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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 32
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
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*

Während all der Zeit wusste man nicht, wo der Nachbar war.

Der kleine Kantor war von dem Ausflug nach der Hasenmühle in grösster Aufregung heimgekommen. Es bestand für ihn kein Zweifel, dass die Frau, die er dort getroffen hatte, keine andere als jene sein könnte, von welcher der Nachbar ihm vor Jahren erzählt hatte.

Voll Eifer glaubte er daran gehen zu müssen, die Fäden, die vom Schicksal hier mitleidlos durcheinander gewirrt waren, mit sanfter Hand zu glätten.

Aber wie das so ist: der Eifer erlahmt; man weiss nicht, was man heraufbeschwören wird. Man beginnt gefasster mit sich zu Rate zu gehen.

Je prüfender der Kantor den Vorfall überdachte, um so mehr Zweifel stiegen in ihm auf.

Er glaubte, dass solche Zufälligkeit sich wohl in einem Buche ereignen könnte, dass das Leben aber nüchterner verführe. Er hatte zu viele Bücher gelesen und kannte das Leben zu wenig, um zu wissen, dass es das seltsamste aller Bücher ist.

Endlich beschloss er, den nächsten Tag daran zu wenden, um mit Meister Freilich, dem ältesten Freunde des Nachbarn, zu Rate zu gehen.

Dieser Entschluss beruhigte ihn einigermassen, und in dem Verlangen, seinen Gleichmut vollends wieder zurückzugewinnen, griff er nach der geliebten Flöte.

Es ist ein heller Sommerabend geworden.

Der kleine Kantor stand am Fenster und musizierte.

Ein leises Menuett tanzte dahin. Aus dem runden Flötenlauf hervorgezaubert, belebte es die dämmrige Stube.

Solche Töne schenkten dem Kantor sonst eine selige Versunkenheit, aber heute vermochten sie seine Gedanken nur um ein weniges in ihr träumerisches Reich zu locken.

Immer wieder rief die verworrene Frauengestalt mit schattenhaften Gebärden sie in die Unruhe zurück.

Über den unsichtbaren Tanz der schwingenden Töne starrte der kleine Kantor auf die Strasse, als müsste ein Unvorhergesehenes jeden Augenblick schreckhaft um die Ecke biegen.

Aber die Strasse blieb um diese Stunde still, nur der Töpfer Potinecke ging, geschäftig, wie es seine Art war, vorüber, schritt über den Marktplatz und verschwand in der »Krone«.

Die Kirchuhren begannen zu schlagen.

Der letzte Ton verfloss im zittrigen Nachhall in die weiche Verschwiegenheit dieser Abendstunde.

Da lag nun die liebe kleine rote Dächerstadt.

Plötzlich brach der Kantor sein Spiel ab, er strich die weisse Gardine zurück, er beugte sein Gesicht dicht an das Fenster.

In der Gasse am Glockentor erschien ein Reiter.

Langsam, Schritt für Schritt, trabte er heran. Nun hörte man schon den Hufschlag.

Auf einem derben weissen Pferd ritt er daher, den Kopf wie zum Stoss vorgereckt, breit und stämmig, der Brandmajor.

Den Rucksack hatte er wie einen Schnappbeutel dem Pferd übergeworfen, statt der Peitsche hielt er den Stock in der Hand.

Den Blick nicht rechts und nicht links, stiernackig ritt er vorbei.

Der Hufschlag hatte den neugierigen Pikkolo aus der »Krone« herausgerufen. Er stand verdattert auf der obersten Stufe, sprang zurück und schrie in das Haus hinein.

Da kamen sie eilig heraus, der Töpfer Potinecke, der Kaufmann Medefindt. Da stand der Kronenwirt und der Kanzlist mit dem Gehrock. Der Pikkolo vorweg, der Hausdiener im Torweg. Da standen sie und glotzten dem Brandmajor nach.

Wie Bildsäulen standen sie da. Sprachlos waren sie, verdonnert.

Der Pikkolo kam zuerst in Bewegung. Er machte einen tiefen Bückling, die Hacken zusammen, die Hände gespreizt, wie er es von seinem Vorgänger gelernt hatte.

Da fingen die Männer an zu lachen. Sie lachten und lachten, verprusteten sich und begannen von neuem. Es war ein dröhnendes Gelächter über den Markt hin.

Der Apotheker öffnete verwundert die Türe, sah die lachende Gruppe und lachte mit.

Der Friseur kam herausgeschwänzelt und lachte.

Die Bäckersfrau lachte, der Schuster lachte.

Alle waren auf einmal auf der Strasse. Die Fenster wurden geöffnet. Überall waren Köpfe, grinsende, feixende, lachende Köpfe.

Der Brandmajor ritt unbeirrt seines Wegs, den Blick nicht rechts und nicht links.

Er war in die Eselsgasse eingebogen. Der Schlachter Demuth kam ihm entgegen. Er wollte zu seinem abendlichen Kartenspiel.

Nun sah er den Brandmajor, stutzte und stand wie ein Ölgötze da.

Der Brandmajor winkte ihn heran. Neben dem Pferde ging der Schlachter nun her. Vor Demuths Haus stieg der Brandmajor ab. Der Schlachter war ihm behilflich, denn der Reiter war nicht mehr der Jüngste.

Frau Demuth schlug die Hände zusammen, als der Brandmajor eintrat.

Aline war bei ihr zu Besuch, wie immer an den Abenden, wenn die Männer ihr Spiel hatten. Sie flatterte wie ein aufgeregtes Huhn um den Brandmajor.

Er verlangte ein Nachtquartier. Die Stube, die früher der Nachbar immer gehabt hatte, war für ihn bereit.

Um den vielen Fragen zu entgehen, wollte der Brandmajor sich zurückziehen, aber in der Türe traf er auf den kleinen Kantor, der ihm nachgeeilt war.

Sie schüttelten sich lange die Hände.

Der Kantor war über das Wiedersehen ganz gerührt.

»Ich habe dich schon in der Hasenmühle gesucht«, sagte er.

