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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 29
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Hinter Juliusbad, weiter in die Berge hinein, liegt die Hasenmühle.

Das Spiel ihrer Räder steht seit Jahren stille. Das laufende Wasser ist ein trüber Teich geworden. Unter Erlen liegt achtlos der letzte Mühlstein.

Die Hasenmühle ist jetzt ein Wirtshaus.

Ehemals ging in der Mühlenstube der Pumphut um, der ewige wandernde Müllergeselle.

Auf der Eselstrappe hörte man mitternachts den klagenden Schrei eines Tieres, das unter geisterhafter Last Nacht für Nacht vorüberziehen musste.

Oft klapperte vor dem ersten Hahnenschrei der tote Müller im Steinkeller lärmend mit seiner Uhrkette. Als schwere Eisenkette muss er sie schleppen bis zum jüngsten Tage, weil er in Notzeit armen Leuten ihr Mehl falsch verwog.

Nun war die Mühlenstube eine billige Schenke geworden.

»Wo früher lustige Mahlgäste, Burschen und Mägde, ihren Scherz trieben, während Steine, Walzen, Kolter und Stampfen oben in der Mühle das gelieferte Korn zermahlten, tranken jetzt armselige Menschen ihren Branntwein.

Abgehärmte Gestalten waren es, und ihr Lachen langte nur selten zu einer bleichen Fröhlichkeit.

Nach seinem Tagewerk kehrte der Schindelhauer hier ein. Er hat tagsüber in der Nähe unter den geschlagenen Bäumen die astlosen und gradgehauenen in Klötze gesägt. Er hat diese Klötze mit freier Hand in ebenmässig dicke Schindeln gespalten, sie schockweise in Bündel verpackt und zur Abfuhr bereit am Wege aufgestapelt.

Hier in der Hasenmühle trinken die Köhler ihr Glas.

Seit drei Tagen brennen die Meiler. Es wird noch drei Tage dauern, bis sie zum Rande durchgebrannt sind, gelöscht und aufgerissen werden können.

Der Bau der Meiler ist mit aller Obacht und Sorgfalt vor sich gegangen. Die Köhler haben den Quandel errichtet, die mannshohe Röhre aus Knüppel und Reisig. Sie haben die Holzscheite in zwei Schichten gegen ihn übereinander gestellt, in wohlgeordneter Schräge, damit der Kegel im gutgezirkelten Kreise ausläuft. Sie haben die Spalten gewissenhaft mit Moos und Heckenreisig verstopft, haben trockenes Laub zwei Handhoch darüber geworfen, dann auf das Laub in gleichmässigem Schwünge die lockere Erdschicht.

Im raschen Zugriff wurde die Quandelröhre mit Erde verschlossen, als die brennenden Kohlen anzündend den Meiler in Brand setzten. Sie haben die gierige Flamme, die schon in die Haube des Kegels sich einfrass, geschickt, durch Stich und Stoss die Zugluft regierend, in allmählichem Abstieg wieder bis zu dem Fusse des Meilers gelockt.

So wurde das Hauptwerk getan. Was noch bleibt, ist das prüfende Auge des Wächters, seine sichere Hand, wenn das offene Feuer den trockenen Meiler verzehren will.

Nun haben die Köhler Zeit zu dem Umtrunk.

Auch die Holzfäller kehren vor dem Heimweg abends in der Hasenmühle ein, und sonnabends, wenn sie ihren Lohn in der Tasche haben, die Arbeiter aus dem Schieferbruch.

Oft kommt auch Anton, der alte Bergknappe.

»Glück auf«, sagt er und stellt sich an den Schanktisch.

Seine Enkeltochter nimmt ihm jeden Groschen ab und so muss er warten, bis einer ihm einen Branntwein bezahlt.

Er ist stundenlang unterwegs gewesen, hat Felsschluchten und verlassene Bergstollen durchkrochen und trägt nun in den Taschen die Ausbeute des Tages, Steine, die er für ein paar Pfennige an Fremde verkaufen wird, blanke und bunte Steine, durchsichtige und funkelnde, Quarz und Kalkspat.

