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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 17
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Nein, der kleine Kantor war wirklich nicht auf dem Damm, wie man zu sagen pflegt. Er sass niedergestimmt in der Krone.

Die Schulkinder hatten herausbekommen, dass sein Gehör nachliess, und so versuchten sie, allerhand Allotria zu treiben. Zwar kränkte es ihn, doch war es nicht das Ärgste. Schlimmer war bei ihm die Furcht, das feine Ohr für Musik zu verlieren. Der jüngere Kollege war ein guter Geigenspieler, und sie sassen manchen Abend über den Noten.

»Er hat ein gutes Instrument«, sagte der kleine Kantor zu Pagel.

»Aber wir haben kein Auditorium«, klagte er. »Schliesslich will man ja nicht bloss sich selbst erfreuen, sondern auch einem andern die Freude in die Augen spielen. Das hängt wohl mit meinem Beruf zusammen, als Kantor will man sich immer ausgeben. Ja ja, Emma hätte nicht so früh sterben sollen.«

»Uns allen geht es nicht nach Wunsch«, sagte Pagel. »Ich mache mir auch oft meine Gedanken darüber. Wenn man mit dem Planwagen durchs Land fährt, hat man genug Zeit dazu. Ja, manchmal frage ich mich auch, warum muss das sein, dass man so wenig Freude hat. Aber das ist eine schwere Frage, Kantor. Manchmal wills mir eingehen, als könnte wohl genug Freude in der Welt sein, aber als wär man selbst ihr immer im Wege.«

Er hat die Hände um das Glas gelegt und sein Blick ist irgendwo auf dem Tisch. »Ja, das alles hätte wohl anders sein können«, sagt er langsam.

Der Trompeter vorhin hatte recht. Die Jahre sind wie Blätter weggeweht. Man steht unter einem kahlen Baum und alle Weisheit, die einem das Leben beibrachte, reicht nicht aus, ein winziges Blättchen zum Knospen zu bringen.

Sie war jung und schön, und ihr helles Lachen hat mir viel Freude gemacht, denkt Pagel. Sie war zierlicher als die anderen Mädchen in Thorde. Sie hatte einen schöneren Namen und achtete darauf, dass ihre Haut zart und weiss blieb. Wie eine Miss, hab ich ihr oft gesagt.

Der kleine Kantor erzählt von seiner toten Frau.

»Sie war nicht das, was man schön nennt«, sagt er, »aber sie hatte ein gutes Herz. Sie sass abends bei ihrer Näharbeit, wenn ich Flöte spielte, und sie sagte, dass es für sie nichts Schöneres gäbe.«

Nun gut, ich bin fortgegangen, denkt Pagel. Daran lässt sich nichts mehr gutmachen. Was könnte gewesen sein, wenn ich zurückgekommen wäre? Weshalb zerbrech ich mir darüber den Kopf. Sie brauchten mich nicht. Ein Bettler, ich hab ihn fortgeschickt. Nein, sie brauchten mich nicht.

»Ja, nun sitzt man allein da«, sagt der kleine Kantor. »Wir haben uns immer geliebt. Es ist nie ein böses Wort gefallen. Wenn ein Missklang gewesen wäre, würde er mir vielleicht den Schmerz erleichtern. Nun ist es so, Nachbar, als hätte Emma aus einem Wagen aussteigen müssen, mit dem man in Seligkeit und Liebe durch den Sommer fahren wollte.«

Ja, ich bin ausgestiegen, denkt Pagel. Es war eine zu lustige Gesellschaft. Auch kommt es dem Bettler wohl zu, dass er im Staub nebenher geht. Aber ich bin nicht im Staub nebenher gegangen, nein, ich habe das Gatter zugeschlagen.

»Nun ist das Gitter verschlossen und man steht vor der Gruft«, klagt der kleine Kantor. »Was hilfts, dass die Zeit vergeht. Die Zeit vergeht und der Mensch bleibt. Bloss das Herz – ach ja – das Herz –«

Der kleine Kantor hält die Brille gegen das Licht und putzt daran herum. Er hat müde, trübe Augen und sie bekommen erst ihren freundlichen Glanz, wenn er die Gläser darüber setzt.