»Die Hasenmühle? Passe!« antwortete der Brandmajor.

»Passe?« wiederholte der Kantor erstaunt.

»Passe!« bestätigte der Brandmajor. »Ich bleibe in Erwinsrode.«

»Bravo«, nickte der kleine Kantor.

Schlächter Demuth machte sich mit dieser Nachricht schleunigst auf den Weg zur »Krone«. Es war höchste Zeit, dass er zu seinem Spiel kam.

Die Frauen hatten allerhand Fragen, aber der Kantor zog den Brandmajor in die Gaststube.

»Ich muss mit dir reden«, sagte er. »Es ist gut, dass du da bist. Was weisst du über die Frau in der Hasenmühle?«

»Welche Frau?« fragte der Brandmajor. Das alles lag schon weit hinter ihm.

Der Kantor beschrieb die Frau näher. Er sagte ungeduldig:

»Du musst doch das wissen!«

»Ja, die«, antwortete der Brandmajor. »Sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Sie wird Augen machen, dass ich fort bin. Ja, du wunderst dich auch. Aber was soll ich in der Hasenmühle. Ich hab mir ein Pferd gekauft, einen Schimmel. Hast du ihn gesehn? Ein Fuhrherr in Juliusbad liess ihn mir ab.«

»Was du von der Frau weisst – – «, unterbrach ihn der Kantor.

Der Brandmajor wurde unwirsch.

»Ich sagte dir schon, sie ist eine Siebensinnige. Was hat sie mir nicht alles vorgeschwatzt. Lauter Märchen.

Sie wird sich nun ein anderes Publikum suchen müssen. Ich bleibe in Erwinsrode. Denk dir, Kantor, das Hirschhaus ist zu verkaufen. Ich habs in Juliusbad gehört.«

Der Brandmajor setzte sich breit zurück.

»Ich werde es kaufen«, rief er.

»Du?« fragte der Kantor erschrocken.

Er sah den Brandmajor ängstlich an. Nein, da sass keiner vor ihm, der Frieden machen wollte, keiner, der seine alten Tage in beschaulicher Ruhe in seiner Heimatstadt zu verbringen wünschte, keiner, der einen Schlussstrich unter die Rechnung gesetzt hatte.

Da sass der Brandmajor, der trotzig auf seinem Schimmel eingeritten war, der Brandmajor, der sich dem Grafen auf die Nase setzen wollte, der Brandmajor, der das Hirschhaus kauft, das seine Fenster Auge in Auge mit dem Schloss hat, dessen Mauer seine Mauer berührt, dessen aufsteigende Strasse auch seine Strasse ist.

»Er wird seine Augen aufreissen, der Graf«, lachte dröhnend der Brandmajor. »Nun kann er mir jeden Tag seine Pfote hinstrecken. Aber ich werde sie nicht sehen!«

Der kleine Kantor war auf seinem Sitz zusammengesunken.

»Muss denn das sein?« fragte er versöhnlich.

Der Brandmajor erhob sich. Die Hände auf dem Rücken schritt er durch die Stube, wie es seine Art war.

»Er hat mir den Handschuh hingeworfen. Er hielt mir die Hand hin. Es war bloss eine Sekunde. Er hatte mich überrumpelt. ›Lassen Sie es sich gut gehn!‹ Jawohl, ich wills mir gutgehn lassen, Herr Graf. Jeden Morgen will ich mir seinen Ärger auf den Teller legen.«

Er erzählte dem Kantor, wie er mit dem Grafen in der Hasenmühle zusammengetroffen wäre.

»Er wusste, dass ich da war. Er wollte mich demütigen«, sagte er zornig.

Der kleine Kantor schüttelte freundlich den Kopf.

»Er hat es gut gemeint«, sagte er.

Der Brandmajor starrte ihn an.

»Dann erst recht!« brüllte er und schlug auf den Tisch, dass der altmodische Zigarrenabschneider an die Erde polterte, und er schrie das eine Wort, das einstmals die Scharen jenes törichten Mannes, der sein Heil in die Regenbogenfahne setzte, in den Stunden der Not hinausgeschrien hatten:

»Dran!« schrie er und schlug auf den Tisch.

Die beiden Frauen in der Küche entsetzten sich.

Frau Demuth legte das Strickzeug beiseite.

Aline war schon aufgesprungen und in die Gaststube gelaufen.

Sie stand in der Türe.

Der Brandmajor winkte ab.

»Keine Aufregung«, sagte er und setzte sich wieder.

Aline wollte gar zu gerne fragen, was es gegeben hätte, aber der Brandmajor liess sie nicht zu Worte kommen.

Er legte dem zerknirschten Kantor die Hand auf die Schulter.

»Kantorchen«, lachte er, »wollen uns einen zu Gemüt führen, einen echten rechten Feuerstein. Aline! Einschenken! Und wenn du schon hier bist, giess dir auch einen ein!«

Der kleine Kantor sass noch immer wie vor den Kopf geschlagen da. Er tat nur zerstreut Bescheid. Er rührte das Glas nicht an.

Der Brandmajor wollte ihn auf andere Gedanken bringen. Vielleicht wünschte er auch nicht, dass die neugierige Aline über das Vorgefallene etwas erführe. Er kam wieder auf die Frau zu sprechen. Er sagte:

»Lauter Märchen. Wie ich schon sagte, sie hat es im Kopf. Was hat sie nicht alles vorgebracht. Da erzählte sie mir von einer Harfe, auf der sollten die Toten sprechen können.«

»Was?« unterbrach ihn Aline bestürzt.

»Ja, ja, die Toten«, bestätigte er. »Von einem Millionär schwatzte sie auch.«

»Welche Frau?« fragte Aline hastig.

Der kleine Kantor war inzwischen zu sich gekommen. Er begann, dem Gespräch wieder zu folgen. Er sagte:

»Die Frau in der Hasenmühle.«

Aline wurde daraus nicht klug. Der Kantor musste ihr das näher auseinandersetzen.

Aline stellte noch mehr Fragen, aber der Kantor wusste keine Antwort darauf.