Wenn ein Gast ihn einlädt, erzählt er zum Dank aus vergangenen Tagen, erzählt, wie er im »Silbernen Segen« auf tiefer Wasserstrecke, – ja, auf einem Wasser, das weder Sonne noch Mond je zu Gesichte bekam – in seinem Kahne das Erz fortgeschafft hätte, ohne Ruder und Steuer, nur am ausgespannten Seil das beladene Erzboot Hand über Hand mit geübtem Griff weiterziehend. So sei er Tag für Tag auf stummem unterirdischen Gewässer, das keine Welle und keinen Anschlag kennt, durch die düsteren Schächte hingeglitten, kein anderes Geleucht in der Finsternis als das Grubenlicht und keinen anderen Lebensgruss als das bleiche Wort eines vorüberziehenden Bergmanns, der sein lautloses Schiff auf dem grauen Kanale dahintrieb.

Nun hat das Alter ihn aus den Gruben herausgespült. Die Sonne ist da und der hohe Himmel, aber seine Gedanken schweben noch immer durch die dunklen Gänge.

Seit der Brandmajor sich in der Hasenmühle einlogierte, hat Anton seine gute Zeit.

Ja, der Brandmajor lebt jetzt in der Hasenmühle. Er hat sein Spiel gegen den Grafen verloren. Die Nachbarn nahmen ihn nicht mehr ernst.

Da hatte er Haus und Habe in Erwinsrode verkauft und war aus der Stadt verschwunden. Zuletzt hatte man ihn noch einmal mitten auf dem Marktplatz stehen sehen. Es war ein regnerischer Abend gewesen. Er stand barhäuptig da und hatte die Hände bewegt, als redete er zu vielen Menschen. Dann war er davongegangen und keiner hatte ihn in Erwinsrode wiedergesehen.

Er war in die Hasenmühle gekommen, zu Fuss, einen Ranzen auf dem Rücken, einen Stock in der Hand. In langschäftigen Stiefeln kam er und in grüner Joppe, so, wie die Waldarbeiter gehen. Er nannte sich noch immer den Brandmajor, obgleich ihm dieses Amt genommen worden war.

Nun bewohnte er eine Stube, die ihre Fenster nach dem trüben Teiche hatte, an dessen jenseitigem Rande sich eine alte Eiche erhob, die Bauerneiche.

Vielleicht hatte dieses Baumes wegen der Brandmajor sich in der Hasenmühle niedergelassen, denn es wurde erzählt, dass der törichte Mann mit der Regenbogenfahne unter dieser Eiche seine armen Scharen gesammelt hätte, mit denen er dann Recht und Gerechtigkeit fordernd durch das Land gezogen war.

Unter dieser Eiche war damals auch von den Knechten des Grafen an einem unglücklichen Bauer, der auf der Flucht vor der bewaffneten Schar sich in der Mühle verbergen wollte, das Urteil vollstreckt worden.

Wenn der Brandmajor nun zwischen den Arbeitern und Holzfällern sass, zwischen Köhlern und den Männern aus dem Schiefer, und ihnen Bier und Branntwein einschenken liess, erzählte er von jenem vergessenen Manne, der seinen Glauben an den göttlichen Regenbogen mit dem Leben bezahlen musste.

»Die Grafen, gestern wie heute«, drohte der Brandmajor, »ich wills ihnen nicht vergessen.«

Er tat gerne, als wäre der Tag nicht mehr fern, an dem ihm das Gericht in die Hände gelegt würde.

»Du darfst ihnen nichts durchlassen«, sagte der alte Anton.

Das lange Leben hatte ihn gewitzigt gemacht, und er wusste, dass solch Vertrauen ihm noch ein Gläschen einbringen würde.

Der Schindelhauer war anderer Ansicht. Er behauptete, dass alle Schlechtigkeit des Menschen erst mit den steinernen Dächern gekommen wäre, denn, sagte er, wie könnten sie gute Gedanken haben, wenn sie zeitlebens schon in einem Sarg von Stein wohnen.

»Ja«, sagte er, »in der alten Grafenzeit nahmen sie noch Schindel und Stroh. Was im Walde und auf dem Felde wuchs, schirmte als Dach das Haus. Das scheint mir seinen Sinn zu haben.«

Der Köhler lachte über beide. Er erzählte eine Geschichte, die seine Mutter noch miterlebt haben wollte.

