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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 3
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
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*

Die Fischer sitzen in der Gaststube. Der dicke Wirt lacht:

»Wir sind noch jung, wir sind noch nicht auf dem Nachhauseweg.«

Einer der Burschen spendiert eine Lage. Die Jungen haben Geld in der Tasche, die Alten bloss ihren Fisch im Netz. Die Jungen arbeiten im Hafen von Thorde. Sie verdienen gutes Geld. Später lassen sie sich anheuern und fahren einige Jahre auf See. Wenn sie älter sind, werden sie nach Thorde zurückkehren. Dann nehmen sie eine Frau und werden auch an den Netzen sitzen. Jetzt aber führen sie noch das grosse Wort.

Der dicke Wirt ist vergnügt. Er hat zu tun. Er muss die Gläser füllen. Manchmal wischt er sich den Mund. Die Leute behaupten, er wäre sein bester Gast. Manchmal wischt er sich die Augen. Denn die Gaststube ist von Tabak verqualmt.

»Das ist ein Hecht«, lacht der Wirt. »So einen im Netz und zwanzig Jahre alt.«

Er pfeift durch die Zähne.

Mit der Hand schlägt er in den Qualm: »Platz für die Lunge!« Sein Gesicht ist krebsrot. Er hat den Kragen abgeknöpft und die Ärmel aufgekrempelt. »Ein anstrengender Tag heute. Schulkinder. Ja, ja, solche Schulkinder. Das will alles versorgt sein, versteht ihr? Meine Frau ist eine fixe Person. Sonst wär's gar nicht zu schaffen.«

Er blickt zu ihr hinüber. Er weiss nicht, ob sie seine anerkennenden Worte gehört hat. Nein, sie hat seine Worte wohl nicht gehört. Sie sitzt mit einer Handarbeit auf dem Sofa tief unter der Lampe. Sie ist eine schmale scheue Frau. Er hat ihr allen Platz fortgenommen in der Ehe. Als sie heirateten, war er noch Kellner in dem Hotel am Bahnhof von Thorde. Damals war er noch schlank vom vielen Laufen. Aber die Ehe hatte bei ihm gut angeschlagen, wie man sagt. Nun war er selber Wirt und von Statur.

Seine Frau hiess Wanda.

»Verdirb dir nicht die Augen, Wanda!« rief er. »Sie muss immer fleissig sein«, sagte er zu den Fischern.

Das waren seine Zärtlichkeiten.

Ab und zu hatte der Wirt in den Garten gesehen. »Man muss aufpassen, dass nichts passiert. Wenn ein Kind von der Schaukel fällt, ist der Teufel los.« Er war froh, als die Mütter ihre Kinder nahmen und nach Haus gingen. Dann juchzten ein Weilchen noch die Mädchen auf der Schaukel, und die jungen Burschen überlegten, ob sie zu ihnen hinausgehen oder beim Bier bleiben sollten. Schliesslich begnügten sie sich damit, gegen das Fenster zu klopfen und zu den Mädchen hinauszudrohen.

Nun waren auch die Mädchen gegangen.

Die Burschen liessen die Gläser vollschenken und tranken. Die Fischer standen einer nach dem anderen auf, redeten noch ein paar Worte im Stehen und gingen. Das Wetter schien sich gut anzulassen. Sie wollten um zwölf hinausfahren. Die Jungen aber liessen sich die Karten geben. Der Wirt stellte auch den Würfelbecher auf den Tisch. Er setzte sich zu ihnen, etwas abseits, schräg auf den Stuhl und sah ihnen ins Spiel.

Die Jungen spielten schweigsam und hartnäckig. Manchmal nur fiel ein polterndes Wort. Der Wirt gähnte. Er war unzufrieden mit dem Kartenspiel. Es ging ihm zu langsam.

»Das hat keinen Leib und keine Seele«, sagte er. Er schob seinen Stuhl an den Tisch heran und nahm selber die Karten.

»So«, sagte er, »nun wollen wir der Alten mal das Haar kämmen.«

Er knallte Karte für Karte auf den Tisch.

»Da geht einem der Hut hoch, was?!« schrie er.

Sie wurden jetzt hitzig beim Spiel. Sie tranken hastig hin und wieder. Sie liessen sich nicht aus den Augen.

Unter der Lampe sass die Frau und nähte.

Dann wurde die Türe aufgemacht und Melitta kam herein. Sie setzte sich zu der Frau an den Tisch. Man hatte kaum Notiz von ihr genommen. Nur der Wirt drehte sich flüchtig um und nickte. Die Frauen sprachen zusammen. Melitta betrachtete die Näherei.

»Eine hübsche Brosche«, sagte die Wirtin.

»Ja«, antwortete Melitta, »es sind Katzenaugen.«

Sie nahm die Brosche ab und zeigte sie. Wirklich, eine schöne Brosche.

»Willst du sie haben?« fragte sie plötzlich.

Die Wirtin blickte Melitta verwundert an.

»Ich?« fragte sie.

»Ja«, lachte Melitta, »ich schenk sie dir.«

Was war denn mit Melitta los? Sie verschenkt ihre Brosche? Katzenaugen sind es aus dem Land in den Bergen.

»Schön sieht sie aus auf deiner roten Bluse. Wir kennen uns gut genug. Du kannst sie ruhig annehmen.«

Die Wirtin zögert.

»Wir werden uns noch um die Brosche zanken«, lacht Melitta.

Sie hat recht. Die Brosche sieht gut aus auf der Bluse.

»Zier dich nicht«, ruft Melitta, »heut ist ein Glückstag!«

Ihre Hand huscht in die Schürzentasche. Der Geldschein ist noch da.

»Heut ist ein Glückstag«, sagt Melitta. Ihre Augen sind unruhig.

»Ich weiss wirklich nicht«, meint die Wirtin noch immer zaudernd. Aber dann bedankt sie sich. »Ich werd's schon einmal gutmachen. Ich weiss auch schon was.«

Sie denkt an eine Spitze, die sie Melitta häkeln will, einen Spitzenkragen. Über diesen Einfall ist sie froh. Sie freut sich jetzt wirklich über die Brosche. Sie steht auf und füllt zwei Likörgläser.

»Sieh einer die Frauen an«, sagt der Wirt gutgelaunt. Er hat das Spiel gewonnen und holt nun die Lage Bier, welche die anderen bezahlen müssen.

»Sieh einer an!« Er ist zu den beiden Frauen an den Tisch getreten. Er sieht sofort die Brosche.

»Was hast du denn da?«

»Das hat mir Melitta geschenkt«, sagt die Wirtin etwas ängstlich. Sie weiss nicht, wie es ihr Mann aufnehmen wird. Aber der lacht vergnügt.

Dann fällt ihm wohl ein, dass es eine wertvollere Brosche sein könnte.

»Wir werden uns revanchieren«, sagt er, »es ist eine schöne Brosche.

»Katzenaugen«, sagt jetzt die Wirtin.

»Beinahe Natur«, lobt der Wirt. »Wir werden uns revanchieren.«

Er kommt mit frischen Gläsern. Er nimmt eine Flasche vom Regal und stellt sie auf den Tisch.

»Wir trinken doch gern einen«, zwinkert er zu Melitta.

Die Wirtin gibt ihm einen Wink. Nimm doch die Flasche weg, bedeutet ihr Blick.

Aber der Wirt beachtet diesen Blick nicht. Er entkorkt die Flasche. Er reibt den Pfropfen gegen das Glas, dass es einen singenden Ton gibt. Er zieht den scharfen süsslichen Duft ein.

»Ein Mittel gegen die Zimperlichkeit«, sagt er zu seiner Frau.

Nun stossen sie an und trinken.

Melitta schiebt ihr Glas wieder hin.

Doch Frau Wanda, die Wirtin, will nicht mehr trinken. Sie hat sich mit ihrer Näharbeit in die Sofaecke zurückgezogen und arbeitet langsam im matteren Licht.

Der Wirt erzählt jetzt von den Schulkindern. Das ist das grosse Ereignis. Er spricht auch von Herrn Mathiessen, dem Lehrer.

»Ich glaube, er hat Geesche den Kopf verdreht. Sie lief puterrot weg. Ein stattlicher Mann übrigens, der Lehrer. – Wann kommt denn Pagel zurück?« fragt er zwischendurch.

»In drei Tagen frühestens«, antwortet Melitta. »Sie haben dieses Mal die Ladung nicht so schnell zusammenbekommen.«

»Da ist er ja gut seine vier Monate weg gewesen«, stellt der Wirt fest.

Melitta seufzt. Sie ist daran gewöhnt.

»Der Mensch gewöhnt sich an alles«, sagt der Wirt. »Auch an das, was nicht ist.«

Sie haben nun schon mehrere Glas getrunken. Die Wirtin möchte die Flasche gern fortnehmen, aber sie wagt es nicht.

Als sie das früher einmal versuchte, hatte sie einen Schlag auf die Hand bekommen. Das ist schon Jahre her, doch hat sie es nicht vergessen.

Damals war Pagel aufgesprungen und hatte den Wirt gepackt:

»Schämst du dich nicht?«

Darum ist der Wirt nicht so gut auf den Seefahrer Pagel zu sprechen. Er stichelt gerne, aber er versichert:

»Es bleibt alles im Scherz.«

Nun, wo das Gespräch auf Pagel gekommen ist, sagt er zu Melitta: »Prost, Frau Kapitän!«, feixt und sagt:

»Er wird's schon noch zum eigenen Schiff bringen. Gut Ding will Weile.«

Das ist das, was Melitta sich immer gewünscht hat. Ein eigenes Schiff haben und ein eigenes Haus in einer grossen Hafenstadt. Als sie vor zehn Jahren heiratete, glaubte sie, diesen Wunsch rascher erfüllt zu sehen.