»Das alles hätte ich gern vom Brandmajor gewusst«, sagte er. »Doch scheint er auch nichts weiter zu wissen.«

»Was solls noch sein«, erwiderte der Angeredete barsch. »Sie kam eines Abends an. Mit einem Koffer. Aus Juliusbad kam sie.«

»Aus Juliusbad«, rief Aline dazwischen.

»Ja doch!« fuhr der Brandmajor fort. »Sie sah ganz abgerissen aus. Sie wurde ohnmächtig. Sie war den ganzen Tag gelaufen. Zuerst dachte ich, sie hat etwas auf dem Kerbholz. Aber das war es nicht.«

»Hat sie dir von einem Kapitän erzählt?« fragte der Kantor zögernd.

»Von einem Kapitän. Natürlich.« Der Brandmajor lachte auf. »Die ganze Zeit musste ich es mit anhören. Sie beklagte sich auch über eine Frau. Das musste wohl ihre Tochter sein oder ihre Mutter. ›Nun wäre sie tot‹, sagte sie.«

Aline blickte den Kantor an.

»Sie ist es«, flüsterte sie.

»Wer«, fragte der Kantor leise.

»Ihre Mutter.«

Der Kantor blickte Aline flehentlich an:

»Du weisst etwas. Sprich doch. Du darfst es nicht bei dir behalten. Wir müssen sehen, was zu tun ist.«

Aline begann zu weinen.

»Es liegt mir schon lange auf dem Herzen«, seufzte sie.

»Flennerei«, rief der Brandmajor. »Da gibts, weiss Gott, anderes als solchen Unsinn.«

Er verliess die Stube. Seine Schritte marschierten hart durch den Flur. Sie vernahmen noch einmal seine Stimme. In der Wölbung des Ganges verhallte sie hohl, schon fern, schon fort. Er rief: »Dran!«

»Nun kannst du getrost reden«, bat der Kantor. »Erleichtere dein Herz, liebe Aline.«

»Du hast bei mir das Alphabet gelernt«, versuchte er zu scherzen.

Es dauerte ein Weilchen, bis Aline ihre Tränen einigermassen überwunden hatte.

»Die arme Dorothee«, klagte sie. »Nun breche ich mein Wort.«

»Dorothee?« stotterte er.

Aline nickte:

»Es ist ihre Mutter.«

»Du brauchst mir nichts mehr zu erzählen,« sagte der Kantor leise.

Aline begann wieder zu weinen.

Der kleine Kantor hielt den Kopf gesenkt.

Er sah den Nachbar, wie er früher mit seinem Planwagen durch das Land fuhr. Er dachte an jenen Tag, als der Nachbar ihm von seinem Weib und von Thorde erzählt hatte. Aber von der Tochter hatte er nicht gesprochen.

Nun war sie Wilhelms Weib in Sorgenstein geworden.

Eines Tages, als der kleine Kantor dorthin gekommen war, hatte er sie im Hause gefunden.

Nun erst schien es ihm Bedeutung zu haben, dass der Nachbar sie auf seinem Planwagen in Meister Freilichs Haus gebracht hatte.

Der Nachbar selber aber war seit jener Zeit verschwunden.

Daran dachte jetzt der kleine Kantor und er dachte an die verwirrte Frau in der Hasenmühle, und wie sie ihm von dem Kapitän erzählt hatte, der nach Juliusbad gefahren war, um die Millionen zu holen und nun irgendwo in der Welt wäre, und wie sie nun selber Stiwenhacks Gold suchen müsste, um einmal nicht mit leeren Händen vor ihm zu stehn.

Und der kleine Kantor fühlte all solche Gedanken durcheinander taumeln, denn wie sollte er sie in seine Schulmeisterwelt einordnen, und das Übermass solchen Schicksals überstürzte ihn, und erschüttert zog er sich in sich zusammen, sass klein und einfältig da und wusste nicht, wie alles zu einem leidlichen Ende zu bringen sein könnte. Und er stand verlegen auf und sagte: Gute Nacht!

Denn eine gute Nacht ist der beste Trost.

Schon am nächsten Tage wanderte der kleine Kantor nach Sorgenstein und suchte Meister Freilich auf.

Er war an dem Gasthof zwischen den Chausseen vorübergekommen.

Ja, hier war der Nachbar früher oft eingekehrt. Der Kantor entsann sich ihres letzten Gesprächs.

Ich bin einmal davongelaufen, hatte der Nachbar gesagt. Du hast recht, Kantor. Wir können es nicht, und wir sollen es auch nicht, und so bin ich dabei, zurückzukehren.

Das hatte der Nachbar gesagt.

Er hatte ihm auch alles erzählt, von der Frau und von Thorde und von dem Maler Stiwenhack.

Nun war Stiwenhack tot, die Frau ging mit verwirrten Sinnen umher, und der Nachbar war verschwunden.

Daran musste der Kantor nun denken, und es wurde ihm leid um das Leben, und er war froh, als Frau Hosang ihm einen Gruss zurief.

Der Gasthof gehörte ihr noch immer. Sie war munter und wohlauf.

Auch Riekchen liess sich sehen, rundlicher noch als früher, aber auch wunderlicher.

Sie lief ein Stück neben dem Kantor her und erzählte ihm von Amerika, wo Jakob der Trompeter nun seine Kunst zum besten gäbe.

»Bei den Schwarzen«, sagte sie, »da bläst er die Posaune.«

Ja, der Trompeter Rauchmaul hatte nicht der ärmliche Kirmesbläser bleiben wollen. Er war über das grosse Wasser gezogen in jenes Land, wo eine ewige goldene Kirmes währen soll.

»Der bringts noch zum Millionär«, sagte Riekchen, »pass auf, Kantor, der kommt in einer goldenen Kutsche wieder.«

So ging sie neben dem Kantor her und schwätzte und schwatzte.

Er war froh, als er sie wieder los war.

Kurz vor Sorgenstein aber bekam er Herzklopfen. Es war ihm noch gar nicht recht klar, wie er sich Dorothee gegenüber verhalten sollte. Nun er um ihr Geheimnis zu wissen glaubte, machte jede Frage, die er in Gedanken sich schon zurechtgelegt hatte, ihn von neuem gefangen.

