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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 22
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Am Morgen lagen die Wiesen wie Inseln unten in dem Nebel. Die Bäume, die sonst in der Landschaft aufgehen, sind über ihre Masse gewachsen, stehen gespenstisch im grauen Wasserrauch, tragen verworrene Gesichter, recken ihre Schattenarme und ihre Stämme sind riesige Leiber geworden. So agieren sie in dem tragischen Spiel des Jahres.

Unmässig grosse Vögel stiegen an der Nebelwand auf, verschwammen, verschwanden.

Manchmal fiel ein Blatt durch das feuchte webende Grau, schwebte hin, schwebte her, sank, sank und fiel zu Boden. Wie Glas klang es.

Der Nachbar schritt den schmalen Waldweg, der nach Montbrillant führte.

Er traf den Förster und sie wechselten ein paar Worte. Aus dem Innern des Waldes hörte man den Holzschlag.

Dann zog eine gebückte Frau mit einer Fuhre vorüber. Sie hatte Reisig gesammelt und war auf dem Heimweg.

Der Nebel war lichter geworden, ein weisser dünner Schleier nur noch zerriss er zwischen starrem Geäst.

Auf einem Baumklotz am Wege sass der Pilzmann. Er war nach reifen Beeren unterwegs. Nun hatte er ein Stück Brot aus dem Korb hervorgeholt und zerschnitt es bedächtig. Als der Nachbar vorüberging, bewegte er grüssend den Kopf und murmelte ein paar Worte.

»Verhelf dir Gott ins Himmelreich«, sagen die grauen Männlein, die am Wege sitzen. Vielleicht sagte er Ähnliches.

Der Tag war licht geworden. Man unterschied deutlich das verschiedene Strauchwerk, Hartriegel, Hornstrauch und andere Holzgewächse.

Die Stämme glänzten jetzt in vielen Farben. Giftgrüne und blaue Stämme gab es. Sie gehörten der Kiefer. Es war das purpurne Lila einer Fichte, das helle Grau der Buche, das wächserne Weiss von den Birken.

Hin und wieder stand schwarz und rissig der gewaltige Körper der Eiche einsam in all dieser Vielfalt.

Ein langer Holzwagen, auf dem geschlagene Stämme mit grossen Ketten zusammengeschlossen ihren letzten Weg aus dem heimatlichen Wald antraten, war quer über eine Lichtung geschoben. Der Kutscher schöpfte aus dem nahen Quell in blechernem Eimer Wasser für seine dampfenden Pferde.

Er sah den Nachbar, stellte den Eimer hin und kam auf ihn zu. Es war der Vater des kleinen Mädchens, das Wieschen hiess und dem Pagel die Schürze geschenkt hatte.

Ja, der Mann hatte vorübergehend nun diese Beschäftigung. Hoffentlich dauere sie in den Winter hinein. Er erzählte von den Kindern. Wieschen nenne noch oft den Nachbar. Das gestickte Häschen auf der Schürze erinnere sie wohl daran. Olga, die ältere, verdiene auch schon ein paar Groschen. Sie beaufsichtige den dreijährigen Sohn des Pastors, spiele mit ihm nach den Schulstunden und sei überhaupt in dem Pfarrhause wohlgelitten. Das käme wohl daher, dass die Mutter früher dort als Mädchen in Dienst gestanden hätte. Die Mutter müsse sich noch immer sehr buckeln. Es wäre kein leichtes Brot, als Botenfrau zu gehen.

Der Mann berichtete das alles ohne Aufforderung. Er war wohl froh, die Arbeit durch ein unverhofftes Gespräch verkürzen zu können.

Ob der Nachbar noch den Löffel habe, den Olga geschnitzt hätte? Sie verstünde es jetzt viel besser, und der Nachbar solle nur mal sehen, zu welcher Fertigkeit sie es schon gebracht habe.

Ja, der Nachbar hatte noch den hölzernen Löffel. Er verwahrte ihn in der Ledertasche unter dem Wagensitz.

Als er weiterschritt, klang in seine Gedanken das Lachen jenes kleinen Mädchens. Es hiess Wieschen, war vier Jahre alt und seine Drolligkeit hatte ihn erfreut. Aber dann war es nicht mehr dieses fremde Kind. Es hatte ein anderes Gesicht bekommen. Aus der Erinnerung stieg es empor. Es wurde Dole gerufen.

Der Nachbar ging nun achtlos des Wegs. Er schritt im Geiste andere Pfade. Es waren nicht die Bäume, die zu rauschen begannen, die See musste es wohl sein und der lustige Vogel, der vor ihm herflog und glockenhell lockte:

»Immer her, immer her. Sieh da, sieh da. Komm her, komm mit«, war das silberne Lachen einer Frau geworden, das ihn umklang und umsang.

So zwischen Wachen und Träumen kam der Nachbar nach Montbrillant.

Das Jagdhaus war ein schmuckloser Holzbau, aus starken Stämmen gefügt, der über dem Buchenportal in erheblichem Ausmasse das gräfliche Wappen trug. Ohne diesen Schmuck hätte es eher die Behausung eines Försters vorstellen können als den lustigen Zeitvertreib der Grafen von Erwinsrode.

In dem Nebengebäude, worin auch die Küche untergebracht war, hatte der Kastellan seine Wohnung. Er war ein kurzer, grimmig aussehender Mann, der allgemein Herr Dachs genannt wurde, und weil man ihn auch so anredete, war wohl anzunehmen, dass er diesen Namen schon seit seinem ersten Atemzuge trug.

Seine Frau, eine hagere Person, die noch der verstorbenen alten Gräfin lange Jahre treu gedient hatte und durch eine Art testamentarischer Verfügung mit Herrn Dachs, dem ehemaligen Leibkutscher, verheiratet worden war, machte sich am Brunnen zu schaffen.

Auch ein paar Kinder, halbwüchsige Ungezogenheiten, die von ihrem Vater kurzweg mit Swienegel bezeichnet wurden und in Wahrheit auch nichts anderes vorstellten, tummelten sich auf dem Hofe.

Als der Nachbar ankam, stand Herr Dachs in der Umzäunung hemdsärmelig und mit einer Axt bewaffnet, während ein sonderbares Gefährt, eine auf einem Rädergestell ruhende Bandsäge, die durch eine mühsam prustende Dampfmaschine in Bewegung gesetzt wurde, das Winterholz zerschnitt. Ein Bursche schob der gefrässigen Säge die unhandlichen Scheite hin, und die älteren Swienegels stapelten die abfallenden Kloben an der Schuppenwand auf. Der kleinere Swienegel, ein rothaariges Mädchen, lief unbekümmert um solche Hantierungen staksig auf hohen Stelzen in immer kürzer werdenden Kreisen um die Arbeitenden. Zuweilen, wenn sie der knirschenden Säge zu nahe kam, drohte Herr Dachs ermahnend mit der Axt.

Er wurde kaum des Nachbars gewahr, als er sich mit einer bei seiner Beleibtheit erstaunlichen Fixigkeit in den dunklen Rock warf, der am Gitter hing. Dann, noch mit den blanken wappengezierten Knöpfen beschäftigt, begrüsste er umständlich den Ankömmling. Seine Freude über den wohlgelittenen Gast artete in ein stossweises schallendes Gelächter aus.

Auch Frau Dachs kam sofort herbei, in der Hand den Futternapf für die kreideweisse Ziege, die neugierig durch das kleine Fenster in der Schuppenwand äugte.

»Der Nachbar«, gurgelte Frau Dachs vor Verwunderung, »sich einer an!«

Die Kinder waren nur schwer zu einem Grusswort zu bewegen. Das jüngste, jenes auf Stelzen laufende Mädchen, verschwand eilig auf die hintere Hofseite.

Der Nachbar kam endlich dazu, den Kastellansleuten klarzumachen, dass sein Besuch dieses Mal dem Maler gelte, dessen dröhnende Stimme hin und wieder singend aus dem Hause herüber schlug.

Haha, dieser Maler! Zuerst war man mit solchem übergeschnappten Hausgenossen gar nicht einverstanden gewesen.

»Künstlerblut«, sagte Herr Dachs und zwirbelte den spitzen Eberzahn an der Uhrkette.

Er wollte sich über diese Art Menschen im Längeren ergehen, verschob das aber, auf Einspruch seiner Frau, bis zum Mittagessen.

»Du bleibst doch zu Tisch?« lud er den Nachbar ein. »Keinen Habdichnicht! Mutter hat's reichlich im Topf.«

Frau Dachs bestätigte das, und durch solche Worte an die Küche erinnert, lief sie mit dem Ziegennapf unter vielen Entschuldigungen davon.

Also der Maler! Ja, man hätte sich schnell an ihn gewöhnt. Gewissermassen schon in der zweiten Stunde. Aber in der ersten, nun da hätte er daher geschnackt wie der Küster auf der Taufe.

Er sagte das dem Nachbar hinter der vorgehaltenen Hand ins Ohr, sprach dabei aber lauter als sonst, um die Gewissheit zu haben, dass seine Worte über den Handrücken weg auch gut verstanden würden.

»Zuerst war ich bass perplex«, sagte Herr Dachs. »Er schneite uns direkt ins Bett. Ich hatte schon einmal 'rumgeschlafen. Richtig, ich musste 'raus und in die Hosen. Der Kutscher händigte mir den Brief vom gnädigen Herrn aus. Ich lese. Nun wird's Tag, denke ich, mitten in der Nacht, so ist's richtig! Währenddem geht der verrückte Kerl auf und ab und schwadroniert in einem fort. Schon gut, Herr Professor, sag ich, meine Frau wird gleich das Zimmer herrichten. – Was meinst du, was er antwortet? Sagt, das sollte sie lieber bei Tageslicht tun, er fände schon ein Eckchen, aber seine Kehle wäre bei der langen Fahrt rein ausgetrocknet.«

Herr Dachs stiess den Nachbar prustend in die Seite.

