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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
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*

Herr Daudat sollte recht behalten. Von diesem Fest sprach man noch eine Zeitlang in der Stadt und lange Zeit in Thorde.

Das Logierhaus war bekanntgeworden. Auf Konsul Klemms Vorschlag hatte die Schiffahrtsgesellschaft den Dampfer nach Thorde wieder eingelegt. Er brauchte jetzt nicht mehr ohne Passagiere zu fahren, er hatte immer lustige Menschen an Bord, die sich am Strand erholen wollten.

Sie sassen an den Tischen vor dem Logierhaus und warteten den Sonnenuntergang ab. Um die sinkende glühende Scheibe sahen sie die feurigen Wolkentiere tanzen, während bedächtige Wolkenleute von ferne die Nacht herantrugen.

Dann kam die späte Kühle und der Abschied.

Der Dampfer gab sein Signal. Pagel löste die Haltetaue von dem Eisenpflock und warf sie dem Schiffsjungen zu. Die Maschine stampfte. Der Dampfer setzte sich in Bewegung.

Manchmal winkten die Passagiere, manchmal vergassen sie es.

Pagel liess es sich nicht nehmen, bei der Abfahrt und bei der Ankunft des Dampfers dabei zu sein. Er hatte die notwendigen Handgriffe übernommen, und es war selbstverständlich, dass man ihm die Seile zuwarf. Das war das einzige, was ihn noch mit der Seefahrt verband.

War der Dampfer abgefahren, dann blieb nichts als die Ruhe des spätabendlichen Strandes: Die letzten fröstelnden Logiergäste, ein kurzes Gespräch mit Ohlik und das kreisende Licht des Leuchtturms.

Später dann, wenn die Gäste schlafen gegangen waren und man keine Wünsche mehr von ihnen zu gewärtigen hatte, sassen Melitta und Pagel noch ein halbes Stündchen verweilsam beisammen. Ein Tag war wieder vorübergegangen.

Er hatte kleinliche Aufregungen gebracht, die eigentlich nicht der Rede wert waren, aber in diesem merkwürdig eintönigen Leben Bedeutung gewannen und sich nicht aus dem Weg räumen liessen. Es war die Beschwerde eines Gastes, eine Verstimmung mit Bieke, die es liebte, im Hause nach eigenem Ermessen zu schalten, die umständliche Abrechnung mit einem Lieferanten, das ewige Geschwätz der hämischen Nachbarinnen, boshaft, aber nicht boshaft genug, um dazwischen zu schlagen – alles im Grunde belanglose Steinchen, aber in der einförmigen Stille, in die Pagel sich nach den Jahren abwechslungsreicher Fahrten hineingewöhnen musste, polterten sie wie böse, losgelöste Felsstücke.

Für einen anderen, von Natur aus zur Geselligkeit begabten, hätte dieses Leben wohl vielerlei Annehmlichkeiten gebracht. Es wären genug Unterhaltungen gewesen. Schon die munteren Gespräche der Gäste würden mancher Stunde ein mannigfaltiges Gesicht gegeben haben.

Pagel aber war ein schweigsamer Mensch. Er kam aus einem Leben, das unter schweigenden Gestirnen auf verschwiegenen Wellen hingeglitten war, und die Eigenart fremder Küsten hatte sich ihm nicht laut und lärmend aufgetan.

Der Stein, der aus grauem Boden wächst, hat nicht das schwatzhafte Blinken leuchtender Kiesel. Ein Malzeichen, steht er am Wege. Eine ernste Nachdenklichkeit ist über ihn gebreitet, und der Vorüberschreitende weiss nicht, ob dieser Stein zur Freude oder zum Leide gesetzt wurde. Beides mag eng verflochten ruhen in dem Aufbau seines steinernen Körpers.

Ja, Pagel war ein schweigsamer Mensch. Auf die Geschwätzigkeit der Gäste hatte er nicht viel mehr als ein paar karge Worte und eine freundliche Bewegung.

Manchmal geschah es, dass er über diese Änderung seines Lebens nachdachte und wieder zu erwägen begann, ob er gut daran getan hätte.

Wenn er dann aber vor dem Schlafengehen noch einmal mit Melitta vor Doles Bettchen stand, deuchte ihm die Entscheidung, die er getroffen, gut und unwiderlegbar.

Über das Lager des schlafenden Kindes zogen traumhaft seine eigenen frühen Jahre, und in den Spielen, die Dole tagsüber erfand, glaubte er seine erste eigene Neugier und sein erstes vorsichtiges Tasten nach winzigen greifbareren Erkenntnissen wieder zu entdecken.

An dem grossen Ärger, der in diesen geruhigen Kreis hineinstürzte, war Herr Mathiessen schuld. Es blieb Bieke nicht verborgen, dass seine häufigen Besuche in Thorde weniger der Vorzüglichkeit des Logierhauses als der Anwesenheit ihrer Tochter Geesche galten.

»Solltest dich was schämen«, sagte sie zu Geesche, »das treibt sich herum und ist schon versprochen!«

Sie machte ein grosses Geschrei in der Küche. Sie erzählte aufgeregt zu einem Dritten, der nicht da war:

»Er hat ihr Raupen in den Kopf gesetzt. Ich kann's mir schon denken. So einer kommt geschniegelt und gebügelt daher, schwatzt und schwatzt und denkt nicht ans Heiraten. Dabei hat sie einen tüchtigen Mann in Aussicht. Es kann keiner was gegen Holms sagen.«

»Es ist eine Schande«, zankte sie.

Melitta hörte es im Speiseraum und wurde ärgerlich. Was hatte Bieke hier im Hause so den Mund aufzureissen? Sollte sie doch mit ihrem Lärmen in den eigenen vier Wänden bleiben!

Melitta ging in die Küche und fand Geesche in Tränen. Sie hatte Mitleid mit dem jungen Mädchen.

»Was weinst du denn?« fragte sie.

Bieke stand am Herd und fuchtelte an den Töpfen. Sie liess sich durch Melitta nicht beirren. Sie zankte weiter.

»Ich wills ihr schon austreiben«, rief sie.

»Was ist hier für ein Spektakel?« fragte Melitta. »Wir haben Gäste im Haus. Was sollen die denken?«

»Schöne Gäste!« antwortete Bieke. »Der Herr Lehrer, nicht wahr?«

Sie stemmte die Arme in die Seiten und tat, als musste sie lachen.

Jetzt wurde Melitta zornig.

»Herr Mathiessen ist ein gebildeter Mann«, sagte sie, »was hast du gegen ihn?«

»Hör einer an!« schrie Bieke. »Sie pfeift auch aus dem Loch.«

Melitta fuhr herum:

»Was soll das heissen?«

Bieke war so aufgeregt, dass sie sich keinen Zwang antat.

»Er hat wohl hier allen die Köpfe verdreht, der Flattergeist! Ich hab' ihn gleich durchschaut. Scharmuzieren, nichts weiter. Dazu bin ich zu weit herumgekommen in der Welt, um solche Sorte Menschen nicht zu durchschauen. Euch kann er Sand in die Augen streuen. Was wisst ihr denn schon?«

Melitta konnte es nicht vertragen, wenn Bieke sich auf ihre Reisen hinausspielte. Aber sie liess sich ihren Ärger darüber nicht anmerken. Sie wollte Bieke keinen Triumph gönnen. Sie zog den Mund und sagte überlegen:

»Wir haben uns immer gebildet unterhalten. Er ist viel gereist. Er war auch in Juliusbad.«

Juliusbad war das Zauberwort für Melitta, das ihr eine Pforte öffnete, abseits von allen kleinlichen Krämereien.

»Da hörst du's, Geesche«, lärmte Bieke. »Er ist gar nicht deinetwegen gekommen, hörst du es? Was sitzt du denn da und heulst um ihn? Er ist ein gebildeter Mann und du bloss ein dummes Fischermädchen. Du könntest froh sein, dass dich Holms nimmt. Nun hörst du's auch von ihr!«

Geesche sass hilflos in der Ecke.

Bieke hatte sich vor Melitta aufgepflanzt:

»Den Flattergeist«, sagte sie verächtlich.

Ja, Bieke war zornig auf Herrn Mathiessen, den jungen Lehrer. Er kam ohne Hut, das Haar weich zurückgekämmt. Er trug helle Sommerhosen. Er war gewandt im Gespräch. Es war kein Zweifel, dass er auf jede Frage eine Antwort wusste. Dieser Herr Mathiessen brachte einen Abglanz jenes Lebens mit, das sich Bieke einmal erträumt hatte. Aber von dieser städtischen Welt war sie abgelehnt worden. Sie hatte nach Thorde zurückkehren müssen. Nun wollte sie für ihre Tochter keine schillernden Möglichkeiten, sie wollte für sie ein handfestes Haus.

Das sagte sie jetzt klar und deutlich. Sie sagte:

»Geesche ist mir zu schade für ihn.«

»Geesche?« fragte Melitta erstaunt.

Sie wandte sich nach dem jungen Mädchen um, das da hilflos in der Ecke sass.

Geesche blickte nicht auf. Dieser Zank fuhr über sie hin, sie wusste nicht, woran sie sich klammern sollte. Sie hielt das Taschentuch in der Hand und drehte einen Strick daraus. Immer wieder drehte sie den Strick. Wie sie es schon als Kind getan hatte, zerknüllte sie jetzt das Tuch. Sie hatte keine Kraft wegzulaufen. Sie sass hinter einem Gitter von Worten. Wie eine Gefangene sass sie dahinter.

Melitta drehte sich zu Bieke.

»Du bildest dir doch nicht ein, dass Herr Mathiessen Absichten hat?« Sie sagte es so spitz, dass Bieke fassungslos wurde.

Melitta lachte.

»Ich glaube tatsächlich, ihr reflektiert auf den Lehrer? Was geht in euch vor?«

Bieke erschrak.

Schonungslos hatte Melitta ihr die Verstiegenheit eines solchen Gedankens klargemacht.

Entschuldigend sagte Bieke:

»Der Kantor von Sureiken hat auch eine Frau aus Thorde.«

»Mit dir ist nicht zu reden«, antwortete Melitta.

Nein, mit Bieke war auch wirklich nicht zu reden. Wie konnte sie den alten Kantor von Sureiken, diesen hölzernen Tapergreis, mit Herrn Mathiessen in einen Topf werfen?

Manchmal musste man glauben, dass Bieke die Erzählungen über ihre Reisen selbst erfunden hatte. Wie konnte ein gescheiter Mensch sonst zu solcher Ausflucht greifen.

Bieke fühlte ihre Niederlage. Sie sah sich nach Hilfe um. Sie trat zu Geesche und streichelte sie.

»Wir armen kleinen Leute«, sagte sie. »Wenn man kein Geld hat, tritt einen jeder unter den Schuh.«

Melitta war dieses Gegrein widerwärtig. Sie wollte die Küche verlassen, aber so heiler Haut sollte sie nicht davon kommen. Bieke wünschte ihr ein Wort noch mit auf den Weg zu geben. Jawohl, ein Wort, das sitzen sollte. Sie hatte sich gesammelt. Sie fuhr hinter Melitta her:

»Also deinetwegen kommt der Herr! Allerhand für eine Verheiratete!«

Melitta packte Bieke an die Schürze.

Sie gebrauchte ein Schimpfwort.

Sie hob den Arm, sie hätte zugeschlagen. Aber da war Pagels tönende Stimme neben ihr. Sie verstand nicht, was er sagte. Sie hörte nur den Ton seiner Stimme. Sie hatte Bieke losgelassen und schluchzte.

Nun liess sie sich von Pagel fortführen.

Bieke band die Schürze ab und warf sie auf den Tisch. Sie verliess das Haus.

Zu Ohlik sagte Bieke: »Diese Person! Sie hat mich gewürgt. Ich betrete das Haus nicht mehr.«

Ohlik versuchte zum Guten zu reden. Er fühlte, dass hier etwas ins Wanken kam. Er dachte wohl, wenn erst ein Stein abbröckelt, stürzen andere bald nach. Feindschaft ist schlimmer als eine Sintflut. Wenn das letzte Wasser verflossen ist, wird der Hass noch immer sitzen und das Land behaupten. Darum ist es gut, gleich den ersten Keim auszurotten.

Ohlik versuchte es im Guten, und als das nichts half, fuhr er Bieke mit harten Worten an.

»Was schwatzt du mir das vor?« erzürnte sich Bieke. »Sag es doch ihr!«

Ohlik zuckte die Achseln und gab es auf, Bieke zur Rückkehr in das Logierhaus zu bewegen. Vor Melitta sprach er nicht. Nein, er machte ihr keine Vorhaltungen. Das hätte er nicht mehr gewagt, seitdem er sie in dem gelben Seidenkleid gesehen hatte. Nun war Melitta für ihn herausgehoben aus dem Alltag von Thorde. Erhöht ging sie vor ihm einher. Er folgte ihr, alt, sehnsüchtig und geduldig.

Vielleicht hätte sich Bieke mit der Zeit doch eines Besseren besonnen, aber sie hatte Unterstützung gefunden bei den Frauen von Thorde.

Früher hatte sich Bieke mit ihnen nicht viel abgegeben. Dieser Ärger jedoch hatte eine Annäherung gebracht. Jetzt stand Bieke öfter mit den Frauen, willig aufgenommen und jeder Zustimmung gewiss.

