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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid31dba37b
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*

Am nächsten Morgen klopfte der Wirt schon zeitig an die Türe, hinter der die Frau schlief. Er war die Nacht sehr unruhig gewesen, weil er fürchtete, dass die Frau Unbesonnenes vollführen könnte.

Aber sie antwortete ihm gleich.

Nach einer Weile kam sie herunter.

Der Wirt, der an der Treppe gelauert hatte, musterte sie. Dann wünschte er ihr einen guten Morgen.

An einem Tisch vor dem Hause sass der Brandmajor. Er war beim Frühstück. Er lud die Frau ein, Platz zu nehmen.

Ein Mädchen, das die Ärmel aufgekrempelt und die Röcke hochgesteckt hatte, erschien mitten aus der Arbeit und stellte ihr den Imbiss hin. Ein paar Schritte fort blieb sie stehen und glotzte die Frau an, doch ein Wink vom Brandmajor liess sie verschwinden.

Er hatte keinen Blick von der Frau verwandt, als sie auf den Tisch zugeschritten kam. Sie sah anders aus als am Tage zuvor.

Ihr Gesicht war klar. Sie hatte die Kleider ausgebürstet. Sie hatte keinen hässlichen Gang.

Während er ihr Brot und Butter reichte, sagte er:

»Hier sitze ich nun den ganzen Tag. Ja, was soll man tun? Ich zähle die Bäume.«

Die Frau betrachtete die Umgebung.

Vor dem Hause breitete sich von Wald umgrenzt eine Wiese aus, auf der Glockenblumen und Türkenbund in Blüte standen. Über diese Wiese fort sah man in einen lichten Waldweg hinein, der in eine grüne Unendlichkeit zu führen schien.

Die Frau sass versunken da. Sie seufzte.

»Schön«, sagte sie, »wunderschön.«

Plötzlich verfärbte sich ihr Gesicht. Sie wandte sich ängstlich au den Brandmajor:

»Sie glauben doch nicht, dass sie kommt?« fragte sie scheu. »Ich möchte sie nicht wiedersehen. Sie war immer ein undankbares Kind.«

Der Brandmajor sah sie besorgt an.

»Reden Sie sich einmal alles vom Herzen herunter, liebe Frau.«

Sie schüttelte zaghaft den Kopf.

Er redete ihr gut zu.

»Sie sollen sich nicht vor mir fürchten. Das dürfen Sie nicht tun. Wenn ich Sie gestern abend erschreckt habe, war es nicht meine Absicht. Wir haben uns falsch verstanden. Sie müssen meine Aufregung entschuldigen. Ich bin ein verlassener Mensch. Ich habe viel durchgemacht. Ich bitte Sie, den Vorfall zu vergessen.«

Die Frau blickte ihn hilflos an.

»Gestern?« fragte sie.

Sie schien zu überlegen.

»Gestern«, flüsterte sie mehrmals. Dann sagte sie:

»Ja, ich bin fortgelaufen. Ich drehte mich um und sie stand auf einmal da. Warum hat sie mir nicht geschrieben? Ich wusste gar nicht, wo sie war. Denken Sie nur, sie ist eines Tages abgereist. Sie hatte gesagt, dass sie zu ihrer Grossmutter wollte. Aber dann ist sie gar nicht hingefahren. Sie schrieb nicht. Ich hatte nichts mehr von ihr gehört. Aber auf einmal stand sie da. Ich hatte sie gar nicht kommen hören. Ich wollte fort. Ich hatte meine Sachen genommen. Was sollte ich noch? Sie war doch tot. Ja, was sollte ich nun noch im Hause? Sie war wirklich tot. Ich habe sie in der Nacht noch gefragt: wo ist das Geld? Aber da hat sie schon nicht mehr geantwortet. Nein, ich hatte da nichts mehr zu suchen. Aber hören Sie – auf einmal steht sie hinter mir und schreit mich an. Da bin ich fortgelaufen. Ich hatte mich zu Tod erschrocken.«

Die Frau sprach immer leiser. Sie hatte sich dicht zu dem Brandmajor gebeugt.

»Ich hatte ihr nichts getan. Nein, ich habe nichts getan. Ich hatte bloss die Million gesucht, aber es war keine da. Ach, es war überhaupt nichts da. Sie hätten es nur sehen sollen. Es war die Armut selber. Ja, so hat sie mich belogen! Was soll ich nun dem Kapitän sagen?«

Sie jammerte leise vor sich hin.

Der Brandmajor betrachtete sie voll Mitleid. Er nickte gedankenvoll. Er rieb ihr die Hand. Er sagte:

»Sie müssen erst mal wieder zu sich selber kommen, liebe Frau. Sie haben Schweres erlebt. Sie müssen sich jetzt nicht mit Gedanken quälen. Hier in der Hasenmühle lässt die Welt Sie in Ruhe.«

Er wiederholte das Letzte ingrimmig:

»Ja, hier lässt einen die Welt in Ruhe.«

Der Wirt kam mit einer Ziege, die er auf der Wiese anpflockte.