Damals wäre ein armer Köhlerbursche gewesen, der hätte sich für den Sonntag einen Fisch fangen wollen. Er hätte Schuhe und Strümpfe hinter einem Busch versteckt und wäre in das Wasser gegangen. »Als er nun in dem Bach stand«, erzählte der Köhler, »und auf eine Forelle lauerte, hörte er hinter dem Busch ein lustiges: Hihi!

Er trat schnell hinzu und sah, dass dort ein Paar winzige Schuhe aus Gold standen, neben denen ebenso kleine goldene Strümpfe lagen. Sein Fusswerk aber fand er nicht. Während er sich noch über die seltsamen Dinge wunderte, hörte er wieder ein lustiges Lachen. Da sah er ein Wichtelmännchen, das wie ein kleiner Bergmann gekleidet war, und in seinen Schuhen und Strümpfen einen fröhlichen Tanz vollführte. Die Sachen waren dem Zwerg viel zu gross, er stolperte über die Schuhe und verhedderte sich in den Strümpfen, war aber durch nichts zu bewegen, dem Jungen sein Eigentum wiederzugeben, ja, er bat den Burschen inständig, in den Tausch einzuwilligen, was dieser schliesslich auch tat.«

»Der Junge soll für das feine Schuhwerk viel Geld bekommen haben«, lachte der Köhler.

»Ja, damals«, sagte der Schindelhauer, »aber sie haben die Wesen aus der Welt getrieben. Sie konnten nie genug kriegen.«

Der Köhler bestätigte es.

Er erzählte, wie die Mutter jenes Burschen auch ihren Vorteil von dem Wichtelmännchen hätte haben wollen. Tags darauf wäre sie gleich in den Wald gelaufen und hätte ihr altes Umschlagetuch hinter dem Busche versteckt.

»Sie hörte auch wirklich ein Lachen«, berichtete der Köhler, »als sie aber hinter den Busch sah, lag ihr Umschlagetuch noch da, und es war nirgends das kleinste Goldfädchen daran zu finden. Da begann sie auf das Männchen zu schimpfen, wollte die Sache dann aber doch ein zweites Mal versuchen und setzte sich wieder an den Bach. Da sass sie nun eine Zeitlang und wartete, dass der Gescholtene ihr das Umschlagetuch wohl gar in einen purpurnen Mantel verwandeln möchte.«

Aber sie hätte umsonst gewartet, erzählte der Köhler. Auch nach dem zweiten Lachen hätte das Tuch unberührt an Ort und Stelle gelegen. Da wäre die Frau fuchsteufelswild geworden und soll geschworen haben, dass sie den kleinen hämischen Treibteufel bei lebendigem Leibe zu Tode piesacken würde, wenn sie ihn zwischen die Finger bekäme. Nach solchen vermessenen Worten wäre ein scheussliches Gelächter gewesen und eine Eule hätte das Umschlagetuch in ihren Fängen durch die Lüfte davongetragen.

»Da musste die Frau ohne Tuch zu Grabe«, sagte der Köhler, »denn sie hätte seit jenem Tag nicht mehr viel Brote geschnitten.«

»Wenn sie einen goldenen Löffel fanden, wollten sie auch den Teller von Gold haben, und wenn der Teller da war, sollten auch die Äpfel von Gold sein«, sagte der Schindelhauer.

»Es wird in der Welt von vielen goldenen Tellern gegessen«, antwortete der Brandmajor, »warum sollten nicht auch sie daran teilhaben.«

Anton nickte.

»Sie stehlen dem Bergmann das Erz aus den Fingern und machen sich Kronen daraus.«

Er hustete und stellte das Glas unberührt wieder hin.

»Ich war bei der unterirdischen Schiffahrt«, krächzte er, »ich weiss Bescheid.«

»Das »Wasser, das keinen Himmel mehr sieht«, grinste der Schindelhauer und kippte seinen Branntwein hinunter. »Donnerwetter«, lachte er und strich sich den Mund.