»Ein Seemann verdient gutes Geld«, hatte Emita, ihre Mutter, damals gesagt. »Pagel ist ein solider Mensch, er wird bald Kapitän sein. Um solche Menschen wie Pagel reissen sich die grossen Reedereien. Ich habe auch einmal einen Kapitän gekannt. Ich weiss nicht mehr, wie er hiess. Das war zu der Zeit, als du geboren wurdest. Ich hatte damals andere Dinge im Kopf. Dein Vater war mit seiner Kapelle nach Rio gefahren. Er war ein grosser Künstler. Es war auch ein gutes Engagement. Erstklassig, sage ich dir. Er wäre berühmt geworden, dein Vater, aber er ist in Rio gestorben, der Arme. Gott habe ihn selig. Er starb am Sumpffieber, das ist eine schleichende Krankheit. Auch Robuste sterben daran. Dein Vater hatte einen empfindlichen Körper.«

Melitta hatte Pagel geheiratet, weil Emita ihr zusetzte.

»Greif zu, Kindchen«, hatte sie gesagt. »Ich bin deine Mutter. Ich würde dir nicht zureden, wenn ich nicht glaubte, dass es eine gute Partie wäre. Ihr habt euer eigenes Häuschen in Thorde. Welches Mädchen heiratet gleich ein eigenes Haus. Du weisst doch, dass ich dir nichts mitgeben kann. Was können wir Künstlerinnen schon ersparen? Ich konnte dich nicht einmal bei mir behalten. Eine Tänzerin mit einem Kind, und der Vater gestorben, das ist eine Katastrophe.«

Das hatte Emita gesagt. Ja, sie konnte auch die Hände falten und sagen:

»Ich habe immer dein Bestes gewollt. Ich wollte dich frühzeitig ausbilden lassen, aber dann bekam ich das Engagement in das Ausland. Als ich zurückkam, war es zu spät für deine Ausbildung. Fünfzehn Jahre war ich im Ausland. Nun, das hab ich dir ja schon hundertmal erzählt. Es war der grösste Schmerz meines Lebens. Aber vielleicht ist es gut so, Künstlertum ist Glanz und Flitter, weiter nichts.«

Darüber war Emita ins Weinen gekommen, damals, als sie Melitta verheiraten wollte.

Das war vor zehn Jahren gewesen, als Emita so sprach. Damals besass sie noch nicht die Villa in Juliusbad, in dem Land in den Bergen. Sie war vierzig Jahre alt und verdiente sich ihr Geld noch immer als Tänzerin in den Singspielhallen. Sie tanzte einen holländischen, einen schwedischen und einen spanischen Tanz. Später musste sie den spanischen Tanz aufgeben, weil er zu anstrengend war. Dafür tanzte sie einen langsamen Walzer.

Jetzt aber besitzt Emita das Haus gegenüber dem Schloss.

Melitta hatte Pagel geheiratet.

»Wir sind verschiedene Naturen«, sagte sie zu dem Wirt.

»Er ist ein korrekter Mensch«, warf die Wirtin dazwischen.

»Die Korrektheit in Person«, antwortete der Wirt gereizt.

»Ich nehme es auch genau«, sagte Melitta.

Der Wirt schob ihr ein volles Glas hin.

»Du hast anderes Blut«, meinte er anerkennend.

Melitta trank. Sie hielt sich die Hand wie eine Serviette vor.

»Mein Vater war Künstler«, sagte sie, »und meine Mutter –«

Die Wirtin unterbrach:

»Sie hat sich nicht viel um dich gekümmert.«

Nein, das hatte sie nicht. Aber als Dorothee geboren wurde, war sie gekommen. In einem schwarzen seidenen Kragenmantel, die Tasche gefüllt mit lauter bunten Nichtigkeiten. Auch eine bronzene Kuhglocke war darunter mit einem verwischten Bild von Juliusbad.

»Die Kühe sind alle braun bei uns und tragen Glocken«, erzählte Emita.

Sie hatte an der Wiege gestanden und zwölf funkelnde Talerstücke auf dem rosa Deckchen ausgebreitet.

»Kleine Prinzessin«, hatte sie gesagt und das bronzene Glöckchen geläutet.

Damals war ja Emita schon reich. Sie wohnte in der Villa und hatte das Tanzen aufgegeben. Der alte Herr war aufgetaucht, der Millionär. Der treueste Freund ihres Lebens, wie sie ihn nannte.

»Sie hat sich nicht viel um dich gekümmert«, sagte die Wirtin.

Melitta hatte Glas um Glas geleert. Immer schenkte der Wirt ihr wieder ein.

»Wir wollen uns nicht lumpen lassen«, sagte er. »Es ist eine schöne Brosche. Wie heisst sie doch? Katzenstein. Trink, Melitta. Heute soll mal Sonntag sein.«

Ja, Melitta hatte schon viel getrunken.

Sie beugte sich vor und streichelte der Wirtin die Hand.

»Was hätte sie wohl tun sollen?« fragte sie.

»Sie hätte dich zu sich nehmen können«, sagte die Wirtin.

Das hatte Melitta auch oft gedacht. Wie anders wäre dann das Leben geworden. Sie sass ein Weilchen still da und blickte vor sich hin. Sie hatte verschwommene Augen. Plötzlich sprang sie auf, stemmte die Hände in die Hüften, torkelte etwas und rief:

»Ich hab auf feine Wäscherei gelernt und Glanzplätten.«

Die jungen Burschen, die bis jetzt vor sich hingedöst hatten, fuhren auf und lachten.

Melitta wandte sich zu ihnen und schrie:

»Was lacht ihr? In meinen Kragen konnte man sich spiegeln!«

Die Burschen liessen nicht nach in ihrem dummen stolpernden Gelächter.

Sie trat zu ihnen an den Tisch und schrie:

»Dreckkerle!«

Die Burschen wieherten vor Vergnügen. Sie taumelte und setzte sich auf den Stuhl, auf dem vorhin der Wirt gesessen hatte.

»Dreckkerl«, sagte sie und fuhr dem einen Burschen durch das Haar. Es war volles blondes Haar.

»Gib mir was zu trinken«, sagte sie zärtlich.

Der Bursche bot ihr sein Glas an. Es war halbvoll. Sie stiess das Glas um. Das Bier floss über den Tisch. Sie war wütend. Der Wirt beeilte sich, sie zu beruhigen. Er kam mit einem Likör.

»Ich hab's ja gewusst«, seufzte die Wirtin.

Ach ja, sie kannte Melitta.

Da sass sie nun zwischen den Burschen und trank.

»Ihr könnt ihm nicht das Wasser reichen«, sagte sie. »Er kennt die Welt und was wisst ihr? Nichts wisst ihr. Ihr habt keinen Horizont.«

Manchmal liebte Melitta solche Worte.

Die Burschen versuchten, Witze zu machen. Sie liessen Melitta reden. Sie hatten ihren Spass daran und bestellten ein Bier nach dem andern. Der Wirt schmunzelte. Seit langem hatten sie nicht solche Zeche gemacht.

»Ihr könnt ihm nicht das Wasser reichen«, lallte Melitta.

Sie hatte zuviel getrunken. Sie wollte mehr trinken. Der Wirt goss ihr nichts mehr ein. Er glaubte wohl, dass die Brosche nun bezahlt wäre. Er hatte eine ganze Flasche spendiert.

»Giess ein«, forderte Melitta.

Der Wirt hielt die leere Flasche gegen das Licht.

Melitta griff plötzlich in die Schürzentasche. Der Geldschein – ja, der Geldschein war noch da. In der Tasche knüllte sie ihn zwischen den Fingern. Sie wollte ihn auf den Tisch werfen, aber sie besann sich. Sie strich über den Schein in der Tasche.

»Was hast du denn da?« fragte der Wirt neugierig.

Sie hatte die Hand fest um den Schein geschlossen. Sie fuchtelte mit der geschlossenen Hand durch die Luft. Sie barst fast vor Lachen. Ihr Körper schütterte hin und her.

Der Bursche, der neben ihr sass, wollte nach ihrer Hand greifen. Sie schlug ihm ins Gesicht. Dabei hatte sich ihre Hand geöffnet, und der Geldschein fiel auf den Tisch.

»Tausend!« schrie der Wirt.

Die Burschen starrten blöde auf den Schein. Melittas Nachbar hatte den Schlag vergessen. Er sah nur das Geld.

Melitta griff hastig zu. Sie verbarg blitzschnell den Schein. Sie blickte den Männern lauernd ins Gesicht. Sie hielt die Hand auf die Tasche gepresst.

Auf einmal ist es nicht mehr gemütlich in der Gaststube.

»Soll's noch eins sein?« fragt der Wirt beklommen, und nimmt den Burschen die leeren Gläser fort. Sie sind noch verdutzt. Sie geben keine Antwort. Der Wirt stellt ihnen die Gläser wieder hin.

Auch Melitta bekommt nun ihr Glas.

Die Wirtin hat ihre Arbeit zusammengepackt. Sie mag nicht mehr dasitzen und zusehen. Sie ahnt, dass dieser Abend nicht gut ausgehen wird.

»Hast du gesehen?« fragt der Wirt leise.

»Nein«, antwortet die Wirtin. »Ich will's auch nicht.«

Sie hatte den Vorgang deutlich beobachtet. Woher hatte Melitta wohl das viele Geld? überlegte sie.