Zaudernd öffnete er die Tür zu Freilichs Haus. Er trat mit grosser Verlegenheit in die Stube.

Aber es traf sich gut, Dorothee war in die Stadt gefahren. Meister Freilich und Wilhelm waren allein.

»Der Kantor lässt sich einmal wieder sehen«, sagte Wilhelm erfreut. »Da wollen wir heute ein Stündchen länger vespern. Es ist sowieso saure Gurkenzeit.«

Die Ehe mit Dorothee schien ihm gut zu bekommen. Er war munterer geworden und kargte nicht mehr mit jedem Wort.

Während der Kaffeezeit sass der kleine Kantor wie auf Kohlen.

Er hätte gerne Meister Freilich so schnell wie möglich unter vier Augen gesprochen, aber Wilhelm erzählte, und Meister Freilich erzählte, und der Kantor musste hundert Fragen beantworten. Er hatte sich lange nicht in der Schmiede sehen lassen.

Ja, an der Flöte hätte er noch immer seine Freude. Mit dem Gehör hätte es sich auch nicht weiter verschlechtert, Gott sei Dank. Zum Grafen in das Archiv ginge er auch noch jeden Tag. Das wäre ja ausser der Musik seine einzige Freude seit Emmas Tod. Über die Schule könnte er auch nicht klagen. Der neue Jahrgang wäre artiger als der alte. Aber, ja, da werdet ihr nun staunen, zum Herbst gehts in den Ruhestand. Man hat genug Jahre auf dem Buckel. Die paar, die einem noch bestimmt sind, will man in Ruhe verbringen.

»Gestern habe ich meinen letzten Schulausflug gemacht, nach der Hasenmühle«, berichtet er und erschrickt etwas, als er dieses Wort ausspricht.

»Da soll ja nun auch der Brandmajor wohnen«, sagt Wilhelm.

Der kleine Kantor seufzt und schüttet sein Herz aus über des Brandmajors neuesten Entschluss.

»Es wird nichts als Skandal geben«, sagt er schmerzlich.

»Freilich«, antwortet der alte Meister, »er wird sich zum Gespött machen. Die Leute hängen dem Grafen am Schoss. Da müsste er ihm schon den Rock ausziehen, um sie von ihm loszukriegen. Aber wer jagt den Grafen aus seinem Habit? Das ist so eine fixe Idee.«

So sprachen sie eine Weile über den Brandmajor.

Dem kleinen Kantor dauerte es zu lange, denn er wusste nicht, wann Dorothee zurückkommen würde. Er wandte sich an Meister Freilich und sagte, dass er ihn in einer dringlichen Angelegenheit gerne gesprochen hätte.

»Da kommt der Kantor mit einem Sack voll Geheimnissen«, lachte Wilhelm, »nun, ich will sie ihm nicht ausschütten.«

Er stand auf, drückte ihm herzhaft die Hand und ging in die Schmiede.

Der Kantor brauchte längere Zeit, ehe er alles beieinander hatte, was er dem alten Meister vortragen wollte.

»Ja, ich war gestern in der Hasenmühle«, begann er stockend, dann aber, von Minute zu Minute beredter, erzählte er alles, was er über die Frau wusste, die er dort getroffen hatte.

Als er mit seinem Bericht zu Ende war, fragte er den alten Meister flehentlich:

»Was soll nun werden?«

Meister Freilich schwieg lange. Dann sagte er, und in seiner Stimme war nichts von Erregung:

»Nun wird es Zeit, dass ich den Nachbar suche.«

Tags darauf machte er sich zu einer langen Wanderung zurecht.

»Ich muss in die Berge«, sagte er zu Wilhelm, und für Dorothee, der er liebevoll über das Haar strich, fügte er tröstend hinzu, dass er bald und mit guter Abwicklung seines Vorhabens heimzukehren hoffe.

Der Weg führte ihn zuerst nach der Hasenmühle.

Er erfuhr von dem Wirt, dass die Frau seit zwei Tagen verschwunden wäre.

Der Wirt war unmutig über diese dumme Geschichte, wie er es nannte.

»Ich setze mein bares Geld dabei zu«, sagte er ärgerlich.

»Habt ihr sie nicht gesucht?« fragte Meister Freilich. Seine Stimme klang vorwurfsvoll.

»Das Mädchen war hinter ihr her, aber sie hat sie nicht mehr gefunden. Ich kann mich hier nicht wegrühren! Soll ich die Wirtschaft etwa alleine lassen um solche Verrückte? Das kann mir kein Mensch zumuten. Übrigens war Anton auch nach ihr unterwegs. Der hat sie ja fortlaufen sehen. Musst ihn fragen, wenn du mehr wissen willst.«

Der Wirt war es überdrüssig, noch weitere Fragen zu beantworten.

»Schlimm genug, dass sie mich um mein Geld geprellt hat. Einen falschen Geldschein wollte sie mir andrehen. Einsperren und den Landjäger rufen, so müsste man mit dem Gesindel verfahren.«

Er klapperte laut mit Gläsern und Flaschen, zum Zeichen, dass er nichts mehr davon hören wollte.

Meister Freilich wartete geduldig auf den alten Bergmann.

Anton stellte sich erst spät in der Hasenmühle ein.

Der freigebige Brandmajor war nicht mehr da. Weshalb sollte er sich also beeilen? Er bekam ja voraussichtlich doch nichts anderes zu hören als die Bremmelei des Wirtes, die er nicht einmal mehr mit einem Schnaps hinunterspülen konnte.

»Meister Freilich!« rief Anton erstaunt und erfreut.

Er hatte sich nicht verrechnet. Der Wirt füllte schon die Gläser.

Der Meister stellte seine Fragen.

»Ja, die Frau«, sagte Anton. »Da draussen standen wir; da kommt der Graf. Sprech ich. Richtig, die Kutsche kommt an. Was hat er auf dem Schoss? frag ich. Den goldenen Topf! Nun, da fährt er also hin, der Graf mit dem Goldtopf. Das Fräulein war auch dabei.«

Anton blinzelte in das leere Glas. Meister Freilich gab dem Wirt einen Wink.