»Er wollte ihnen den Himmel geben, der Mann mit der Regenbogenfahne«, sagte der Brandmajor. »Es war noch nicht so weit, aber die Zeit kommt, sag ich euch. Jawohl, die Zeit kommt.«

»Ich werde die Fahne in die Hand nehmen«, schrie er. »Ja, das werde ich tun.«

Der Schindelhauer lachte ihn aus.

»Du alter Tapich«, lachte er.

Der Brandmajor bekam einen roten Kopf.

»Jammerkröt!« Er hätte dem Schindelhauer noch mehr gesagt, aber er besann sich. »Jammerkröt«, sagte er bloss.

Die drei beim Schnaps waren die letzten Freunde, die er hatte.

Anton merkte, dass ein Donnerwetter in der Luft lag. Er wollte es abwenden. Er stellte sich trunkener als er war, torkelte hin und her und sang:

»Mutter, ich geh auf die Freit!
Teufel, hol mich, es ist Zeit!«

»Mutter, ich geh auf die Freit«, brummte nun auch der Köhler. Der Schindelhauer aber überlegte, wie er dem Brandmajor die Jammerkröte zurückgeben könnte.

›Zuppelszeug‹, fiel ihm ein, aber er liess das Wort ungesprochen und starrte durch das Fenster.

Die anderen folgten seinen Blicken. Da sahen sie eine Frau auf das Haus zukommen. Sie trug einen Koffer in der Hand.

»Zuppelzeug«, sagte jetzt der Schindelhauer.

Er hatte wohl bemerkt, dass ihre Kleidung unordentlich war.

Der Wirt, ein hagerer wortkarger Mensch, schob sich vor. Er prüfte die Ankommende misstrauisch.

Die Frau ging nach kurzem Zögern auf die Pforte zu. Sie trat ein.

Nun, in der Nähe, sahen sie, dass auch ihr Gesicht unsauber war. Sie machte den Eindruck, als wäre sie einen weiten Weg achtlos durch Schmutz und Gestrüpp gelaufen.

Sie war sehr schwach, taumelte und sank in einen Stuhl.

Die Männer sahen sich unsicher an. Sie zuckten die Achseln und schüttelten die Köpfe.

Der Brandmajor sprang ihr schliesslich bei und flösste ihr etwas Branntwein ein. Der Wirt machte nicht die geringsten Anstalten, sich um den neuen Gast zu kümmern.

Der Schindelhauer hatte wieder Platz genommen, und auch der Köhler bedeutete dem alten Anton, der Frau durch seine Neugier nicht allzu lästig zu fallen.

Sie sassen nun schweigend am Tisch und taten so, als gäbe es nicht den kleinsten Anlass zu einer Verwunderung.

Was war auch geschehen? Eine erschöpfte Frau, die sich wohl verirrt hatte, war in die Schenke gekommen.

Allmählich erholte sie sich und der Brandmajor ging, ohne eine Frage zu tun, wieder zu den Männern.

Nach einem Weilchen fragte die Frau nach dem Wirt. Er meldete sich mürrisch vom Schanktisch her.

Die Frau war über seinen Tonfall so erschrocken, dass sie wieder schwieg. Der Wirt warf ihr einen scheelen Blick zu und liess sie in Ruhe. Er beachtete sie nicht weiter.

Die Männer waren durch die Ankunft der Frau in ihren Gesprächen gestört worden. Nun schien ihnen alle Laune vergangen zu sein. Sie sassen wie Stockfische da, führten hin und wieder die Gläser an den Mund, um nach einem langen Schluck wieder wortlos vor sich hinzustarren.

Der Köhler sah nach der Uhr, dachte an den Heimweg, blieb aber doch, weil er noch zu erfahren hoffte, was es mit der Frau für eine Bewandtnis haben könnte.

Auch dem Schindelhauer erging es ähnlich.

Inzwischen überwand die Frau langsam ihre Scheu. Sie erhob sich, trat an den Schanktisch und erkundigte sich bei dem Wirt, ob sie über Nacht bleiben könnte.

Er wollte ihr unwirschen Bescheid geben, aber der Blick, den ihm der Brandmajor zuwarf, zwang ihn zu zögernder Auskunft.

Als die Frau mit dem Preise sich einverstanden erklärte und aus einem Beutel das Geld auf den Tisch zählte, wurde der Wirt zugänglicher. Er liess sich sogar herbei, nach weiteren Wünschen zu fragen.