»Wie spät ist es eigentlich?« fragt sie dann.

Vielleicht will sie Melitta daran mahnen, dass es Zeit ist, sich um das Kind zu kümmern.

Der Wirt blickt auf die Nickeluhr.

»Neun«, sagt er. »Noch früh am Tage.«

»Neun«, wiederholt Melitta. Sie starrt ihn an.

»Still«, sagt sie.

Sie sitzt einen Augenblick zurückgelehnt da, den Kopf nach der Tür. Dann wendet sie sich zu den Burschen und sagt:

»Ihr könnt ihm nicht das Wasser reichen.«

Auf einmal seufzt sie. Es sind Tränen in ihren Augen. Für eine Minute scheint sie ganz verfallen –.

Die Wirtin hat ihre Arbeit genommen und ist hinausgegangen. Melitta zittert, als sie die Tür gehen hört. Sie sieht sich um. Die Wirtin war gegangen. Nichts weiter.

»Du hast ein unruhiges Herz«, sagt der Wirt.

»Ach was«, lacht Melitta.

Viele dürre Tage hat das Jahr. Wenn die Menschen Blumen wären, würden ihrer viele vertrocknen.

»Ach was«, lacht Melitta. Sie zeigt auf eine Flasche, die der Wirt holen soll. Er macht auch keine Umstände mehr. Melitta hat ja einen Haufen Geld in der Tasche.

Die Burschen sollen mithalten.

»Du hast schönes Haar«, lobt Melitta.

Es ist der, dem sie vorhin ins Gesicht geschlagen hat. Der Bursche streicht über das Haar. Er ist eitel. Er hat eine Braut. Ein Dienstmädchen in Thorde. Sein Vater wird es nie zugeben wollen. Er hat an Antje gedacht oder an Deeke, aber das Mädchen aus Thorde trägt seidene Strümpfe und Handschuhe, wenn sie sonntags zum Tanz geht. Der Bursche ist stolz auf seine Braut. Wenn es nicht anders geht, werden sie in die Industriestadt heiraten. Da wird es schon Arbeit geben, auf der Armaturenfabrik oder bei der Post. Orge heisst er – und Holms, der Geesche heiraten soll, ist sein Onkel.

»Du hast dickes Haar, Orge«, sagt Melitta.

Es ist nun schon so, dass sie von jedem Glas trinkt.

Die Burschen fühlen sich bedrückt. Sie verstehen bloss mit ihren Mädchen umzugehen. Solch ein Mädchen nimmt man einfach um die Taille. Sie hocken wie Fische am Tisch, glotzend und stumm.

»Fischköpfe«, sagt Melitta. »Was hast du für Gäste? Die haben alle schon mal im Meer gelegen.«

»Sie haben zuviel Fische gegessen«, grinst der Wirt. »Fische statt Muttermilch, das macht stumm. Aber wir«, lacht er und schlägt sich aufs Knie. »Prost, Melitta!«

»Was ist denn mit dir los?« schreit Melitta. »Nichts ist mit dir los! Mit euch allen ist nichts los. Warum bin ich in Thorde geblieben. Meine Mutter hat ein Haus in den Bergen. Eine Villa, ein Schloss! Sie war eine grosse Tänzerin. Sie hat Geld in Hülle und Fülle!«

Der Wirt war ärgerlich über solche Protzerei. Auch weil sie ihn nicht gelten lassen wollte.

Er wusste, dass Emita selten nur Geld an Melittas Pflegemutter geschickt hatte. Frau Dahl war eine ruhige Frau gewesen und hatte sich nie darüber beschwert. Aber aus ihren Gesprächen hatte man gemerkt, dass es ihr oft schwer gefallen war, die Kinder durchzubringen. Sie hatte selbst noch eine Tochter gehabt, der sie in ihrer Liebe alles Gute tun wollte.

So sagte der Wirt:

»Mancher kann sein Geld gut verstecken.«

Melitta griff in die Tasche und warf den Geldschein auf den Tisch.

»Hier!«

Da lag nun das Geld. Sie machte kein Hehl daraus. Der Wirt pfiff vor sich hin. Die Burschen johlten. Für das Geld, das Melitta da auf den Tisch geworfen hatte, hätten sie mehrere Wochen arbeiten müssen. Jetzt sahen sie, dass Geld eine Nichtigkeit war, die aus einer Schürzentasche auf den Tisch flatterte. Sie begrüssten es mit gröhlendem Gelächter. Der König, der die Welt regiert, war in den Dreck gezogen. Trunken waren die Burschen. Sie betatschten den Geldschein. Sie trieben ihren Spass damit. Der Bursche, der Orge hiess, klebte ihn mit Schnaps gegen seine Stirn.

»Ihr seid wohl verrückt«, lachte der Wirt.

Er nahm dem Burschen den Schein weg, drehte ihn zu einer Tüte und blies darauf. Eine Besessenheit war über sie gekommen. Sie hatten zuviel Schnaps getrunken, und nun riss das viele Geld die letzte Wand ein.

»Solange wir leben, gibt's junge Hühner«, schrie der Wirt.

Melitta war aufgestanden. Sie hielt sich am Stuhl.

»Der Millionär«, kreischte sie, »sie haben Millionen!«

Sie schwatzte allerlei durcheinander. Die anderen hörten nicht hin. Nur der Wirt sagte:

»Eine spendable Frau. Alle Achtung.«

Es schien, dass Melitta das Geld von ihrer Mutter geschickt bekommen hatte.

»Spendabel«, rief Melitta und versuchte die Gläser wieder vollzuschenken, aber der Schnaps floss vorbei.

Der Wirt nahm ihr die Flasche aus der Hand.

»Schade um jeden Tropfen«, sagte er.

Er hielt den Geldschein noch immer wie eine Tüte in der Linken. Melitta schlug ihm auf die Schulter.

»Geizkragen«, schrie sie.

Sie riss ihm das Geld fort. Sie steckte es wieder ein. Die Burschen blickten verstört. Der Wirt hatte den Mund offen.

»Nicht doch«, bat er.

Nun war das viele Geld wieder verschwunden. Die Männer glotzten sich an. War es überhaupt da gewesen? Der Glanz war verweht. Die Wände waren wieder da und zwischen diesen Wänden stand auf einmal Boom Garde.

Er war ausser Atem. Er japste.

»Pagel ist da!« japste er.

In seinem Gesicht zitterte eine grosse Unruhe. Da war's, was er befürchtet hatte: Melitta betrunken.

Der Wirt war mit einemmal nüchtern.

»Heiliger Donner!«

Melitta schien nicht gehört zu haben, was Boom Garde gesagt hatte. Der Wirt legte vorsichtig seine Hand auf ihren Arm und wiederholte:

»Pagel ist da. Sei vernünftig, Melitta, du hörst doch. Du musst jetzt gehen. Nimm dich doch zusammen.«

Auch Boom Garde war zu Melitta herangetreten.

»Kindchen«, bettelte er, »komm.«

Sie mussten ihr lange zureden. »Eine böse Geschichte«, jammerte Boom Garde. Dann aber machte sich Melitta los und ging. In der Türe wandte sie sich um:

»Ihr könnt ihm nicht das Wasser reichen«, lallte sie.

Der Wirt machte Boom Garde aufmunternde Zeichen. Er wollte wohl, dass der Alte die Frau nach Hause brächte.

Aber Boom Garde hatte sich auf die Bank neben der Türe gesetzt. Es war die Bank für hastige Einkehrer, die nicht mehr Zeit haben, als für einen Schnaps notwendig ist. Da sass nun Boom Garde zwischen drinnen und draussen, hielt den Kopf gesenkt, und seine Stimme klang kläglich.

In dieser Nacht heulte ein Hund. Einsam auf entferntem Gehöft heulte er aus starrer Nacht.

Man sagt wohl, dieser Hund bellt den Mond an. Da ist etwas Unfassbares aufgestiegen für ihn am Himmel. Ein fremdes, unbekannt Blankes steht über ihm, tief im hohen Himmel regloser Mond.

Zuerst ist er dagegen angesprungen, hat getobt und bissig geschrien, aber die Kette, die ihn band, war zu kurz. Auch fühlte er wohl, dass seine Kraft nicht ausreichte zu solchem Sprung.

Nun steht er da, mutlos und voller Entsetzen, und was er ausstösst, ist ein klagendes Heulen.

Rundum von dem dunklen Gemäuer der starren Nacht hallt dieses Wimmern wider.

Es ist die Stunde, wo das Meer die toten Fische an den Strand wirft, die toten Fische, die man im Frühlicht des nächsten Tages zerbrochen findet mit erschrocken glotzenden Mäulern.

Es ist auch die Stunde, wo das stumpfe Flattern der Fledermaus lautlos seine beschwörenden Kreise vollendet.

Es ist schon späte Nacht.

In dieser verstorbenen Stunde trug Pagel die trunkene Melitta nach Haus.

Sie lag nicht sanft in seinen Armen gebettet. Sie hing an ihm wie eine Last.

Ihr Kopf lag schwer an seiner Schulter. Nie hätte er geglaubt, dass diese Zartheit so hart ihm aufgebürdet werden könnte.

Er wusste nicht, was Minuten vorher geschehen war. Er wusste nichts mehr von diesem Abend und nichts von dem Abend zuvor, da er noch auf fahrendem Schiff stand und alle Gedanken in froher Aufregung waren über die Heimkehr.

Er war vier Monate fort gewesen und hatte sich nach Melitta gesehnt.

Nun schleppte er an ihr wie an einer schweren Last.