»Zur Genesung«, sagte Anton und schmatzte jeden Schluck nachschmeckend hinunter.

»Zur Genesung! Also, der Graf! Da hat er seinen Goldtopf, sprech ich zu der Frau. Ich hab mir, weiss Gott, nichts darunter gedacht. Da schreit sie auf. Stiwenhacks Gold, schreit sie, und läuft hinter dem Kutschwagen her.«

»Stiwenhack?« fragt Meister Freilich.

»Ja oder so. Der Name war mir nicht geläufig. Er soll ein Malprofessor gewesen sein. Ich habe ihn nie in Person gesehn. Schikane hat ihn gekannt. Sie hat es überhaupt aufgebracht, das mit dem Gold. Da lief sie also weg, die Frau. Mir hatte es den Atem verschlagen. Ich stand wie genagelt.«

Anton wandte sich zu dem Wirt.

»Dann bist du doch gekommen, Mühlenwirt, mit ihrem Koffer. Haha, da hat sie dich schön ausgeschmiert!«

Anton kicherte schadenfroh.

»Sie soll mir noch einmal vor Gesicht kommen«, rief der Wirt.

»Die ist heidi perdü und weg«, schmunzelte Anton.

»Man muss sie suchen«, sagte Meister Freilich.

»Suchen? Haben wir sie nicht gesucht?« beteuerte Anton. »Ich war hinter ihr her. Ich denke, so weit kann sie noch gar nicht sein. Aber Mahlzeit, wie weggepustet.«

Meister Freilich liess sich alles erzählen, was Anton über die Frau wusste. Der Wirt war schon misstrauisch geworden.

»Was ist denn mit ihr los?« forschte er. »Du hängst ja voll Fragen wie die Kammer voll Speck. Was gibts denn mit ihr?«

Meister Freilich sagte ablenkend:

»Da ist eine Frau verschwunden, eine Nachbarin. Vielleicht kannst du dich nach ihr erkundigen, sagten die Leute zu mir, als ich fortging. Sie hatten gehört, dass ich in den Bergen zu tun habe. Nun hat mir der Kantor von der Frau hier erzählt. Da wollte ich es nicht vorüberlassen.«

Der Wirt sah eine Möglichkeit, zu seinem Gelde zu kommen.

»Gib mir den Namen. Sie sollen mir das Logis bezahlen.«

Meister Freilich dachte nach.

»Hast recht«, sagte er. »Nach allem wird es die Nachbarin gewesen sein. Da werden die Leute nichts dagegen haben, wenn ich das Geld für sie auslege.«

Der Wirt beeilte sich, eine Summe zu nennen.

Meister Freilich zählte umständlich das Geld auf.

»Na also«, lachte der Wirt und strich es ein.

»Wenn du willst«, setzte er bereitwillig hinzu, »könnte man sie suchen lassen. Ich will es dem Revierförster sagen, wenn er mit vorspricht. Er muss morgen vorbeikommen wegen des Holzschlags ...«

»Tu das«, antwortete der Meister. »Ja, man soll sie suchen. Freilich, sind schon etliche Tage verflossen.«

Über solch Gespräch war der Köhler hinzugekommen.

Der Wirt wollte seinen Eifer dartun und fragte ihn nach der Frau. Seit er unverhofft das Geld hatte einstreichen können, setzte er alles daran, sich vor Meister Freilich ins rechte Licht zu stellen. Er spendierte sogar einen Schnaps.

Der Köhler wusste von der Frau auch nicht mehr, als man ihm in den Tagen erzählt hatte.

»Aber du könntest mir anderes sagen«, meinte der alte Freilich.

Er erkundigte sich dann, wo überall in den Wäldern noch Köhler arbeiteten, liess sich die Lage der Kohlungsplätze genau beschreiben, vor allem die Meiler, die tiefer in den Bergen hinein brannten.

Es waren noch ein gutes Dutzend Köhler an der Arbeit.

Der Wirt fragte neugierig, was der Meister von den Haileuten wolle, aber er bekam nur eine knurrige Antwort. Da liess er das Fragen.

Meister Freilich setzte am nächsten Morgen seine Wanderung fort.

Er richtete seinen Weg so ein, dass er keinen Meiler, den ihm der Köhler genannt hatte, ausliess.

Er sprach mit den Männern, sah ihnen in die russigen Gesichter, setzte sich zu ihnen, fragte und forschte.

Schliesslich sagte einer: Ja, im Obertal wäre wohl unter den Hulpen ein alter Mann. Er wüsste seinen Namen nicht. Aber nach des Meisters Beschreibung könnte es wohl der Gesuchte sein.

Da machte sich Meister Freilich nach dem Obertal auf den Weg.

Er kam noch an manchem Meiler vorbei, sass vor mancher Kote, hörte hier und hörte da das Köhlergeläut, den glockengleichen Anschlag der gut durchglühten Buchenäste, die vor der Hütte an Rosshaaren aufgehängt bei dem leisesten Berühren erklangen.

Er hörte den Ton der uralten Köhlerglocke, der Hillebille. In der Schwebe zwischen zwei Bäumen hängt dieses gut mannsspannenbreite und drei Spannen lange Ahornbrett, das mit zwei kleinen Hämmern aus Hainbuchenholz geschlagen wird.

Das ist die Signalglocke der Köhler. Sie ruft zum Essen, sie ruft zum Trinken. Sie ruft hastig und schnell, wenn der Meiler lichterloh zu brennen beginnt. Dann ruft sie um Hilfe.

Sie ruft langsam, wenn tüchtige Hände gebraucht werden, die Eisenröhren in den Meiler einführen sollen, damit der abgeführte Rauch sich in den Gefässen als Holzessig niederschlagen kann.

»Der Kaffee kocht, der Kaffee kocht«, ruft die Hillebille. Sie ruft: »Die Suppe ist gar, kommt, kommt.«

Meister Freilich hörte oft ihren Ton. Er ging dem Klange nach. Er grüsste die Männer nach ihrer Art. Er ass mit ihnen die Scheibensuppe.

