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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid31dba37b
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*

Am Tisch bei Ohlik sass Pagel.

»Dass sich noch einer um mich kümmert«, sagte der Holzkapitän.

Sie sitzen sich gegenüber und reden nicht viel.

»Es wird bald Frost geben«, sagt Pagel.

»Ja, es ist schon Eisgang gemeldet«, antwortet Ohlik.

»Morgen kommt der letzte Dampfer«, sagt Pagel.

»Er wird uns keine Gäste mehr bringen«, antwortet Ohlik.

»Nein, es werden wohl keine Gäste mehr kommen.«

»Ihr könnt auch keinen Gast brauchen. Ihr habt ja den Maler. Er hat euch das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Wie weit ist er denn mit seinen Pinseleien?«

»Ja, wie weit soll er sein. Weiss ich denn, was er vorhat? Er hat Fische gemalt und Bäume, und jetzt ein Boot. Nun, er wird wohl noch eine Weile zu tun haben.«

»Er hat sein warmes Nest bei euch. Da wird er nicht so schnell weggehen.«

»Nun, so schlimm ist das nicht. Seine Stube stünde sonst leer. Was Essen und Trinken anlangt, ist er bescheiden.«

»Was du nicht sagst. Er soll doch sonst das Maul so voll nehmen.«

»Ja, er ist ein seltsamer Heiliger. Ich bin eben ein Stück mit ihm gegangen. Nun will er Sterne malen. Er hat mir gesagt, dass er's versuchen will. Es soll für einen Maler schwer sein, einen Stern wiederzugeben. Ich kann es mir denken, dass es nicht leicht ist.«

»Alles muss seine Übung haben, verstehst du, Pagel. Talent gehört dazu. Es gibt auch Künstler, die einen Sternenhimmel malen können. Ich habe früher selbst einmal solch ein Bild gesehen. Es gefiel Hilda. Wir wollten es uns kaufen. Ein Professor hatte es gemalt. Ich weiss nicht, weshalb der Kauf dann doch unterblieb. Nun, das ist schon Jahre her. O doch, solche Bilder gibt es. Aber er ist ein Gernegross. Ich glaubs schon, dass er's nicht versteht.«

»Mag sein. Ich habe kein Urteil darüber. Aber das muss ich ihm lassen, er hat mich auf eine gute Idee gebracht.«

»Da wäre ich neugierig.«

»Ja, er hat mir gesagt, ich sollte eine Terrasse bauen. Stufenförmig zum Strand. Dadurch würde das Logierhaus gewinnen. Im Sommer sitzen die Gäste lieber im Freien, als in der geschlossenen Veranda. Da hat er recht. Allerdings müsste die Düne befestigt werden.«

»So. Also eine Terrasse? Das habe ich wohl damals nicht gesagt, wie? Von Anfang an habe ich gesagt, ein Strandschloss mit breiter Terrasse. Ihr habt ein graues Miethaus hingebaut. Nein, ich hatte es mir anders vorgestellt.«

»Ja, wir mussten leider sparen. Aber nun bekomme ich ja das Geld von der Frau Gloddes. Ich werde mir einmal von einer Baufirma einen Kostenanschlag geben lassen.«

»So, nun wird also eine Terrasse gebaut, wo der Maler es gesagt hat.«

»Wozu die Aufregung. Du hast bisher keine drei Worte mit ihm gesprochen. Alles in allem ist er ein passabler Mensch. Wir haben alle unsere Schwächen.«

»Er ist ein Schwätzer. Boom Garde hat mir genug vorgefaselt über ihn. Ich kenne diese Sorte Menschen. Er erinnert mich an einen ehemaligen Geschäftsfreund, einen gewissen Brint. Ich habs dir wohl schon erzählt. Nein, ich hatte zu Boom Garde darüber gesprochen. Aber es ist ja gleich. Was soll ich dazu sagen?«

»Ja, am besten ist es, jeder sieht seine eigenen Hände an. Der Fisch muss eben gegessen werden, wie er gekocht ist.«

Pagel legte Ohlik gutmütig die Hand auf die Schulter.