Er war ein starker und kräftiger Mann, und seine Hände waren gewöhnt zuzupacken, aber was ihm jetzt im Arme ruhte, wurde schwerer von Schritt zu Schritt. Mühselig schritt Pagel dahin, beladen mit der trunkenen Melitta.

In dieser Nacht heulte ein Hund, und tote Fische fielen aus dem Meer.

Niemand wusste, was eigentlich in dieser Nacht geschehen war.

Moeb, der Friseur, ein kleiner vierschrötiger Kerl, so kurz, dass er um den Scherstuhl ein erhöhtes Laufbrett für sich gebaut hatte, Moeb wollte wissen, dass Pagel mit dem Messer auf Melitta eingestochen hätte.

Der Wirt aber, der als erster hinzugekommen war, hatte gesehen, dass Pagel nur die Seile der Schaukel durchschnitten hatte, auf der Melitta schlief. Das Messer musste sehr scharf gewesen sein, eine Art Hirschfänger, der fest im Griff stand. Ein Zuschlag nur mit diesem Messer, und der Strick war zerhackt gewesen. Die Schaukel brach nieder. Pagel hatte Melitta hochgerissen, noch ehe der Wirt zuspringen konnte.

»Es war alles nur eine Sekunde«, erzählte der Wirt.

Dann waren die betrunkenen Burschen aus der Gaststube gekommen.

Da lag nun die Schaukel, die eigentlich eine Wiege war. Da lag sie nun zerbrochen am Boden.

Später waren sie selbst in Streit geraten und hatten sich mit den Wiegenhölzern geschlagen. Mit blutenden Köpfen gingen sie heim.

Orge, der blonde Bursche, wurde so von Wut gepackt, dass er auch noch das Wiegenbrett heraustrat.

Nun war die dänische Wiege zerstört.

Das erzählte der Wirt.

»Ich war ganz sprachlos, als ich das Malheur sah«, sagte er. »Wie's gekommen ist, weiss ich auch nicht. Melitta war doch schon gegangen. Ich dachte, sie wäre längst zu Hause. Statt dessen sass sie in der Schaukel und schlief. Wie das so ist, der Mensch hat ein bisschen zu viel getrunken, nun kommt er in die frische Luft. Gott, da kann so was schon mal passieren. Ich hätte es Pagel auch klargemacht, aber ich habe ihn vorher gar nicht gesehen. Er war überhaupt nicht in der Gaststube. Er muss sie auf der Schaukel gefunden haben.«

Ja, Pagel hatte Melitta schlafend auf der Schaukel gefunden. Vielleicht hatte er gesagt: »Komm, Melitta, wach auf. Komm nach Haus. Was willst du hier?« Ja, vielleicht hatte er ihr vorher gut zugeredet. Vielleicht hatte er sie angerührt, um sie zu wecken, freundlich zuerst, denn er war von langer Seefahrt zurückgekehrt und hatte Sehnsucht nach ihr. Aber er konnte sie nicht wachbekommen.

»Ich kann auch nicht sagen, was los war«, meinte der Wirt, »aber meine Schaukel ist zerschlagen, die dänische Wiege.«

Vor dreissig Jahren, nach einer Sturmnacht, war sie angeschwemmt worden.

Das Meer hatte ihr nichts getan. Sanft hatten die aufbegehrenden Wellen sie geschaukelt und mit vieler Vorsicht auf den Sand gesetzt. Oftmals ist das Wasser gnädiger als der Mensch.

An dem Tage, an dem diese Wiege gefunden wurde, war Boom Garde nach langer Zeit zurückgekommen. Er hatte es in der Welt zu nichts weiter gebracht als zu einem Holzbein. An jenem Tage war Bieke in die Welt gegangen. Sie war zurückgekehrt und sass nun in dem Hause gegenüber dem Leuchtturm vor einem Haufen dicker grauer Strümpfe, die so derb in den Maschen waren, dass man sie getrost an die Wand lehnen konnte wie langschäftige Stiefel. Diese Strümpfe stopfte Bieke für einen fremden Mann, der sie nichts anging, für Ohlik, den Leuchtturmwächter, der noch immer der Holzkapitän genannt wurde. Es hatte eine Zeit gegeben, wo er Socken aus künstlicher Seide trug.

Vielerlei war geschehen seit jenem Tage, an dem diese dänische Wiege in Thorde sich anfand. Kinder hatten in ihr den ersten Schlaf, Kinder, die nun Männer geworden waren. Auch Orge hatte in ihr geruht, Orge, der ihr nun den letzten Tritt gab.

Am nächsten Morgen sammelte der Wirt die Trümmer auf, und da sie ihm zu nichts mehr nütze schienen, verstaute er sie in den Holzschuppen. Sie würden im Winter einen warmen Tag geben.

Ja, die dänische Wiege war zerbrochen, aber man hatte jetzt keine Zeit, ihr nachzutrauern, denn man war in Aufregung über das Ereignis um Pagel und Melitta.

Bieke sagte: »Als er bei mir war und nach Melitta fragte, war er noch ganz vernünftig. Ich stopfte mit Geesche gerade Strümpfe, als er hereinkam. Ich hab noch zu ihm gesagt: Ich weiss nicht, was das Mädchen hat. Es sitzt da und mault.«

Nun stellte es sich heraus, dass Geesche gar nicht gehört hatte, was zwischen Bieke und Pagel gesprochen war.

»Nichts weiss das Mädchen mehr. Wo hat sie bloss ihre Ohren gehabt?« zankte Bieke. »Erinnerst du dich denn gar nicht mehr?«

»Nein«, antwortete Geesche.

Ach, woran hatte sie gedacht? Sie war verlegen geworden und ging schnell in die Küche. Nein, sie hätte es nicht ihrer Mutter gesagt. Schlank und braun gebrannt war Herr Mathiessen, der junge Lehrer. Er hatte Geesche die Hand gegeben. Sie spürte noch seinen Blick, aber sie wagte nicht zu hoffen, dass er wiederkommen möchte. Wie könnte sie ihr Herz ihrer Mutter verraten?

Die Frauen aus Thorde sprachen am nächsten Tag eine nach der anderen bei Bieke mit vor. »Hier war er noch ganz vernünftig«, erzählte Bieke.

Dann standen die Frauen bei Moeb, dem Friseur. Da steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen leiser. Sie duckten sich, als der Landjäger vorbeiging. Doch als er ein Stück hin war, reckten sie die Hälse.

Die Männer gaben nicht viel auf diese Geschichte. Sie waren in der Nacht hinausgefahren, und was sie in ihren Netzen hatten, war nicht viel gewesen.

In früheren Jahren kamen die Heringsschwärme noch bis nach Thorde. Dann blieben sie weg. Man wusste nicht, woran es lag. Flundern kamen dafür, gefleckte und glatte. Das war schlimm für die Fischer gewesen, die sich nun neue geeignete Netze kaufen mussten.

Jetzt hatten sie die Netze, aber die Flundern zogen andere Wege.

Es war nicht viel gewesen, was die Fischer gefangen hatten. Missgestimmt waren sie am frühen Morgen zurückgekommen. Nun sollten sie die Geschichte hören, die während ihrer Abwesenheit vor sich gegangen war. Sie wollten nichts davon wissen. Sie schüttelten die Geschichte ab.

»Er wird noch manches mit ihr erleben«, sagte Bieke zu Holms.

»So«, antwortete Holms nachdenklich.

»Ja, die Frauen«, nickte Ohlik. Er sass da und sagte: »Dass ich ihm das Messer geben musste. Er hatte mir einen Gruss ausgerichtet von seinem Kapitän. Wir sind alte Freunde, sein Kapitän und ich. In jungen Jahren haben wir oft zusammen gesessen. Damals war er noch nicht Kapitän, und ich besass noch nicht das Haus auf den Holmen. Es waren übermütige Jahre, Jahre, die keinen Boden haben. Man stiess sich noch nicht an den Ecken. – Nun sollte er eine Erinnerung haben an den Holzkapitän. Ich sagte zu Pagel: Hier das Messer. Gib es ihm. Ich habe es heute in Thorde gekauft. Haarscharf, probier's auf dem Fingernagel. Es steht fest im Griff, sieh her. Das nimm deinem Kapitän mit.«

»Ich hätte es nicht tun sollen«, klagte nun Ohlik. »Wenn ich jetzt daran denke, muss ich doch sagen, dass er verstört war. Wohl, weil er Melitta nicht bei dir gefunden hatte, Bieke. Ja, wo sollte sie sein? Vielleicht bei Moeb, sagte ich. Da war er ohne Gruss fortgegangen.«

Man hätte nicht glauben sollen, wie erschrocken Ohlik gewesen war.

Was wird nun geschehen? fragte man sich in Thorde. Es ereignete sich nichts. Nicht einmal der Landjäger ging zu einem Verhör zu Pagel.

Dole spielte wie immer am Strand. Sie sass bei Boom Garde, der sie behütete, aber wenn man mit einer Frage zu ihm kam, unwirscher war als je.

Melitta war zwei Tage nicht zu sehen. Dann ging sie wieder durch das Dorf.

»Was ist schon?« sagte der Wirt, dem die Geschichte unangenehm war, besonders vor seiner Frau. »Melitta hat mal wieder ihren Tag gehabt. Nichts weiter. Ihr kennt sie ja.«

Vor den Häusern in Thorde gab es kleine Buschgärten. In solchem Durcheinander von Blumen und Buschwerk vor seinem Hause arbeitete Pagel. Er jätete und vernichtete das Unkraut.