»Sie hat genug Dreck am Rock«, sagten diese Frauen von Melitta.

Geesche war ein paar Tage noch in das Logierhaus gekommen. Sie hatte sich dem Verbot ihrer Mutter nicht gefügt. Es war erstaunlich, dass Bieke nicht fertig brachte, ihren Willen durchzusetzen. Vielleicht betrieb sie es nicht mit dem gehörigen Nachdruck. Es war auch möglich, dass sie nicht alle Fäden zerreissen wollte.

Melitta empfing Geesche freundlich wie immer. Sie trug dem Mädchen nichts nach. Was konnte Geesche schliesslich dafür, dass Bieke ein rabiater Mensch war.

In diesen Tagen konnte sich Geesche über nichts beklagen. Fast schien es, als behandelte Melitta sie mit besonderer Rücksicht. Vielleicht wünschte sie damals auch, dass Bieke zurückkehren möchte. Es hatten sich inzwischen Misshelligkeiten eingestellt, denn Melitta wusste nicht mit der Küche fertig zu werden. Die Gäste waren ungeduldig und bemängelten das Essen. Darum wäre Melitta vielleicht froh gewesen, wenn Bieke sich des Hauses wieder angenommen hätte.

Am Sonnabend aber bekam das alles ein anderes Gesicht.

Herr Mathiessen war gekommen und wollte über Nacht bleiben. Er sass mit Melitta in der Veranda. Sie hatte ihm diesesmal selbst den Kaffee gebracht.

Er fragte verwundert:

»Wo ist denn Geesche?«

Melitta war verstimmt über diese Frage.

»In der Küche«, antwortete sie. »Sie muss abwaschen.«

Nun erfuhr Herr Mathiessen, dass Bieke nicht mehr da war.

»Ich habe sie an die Luft gesetzt«, sagte Melitta. »Sie war eine unverschämte Person. Sie wollte das ganze Haus kommandieren. Selbst die Gäste haben sich beschwert. ›Was ist das bloss für ein Skandal?‹ haben sie gefragt.«

»Aber Geesche ist noch hier?« erkundigte sich Herr Mathiessen.

»Vielleicht muss ich sie auch entlassen«, erwiderte Melitta geärgert.

Herr Mathiessen biss sich auf die Lippen.

»Ja«, sagte Melitta. »Geesche ist zu jung für solch einen Betrieb. Wenn ein Gast freundlich zu ihr ist, steigt es ihr zu Kopf. Sie weiss, dass sie ein hübsches Ding ist.«

Melitta sah Herrn Mathiessen an. Was würde er nun antworten? Sie merkte deutlich, dass er betroffen war. Aber er beherrschte sich und sagte nur:

»So –«

Melitta lächelte.

»Sie ist jung und hübsch«, sagte sie noch einmal. »Da ist es nicht verwunderlich.«

»Sie haben recht«, erwiderte Herr Mathiessen.

Nun lachte er auch etwas. Dann sprachen sie anderes.

Zum Abendessen lud Melitta Herrn Mathiessen ein. Sie hatte schon für drei gedeckt.

»Sie sind unser Gast«, sagte Melitta.

Geesche musste den Fisch auftragen. Als sie hereinkam, starrte sie Herrn Mathiessen an. Sie wusste noch gar nicht, dass er da war. Er nickte ihr zu.

»Ich hab' Sie schon vermisst«, lachte er.

Sie hatte wieder einen puterroten Kopf bekommen und stand noch immer da, die Fischschüssel in der Hand.

»Was stehst du da herum«, sagte Melitta, »stelle sie da hin.«

Herr Mathiessen wurde unwillig. Er streifte Melitta mit einem kurzen Blick und sagte dann zu Geesche:

»Wie geht es Ihnen, Fräulein Geesche?«

Das Mädchen aber war so verschüchtert, dass es ohne Antwort hinausging.

Nach dem Essen erhob sich Herr Mathiessen. »Schönen Dank«, sagte er, »für den freundlichen Abend.«

Er sprach dann mit Pagel noch einige Worte.

»Ja, nun geht's zum Winter«, sagte Pagel. »Im vorigen Jahre um diese Zeit war ich noch in Rotterdam.«

»Ein Welthafen«, meinte Herr Mathiessen.

»Ja, da wird viel gearbeitet«, sagte Pagel nachdenkend.

»Wollen wir uns in die Veranda setzen?« fragte Melitta dazwischen.

Aber da fiel es Herrn Mathiessen ein, dass er nicht bleiben könnte. Ja, eigentlich hätte er über Nacht bleiben wollen, und offen gesagt, es wäre ihm peinlich, so plötzlich aufzubrechen. Aber schon während des Essens sei ihm eingefallen, dass er Dringendes zu Hause unerledigt gelassen hätte.

»Ja, leider muss ich nach Hause fahren«, sagte er.

Pagel sah das ohne weiteres ein, aber Melitta schmollte. Sie behandelte Herrn Mathiessen schlecht beim Abschied. Sie tat sich gar keinen Zwang an.

Herr Mathiessen fuhr nicht nach Hause. Er kehrte in den Gasthof ein. Er bat um ein Zimmer.

»Ich will über Nacht bleiben«, sagte er.

»Sie sind in dieser Woche schon der fünfte«, antwortete der Wirt. »Jaja, die schlaue Melitta! Dass der Mann ihr das hingehen lässt. Da hat sie Bieke vor die Tür gesetzt und nun laufen die Gäste weg. Das Essen soll ja jetzt miserabel sein.«

Herr Mathiessen wollte auf das Gespräch nicht eingehen, aber der Wirt liess nicht locker.

»Ja wissen sie denn nicht«, sagte er, »sie hat doch Bieke geschlagen. Das ganze Dorf ist voll davon.«

Frau Wanda, der Wirtin, war diese Hechelei unangenehm. Sie sagte:

»Ja, die Gäste konnten das Rauschen der See nicht vertragen. Sie schliefen nachts schlecht. Darum sind sie zu uns gekommen.«

Herr Mathiessen war zu ihr getreten und besah die Arbeit, die sie vorhatte. Es war ein Spitzenkragen.

»Melitta soll ihn haben«, sagte die Wirtin.

Der Wirt lachte darein:

»Die Weiber haben ein Tauschgeschäft gemacht. Wie finden Sie denn die Brosche?«

Herr Mathiessen betrachtete die braunen Steine.

»Viel Wert haben sie nicht«, sagte der Wirt. »Ich habe mich in der Stadt erkundigt. Nun, schliesslich bleibts bei der Freundschaft!«

In der Gaststube sassen die jungen Burschen und spielten Karten. Boom Garde war da und trank seinen Schnaps. Er war einsilbig. Seit einiger Zeit litt er an Schlaflosigkeit.

»Das geht mit dem Teufel zu«, knurrte er. »Früher konnte man mich wegtragen. Wenn ich schlief, schlief ich. Jetzt wach ich zehnmal des Nachts auf.«

Er hatte es schon mit Baldriantee versucht.

Jetzt setzte er sich zu Herrn Mathiessen an den Tisch. Er beklagte sich nun auch bei dem Lehrer, dass die Nacht ihn nicht schlafen Hess.

»Manchmal mein ich, es geht nicht mit rechten Dingen zu«, sagte er.

Als die Uhr Mitternacht schlug, stand Herr Mathiessen auf. Er tat, als ginge er auf sein Zimmer. Er erzählte auch, dass er für den nächsten Tag eine grosse Fusswanderung geplant hätte.

Ob Herr Mathiessen geweckt werden wollte? – Nein, das wäre nicht nötig.

»Vor dem Einschlafen pflege ich mit dem linken Fuss gegen die Bettstelle zu stossen. Dann wache ich pünktlich auf. Das ist der beste Wecker«, erklärte Herr Mathiessen.

Dann hörte man ihn die Treppe hinaufgehen. Herr Mathiessen ging die Treppe hallend hinauf, aber er schlich sie leise wieder hinab. Man hörte ihn nicht und bemerkte auch nichts von ihm in der Dunkelheit.

Er wusste, dass Geesche regelmässig kurz nach Mitternacht nach Hause ging. Dann war sie mit ihrer Arbeit im Logierhaus fertig.

Sie erschrak, als sie plötzlich von Herrn Mathiessen angesprochen wurde.

Sie standen im Dunkel der Leuchtturmmauer. Über ihnen kreiste blendend das Licht. Sie standen geschützt im Dunkel und flüsterten.

Geesche weinte. Sie erzählte alles, was ihre Mutter gesagt hatte. Nur das vom Heiraten sagte sie nicht. Herr Mathiessen wusste nichts von dem Fischer Holms.

»Wir sind jung und haben uns lieb«, sagte er. Dabei küsste er sie und nun weinte Geesche nicht mehr.

Am nächsten Morgen in aller Frühe wanderte Herr Mathiessen den Fluss entlang zurück in die Stadt. Er schritt singend durch das feuchte Ufergras. Das Jackett trug er über dem Arm. Es war schon spät im Herbst und der Morgen reichlich kühl. Doch Herr Mathiessen schritt singend dahin, hemdsärmelig und mit offenem Kragen. Wer ihn kommen sah, mochte glauben, es wäre noch mitten im Sommer.

Als der weisse Dampfer an ihm vorüberfuhr, legte er die Hände an den Mund und rief seinen Gruss hinüber. Die Leute auf dem Dampfer antworteten. Sie würden nun im Logierhaus erzählen, dass sie den jungen Lehrer am Flussufer gesehen hätten, mit offenem Kragen und ohne Hut, als hätte man noch Sommer.

Herrn Mathiessen war es gleich, was Melitta dazu sagen würde. Ja, er war über Nacht in Thorde geblieben. Boom Garde erzählte es.

»Wir haben zusammen gesessen und getrunken«, berichtete er Melitta.

Sie wollte es zuerst nicht glauben. Doch dann sagte Boom Garde, dass der junge Lehrer versprochen hätte, ihm Apothekerpillen aus der Stadt gegen die Schlaflosigkeit mitzubringen.

»Apothekerpillen«, sagte Boom Garde. »Sie führen einen besonderen Namen, doch ich habe ihn vergessen.«

Da musste es Melitta nun glauben.

Sie ging in die Küche und beobachtete Geesche. Während sie das Essen bereitete, liess sie das Mädchen nicht aus den Augen. Sie tat das so auffällig, dass Geesche verlegen wurde.

»Was ist mit dir los?« fragte Melitta. »Du kannst einen ja nicht ansehen. Was ist denn passiert?«

Geesche antwortete nicht.

»Du hast wohl die Sprache verloren«, sagte Melitta. »Verstockt bist du. Schäm dich! Ich mag solche Menschen nicht um mich leiden. Wenn es dir hier nicht passt, kannst du jederzeit gehen.«

Geesche begann zu weinen. Sie wusste nicht, womit sie so harte Worte verdient hätte. Sie war so trostlos, dass sie die Teller hinstellte und in die Schürze weinte. Sie konnte sich den ganzen Tag nicht beruhigen. Immer wieder kamen ihr die Tränen.

Am Abend, als die Arbeit getan war, sagte Melitta:

»Es ist besser, du bleibst zu Hause. Deine Mutter scheint dir den Kopf heiss zu reden. Nein, es ist kein gutes Verhältnis zwischen uns. Ich glaube auch nicht, dass sich das bessert. Es ist schon am besten, da gehst.«

Geesche ging wortlos. Sie band die Schürze ab und wickelte das alte Kleid hinein, das sie immer bei der groben Arbeit trug. Melitta gab ihr das Geld, das sie noch zu beanspruchen hatte.

An ihrer Stelle arbeitete nun Antje in Küche und Haus.

Das war nun neues Wasser auf Biekes Mühle. Sie erzählte es den Frauen von Thorde. Sie sagte:

»Die Melitta! Sie ist eifersüchtig auf das Mädchen. Man könnte beinahe glauben, sie hätte selbst was mit dem Lehrer.«

Ohlik, dem dieses Geschwätz zu Ohren kam, wurde ängstlich. Er warnte Bieke. Er sagte:

»Du wirst dich noch ins Gefängnis bringen. Du weisst, dass man keinen bösen Leumund aus der Luft greifen darf.«

Bieke fürchtete sich vor dem Gefängnis und stellte ihre Schwätzerei ein. Bald hatte sie auch den Kopf voll genug mit eigener Sorge. Geesche hatte sich gegen ihren Willen einen Dienst in der Stadt gesucht. Sie war als Hausmädchen in die Villa des Konsuls Klemm gezogen, und Lehrer Mathiessen gab jetzt seine Nachhilfestunden dort mit grösserem Behagen, denn nun wusste er, wer ihm die Türe öffnete. Er brauchte nun nicht mehr nach Thorde zu fahren.