»Mit mir ist nicht viel los«, ächzte der Holzkapitän. »Ich will wegen einer Vertretung an das Hafenamt schreiben. Ja, ich will einmal ausspannen. Mein Herz ist nicht so intakt. Ich hab schon mit Bieke gesprochen, dass sie mich etwas pflegt.«

»Du kannst auch jederzeit zu uns kommen«, sagte Pagel.

»Nun hab' ich es schon mit Bieke besprochen«, antwortete Ohlik. »Doch es wäre zu überlegen. Ja, vielleicht nehme ich deine Einladung an. Bieke muss ja auch sehen, wie sie durchkommt. Sie hat es nicht leicht.«

»Ich hätte nichts dagegen, wenn sie wieder bei uns arbeitete«, erwiderte Pagel. »Ich hatte es Melitta schon gesagt, aber sie will nichts mehr mit Bieke zu tun haben. Bieke hat sie beleidigt.«

»Ich weiss, dass Melitta auch Bieke harte Worte gegeben hat. Sie ist doch ganz ausser sich gewesen, weil Bieke ihr den Herrn Mathiessen vertrieben hätte.«

»Nun, so schlimm wird es nicht gewesen sein. Im Streitfall kennen Frauen kein Mass. Ja, Herr Mathiessen war ein guter Gast. Bis in den Spätherbst ist er noch gekommen. So, also um ihn haben sie sich gezankt. Melitta sagte auch schon so etwas.«

»Ich kann mich nicht darüber äussern«, entgegnete Ohlik. Er sah auf Pagel, der nachdenklich vor ihm stand.

»Man soll seinen Gedanken nicht zuviel Arbeit geben«, sagte er. »Man denkt sich bloss etwas heran. Es soll zwar einen Gelehrten in der Welt geben, der grosse Bücher geschrieben hat, wie man sich gesunddenken kann. Ich habe solch Buch einmal durchstudiert. Aber ich glaube nicht daran. Man denkt sich nur krank.«

Pagel ging zur Türe. Doch Ohlik redete weiter. Er sah noch immer auf die Stelle, wo Pagel gestanden hatte.

»Nein, man soll kein allzu grosses Vertrauen auf seine Gedanken setzen. Es sind schwache Gedanken. Wenn sie das Tote lebendig machen, werden sie nicht damit fertig. Solange der Mensch lebt, kann man ihn bezwingen, aber wenn er gestorben ist, bezwingt er uns. Lach mich nicht aus, Pagel, dass ich so daherschwatze. Aber glaube mir, ich habe manche Ruhelosigkeit. Du hast Hilda nicht gekannt. Doch habe ich dir viel von ihr erzählt.«

»Ja, du hast oft von ihr gesprochen«, antwortete Pagel ungeduldig. Er wäre froh gewesen, wenn er das Gespräch hätte abbrechen können. Aber er wollte den alten Mann nicht kränken und blieb am Türrahmen stehen.

»Verlier nicht die Geduld«, bat Ohlik, »wenn ich dir mit solchen Geschichten komme. Ja, ich muss einmal darüber reden.«

Er erhob sich schwerfällig und trat dicht zu Pagel. Er dämpfte seine Stimme:

»Sie ist lebendiger als vorher. Ja, sie ist immer hier. Du siehst sie nicht, aber ich sage dir, sie sitzt mit uns am Tisch. Du kannst nicht sehen, wie schön sie war. Vielleicht ist sie gar nicht mehr schön. Ach, ich mag das nicht ausdenken. Aber sie ist da, verstehst du? Ich will dir auch sagen, wann sie mir so nahe kam, dass ich sie zu spüren vermeinte. Das war an dem Abend, als bei euch getanzt wurde. Melitta trug ihr gelbes Seidenkleid.«

»Du musst dir nicht solche Dinge einreden«, sagte Pagel abwehrend.