Jetzt im Juni blühten viele Blumen in Thorde. Iris und Feuerlilien, Akelei und grossblättriger Mohn. Auch andere, deren Namen man nicht genau wusste. Diese Blumen standen dicht bei dicht in vielen Farben. Mit dem wuchernden Unkraut dazwischen war es eine wilde, in sich verrankte Üppigkeit. Es war nicht leicht, Ordnung hineinzubringen, und für Pagel, der mit gärtnerischen Dingen wenig vertraut war, bedeutete es ein schwieriges Geschäft.

Während dieser Tage sprach er mit keinem. Das wäre nicht weiter aufgefallen. Pagel war ein schweigsamer Mensch. Aber nach jenem Geschehnis wollte es doch scheinen, als ob er absichtlich jeder Anrede aus dem Wege ginge.

Die Frauen waren daher verwundert, als sie ihn um die Abendstunde zu Moeb in den Laden gehen sahen. Pagel setzte sich in den Stuhl und liess sich bedienen. Es war die Stunde, wo mancher bei einer Pfeife oder einer Zigarette seine Zeit bei Moeb hinbrachte.

Der Friseur war verwirrt, als er Pagel in den Laden treten sah. Mit raschem beschwörendem Blick bat er die anderen zu bleiben. Vielleicht fürchtete er, dass es eine Auseinandersetzung geben könnte. Aber dieser Mann, der da still auf dem Stuhl sass, hatte wohl andere Sorgen als ein müssiges Geschwätz. Moeb atmete erleichtert auf, doch wusste er nicht, was er fragen und sagen sollte, und so bediente er den Seefahrer ohne jedes überflüssige Wort. Immerhin hatte Moeb gemerkt, dass die Sache hätte ernster ausgehen können. Er bemühte sich, sein Geschwätz von vorgestern wieder gutzumachen. Als Pagel gegangen war, sagte er:

»Natürlich war die Frau schuld. Von einem Messer war keine Rede. Er hat die Schaukel heruntergerissen. Er war in Wut. Das ist zu verstehen.«

Moeb stand nachdenklich auf dem erhöhten Brett. »Es ist zu verstehen«, sagte er zu den anderen.

Es war überhaupt so, dass man sich über Melitta zu ärgern begann, wohl deshalb, weil sie sich im Dorfe umtat, als wäre nichts vorgefallen. Sie kam mit keinem Wort auf jenen Abend zu sprechen. Sie klagte nicht vor den Weibern: »Seht, solchen Mann habe ich nun.«

Die Frauen hatten gehofft, ein Wort mehr von Melitta herauszubekommen. Sie wuschen vor den Türen. Sie hatten Zinkbretter auf die Strasse gestellt und rieben darauf die Wäsche.

»Wie sie noch daherschwatzt«, hechelten sie, »dabei hat sie genug Dreck am Kleid.«

Überhaupt war es erstaunlich, wie lange die Geschichte die Gemüter bewegte.

Es lag wohl daran, dass die Frauen nicht viel zu tun hatten. Sie zogen morgens die Kinder an und liessen sie bis zum Abend herumlaufen.

Die Häuser, in denen sie wohnten, waren klein. Zwei Stuben und ein Herd, das war alles. Selbst wenn man sich Zeit liess, war man mit der Arbeit bald fertig.

Das Essen, das man kochte, war gering. Man machte nicht viel Umstände. Die Männer schienen froh zu sein, wenn überhaupt etwas auf dem Tisch stand.

Sie waren zufrieden, wenn die Frauen keine mürrischen Gesichter aufsetzten. Die Männer plagten sich und wollten zu Hause kein unlustiges Wort hören. Am liebsten war es ihnen, wenn die Frauen sich still verhielten.

Ja, die Männer plagten sich sehr. Manchmal fuhren sie mit den Booten weiter hinaus, wenn sie glaubten, dass es sich lohnen würde. Meistens aber setzten sie die Netze näher zum Strand, und oftmals zogen sie das grosse Netz im mühsamen Schreiten nach den Dünen hin zusammen.

Das waren die Fischer, die ihrem Berufe treu geblieben waren. Andere hatten diese Mühseligkeit aufgegeben und arbeiteten in Thorde. Sie wohnten nur noch in den kleinen Häusern, die sie von ihren Vätern geerbt hatten.

Diese kleinen engen Häuser waren dicht aneinander gestellt. Es gehörte kein Land dazu. Keine Wiese, kein Vieh. Vielleicht hier und dort ein paar Hühner. Die Männer wissen nicht, wie es gekommen ist, dass sie von dem umliegenden Land nichts besitzen. Ihre Väter haben nichts gehabt als diese vier Wände. Ihre Grossväter haben auch nicht mehr besessen. Die Zeiten zuvor ist es vielleicht anders gewesen, aber man kann es nicht mit Gewissheit sagen. Das Land ist in städtischer Verwaltung. Einen Teil zum Leuchtturm hin hat sich die Schiffahrtsgesellschaft gesichert, mit deren Dampfer die Schulkinder aus der Industriestadt gekommen waren.

Ja, das Dorf Thorde war nichts weiter als einige flache Häuserreihen, vor deren Türen tagsüber unordentliche Frauen standen und magere Kinder im Sand spielten.

Früher hatten diese Frauen sich noch um den Verkauf der Fische zu kümmern. Sie mussten sie in schweren Lischen nach Thorde auf den Markt bringen, aber seit einiger Zeit kam regelmässig ein Aufkäufer, der, ohne die Ware anzusehen, alles für eine Fischfabrik übernahm. Die Preise, die er zahlte, waren gering, und die Männer hatten anfangs nicht recht herangewollt. Doch die Frauen setzten ihnen zu, denn es war von Jahr zu Jahr schwerer geworden, die Fische auf dem Markt in Thorde loszuwerden.

Mit den übriggebliebenen Fischen mussten sie in die Häuser gehen, wie Hausierer an Türen klopfen und viele Treppen steigen.

Es war eben nicht abzuleugnen, dass die Menschen sich angewöhnt hatten, mehr Fleisch zu essen. Die Arbeiter in Thorde behaupteten, dass sie von Fischen nicht satt würden.

Seitdem die Industrie nach Thorde gekommen war, wollte man nicht mehr viel von gekochten Fischen wissen. Doch die Fischkonserven ass man mit Vorliebe. Fische in Gelee und in Öl konnte man für billiges Geld in Blechbüchsen kaufen, auch solche in Tomaten eingemacht und mit Zwiebeln und mit Mohrrübenscheiben garniert. Die Fischfabrik, deren Aufkäufer, ein Herr Daudat, jede Woche nach Thorde kam, hatte gut zu tun.

Die Fischerfrauen von Thorde also hatten viel Zeit. Die meisten von ihnen waren unförmig geworden über dieses Nichtstun. Breitbeinig sassen sie auf den Türschwellen.

Die einzige, die sich redlich quälte, war Bieke. Aber dafür hatte sie in jungen Jahren auch die Welt gesehen.

Die anderen jedoch sahen nur die Schiffe vorüberfahren.

»Sie hat genug Dreck am Rock«, sagten diese Frauen von Melitta.

Am Tage, nachdem Pagel bei Moeb gewesen war, ging er in den Gasthof.

Drei Tage hat er darauf gewartet, dass Melitta ihm ein gutes Wort gibt, aber sie geht an ihm vorbei mit wehleidigem Mund. Vielleicht glaubt sie sogar, dass Pagel mit einem freundlichen Wort kommen müsste. Was hat sie schon getan? Sie ist lustig gewesen. Sie hatte Likör getrunken. Nun ja, sie hatte zuviel Likör getrunken. Das mochte schon sein. Aber war sie nicht gleich gegangen, als Boom Garde gesagt hatte: Pagel ist da. Ihr könnt ihm nicht das Wasser reichen, hatte sie geantwortet. Konnte sie dafür, dass der Abend draussen sie mit Müdigkeit überfiel, dass die Schaukel sie in Schlaf wiegte? Die dänische Wiege war schuld daran gewesen. Wieder wie früher hatte sie ihr Schlummerlied gesungen.

Lange Zeit hatte die dänische Wiege unbenutzt herumgelegen. Nun hatte ein müder Mensch zu ihr gefunden. Ist es ein Wunder, dass die schaukelnde Wiege ihn in Schlaf sang?

Freundlicher ist das Holz als der Mensch, wie das Wasser sanfter war als Orge, der die Wiege zerschlug.

Drei Tage hat Pagel gewartet, dass Melitta ein gutes Wort findet. Doch scheint es, dass sie die Beleidigte ist. Sie tut ihre Arbeit, kocht, näht und wäscht. Sie ist in diesen Tagen bis in den späten Abend hinein beschäftigt. Sie ist fleissig, man kann ihr nichts vorwerfen. Aber so sehr Pagel sich einen freundlichen Blick wünscht, sie weicht ihm aus.

Nun scheint es, dass er abreisen will.

Schön, soll er es tun. Was frage ich danach? dachte Melitta.

Er ist bei Moeb, dem Friseur, gewesen, und nun geht er in den Gasthof. Er wird Frau Wanda, der Wirtin, adieu sagen wollen, denkt Melitta. Er hält ja so viel von ihr.

Schön, soll er es tun, was frage ich danach? dachte sie.

Als Pagel in die Gaststube trat, sass die Wirtin mit einer Handarbeit an dem Ecktisch. Sie legte die Häkelei beiseite und räumte die Zeitungen von dem anderen Stuhl, damit Pagel sich setzen könne.

»Ich will mich nicht lange aufhalten«, sagte Pagel. »Ich hab neulich hier etwas vergessen.«

»Das Messer«, antwortete die Wirtin verlegen. Sie merkte, dass Pagel diesen Abend noch nicht überwunden hatte.