»Es ist gut, dass wir uns einmal wieder gesehen haben«, sagt er jetzt ruhiger zu Pagel. »Ich weiss nicht, ich habe hier kaum einen Menschen im Ort, mit dem es sich verlohnte zu reden.

»Vielleicht dass wir uns nun öfter sehen«, sagt Pagel und erzählt von seiner Absicht, sich an Leisegangs Geschäft zu beteiligen.

Der kleine Kantor hörte aufmerksam zu. Es war ihm schon zu Ohren gekommen, dass der Graf mit weiterem Geländeverkauf Schwierigkeiten machte. Die ärmere Bevölkerung war unzufrieden darüber, denn sie hoffte, Arbeit auf der neuen Fabrik zu erhalten. Es hatte sich auch schon ein Mann gefunden, der ihrer Sache sich annahm. Der Brandmajor war es, ein untersetzter, hartschädeliger Mensch, dem man heidnische Dinge nachsagte und von dem man wissen wollte, dass er jedes Jahr in der Nacht des Sankt Jakobstages, der, wie es im Volke heisst, viel Geheimnis hinterlässt, zu Ross stiege und die alte Marienkapelle umritte.

Dieser Mann also sass viel mit Herrn Leisegang zusammen suchte auch bald in dieser, bald in jener Schenke die Stimmung der Leute zu erforschen und liess immer ein kräftiges Wort über tyrannische Gelüste grosser Herren in den gern zustimmenden Herzen der anderen zurück.

»Er ist sonst ein umgänglicher Mensch«, sagte der kleine Kantor, dem es leid tat, dass der Brandmajor sich so offen in Widerspruch zu dem Grafen setzte.

»Dabei wird er wenig ausrichten«, fuhr der Kantor fort, »denn der Graf ist auch ein Dickschädel. Ich will keine Industrie in meiner Residenz, hat er gesagt, die lockt fremde Arbeiter her, und fremde Arbeiter bringen böses Blut. Mit einem Schornstein fängt es an und nachher brennt das Land! Das waren seine Worte.«

»Den Menschen hier könnte man schon einen besseren Erwerb wünschen«, antwortete Pagel. »Es ist doch jämmerlich, was sie mit ihrer Waldarbeit nach Hause bringen. Nach allem, was man mir über Leisegang berichtet hat, wird er kein filziger Brotgeber sein.«

»Das ist es ja«, fiel der kleine Kantor lebhaft ein. »Der Graf wünscht nicht, dass die Menschen hier aus einer anderen Tasche leben als seiner. So ist es seit Jahrhunderten hier. Der törichte Mann hat damals auch nichts erreichen können. Sie sind immer vor die Hunde gegangen, die gegen die Grossen waren.«

Der Kantor seufzte: »Ja, das ist traurig. Aber, Nachbar, wir ändern die Welt nicht!«

»Wir lassen sie tanzen«, rief eine Stimme dazwischen.

Stiwenhack stand in der Türe, und während er den grossen Schlapphut zog, lachte er:

»Jawohl, tanzen! Haha!«

Er trat an den Tisch und warf ein Talerstück hin.

»Mein edler Lebensretter, und Sie, erhabener Unbekannter, lassen Sie uns eine Flasche Wein trinken!«

Der kleine Kantor sah Pagel verständnislos an. Pagel konnte seinen Ärger nicht unterdrücken. Er schob das Glas beiseite, das der Kellner ihm hinstellte.

Stiwenhack war aufrichtig betroffen, sein Gesicht bekam einen bittenden Ausdruck.

»Sie werden mir doch die Ehre antun, Nachbar«, sagte er und stellte das Glas wieder vor Pagel.

Er glaubte die Herkunft des Talers erklären zu müssen.

»Ein Glückstaler, eine Anzahlung. Der Handel ist perfekt geworden. Wir müssen uns ja heute auf unseren Handel verstehen, wir Künstler. Ich werde das Bild malen; die gnädige Frau wünscht ein Konterfei der Hinterpartie. Ja, ich werde ihr den Hof machen, ich werde ihr den Hof malen, mit Öl und Spucke!«

Er setzte sich ächzend.

Die vollen Gläser standen unberührt.