Der Brandmajor überlegte einen Augenblick und winkte ihn dann heran.

»Der Frau gefällt es hier. Sie will noch ein paar Tage bleiben. Also einen Gast mehr. Dass du mir aber nicht am Essen knauserst. Die Frau soll sich mal tüchtig erholen.«

»Einverstanden?« fragte er und hielt der Frau die Hand hin. »Ich lade Sie ein.«

Der Wirt ging befriedigt davon.

Die Frau hatte den Brandmajor nicht sofort verstanden.

Er nahm ihre Hand und lachte barsch:

»Keine Umstände!« rief er. »Sie sind mein Gast. Wo wollten Sie denn auch hin?«

»Ja, wo wollte ich hin?« sagte die Frau verlegen.

»Sehen Sie!« antwortete er, »das muss alles erst noch beredet werden.«

Sie nickte hastig. Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie lächelte sogar.

»Nicht wahr, Sie sind der Major? – Der Herr Major«, verbesserte sie sich. »Ja, ich erkenne Sie jetzt genau. Nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich erst jetzt darauf komme. Aber gestern, ich war ganz ausser mir.«

Sie gingen dann zusammen den Waldweg entlang.

»Es ist mein täglicher Spaziergang«, sagte der Brandmajor. »Früher bin ich viel geritten. Ich habe das Pferd verkauft. Was soll ich damit? Die Welt hat mich deportiert. Was wollte ich? Gerechtigkeit! Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!«

Er ging mit grossen Schritten voraus. Als er sich umwandte, sah er, dass die Frau stehengeblieben war. Sie winkte ihn zu sich. Sie bedeutete ihn, leise zu sein.

Zwischen den Büschen zur Linken stand ein Reh.

Sie beobachteten es, bis es schliesslich davonsprang.

»Hier gibt es viel Wild«, sagte der Brandmajor. »Ich kann Ihnen auch Hirsche zeigen. Auf dem Weg an der Hasenmühle habe ich auch schon ihre Spuren gesehen. Links auswärts, rechts auswärts. Es waren Rothirsche. Ich kenne mich darin aus.«

»Ein Reh«, sagte die Frau. »Es war ein Reh. Ich hatte noch nie ein Reh gesehen. Man hat mir davon erzählt. Ja, da war ein Lehrer, wie hiess er doch gleich? Herr Mathiessen, richtig, Herr Mathiessen. Er hatte mich noch besucht. Er wollte nach den Ferien wiederkommen. Der hat mir alles erzählt. Es soll viele Rehe geben in dem Land in den Bergen, sagte er. Nun habe ich eins gesehen. Er hat recht gehabt. Er kannte auch Juliusbad. Ja, jetzt fällt es mir ein. Er war vor vielen Jahren einmal in Juliusbad.«

Der Brandmajor ging auf ihre Reden ein. Er glaubte, dass ihr solche Teilnahme guttun würde. Er fragte:

»»Wie sollte er heissen? Mathiessen, nein, ich kenne ihn nicht. Aber der kleine Kantor wird ihn vielleicht kennen. Er ist noch der einzige, von dem ich etwas halte. Er hockt zwar oft beim Grafen, aber er ist ein freisinniger Mensch. Als wir auseinander gingen, ich hatte damals das Haus verkauft, sagte er: »Wo willst du nun hin? – Ich? Ja, wohin? Weiss noch nicht. – Ich wusste es damals auch wirklich nicht, wo ich hinsollte. Es ist schlimm, liebe Frau, wenn man das nicht weiss. Da sagte er: ›Geh in die Hasenmühle. Das ist ein gesegnetes Stückchen Natur.‹ Ich hatte es längst für mich erwogen. Es ist nämlich noch etwas anderes, liebe Frau, was mich herzog. Ich muss Ihnen das später einmal erzählen. Dort drüben, der Baum. Es ist eine Eiche – –«

Er verstummte und ging nachdenklich neben der Frau her.

Sie begann wieder von Herrn Mathiessen zu sprechen.

»Ja, er wusste gut Bescheid. Er hat mir auch von den Hexen erzählt. Ach ja, die Hexen. Er sagte, man sollte sich nicht mit ihnen einlassen. Oft erkennt man sie gar nicht. Sie sind jung und hübsch. Ich hatte eine, die war aus Holz geschnitzt. Sie ritt auf einem Besen. Meine Mutter brachte sie mir einmal mit, als sie auf Besuch kam. Sie ist nun tot. Ja, ich glaube, sie ist gestorben.«

Der Brandmajor fuhr aus seinen Gedanken auf.