»Er säuft wie ein Lattichkönig. Wir haben die Nacht noch eine Pulle verputzt. Jetzt verkehren wir wie Brüder miteinander. Komm, ich bringe dich zu ihm.«

Stiwenhack stand auf einer Leiter und war dabei, einen zierlichen Reh, das aus der grünen Mattigkeit eines abendlichen Waldes herausgetreten war, über den mit Kohlestrichen angedeuteten Leib ein leuchtendes Fell aus dem tropfenden Farbentopf erstehen zu lassen.

Er wandte sich um und schwenkte zum Gruss gegen den Nachbar den Pinsel.

»Ein Reh«, rief er erklärend. »Es ist das geschmeidige Waldtier, eine treue Seele und ein guter Braten!«

Mit diesen Worten kletterte er von der Leiter herunter, drehte den Nachbar zu Herrn Dachs, und während er seinen Arm unter den des Nachbar schob, sagte er zu dem Kastellan:

»Das ist mein ältester Freund. Wir sind durch Not und Tod gegangen. Ich habe ihm meine Freundschaft bewahrt und er hat mir einmal das Leben gerettet.«

Dann wies er mit grosser Handbewegung durch den Raum.

»Der Said des Schlosses Montbrillant. Eine Scheune, ein niederträchtiger Stall. Aber ich werde ihn in neuem Glanz erstehen lassen.«

Er zog den Nachbar in den Nebenraum, riss die Vorhänge auf und warf einen Stuhl, der im Wege lag, krachend an die Wand.

»Eine Rumpelkammer. Seht euch das an. Die Motten feiern Orgien.«

Er schlug in die Luft. Er geriet in Eifer und wirbelte bei seiner Jagd den Staub aus allen Decken.

Herr Dachs stand hustend dabei.

»Der gnädige Herr wünschte, dass in dem Schloss nichts angerührt würde. Nun hat er's sich anders überlegt. Morgen wird hier geschrubbt und gebohnert.«

»Aber nicht, wenn ich hier male«, schrie Stiwenhack. »Wehe, wenn mir ein Besen ins Gehege kommt!«

»Vielleicht macht der Herr Professor morgen mal Feiertag«, schlug Herr Dachs vor. »Übermorgen kommt nämlich hoher Besuch, verstehst du, Nachbar. Das Fräulein vom Schloss wollte sich hier einmal umsehen. Darum bringen wir ja heute schon das Holz vom Hof, und morgen kommen noch zwei Frauen. Die sollen hier drinnen helfen.«

Stiwenhack fuhr sich durchs Haar.

»Noch zwei Weiber! Das wird eine Sintflut geben. Ich bin morgen: adieu!«

Er stieg wieder auf die Leiter, um das Reh zu vollenden. Der Nachbar hatte einen Sessel herangeschoben und sah dem Maler zu. Herr Dachs war schon wieder auf dem Hofe und feuerte den Burschen an der Säge an.

Da stand also Stiwenhack wieder wie einst in Thorde. Auf der Leiter stand er, schwatzte und sang und Hess aus bunten Farben freundliche Bilder erstehen.

»Der Graf, o der Graf ist ein nobler Mann. Ich lasse Ihnen freie Hand, hat er zu mir gesagt. Sie haben das Genie. Im Vertrauen, Nachbar, er ist ein Banause. Aber bleiben Sie in der Natur, hat er gesagt. Natur, was heisst Natur? Hier, das hat er mir mitgegeben. Das illustrierte Tierleben in vielen bunten Tafeln. Das ist die Natur, verstanden. So sieht ein Hase aus und nicht anders. Das hier ist das vorschriftsmässige Reh. Punktum. Nein, nein, er ist ein Banause.«

Der Nachbar sah jetzt, dass an der Leiter ein aufgeschlagenes Buch befestigt war. Das Reh, das Stiwenhack an die Wand zauberte, war diesem Bilderbuch entsprungen.

Der Maler seufzte.

»Grosse Herren haben ihre Rosinen. Ich bin ein armer Erdenwurm. Ich male das natürliche Reh.«

Er setzte sich auf die oberste Sprosse der Leiter.

»Ich habe vieles geschaffen in meinem Leben. Es würde, könnte man es hier vereinigen, eine erstaunliche Welt sein. Es war eine grosse Schöpfung. Aber des Menschen Werk ist Asche, ein Kind bläst sie auseinander.«

Er ergriff plötzlich das Tierbuch und schleuderte es an die Erde, dass der Rücken absprang.

»Ich kann es nicht«, schrie er. »Ich will es nicht.«

In grosser Aufregung stieg er von der Leiter, zog den Kittel aus und warf ihn zu Boden. Er konnte vor Erregung nicht sprechen.

»Wie viele Jahre hat man noch?« zitterte er. »Eine kümmerliche Hand voll.«

Er hatte die Stirne gegen den Türpfosten gedrückt. Er schluchzte.

Nun, wo sein Traum, einmal ein Schloss ausschmücken zu dürfen, in Erfüllung gegangen war, brach er in Tränen zusammen.

»Natur«, schluchzte er, »Natur.«

Der Nachbar war machtlos vor diesem Ausbruch. Er sass schweigend da.

Dann, als Stiwenhack sich etwas beruhigte, sagte er:

»Du hast es mit den Nerven. Vielleicht ist die letzte Zeit für dich zu anstrengend gewesen. Du hast dir zu viel zugemutet. Stimmt schon, dass du nicht der Jüngste mehr bist. Aber du musst dir nichts in den Kop: setzen.«

Das waren einfache Worte, die im Grunde wenig sagten, doch der warme Klang der Stimme wirkte trostreich auf den Maler. Er hob das Buch wieder auf und besah den Schaden.

»Etwas Leim«, sagte er geringschätzig.

Er wollte den Kittel wieder überziehen und sich von neuem an sein Kunstwerk machen, aber der Nachbar hielt: ihn zurück.

»Ich hab. etwas auf dem Herzen. Ich habe lange daran überlegt. Nun bin ich gekommen. Ja, ich wollte eine Gefälligkeit von dir erbitten.«

Der Maler sah überrascht auf. Es war ihm lange nicht geschehen, dass jemand einen Wunsch an ihn geäussert hatte. Er war sofort bereit. Er wollte schwören, dass er den Nachbar in keiner noch so verwickelten Lage ohne Hilfe und Beistand lassen würde.

Pagel unterbrach ihn lächelnd.

»Es ist nicht mit Blut und Schwur verbunden. Ich möchte dich nur bitten, dass du für mich nach Juliusbad fährst.«

»Juliusbad?« wiederholte verwundert der Maler.

»Ja. Du hast mir erzählt, dass dort deine Jugendfreundin – »Emita«, unterbrach ihn Stiwenhack lebhaft. Seine Augen glänzten. O welche Zeit tauchte herauf.

»Emita«, sagte Pagel ernst. »Ja, so hiess sie wohl. Du hast mir von ihrer Tochter erzählt, Melitta –«

»So hiess sie!« strahlte der Maler.

Pagel überlegte, ob er ihm reinen Wein einschenken sollte, besann sich dann aber auf eine Ausrede.

»Die Welt ist klein«, sagte er. »Ich habe einen Mann getroffen, der aus Thorde war. Thorde, du entsinnst dich doch?«

Stiwenhack war sprachlos.

Ja, die Welt ist klein. Also ein Mann aus Thorde.

»Thorde, na und ob«, rief der Maler.

»Er war Kapitän«, fuhr Pagel zögernd fort.

»Kapitän? Er ist ein Lügner, Nachbar. Der Kapitän ist ertrunken.«

»Das Leben ist wunderlicher als die Propheten, sagt man. Man kann nie etwas voraussagen. Das alles ist Stückwerk.«

Der Maler dachte nach. Er gab dem Nachbar recht.

»Du bist ein Philosoph«, sagte er.

»So hat man mich schon einmal genannt«, lächelte Pagel. »Aber das war in einer anderen Zeit.«

Der Maler horchte auf. Er sah den Nachbar lange an.

»Manchmal ist mir, als müssten wir uns schon lange kennen«, sagte er zweifelnd.

»Wir sind uns alle schon einmal begegnet. Du kennst doch die Rede. Der Teufel sagte es zu dem Pfarrer, der ihn wegschwefeln wollte.«

Stiwenhack lachte.

»Was alles in dir steckt, Nachbar!«

»Man sieht nicht in die Leute hinein, man sieht bloss dran hin«, antwortete Pagel. »Aber davon wollen wir nicht schwatzen. Dem Manne, von dem ich sprach, liegt daran, über Thorde etwas zu erfahren. Ich habe mich an dich erinnert. Da könnte ich wohl dienen, hab' ich zu dem Mann gesagt. Nun bin ich hier, um dich zu bitten, nach Juliusbad zu fahren.«

Sie mussten ihr Gespräch unterbrechen, weil Frau Dachs kam und zum Essen rief. Sie sassen dann um den grossen Tisch, und Herr Dachs teilte die Mahlzeit aus.

Er kam wieder auf die Geschichte zu sprechen, an deren Bericht er vorhin von seiner Frau gehindert worden war.