Bieke hoffte, dass ihre Tochter Vernunft annehmen und nach einiger Zeit zurückkehren würde. Aber darin hatte sie sich verrechnet. Sie fand es notwendig, den Fischer Holms hinzuhalten, und noch, als sie selbst kaum mehr glaubte, dass Geesche sich zu einer Rückkehr bereit finden würde, sagte sie oft zu ihm:

»Man muss Geduld mit ihr haben. Sie ist ein junges Ding. Nun, wir werden schon noch den Hochzeitskuchen zusammen essen.«

Holms aber rechnete schon längst nicht mehr damit. Vor Monaten hatte er einmal einen Ring gekauft und eine Kreuzkette. Das sollte Geesche am Hochzeitstag haben. Nun legte er beides zu unterst in die Schublade, verschloss sie und steckte den Schlüssel zwischen Wand und Uhr. An der Rückseite der Uhr, wo kein Schlag und kein Zeiger ist, hing nun der Schlüssel.

Holms aber ging tagaus tagein mit seinem Fischerzeug zum Boot, fuhr hinaus, warf die Netze und verkaufte den Fang um kleinen Gewinn. In seinem Gesicht stand nichts von Enttäuschung und nichts von Hoffnung. Vielleicht hatte er im Grunde seines Herzens nie daran geglaubt, dass das Schicksal ihm eine so junge und schöne Frau bescheren würde, wie es Geesche gewesen wäre.

Allein in der Stube sass er beim Segelnähen.

Herr Mathiessen kam nicht wieder nach Thorde. Boom Garde wartete vergebens auf seine Apothekerpillen. Er hätte nie gedacht, dass man sich auf den freundlichen Lehrer so wenig hätte verlassen können.

So blieb Boom Garde bei seinem Baldriantee. Bald aber sollte ihm auch noch das letzte bisschen Schlaf genommen werden.

In diesem Sommer waren viele fremde Menschen nach Thorde gekommen. Manche blieben einige Wochen im Logierhaus, andere kamen auf wenige Tage und wieder andere blieben nur ein paar Stunden zwischen Ankunft und Abfahrt des Dampfers.

Es wäre unmöglich gewesen, sich alle diese unbekannten Gesichter zu merken.

Anders war es schon im Herbst. Der Verkehr liess von Tag zu Tag nach. Immer seltener kamen die Gäste. Da war es schon leichter, dabei zu stehen und sich die Gesichter einzuprägen.

Schliesslich, als es zum Spätherbst ging, kam hin und wieder nur noch vereinzelt ein Gast. Der sass dann fröstelnd auf der Veranda, liess sich Grog geben und blickte auf das Meer.

In dem verregnenden November blieben dann auch diese letzten Einkehrer fort.

Der Dampfer aber fuhr nach wie vor. Er hatte seinen festen Fahrplan. Zweimal die Woche legte er in Thorde an.

Pagel wartete auf ihn an der Anlegestelle, Hess sich die Haltetaue zuwerfen und löste sie später wieder. Jetzt stand auch oft Boom Garde dabei, oder auch Ohlik, der Leuchtturmwächter.

Es gab ja nicht viel mehr in Thorde zu sehen.

In den belebten Monaten war immer ein grosser geräumiger Dampfer gekommen. Jetzt aber reichte das kleine Dampfschiff Ostland aus. Es hatte nicht mehr als ein gutes Dutzend Sitzplätze hinter den breiten Glasfenstern des hölzernen Aufbaus. Vor dem Schornstein, in dem schmalen Vorderteil des Decks, stand eine Bank mit einem Tisch davor. Es war der putzigste Schiffsplatz, den man sich vorstellen konnte. Boom Garde betrachtete ihn jedesmal mit Verwunderung. Wo hatte man schon einen Dampfer gesehen, der vorne wie eine Laube eingerichtet war.

Eines Tages, im November, als der Dampfer anlegte, sass auf diesem Platz eine alte Frau. Auf dem Tisch vor ihr stand eine Handtasche und neben der Bank ein Reisekorb.

Es war eine dünne alte Frau in einem grauen Wettermantel und einer grauen Regenmütze. Überdies hatte sie quer über dem Schoss einen Regenschirm. Sie war der einzige Fahrgast und der Kapitän wollte sie mit besonderer Rücksicht behandeln. Er bemühte sich, ihr beim Aussteigen behilflich zu sein, aber sie war flinker als er. Sie gestattete ihm nur, den Koffer zu tragen. Den Regenschirm und die Handtasche liess sie nicht aus der Hand.

Der Kapitän war verstimmt, weil er die hilfsbereite Hand vergeblich in die Luft gehalten hatte, und so stellte er den Reisekoffer mit hörbarem Ruck auf die Steine.

Da stand nun der Reisekorb und die Alte in dem Regenanzug sah sich um.

Pagel überprüfte die Fracht, die der Dampfer für ihn mitgebracht hatte, während Boom Garde unbeschäftigt dabeistand.

Die Frau sah die beiden Männer aufmerksam an, wartete ein Weilchen unschlüssig und klopfte dann Boom Garde auf die Schulter.

»Gott zum Gruss, alter Freund«, sagte sie.

Boom Garde blickte sie sprachlos an.

»Ich bin Sabine.«

Boom Garde machte den Mund auf.

»Sabine Gloddes. Erkennst du mich nicht?«

Da humpelte Boom Garde davon. Er liess die alte Frau Gloddes stehen. Sie sah ihm wehmütig nach. Neben ihrem Reisekorb stand sie, seufzend, die Hände gefaltet über Tasche und Schirm.

Die alte Sabine schluckte und schluchzte. Nun wusste sie, dass Boom Garde ihr nicht verziehen hatte.

Pagel, mit seiner Fracht beschäftigt, hatte den Vorgang nicht beobachtet. Nun als er sich aufrichtete, sah er da die alte Frau stehen. Anscheinend wusste sie nicht, wohin sie sollte.

Pagel sagte:

»Wir haben ein Logierhaus.«

Sabine schüttelte den Kopf. Sie wusste nichts von diesem Logierhaus. Sie wollte durchaus in den Gasthof. Ob das weit wäre? – Nun ja. Quer durch das Dorf. Der Gasthof liegt am andern Ende. – Sie könnte aber den Reisekorb nicht alleine tragen. Sie wollte ihn auch nicht ohne Aufsicht stehen lassen. Ob Pagel wohl anfassen und ihr behilflich sein würde? –

Sie öffnete die Handtasche, holte ein paar Zigarren hervor und gab sie Pagel.

»Für Ihre Gefälligkeit«, sagte sie.

Pagel war noch zu keinem Entschluss gekommen. Es erschien ihm wunderlich, dass er einen Gast zur Konkurrenz geleiten sollte. Aber nun hatte Sabine ihm schon die Zigarren in die Hand gedrückt. Er konnte sich gegen ihre Freundlichkeit nicht wehren.

Er lachte verlegen und steckte die Zigarren ein. Dann hob er den Reisekorb auf und ging neben Sabine her.

»Da bringe ich einen Gast«, sagte er zu Frau Wanda, der Wirtin.

Es dauerte ein Weilchen, bis sie das begriff. Auch der Wirt kam herbei und machte grosse Augen.

Sabine konnte sich diese Überraschung nicht erklären. »Ich wünsche ein Zimmer«, sagte sie mit grosser Bestimmtheit. Sie blieb den Tag über misstrauisch, und auch später nahm sie immer ihre Handtasche mit.

Sie wohnte nun in dem Gasthof.

Boom Garde ging mit einem Gesicht herum, als hätte er zwölfe gefressen und kriegte den dreizehnten nicht mehr herunter. Anfangs versuchte er, sich vor Sabine Gloddes zu verstecken. Aber Thorde war zu klein, und irgendwo stöberte sie ihn immer auf.

»Ich bin eine arge Sünderin«, sagte sie. »Du musst mir vergeben.«

Boom Garde brummelte Unverständliches vor sich hin.

»Ich dachte, du hättest eine gute Gesinnung gegen mich, wo du das Geld genommen hast«, sagte sie. »Ja, es war eine Wohltat für mich, dass du das Geld nicht zurückwiesest.«

Boom Garde kaute an seiner Tabakspfeife.

»Ich hatte dir Zigarren mitgebracht«, sagte Sabine, »aber die hat nun der andere gekriegt. Ich werde dir ein paar kaufen.«

Sie erstand eine ganze Kiste voll beim Wirt. Boom Garde kratzte sich hinterm Ohr.

»Du kannst sie getrost nehmen. Ich bin in deiner Schuld«, sagte Sabine.

Boom Garde nahm die Kiste untern Arm und humpelte davon.

Er sass jetzt viele Stunden am Tage in der Stube bei Ohlik. Am Strand mit den Kindern war er kaum noch zu sehen, denn immer tauchte Sabine Gloddes auf.

Nun sass er in der Stube bei dem Leuchtturmwärter.

Ohlik hatte auch schon von der alten Frau gehört, die jetzt im Gasthaus wohnte. Er wusste auch ihren Namen.

»Sie stellt mir auf Schritt und Tritt nach«, klagte Boom Garde.

»Wer ist denn die Frau?« erkundigte sich Ohlik.

Aber der Alte wollte nicht mit der Sprache heraus.

Nun kam er heute zu Ohlik mit einer Kiste voll Zigarren. Er stellte sie auf den Tisch.

»Lang zu«, sagte er. »Ich mag sie nicht geniessen.«

Ohlik zündete sich eine Zigarre an. Es war eine gute Zigarre, die angenehm duftete und eine weisse Asche gab.

»Eine feine Marke«, lobte der Holzkapitän.

»Ja«, antwortete Boom Garde. »Es kommt ihr nicht auf einen Groschen an.«

Nun erfuhr Ohlik, dass Sabine Gloddes die Spenderin dieser Zigarren war. Er machte aus seiner Verwunderung kein Hehl.

»Du schimpfst auf sie«, tadelte er, »und lässt dir jeden Tag was anderes schenken. Wo hast du das neue Tuch da her? Oder glaubst du, wir haben keine Augen im Kopf?«

Boom Garde wurde kleinlaut.

»Ich kann nichts dagegen machen«, sagte er. »Sie ist eine aufdringliche Person. Aber du hast recht. Ich werde hingehen und ihr die Meinung sagen. Es muss Schluss damit sein.«

Boom Garde sass stundenlang da, druckste und überlegte, wie er Sabine Gloddes sich vom Leibe halten könnte.

»Du kannst mir wohl keinen Rat geben?« fragte er Ohlik.

»Wie kann ich dir einen Rat geben?« erwiderte der Holzkapitän, »wenn ich nicht einmal weiss, um was es sich handelt.«

Es war ja auch tatsächlich wie ein Rätsel. Eine alte Frau kommt extra nach Thorde, um Boom Garde mit Freundlichkeiten zu überschütten.

»Du hast recht«, sagte Boom Garde. »Ich wills dir erzählen.«

Er steckte sich nun auch eine von den Zigarren an.

»Ja, so werd ichs erzählen«, sagte er nach einem Weilchen. »Ich bin ein alter Mann. Mir tut es nichts mehr. Ja, diese Sabine Gloddes. Sie war mal ein forsches Mädchen. Jawohl, das war sie. Alles, was recht ist. – Karl, hab ich immer gesagt, Karl, das wäre eine Frau für mich! Damals war ich Hafenarbeiter in Hamburg. Wenn ich mal was anderes bin, habe ich zu Karl gesagt, dann wird stante pede geheiratet. Sonntags tanzten wir immer zusammen. Aber sie hat nicht gewusst, dass ich Hafenarbeiter war. Sie hat gedacht, ich wäre ein Seemann. Das hat sie gedacht.«

Boom Garde machte eine lange Pause.

»Ich erzähl es ein andermal weiter«, sagte er, nahm die Kiste Zigarren vom Tisch und ging nach Hause.

Nach und nach erst erfuhr Ohlik die Geschichte.

Karl, hatte Boom Garde damals gesagt, nun ist es bald so weit. Ich kann auf einem Schwedendampfer ankommen. Du bist obenan bei der Hochzeit.

Schön, hatte Karl geantwortet, dass du's aber nicht vergisst. – Wie werde ich denn? Bin ich nicht dein Freund, Karl? – Das bist du, hatte Karl gesagt. Aber am nächsten Morgen war Karl nicht zur Arbeit gekommen. Boom Garde musste für ihn einspringen. Der Rottenführer bestimmte das. Ein Mann ist krank, hatte er gesagt. Du springst für ihn ein.

Karl ist krank, hatte Boom Garde gedacht, nach Feierabend besuchst du ihn mal. Er ist dein Freund. – Aber den ganzen Tag hatte Boom Garde eine Unruhe im Leibe gehabt. Da stimmt doch was nicht, hatte er immer denken müssen. Es war ein regnerischer Tag gewesen, und der Ladesteg war glitschig wie eine Aalhaut. Da war das dann mit dem Bein passiert.

Boom Garde hatte lange im Krankenhaus gelegen und nachher dauerte es auch noch Monate, bis er wieder einigermassen heil war. Das geht nicht so schnell, wenn man auf einem neuen Bein laufen lernen muss.

Sabine, die jetzt Gloddes hiess, hatte sich damals nicht um ihn gekümmert. Nein, sie hatte ihn während seines Unglücks niemals besucht. Auch sein Freund Karl Gloddes war nicht ein einziges Mal bei ihm gewesen. Sie waren beide wie weggetan von der Erde. Boom Garde hatte nichts mehr von ihnen gehört.

Das war damals gewesen. Länger als dreissig Jahre ist es her. In jener Zeit war es gewesen, als Bieke in die Welt lief und die dänische Wiege an den Strand gespült wurde.