»Ohlik hat es mir für den Kapitän mitgegeben«, erwiderte er. »Ich will morgen abfahren.«

Die Wirtin stand auf und holte das Messer. »Ich dachte, du wirst es dir schon abholen.« Sie wies auf die Hoftüre, hinter der man den Wirt hantieren hörte: »Er wollte es gleich zurückgeben. Es hat Zeit, habe ich aber gesagt.«

»Schönen Dank«, antwortete Pagel. Er steckte das Messer zu sich, wollte aufstehen, zögerte aber noch und fragte: »Wie geht es sonst?«

Die Wirtin zuckte die Achseln und seufzte. Es waren ein paar schwere Tage für sie gewesen. Sie hatte sich herausgenommen, dem Wirte nach jenem Vorfall Vorwürfe zu machen.

»Jeder hat sein Päckchen zu tragen«, sagte Pagel. »Wir haben es uns alle selbst geschnürt.«

Die Wirtin nickte.

»Sie ist nicht so schlimm«, sagte sie dann.

»Ich weiss nicht, was sie treibt, wenn ich nicht da bin«, sagte Pagel.

»Man kann ihr nichts nachreden«, entgegnete die Wirtin.

»Du meinst es gut«, sagte Pagel. »Aber damit ist nichts getan. Zu Hause ist sie wie ein Stein aufs Bett gefallen. Nun glaubt sie wohl noch, ich müsste ihr gut zureden.«

»Du hättest dir mehr Zwang antun sollen«, meinte die Wirtin vorsichtig.

»Ich hatte sie überall gesucht«, sagte Pagel. »Ich war vier Monate weg. Ich hatte mir das Wiedersehen anders gedacht. Aber ich ahnte es gleich, als ich in die Stube kam. Boom Garde konnte mir nichts vormachen. Ich habe meine Augen im Kopf. Ich habe sie überall gesucht, doch sie wusste nichts mehr von sich.«

»Du meinst es gut, Wanda«, sagte er nach einem Weilchen. Er hatte gewartet, dass die Wirtin etwas antworten würde. Nun sah er, dass sie Tränen in den Augen hatte.

»Du meinst es gut, aber da ist nun nichts gegen zu machen. Sie ist ein Irrwisch und wird es bleiben. Es ist schon am besten, wenn man nichts hört und sieht. Ich fahre also ab.«

Pagel stand auf. »Lass es dir gut gehen, Wanda.« Er gab der Wirtin die Hand.

Die Hoftüre öffnete sich, und der Wirt kam herein.

»Ich hörte doch, dass hier jemand sprach.«

Er sah, dass Pagel die Hand der Frau hielt. Er kniff die Augen zusammen und machte ein hämisches Gesicht. Die Wirtin fing seinen Blick auf.

»Pagel will wieder abfahren«, sagte sie hastig. »Er wollte sich bloss verabschieden.«

»Merci«, lachte der Wirt auf. »Also sich wieder dünn machen. Na ja, wenn's dem Storch ins Nest hagelt, reist er nach Süden. Du musst es nicht so tragisch nehmen, Pagel. Was hat sie denn getan? Der Schnaps hat ihr ein bisschen zu gut geschmeckt. Na, was ist denn dabei?«

Er zog Pagel wieder auf den Stuhl.

»Du denkst vielleicht, ich hätte ihr nicht soviel geben sollen. Na schön, aber wir mussten uns revanchieren. Sie hat Wanda eine Brosche geschenkt. Eine Brosche aus Katzenstein. Du kennst sie wohl. Wanda hat sie heute nicht an. Sie will sie bloss sonntags tragen. Also, sie hat meiner Frau die Brosche geschenkt. Was sollst du nun tun? Wir haben also Likör getrunken. Du weisst, wie das ist. Man kommt in Stimmung. Dann waren die jungen Leute da. Schliesslich ist es eine belämmerte Welt. Man ist froh, wenn man mal vergnügt ist. Ich verstehe nicht, warum gleich so aufgebracht? Schön, es ist schon einmal mit ihr passiert. Schon ein paarmal, nun ja. Aber darum braucht man nicht gleich – mein Gott!«

Pagel achtete nicht mehr auf das, was der Wirt schwatzte. Er hatte nur gehört, dass Melitta ihre Brosche verschenkt hatte. So weit also war es mit ihr. Sie trug schon ihren Schmuck in die Kneipe.

»So, also die Brosche«, sagte Pagel.

Der Wirt fuhr auf.

»Was denn? Du denkst doch nicht etwa –? Nein, nein, sie hatte einen Haufen Geld in der Tasche. Einen grossen Schein. Von ihrer Mutter. Die hat doch Millionen, hat sie gesagt. Solche Schwiegermutter wünsch ich mir auch! Ja, ja, einen dicken Geldschein. Na, ich brauch's dir ja nicht erst zu erzählen. Du weisst es schon.«

Der Wirt beobachtete Pagels Gesicht. Er stutzte. Er merkte sofort, dass Pagel von dem Geld nichts wusste. Sieh einer an, die schlaue Katze. Sie behält ihr Geld lieber für sich, lachte er in sich hinein.

Pagel hatte sich erhoben. Er sagte: »Dann ist wohl alles beglichen. Ich wollte nämlich auch noch fragen, ob vielleicht ein Rest wäre?«

Der Wirt holte einen Notizblock aus der Tasche und blätterte darin.

»Richtig«, sagte er, »in der Aufregung. – Ganz vergessen.«

»Nein, es ist alles in Ordnung«, unterbrach ihn die Wirtin. »Melitta hat alles bezahlt.«

»So?« fragte der Wirt gedehnt.

Pagel sah von einem zum andern. Die Wirtin hatte sich tiefer über die Handarbeit gebeugt und arbeitete eifrig. Pagel griff in die Tasche und warf ein Geldstück auf den Tisch. Dann ging er.

»Protz«, sagte der Wirt hinterher.

Am Nachmittage kam Ohlik in das Gasthaus. Er wollte mit dem Wirt einiges besprechen, aber der war in die Industriestadt gefahren, um bei der Brauerei eine Herabsetzung des Pachtzinses durchzusetzen.

»Er muss endlich mal ein energisches Wort reden«, sagte die Wirtin zu Ohlik. »Die Pacht ist viel zu hoch. Wenn man nicht seine eigenen Kartoffeln hätte und die Hühner, käme man überhaupt nicht zurecht.«

»Er ist zu schwer beweglich«, antwortete Ohlik, »seit Wochen rede ich ihm zu wie einem lahmen Schimmel. Das Projekt ist gut.«

»Dazu kann ich nichts sagen«, erwiderte die Wirtin, »du weisst ja, wie er seinen Kopf für sich hat.«

Es schwebte damals das Projekt, auf dem Gelände, das der Schiffahrtsgesellschaft gehörte, ein Logierhaus zu errichten. Ohlik, der sich für diesen Plan interessierte, wollte wissen, dass die Gesellschaft eine grössere Summe vorschiessen würde, denn sie war der Ansicht, dass durch die Errichtung solcher Häuser am Strande der Dampferverkehr aus der Stadt sich heben würde. Ohlik wollte den Wirt für diese Idee gewinnen, aber der Wirt hatte keine rechte Courage.

»Was habe ich ihm die Wochen schon zugesetzt«, sagte Ohlik zu der Wirtin. »Für dich ist es auch angenehmer, wenn du mit anständigen Gästen zu tun hast, als dass solche Geschichten passieren wie neulich.«

»Pagel war hier«, sagte die Wirtin. »Er will wieder abfahren. Er wusste nichts von dem Geld. Willst du nicht mal mit ihm reden?«

»Das wäre nicht das erstemal«, erwiderte Ohlik.

»Versuch's«, bat die Wirtin. »Es geht ihm schwer nach.«

Auf der Strasse traf Ohlik Melitta. Die dicken faulen Frauen von Thorde standen vor den Türen und schwatzten.

»Wie sie sich hat«, sagte eine, dass Melitta es hören sollte.

Melitta war keine feine Frau. Sie spuckte aus, als sie vorüberging. Da habt ihr euren Unrat wieder, wollte sie sagen.

Nun war sie froh, dass Ohlik auf sie zukam. Ja, der Holzkapitän stellte in Thorde noch etwas vor. Er würde sich nicht mit den fetten Frauen in ein Gespräch einlassen. Er beachtete sie gar nicht. Darum hatten sie Respekt vor ihm.

Er war sogar quer über die Strasse auf Melitta zugekommen. Sie gingen ein Weilchen schweigend nebeneinander her.

»Ja, ich wollte mit ihm sprechen«, sagte Ohlik schliesslich. Er sagte es zögernd. Melitta antwortete auch nicht gleich. Dann aber entgegnete sie:

»Er ist nicht zu Hause. Er kauft wohl noch für die Fahrt ein.«

Unwirsch setzte sie hinzu: »Ich weiss es auch nicht. Er tut ja den Mund nicht auf.«

Wie sie das so sagte, merkte Ohlik, dass es ihr wohl recht wäre, wenn er bei Pagel zum Guten reden würde. Denn solange noch Ärger da ist, kann immer noch eine Brücke gebaut werden. Erst wenn Liebe und Zorn abhanden kamen, ist die Türe verschlossen.

Darum blinzelte Ohlik und sagte mutiger: »Ja, ich will mit ihm sprechen.«

Er machte eine grosse Handbewegung. Es war ihm wohl plötzlich ein Einfall gekommen.