Die Frau bat leise um ein Glas Branntwein. Hinter ihrem Rücken nickte der Wirt den Männern bedeutsam zu.

Das also war es.

Die Frau hatte das Glas schnell geleert und erbat ein zweites. Ihre Stimme begann alle Zaghaftigkeit abzustreifen.

Ja, sie wandte sich zu den Männern und hob ihr Glas gegen den Brandmajor. Er verbeugte sich mehrmals und tat ihr Bescheid.

Anton wischte mit seinem Rockärmel einen Stuhl ab und schob ihn einladend der Frau hin, aber erst, als der Brandmajor sie aufforderte, setzte sie sich zu den Männern.

»Ach«, sagte sie, »ich sehe wohl recht unordentlich aus?« Sie glättete den zumpeligen Rock und rieb ihr Gesicht mit dem Taschentuch.

Der Köhler wies seine verrussten Hände und lachte. Der Schindelhauer spreizte seine rissigen Finger.

»Wir sind keine feinen Leute«, sagte er.

Der Brandmajor warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.

»Ich bin schon den ganzen Tag unterwegs«, sagte die Frau. »Ich bin wohl in der falschen Richtung gegangen. Ja, ich bin einfach in den Wald hineingelaufen.«

Wohin sie denn wolle, fragte der Brandmajor.

»Den ganzen Tag«, sagte die Frau nachdenklich. »Es ist das erste Glas. Ich habe noch gar nichts getrunken.«

»Da werden Sie Hunger haben«, sagte der Köhler.

Ach, ja. Sie hätte auch nichts gegessen, antwortete die Frau.

»Na also«, meinte der Köhler. Er bestellte bei dem Wirt einen Hering. Das war sein tägliches Essen. Er glaubte, dass es allen munden müsste.

Der Wirt brachte den Fisch. Die Frau zitterte ein wenig und schob den Teller beiseite.

»Nein, danke«, sagte sie.

Der Köhler zuckte die Schultern, zog sich den Teller heran und machte sich über den Fisch her.

Der Schindelhauer wollte sich nicht lumpen lassen. Er liess eine Lage kommen.

Das dritte Glas nahm der Frau die letzte Befangenheit.

»Ich esse keinen Fisch«, sagte sie lebhaft. »Es liegen zu viele tote am Strande.«

Ja, es wäre schrecklich, die vielen toten Fische, von der See ans Land geworfen. Nein, das sei kein schöner Anblick.

Woher sie käme, fragte der Brandmajor.

»Aus Juliusbad«, antwortete die Frau.

Sie erschrak etwas und blickte nach der Türe.

Sie beugte sich vor und flüsterte:

»Aus Juliusbad.«

»Und die See?« fragte der Brandmajor zweifelnd.

Die Männer blickten die Frau forschend an.

»Ja, die Fische?« fragte der Köhler.

Anton, dem die Schnäpse jetzt tatsächlich zuzusetzen begannen, lachte.

»Die See, aha. Ich war auch bei der unterirdischen Schiffahrt«, protzte er.

»Ja«, sagte die Frau. »Er war Kapitän.«

»Kapitän«, rief der Schindelhauer und schlug Anton herzhaft in den Rücken.

Anton ärgerte sich über den Scherz. Er wandte sich an die Frau.

»Jawohl, ich habe den Erzkahn gefahren im ›Silbernen Segen‹.«

»Silber! So sieht er aus«, belustigte sich der Schindelhauer. Er legte die Hand an den Mund und sagte zu der Frau:

»Bleierner Segen, das wäre richtig!«

Die Frau nickte lebhaft.

»Das Silber ist alle«, sagte sie. »Nein, es gibt keine Millionen. Es hat nie welche gegeben.«

»Für uns nicht«, bestätigte der Schindelhauer. »Wohl bekomms.«

»Für alle, ich schwörs, für alle«, fuhr ihn der Brandmajor an.

Der Schindelhauer schüttelte langsam den Kopf.

»Sie haben die Wesen aus der Welt verjagt«, sagte er.

Er wies auf den Köhler.