»Sie sollten noch leben, die Hexen«, sagte er. »Das waren kluge Weiber. Sie wussten viel. Sie konnten Salben brauen, gegen die auch die Grafen nicht gefeit waren. Das Volk war dumm, es hat seine weisen Frauen verbrannt. In der Walpurgisnacht malten die Tölpel Kreuze und Drudenfüsse an die Stalltüren. Das sollte das Vieh vor dem Spuk der Hexenweiber schützen. Auch Erlenzweige oder gar Besen hängten sie über der Krippe auf. Sie fütterten auch das Vieh mit Knoblauch und Dill, mit Honig und Mehl. Sie hatten alle Angst vor den Hexen.«

»Es war eine schöne junge Hexe, die auf einem Besen ritt«, sagte die Frau.

»Die jungen und schönen hatten den Teufel im Leib, das höllische Liebesfeuer«, antwortete der Brandmajor. »Aber die alten, die greisen, die zotteligen, die hatten den rechten Hass. Wenn sie lachten, konnten einem vor Frost die Zähne klappern. Aber wenn sie weinten, wollte sich einem das Herz vor Jammer umdrehen. Erbarmungswürdig konnten sie schreien. Ja, wie die Alraunen ächzten und klagten sie, wie die Wurzelmännchen, wenn man sie ausgräbt aus der Erde.« Er blieb stehen und sah die Frau an. »Dann schreien die Wurzeln um Hilfe. Solch Schrei kann einen auf der Stelle tot umfallen lassen. Darum bindet man die Wurzel mit einem langen Faden an den Schwanz eines schwarzen Hundes und lockt ihn mit einem Stück Brot. Er schnappt gierig nach dem Bissen und dabei reisst er die Wurzel aus dem Boden. Der Hund fällt sofort tot um.«

Er hob warnend die Hand. Dann ging er weiter.

»Die Alraune aber muss man in Milch baden und in ein weisses Hemdlein kleiden. Bei Vollmond um Mitternacht gibt sie dann Antwort auf alle Fragen«, sagte er.

Die Frau hielt sich dicht an den Brandmajor. Sie fürchtete sich wohl.

»Auch die Toten geben Antwort«, sagte sie. »Da war eine Harfe, auf der sie sprachen. Einmal hörte ich den Millionär. Ich habe ihn nicht verstanden.«

»Ich würde fragen; – oh, ich würde fragen: Wann kommt er wieder, der Mann mit dem Regenbogen?« flüsterte der Brandmajor.

»Ja, die Toten bleiben lebendig«, sprach die Frau. »Das sagte auch Ohlik immer. Es ist schon sehr lange her. Man nannte ihn den Holzkapitän. Er hat es oft gesagt. Ich habe es all die Zeit im Gedächtnis behalten. Damals war der Kapitän noch da.«

»Ja, sie bleiben alle lebendig«, erwiderte der Brandmajor. »Aber sie sind von uns fortgegangen. Sie haben andere Wege. Wann sie wieder zu uns stossen, weiss keiner. Sie sind durch eine Türe gegangen und die Türe ist zugeschlagen. Nun können sie die Pforte nicht wieder öffnen und wir vermögen es auch nicht. Es muss ein Gewaltigerer kommen. Vielleicht, wenn man den Krötenstein hätte.«

Er lachte heftig auf. Er redete für sich, als wäre die Frau nicht neben ihm.

»Es müsste eine schwarze Kröte sein. Schwarz und ohne jeden Fleck, und sie müsste in einen schneeweissen Kasten getan werden, und sie müsste in einen Ameisenhaufen vergraben sein in dem ersten Augenblicke, da der Mond sich neu bildet. Wenn das ohne Fehl getan ist, würde das Tier so gewaltig schreien, dass der Wald vor Entsetzen widerhallt. Dann dürfte man nicht zusammenbrechen, sondern müsste dabei stehen, die Fäuste geballt und die Lippen fest aufeinander, und man müsste, wenn der Schrei verklungen ist, ohne Erschütterung davongehen.« Er schüttelte den Kopf. »Das aber hat noch keiner vermocht. Darum ist die Kröte unverwandelt geblieben. Sie ist kein Stein geworden, der alle Türen öffnen und der einen Blick gewähren soll in die Unendlichkeit. Wenn man zitternd den Kasten ausgrub in der nächsten Vollmondnacht, hat man nie anderes darin gefunden als das verstorbene Tier.«

Sie gingen gesenkten Hauptes ihres Wegs. Sie sahen nicht, wie lieblich der Wald sich öffnete zu einer sanften Wiese, wie hinter diesem hellen Grün in zarter Wölbung ein Hügel anstieg, der lichte Büsche trug, sie sahen nicht, wie Rehe äsend vorüberzogen, hörten nicht den hellen Ruf des Buntspechtes und das innige Lied der Goldammer, sie schritten dahin in wirren Gedanken und schraken auf, als ein zerlumptes Weib ihren Weg kreuzte, das bettelnd die Hände hob.

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