücken. Ein Fasanenessen sollte es werden, Sauerkraut mit Champagner und gebackene Austern.

Der Jubel wollte sich gar nicht legen. Bis zur Abfahrt sprach man von nichts anderem mehr. Man bat den Himmel, ein Einsehen zu haben, und es bald schneien zu lassen.

Konsul Klemm hatte Pagel in sein Herz geschlossen:

»Ein vernünftiger Mensch, hat die Welt gesehen, kennt Land und Leute und macht keinen Schnickschnack. Alles hat Hand und Fuss bei ihm. Na, und dann seine Kochkunst!«

Als die Gäste zum Dampfer gingen, liess Konsul Klemm Pagel nicht von seiner Seite. Er hatte ihn untergehakt. Er sagte: »Mein bester Freund.« Melitta hatte sich nicht mehr sehen lassen. Erst als die Gäste draussen waren, kam sie wieder zum Vorschein.

Der Maler hatte die Gesellschaft ein paar Schritte begleitet. Dann war er umgekehrt. Er fand Melitta in der Ofenecke des Speisesaals. Er setzte sich zu ihr.

Melitta schüttete ihr Herz aus.

»Ich arbeite. Ich scheuere die Stuben selbst«, gestand sie. »Ich schäme mich nicht, es zu sagen. Ich arbeite die ganze Woche. Nun soll ich nicht einmal einen Sonntag haben.«

Ach, die Schönheit muss in ausgetretenen Schuhen gehen.

»Keine Arbeit kann Sie erniedrigen«, versichert Stiwenhack.

Er hat Melittas Kopf an seine Schulter gelegt. Er hält ihre Hände. Er sucht schöne Namen für sie, aber er ist nicht ganz bei der Sache.

Er unterbricht seine Hymne. Er fragt unvermittelt:

»Was war eigentlich mit dem Geld? Ich habe heute mittag so etwas gehört. Was hat der Wirt da angestellt, dieser Dummkopf? Ja, es kommt bloss Pech dabei raus, wenn man dem Schuster die Rechnung bezahlt.«

Melitta erzählte ihm von dem Geldschein.

»Ich Narr«, rief Stiwenhack. »Ich habe den Schein dagelassen. Hätte ich bloss das Geld behalten. Wir könnten in die Welt gehen. Ja, ich würde dir die Welt zeigen!«

Er berauschte sich an dieser Vorstellung.

»Geliebte«, rief er.

Er presste Melitta an sich. Er gebärdete sich wie ein Liebhaber. Melitta konnte sich seiner kaum erwehren.

»Geliebte«, stammelte er. Er seufzte, er wehklagte: »Der schnöde Mammon.«

Er hatte seinen Mund an ihrem Ohr.

»Wo ist das Geld?« bettelte er. Eine Ebbe hatte ihn auf Strand gesetzt, nun kündigte sich die Flut an, die ihn davonführen könnte in eine grössere Welt.

Melitta schloss die Augen. Sie verriet nicht, dass sie den Schein oben im Kasten hatte.

Dann hörten sie Schritte und rückten auseinander.

Es war Ohlik, der Leuchtturmwärter, der hereinkam. Vorgebeugt stand er an der Türe. Wirklich, er sah krank aus. Er atmete schwerfällig.

Da ist das gelbe Kleid der Frau Ohlik. Da ist dieser Mensch wie Brint.

Tonlos sagt Ohlik: »Entschuldigen Sie, wenn ich störe.«

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