»Künstlerblut«, sagte er. »Das geht nicht auf Sie, Herr Professor. Es war eine tolle Sache.«

Er sah seine Frau an.

»Nun erzähle es schon«, sagte sie. »Er gibt ja doch nicht eher Ruhe«

Vor Wochen war eine Theatertruppe in das stille Jagdhaus eingefallen. Ihr grüner Wohnwagen hatte einen Radbruch erlitten und sie konnten nicht weiter. Der Direktor, ein kleiner, dicker Mann, hatte den Kastellan überredet, sie gegen ein geringes Entgelt aufzunehmen, bis man den Wagen wieder in Ordnung hätte.

Da waren sie hereinspaziert, zwei Mädchen und noch ein Mann. Die kleinere war eine Balancekünstlerin und konnte auch den Tschardasch tanzen. Die ältere führte einen dressierten Hund vor. Der Mann war ein Entfesslungsjongleur, und der Direktor verstand sich auf Zauberkunststücke.

Dabei waren sie alle musikalisch, bliesen die verschiedensten Instrumente. Der Herr Direktor rührte die grosse Trommel.

Das jüngere Mädchen hatte auch eine leidliche Stimme. Die Menschen von heute haben kein Herz, sang sie und tanzte dazu.

Dann, während sie das Stroh für die Nacht in der Scheune aufschüttete, hatte sie ein trauriges Lied gesungen, dessen Text Frau Dachs noch auswendig wusste.

Sie legte die Gabel hin und sagte:

»Es scheint ihm kein Mond und kein Stern.«

Herr Dachs unterbrach bei diesem Vortrage seine Erzählung und nickte seiner Frau beifällig zu.

Frau Dachs riss jetzt das Gespräch an sich. Sie schilderte, wie die Schauspieler am Abend, um sich für die Bewirtung erkenntlich zu zeigen, eine kleine Probe ihrer Kunst gegeben hätten.

»Es war eine ergreifende Szene aus einem Trauerstück«, sagte Frau Dachs. »In der armen Hütte hatte das verlassene Köhlermädchen gesessen und ihr Los beklagt.«

Frau Dachs senkte die Stimme und klagte dumpf:

»Ach, Veit, nun habe ich keinen als dich!«

Herr Dachs nickte gerührt:

»Sie versteht sich darauf. Sie hat der seligen Gräfin zuweilen Gedichte mit Betonung vorlesen müssen.«

Dann räusperte er sich und sagte:

»Wir waren froh, als sie wieder weg waren. Sie hatten ihre Wäschestücke am Brunnen gewaschen und über den Zaun gehängt. Wo man hintrat, lag ihre Kledasche.«

Frau Dachs wollte solche Worte bemänteln, aber Herr Dachs knurrte ingrimmig:

»Sie sind ohne Pekuniam abgefahren. Als es so weit war, stellte sich heraus, dass sie im ganzen fünf Groschen hatten. Schert euch weg, habe ich gesagt. Künstlerblut kommt mir nicht wieder ins Haus.«

Er erschrak über das Wort und grinste den Maler verlegen an. Frau Dachs gab ihm einen Puff, stand auf und ging aus der Stube.

Die Kinder schmatzten vor Lachen.

»Die eine Tante hat Papa die Zunge 'rausgestreckt«, berichtete das rothaarige Mädchen, das an des Nachbars Seite allmählich zutraulich geworden war.

Herr Dachs gab ihm einen Klaps auf den Mund, und das Kind heulte. Es musste in den Flur gehen und sich in die Ecke stellen, und weil ein grösseres daran sein Vergnügen hatte, wurde es zur Gesellschaft mit dem Gesicht gegen die andere Wand gestellt. Nach einem Weilchen wurden sie hereingerufen und bekamen ein Pflaumenmusbrot.

Stiwenhack sagte auf einmal ganz unvermittelt:

»Ich fahre morgen nach Juliusbad, Herr Dachs.«

Der rutschte mit seinem Stuhl zurück. Er starrte den Maler an. Dann kam seine Frau wieder in die Stube. Sie trug eine Krone aus Goldpapier mit roten Knöpfen daran.

»Er will nach Juliusbad«, wiederholte Herr Dachs und wies auf den Maler.

Frau Dachs war gar nicht so sehr erstaunt.

»Wann?« fragte sie.

Stiwenhack blickte den Nachbar an, überlegte und antwortete: »Morgen!«

»Das passt gut«, erklärte Frau Dachs. »Morgen kommen die Scheuerfrauen.«

»Aber übermorgen kommt doch das Fräulein«, stammelte Herr Dachs noch immer beunruhigt. Er fühlte sich für den Maler verantwortlich. Die Wandgemälde sollten so schnell wie möglich fertig werden. Nachher kommt der Zorn des Herrn wieder auf den Unrechten.

Als ehemaliger Leibkutscher konnte Herr Dachs ein Lied davon singen.

»Ich komme morgen abend zurück«, entschied Stiwenhack.

Er musste es dem Kastellan schwören.

Frau Dachs hatte währenddessen die papierene Krone wieder zurechtgezupft und zeigte sie nun den Gästen.

»Die Schauspieler haben sie liegen lassen«, sagte sie.

Stiwenhack griff danach.

»Eine Krone«, sagte er und betrachtete sie lange.

Als man vom Tisch aufstand, nahm er die Krone an sich.

Herr Dachs führte den Nachbar auf den Hof und liess ihn das Holz begutachten.

Ja, nun geht es bald auf den Winter. Wenn die Birke das erste Blatt verliert, muss man an den Ofen denken.

Er griff in die Tasche und holte Zigarren aus dem Rock.

Sie zündeten sie mit vieler Umständlichkeit an. Dann kam Stiwenhack dazu. Er hatte die Krone nicht mehr in der Hand. Auch er erhielt seine Zigarre.

Sie setzten sich auf die Bank unter der grossblättrigen Linde, liessen sich jedes Wort mit Behaglichkeit schwerfallen und warteten auf den Kaffee, warteten scheinbar auf den Kaffee. Zwar war Herr Dachs eingedrusselt »Ich muss eine Idee schlafen«, hatte er gebrummelt.

Nun waren ihm die Augen zugefallen.

Aber Pagel und Stiwenhack sahen gedankenvoll vor sich hin. Nicht mit schweren Schritten kamen diese Gedanken, klopften nicht mit beinernem Knöchel, meldeten sich nicht dumpf und mit düsterer Stimme. Freundliche Konturen hatten sie, kamen beinahe tänzelnd angeschwebt, lichte Schmetterlinge, irgendwo aufgestiegen von duftender Blüte, und nun plötzlich vorüberschwebend, heiter und hoffnungsselig.

Ohne Widerspruch ist der Maler auf den Wunsch des Nachbarn eingegangen. Er sträubt sich nicht etwa, nein, er wird mit Freuden nach Juliusbad fahren. Er ist auch nicht neugierig. Er fragt nicht warum. Es ist ihm angenehm, dem Nachbar einen Dienst erweisen zu können. Er wird Emita besuchen, galant, zuvorkommend, aber doch selbstgefällig. Jawohl, ich bin mit gräflicher Kutsche vorgefahren, ich bin Gast auf Schloss Montbrillant. Es ist dem Grafen ein Vergnügen, mich an seinem Hofe zu sehen.

Und Emita, die grosse Tänzerin, wird ihn mit Bevorzugung empfangen. Ich habe vor Königen getanzt, wird sie sagen. Es ist mir eine Ehre, den Freund eines Grafen an meinem Tisch zu sehen.

Sie werden von Thorde sprechen. Meine schöne Tochter, wird Emita sagen.

Und der Maler wird sich verneigen: Ich sehe sie noch vor mir. Ich habe sie einmal gemalt in blendender Seide. Dieses Bild hat mich alle Jahre begleitet. Sie trug eine Kette von Edelsteinen, Katzenaugen waren es, die seltsamen Steine dieses Landes.

Lautlos perlten diese Gedanken heran.

Ein weicher, schaumiger Wolkenball, losgelöst von Himmel und Erde, trieb durch die Luft.

Ach, es war keine Wolke. Ein ganzes Leben war es, eine vollgepackte Weltfuhre. Oh, wie viele glückselige Tage hat die Vergangenheit.

»Thorde«, stammelt der Maler. »Ich entsinne mich an alles. Wie hiess er doch, der wunderliche Mann, der Alte vom Leuchtturm? Ohlik, nicht wahr, der Holzkapitän? Er nannte mich immer mit fremdem Namen. Brint, richtig, Brint! Da sind Sie, Herr Brint, guten Abend, Herr Brint, sagte er immer. – Und der andere, der humpelnde, das lustige Holzbein. Und der, und der – da war auch ein Konsul. Aber vor allem der Kapitän. Ja, der Kapitän. Wir verstanden uns gut. Ich erinnere mich genau. Wie war doch sein Name?«

Der Maler legt die Hand an die Stirne. Minuten vergehen. Auf einmal fällt ein heller Schein über den Nachbar. Ja, er sitzt plötzlich ganz in Sonne. Ein Name war an sein Ohr geklungen, ein Name, durch Jahre vergessen, abgetan, weggeworfen wie ein verdriessliches Gewand. Nun ist er wiedergekehrt aus der Öde, zurückgesprochen in das Leben. – Ein Name –?

Der Nachbar lauscht. Ach, es ist sein Name.

»Pagel?« fragt Stiwenhack leise vor sich hin.

»Pagel«, wiederholt er bestimmt und laut.

Ja, das war sein Name. Pagel!