An jenem aufregenden Tage war Boom Garde nach Thorde zurückgekehrt. Er hatte es in der grossen Hafenstadt zu nichts weiter gebracht als zu einem Holzbein.

Nun sass er wieder in Thorde in dem kleinen Hause, versuchte, sich hier und da nützlich zu machen, und lebte bescheiden von seinem Anteil am Boot.

»Ich hatte das alles ganz aus dem Kopf verloren«, sagte Boom Garde zu Ohlik. »Aber nun ist sie gekommen und hat alles wieder gegenwärtig gemacht.«

Nun wusste Boom Garde auch, warum er vorher schon seine schlaflosen Nächte hatte.

»Es hat in der Luft gelegen«, behauptete er. »»Wenn ich bloss meine Ruhe vor ihr hätte. Ich weiss nicht, was sie von mir will.«

Ja, was wollte die alte Sabine Gloddes von Boom Garde?

Sie war nach Thorde gekommen und wünschte eine Schuld gutzumachen. Eine Schuld, von deren Vorhandensein der Betroffene gar nichts wusste. Nun gut, vor länger als einem Menschenalter hatte er wohl einmal kein grösseres Verlangen gehabt, als Sabine zu heiraten. Aber statt eines schmucken Mädchens hatte der Himmel ihm ein hölzernes Bein angetraut. Dagegen konnte man sich nicht auflehnen. Es war für ihn nicht verwunderlich gewesen, dass Sabine damals dem gesunden Karl Gloddes den Vorzug gegeben hatte.

Nun sass eine alte Frau neben ihm und klagte:

»Ich habe eine grosse Schuld auf mich geladen. Ja, ich hätte dir damals in deinem Unglück beistehen sollen. Ich kann nicht über Karl klagen. Er ist ein fleissiger Mensch gewesen und wir haben es zu etwas gebracht. Ich muss auch die »Wahrheit sagen, denn man soll vor Gott nicht lügen. Und in dieser Stunde ist es mir, als stünde Gott neben uns. Ich habe dich – ja, ich muss es gestehen – ich habe in den Jahren meiner Ehe kaum an dich gedacht. Aber als vor einem Jahre das Unglück passierte und Karl plötzlich tot am Tisch sass – er war den ganzen Vormittag guter Laune gewesen – er hatte gar nicht geahnt, dass die letzte Stunde da war. Er setzte sich wie immer an den Tisch. Nein, er ahnte nicht, dass er nicht wieder aufstehen sollte. Ja, als vor einem Jahr dieses Unglück geschah, und als ich dann davon wieder zur Besinnung kam, standest du im Geiste vor mir. Ich war nun ganz allein auf der Welt und hatte Zeit, über alles nachzusinnen. Ja, da standest du vor mir, und ich musste einsehen, dass unser Glück Schuld gewesen war an deinem Unglück.«

Sie redet und redet, dachte Boom Garde. Was schwatzt sie da alles zurecht. Möchte sie doch endlich aufhören von all diesen Unleidlichkeiten.

Er rückte ungeduldig auf der Bank neben ihr. Sie sassen am Strandweg und die Fischer von Thorde schleppten die gefangenen Fische fort auf den hölzernen Tragen.

»Ich muss dir alles sagen«, fuhr Sabine fort. »Ja, ich muss dir auch das Letzte sagen. Gott will es so, und der Bruder hat es mir auf die Seele gebunden. Ja, es fällt mir schwer, dir dieses Letzte einzugestehen. Ach, es ist eine grosse Schuld. Aber wenn wir ohne Rückhalt unsern Mund auftun und diese Schuld bekennen, wird uns dennoch Vergebung werden.«

Nun erfuhr Boom Garde, dass Karl Gloddes und Sabine an jenem Tage geheiratet hatten, als ihm vom Rottenführer befohlen war, für den abwesenden Freund einzuspringen. An jenem Tage also war Hochzeit gewesen, als Boom Garde sich das hölzerne Bein holte.

Boom Garde konnte kein Wort zur Antwort herausbringen. Er sass da, als wäre ihm die Kehle zugeschnürt. Sabine Gloddes aber demütigte sich vor ihm, und alle bösen Worte, die er eigentlich hätte sagen müssen, legte sie sich selber bei.

»Ja, so hinterhältig ist der Mensch und so erbärmlich«, klagte sie. »Aber ich will meine Schuld büssen.«

Sie gestand Boom Garde, dass sie in ihrer Herzensnot den frommen Brüdern und Schwestern zum Heiligen Freitag beigetreten wäre.

Wer ein Unrecht begangen hat, muss es sich zu Herzen legen, hatte der betende Bruder zu ihr gesagt. Wenn du aber williger Seele bist, kann Gott dieses Unrecht von deinem Herzen nehmen.

Darum war Sabine Gloddes nach Thorde gekommen. Ja, sie wollte jenes Unrecht gutmachen.

Hätte ich ihr bloss das Geld zurückgeschickt, dachte Boom Garde. Hätte ich bloss ihr Teufelsgeld nicht angenommen. Dann wäre sie wohl geblieben, wo der Pfeffer wächst.

Ein paarmal überlegte Boom Garde, ob er sich den Geldschein von Melitta wohl zurückgeben lassen könnte. Aber nach allem, was am Tage von Pagels Rückkehr vorgefallen war, musste man annehmen, dass Melitta von diesem Geld nichts mehr besass.

Ich kann sie doch nicht in Ungelegenheiten bringen, dachte Boom Garde.

Darum liess er das mit dem Geld auf sich beruhen. Es würde ja auch nichts geändert haben, denn Sabine Gloddes war nun einmal da, und nach ihren Worten konnte er annehmen, dass sie vorläufig an keine Abreise dachte.

Was Boom Garde in diesen Tagen zu Ohren bekam, war viel zu viel, als dass er es hätte für sich behalten können. Wie konnte auch ein Mensch, der Jahre für Jahre ruhig dahingelebt hatte, mit einem solchen plötzlichen Überschwall fertig werden.

Wenn es ihm geglückt war, der alten Sabine zu entschlüpfen, stellte er sich bei Ohlik ein. Er schüttete ihm sein Herz aus. Jedes Wort, das Sabine ihm gesagt hatte, trug er zu dem Leuchtturmwächter.

Als er ihm von jenem Hochzeitstage berichtete, konnte er seine Erregung nicht unterdrücken.

»Am liebsten wäre ich ihr ins Gesicht gesprungen«, sagte er, »aber ich wollte es harmonisch machen und habe an mich gehalten.«

Ohlik sass dabei und dachte an Frau Hilda.

»Wer ein Unrecht getan hat, muss es sich zu Herzen legen«, sagte Boom Garde. Dazu warf er Holz in den kurzen stämmigen Ofen, von dem Ohlik behauptete, dass er im Winter sein bester Freund wäre.

»Noch diesen Knast, Freundchen«, sagte Boom Garde. »Du sollst es gut haben.« Sein Klagelied hatte ihn weich gestimmt.

»Friss«, bat er den Ofen.

Ja, solch ein Ofen, im Winter unser Bruder, im Sommer nichts als Lehm.

Da stand nun der gute Ofen und glühte.

Boom Garde hatte also dem Holzkapitän die Geschichte von Sabine Gloddes erzählt, zuerst mit Widerstreben, dann aber fand er Gefallen daran und kam nicht mehr davon los.

»Es ist meine Lebensgeschichte«, sagte er.

Früher war er ein Garnichts gewesen, aber jetzt hatte er seine Lebensgeschichte.

Er begann einzusehen, dass der Himmel ihn stiefmütterlich behandelt hatte. Ja, er kam dahinter, dass er eigentlich ein unglücklicher Mensch wäre. Es war nicht verwunderlich, dass er aus seinem Unglück ein Recht herleitete. Nun, wo er Sabine Gloddes nicht fortzuschicken vermochte, sollte sie ihm wenigstens ihre aufdringliche Bussfertigkeit bezahlen.

Wenn er anfangs ihre Geschenke nur mit verlegenem Zaudern angenommen hatte, fing er jetzt an, Forderungen zu stellen. Er sagte:

»Es ist ein Jammer, was fürn Tabak man rauchen muss. Ohlik sagt auch, dass es ein schlechtes Kraut wäre. Wenn man schon etwas gutmachen will, muss man auch auf Güte achten.«

Er brachte es dahin, dass Sabine eine Zeitlang den teuersten Tabak kaufte, den es in Thorde gab. Ja, als auch der noch zu gering schien, musste der Wirt extra ein Paket aus der Stadt schicken lassen.

Das hölzerne Bein war für Boom Garde ein Tischleindeckdich geworden.

Aber man soll ein Ding nie so weit treiben, dass der Teufel sich dran wärmen kann. Mit der Zeit glaubte Sabine wohl, dass sie nun genugsam vor dem Himmel ihren guten Willen bekundet hätte. Zu Boom Gardes Verstimmung wurde sie knauserig. Sie rechnete ihm sogar vor, was sie allein für das Auffinden seiner Adresse bezahlt hätte.

»Ich hab' deine Adresse nur mit vieler Mühe ausfindig machen können«, sagte sie. »Es hat mich achtundvierzig Mark gekostet, aber ich hab' das Geld damals gern hingegeben.«

Sie sagte »damals«. Vielleicht wollte sie andeuten, dass der Alte ihr jetzt nicht mehr so viel wert sein würde.

Sic kam überhaupt nach und nach von ihrem Bussgedanken ab. Sie erzählte auch nicht mehr von ihrer Sekte. Sie sagte kein Wort mehr von dem betenden Bruder. Statt dessen fuhr sie Boom Garde an.

»Wie kann man so durchs Leben kriechen«, sagte sie, »Wenn der Zufall nicht so gut wäre, dir was ins Maul zu stopfen, wärst du schon längst verhungert. Dabei hab' ich mir überlegt, dass hier in Thorde das Geld auf der Strasse liegt.«

Was ist ihr nun wieder in den Kopf gefahren? dachte Boom Garde.

»Du könntest dich einmal umhören, ob hier nicht ein Haus zu verkaufen ist. Wenn ich als Fremde mich danach umtue, wird man von vornherein versuchen, mich übers Ohr zu hauen.«

Jawohl, das sagte Sabine Gloddes, die Büsserin.

Über allen Gebeten hatte sie nicht vergessen, die Augen offen zu halten. Vielleicht kam es daher, dass sie stets die Brille aufsetzte, ehe sie die Hände faltete.

In der Leuchtturmstube sass Boom Garde mit langem Gesicht. Die Schuhe hatten ihm wohl verkehrt vorm Bett gestanden.

»Es ist kein Zweifel, sie wird in Thorde bleiben. Was sagst du dazu, Ohlik? Sie will tatsächlich bleiben. Ja, sie will sogar ein Haus kaufen. Sie erzählt nichts mehr vom Heiligen Freitag. Es scheint, dass sie ihre Busse nunmehr beendet hat«, jammerte er.

»Es wäre schade«, sagte Ohlik.

Er hatte sich wieder an gute Zigarren gewöhnt.

Mit der Zeit begann Boom Garde sich mit dem Gedanken, dass Sabine Gloddes ein Haus in Thorde kaufen wollte, vertraut zu machen. Er dachte daran, ihr das eigene anzubieten. Es waren zwei Stuben unter einem Strohdach. Zwei Stuben könnten schon für eine alte Frau genügen. Wenn sie ein paar hundert Taler springen liess, konnte man sich schon einen verständigen Lebensabend bereiten. Boom Garde zweifelte nicht daran, dass er irgendwo ein billiges Unterkommen fände.

Ich könnte mich dabei noch nützlich machen, dachte er, und es wäre nicht zuviel verlangt, wenn man meine Arbeitskraft für die Miete rechnen würde.

Als er aber vor Sabine über seine Willigkeit, ihr sein Eigentum zu verkaufen, einige zaghafte Andeutungen machte, fuhr sie ihm in die Rede.

»Ich danke dem Himmel, dass er mich vor dir bewahrt hat«, sagte sie. »Ich könnte wohl heute neben dir am Betteltuch ziehen. Wenn ich ein Haus in Thorde kaufen will, hat es seine bestimmte Absicht. Es muss ein geräumiges Haus sein. Zum mindesten muss es seine vier Stuben haben und einen Schuppen, den man ausbauen kann.«

Nun ja, warum sollte Sabine Gloddes nicht ein ansehnliches Haus erstehen? Sie hatte Geld und konnte was auf den Tisch zählen. Boom Garde genierte sich beinah, dass er ihr seine zwei Stuben und das Strohdach angeboten hatte.

Er wollte das gutmachen. Nein, er wollte nicht so jämmerlich vor ihr stehen. Sie sollte nicht glauben, dass er nicht auch seine Verbindungen hatte.

»In acht Tagen hast du das Haus«, renommierte er.

Er wandte sich an Pagel.

So kam es, dass Melitta von Sabines Absicht hörte. Auf einmal schien ihr eine gute Gelegenheit zu sein, das alte Haus zu verkaufen und endgültig in das Logierhaus überzusiedeln.

Während der Sommermonate und solange Gäste da waren, hatten sie sich dort in einer kleinen Hinterstube eingerichtet. Man konnte ja das grosse Logierhaus nicht ohne Aufsicht lassen.

Jetzt aber war man wieder in das alte Haus gezogen. Das Logierhaus selbst war nur über Sonnabend und Sonntag geöffnet.