»Was hat er vorhin erzählt? Goldene Schuhe. Goldene Strümpfe. Haha!«

»Goldene Schuhe«, fragte die Frau.

»Einmal klopfte es nachts an die Tür«, sagte der Köhler. »Da öffnete die Frau. Deren Mann war vor kurzem gestorben. Da stand der Tote leibhaftig vor ihr. Er liess sich einen Sack geben und sammelte die Steine auf, die er zu Lebenszeit seinem Nachbar aufs Feld geworfen hatte. Er stellte den Sack mit Steinen seiner Frau in die Stube. Als er ihr zum Abschied die Hand geben wollte, hat sie schnell die Schürze um ihre Hand gewickelt. Das war auch gut so, denn am Morgen sah sie, dass in die Schürze ein grosses Loch gebrannt war. Ja, so sind die Toten. Die Steine im Sack sind auch kein Gold geworden. Sie hat tagelang darauf gelauert. Dann ist sie hingegangen und hat dem Toten die Steine aufs Grab geschüttet. So zornig war sie auf ihn. Als sie nach Flause kam, drückt ihr der Schuh. Da findet sie einen kleinen goldenen Stein darin.«

»Einen kleinen goldenen Stein«, lachte der Köhler. »Keinen goldenen Schuh.«

Da wäre die Frau dann zurück an das Grab gelaufen, aber die Steine seien verschwunden gewesen. Der Tote wäre ihr nie wieder zu Gesicht gekommen, aber wenn sie nachts einmal von ihm geträumt hätte, dann wäre er immer in einem sauberen weissen Sterbehemd vorübergewandelt.

Der Köhler leerte sein Glas.

»Ein kleines goldenes Steinlein«, sagte er. »Ein Pfifferling für die ewige Seligkeit. Nun, wir haben nicht mai das. Wenn uns im Buschwerk eine anfährt, ist es Schikane.«

»Die Tattersch«, rief der Schindelhauer.

Anton legte die Finger auf den Mund.

»Sie will einen Krötenstein haben«, sagte er behutsam.

Der Brandmajor schnitt ihm das Wort ab.

»Genug Geschwätz! Komm her, Wirt, schenk uns ein und auch dir. Das Glück fürchtet sich vor sauren Mienen. Ist es nicht so, liebe Frau? Aber ich sage Ihnen, der Mann mit der Regenbogenfahne kommt wieder.«

Alle haben wir unsere Träume und Hoffnungen.

»Ja«, sagt die Frau und blickt den Brandmajor freundlich an. Sie glaubt ihm jedes Wort. Er war gut zu ihr, als sie in die Schenke trat. Er hat sich um sie bemüht, als sie elend in den Stuhl fiel.

Der Wirt hatte die Frau anfangs schlecht behandelt. Er will es gutmachen. Er holt eine Zither unter dem Schanktisch vor und schiebt sie dem Köhler hin.

»Spiel eins auf«, sagt er, »die Frau kennt es nicht.«

Der Köhler probte das Instrument. Er räusperte sich umständlich. Dann sang er.

»Kommt, laht uns 'ne Hütte buhn,
Wu me disen Sommer ruhn!«

Es war ein altes Köhlerlied, das angestimmt wurde, wenn die Köte gebaut und der Meiler vollendet war.

»Und kimmt der leiwe Sonntag ran,
Dann komm unser Feinsliebe an«, sang der Köhler.

Er hatte eine rauhe Stimme und die Zither klimperte blechern, aber es war Musik und die Frau nickte und lächelte.

»Hohüdü – hoido«, fiel der Schindelhauer ernsthaft ein.

»Und kommt der Herbst mit Saus und Braus,
Dann zieht der Köhler gern nach Haus.«

»Hoido«, gröhlte der alte Anton dazu.

»Hoido«, sangen sie alle.

»Ho und hei«, sang die Frau.

»Spiel die Schleife«, bat der »Wirt. Seine Augen waren einen Schein heller geworden.

Gelassen und mit grosser Sorgfalt zupfte der Köhler das Nachspiel. Steif und hölzern im Takt tratschten die Töne dahin.