Auf einmal ist eine Brücke gebaut. Man glaubt es kaum, ach, man glaubt es kaum. Man hielt die Schlucht für viel zu breit. Wie könnte man eine Brücke bauen? Auf einmal steht ihr Bogen da, ein einfacher Weg über Leid und Groll, ein Schritt von Leben zu Leben.

Ja, der Nachbar hat seinen Namen wieder.

»Pagel«, sagt er nun selber.

Er nennt sich, er ruft sich, er grüsst sich zu.

Pagel – Seefahrer Pagel.

Durch lange Zeit war das Schiff unterwegs. Es war wohl eine Ewigkeit. Nun sind alle Meere durchfahren. Die Heimat hat einen guten Klang. Solch ein Name hat einen guten Klang. Solch ein Name ist schon ein Leben.

Man hatte sein Leben abgetan, man hatte den Namen verloren.

Auf einmal ist der Name da. Auf einmal ist wieder das Leben da. Ja, ein Hauch, ein Name, ein warmer Hauch hat einen wieder geboren.

»Du hättest ihn kennen müssen«, sagt Stiwenhack.

»Ja, du hättest ihn kennen müssen, den Kapitän. Er hiess Pagel.«

Der Maler macht noch viele Worte, aber der Nachbar hört gar nicht hin.

Sein Blick schweift heiter über den Hof. Was hat die Welt für ein frohes Gesicht.

Herr Dachs hat wieder die Jacke über den Zaun gehängt, hemdsärmelig schafft er am Holz. Der Bursche rollt wieder die Stämme heran. Die Kinder stapeln die Kloben auf.

Die Säge schneidet wieder das Winterholz. Die Dampfmaschine huckelt und pufft. Der ganze Hof ist in Betrieb.

Ein bunter Vogel fliegt hier und fliegt da. Auf einmal ist alles ein Vogellied.

Das rothaarige Mädchen hat sich Blumen gepflückt. Eine Schmutznase hat sie und Glockenblumen.

Und dann ruft Frau Dachs zum Vesperbrot.

Am Morgen fuhren sie in einem Korbwagen fort, Stiwenhack und der Nachbar. Der Bursche, der tags zuvor die Säge bedient hatte, sass auf dem Bock.

Das Pferd, sonst gewöhnt, schwere Holzfuhren hinter sich zu haben, war beim Anziehen überrascht stehengeblieben, bis Herr Dachs selber durch freundlichen Zuruf es veranlasste, sich in Trab zu setzen. Die Kinder liefen ein Stück mit. Der Weg hatte seine kleinen Hinterhältigkeiten, ausgefahrene Stellen, verstreutes Wurzelwerk und unübersichtliche Biegungen. Pagel liess den Burschen, der die Zügel führte, nicht aus den Augen, um, falls es nottat, schnell zugreifen zu können, denn das Pferd hatte mittlerweile die Tüchtigkeit seiner vier Beine entdeckt und gab sich Mühe, den holprigen Weg leichtfüssig zu bewältigen.

So sass Pagel auf dem Sprung, wie man sagt, und hatte nicht viel Zeit, sich mit freundlichen Bildern zu beschäftigen.

Aber der Maler, der Maler spreizte die Beine, tat sich wichtig und schwenkte den Hut.

Er hätte wohl lieber in einem Wagen mit gräflichem Wappen sich breit gemacht. Doch ausser diesem Korbwagen hatte im Schuppen des Jagdhauses nur noch eine alte Kariole gestanden, zweirädrig und das Verdeck – den halben Himmel – arg zerschlissen.

Hier aber war von einem zerfetzten halben Himmel nicht die Rede, hier hatte man den vollen Himmel über sich, die heiteren Wolken, das warme Licht.

Man fuhr durch das grüne Laubhaus des Waldes, darin hier und dort der nahende Herbst schon buntere Bögen eingezogen hatte, zu Häupten das bewegliche Säuseln einer Blätterstrasse, in der zirpende Vögel vergnügten, zu Händen das Beerenkarfunkel der Sträucher und borkiges Astwerk, an dessen aufgescheuchter Käferweh fleissige Spechte sich gütlich taten.

Rastlos liess der Maler seine Blicke schweifen. Überschwengliche Füllhörner, kehrten sie zu ihm zurück. Mit vollen Zügen trank er den Wald.

Er erhob seine Stimme und sang. Die rote Drossel flatterte davon. Das Eichhorn floh mit gespitzten Ohren Ein Reh verschwand im Gesträuch.

Aber Stiwenhack sang.

Der Wald lichtete sich. Der Weg ging an Wiesen und Ackerland hin. Ein Ochsengespann zog bedächtig den Pflug. Eine Kuhherde weidete. Der Hund sah bellend dem Wagen nach.

Und Stiwenhack sang.

Sie sahen über den Wagen hin den Gasthof liegen. Es waren freundliche rote Gebäude. Sie trugen Schieferdächer und eine Blechhaube über dem Schornstein, die sich wie eine geschwätzige Frau nach allen Seiten drehte. Sie glaubten Tante Riekchen auf dem Hofe erkennen zu können. Sie füllte den Eimer am Brunnen, und nun kam ein langbeiniger Gesell, hob ihn auf und trug ihn ins Haus. Es war Jakob Rauchmaul, der Trompeter.

Und Stiwenhack sang.

Der Gasthof verschwand hinter den Tannen. Sie bogen in den Weg nach Erwinsrode. Sie sahen zur Rechten sanft abfallend die grosse Ebene, das weite, friedliche Land, mit den fernen dünnen Umrissen der Stadt, aus denen zwei wuchtige Steine, der Dom, emporragten. Sie sahen die Ebene mit den vielen rotwarmen Ortschaften, mit den hellen Bändern der Landwege, den vereinzelten Baumgruppen und mit den abgeernteten Feldern, mit den Feldern, darüber noch schwerfällig die Arbeit des Menschen ging, mit Feldern, die ein spätes Saatgewand trugen, und solchen, die bereits neubestellt erdbraun und beruhigt in wohltuender Ordnung dalagen.

Und Stiwenhack fuhr durch all dies gesegnete Land und sang.

In dem alten Korbwagen sassen sie, kein gräfliches Wappen war daran, aber sie fuhren auf vier stabilen Rädern, die eine breite Spur in der leichten Erde hinterliessen. Das Pferd, angefeuert durch den Gesang des Mannes, wieherte zuweilen, warf den Kopf und ermattete nicht in seinem Lauf.

In Erwinsrode auf dem Marktplatze hielten sie, und Pagel stieg ab, um an diesem Tage das Geschäft mit Leisegang zu Ende zu bringen, falls es so weit gediehen sein sollte.

Sie verabredeten, dass sie sich am Abend in der Krone wiedertreffen wollten. Dann setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Stiwenhack schwenkte noch lange den Hut.

Die Strasse zur Stadt hinaus war schnurgerade, und der Nachbar konnte dem Gefährt nachblicken, bis es durch das Tor verschwand.

Er stand noch ein Weilchen in Sinnen, bis der Töpfer Potinecke ihn anrief.

»Ofenzeit«, schrie der Töpfer zufrieden und bewegte seine Gerätschaften.

Dann schien ihm etwas einzufallen. Er zeigte die Gasse entlang, die zum reichen Winkel führte, kratzte sich hinter dem Ohr und feixte.

»Sie ist aus dem Häuschen«, sagte er. »Sie hat Jakob an die Luft gesetzt. Zu Leibe wollte sie ihm gehn. Er hat sich schleunigst davongemacht.«

»Was ist denn geschehen?« erkundigte sich Pagel.

Potinecke starrte ihn an.

»Er weiss es nicht, haha, solch Schlauberger!« Der Töpfer krümmte sich vor Lachen.

Er hob seine Gerätschaften, die er so lange gegen sein Knie gelehnt hatte, auf, und schickte sich an weiterzugehen.

Er tippte den Nachbar vor die Brust.

»Ich habe es bloss so im Vorbei gehört. Sie war wohl aus allen Wolken gefallen. Sie hat's doch nicht im geringsten geahnt. Ja ja, Nachbar, wenn man heiratet, kommen drei ungebetene Gäste: die kurze Freude, das schwere Kreuz und das lange Leben. Ich kann's schon verstehen, wenn man sich rechtzeitig wegmacht. Ich kann dich schon verstehen, Nachbar, aber die Leute – und besonders die Weiber – und noch dazu solche, die selber –«

Potinecke wischte sich die Stirn. Er winkte wehleidig, er trottete davon.

Der Nachbar blickte ihm verständnislos nach, dann begriff er langsam, dass Jakob wohl über das, was ihm auf dem Planwagen zu Ohren gekommen war, gleich ein grosses Gerede angestellt hatte.

Pagel lächelte. Was tat es ihm? Der Maler war unterwegs nach Juliusbad. Heute abend noch würde er über alles berichten. Morgen schon, morgen, könnte man die Fäden selber in die Hand nehmen. Wie lange noch, vielleicht nur ein paar Wochen noch und alles würde gut sein.

Ja, der Maler fuhr zu Emita.

Pagel hatte allen Groll gegen ihn, auch den letzten Groll schwinden lassen.

Vielleicht war er in Thorde an vielem schuld gewesen. Aber wenn man zu Jahren gekommen ist und es verstanden hat, über sein Leben in vieler Weise nachzudenken, dann weiss man, dass nicht der zweite und nicht der dritte Schuld trägt an diesem oder jenem bösen Ausgang, jeder trägt selber die Schuld, und je weiter er sich von ihr entfernen will, um so schwerer wird sie ihm anhangen.