Seit langem war es Melittas Wunsch, in diesem grossen Hause eine Wohnung zu haben. Vielerlei Annehmlichkeiten verlockten dazu. Besonders war es die neumodische Wasserleitung. Man hatte nichts weiter zu tun, als einen Messinghahn aufzudrehen. In dem alten Hause musste das Wasser geschöpft und in Eimern vom Hofe hereingetragen werden.

Melitta hatte schon ein paarmal Pagel zu überreden versucht, sich von dem alten Hause zu trennen. Wenn er auch einsah, dass es bequemer wäre, in dem Logierhause zu wohnen, bekam er es doch nicht übers Herz, das Haus, darin schon sein Vater die Kindheit verbracht hatte, zum Verkauf zu stellen. So hatte Melitta ihren Plan vorläufig aufstecken müssen.

Jetzt aber, als sie aus Boom Gardes Worten entnahm, dass da eine Käuferin wäre, die nicht mit dem Geld zu rechnen brauchte, begann sie Pagel wieder zuzusetzen.

Sie versuchte, ihm begreiflich zu machen, dass das alte Haus nichts anderes als eine Belastung wäre, die sich mit der Zeit immer ungünstiger auswirken würde. Jetzt schon musste man wieder den Dachdecker holen. Man sollte sein Augenmerk lieber auf das Logierhaus richten, von dem man sich von Jahr zu Jahr ein weiteres Aufblühen versprechen durfte. Hier anzubauen und neue Räume zu schaffen wäre wichtiger, als das alte zu erhalten.

Mit solchen Gedanken lag sie Pagel jeden Tag in den Ohren. Sie verstand es auch, Ohlik für ihre Idee zu gewinnen und sie hatte in ihm bald einen eifrigen Fürsprecher. Die Möglichkeit, das Logierhaus eines Tages doch in die Ausmasse seines erträumten Strandschlosses wachsen zu sehen, liess ihn mit grosser Überzeugung Melittas Absichten vertreten.

Es gelang, Pagels Festigkeit langsam zu untergraben. Er musste schliesslich einsehen, dass die Darlegungen der anderen nicht ohne Vorteil wären. Er gab zu, dass man

einer kindlichen Erinnerung wegen einen gangbaren und gewinnversprechenden Weg nicht ausschlagen dürfte.

Als Daudat von diesen Überlegungen hörte, war er sofort auf Melittas Seite. Er war entzückt über die Aussicht, dass Pagel in die Lage kommen könnte, neues Geld in das Unternehmen zu stecken. Sie sassen über einigen Rechnungen, die noch bezahlt werden mussten.

»Mit solcher frischgebackenen Firma gehts einem wie mit 'nem Neugeborenen. Es muss aus dem dummen Vierteljahr heraus«, sagte Daudat. »Nachher läuft das Kind von allein.«

Er kam jeden Tag unter irgendeinem Vorwand, doch verstand er immer, das Gespräch auf das Haus zu bringen. Er beugte sich weit über den Tisch und redete dringlich auf Pagel ein. Er liess nicht locker.

Er sagte sich wohl: Auch ein Klotz Blei wird weniger, wenn man hart dahinter schlägt.

Daudat sollte recht behalten. Eines Tages willigte Pagel ein, und ehe er sein Zugeständnis noch bereuen konnte, war schon Sabine Gloddes da.

Am Tage danach fuhr sie zu Boom Gardes Erstaunen ab. Konnte ein Mensch aus solch einer Frau klug werden? Sie hatte ein Haus gekauft und verschwand.

Mit dem kleinen Dampfer Ostland fuhr sie wieder davon.

Vier Wochen war Sabine in Thorde gewesen, aber Boom Garde kam es vor, als hätte er sich länger als ein Jahr mit ihr abgeben müssen.

Der Dezember war linde. Es lag nichts von Eis in der Luft. Es war verwunderlich, wie milde auch ein Winter sein konnte. Nur nachts manchmal gab es grobe See.

So fuhr Sabine bei Sonnenschein ab. Mit Handtasche, Regenschirm und Reisekoffer sass sie wieder auf der Bank in dem schmalen Vorderteil des Dampfers Ostland. Das alte Pagelsche Grundstück war verkauft worden, und Melitta betrieb mit Eifer den Einzug in das Logierhaus.

Da gab es nun viel Arbeit, und Pagel war dafür, Bieke wieder als Hilfskraft zu holen. Es war ihm längst leid, dass man sich mit der Nachbarin erzürnt hatte, und er hätte nichts dabei gefunden, ihr ein gutes Wort zu geben.

Aber Melitta wollte von Bieke nichts wissen.

»Aufgeblasen ist sie. Den besten Gast hat sie uns mit ihren Schwätzereien vertrieben«, schalt sie.

Ja, Herr Mathiessen war nicht wieder nach Thorde gekommen. Er war ein vielgereister Mann und hatte Melitta mancherlei von der Welt erzählt. Er kannte auch Juliusbad und das Land in den Bergen.

Nun war für Melitta ein Nebel darübergefallen. Sie hatte keinen mehr, mit dem sie von diesem Wunderlande reden konnte.

Nein, mit Bieke wollte Melitta nichts mehr zu tun haben. Es wurde also eine andere Frau aus Thorde geholt.

Man hatte tagelang mit diesem Umzuge zu tun. Das erste, was Melitta in die neue Wohnung trug, war die holzgeschnitzte Frau, die auf einem Besen ritt.

Vielleicht glaubte Melitta, dass sie eine Glücksbringerin wäre, diese Botin aus den silbernen Bergen. Noch ehe Ohlik mit Salz und Brot kam, hing die reitende Frau schon über der Türe.

Den Dreimaster wollte Boom Garde eigenhändig herübertragen. Er hatte ihn einmal mit vieler Mühe zustande gebracht. Nun fürchtete er wohl, dass das Segelschiff Schaden nähme, wenn es einem anderen anvertraut werde.

Als Boom Garde mit diesem Schiff über die Strasse humpelte, wurde er angerufen:

»Wollt Ihr mit diesem Fahrzeug in See stechen, junger Freund?«

Boom Garde starrte den Sprecher an.

Es war ein fremdes Gesicht, gross, rund und mit lebhaften Äuglein über der knubbligen Nase. Das Ganze war von einem rötlichen Bart eingerahmt.

Boom Garde betrachtete das alles. Er war verärgert über den Zuruf.

Junger Freund – was sollte das heissen?

Der Ärger hatte ihm die Antwort verschlagen. Er nahm den Dreimaster auf den anderen Arm und ging weiter.

»Rechts müsst Ihr steuern«, lachte der Fremde.

Was für eine neue Narrheit ist da in Thorde aufgetaucht? denkt Boom Garde.

Der Fremde stand mitten auf der Strasse und lachte hinter ihm her.

Boom Garde wusste nicht, was er davon halten sollte. Er behielt auch dieses Zusammentreffen zunächst für sich. Er genierte sich wohl, darüber zu reden.

Aber am Abend sass der Fremde in der Veranda. Er sass dicht neben dem Ofen.

Boom Garde sah ihn durch die Glasscheibe. Er warnte Pagel. Er sagte:

»Er hat zwar einen frommen Zauselbart, aber das andere ist wert für die Hölle.«

»Kennst du ihn denn?« fragte Pagel.

»Nein«, antwortete Boom Garde, »ich will auch nichts mit ihm zu tun haben.«

Später aber sass er doch mit am Tisch.

»Ein hübsches Lokal«, sagte der Fremde. »Ein bisschen nüchtern noch. Die Wände sind kahl. Nun, das liesse sich ja abändern.«

Er stand auf und betrachtete die leere Wand. Dabei bewegte er mit grossem Schwung die Arme.

Er ist tatsächlich ein Narr, dachte Boom Garde.

Dann wandte der Fremde sich zu Pagel und sagte:

»Jawohl, mit der Wand lässt sich was anfangen.«

Pagel wusste auch nicht, was er aus dieser Äusserung machen sollte.

Aber der Fremde gab weiter keine Erklärungen, sondern setze sich und trank.

»Ich hab' schon von Ihnen gehört«, sagte er zu Pagel. »Sie sind mir wärmstens empfohlen worden. Ich wohne nämlich einstweilen im Gasthof. Jawohl, der Wirt hat mit grösster Hochachtung von Ihnen gesprochen.«

Seitdem Pagel eigenhändig den Reisekorb der Sabine Gloddes in das Gasthaus getragen hatte, hielt der Wirt grosse Stücke auf ihn.

»Pagel ist ein vornehmer Konkurrent«, pflegte er zu sagen.

»Jawohl, der Wirt hat mit grösster Hochachtung von Ihnen gesprochen«, sagte der Fremde.

Pagel wurde dieses Lob zuviel. Er entschuldigte sich, er habe noch draussen zu tun. Man wäre mitten im Umzug.

»Lassen Sie sich nicht stören«, rief der andere. »Wir werden uns noch öfter sehen. Ich bleibe einige Zeit in Thorde.«

Boom Garde hätte gerne gewusst, was der Fremde hier eigentlich wollte. Sein Anzug hatte schon blanke Stellen. Nein, zum Vergnügen konnte der Fremde sich nicht in Thorde aufhalten.

»Ich werde einige Zeit bleiben«, sagte er zu Boom Garde. »Es gibt hier gute Motive.«

Das verstand Boom Garde nicht, aber er hütete sich, seine Unwissenheit einzugestehen. Er wollte dem anderen keine Pfauenfeder ins Haar stecken.

Ich werde schon noch dahinter kommen, dachte Boom Garde.

»Jawohl, gute Motive«, rief der Fremde. Er sprach so laut, als hätte ein anderer ihm widersprochen. Er zeigte durch das Fenster. Er sagte: »Sehen Sie diesen Mond!«

Boom Garde sah den Mond an. Es war ein Viertelmond und nichts sonderlich dran zu sehen.

»Welch ein Mond, welche Landschaft!« schrie der andere begeistert.

Plötzlich wandte er sich zur Tür, hob das Glas und rief:

»Holde Frau!«

Nun wirds ganz verrückt! dachte Boom Garde.

Was hatte der Fremde da für ein Wort gebraucht? Holde Frau? Hatte man sowas schon gehört?

Boom Garde blickte missbilligend um sich. Melitta stand in der Türe. Sie war rot geworden und lachte.

»Seid gegrüsst in dieser bescheidenen Halle«, schrie der Fremde.

Melitta vergass jetzt vor Verlegenheit ihr Lachen. Sie wollte wieder gehen. Sie wusste nichts Besseres. Aus Neugier war sie wohl nur schnell einmal aus der Küche herübergekommen. Pagel hatte zu ihr eine kurze Andeutung über den sonderbaren Gast gemacht. Da war sie neugierig geworden.

Der Fremde war aufgesprungen:

»Verweile, holdseliges Bild!«

Er verbeugte sich vor Melitta. Er nannte seinen Namen.

»Stiwenhack«, sagte er. »Ein Geselle aus der Zunft der Brüder von Sankt Lucas.«

Boom Garde erschrak. Tatsächlich, er erschrak. Sollte dieser Mann es auch mit der Frömmigkeit haben? Vielleicht hatte gar Sabine ihn geschickt.

Boom Garde raffte sich zu einer umständlichen Frage auf. Der Fremde wurde aus seinen Worten zuerst nicht klug. Er begriff wohl überhaupt nicht recht, was Boom Garde wollte. Immerhin aber wurde festgestellt, dass Stiwenhack eine Witwe Sabine Gloddes nicht kannte.

Das beruhigte Boom Garde einigermassen.

»Mein Rosenkranz ist die Palette«, sagte der Fremde. »Mein Altar die Leinewand. Ich bete in Farben.«

»Was es so alles gibt«, erwiderte Boom Garde.

»Jawohl, ich bin ein Maler«, schrie Stiwenhack.

Er nahm Melitta an die Hand. Er geleitete sie an den Tisch. Sie setzte sich verwirrt.

Wie ein blankes Talerstück war der Maler Stiwenhack nach Thorde verschlagen, und wie auf einem kiefernen Tisch der Klang und der Glanz des nagelneuen Metalls sich breitmacht, so spreizte sich in allen Ecken der Hall und Widerhall seiner vollgepackten Redensarten.

»Wer sich klein macht, sieht man nicht«, war sein drittes Wort.

Nein, Stiwenhack machte sich nicht klein, und wenn er hätte auf Stelzen gehen müssen. Es war erstaunlich, was er alles vorbrachte.

»Er kennt Abel und Babel«, sagte Boom Garde anerkennend zu Ohlik.

Dieser schillernde Komet hatte es ihm angetan. Er verstand kaum ein Viertel von Stiwenhacks Worten, aber der andere Teil genügte, ihn ständig in Vergnügen zu halten.

Der Holzkapitän wies ihn zurecht. »Ich entsinne mich, dass du vor ein paar Tagen noch anders geredet hast.«

»Was soll ich denn gesagt haben?« fragte Boom Garde unmutig.

»Er trüge statt Zähne spitze Worte im Maul, hast du gesagt«, antwortete Ohlik.

