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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 15
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
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senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

Der Planwagen

In dem Land in den Bergen rauschen die Wälder. An den Wegen aber, im Tannendunkel, sitzen die eisgrauen Männlein und weinen, und jede Träne, die auf den Weg fällt, ist eine Zeitspanne, ein Tag oder ein Jahr, ein Menschenleben oder eine Ewigkeit.

Aus Wurzelwerk und verlassenen Bergstollen sind diese grauen Männlein ans Licht gestiegen. Sie lieben die Dunkelheit, die trauliche Dämmerung, jedoch will es ihr Schicksal, dass sie nun im Licht sitzen müssen mit blinzelnden Augen und den Kopf gesenkt auf die Hände.

Manchmal öffnet sich einem dieser Gebückten der Mund und er ruft dem Vorübereilenden einen Spruch zu oder ein gutes Wort.

»Verhelf dir Gott ins Himmelreich«, sagt das Männlein.

Aber es bekommt keine Antwort und bekommt keinen Dank.

Sie horchen in den Wind nach einem gütigen Wort, doch was sie vernehmen, ist das Rauschen der Bäume.

Ja, diese Bäume rauschen seit alters.

Da sind die singenden Laubwälder, uralte Eiben, die schweigsamen Tannen, darüber auf Felsen schon, zwischen Geröll und Steinblöcken, die geduldigen Arven.

Da sind die Harfenbäume, in denen der Sturm zuerst spielt, bis er gedämpfter durch das Tannendickicht raunt.

Hier unter Pilzen und Farnen, unter Beerengestrüpp, leben die Zwerge, die geschäftigen Unterirdischen, die Meister des Handwerks. Sie haben ihre Herbergen tief in der Erde, und Felsspalten und hohle Wurzelgänge sind ihre Pforten. Wenn man ihnen ehrerbietig entgegentritt, tragen sie ihre Dienste an. Es ist gut, ihre Freundschaft zu haben. Manchen schon geleiteten sie aus der Wirrnis.

Höher hinauf, in den Steinwänden, geht der Bergmönch um. Goldene Tannenzapfen verschenkt er und steinhartes Brot. In finsteren Nächten, oftmals, sah man sein silbernes Grubenlicht. Dann ziemt es sich, die Mütze vom Kopf zu nehmen.

Im wehenden Lärchenwald aber lebt die Wolkenfrau, und die Manschen tun gut daran, ihr aus dem Wege zu gehen. In ihrem nebeligen Kleid verängstigt sich der Atem und das Herz steht leicht still.

Ganz oben jedoch, in der Winternacht der Berge, bei Krummfichten und Geisstannen, singt das Christlein übern Schnee. Kein verwunschenes Wesen ist es, kein Irrgang, ein kleiner roter Vogel soll es sein, der vor Zeiten nichts Geringeres einmal tun wollte, als die Nägel zu lösen aus den Händen des Herrn.

Ja, vieles ist geschehen und vieles wurde vergessen. Herzöge sind gekommen und Könige, und Könige sind gegangen und Herzöge, aber in dem Land in den Bergen rauschen die Wälder.

Manch einer zog in dieses Land, vergass die Zeit und versank darin. Weither ist er gekommen, sein Haus stand in fruchtbarer Ebene, oder er wohnte unter einem Strohdach am Meer.

Nun überfiel ihn der Wald mit seinem unendlichen Grün.

Doch an den Wegen, auf nackten Steinen, sitzen die grauen Männlein, und jede ihrer Tränen ist ein Tag oder ein Jahr.

Jahre um Jahre sind niedergesunken.

Manchmal, wenn Pagel neben dem Pferd hergeht, das den grünen Planwagen zieht, wollen diese vergangenen Jahre sich um ihn türmen. Nicht anders steigen sie herauf wie Wolken, die das Feuer tragen. Oftmals, im Anfang, wollte es scheinen, als würde der Blitz herniederfahren. Später aber blieb nichts als ein flammendes Leuchten, das für Augenblicke sein grelles Licht über das Vergessene warf, und wieder später vermischte sich das alles. Es blieb nichts als der Wald und die Strasse am Rande der Berge, der knarrende Wagen, das langsame Pferd.

»Verhelf dir Gott ins Himmelreich«, sagen die Männlein, aber Pagel vernimmt nicht ihren Wunsch. Was er hört, ist nichts weiter als das versponnene Rascheln im Zwergholz.

Ohne Gruss fährt Pagel vorüber, und die eisgrauen Männlein sind wieder stumm, sitzen am Wege und weinen.

Viele Jahre schon lebt Pagel in diesem Land. Er hat keinen Namen mehr. »Der Nachbar«, sagen die Leute.

Wenn sein Planwagen rumpelnd in das Dorf fährt, gibt es ein frohes Geschrei.

»Der Nachbar«, rufen die Kinder.

»Der Nachbar«, sagen die Frauen.

»Der Nachbar ist da«, sprechen abends die Männer.