Aber die Frau liess keinen Blick von den singenden Saiten. Sie wiegte sich in den Schultern. Ihre Lippen, halboffen, bewegten sich nicht, aber ihre Stimme war da und sang:

»Ho und hei!«

Das Lied war zu Ende. Die Frau sah den Köhler bittend an. Er hatte die Saiten langsam aushallen lassen. Er wusste kein anderes Lied mehr.

Doch nun war Anton in Stimmung gekommen. Er entsann sich einiger Tanzstrophen, die von den Bergleuten früher gesungen wurden.

»Weil's poasst, su tanzen mir oach noch,
Aerscht moachen mir ä Schpiel.
Net woahr, mir schpiel'n es Fuckseloch
Uewer Bänk, uewer Tisch und Schtühl.
Kumm David, tanss än Woalsser mit,
Namm mant fluks meine Fra.
Povetter Ey trat in Kelied
Mit d'n Vadder Josua.«

Er klatschte in die Hände und sang:

»D'r Kimpel aus! Dos kieht denn schün,
Vetter Brettsuhl, schpiel behend.
He lustig, schönner koanns net kiehn,
Rächt su, klapt in de Händ.«

Er klappte, hustete und brachte das Lied mühsam zu Ende. Er stiess den Köhler an und deutete heftig auf die Zither.

»Vetter Brettsuhl«, rief er aufmunternd.

Der Köhler griff die Melodie nach. Schliesslich bekam er die Begleitung zustande.

Anton begann von neuem, aber er verwirrte die Strophen, bis er nur immer wieder:

»Kum David tanss an Woalsser mit«

lauthals herauskrächzte.

Der Schindelhauer schnitt wehleidige Gesichter über solchen Gesang. Der Wirt lachte derbe.

Der Brandmajor war aufgestanden und schritt, die Hände auf dem Rücken, in der Wirtsstube auf und ab. Wenn Anton sein Lied durcheinander brachte, stampfte er ärgerlich mit den Füssen. Schliesslich wandte er sich ungeduldig um und klatschte so heftig mit, dass der Alte bald ganz aus dem Takt kam.

Zum Schluss hustete er bloss noch und der Brandmajor schlug dazu grimmig in die Hände.

Nun hielt der Schindelhauer sich die Ohren, während der Wirt ein schallendes Lachen ausstiess.

Die Frau schrak durch diesen Lärm aus ihren Gedanken auf.

Sie sah sich verlegen um.

Der Brandmajor winkte dem Wirt. Die Gläser wurden von neuem vollgeschenkt.

Der Schindelhauer beugte sich zu der Frau und sagte leise:

»Ein spendabler Beutel, der Brandmajor.«

Die Frau blickte den Spender an. Er hob sein Glas und trank auf ihr Wohl. Sie strich schnell die Haare glatt.

»Auf Ihr Spezielles, Herr Major«, sagte sie.

Der Brandmajor bekam einen roten Kopf, aber antwortete nichts.

Die Frau blieb nun bei dieser Anrede.

Sie wandte sich jetzt nur noch an ihn.

Ob der Herr Major den Konsul in Thorde kenne?

Der Brandmajor nagte an der Unterlippe.

Nein! Was denn Thorde wäre?

»Thorde?« erwiderte sie überrascht. »Ja, Thorde ist doch die Stadt an der See.«

Die Männer hatten von Thorde noch nichts gehört.

Die Frau begriff das gar nicht.

Ob sie aus Thorde käme, erkundigte sich der Brandmajor.

Sie dachte nach, dann sagte sie:

»Das wäre wohl nun schon lange her. Ja, früher war ich dort. Ich will auch wieder hin. Der Kapitän kann inzwischen angekommen sein. Er war viele Jahre fort, aber er kommt wieder.«

»Ein Kapitän?« fragte der Brandmajor.

»Ja, der Kapitän!«

Der Köhler wollte nun endlich Klarheit haben. Er fragte schroff:

»Was ist das für ein Kapitän?«

Die Frau lächelte.

»Es kann ihm keiner das Wasser reichen. Bestimmt nicht. Nein, das kann keiner. Sie hätten auch das Strandschloss nicht ohne ihn bauen können. Nun sitzen sie darauf und tun sich dick. Aber er hat es zustande gebracht. Ja, das hat er. Glauben Sie mir, Herr Major, sie wären alle in Thorde verhungert.«

Dem Schindelhauer wurde das Gespräch ungemütlich. Er ging grusslos hinaus. Der Köhler folgte ihm bald.