»Mich haben sie nicht gebissen«, sagte Boom Garde. »Auch ist es mir nicht bewusst. Ich habe seine Wesensart sogleich erkannt.«

Mit fliegenden Fahnen war er zu Stiwenhack übergegangen. Brüderschaft hatten sie getrunken und Stiwenhack hatte geschworen, Boom Garde aus der Hölle zurückzuholen, wenn der Alte auf seinem Holzbein einmal dorthin reiten müsste.

»Er ist eine gute Seele«, sagte Boom Garde.

Der Leuchtturmwächter brachte es nicht fertig, dem zuzustimmen. Nein, er machte kein Hehl daraus, dass der Maler ihm zuwider wäre.

»Ich erinnere mich an einen ähnlichen Menschen«, sagte er. »Das war damals in dem Haus auf den Holmen. Ich sass in meinem Kontor und da kam er herein. ›Mein Name ist Brint‹, sagte er. ›Ich handele mit Stabhölzern‹. Er hatte auch diese Art, sich mit jedem populär zu machen. Er verkehrte später viel in unserem Hause. Wir waren in Geschäftsverbindung getreten. Ja, er kam recht oft zu uns. Ich musste gleich an ihn denken, als ich diesen Stiwenhack sah. Es gibt Menschen, die nicht erst eine Glocke sich um den Hals zu hängen brauchen. Nein, ich hielt nicht viel von diesem Brint. Aber die Frauen hörten ihn gern schwatzen.«

Ja, diese klingelnden Worte. Alle Dinge tragen ein Schellengeläut. Die ganze Welt ist in eine Fuhre Worte gepackt. Aufgetürmt kommt sie angefahren, eine bunte verwunschene Ernte, und inmitten dieses prunkenden prahlenden Nichts sass Stiwenhack und tat, als brauchte er nur seinen Zaubermantel zu öffnen, um alles zu einer sinnbetörenden Wirklichkeit werden zu lassen.

War das noch die kahle Veranda eines nüchternen Logierhauses, in der man noch gestern fröstelnd neben dem brodelnden Ofen gesessen? War dieser unendliche Perlmutterglanz vor dem Fenster noch die graue Fläche der See, von der man oft vermeint hatte, dass sie im grollenden Aufstieg einem das bange Herz fortreissen wollte?

»Blaues wundervolles Meer«, sagte der Maler. »Oh, wie oft habe ich an einem blauen wundervollen Meer gesessen. Das war im Süden und Pinien wölbten sich über weisse Terrassen. Wenn ich Ihnen doch meine Gemälde zeigen könnte. Aber sie sind dahin. Verbrannt sind sie, diese herrlichen Bilder. Ein Feuerregen hat sie vernichtet. Ja, nur der Vesuv konnte meine Bilder verbrennen!«

Stundenlang wollte Melitta ihm zuhören.

Was bedeuteten ihr jetzt die Gespräche mit dem jungen Lehrer von damals. Wie hiess er doch eigentlich? Herr Mathiessen war doch wohl sein Name? Richtig, Herr Mathiessen.

Wenn die prächtigen Schilderungen des Malers über Melitta hinstürzten, war der Name des jungen Lehrers zuweilen der Kahn, an den Melitta sich klammerte, um nicht von dieser mächtigen Flut fortgespült zu werden.

Sie wollte auch etwas in die Waagschale werfen. Nein, sie wollte nicht so ärmlich dabeistehen. Sie sagte:

»Ein Freund von uns, ein Herr Mathiessen, ist auch viel gereist. Oh, er ist weit herumgekommen. Er kennt auch das Land in den Bergen. Meine Mutter wohnt dort, in Juliusbad wohnt sie. Sie ist Künstlerin. Sie hat in den grossen Theatern getanzt.«

Stiwenhack geriet ausser sich vor Bewunderung.

»Eine gottbegnadete Tänzerin!« rief er.

Er küsste Melittas Hand. Er rief:

»Schöne Tochter einer begnadeten Mutter!«

Ja, und das Land in den Bergen. Ein reiches üppiges. Land. Nein, da gäbe es keine Armut. Oh, er hätte einmal in einer Höhle gestanden. Seine Augen wären geblendet gewesen von dem Silber der Wände.

Nein, der Maler Stiwenhack wusste nichts von dem armen Mann, der vor Hunderten von Jahren dort die Fahne mit dem Regenbogen entrollt hatte, um seinen leidenden Brüdern das Glück zu bringen.

Von dem armen törichten Manne wusste er nichts, aber in einem der Berge, da schliefe ein verzauberter Kaiser.

»Ich habe selbst einmal an einem verhexten Ort gestanden. Ehemals erhob sich dort ein herrliches Schloss. Aber seine Bewohner waren böse, raubten und plünderten. Da sandte der Himmel sein Strafgericht. Unter Krachen und Blitzen barst der Berg und das Schloss und seine Bewohner versanken. Von einem riesigen schwarzen Hund mit feurigem Rachen werden nun die ungeheuren Schätze bewacht, die dort in der Erde liegen. Aber alle hundert Jahre einmal verlässt der schwarze Hund den Schatz. Dann kann jeder soviel an Gold und Edelstein raffen, als er zu tragen vermag. Ich habe deutlich den Hund heulen hören. Ich war zur falschen Stunde gekommen, Gott sei's geklagt. Die hundert Jahre waren noch nicht um«, erzählte Stiwenhack.

Ja, wirklich, er war zur falschen Stunde gekommen. Mit Lebensgütern war er nicht gesegnet.

Nach acht Tagen wollte der Wirt ihn im Gasthof nicht mehr haben. Er hätte ihn glatt vor die Türe gesetzt, wenn Frau Wanda nicht ein gutes Wort eingelegt hätte.

»Er ist ein Zechpreller«, zankte der Wirt. »Man müsste den Landjäger holen.«

Es hatte sich herausgestellt, dass Stiwenhack keinen Pfennig Geld besass.

»Nach seinem Auftreten musste man annehmen, das Geld würde ihm auf einer Karre nachgefahren«, sagte der Wirt zu Ohlik.

»Ich hab's gleich gewusst«, erwiderte der Holzkapitän. »Ich kenne diese Sorte Menschen.«

Boom Garde war kleinlaut. Es schien, dass er seinen Freund Stiwenhack verlieren sollte.

Sie waren den Abend zusammen. Nicht in der lauten Gaststube, wo die Burschen lärmend ihren Platz behaupten, nicht in Pagels stiller Veranda, in der kleinen Stube bei Boom Garde sassen sie.

»Was soll ich dir nun anbieten?« sagte der Alte zu Stiwenhack.

Er suchte in dem Kistenschrank und fand noch einen Rest in der Flasche.

Der Maler sah jämmerlich aus. Er blickte drein wie der Bär, den man beim Honigraub ertappt und verprügelt hatte. Noch kurz zuvor hatte er grosse Worte vor Melitta geredet.

»Was soll man mit den Menschen machen«, hatte er gesagt. »Steckt man sie in die Tasche, gucken sie raus und wollen Zucker.«

Dabei hatte er getan, als hätte er beide Hände voll Süssigkeiten.

Nun sass er wohl selber in der Tasche.

Der Wirt war ihn wegen der Schuld angegangen. Schliesslich konnte man es ihm nicht verdenken, zumal der Maler gesagt hatte: »ich zahle prompt bei Wochenschluss.«

Stiwenhack hatte das Geld bestimmt zu morgen versprochen. Es wäre schon unterwegs. Nichts weiter, als dass die Post wieder einmal steckengeblieben sei, wie man so sagt.

Jetzt sass er bei Boom Garde und wartete wohl darauf, dass das Strohdach goldene Ähren trüge.

Er sagte:

»Wir werden Abschied nehmen müssen, alter Freund. Ach, wie wechselvoll ist das Leben.«

Er wusste, dass der Mensch rascher als irdisches Zeitmass vom Himmel in die Hölle stürzen kann.

Hätte er dem Alten nicht so viel funkelnde Körner in die Augen gestreut, dann würde er jetzt ohne Umschweife gesagt haben:

»Ich brauche ein paar Taler. Welcher Mensch in Thorde könnte mir unter die Arme greifen?«

Nun aber wollte er den goldenen Stuhl, auf den er sich erhöht hatte, nicht zum Wanken bringen. Nein, er sagte nicht, dass sein Beutel leer war, lieber spielte er den schwermütigen König, den mitten in aller Lust die Verzweiflung überfiel.

»Was ist der Mensch? Ein Lüftchen! Püh und weg«, sagte Stiwenhack.

Boom Garde konnte sich der Wehmut dieser Stunde nicht erwehren. Er fing an, Stiwenhack von der Witwe Sabine Gloddes zu erzählen.

»Ich habe eine Lebensgeschichte«, sagte er.

»Hast du auch Tabak?« fragte Stiwenhack, »wenn Männer in Trübsinn verfallen, sollen sie rauchen, damit sie sagen können, die Tränen kämen vom Qualm.«

Ja, Boom Garde besass noch Zigarren. Sie stammten noch aus den guten Wochen, die »Sabine« hiessen. Aber er hatte sie dem Leuchtturmwächter in Verwahrung gegeben.

»Heb sie mir auf«, hatte er zu Ohlik gesagt, »sie rauchen sich sonst weg wie Stroh.«

»Ich will sie holen«, entschloss sich Boom Garde.

Stiwenhack hatte sich auf das Bett gelegt.

»Ich werde hier warten«, sagte er.

Nun war Boom Garde zu Ohlik gekommen und verlangte die Zigarren. Es waren noch gut zehn Stück, die in der Kiste lagen. Ab und zu hatte er mit Ohlik eine geraucht.

Diese vortrefflichen Zigarren der Sabine Gloddes erinnerten den Holzkapitän an die wohlhabenden Tage in dem Haus auf den Holmen. Es waren schöne dunkle Zigarren mit einer Binde, auf der ein Wappen war und eine Krone.

Jetzt sollte Ohlik diese Zigarren herausgeben für Stiwenhack, den Maler.

»Es ist dein Eigentum«, sagte er zu Boom Garde. »Nun verstehe ich auch, dass du es zu nichts gebracht hast, denn du verbringst dein Hab und Gut mit jedem Landstreicher.«

Boom Garde verstand nicht, warum Ohlik gleich so scharfe Worte gebrauchte. Konnte er sich etwa beklagen? Er hatte auch seinen Teil abbekommen. Ja, wenn man nachrechnen würde, dann könnte man gleich feststellen, wer von ihnen die meisten Zigarren geraucht hatte.

»Früher konnte ich mir jeden Tag meine zehn Zigarren leisten«, pflegte Ohlik zu sagen, wenn er die zweite Zigarre genommen hatte, während Boom Garde noch an der ersten herumstocherte. Er hatte oft einen Verweis vom Holzkapitän einzustecken gehabt, weil er es nicht verstand, eine Zigarre richtig anzuzünden.

»Ich versteh mich bloss auf die Pfeife«, hatte Boom Garde dann entschuldigend geantwortet.

Jawohl, für seine Gutmütigkeit hatte er manchen Ärger gehabt. Nun kam Ohlik ganz und gar und sagte, er verkehre mit einem Landstreicher.

»Er ist ein Maler«, trumpfte Boom Garde auf, nahm die Zigarren und warf die Tür.

»Er wird dich auch noch anstreichen«, lachte Ohlik eigensinnig hinter ihm her.

Als Boom Garde nach Hause kam, hatte sich Stiwenhacks Gesicht schon aufgehellt. Er hatte die Flasche inzwischen allein geleert, lag noch immer auf dem Bett und rief vergnügt:

»Ein gutes Herz und heile Stiefelsohlen!«

Jetzt sprang er auf, riss die Zigarren an sich und sagte:

»Bis morgen, alter Freund! Ich habe eine Idee, eine gute Idee, die will durchdacht sein. Deine Zigarren sollen mir dabei helfen.«

Damit war er auch schon draussen.

Boom Garde sass noch lange wach.

Wenn man mit dem Ungewöhnlichen befreundet ist, muss man es sich was kosten lassen.

Tatsächlich, Stiwenhack hatte eine gute Idee gehabt. Er ging am nächsten Morgen zu Pagel und machte ihm einen Vorschlag.

Er sprach nicht mit grossem Trara. Klar und deutlich trug er sein Anliegen vor. Gegen Kost und Logis wollte er die Veranda und die anderen Räume des Logierhauses ausmalen.

Die Wände waren einfarbig überstrichen und trugen als einzige Verzierung eine gelbe oder rote Kante. So hatte es Pagel gewünscht, denn er war von dem alten Hause her an diese Einfarbigkeit gewöhnt. Damals allerdings war er auf Daudats Widerspruch gestossen. Auch Daudat war schon für eine freundlichere Ausmalung der Zimmer gewesen. Er hatte schliesslich nur nachgegeben, weil man gegen Ende des Baues mit den Geldausgaben sich einschränken musste.

Auch von den Gästen hatte Pagel oft hören müssen, dass die Wände allzu karg aussähen und dass man hier und da eine fröhlichere Farbe angenehmer für das Gemüt empfinden würde.

Nun kam Stiwenhack mit einem annehmbaren Vorschlag.

»Haben Sie mit meiner Frau schon darüber gesprochen?« fragte Pagel.

Nein, das hatte Stiwenhack nicht.