»Da ist nämlich ein Projekt. Ja, darüber wollte ich mit ihm reden. Ich meine, er ist lange genug auf See gefahren. Nun könnte er sich auch mal in Thorde umgucken.«

Melitta sah Ohlik überrascht an. Sie wartete darauf, dass er sich noch mehr darüber ausliesse. Aber er nickte nur ein paarmal und ging dann weiter.

Pagel war ohne Pakete nach Hause gekommen. Er hatte also keine Einkäufe gemacht. Er war nur fortgegangen, um nicht mit Melitta zusammen zu sein. So schien es. Nun machte er sich in der Stube zu schaffen, hantierte mit seinem Koffer und bürstete den Anzug aus.

Es war kein Zweifel mehr, dass er morgen abreisen würde.

Er spielte auch ein Weilchen mit Dole, wie er es jeden Abend tat, ehe sie ins Bett kam. Darüber vergass sie, dass Boom Garde nicht neben ihr sass und sie in den Schlaf brummelte. Der Alte drückte sich seit Pagels Ankunft meist vor dem Hause herum, kam nicht in die Stube und vermied es überhaupt, mit Pagel zusammenzutreffen. Das Teufelsgeld, dachte er wohl. Er fühlte sich schuldig an dem Abend. Konnte er auch wissen, dass Melitta das Geld versaufen würde? Für ihn bestand kein Zweifel, dass es draufgegangen war. Es waren ja böse Dinge passiert, die darauf schliessen liessen. Ein Teufel hat's geschickt und ein andrer hat's gefressen. Aber damit war die Geschichte nicht aus der Welt geschafft.

Ja, das Teufelsgeld. Als Pagel von dem Gastwirt zurückgekommen war, hatte er Melitta gefragt: »Hast du mir denn gar nichts zu sagen?«

Es tat ihm weh, dass seine Frau ihm das Geld verheimlichte. Er selbst brauchte nur wenig für sich und konnte über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen. Nun erwartete er wohl, dass Melitta von dem Gelde spräche. Er glaubte, dass es zwischen Eheleuten keinerlei Geheimnisse geben dürfe.

Melitta hatte auf seine Frage nicht geantwortet. Sie ahnte sofort, dass Pagel auf das Geld hinauswollte, aber sie wusste nicht, wie sich nun alles entscheiden würde, und so glaubte sie wohl, dass es gut wäre, den Mund zu halten.

Sie sagte also nichts, zuckte nur die Achseln und ging in die Küche. Da lag unter der Mehlkruke zusammengefaltet der Geldschein. Mehrmals am Tage vergewisserte sie sich, dass er noch da war.

Ohlik wartete, dass Pagel noch einmal vorbeikommen würde. Nun setzte ihm Boom Garde zu:

»Geh hin und bring's ins Lot. Ich bleib inzwischen hier. Ich versteh's schon. Du weisst es ja.«

Boom Garde hatte sich in alle Geheimnisse des Leuchtturms einführen lassen. Wenn die Kinder ihn nicht in Anspruch nahmen, sass er oft den halben Tag dort.

»Du kannst dich ruhig auf mich verlassen«, sagte er zu Ohlik. Tatsächlich, der Holzkapitän ging zu Pagel. Was hat er doch für ein gutes Herz, der alte Ohlik. Aber da stellte sich heraus, dass er es gar nicht von Herzens wegen tat. Wie ein Fuchs kam der Holzkapitän. Seit Wochen beschäftigte ihn nur noch das Projekt.

Er setzte es Pagel bis ins kleinste auseinander. »Also, ein Logierhaus. Nahe am Leuchtturm, verstehst du?«

Ohlik konnte den Plan ohne Mühe aufzeichnen.

»Ich tät's selbst, wenn ich jünger wäre und etwas Kapital hätte. Ich verstehe den Wirt nicht, dass er nicht heran will. Aber er scheint bis zum Hals in Schulden zu sitzen. Natürlich, wer verkehrt schon in solch einem Laden. Aber das Logierhaus ist ganz was anderes. Sollst mal sehen, wie die Leute aus der Stadt kommen. Ausserdem steht die Schiffahrtsgesellschaft dahinter.«

»Was erzählst du mir das alles?« fragte Pagel.

Die beiden Männer sassen sich gegenüber. Zwischen ihnen stand der Tisch, auf dem eine kleine Holzpuppe lag, die Dole gehörte. Sonst achtete die Kleine darauf, dass die Puppe mit ihr schlafen ging. Sie liess sie nicht aus ihrem Bettchen. Heute aber, in überwallender Zärtlichkeit, wie es kleine Mädchen oft haben, hatte sie ihrem Vater die Puppe in die Hand gedrückt. Als sie dann eingeschlafen war, hatte Pagel die Puppe noch immer in der Hand gehabt. Nun lag sie auf dem nackten Tisch. Ohliks Blick war auf diese Puppe gefallen, und so, als wäre sie eins mit dem Mädchen, sagte er:

»Ein munteres Ding, deine Dole!«

»Du siehst sie bloss selten«, fuhr er umständlich fort. »Es ist erstaunlich, dass sie dich sogleich erkennt. Wie lange warst du jetzt unterwegs? Ein halbes Jahr doch wohl. Und vorher beinahe acht Monate. Und die Kleine kennt dich auf den ersten Blick. Das ist eine erstaunliche Sache.«

Pagel antwortete nicht darauf.

»Ein kluges Kind«, sagte Ohlik. »Du müsstest bloss hören, was sie so alles von sich gibt. Boom Garde erzählt es mir manchmal. Und immer wie aus dem Ei gepellt. Darauf achtet Melitta. Das muss man ihr lassen. Was hat sie doch neulich wieder angestellt, die Dole. Ich hab's vergessen. Es war wirklich eine lustige Geschichte. Aber davon wollten wir ja nicht reden. Ich kam bloss darauf, weil ich die Puppe sah.«

In Ohliks Augen lag ein kleines Zwinkern. Er wusste wohl, weshalb er diesen Umweg gemacht hatte.

»Also, weshalb ich dir das sage, mit dem Projekt. Ich dachte mir, es könnte dir lieb sein, was Sicheres in der Hand zu haben. Du wirst älter, und Seefahrt ist was für junge Knochen. Daran lässt sich nichts ändern.«

»Ich fahre morgen ab«, sagte Pagel kurz.

»Natürlich, ich will dich auch gar nicht beschwatzen«, antwortete Ohlik. »Aber vielleicht lässt du es dir doch einmal durch den Kopf gehen. Schliesslich eilt es nicht so, obgleich ich weiss, dass man es bald ins reine bringen möchte. Am Sonntag kommt nämlich Daudat. Du kennst ihn ja. Er will sich den Platz noch einmal ansehen. Er ist gewissermassen der Vertreter der Reederei in dieser Angelegenheit. Sonst kauft er hier immer die Fische auf.«

»Daudat?« fragte Pagel. »Ein fixer Mensch.«

»Ja, Daudat würde daran beteiligt sein«, berichtete Ohlik. »Du würdest die Sache gar nicht allein auf dem Hals haben. Daudat ist ein tüchtiger Kompagnon.«

Ohlik stand auf und legte Pagel die Hand auf die Schulter.

»Das wäre ein gutes Gespann. Er mit seiner Routine und du mit deiner Gewissenhaftigkeit.«

Er beugte sich etwas vor und sagte leiser: »Denk an Melitta. Sie ist eine gute Frau, aber sie ist zuviel allein. Muss ich dir das immer wieder sagen?«

»Es fragt dich keiner danach.«

Pagel wollte aufstehen, aber Ohlik drückte ihn wieder auf den Sitz.

»Behalt Platz«, bat er. »Lass uns noch einmal in Ruhe darüber reden. Es ist das letztemal. Das verspreche ich dir.« Dunkler ist es im Zimmer geworden. Man kann die Uhr kaum noch sehen. Sie hat einen klappernden Schlag. Früher besass sie einen vollen Klang. Nun hat sie die Stimme gewechselt. Eine Feder ist wohl mürbe geworden.

»Du hast meine Frau nicht gekannt«, sagte Ohlik leise.

Er schwieg ein Weilchen und sagte dann: »Sie war eine stattliche Frau. Ich entsinne mich, dass sie einmal ein gelbes Seidenkleid trug. Es war eine schwere gelbe Seide, die ein Geschäftsfreund mitgebracht hatte. Er hiess Brint und handelte mit Stabhölzern. Eigentlich hatte er mit Seide nichts zu tun, aber nun stellte es sich heraus, dass die Seide zu unterst in seinem Koffer lag. Er hatte sie wohl vor dem Zoll versteckt. Nun sagte er zu meiner Frau: ›Sie würden mich glücklich machen, wenn Sie diese Seide tragen würden.‹ Wie gesagt, er war ein Geschäftsfreund und wollte sich wohl für manche Gastfreundschaft erkenntlich zeigen.«

Der Holzkapitän dachte nach: »Diese Geschichte kommt mir in den Kopf, weil ich das Kleid neulich in der Hand hatte und es Geesche schenken wollte. Sie soll ja bald heiraten, und dann könnte sie Verwendung dafür haben. Aber sie hat es zurückgewiesen. So weit wäre es noch nicht.«

Ohlik war ein sonderbarer Mann. Aus dem Zusammenbruch seines Hauses hatte er eigentlich nur die Kleidertruhe seiner Frau gerettet. Durch Jahre hindurch stand diese Lade verschlossen unter der Treppe, und er rührte sie nicht an. Aber jetzt, wo er alt wurde, wollte er die Kleider noch einmal ans Licht führen. Darum schenkte er Bieke hin und wieder ein Stück und bestand darauf, dass Bieke sie auch trug. Es war ihm wohl eine wollüstige Erinnerung, wenn die Kleider seiner Frau wieder durch Thorde gingen.