Pagel dachte an Melitta und er wusste, dass es seine eigene Schuld war, wenn er nun fern von ihr sein einsames Herz aufschluchzen hörte.

Am späten Vormittag ging der Nachbar nach der Schneidemühle hinaus. Er kam an der Schule vorbei, hörte die Kinder singen und sah den Kantor am Fenster, wie er den Geigenbogen führte.

Der Gesang der Kinder klang noch eine Weile die Strasse entlang. Der Nachbar ging in den Schattentönen der verhallenden Kinderstimmen, die eintönig und mit keinem anderen Liebreiz als ihrer Unbekümmertheit ein Echo in ihm wachgerufen hatten.

Auf der Schneidemühle empfing ihn der alte Gottwald. Herr Leisegang war wieder einmal unterwegs.

»Er ist zu den Bandreissern«, berichtete Gottwald.

Er beschrieb näher eine Ortschaft in der Ebene, an dem Fluss gelegen, der auch die Stadt berührte. Dort würde noch viel Korbflechterei getrieben, erzählte Gottwald.

»Es gibt dort die besten Weiden. Die Ruten sind geschmeidig, die Reifen hell und haltbar. Sie arbeiten auch noch auf die alte Art.«

Er veranschaulichte, wie auf dem dicken Werktisch über sieben Holzklötze das Weidenholz gezogen würde, das im Frühjahr geschnitten, gespalten und gebogen sein musste.

Der Nachbar erkundigte sich, was Herr Leisegang denn mit dergleichen Werkstoff zu schaffen hätte.

Gottwald führte ihn über den Hof, wo unter einem Bogen ein paar Böttcher beschäftigt waren.

Herr Leisegang will die Räumlichkeiten ausnutzen. Der Betrieb soll sich rentieren, und weil es ja nun mit der Fabrik hier nichts wird, hat er kurzerhand eine Böttcherei eingerichtet. Es ist ja alles zur Hand. Er ist schon ein tüchtiger Kopf, Herr Leisegang.

Ein Geschäftsmann in der Stadt hatte ihn gefragt, ob er auch Heringstonnen liefern könnte. Selbstverständlich, hatte Herr Leisegang gesagt, und schon am nächsten Tage war alles in Gang. Die Sägen schnitten die notwendigen Masse. Es wurden Böttcher eingestellt und, um die Fassreifen günstig einzukaufen, war Herr Leisegang persönlich zu den Bandreissern gefahren. Es sollte ja ein fortlaufendes Geschäft werden.

»Du kannst wirklich nichts Besseres tun, als deine Ersparnisse hier anzulegen«, sagte der alte Gottwald.

Pagel sah noch immer den Böttchern zu.

»Ja, das werden die Tonnen«, sagte Gottwald. »Sie sollen uns die Heringe bringen. Sie gehen leer an die See und kommen gefüllt wieder. Es ist eine nahrhafte Speise. Man sagt immer: ein gutes Butterjahr. Für mich könnte es auch heissen: ein gutes Heringsjahr.«

Der alte Gottwald sang in seiner Art den Heringen ein Loblied.

»Die Milchernen sollen gut für die Lunge sein, aber die Rogenen sind mir lieber. Sie sind hart und herzhaft.«

Der eine Böttcher, ein langbärtiger Mann mit einem Schurzfell, mischte sich in das Gespräch. Auch er konnte über die Heringe nur Gutes aussagen. Man isst sie gern in dem Land in den Bergen.

Pagel nickte zu allem.

Ja, die Heringe. In früheren Zeiten waren sie in dichten Schwärmen bis nach Thorde gekommen, aber das ist lange vorbei. Pagels Vater hatte noch davon erzählt, aber selbst war er auch nicht mehr dabeigewesen bei diesen grossen Fängen. Von seinem Vater wusste er es wieder. Damals schlug man auch noch manchen Seehund bei Thorde tot. Man brauchte ihr Fett für die Lampe, bei deren Lichtschein man an den Netzen strickte. Die Seehunde blieben weg und die Heringe blieben weg. Sie haben sich andere Meergefilde gesucht. Es ist eine ständige Wanderung.

Der Nachbar erzählte davon.

Er hatte seinen Namen wieder, er konnte davon erzählen. Er liess sich breit und umständlich darüber aus.

»Man fängt sie mit dem Schleppnetz oder mit dem Treibnetz. Ja, man folgt jetzt dem Hering weit auf die hohe See hinaus. Solch ein Netz ist oben mit Schwimmern und unten mit Bleigewichten versehen. Sie werden wie eine Maschenwand in das Wasser gestellt. Da fahren nun die Fische mit ihren Köpfen hinein, aber die Körper können nicht nach. Es gibt auch kein Zurück, weil die geöffneten Kiemen sich in den Maschen verhaken. Ja, da hängen sie dann zu tausenden in den Netzen.«

Der Böttcher liess das Rundholz ruhen.

»Da baut man nun seine Fässer und hat noch nie überlegt, wie eins ins andere greift. Da hat man seine Fassdaube in der Hand und denkt, ein gutes Holz, und wie kriegst du es nun zurecht, aber darüber denkt man nicht hinaus, wo es herkommt, wo es hingeht und wie es seine Zwecklichkeit erfüllt. Akkurat ist es so mit den Heringen. Man beisst ihnen das Fleisch von der Gräte und zackeriert, wenn die Kartoffeln nicht gar sind.«

Er schmunzelte über seine Einsicht und schlug von neuem auf das Holz ein.

Der alte Gottwald hatte verwundert den Bericht des Nachbarn mit angehört:

»Man könnte glauben, du wärst mit deinem Planwagen schon auf See gefahren.«

»Nimm es an«, erwiderte Pagel. »Nun will ich hier in der alten Mühle Anker werfen.«

Darüber kamen sie wieder auf das Geschäft zu sprechen, das ihn hergeführt hatte.

Sie gingen in Gottwalds Stube hinüber. Der Alte musste sich um sein Mittagessen kümmern, das er auf der Kochplatte im eisernen Ofen selbst bereitete.

»Es scheint alles in gutem Fluss zu sein«, sagte Gottwald, während er den Deckel wieder auf den Emailletopf tat. »In Juliusbad ist Grund und Boden erworben für die Stuhlfabrik. Hier wird alles durch die Böttcherei seinen Aufschwung nehmen. Herr Leisegang hat mir gestern seine Pläne entwickelt. Er kam auch auf dich zu sprechen und sagte, dass er gerne bereit wäre, dich aufzunehmen. Wenn du in seiner Abwesenheit kommen solltest, hat er gesagt, könnte ich dir verraten, dass alles zum Vertrage bereit wäre. Es ist schade, dass du ihn verfehlt hast.«

Sie beredeten dann, wann Pagel wiederkommen sollte, und wie es am besten zu handhaben wäre, um die Angelegenheit rechtlich zu machen.

»Ich habe jetzt vieles zu ordnen«, sagte Pagel, »und ich möchte, dass alles bald zu einem guten Ende kommt.«

»Wir werden schon miteinander kramen können«, antwortete Gottwald. »Wenn man so viele Teller wie ich ausgelöffelt hat, dann sieht man es schon dem Löffel an, ob die Suppe schmeckt. Genau so geht es mir mit den Menschen. Sie können keinen Bessern finden als den Nachbar, habe ich zu Herrn Leisegang gesagt. Er stimmte mir zu. Eigentlich hatte er die Absicht, einen Kompagnon zu nehmen, schon fahren lassen. Denn meistens ist es doch so, dass der Falsche zur Türe hereinkommt.«

Er unterbrach unwillig seine Rede und trat an das Fenster. Vom Hofe her klang Hufschlag herein. Der Brandmajor kam im raschen Trabe angesprengt, hastig und herrisch, wie es seine Art war.

Er stand auch schon in der Türe.

»Leisegang da?« rief er.

Gottwald verneinte.

Der Brandmajor liess sich in einen Stuhl fallen.

»Hab' gehört, dass es perfekt ist mit Juliusbad, stimmt's?«

Gottwald musste das bestätigen.

»Hol's der Schlag«, schrie der Brandmajor und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er hatte bis jetzt von Pagel noch keine Notiz genommen. Nun wandte er sich zu ihm und knurrte: »Grafenpack!«

Er funkelte den Nachbar an, als sässe der Graf selber an seiner Stelle. Er sprang auf.

»Hundert Arbeiter mindestens! Hundert Familienväter hätten Lohn und Brot gehabt! Schindluder so was. Dem Grafen passt es nicht. Nichts passt ihm. Sollen Holz schlagen, die armen Kerle. Lakaien bleiben Spucknäpfe!«

Er stand vor dem Nachbar und schwenkte die Faust

»Und wenn ihr alle ins Mauseloch kriecht! Ich nicht! Ich sag's ihm glatt ins Gesicht.«

Es schien, dass er jetzt erst den Nachbar erkannte.

»Hast es wohl auch schon gehört«, sagte er. »Kein Terrain. Der Herr Graf gibt kein Terrain her. Bewahre, es ist ja seit Anno Tobak so gegangen. Immer der alte Stiebel. Meine teure Residenzstadt, mein Schmuckkästchen, da soll kein Schornstein blaken. Der Rauch könnte ja dem Fräulein auf dem Schloss in die Nase ziehen.«

Gottwald starrte missmutig vor sich hin.