»Hab' noch etwas Geduld«, erwiderte Ohlik. »Komm, setz dich. Du hast Zeit. Lass mich jetzt nicht alleine. Ja, du hast Zeit. Es drängt dich nichts. Melitta wird schon schlafen. Und wenn sie noch wach sein sollte, wird sie nicht zanken. Du hast eine gute Frau, Pagel. Möge der Himmel sie dir noch lange erhalten. Darum musst du bitten, verstehst du. Jeden Tag musst du darum beten. Nein, sie wird nicht zanken. Solange sie da ist, kannst du deine eigenen Wege haben, aber wenn sie nicht mehr da ist, bist du nie allein. Die ersten Jahre vielleicht, ja, so war es bei mir. Zuerst war nur der Verlust. Das ist so, als wärest du in einen tiefen Schacht gestürzt, und es ist nichts da als Finsternis. Aber mit der Zeit gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit und dann gewinnt das Unsichtbare Gestalt. Ich muss dir etwas sagen, vielleicht ist es besser, wenn das Auge sich nicht wieder gewöhnen würde. Ich weiss nicht, ob du mich verstehst. Aber ich kann es nicht besser zu Wort bringen.«

Pagel hatte den Stuhl, den Ohlik ihm hinschob, nicht angenommen. Er sagte:

»Du musst sehen, dass du von solchen Gedanken loskommst. Ich verstehe nicht alles, was du meinst. Ich habe mich mit solchen Grübeleien nicht befasst. Aber ich meine doch, du hast eine gute Ehe gehabt.«

Ohlik sah auf.

»Ja«, sagte er, »ich habe Hilda geliebt. Es wäre auch undankbar, wenn ich mich über etwas beschweren wollte. Sie hat mir ihre Liebe geschenkt. Ja, das hat sie getan. Wir hatten eine gute Zeit auf den Holmen. Es wurde manches Fest gefeiert. Da war auch ein Mann, er hiess Brint. Er lärmte und machte viele Worte. Was haben Sie für eine Nachtigall im Nest? sagte er immer. Dieser Stiwenhack, euer Freund, erinnert mich an ihn. Ja, ich glaube, sie haben vieles gemeinsam. Aber warum setzt du dich nicht, Pagel? Willst du wirklich schon gehen. Nun, ich kann dich nicht halten. Aber wenn du mir noch einen Gefallen tun willst, öffne die Truhe. Es liegt noch ein Schal darin. Ich möchte ihn mir um den Hals binden. Mich friert. Ich würde dich nicht inkommodieren, aber die Truhe lässt sich schwer öffnen und meine Hand ist etwas schwach geworden.«

Pagel bemühte sich an der Truhe.

»Vielleicht musst du ein Messer nehmen«, sagte Ohlik. »Manchmal geht der Schnepper nicht zurück.«

»Ja, das Messer«, entgegnete Pagel. »Ich habe es ganz vergessen. Dein Hirschfänger. Er hat sich beim Umzug gefunden.«

»Das hat keine Eile«, antwortete Ohlik.

Pagel hatte das Schloss aufbekommen. Die Truhe war geöffnet. Es lag nichts mehr darin als ein schwarzer Seidenschal.

Pagel reichte ihn Ohlik.

»Ja, nun wäre die Truhe leer«, sagte der Holzkapitän, während er das Tuch umband.

»Ja«, sagte er. »Als ich aus dem grossen Haus zog, war die Truhe gefüllt bis zum Rand. Nun ist alles nach und nach dahingegangen. Was soll ich auch damit? Das Letzte war das gelbe Seidenkleid.«

Er trat wieder dicht zu Pagel. Er nahm dessen Hand und sagte:

»Nun ist die Truhe leer.« Das Kleid ist fort. Kannst du nicht Melitta bitten, dass sie es morgen einmal wieder anzieht. Morgen ist Sonntag.«

Er begleitete Pagel vor die Türe. Er hielt sich den Rücken und hustete.

»Bleib in der Stube«, bat Pagel. »Die Nachtluft wird dir nicht guttun. Ich habe heute mit dem Wirt gesprochen. Er ist auch krank. Er muss zum Arzt gehen.«

»Im Winter kommen die Krankheiten«, sagte Ohlik.

Pagel stand unschlüssig da. Die Geschichte des Wirtes ging ihm durch den Kopf.

»Ja, dann will ich gehen«, sagte er schliesslich. »Es wird wohl auch Zeit sein. Na, dann gute Nacht. Vielleicht gehe ich noch hin. Er sagte, auch Wanda wäre recht elend geworden. Ich bin lange nicht dagewesen. Man hat so seine eigenen Sachen. Ja, ich glaube, sie sind in grosser Not.«

»Im Winter kommen die Krähen«, sagte Ohlik.

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