»Wir wollen anstossen«, sagte er, »wir wollen auf die Unzerbrechlichkeit der Hühnerleiter trinken! Jawohl, meine Herren, ich bin mal wieder in einen Abgrund gerutscht. Aber der Himmel hat seinen magnetischen Glanz nicht verloren, er hat einen Engel geschickt: Frau Wurscht! »

Er hob das Glas und trank den beiden zu.

Der kleine Kantor sass in grosser Verwunderung da. Er war in seinem stillen Leben solch einem Menschen noch niemals begegnet. Sein Zutrauen näherte sich zögernd dem Fremden, vorsichtig und doch mit jeder Minute bereitwilliger. Er war etwas erschrocken, dass er schon sein Glas erhoben und mit dem Fremden angestossen hatte.

Stiwenhack hielt sein Glas noch immer zu Pagel hin.

»Auf die armen Kinder Gottes«, sagte er, »auf die unschuldigen Teufel und die gestürzten Engel.«

Da hob Pagel das Glas und sie tranken langsam.

»Wir kennen uns schon lange«, sagt Stiwenhack zu dem kleinen Kantor.

Pagel erschrickt. Sollte der Maler ihn erkannt haben? Würde er jetzt dem ahnungslosen Kantor eine qualvolle Vergangenheit ausbreiten? Sollte er, gewissermassen auf diesen Tisch, das Logierhaus hinzaubern, das soviel Unfrieden für alle gebracht hatte, könnte es sein, dass heraufbeschworen auf einmal Melitta unter ihnen sitzen würde, in dem gelben Seidenkleid, das aus der Truhe des Holzkapitäns stammte? Pagel hat die Hände unruhig auf den Mund gelegt.

»Ja, wir sind alte Bekannte«, sagt Stiwenhack und nickt ihm zu. »Er hat mir das Leben gerettet«, wandte er sich an den kleinen Kantor. »Ich bin kein furchtsamer Mensch, ich habe spanische Wegelagerer erledigt und rumänische Pferdediebe, aber diese Räuber hier in den Bergen! Solche Kerle, mit Äxten. Um ein Stück Brot würden sie einem den Schädel einschlagen – er hat mich gerettet. Ich bin in seiner Schuld. Sie haben gewinselt wie Hunde – ja, mein Herr, in solcher Viertelstunde sich kennenzulernen, das wiegt Jahre.«

Pagel atmete auf. Die ängstliche Spannung löst sich in eine sanfte, etwas abgespannte Ruhe.

Der kleine Kantor hat bis jetzt mit offenem Mund zugehört. Nun, wo Pagel den Fremden freundlicher betrachtet, überwindet auch er den letzten Widerstand. Er erkundigt sich neugierig.

Ja, ein Künstler.

»Die Malerei«, sagt Stiwenhack.

»Die Musik«, sagt der kleine Kantor.

»Oh, ja, Musik«, antwortet der Maler.

Er räuspert sich, er probiert seine Stimme.

»Sie können singen?« fragt der kleine Kantor glücklich.

»Ich hoffe«, sagt Stiwenhack.

Er schenkt noch einmal ein, er trinkt.

Sie sitzen allein zu dritt am Tisch, nur der Kellner macht sich am Schanktisch zu schaffen.

Stiwenhack steht auf. Er presst den Schlapphut aufs Haar. Er steckt die eine Hand in die Tasche, während er die rechte aufs Herz legt, und er singt das alte Landstreicherlied:

»Es gibt nichts zu essen, der Bäcker ist tot, halleluja!«

Der kleine Kantor hat Tränen in den Augen. Er muss die Brille abnehmen.

Pagel hat sich vorgebeugt. Sein Blick ist auf seine Hände gerichtet, die in unbewusstem Takt das Lied des Malers begleiten. Es sind harte breite Hände, schwerfällig, aber fest und zuverlässig. Nun klopfen sie eine Gesang, halleluja.

Das Lied ist zu Ende, Stiwenhack setzt sich. Er verteilt sorgfältig das Letzte der Flasche in die Gläser.

»Auf gute Nachbarschaft«, sagt er zu Pagel.

Ja, der Maler wird eine Zeitlang im Hause des Schlächters wohnen, so lange, bis er das Bild, das Frau Demuth bestellte, beendet hat. Es ist anzunehmen, dass er sich nicht beeilen wird.