Der Brandmajor hatte in der letzten Zeit sich jeden Tag in der Schneidemühle sehen lassen. Er wollte Leisegang veranlassen, in verstaubten Archiven nach den ältesten Gerechtsamen der Mühle forschen zu lassen. Er wollte wissen, dass noch ehe die Grafen ihr Schloss in Erwinsrode erbaut hätten, einer seines Namens schon dort, wo jetzt die Mühle stünde, seine Fischerhütte gehabt hätte. Er wusste auch, dass die Strasse dorthin in früheren Zeiten »In den Fischern« genannt wurde, weil vor Hunderten von Jahren die Waldbäche und Seen einen grossen Fischreichtum bargen.

»Sie haben uns das Land gestohlen«, sagte er, »nun sitzen sie darauf. Warum? Bloss weil der Vorfahr nicht rasch genug bei der Hand war mit Morgenstern und Sense.«

Ja, sein Vorfahr war mitgezogen in dem Haufen des törichten Mannes, der in diesen Gefilden die Fahne mit dem Regenbogen entrollt hatte. Schwerfällig und in dem kindlichen Vertrauen, dass der Himmel sich der Armen endlich einmal erbarmt, hatten sie ihre Ärmlichkeit verlassen, mit ihrem Arbeitsgerät als Waffe wollten sie den Übermut der Grossen bändigen, hinter ihrer Fahne zogen sie her und sangen heilige Lieder, aber die gräflichen Reiter hatten bloss einen Ruf und kamen wie der Wind, wie ein eiserner Sturmwind kamen sie und schlugen die armen Leute zusammen.

Wenn der Brandmajor jetzt an dem Hause vorübergeht, darin der törichte Mann geboren wurde, lüftet er heimlich den Hut. Unmerklich tut er es, und keiner weiss darum.

Wenn nach Gewitterstunden ein Regenbogen sich über den Himmel zieht, steht er mit geballter Faust und wartet stillschweigend, bis der trügerische Glanz verzogen ist.

Der Brandmajor ging mit schweren Schritten in Gottwalds Stube auf und ab.

Gottwald schüttelte seufzend den Kopf. Er fürchtete dass dieses alles einmal nicht gut ausgehen würde. Er hatte von einem Wesen gehört, einem grimmigen Unterirdischen, Fredecke sollte er heissen, klein von Gestalt denn er wollte aufrecht durch alle Felsspalten gehen, aber stark in den Schultern, um die Blöcke, die nicht willig vor seinem Fuss wichen, mit Gewalt beiseitezuschieben. Würde ihm einmal ein Fels trotzen, dann könnte Fredecke so in Zorn geraten, dass er sich selbst auseinanderrisse, um in doppelter Gestalt in furchtbarem Anlauf den Widerstand zu brechen. Der Himmel schütze jeden vor einer solchen Stunde, denn der Berg würde einstürzen, das Dorf zu seinen Füssen zerschellen, die Felder verwüstet und der Wald zerschmettert daliegen.

Gottwald wagte nicht, dem Brandmajor eine Erwiderung zu geben. Er fürchtete, ihn noch mehr in Harnisch zu bringen. Auch Pagel konnte dem heissblütigen Manne nicht viel antworten. Der Brandmajor lief noch mehrere Male wortlos im Zimmer auf und ab, riss die Türe auf und lief hinaus. Sie sahen ihn auf das Pferd springen und auf dem Wege, der zum Schlossberg führt, im raschen Trab dahinreiten.

Es war kein Zweifel, dass er sein Wort wahrmachen und dem Grafen ins Haus fallen wollte.

Am Abend hörte Pagel Näheres darüber, als er mit dem kleinen Kantor in der »Krone« sass, und auf Stiwenhack wartete.

Schon als der Nachbar in das Gastzimmer trat, schlug ihm viel Aufregung entgegen.

An dem Ecktisch sassen mehrere Männer, Bürger von Erwinsrode, der Kaufmann Medefindt war darunter, Töpfer Potinecke und Meister Demuth. Sie besprachen das Michaelisfest der Feuerwehr, und da jeder einen anderen Vorschlag hatte, ging es laut und lärmend zu. Der Nachbar hatte sich an einen anderen Tisch gesetzt und man beachtete ihn nicht sonderlich. Bei so hitziger Debatte hatte man nur ein paar Grussworte übrig.

Etwas später kam der kleine Kantor, und nachdem er dem Nachbar herzhaft die Hand gedrückt hatte, trat er an den Ratstisch und fragte, ob es denn schon bekannt wäre, dass der Graf persönlich zu dem Fest erscheinen würde.

Das war seit ein paar Jahren zum ersten Male wieder, und so geschah es, dass diese Mitteilung ein grosses Hallo hervorrief.

Ob denn der Brandmajor sich noch nicht hätte sehen lassen, fragte der Kantor. Das Fräulein hätte es ihm doch selber gesagt, als er mittags auf dem Schlosse den Grafen hatte sprechen wollen.

Was das denn für eine Geschichte wäre, erkundigten sich die Männer.

Der kleine Kantor wusste auch nur die Tatsache. Ja, der Brandmajor sei auf den Schlosshof geritten gekommen. Das Fräulein habe gerade am Erker gestanden, und da sie den Brandmajor kenne und wohl den Grund seines Besuches erraten habe, nämlich den Herrn Grafen selbst zum Michaelisfest zu bitten, habe sie ihm gleich zugerufen, dass man mit der Anwesenheit des Grafen in diesem Jahre rechnen könne. Auf solchen Bescheid habe der Brandmajor sein Pferd herumgerissen und wäre, allerdings ohne Gruss und Dank, zum Schlosshof hinausgejagt. Das Fräulein wäre über dieses Betragen sehr verwundert gewesen, aber der kleine Kantor hätte schon alles wieder ins Gleichgewicht gebracht. Man wisse ja, dass der Brandmajor ein Sonderling wäre und nicht mit der üblichen Elle gemessen werden dürfe.

Die Männer waren über diesen Bericht durcheinander geraten. Potinecke beschwerte sich, dass der Brandmajor wieder einmal eigenwillig gehandelt und keinem vorher ein Sterbenswörtchen über seine Absicht verraten hätte.

»So etwas muss von uns allen beschlossen werden«, sagte er. Kaufmann Medefindt stimmte ihm zu. Es wäre schicklich gewesen, eine Abordnung auf das Schloss zu entsenden. Soviel Ehrerbietung könnte der Herr Graf erwarten, aber nicht holterdipolter den Brandmajor.

Schlachter Demuth schob alle diese Erklärungen beiseite. »Wurscht«, sagte er, »Hauptsache, der Graf kommt.«

Das mussten nun auch die anderen zugeben. Sie tranken auf das Wohl des Grafen und begannen von neuem zu beratschlagen, denn dieser durchlauchtige Besuch erforderte eine würdevollere Gestaltung des Festes.

Der kleine Kantor beteiligte sich nicht weiter daran. Er setzte sich zu dem Nachbar.

Pagel erzählte ihm, dass der Maler Stiwenhack nach Juliusbad gefahren wäre, und dass er ihn eigentlich jede Minute zurückerwartete. Er berichtete auch, dass mit der Schneidemühle alles in Lot und dass er nun entschlossen sei, den Vertrag in der nächsten Woche gültig zu machen.

Der kleine Kantor hatte sich inzwischen auch nach einem Hause umgesehen. Es wäre eins in der Eselsgasse nicht weit von der Schlachterei zu haben. Er schmunzelte.

»Erwinsrode ist voll von deiner Geschichte. Rauchmaul hat es natürlich gleich überall ausgeblasen. Nun, und Aline scheint tüchtig in die Funken gepustet zu haben. Du musst es dir nicht zu Herzen nehmen. Ich erzähl's dir auch nur, damit du eine Antwort bereit hast:, wenn man dich auf die Geschichte anspricht. Die Frauen verübeln es dir, dass du so lange solch Geheimnis von dir gemacht hast. Es gab ein Klöppeln und Klappern.«

»Da wär's wohl am besten, ich packte mein Bündel«, sagte der Nachbar.

Schlachter Demuth hatte seinen Stuhl herumgedreht und Pagels Worte gehört. Das Bier war ihm schon etwas zu Kopf gestiegen.

»Mach dich aus dem Staube«, rief er. »Du hast keinen gnädigen Gott bei den Weibern. Aline war fuchsteufelswild. Geschrien hat sie bei uns in der Küche. Du wärst ein –, was hat sie gesagt? – ja, du wärst ein falscher Taler. Hat der Mensch Worte, hat sie gesagt, ist längst verheiratet und spekuliert bei mir herum.«

Der Schlachter lachte dröhnend. Er zeigte auf den Nachbar.

»Der will die Wurst von beiden Enden stopfen!«

Der Töpfer Potinecke mischte sich in das Gespräch:

»Aline ist eine saubere Person, ich lass nichts auf sie kommen. Sie ist eine Person mit einem Herz.«

Der Schlachter hob seinen dicken Daumen gegen den Töpfer.

»So bläst die Kuh, horch an«, schrie er. Dann wandte er sich zu dem kleinen Kantor und schlug ihm aufs Knie:

»Die erste Frau hobelt die Bank und die zweite setzt sich darauf. Er wird Alinen noch ein Kissen unterlegen.«

»Ich freue mich auch immer, wenn Fräulein Aline ihre Einkäufe macht«, sagte Kaufmann Medefindt. Er hatte eine Stimme, die manchmal nahe am Singen war. »Sie ist ein Charakter«, behauptete er. »Eine Frau mit Charakter ist ein seltener Artikel.«

Potinecke erkannte plötzlich, dass er da einen Nebenbuhler hatte.

»Sie wird sich auch was Besseres denken können als Heringe einwickeln«, sagte er giftig.

Ja, die Heringe.