Dann im Obertal glimmte der letzte Meiler.

Ein alter Mann sass als Wächter dabei. Er sass auf einem Baumstumpf, den Blick unverwandt in das Geschwele.

Meister Freilich trat zu ihm. Sie erkannten sich.

»Da habe ich dich lange gesucht«, sagte der Meister.

Der alte Köhler hatte sich aufgerichtet. Sein Gesicht war älter als seine Gestalt.

»Du hättest es mir leichter machen können«, sagte Meister Freilich. »Ich hatte von dir nichts in der Hand als den Zettel, den mir Schikane vor Jahresfrist zusteckte.«

»Ja, Schikane«, lächelte der Köhler. »Sie lässt sich zuweilen sehn. Sie treibt sich ja überall herum. So hat sie dir also den Zettel gut abgeliefert.«

Er nahm Moos und verstopfte ein Zugloch am Meiler, weil die Flamme heller emporzüngelte.

»Wie geht es Dorothee?« fragte er dann.

»Es geht gut«, antwortete der Meister. »Sie ist eine tüchtige Frau. Wilhelm hält viel auf sie. Die Kinder sind wohlauf. Du solltest sie dir einmal ansehen.«

Über das russige Gesicht ging ein Aufleuchten. Aber dann schüttelte der Köhler doch den Kopf.

»Sie hat ihr eigenes Leben«, sagte er, »sie hat es neu begonnen. Da soll das Vergangene nicht hineinklopfen.«

Er schwieg eine Weile und sagte dann:

»Es wird mir nicht leicht, aber es ist gut so.«

Meister Freilich hatte den Kopf zur Seite gewandt. Er sagte:

»Die Frau in Juliusbad ist gestorben.«

Der Köhler zuckte zusammen.

»War Dorothee bei ihr?« fragte er hastig.

»Ja, sie war bei ihr«, antwortete der Meister.

»Warum hast du sie zu ihr gelassen?« seufzte der Köhler.

»Es war ihr Wunsch. ›Ich will hinfahren‹, hatte Dorothee gesagt. Aber die Frau war schon tot, als sie kam«, sagte Freilich.

Der Köhler schwieg.

»Es sind schwere Tage für Dorothee gewesen. Sie hat uns Sorge gemacht. Sie bekam es mit den Nerven. Doch erholte sie sich bald. Sie ist ja eine gesunde kräftige Frau. Wilhelm und die Kinder, die sind ihre Welt. Das hat sie dann wohl auch wieder so schnell auf die Beine gebracht.«

»Sie war also schon tot, als Dorothee kam«, wiederholte der Köhler in Gedanken. »Da wäre sie einsam gestorben«, setzte er leise hinzu.

Nein, will Meister Freilich sagen, aber er lässt das Wort ungesprochen. Er sieht den Nachbar an. Sein Blick verrät, dass ihn vielerlei Gedanken beschäftigen.

Dorothee war damals fiebernd aus Juliusbad zurückgekommen. Sie war nahe am Zusammenbrechen gewesen. Man tat alles, sie die schweren Tage so schnell wie möglich vergessen zu lassen.

Von ihrer Mutter hatte Dorothee überhaupt nicht gesprochen.

Als Meister Freilich sie einmal vorsichtig fragen wollte, hatte sie nur eine einsilbige Antwort gehabt: Ja, ich hab sie gesehn, aber nur einen Augenblick, sie blieb nicht länger.

Mit diesem Bescheid hatte Meister Freilich sich abfinden müssen, und da er merkte, dass Dorothee solche Fragen unangenehm waren, liess er es dabei bewenden.

Jetzt aber, nun er wieder darauf zu sprechen kam, stutzte er plötzlich.

Wo war sie hergekommen, jene Frau aus der Hasenmühle, verwirrt, aufgelöst, und der Ohnmacht nahe?

Er vergegenwärtigte sich jedes Wort, das er über sie gehört hatte, vom Wirt, von Anton, vom Brandmajor und von dem Kantor.

Er quälte und mühte sich mit seinen Gedanken.

Dorothee hatte ihm nie verraten, wie sie ihre Mutter in Emitas Sterbezimmer gefunden hatte, wie die Mutter mit gierigen Händen an der Tochter vorbei ins Freie gestürzt war.

Das hatte Dorothee für sich behalten.

In diesem Augenblick ahnte Meister Freilich, was sie ihm verschwiegen hatte.

Ja, Dorothee musste mit ihrer Mutter einen Auftritt gehabt haben, aber sie wollte nicht, dass jemand davon wusste.

Meister Freilich sah den alten Köhler an. Hilflos blickte er ihm ins Gesicht.

Der Mensch ist eine schwache Kreatur. Er sollte es wohl dem Himmel überlassen, die Dinge zu ordnen.

»Der Weg hat dich angestrengt«, sagte der Köhler, »leg dich auf die Pritsche in der Hütte. Schlaf ein Weilchen, dann wollen wir weiter reden.«

Meister Freilich tat es, aber der Schlaf wollte ihm nicht kommen.

Er erhob sich bald wieder und setzte sich zu dem Köhler.

Sie sprachen von anderen Dingen.

»Ja, Nachbar«, sagte der Meister. »Du hast dich lange nicht sehen lassen. Man spricht noch oft von dir. Ich soll dir auch Grüsse ausrichten vom kleinen Kantor.«

Der Nachbar lächelte.

»Liebe Welt«, sagte er, »das ist lange her.«

Meister Freilich sass unschlüssig da.

»Was bringst du mir eigentlich?« fragte der Nachbar.

Das war die Frage, vor welcher der Meister sich schon gefürchtet hatte. Was sollte er nun sagen?

Er war wegen der Frau gekommen, die nun aus der Hasenmühle fortgelaufen war. Doch plötzlich hatte Dorothee vor seinen Gedanken gestanden.

Sie wollte nicht, dass man davon wusste.

Was auch hatte der Nachbar anfangs gesagt: Das Vergangene soll nicht hineinklopfen.