Nun, also Geesche hatte das gelbe Seidenkleid abgelehnt. Junge Mädchen haben ihren Kopf für sich. Wer weiss, was sie noch ablehnen würde. Der Fischer Holms sah trübselig genug aus. Und wenn Bieke sich auch mit grossen Redensarten aufpulverte, merkte man doch, dass viel Ärger dahinter sass. Das gelbe Seidenkleid lag also noch in Ohliks Truhe. Viel mehr war nicht darin. Nein, wenig nur hatte der Holzkapitän aus dem Ruin gerettet. Er hatte einmal einen Teppich aus Smyrna besessen und eine Mokkamühle aus der Türkei. Nun musste er sich mit einer Binsenmatte begnügen und mit einem Kaffeelot, darin die wenigen Kaffeebohnen gemessen wurden, die er zu Bieke zum Mahlen trug.

»Man hat meiner Frau viel nachgeredet«, fuhr Ohlik fort. »Sie hätte zu teure Federn getragen. Aber ich muss dir sagen, dass ihr nichts besser stand als der Hut mit den echten Federn.«

Ach ja, mancher Paradiesvogel hatte sein Leben lassen müssen, damit Frau Hilda Ohlik sich schmücken konnte. Ist es nicht sonderbar, dass ein kleiner Vogel unter der Tropensonne sterben muss, damit seine Pracht durch die Strassen von Thorde spazieren kann?

»Sie war eine schöne Frau«, sagte Ohlik. »Vielleicht war es für einen Holzhändler vermessen, mit der Schönheit auf du und du leben zu wollen.«

Er hatte dieser Schönheit alles geopfert, aber er bereute es nicht. Er war glücklich, dass er, nun wo sie entschwunden war, sich noch an ihrem Flitter erfreuen durfte. Ja, es gibt Tote, die bunte Schatten werfen.

Er hielt nicht mehr zurück. Er tat mit seiner Bewunderung sich keinen Zwang mehr an. Er würde ohne Bedenken zum zweitenmal an dieser Frau verarmen. Auf den Händen würde er sie nach Hause tragen und sanft betten. Was aber hatte Pagel getan?

»Du solltest dankbar sein«, sagte Ohlik. »Melitta ist nicht wie die anderen Frauen. Was hat sie für zierliche Füsse und welchen leichten Gang. Wie Milch und Blut ist ihre Haut. Melitta gibt etwas darauf. Ja, du könntest schon dankbar sein.«

Pagel hatte den Kopf gestützt. So dunkel war es nun geworden, dass er den Holzkapitän nicht mehr sah. Da war nur noch die Stimme, die aus brauner Finsternis auf ihn einredete. Ach ja, Melitta ist jung, und man muss weit suchen, um eine Frau zu finden, die man ihr vergleichen könnte. Feine Knöchel hat sie und eine weisse Stirn. Nicht verändert hat sie sich in den Jahren. Es könnte keiner sagen, dass sie älter geworden wäre. Ihr Lachen ist noch das gleiche, dieses Lachen, das ihn einmal eingefangen hatte. Man ist jahrelang auf See gefahren und nichts anderes war um einen als das eintönige Rauschen der Wellen. Auf einmal aber lachte eine Frau. Ernst und schwer ist man selber, und selten hallte das Lachen hinter den Worten auf. Nun war ein helles Gelächter zu einem gekommen, ein heiterer Mund, ein Singvogel. Er hatte seine eigene Melodie. Durfte man ihm deswegen zürnen?

»Du könntest wohl stolz sein auf deine Frau«, sagte Ohliks Stimme, »aber fast scheint mir, dass du ihren Wert nicht ermisst. Es geht dir so wie einem Gärtner, der nur zur Stunde der Blüte da sein will. Solche Blume aber muss gehegt und gepflegt werden. Das darfst du nicht vergessen.«

Pagel stand auf und ging in dem Zimmer auf und ab. Er hatte eine tönende Stimme, und was er jetzt sprach, hatte Mühe, in der kleinen Stube unterzukommen.

Pagel sagte: »Ich dachte: sie wird sich freuen, wenn ich zurückkomme. Ich hatte für sie ein Armband gekauft mit einer Perlenschnalle daran. Das wird ihr Freude machen, dachte ich. Jedoch sie war nicht da. Ich habe sie gesucht. Das weisst du. Als sie auch bei Moeb nicht war, wusste ich, wo sie sich aufhielt. Ich wollte sie nicht beschämen. Ich bin nicht in die Gaststube gegangen. Durch den Garten bin ich gegangen und habe durch das Fenster gesehen. Als hätte ich ein schlechtes Gewissen, hab ich am Fenster gestanden. Sie war nicht in der Gaststube. Wo sollte ich sie nun noch suchen? Ich hätte gewünscht, dass sie in der Gaststube gewesen wäre. Ja, ich wäre damit einverstanden gewesen, denn ich wusste nun nicht mehr, wo ich sie suchen sollte. Ich habe lange an dem Fenster gestanden. Dann schien es mir, als würde man aufmerksam. Da bin ich davongeschlichen. Man sollte mich nicht bemerken. Wie ein Dieb hab ich mich davongemacht. Durch die kleine Pforte wollte ich gehen, da musste ich an der Schaukel vorbei. Sie sass in der Schaukel und schlief. Da sass sie, die mir solche Ungelegenheiten gemacht hatte, sass da und schlief. Ich wollte sie aufwecken. Ich stiess sie an. Aber sie kam nicht zu sich. Da packte mich der Zorn.

»Du hättest nicht glauben sollen, wie erschrocken ich war, als ich es hörte«, sagte Ohlik.

»Wir wollen nicht mehr davon reden«, unterbrach ihn Pagel.

»Hast recht«, antwortete Ohlik. »Es ist gut abgegangen. Sei froh, dass es so abging. Es gibt Augenblicke, wo man blind ist. Ich entsinne mich, dass Hilda einmal nicht da war, als ich von einem Kauf nach Hause kam. Ich hatte gesagt, dass es wohl zwei Tage dauern würde, aber es entschied sich schon am ersten Tag. Es war im Winter, und auf dem Fluss war eine Eisdecke. Nicht stark, doch gerade fest genug, dass sie trug. Ja, nun war Hilda nicht da. Sie wäre im Schlitten fortgefahren, sagte das Mädchen. Ich ängstigte mich und liess sie suchen. Denn, wie gesagt, das Eis war nicht sehr dick. Bis zum späten Abend suchte ich sie. Dann kam sie zurück. Brint hob sie aus dem Schlitten und lachte. Ich war in grosser Aufregung. Ich hatte eine Holzstange in der Hand. Ich weiss selbst nicht mehr, wie ich sie in die Hände bekommen hatte. Sie lag wohl am Boden. Nun gut, ich hatte die Holzstange in der Hand. Ich war in grosser Aufregung. Ich zitterte, als Hilda mir die Hand reichte. Ich habe die Holzstange weggeworfen und weinte. So aufgeregt war ich. Ich weiss, es gibt solche Augenblicke.«

Ja, Ohlik hatte die Holzstange beiseitegeworfen, aber Pagel hatte das Messer genommen. Man musste dem Himmel danken, dass sein Zorn mit den Seilen zufrieden war, daran die Schaukel hing.

»Es ist gut, wenn man einmal darüber redet«, sagte Ohlik. »Was geschah, ist wohl wert, durchdacht zu werden. Überleg es dir genau, ehe du wegen meines Planes zu einem Entschluss kommst. Aber wie gesagt, es ist eine gute Idee, das Logierhaus. Du könntest dann deine Seefahrt aufgeben. Glaub mir, es wäre schon gut, wenn Melitta nicht soviel allein sein würde. Ich denke doch, dass es dir nicht schwerfallen kann.«

»Ich will's mir überlegen«, sagte Pagel.

Sie hörten draussen Schritte. Es war Melitta. Nun öffnete sie die Tür und rief:

»Wahrhaftig, ihr sitzt im Dunkeln!«

Sie zündete die Lampe an und lachte, weil die Männer blinzelten. So war Melitta. Sie wusste, dass Ohlik eine Stunde lang auf Pagel eingeredet hatte. Derart vertrauensvoll war Melitta, dass sie alles schon in Ordnung glaubte. Ja, sie lachte schon wieder.

Ohlik erhob sich. Er konnte Boom Garde nicht mehr allein lassen.

»Er kennt sich mit dem Apparat nicht so aus«, sagte Ohlik. »Schliesslich könnte es doch sein, dass eine Meldung gegeben wird. Ich hätte eigentlich schon gehen sollen.«

Er geht umständlich. Er bewegt noch die Arme. Vielleicht redet er mit jemanden, der ihm zur Seite geht. Es ist dunkel. Nicht alles sieht der Mensch.

Melitta wartet, dass Pagel spricht. Sie hat sich auf den Stuhl gesetzt, auf dem Ohlik gesessen.

Ja, nun könnte er reden.

Dann meint sie wohl, dass die Lampe schwele. Sie macht sich daran zu schaffen. Ihr weiches Haar ist zu Pagel gebeugt. Er hatte sich auf den Tisch gestützt und wollte nun seinen Kopf nicht zurückziehen. Ihr weiches Haar berührte ihn. Da hob er die Hand und strich leise das Haar fort. Er sah sie an. Sie hatte Tränen in den Augen. Eben noch hatte sie gelacht, nun weinte sie. Da sagte er langsam: »Melitta.«

Sie aber tat, als wäre die Lampe von selber erloschen.

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