»Gegen Kost und Logis«, sagt er ergebungsvoll.

Der kleine Kantor bringt das Gespräch wieder auf die Musik. Er verrät, dass er Flöte spielt. Er deutet an, dass er nicht abgeneigt wäre, eine Probe seiner Kunst zum besten zu geben.

»Flöte«, jubiliert Stiwenhack.

»Ich bin zwar kein Meister«, bedauert der kleine Kantor.

»Nicht zu bescheiden«, ruft Stiwenhack. »Sie haben ein Herz. Oh, ein gefühlvolles Herz ist halbe Musik!«

Der kleine Kantor schwimmt in Glück. Er reicht dem Maler die Hand.

Die übliche Stunde des Aufbruchs ist überschritten, die Strassen sind leer, als die Männer heimgehen. Der kleine Kantor versucht die Melodie des Landstreicherliedes wiederzufinden.

»Halleluja«, summt er.

»Halleluja!« ruft Stiwenhack beim Abschied.

Pagel und der Maler müssen die Kutteltreppe emporsteigen, um zu ihrer Haustüre zu kommen.

In einer Nische kauert eine Gestalt. Pagel gibt nicht darauf acht, doch Stiwenhack bleibt einen Schritt zurück.

Die Gestalt richtet sich auf. Es ist Tzigane.

»Vergesst nicht – der Schatz«, flüstert sie flehentlich und huscht wieder ins Dunkle.

Pagel ist schon ins Haus gegangen. Er hat die Türe offengelassen. Stiwenhack bleibt zögernd in der Pforte stehen.

Ja, der Schatz! Gold und Edelsteine vergraben in der Erde. Ein schwarzer Hund, der gierig die Stelle umschleicht, aber alle hundert Jahre eine Nacht lang die Beute freigeben muss, wenn ein Beherzter rechtzeitig zur Stelle ist. Stiwenhack hatte Tzigane in den Wäldern kennengelernt.

»Ein Schloss steht in Eurer Hand, o Herr –!«

»Ein Schloss?« hatte Stiwenhack verwirrt geantwortet, »ein Schloss?«

Ach, warum sollte es nicht ein Schloss sein? Das Leben ist ein wunderlich Gewoge.

Er hatte sich zu Tzigane gesetzt und ihr die Geschichte von dem verborgenen Schatz erzählt.

Vieles in der Welt geht in Erfüllung. Warum nicht auch dieses?

Tzigane war ganz närrisch geworden. Niedergekniet war sie und hatte ein Kraut abgebrannt. Die Gewitterblume war es gewesen, Arnika, das Mutterkraut, dem man die Kraft zuspricht, böse Wetter scheiden zu können. Ja, der Rauch der verglimmenden Arnika teilt die Wolken, aber er teilt auch die Wege.

Dem verschwebenden Rauch der Pflanzenasche waren sie gefolgt.

»Diesen Weg, Herr«, hatte Tzigane gesagt. »Kommt, ich kenne die Wälder.«

Sie waren tagelang gewandert. Stiwenhack hatte sich Tziganes Führung überlassen. Auf kaum begangenen Wegen schritten sie vorwärts. Hin und wieder verschwand Tzigane in ein Dorf. Wie eine Wildkatze kam sie mit Beute zurück.

Nun war sie, ein Mahner, aus dem Dunkel aufgetaucht.

»Vergesst nicht, Herr, der Schatz!«

Stiwenhack warf die Türe zu.

Sein Weg hatte ihn in ein gelobtes Land geführt. Er würde dafür sorgen, dass kein Engel ihn allzu rasch daraus vertriebe.

In dieser Nacht war spät noch der Trompeter Jakob Rauchmaul unterwegs. Er hatte Aline einen Brief geschrieben und schob ihn mit vieler Vorsicht im reichen Winkel durch die Haustüre.

Als er sich aufrichtete, stand ein Zigeunermädchen neben ihm.

»Was schleichst du hier herum?« sagte er ärgerlich.

Das Mädchen ging wortlos weiter. Rauchmaul hatte einen Einfall. Er rief Tzigane zurück. »Du kannst dir ein paar Groschen verdienen«, sagte er lustig.

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