So bliebe es dem Himmel überlassen, den Dingen ihre Ordnung zu geben.

Meister Freilich besann sich.

»Ja, weshalb bin ich gekommen? Man ist alt. Die Tage sind wohl gezählt. Gehst noch einmal zu ihm, habe ich gedacht. Er wird sich freuen. Du kannst ihm ja Gutes berichten.«

»Gutes«, sagte er, der alte Meister, und seine Stimme klang bange.

»Wenn du nun noch eine Bitte annehmen würdest«, sagte er. »Der Winter ist lang. Es ist nichts mit der Köhlerei im Winter. Bald im Herbst schon, wenn die Stürme kommen, müsst ihr feiern. Wir haben einen warmen Herd in Sorgenstein. Da könntest du dich ausruhen.«

»Ich danke dir für deine Zusprache«, antwortete der Nachbar. »Ich will daran denken, aber ich mag nichts versprechen.«

»Nimm meine guten Wünsche mit«, sagte er und drückte dem Meister die Hand. »Mehr kann ich dir nicht aufladen.«

Sie gingen einige Schritte zusammen.

»Da hätten wir uns nun noch einmal gesehen«, sagte Meister Freilich.

Er wollte sich abwenden und schnell davongehen, aber eine Stimme rief sie an.

Ein Mann kam den Weg empor. Ein Waldläufer war es, der dem Förster Dienste verrichtete.

Er kam heran und sagte breit und behaglich:

»Da sollt ihr nach einer Frau Ausschau halten, Köhler. Sie ist zuletzt in der Hasenmühle gesehen worden. Der Förster hat es euch hier aufgeschrieben. Das ist ihr Signalement.«

Der Köhler breitete das Papier aus. Er studierte es langsam. Er sagte:

»Es ist gut. Ich wills den anderen sagen.«

»Ja, das Weib«, stöhnte der Waldläufer. »Sie macht uns zu schaffen. Eine Verrückte.«

Er wischte sich die Stirne, grüsste und ging davon.

Meister Freilich nahm dem Nachbar mit einer jähen Bewegung das Schriftstück aus der Hand, wollte es überfliegen, doch seine Augen liessen es nicht zu.

Die Buchstaben verschwammen vor seinen Blicken.

Er liess den Arm sinken.

»Ich will es dir vorlesen«, sagte der Nachbar. »Meine Augen sind noch gut.«

Meister Freilich wehrte ab, bewegter als es seine Art war.

»Nein«, bat er. »Es ist wohl Zeit, dass ich gehe. Leb wohl.«

Er ging davon, ohne sich umzusehen.

Er hielt den Kopf vorgebeugt, den Rücken geneigt.

Der Nachbar sah ihm nach.

Ja, der Meister war alt geworden.

Viele Vogellaute schwirrten in der Luft, sprangen empor aus den Zweigen, huschten hin über die Äste, hingen wie süsse Früchte im Baum.

Schmied –, Schmied –, sang der Gelbspötter, – aber der Meister ging davon, das Haupt zur Erde.

»Leb wohl«, rief der Nachbar, stand noch einige Herzschläge am Weg und wartete, bis der Freund in den Tannen verschwunden war.

Dann ging er zu dem Meiler zurück, umschritt ihn prüfend, liess sich kein Flämmchen entgehen, legte hier und da sorgsame Hand an.

Er hat das Schriftstück des Försters in die Tasche geschoben. Es ist ihm aus dem Sinn gekommen. Anderes nimmt leise und zärtlich von ihm Besitz.

Er denkt an Dorothee, stellt sich ihre Kinder vor, glaubt ihre plappernden Stimmen zu hören.

Er sitzt an einem warmen Herd und hat seinen Enkel auf dem Schoss.

Vielleicht zum Winter, denkt er und sitzt lange nachdenklich.

Dann kommt der Köhlerbursche, der die Nacht über am Meiler wachen soll. Sie essen zusammen, sprechen einiges, unterbrechen ihr Gespräch, um durch notwendige Handgriffe den langsamen Brand der hölzernen Kohlen zu regeln, vergessen darüber ihre Worte, sitzen schweigsam nebeneinander.

Der Nachbar erinnert sich schliesslich der Botschaft des Försters, holt das Papier aus der Tasche, der Köhlerbursche entziffert es mühsam.

Sie wechseln ein paar Worte darüber.

Der Nachbar ist in die Hütte gegangen. Eine Pritsche steht darin, ein Tisch, ein Schemel, dem Eingang gegenüber ein kleiner, eiserner Ofen, in dessen Ringe der Kessel gehängt werden kann.

Auf dem Tisch brennt eine Ölfunzel.

Der Nachbar schüttet sein Lager auf.

Der Tag geht zu Ende.

Seine Stunden steigen noch einmal in kurzem Gedenken empor, ehe sie in die Vergessenheit fallen.

Aber jede Stunde hat eine vergangenere im Gefolge.

Es ist eine Kette schattenhafter Stunden, es wird ein nebeliges Heer von Tagen.

Es sind Jahre geworden, eine blasse Vielfalt von Jahren.

Es ist schon ein Leben.

Draussen geht leise der Abendwind. Es ist ein Säuseln in den Bäumen. Es weht zaghaft herein.

Dann wird der Abend stärker.

Die Bäume rauschen.

Das ist das Land in den Bergen.

Die grauen Männlein verlassen ihre Schlupfwinkel. Der Bergmönch rüstet sich zu nächtlichem Gang. Die Wolkenfrau braut ihren Trank auf dem steilen Gipfel, von dem die Sonne herabgestürzt ist.

In Thorde stieg die Sonne aus dem Meer.

Sie überglänzte die Segel der Fischerboote.

Sie lag breit auf dem Strande.

Auf den Terrassen lag sie, wo unter bunten Schirmen fröhliche Gäste verweilen sollten.

Lachte nicht eben Stiwenhack, der geschwätzige Maler? Er war in einer Nacht davongestürmt, um die Sterne zu malen. Er hatte goldene und silberne Fische an die Wände gezaubert. War das nicht eben sein schallendes Lachen?