»Wenn Sie auf Ihr Zimmer wollen, da hängt der Schlüssel«, zeigte der Wirt und zog sich hinter den Schanktisch zurück. Was sollte er sich solch Geschwätz anhören. Sie hatte aber auch den Branntwein wie Wasser getrunken.

Anton hatte den Kopf in den aufgestützten Arm gelegt und schlief.

Der Brandmajor sass der Frau gegenüber.

»Sollen verhungern«, sagte er. »Sehen Sie mich an, liebe Frau. Ausgelacht, fortgejagt. Aber ich komme wieder. Ich zahl's dem Grafen heim. Was wollte ich? Gerechtigkeit. Ich war der Brandmajor von Erwinsrode. Die armen Leute sollen ihr Brot haben, Herr Graf, hab ich gesagt. Sie müssen das Terrain hergeben für die Fabrik, ja, das habe ich gesagt. Was hat er geantwortet, der Graf? Ich komme zum Michaelisfest! Das war seine Antwort. Der Herr Graf geruhen persönlich auf dem Fest zu erscheinen. Haha. Und die armen Leute? Sie standen da, den Hut in der Hand. Hurra, unser Graf! Man kann es ihnen nicht übel nehmen, liebe Frau. Sie denken an ihr Brot. Der Graf hat nämlich ihr Brot in der Tasche. Verstehen Sie. Wenn er die Tasche zuknöpft, müssen sie alle verhungern.«

Die Frau nickte.

»Ja, sie hätten alle verhungern müssen, wenn er nicht gewesen wäre. Was ist aus der Stadt geworden. Früher waren es ein paar Häuser. Aber als das Schloss gebaut war, da setzte der grosse Strom ein.«

Der Brandmajor schüttelte den Kopf.

»Er ist auch bloss ein Mensch. Glauben Sie mir, liebe Frau, er ist auch bloss ein Mensch.«

»Es kann ihm keiner das Wasser reichen«, antwortete die Frau.

Der Brandmajor fuhr zornig auf. Er schlug auf den Tisch. Er schrie:

»Ich werde ihm das Wasser abgraben. So wahr ich hier stehe.«

Die Frau schluchzte. Sie ängstigte sich. Sie stammelte:

»Was hat er Ihnen getan?«

»Er hat mich zum Gespött gemacht«, rief der Brandmajor. Er rüttelte den alten Anton.

»Wach auf. Was schlaft Ihr? Es ist Zeit. Ich will mit ihm abrechnen.«

»Nein«, jammerte die Frau, »nein, nein!«

Sie hängte sich an seinen Arm. Sie drängte ihren Kopf an seine Schulter.

»Nein, nein«, flehte sie.

Der Wirt trat atemlos vor. Anton hatte sich schwerfällig ermuntert. Er sass mit offenem Munde da.

»Sie ist tot«, sagte die Frau hastig. »Ja, nun ist sie tot. Es waren keine Millionen da. Was soll ich ihm sagen, wenn er wieder kommt. Leere Hände, wird er mir antworten. Pah, leere Hände. Er hat Ihnen doch nichts getan, der Kapitän. Ach, Herr Major, was soll ich ihm antworten.«

Sie schlug mit dem Kopf auf den Tisch. Sie weinte laut.

Der Brandmajor wusste nicht, was er tun sollte. Er klopfte ihre Hände, er klopfte ihre Schulter.

»Nein, der Kapitän nicht«, sagte er fassungslos. »Hören Sie doch. Es ist ein Missverständnis. So hören Sie doch.«

Aber die Frau weinte und weinte.

»Ich hab das Schloss in gute Hände gegeben«, schluchzte sie. »Ich hab nichts vertan.«

Der Brandmajor hob ihr den Kopf von dem harten Holz und schob seine Hand darunter. Er fühlte, wie ihre Tränen sich in seiner Handfläche sammelten. Er sass still. Er bewegte sich nicht.

»Es wird ihr gut tun«, sagte er zu den beiden Männern.

Sie stimmten ihm durch Zeichen zu. Sie verhielten sich lautlos.

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