Ob sie schon wüssten, dass Herr Leisegang nun auch Heringstonnen fabriziere? fragte der Kronenwirt.

Er war nicht gut auf Herrn Leisegang zu sprechen. Herr Leisegang hatte wohl einmal zu Mittag gespeist, aber zu dem ständigen Abendschoppen liess er sich nicht sehen.

»Ja, er will alles an sich reissen«, sagte der Kronenwirt.

»Er ist ein Gernegross«, rief Potinecke.

Es war ungewiss, ob er Herrn Medefindt meinte oder den Fabrikanten.

»Gernegross«, rief er, und das Wort prallte dem Brandmajor entgegen, der in diesem Augenblick die Tür öffnete.

Er sah scharf über die schwatzenden Männer hin, dann warf er die Tür ins Schloss und setzte sich an den nächsten Tisch.

Die Männer sahen darin wohl eine Herausforderung und Schlachter Demuth brummte:

»Es passt ihm wohl nicht bei uns.«

Der Kronenwirt dienerte vor dem Brandmajor. Der Brandmajor war der einzige, der seine Flasche Wein trank.

Es trat dann ein drückendes Schweigen ein.

Pagel berichtete leise dem Kantor, dass er den Brandmajor am Vormittag auf der Mühle getroffen habe. Auch da sei er schon in grosser Aufregung gewesen.

Der Brandmajor hatte hastig ein paar Gläser hinuntergegossen. Er schnaufte nun laut.

Die Männer warteten darauf, dass er eine Erklärung von sich gäbe. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander. Endlich sagte Schlachter Demuth:

»Man war also auf dem Schloss?«

»Man braucht sich nicht näher darüber auszulassen«, sagte Potinecke.

Sie sprachen laut, damit es der Brandmajor hören sollte.

Kaufmann Medefindt nahm seinen Mut zusammen und fügte hinzu:

»Der Herr Graf kommt zum Fest.«

Das war dem Brandmajor zu viel.

»Da können Sie ja Ihre Bücklinge anbringen!« rief er. »Mich sieht keiner!«

»Red keinen Unsinn«, erwiderte Demuth, »du bist der Brandmajor. Du marschierst vorne weg.«

»Es ist eine Auszeichnung«, sagte Kaufmann Medefindt.

Der Brandmajor lachte böse auf.

Er war auf das Schloss geritten, um dem Grafen zum letzten Male vorzustellen, welchen Aufschwung Erwinsrode durch eine gute Industrie nehmen könnte. Er wollte ihm noch einmal die Not der armen Holzfäller klarmachen, der schlechtbezahlten Heimarbeiter, die tagaus tagein keinen anderen Gesang hörten als den knurrenden Magen. Er wollte ihm vorrechnen, wieviel Lohn diese Menschen nach Hause bringen würden, wenn die Stuhlfabrik da wäre und sich von Jahr zu Jahr vergrössern könnte. Nicht mit lauten Forderungen wollte er kommen. Er hatte sich vorgenommen, diplomatisch zu sein. Ja, um das Wohl dieser Ärmsten willen hoffte er, es übers Herz zu bringen, den Grafen zu bitten. Aber das Fräulein hatte ihn vom Erker aus abgefertigt. »Der Graf kommt zum Fest.« Dieser Bescheid und das Lächeln der hübschen Frau hatten ihn in Wut gebracht. Ohnmächtig stand er vor der Pforte des Schlosses. Er hatte keinen Morgenstern und keine Sense. Er ballte die Faust. Er sprengte fort. Nein, man kommt nicht hoch zu Ross zum Grafen von Erwinsrode. Man steigt vor dem Tor ab und geht demütig zu Fuss.

»Wir hätten eine Abordnung senden müssen«, sagte Kaufmann Medefindt vorwurfsvoll. »Aber Gott sei Dank ist unser Graf ein leutseliger Herr. Er drückt schon ein Auge zu.«

»Die Hauptsache ist, er kommt!« rief Potinecke.

An der Tischecke sass ein Herr mit Kneifer und etwas verschabtem Gehrock. Er leitete die gräfliche Kanzlei. Er gab zu bedenken, ob es nicht doch zweckentsprechend wäre, nachträglich noch diese Abordnung an den Herrn Grafen zu entsenden und ihm für seine gütige Zusage zu danken.

Der Brandmajor funkelte den Sprecher an. Der Kanzlist aber fühlte sich im Kreise solcher Männer wie Schlachter Demuth und Töpfer Potinecke wohl geborgen. Er nahm den Kneifer ab, putzte ihn am Taschentuch, setzte ihn wieder auf und erwiderte den funkelnden Blick.

»Unser Graf ist ein gütiger Herr«, sagte er.

Da trat der Brandmajor dicht an den Tisch, stemmte sich schwer darauf und über die Gläser hin brüllte er den Mann im Gehrock an.

»Billiger Triumph«, rief er, »wenn bloss die Knechte des Herrn Lob singen!«

Der Kanzlist erhob sich beleidigt. Er stotterte und zupfte an seinem Rock.

Kaufmann Medefindt zitterte vor Empörung. Auch die anderen machten kein Hehl aus ihrem Ärger über solche Worte.

Es liegt gar kein Grund vor. Was will der Brandmajor überhaupt? Der Graf kommt doch zum Fest. Es läuft alles am Schnürchen.

Sie wollen den Brandmajor zur Ruhe bringen. Sie wollen ihn wieder in seinen Stuhl drücken.

»Sachte doch, sachte«, sagt Schlachter Demuth.

Aber der Brandmajor reisst sich los.

»Ihr seid alle das Bier nicht wert!« schreit er. »Sauft Wasser. Wasser statt Blut!«

Und er packt den Tisch und er wirft ihnen den Tisch um, dass die Gläser über den Boden rollen und das Bier über ihre Schuhe geschüttet ist.

Sein Gesicht ist feuerrot und seine Hände fliegen vor Zorn. Er keucht, er ringt nach Luft. Der kleine Kantor springt ihm bei. Er geleitet ihn zu der Bank. Er öffnet ihm den Kragen.

Die Männer sitzen erschrocken da. Sie lassen den Tisch liegen. Sie starren auf den Brandmajor und auf die Gläser, die in Scherben gegangen sind.

Der Kronenwirt ist hilflos. Er weiss nicht, wie er sich verhalten soll. Er möchte am liebsten weit weg sein. Er ist froh, als er einen Wagen vorm Haus hört. Er läuft hinaus.

Der Nachbar bemüht sich mit um den Brandmajor. Auch die anderen Männer kommen langsam zur Besinnung.

Dann führt der Wirt den Maler Stiwenhack in das Gastzimmer und fragt nach seinen Wünschen.

Er ruft den Hausdiener. Nun werden die Scherben fortgebracht und der Tisch wird aufgerichtet.

In ein paar Minuten wird alles wieder seinen ruhigen Gang gehen.

Der Brandmajor schlägt schon wieder die Augen auf.

Pagel winkt dem Maler.

»Komm«, sagt er. »Wir gehen. Was hast du ausgerichtet?«

Sie lassen den Wagen zurück. Der Bursche soll nachkommen. Sie haben nur die Laterne genommen und machen sich zu Fuss auf den Weg.

Sie schlagen den näheren Waldpfad ein nach Montbrillant.

Der Nachbar wartet ungeduldig auf des Malers Bericht. Er ist besorgt. Der Maler ist nicht wie ein froher Bote zurückgekommen. Er geht nachdenklich an des Nachbar Seite.

»Ich habe sie wiedergesehen«, berichtet er. »Die Jahre sind ein harter Meissel.«

»Ich habe sie kaum wiedererkannt«, gesteht Stiwenhack.

»Was ist geschehen?« fragt Pagel ängstlich.

Es muss etwas geschehen sein, denn wie wäre sonst der Maler so bedrückt, er, der es versteht, auch den Aschenmantel noch mit purpurnen Sternen zu überglänzen.

Ja, es hat sich etwas ereignet. Unsäglich Trauriges ist geschehn. Die Frau, die er schön und stolz wiederzusehen gehofft hatte, war gebrochen und zusammengesunken. Abgezehrt hatte sie dagesessen.

Der Millionär war tot.

»Er ist freiwillig aus dem Leben geschieden«, hatte Emita gesagt, und sie hatte geschildert, wie sie ihn auf geknüpft am Fensterkreuz gefunden hätte.

»Er war der einzige Freund meines Lebens«, sagte sie. Es war ihr unfassbar, dass er sie nun doch verlassen hatte.

Nein, Stiwenhack war gar nicht dazu gekommen, von seinem Glanz zu erzählen. Emita fragte nichts mehr nach Grafen und Malern. Sie hatte wohl vergessen, dass sie einmal vor Königen getanzt hatte.

»Die Sterne sind tot«, sagte Stiwenhack zu dem Nachbar. Sie gingen viele Schritte schweigend nebeneinander.

Dann fragte der Nachbar zögernd nach Melitta.

»Ja, ich habe nach ihr gefragt«, antwortete der Maler. »Sie wohnt noch in Thorde. Zuweilen, selten, schreibt sie an ihre Mutter.«

Weiter hatte Stiwenhack, wie er sagte, nichts erfahren können. Emita war allzu angefüllt mit ihrem Jammer über den Tod des Freundes.

Ach ja, das ist wenig, was der Nachbar da hört.

Dann fragt ihn der Maler, ob er ein Fräulein Dorothee kenne. Ja, ein Fräulein wäre es wohl, es könnte auch eine Frau sein.

Dorothee? Der Nachbar greift Stiwenhacks Hand.