»Ich komme direkt zu Ihnen«, sagte Stiwenhack. »Gut und endlich haben Sie ja darüber zu entscheiden. Ich will Sie nicht beschwatzen.«

»Nein, das will ich wirklich nicht«, sagte Stiwenhack. »Sehen Sie, Herr Pagel, ich bin ein Künstler, der gewöhnt ist, seinen festen Preis zu haben. Aber wie das so ist: ich sitze vorübergehend in einer Klemme. Ich will nicht hingehen und Schulden machen. Nein, ich will arbeiten. Ich bin zu Fuss die Küste entlang gewandert und nach Thorde gekommen. Ich muss sagen, es gefällt mir in Thorde. Ich glaube, dass ich hier manche vorteilhafte Anregung für mein Schaffen finden werde. Aber wie gesagt, die vorübergehende Klemme. Es ist ein Ausnahmeangebot, das ich Ihnen unterbreite. Greifen Sie zu, Herr Pagel!«

Pagel rief Melitta herein. Er erzählte ihr, was der Maler im Sinne hätte. Er beobachtete Melitta. Vielleicht glaubte er doch, dass der Vorschlag vorher von ihnen durchgesprochen war.

Aber Melittas freudige Zustimmung war so unverhohlen, dass Pagel jedes Misstrauen schwand. Er gab seine Einwilligung. Stiwenhack drückte ihm die Hand.

»Sie werden zufrieden sein«, rief er erleichtert. »Vor Jahren habe ich ein Schloss ausgemalt. Es sind riesige Wandgemälde geworden! Ich habe die Geschichte der gräflichen Familie dargestellt. Von den Kreuzzügen bis zur Errichtung der grossen Weinbrennerei. Diese Gemälde riefen die grösste Bewunderung hervor. Der Schlossherr überreichte mir als Dank beim Abschied eine goldene Uhr.«

Seine Stimme strahlte.

»Dieses Andenken ist mir auf meiner letzten Spanienreise gestohlen worden«, setzte er leiser hinzu.

Dabei ging er schon von Wand zu Wand, zeichnete in die Luft und bestimmte:

»Hier kommen Fische her! Viele Fische! Ein ganzes Bataillon! – Hier Schiffe, Segler und Dampfer. Ja, ich werde Ihnen hier die Korvette des Admirals Tegetthoff hinmalen. – Und hier Palmen, Südseepalmen! Hier Möwen! Möwen im Sturm. Prachtvoll, sturmgepeitschte Möwen.«

Er war ausser sich geraten. Er stürmte davon. Er rief:

»Ich hole nur noch meine Sachen!«

Ein halbes Stündchen darauf zog Stiwenhack in das Logierhaus.

Ja, da kam er, der Zauberer, der grosse Künstler, dieser König ohne Land.

Er kam mit einem alten Pappkarton, der von vielfach geknoteten Bindfäden zusammengehalten wurde. Er trug einen zerschlissenen Mantel über dem Arm. Er hatte sich ein Holzgestell auf den Rücken gehängt.

Da kam er an mit seinem Krautkopf von Gesicht unter dem fleckigen Hut.

Er warf die Türe auf.

»Da bin ich!« rief er.

Zu dem Wirte hatte er bei seiner Ankunft noch gesagt: »Meine Koffer kommen mit der Bahn.«

Davon sagte er bei Pagel nichts.

»Ich werde gleich mein Zimmer aussuchen«, lachte er.

Er hatte ja ein ganzes Haus zur Verfügung. Er wartete nicht ab, welche Stube man ihm zuweisen würde.

Am nächsten Tage liess er sich Geld von Pagel geben, um Farben zu kaufen. Er fuhr frühmorgens schon in die Stadt. Pagel war gespannt, ob Stiwenhack Wort halten würde. »Ich bin zu Mittag zurück«, hatte der Maler versprochen.

Richtig, er stellte sich zum Essen wieder ein. Er kam mit Tüten und Beuteln, aus denen es wie farbiges Mehl hervorquoll. Am frühen Nachmittag schon begann er die Farben zu mischen. Er hatte sich von Melitta eine Schürze geborgt, um seinen Anzug nicht zu beflecken.

»Meinen Malerkittel habe ich einem armen Kollegen geschenkt«, behauptete er. »Er hatte nichts anzuziehen. Dabei hauste er hoch oben in einem alten Atelier, wo alle Fenster zerbrochen waren.«

Es liess sich überhaupt nicht feststellen, was Stiwenhack in seinem Pappkarton eigentlich mit sich führte. Vielleicht befanden sich nur eine Anzahl Krawatten darin, denn er tauchte alle paar Tage auf mit einem neuen verwunderlichen Knoten über dem alten Hemd.

Der Wirt fühlte sich veranlasst, Pagel vor dem Maler zu warnen. Er begann auf der Strasse, als sie sich zufällig trafen, ein Gespräch.

»Er ist ohne Bezahlung ausgerückt«, beklagte sich der Wirt. »Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich ihn nicht so leichten Kaufs davon gelassen. Ich werde wohl doch noch den Landjäger holen müssen. Halte die Augen auf, Pagel. Er wird dich schön prellen.«

Pagel erwiderte, dass der Maler kein Hehl aus seiner peinlichen Lage gemacht hätte.

»Und dann hast du ihn aufgenommen?« höhnte der Wirt. »Nun ja, du kannst es dir leisten, dir solch einen Schmarotzer auf den Hals zu laden. Ihr steckt in Geld!«

So schlimm wäre es nicht, widersprach Pagel.

»Nun, Melitta hat ja ihre reiche Mutter in den Bergen«, sagte der Wirt. »Ich wollte, Wanda hätte auch solche Quelle. Mit einem tüchtigen Gaul kommt man auch nicht weit, wenn das Heu knapp ist.«

»Was schwatzt du da?« antwortete Pagel. »Das muss endlich einmal richtiggestellt werden. Ich sage dir, dass Melittas Mutter uns noch keinen Pfennig geschenkt hat. Ich will auch kein Geld von ihr haben.«

Seine Stimme war laut vor Erregung. Dann setzte er beruhigter hinzu:

»Ich will nichts gegen Melittas Mutter sagen. Sie ist eine gute Frau. Sie hat sich zeitlebens in ihrem Beruf quälen müssen. Wenn sie jetzt im Alter satte Tage hat, solls mir recht sein. Ich will nichts gegen sie sagen. Aber ich will auch nicht, dass es von mir heisst, ich hole Milch von fremdem Vieh.«

»Ja ja, der Millionär da in Juliusbad«, erwiderte der Wirt aufgeregt. »Melitta hat es ja selbst erzählt. Sie haben Millionen, hat sie gesagt.«

»Ich mag solchen Unsinn nicht hören«, rief Pagel. »Was kommst du mit solchem Geschwätz überhaupt zu mir?«

Der Wirt sah sich um. Sie standen mitten auf der Strasse. Ein Stück hin sassen die dicken Frauen vor den Türen. Sie konnten nicht verstehen, was die beiden miteinander hatten. Aber sie fühlten den Zusammenprall. Sie nickten dem Wirt aufmunternd zu. Schön so, gib es diesen Leuten tüchtig. Melitta weiss schon nicht mehr, wie sie den Hals tragen soll. Der Wirt nickte zurück: Jawohl, ich will ihm die Meinung sagen.

Er ereiferte sich immer mehr. Die Frauen stiessen sich an und lachten: So ist's recht!

Nein, die Leute von Thorde hatten nicht viel im Sinn mit dem Logierhaus. Das war das Haus für die feinen Gäste aus der Stadt. Wenn sie selber es betraten, war es höchstens, um die Teller abzuwaschen.

Aber der Wirt stand zu ihnen. Im Gasthaus spielten ihre Männer Karten, tranken die Söhne ihr Glas Bier und tanzten sonnabends ihre Töchter.

Ja, der Wirt ereiferte sich immer mehr.

»Was streitest du das ab? Ich habe mit eigenen Augen den Geldschein gesehen. Melitta hatte ihn auf den Tisch geworfen. Ich habe auf eurem Geldschein geblasen«, schrie er.

»Du bist ein jämmerlicher Mensch«, sagte Pagel. Er hatte seinen Zorn gehabt über den Wirt. Er hatte geschrien wie er. Jetzt fing er den Blick auf, den der Wirt den Frauen zuwarf, die vor den Türen sassen.

»Du bist ein jämmerlicher Mensch«, sagte er.

Seine Stimme hatte wieder den ruhigen Klang. Er sagte es nicht anders, als stellte er fest, wie der Seegang wäre oder das Wetter.

Er liess den Wirt stehen. Er gab ihm kein Wort mehr.

Aber der Wirt lief neben ihm her. Kurzatmig war er und beleibt und die Aufregung hatte ihm den Atem noch mehr beschnitten. Er presste jedes Wort nur noch mühsam hervor. Kleinlaut war er, ja, er lief wie ein geschlagener Hund neben Pagel her. Das Wort hatte ihn zutiefst getroffen.

»Du kennst mich, Pagel«, keuchte er. »Wir haben manches Glas zusammen getrunken. Warum bist du mein Feind? Wanda sagt oft, warum besucht uns Pagel nicht mehr? Früher kam er doch manches Mal. Wir sind dir nicht gram wegen deines Logierhauses. Glaub das nicht. Du hast mir selbst schon mal einen Gast gebracht. Wir haben alle Platz in der Welt.«

Er ergriff Pagels Arm.

»Lauf nicht so«, bat er. »Ich habs mit dem Asthma. Ich bin krank. Ich müsste zum Arzt gehen. Lauf nicht so, hörst du? Ja, ich müsste zum Arzt gehen. Ich war in Thorde. Ich habe mit der Brauerei gesprochen. Sie haben den Pachtzins erhöht. Sie sagen, Thorde wäre nun ein Seebad. Sie haben mir vorgerechnet, wieviel Fremde diesen Sommer schon gekommen wären. Im ersten Sommer schon! Warum denn dein Logierhaus so besucht gewesen wäre? Ich verstünde mich nicht darauf, hat der Direktor gesagt. Ja, das hat er gesagt. Ich verstünde mich nicht darauf. – Nein, ich bin dir nicht gram, Pagel. Sonst würde ich dir das nicht erzählen. Ich bin krank, verstehst du?«

Pagel hatte seine Schritte verlangsamt. Der Wirt hatte sich an seinen Arm gehängt. Die Frauen sahen ihnen nach. Sie schüttelten die Köpfe. Sie wurden nicht klug daraus.

»Wenn ich mehr Bewegungsfreiheit hätte«, klagte der Wirt, »aber ich kann nichts anschaffen. Es ist manche Reparatur notwendig. Ich weiss nicht einmal, wo ich die Pacht hernehmen soll. Du bist lange nicht bei uns gewesen. Komm doch einmal zu uns. Warum kommt Pagel nicht mehr? hat Wanda schon gesagt. Aber du steckst in Geld. Da hat man seine Ohren wo anders.«

Er hatte Pagel losgelassen. Nun ging er allein seines Weges. Er ging ohne Gruss. Sein Atem war hörbar.

Pagel kam nachdenklich nach Hause.

Als er mit Melitta allein sass, erzählte er, was der Wirt ihm über seine Notlage gesagt hatte.

»Wenn ich bares Geld übrig hätte, würde ich es ihm borgen«, sagte Pagel. »Aber was ich habe, ist für uns unentbehrlich. Wir müssen selber sehen, wie wir über den Winter kommen.«

Vielleicht hoffte er, dass Melitta jetzt von dem Geldschein sprechen würde, den sie noch im Kasten hatte. Doch auch jetzt sagte Melitta nichts davon.

Pagel wollte sie zum Sprechen überreden. Er schilderte ihr die Not des Wirtes. Er sagte:

»Er ist krank. Er müsste zum Arzt gehen. Er hat einen bösen Atem. Ja, ich würde ihm das Geld gerne geben. Man hat ihm den Pachtzins erhöht. Das ist durch unser Logierhaus gekommen. Nun ja, Thorde fängt an, ein Seebad zu werden. Nun muss er darunter leiden.«

Pagel wünschte sehnlich, dass Melitta aufstehen und das Geld aus dem Versteck holen möchte. Aber sie blieb sitzen und sagte nur: »Der arme Mensch.«

In ihrer Stimme war Mitgefühl. Pagel wollte schon sagen: »Hast du nicht noch etwas Geld im Kasten?« Aber er bezwang sich. Es fiel ihm wohl ein, dass bei dem Umzuge mancherlei neu angeschafft wurde. Melitta war verschiedene Male mit Paketen aus der Stadt gekommen. Es waren auch geblümte Gardinen angesteckt worden. Vielleicht war das alles teurer, als Melitta eingestanden hatte. So mochte es sein, dass sie von dem Geld dazu nahm. Sie wollte es hübsch haben in ihrem neuen Hause. Ja, es konnte schon sein, dass das Geld nun davon war.

Nein, Melitta sagte nichts von dem Geldschein. Der arme Mensch, sagte sie nur.