Nehmen Sie Platz, Herr Konsul. Ich hörte schon das Geläut Ihres Schlittens. Nehmen Sie Platz. Die Fasanen sind gar. Sie duften wundervoll. Aber zuvor ein Gläschen Wein. Ja, der Wein, er ist warm geworden. Wie könnte er kühl bleiben, wenn man in Thorde tanzt.

Du trittst hinzu, Boom Garde, du schmunzelst. Dein Holzbein hat einen besonderen Takt. Es hat den Holzkapitän aufgestört. Du willst schon gehen, Ohlik?

Ja, es ist Zeit. Ich habe ein Messer gekauft. Ich muss gehen. Aber du solltest bleiben. Du darfst sie nicht so viel alleine lassen. Sie ist nicht wie die anderen Frauen. Was hat sie für zierliche Füsse. Welchen leichten Gang. Wie Milch und Blut ist ihre Haut. Nein, du solltest sie nicht so lange allein lassen.

Du hast recht, Ohlik. Ich gehe nach Haus. Ich bin wiedergekommen. Nun will ich bleiben.

Es ist ein Rauschen in der Hütte.

Sind es die Wälder? Ist es das Meer?

Das trübe Licht des Öls flackert und schwelt.

Es verlöscht.

Der Mond wirft durch den Türspalt einen schmalen Schein.

Eine zittrige Lichtbrücke, einen engen Mondscheinweg.

An diesem Wege steht ein Haus.

Ach, es ist das alte, darinnen einst die Kindheit war.

Es ist das alte Haus in Thorde.

Der Nachbar ist heimgekommen. Er geht durch das Haus. Er sucht. Er ruft. Aber es ist niemand da. Alle Stuben sind leer. Nein, da ist niemand.

Da setzt er sich auf die Bank vor dem Hause und wartet.

Einsam wie so oft, sass er nun wieder in dieser Nacht.

Den Fluss entlang fahren Lichter.

Das sind die späten Schiffe. Sie verschwinden über dem Meer.

Der Nachbar aber sitzt und wartet.

Um die späteste Stunde kommt eine alte Frau.

Ihr Haar hängt wirr.

»Ich komme vom Strand«, sagt sie. »Ich habe über das Wasser gesehn.«

»Ich bin früher nach Haus gekommen als du«, sagt er.

Sie ist zum Umfallen müde.

Er führt sie in das Haus. Er bettet sie liebevoll.

Sie trägt: einen Geldschein in der Hand.

Sie will ihn nicht von sich lassen.

»Gib her«, sagt der Nachbar. »Das alles ist vergangen.«

Die Türe öffnet sich.

Nun ist die Hütte voll Mondschein. Ein flutendes weisses Licht, es hat das Haus in Thorde überschwemmt. Das weisse Meer ist hereingebrochen. Das Haus versank darin.

In der Hüttentüre steht der Köhlerbursche.

Er will sich Tabak holen, damit er die Nacht angenehmer verbringen kann.

»War nicht jemand hier?« fragt der Nachbar müde.

Nein, es ist niemand da gewesen. Wer sollte um diese Stunde auch noch kommen. –

Vor vielen Jahren, an einem stillen Freitag um die Abendmahlstunde hatte ein armer Bergmann sich in die Grube eingeschlichen.

Seine Frau war krank und seine Kinder hungerten. Da glaubte er wohl, dass es keine Sünde wäre, ein wenig Silber für sie auf die Seite zu schaffen.

Als er die Hand nach dem funkelnden Erz ausstrecken wollte, überfiel ihn der Schlaf. Eine bleierne Schwere senkte sich auf ihn, darum, dass er um Christi Sterbezeit in die Grube eingefahren war.

Hundert Jahre musste er so verbringen, er aber glaubte beim Erwachen, dass es wohl nur die eine Nacht gewesen sein könnte.

Er fühlte auf einmal eine Bangigkeit im Herzen, liess alles Silber liegen und eilte nach Haus.

Er gelangte an die Stelle, wo seine Hütte gestanden hatte, aber es war nichts mehr da als eine Pforte.

Er öffnete sie und trat in einen wilden Garten. Da versuchte er, sich auf seine Zeit zu besinnen, doch er kam zu keiner Erkenntnis.

Verzweifelt sank er auf einen Stein.

Es gingen Menschen vorüber. Sie beachteten ihn nicht und er wagte nicht sie anzureden.

Trostlos schlug er die Augen nieder.

Da erblickte er in dem Stein, der ihm seine Müdigkeit leichter machen wollte, eingegraben einen Namen.

Er sprach den Namen halblaut vor sich hin.

Es war ein lieber Klang in seinem Ohr.

Jammernd rief er den Namen.

Da hörte er ein frohes Lachen und ein Mädchen kam auf ihn zugelaufen. Es blieb verwundert stehen vor dem fremden Mann.

Er wollte seine Hände ausspannen, wollte es an sich ziehen, aber seine Hand sank herab. Seine Augen schlossen sich und sein Herz stand still.

Ach, von seiner Hütte war nichts geblieben als die Pforte.

Er fand nicht, die er suchte.

Er rief wohl ihren Namen.

Es kam ein anderer.

Die hundert Jahre hatten seine Welt zugeschüttet.

Er jedoch war heimgekehrt. Keinen anderen Weg hatte er gewählt als diesen einen: Nach Hause.

Oft setzte das Herz dem Nachbar zu, heimzukehren.

Er würde wohl gerne nach Thorde gegangen sein, aber seine Hände waren unsauber und rissig geworden, sein Gesicht schwarz vom Russ der Kohlen, sein Anzug verschmiert.

Ach, er ist ein armer Mensch.

Was sagte Emita einst: Ein Bettler, nichts weiter.

Da sass er vor dem Meiler und erfüllte seine Arbeit.

Sie aber würde einhergehen, noch immer leichten Ganges. Ja, sie hat von Jugend an auf sich gehalten. Sie war anders als alle Mädchen in Thorde.

Wie eine Miss, hatte er immer gesagt.

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