Was ist es damit? Sag doch. Was ist mit Dorothee?

»Sie kommt«, sagt der Maler. »Sie will Emita besuchen. Ich weiss auch nichts Genaues. Ich musste ihr ja jedes Wort aus dem Mund ziehen. Ach, sie ist so alt geworden. Sie war einmal eine Schönheit.«

»Die Sterne sind tot«, sagt der Maler.

»Sprich doch, erzähl doch«, bettelt der Nachbar. »Wann wird sie kommen?«

»Wer?« fragt Stiwenhack. »Wer sollte denn kommen? Ach, sie ist so elend geworden, dass sie nicht mehr kommen wird. Wir hatten uns jahrelang nicht gesehen. Die Zeit hat mich verändert, mein Freund, hat sie gesagt. Die Zeit hat uns alle verwandelt, habe ich geantwortet. – Nein, Nachbar. Sie wird nicht kommen. Sie wartet auf die letzte grosse Reise. Wir warten alle darauf. Die Sterne, weisst du, Nachbar, sind verloschen. Ich wollte sie einmal in leuchtenden Farben festhalten. Ach, Sterne kann man nicht malen. Nein, wer sollte wohl noch kommen, Nachbar?«

Der Maler geht müde seines Weges. Er trägt die Laterne. Ein schmaler gelber Schein zieht fahl vor ihnen her.

Der Nachbar drängt. Er will den Maler aufrütteln. Ein Wort, ein Name ist aus dem Dunkel zu ihm geflogen. Ein summender Käfer tanzt er ums Licht. Dorothee.

»Du sagtest doch, dass sie kommen will. Dorothee, sagtest du doch.«

»Ja«, sagt der Maler. »So war wohl der Name.«

»Erzähl doch, rede doch«, bittet der Nachbar. »Lass dir doch nicht jedes Wort so schwerfallen. Sprich doch. Wann wird sie kommen? Ja, Dorothee, meine ich. Du kennst sie nicht mehr? Hast sie doch selbst einmal gemalt. Ja, du! Nun ja, das ist seine Zeit her. Damals, verstehst du, damals in – in Thorde.«

»Ich entsinne mich nicht«, antwortet der Maler.

»Doch, ich weiss es genau. Sie war damals ein Kind. Vier Jahre alt. Sie hatte blonde Locken. Wie Milch und Honig war sie. Ein weisses Kleid hatte sie an. Du hast sie gemalt. Erinnerst du dich nicht? Sie war das Töchterchen, ja – weisst du es nicht mehr?«

»Ich entsinne mich dunkel. Dorothee? – Dorothee?« Der Maler sprach den Namen fragend vor sich hin.

»Damals hiess sie nicht Dorothee«, antwortet der Nachbar leise. »Dole wurde sie gerufen.«

»Dole«, wiederholt der Maler. »Dole. Ja, nun weiss ich es. Natürlich, Dole! Warte einmal, Nachbar. Ja, jetzt sehe ich sie vor mir. Es war ein entzückendes Kind. Wie ein Engel war es. Ja, ja, Dole. Ich entsinne mich genau.«

»Sie hatte einen lustigen Mund«, sagte Pagel. »Sie plapperte den ganzen Tag. Tausend Fragen konnte sie stellen. Am liebsten hatte sie es, wenn man ihr von Prinzen und Prinzessinnen erzählte. Darauf verstand sich der alte Boom Garde. Ja, er kannte sich aus in der Welt.«

»Boom Garde?« fragte Stiwenhack. »Boom Garde? Das ist doch –«, und der Maler humpelt ein paar Schritte.

»So ging er«, lachte Pagel, »er hatte ein Holzbein.«

»Natürlich, das lustige Holzbein«, lachte nun auch der Maler.

Da war auf einmal ein Sack voll Erinnerungen aufgerissen. Alles polterte und wirbelte durcheinander. Auch die kleinsten Dinge fanden sie wieder.

»Ja, das war eine Zeit«, sagte der Maler und rieb sich das Auge. Es war ihm noch gar nicht aufgefallen, dass der Nachbar so gut in Thorde Bescheid wusste. Zuerst hatte er nur mit den alten Erinnerungen zu tun. Darüber vergass er alles.

Dann, als sie schon das Licht vom Jagdhaus sehen, bleibt der Maler plötzlich stehn, hält seine Laterne hoch, dass ihr Schein über Pagels Gesicht fällt, und fragt verwundert:

»Woher weisst du das alles?«

Pagel lächelt. »Oh«, sagt er verlegen und winkt verstohlen.

Dann ist ein leises Knacken im Gehölz. Der Maler wendet sich erschrocken zur Seite und starrt ins Dunkel.

»Es ist nichts«, flüstert er und geht weiter. Er hatte über dem Geräusch seine Frage vergessen. Er geht in Gedanken weiter. Sie hören aus der Entfernung den Ruf eines Nachtvogels, dann glauben sie dicht im Gesträuch den lockenden Ruf einer Waldtaube zu vernehmen. Aber es ist zu spät für diesen Ruf, und sie müssen sich wohl getäuscht haben.

Der Maler hat seine Schritte beschleunigt. Es ist beinahe so, als läge ihm daran, schnell in das Haus zu gelangen. Er wendet sich zu dem Nachbar und fragt rasch:

»Hast du nicht eben etwas gehört?«

Ja, ein Rascheln, es wird eine Eidechse gewesen sein. Das alles hört sich in der Nacht lauter an.

Sie bleiben einen Augenblick stehen und lauschen.

Nun ist tatsächlich der gurrende Laut einer Taube.

»Komm«, flüstert Stiwenhack und zieht den Nachbar ins Haus.

Er ist erschöpft, als sie in seine Stube gelangen. Er sagt:

»Ja, wozu bin ich hier? Ich war in die Wälder gekommen, um einen Schatz zu heben. Ich habe die Stelle erkundet. Ja, ich könnte den Schatz zutage fördern.«

Er hat das Fenster geöffnet und horcht hinaus.

»Wir kommen alle vom Wege ab«, klagt er. »Was sitze ich hier in Montbrillant und male dem Grafen Bilder an die Wände. Ich will fort, Nachbar, ich will fort.«

Die Reise nach Juliusbad scheint ihn bis ins tiefste ergriffen zu haben.

»Wir sind alt«, sagt er. »Ich hätte mich nicht vom Wege abbringen lassen sollen. Die hundert Jahre werden vorübergehen, und ich werde nicht zur Zeit da sein.«

Er fragt hastig:

»Bist du Tzigane noch einmal begegnet? Sie ist verschwunden. Sie ist fort in die Wälder.«

Er wartet die Antwort nicht ab. Er sagt:

»Sie weiss um den Schatz. Sie ist fortgelaufen. Sie ist ein geschwätziger Vogel.«

Er setzt sich an den Tisch und sieht den Nachbar mit grossen Augen an:

»Du kannst dir nicht vorstellen, welche Pracht es ist. Goldketten und Edelsteine, Becher aus klarstem Kristall, kupferne Kessel gehäuft voll Silber. Das alles liegt in der Erde.«

»Ich habe in Schätzen gewühlt«, sagt Stiwenhack. »Sie sind mir aus den Taschen gerollt. Diesen letzten aber werde ich nicht von mir lassen.«

Er schliesst die Augen. Er sagt müde:

»Es ist ein Fluch, arm zu sein. Ich habe sie wiedergesehen, abgehärmt stand sie vor mir. Nun ist der Millionär tot, sagte sie. Sie weinte. Man wird mich aus dem Hause jagen. Ach, welches Ende. Sie ist eine grosse Tänzerin gewesen. Die Welt hat ihr zu Füssen gelegen. Nun will man ihr das Dach nehmen. Ja, Armut ist ein Fluch.«

Er rafft sich auf:

»Ich will fort. Ich habe keine Zeit. Ich muss gleich gehen. Der Schatz wartet auf mich. Oh, ich will ihr die Edelsteine bringen. Ja, ich will zu ihr. Emita, werde ich sagen, die Welt liegt dir wieder zu Füssen.«

Er wollte zur Türe. Er wäre tatsächlich hinweggelaufen in dieser Stunde, aber der Nachbar hielt ihn zurück. Er beruhigte ihn. Er sprach zu ihm wie zu einem Kinde.

Auf dem Stuhl in der Ecke lag die Krone aus Goldpapier, die von den Schauspielern vergessen worden war. Stiwenhack sah sie und stellte sie mitten auf den Tisch. Er schluchzte, er liebkoste die Krone. Er hielt sie in das Lampenlicht. Es stellte sich heraus, dass die Steine daran durchsichtig waren und leuchteten.

»Solche Krone«, sagte er. »Sie hat Tränen gebracht und Kummer, aber was für Glanz.«

Er hob die Krone und setzte sie zögernd auf seine Stirne. Er sah den Nachbar flehend an. Er lächelte.

Ich trage wohl die Krone, aber ich bin kein Narr, sollte das Lächeln sagen.

Vor langen Jahren war er in einer Nacht in Thorde auf einem Besen geritten, ein Hexenmann, bocksfüssig damals und lüstern. Heute wollte er ein verwunschener Kaiser sein, einsam im Abend seines Lebens und nichts mehr in Händen als eine wertlose Krone.

Mit einem Seufzer legte er die arme Kostbarkeit wieder ab, ging schweigend an dem Nachbar vorüber und warf sich auf seine Lagerstatt, und der Nachbar wusste nicht, ob er eingeschlafen war oder nur mit geschlossenen Augen dalag, von Welt zu Welt gespült und vorübergeschwemmt an jedem Stern.

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