»Es tut mir auch um Wanda leid«, antwortete Pagel. »Sie ist eine fleissige und vernünftige Frau. Ich könnte auch nicht sagen, dass er ein schlechter Wirt wäre. Er scheint auch ein einsichtsvoller Mensch zu sein, sonst hätte er wohl Stiwenhack noch den Landjäger nachgeschickt.«

Nun erfuhr Melitta, dass der Maler im Gasthofe mit der Zeche durchgegangen war. Sie erschrak. Was wäre geschehen, wenn der Wirt den Landjäger gerufen hätte? Wahrscheinlich hätte man den Maler eingesperrt oder mit Schimpf und Schande aus Thorde fortgejagt. Dann stünde er jetzt nicht draussen singend auf der Leiter und malte blaue und rote Fische mit goldenen Mäulern an die Wände. Dann würde er nicht, wenn er den Pinsel beiseitegelegt hatte, ihr von den südlichen Flüssen erzählen, in denen diese fremden Fische hausten. Er würde auch nicht mit ihr von dem sprechen, was sie zuinnerst bewegte, von jenem Lande in den Bergen, das aus seiner Fülle einige Gaben bis zu Melitta gesandt hatte, die braunen, samtharten Katzenaugen und die nackte reitende Frau.

Melitta ging hinaus. Sie war in Gedanken. Es schien, als ob sie zu einem Entschluss kommen wollte.

Der aber, von dem sie gesprochen hatten, sang laut durch das Haus und malte seine fischförmigen Tiere.

Pagel hatte den Maler oft mit Neugier betrachtet. Er versuchte, hinter diesen eigenwilligen Kauz zu kommen. Er beschäftigte sich mit ihm, wie man über eine Maschine nachdenkt, deren Räderwerk man nicht versteht.

In dieser ersten Zeit schloss sich der Maler ihm oft an. Abends, wenn Pagel seine gewohnten Schritte ging, am Leuchtturm vorbei zur Anlegestelle des Dampfers und noch ein Stück den Fluss hin und dann zurück, war Stiwenhack oft unvermutet an seiner Seite. Er hatte das Bestreben, sich mit Pagel gutzustellen und legte Wert darauf, dass der Seefahrer die Fische anerkannte, denen er mit leuchtenden Farben zum Dasein verhalf.

Pagel konnte sich mit diesen fremdgeformten Gebilden nicht anfreunden. Aber er hörte willig zu, wenn der Maler seine schwungvollen Belehrungen anbrachte.

An diesem Tage nun, an dem er mit Melitta über Stiwenhack gesprochen hatte, gesellte sich der Maler abends auf seinem Wege zu ihm.

Eigentlich wollte Pagel ihn wegen der Zechprellerei zur Rede stellen.

Aber da geht nun ein Mensch neben ihm in einem geflickten Mantel, einer von denen, die wohl immer eine List ersinnen müssen, um das Leben zu betrügen, damit sie einen bescheidenen Platz an dem gedeckten Tisch ergattern.

Dieser Mensch ist mit zuversichtlichem Gruss herangekommen. Er hat seine Arbeit beendet, denn er will sich das Brot, das er isst, nicht mehr schenken lassen. Er würde, wenn er jetzt ein Geldstück auf der Strasse fände, ohne zu säumen zu dem Wirte gehen und es ihm hintragen. Zwar würde er nicht mit demütiger Miene dastehen, sondern grosssprecherisch das Geld auf den Tisch werfen: »Die Post ist da. Was sagen Sie nun?«

Man könnte annehmen, dass er am nächsten Tage, wenn solche Herrlichkeit vergangen wäre, dem Wirte von neuem mit der Zeche durchginge. »Das Geld ist wieder einmal eingeschneit. Was soll man tun?«

Pagel bekam es nicht fertig, ihm Vorhaltungen zu machen. Auch hätte ihm Stiwenhack gar keine Zeit dazu gelassen. Er begann sofort, darauf loszureden.

Ja, er hätte heute tüchtig geschafft. Auf der Wand in der Ofenecke des Speiseraumes wäre nun ein Fischerboot zu sehen. Ein echtes Thorder Fischerboot, schwarz, mit braunem Segel.

»Es ist eine schummrige Ecke«, lachte Stiwenhack.

»Darum habe ich den Mond dazu gemalt. Einen braven zunehmenden Mond, dessen Licht sich vor dem Boote spiegelt. Zuerst waren noch Sterne dabei. Der grosse Wagen war deutlich zu erkennen. Aber das habe ich wieder überstrichen. Wissen Sie, man kann Sterne nicht malen. Auf so einer Wand sehen sie aus wie gelbe Glühwürmchen. Darum habe ich lieber Wolken genommen. Keine finsteren natürlich, sondern leichte Abendwolken.«

Nein, Sterne kann man nicht malen.

»Stellen Sie sich ein Bild vor mit Sternennacht. Glühlämpchen sag ich, aber kein Stern.«

Ach ja, zu gross, zu allgewaltig sind die himmlischen Sternbilder. Wie könnte man sich unterfangen, diese heiligen Feuerströme mit irdischen Farben nachbilden zu wollen.

»Früher habe ich es immer in Gelb versucht«, sagte Stiwenhack. »Dieses Mal habe ich Ocker mit Deckweiss genommen, aber es befriedigte mich nicht.«

Nein, mit den Sternen konnte Stiwenhack nicht viel anfangen.

»Wenn ich die Sterne sehe«, antwortete Pagel, »was ist das für ein Wunder. Ich habe mir schon viel darüber den Kopf zerbrochen. Oft, als ich noch zur See fuhr. Es gibt wohl nichts Grösseres als solch einen Sternenhimmel.«

Er war stehengeblieben und hob den Blick.

Unzählige Sterne flammten über ihm. Er war überwältigt. Er sagte:

»Das alles will nun der Mensch mit seinen Massen messen. Er will die Sterne bei Namen rufen. Wagen nennt er sie und Gluckhenne. Ja ja, er biegt sich alles zurecht, der Mensch.«

Stiwenhack war einen Augenblick fassungslos. Er hatte solche Gedanken nicht in Pagel vermutet.

»Wir Seefahrer sind oft mit den Sternen allein«, sagte Pagel.

Stiwenhack hatte sich gefasst. Er rief:

»Sie sind ein Philosoph, Herr Pagel! Wahrhaftig ein Philosoph!«

Er war gerührt über diese Feststellung.

»Ich werde Sterne malen«, versprach er. »Ihnen zuliebe, Herr Pagel, werde ich es noch einmal versuchen. Sie lieben Sterne! Sie sollen Sterne an der Wand haben. Ich begreife es vollkommen, Seefahrer und Sterne! Ja, ich werde ein einsames Schiff unter einem grossen Sternenhimmel malen. Ein stilles, sprühendes Feuerwerk soll es sein. Ich will mein Bestes versuchen! Glauben Sie es mir, Herr Pagel. Ich werde Ihnen die Sterne malen.«

Er war beschämt, dass er sie nicht heute schon zustande gebracht hatte. Aber morgen wird die Wand voller Sterne sein.

Er hatte den Hut vom Kopf gerissen. Er ging davon mit geöffnetem Mantel. Barhäuptig lief er die Strasse entlang, um etwas von dem Sternenglanz zu erhaschen.

Pagel wollte sich noch um Ohlik kümmern. Der Leuchtturmwächter war krank. Nicht so krank, dass er seinen Dienst nicht hätte versehen können, aber er fühlte sich schlapp und litt an Beklemmungen.

»Im Winter kommen die Krankheiten«, sagte er.

Nun wollte Pagel noch nach ihm sehen. Er wusste, dass Boom Garde seit Tagen den Holzkapitän mied. Überhaupt war Boom Garde unzufrieden. Auch mit Stiwenhack hatte er nicht mehr viel im Sinn. Sein einziger Trost war Dole.

Pagel sass bei Ohlik am Tisch.

So kam Stiwenhack allein in das Logierhaus zurück. Melitta erwartete ihn. Sie war hastig bei der Begrüssung. Sie vergewisserte sich, dass Stiwenhack alleine kam.

»Das Geld ist da«, sagte sie erregt.

Stiwenhack verstand nicht.

»Ihr Geld«, sagte Melitta. »Sie erwarten doch Geld. Nehmen Sie es doch.«

Sie schob ihm einen Geldschein hin.

Der Maler sah das Geld an und schüttelte den Kopf.

»Was für ein Glanz«, rief er, »aber nicht für mich Erdenwurm!«

Er war unter Sternen gegangen. Er war kleinmütig geworden vor dieser Vielfalt. Ja, er war noch verzagt. Er hatte keine Sterne malen können.

Nun stand er noch immer bedrückt vor Melitta. Er hielt viel Geld in der Hand, aber für ihn konnte diese Fülle nicht sein.

»Es ist ein Irrtum«, stammelte er, »leider, es ist ein Irrtum.«

Melitta war ungeduldig.

»Nehmen Sie das Geld«, drängte sie. »So nehmen Sie es doch! Es ist Ihr Geld!«

Sollte Stiwenhack jetzt die Wahrheit sagen? Sollte er eingestehen, dass nicht ein einziger Kupferpfennig ihm nachrollen könnte? Dass es mehr als ein Wunder wäre, wenn ein Bote jetzt einträte und sagte: »Hier ist Ihr Taler, Herr Stiwenhack, den Sie vor Jahren verloren haben.«

Nein, das bekam er nicht fertig. Er wollte sich vor diesem Reichtum nicht erbärmlich hinstellen. Er sagte:

»Allerdings habe ich Geld zu erwarten, aber ich habe meine Adresse noch nicht mitgeteilt. Nein, das kann nicht mein Geld sein.«

Er seufzte und legte den Geldschein zögernd auf den Tisch.

Melitta wurde zornig.

»Hantieren Sie sich nicht so. Der Wirt will Sie anzeigen. Er war hier. Er wollte den Landjäger rufen«, übertrieb sie. »Man wird Sie einsperren. Sie müssen gleich gehen und alles bezahlen.«

Sie machte ihm keine Vorwürfe. Sie schien nur Angst zu haben, ihn zu verlieren.

Stiwenhack sah bestürzt aus. Er wusste gar nicht, in welcher Gefahr er schwebte.

Was musste er hören? Der Landjäger wäre hinter ihm her.

Stiwenhack dachte an die Sterne. Er sagte bekümmert:

»Eine süsse Sache, das Leben. Der Himmel gibt uns Zucker und wir haben keine Zähne, ihn zu kauen.«

Er griff nach dem Geldschein.

»Wie soll ich Ihnen danken?« sagte er.

Er betrachtete den Geldschein, er hielt ihn gegen das Licht. Er strich zärtlich darüber.

»Ich werde Sie malen«, sagte er dankbar zu Melitta.

»Ja«, rief er, »ich werde Sie malen. Es soll ein Meisterwerk werden.«

»Erlaubt«, sagte er.

Er legte seine Hand an ihr Kinn und wandte ihren Kopf nach rechts und nach links.

Hilflos liess es Melitta sich gefallen.

»Gehen Sie doch«, bat sie. »Wer weiss, ob der Wirt – –«

Stiwenhack ordnete ihr Haar.

»Sie sind schön«, sagte er. »Ja, Sie sind schön!«

Er hatte ihr Haar nun so, wie er wollte. Eine helle Krone über dem zarten Gesicht.

»Königin von Thorde!« rief er. »Ja, so will ich Sie malen, Melitta. Welches Vorbild. Sie machen mich glücklich.«

Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er noch immer den Geldschein.

»Erlaubt«, rief er und bog Melittas Kopf. Er streichelte ihr Haar. Er küsste seine Hand, die auf ihrem Haar lag. Er küsste ihr Haar.

Er zog sie an sich und küsste sie.

Er küsste sie auf den Mund. Er berührte kaum ihre Lippen. Galant küsste er sie.

»Königin von Thorde.«

Er hielt das Geld noch immer in der Hand.

Der Reichtum war zu ihm gekommen. Aus Zaubernebel herausgetreten wärmte ihn eine unvermutete Sonne.

Melitta hielt still. Sie zitterte.

Heftiger küsste er sie, herrisch.

Sie zitterte, sie hielt still.

Ein fremdes Tor hatte sich geöffnet.

»Gehen Sie«, bat sie.

Stiwenhack gab sie frei. Er trat ein paar Schritte zurück. Es schien, als ob er ins Knie sinken wollte.

Hingerissen ist er, in der grössten Verzückung.

Ja, er will vor Melitta niederfallen, er beugt schon das Knie. Huldigen will er ihr.

Aber der Schreck zerreisst seinen Überschwang.

Auf der Strasse, noch fern, klingelt ein Radfahrer. Ja, Stiwenhack ist erschrocken. Jedes Wort ist ihm plötzlich zerstört.

Der Landjäger, denkt er.

Wie lächerlich meldet sich oft das Schicksal. Sprachlos steht er da, das Ohr lauschend zum Fenster. Wenn man ihn jetzt wegrisse von seinem Thron! Wenn man ihm in diesen Augenblicken des Aufschwungs vor Melitta klarmachen würde, dass er nichts anderes wäre als ein Vagabund.

Das Klingelzeichen ist gegeben. Stiwenhack stürzt davon.

Melitta steht betroffen.

Eine grosse Stimme war eben noch da, nun ist es stumm. Eine grosse Fülle war eben noch da, nun ist es leer. Es ist nichts da als eine tiefe Verwunderung.

Sie hört das Zuschlagen der Haustüre. Dieses Geräusch ordnet ihre Gedanken.

Er ist fort. Er stürmte davon. Vielleicht läuft er einfach in die Welt.

Melitta nimmt hastig den Mantel.

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