Am längsten umstehen die Mädchen und jungen Burschen den Wagen. Klöppelspitzen und Häkeltücher suchen die Mädchen. Wenige nur haben das Geld, um solche Pracht zu erstehen, aber jede wünscht, das Tuch einmal umzuhalten. Für Augenblicke wenigstens möchte sie sich schmücken. Die Burschen stehen dabei und gaffen. Manch einer würde seiner Liebsten gern ein Geschenk machen, doch er muss den schmalen Beutel verschlossen halten.

Nun haben sie ihre Freude an dem kurzen Glanz, den der gute Nachbar auf seinem Wagen mitgebracht hat.

Wenn der Planwagen wieder aus dem Dorf rumpelt, begleiten ihn noch lange die Kinder.

Jedes Dorf im Lande kennt Pagel. Viele Gesichter kennt er. »Der gute Nachbar«, sagen die Menschen.

»Nachbar!« ruft einer. Es ist früh am Morgen. Das erste kühle Licht hängt über der Landstrasse.

»Jakob?« fragt Pagel.

Er beugt sich unter dem Plan vor. Das Pferd zockelt gleichmütig weiter.

Der Mann tritt jetzt aus dem Buschwerk.

»Zeitig in Trab«, sagt er und geht neben dem Wagen her. Er hat die Hände in den Taschen und eine Trompete unter den Arm geklemmt. Die Trompete steckt in einem schwarzen Überzug, doch aus zahlreichen Löchern schuffelt sich das gelbe Messing.

»Nach Sorgenstein«, sagt Pagel.

Sie schweigen dann eine Weile, bis Pagel den Trompeter einlädt, mit aufzusteigen. Nun sitzt Jakob neben ihm auf dem Bock.

»Malwine hat Leinewand bestellt«, sagt Pagel.

»Windeln«, lacht der Trompeter.

»Sie haben nun auch ein Ziegenlamm«, berichtet Pagel.

»Ein Kindchen, ein Hündchen, ein Lamm«, sagt Jakob. »Ich wills auf der Kirmes singen. Und wann ist Hochzeit?«

»Vor drei Monaten haben sie geheiratet«, antwortet Pagel. »Der Alte drängte darauf.«

Jakob schob ein Stück Tabak in den Mund.

»Ja, der Meister Freilich«, sagte er. »Da gibts keinen Widerspruch. Was sagt denn Wilhelm? Er wird schön zackerieren auf den Vater. Kann ich mir denken.«

Pagel lächelte:

»Man muss junge Leute oft zu ihrem Glück zwingen. Freilich, sagte der Alte, so ist's. Er hatte recht. Das ist nun ein Ei und ein Kuchen.«

»Ein Kindchen, ein Hündchen, ein Lamm«, sang der Trompeter.

Er hatte schon eine Melodie gefunden.

»Also vor drei Monaten«, unterbrach er seinen Singsang. »So lange bin ich nicht in der Gegend gewesen. Was solls auch hier? Die paar Groschen picken die Spatzen auf.«

Er wurde nun gesprächiger.

»Vorgestern, in dem Käsedorf, da hättest du bei sein sollen, Nachbar. Das war eine Sauferei, sag ich dir. Sie haben mir Nordhäuser in die Trompete gegossen.«

Ja, das Käsedorf. Da sind satte Weiden und fette Kühe, schwere Milch und dicker Käse. In den Händen wird er geknetet. In hohen Tragen wird er in die Stadt gebracht. Das Geld klimpert den Leuten in der Tasche. Sie schlagen auf die Taschen, sie verbergen es nicht. Sie lassen es über die Tische rollen. Sonnabends gehen die Weiber mit in das Wirtshaus.

»Die Weiber«, sagt Jakob.

»Ja, die Frauen«, antwortet Pagel. »Da sitzen sie im Wirtshaus.«

»Aline war auch herübergekommen«, erzählt Jakob. »Sie lässt es sich nicht nehmen. Wenn sie weiss, dass ihr Bruder im Käsedorf Musik macht, da stellt sie sich ein. Sie hält was auf mich. Ich hörte sie schon vor der Türe. Logiert hier Herr Trompeter Rauchmaul? fragte sie. Der Wirt musste lachen. Er kennt ihre Frage schon. Jedes Jahr ist es dasselbe. Logiert hier Herr Trompeter Rauchmaul? Manchmal sagt sie auch Herr Jakob Rauchmaul, aber sie kann meinen Vornamen nicht leiden. Sie sagt, er wäre nicht musikalisch. Theobald, das würde ihr gefallen.«

Das Pferd schritt nun noch vorsichtiger aus. Die Strasse zog hart an einem Berghang. Eine verlassene Grube liegt dort, der silberne Nagel. Ehemals fand mancher dort Lohn und Brot. Eines Nachts aber wurde ein Bergmann im Schlafe durch ein Pochen an seiner Stubenwand geweckt. Es klang, als würde mit einer Keilhacke in Gestein geschlagen. Der Bergmann erhob sich verstört und lief in die Grube.

Der Schacht lag ganz verlassen, nicht eine Menschenseele rührte sich. Aber es war deutlich der Schlag des Schlegels hörbar und das Gedröhn des Grubenwagens. Der Bergmann stand erschrocken an der Seilfahrt. Er wagte sich nicht in den düsteren Grubengang. Da bewegte sich heftig das Seil. Es war das Zeichen, dass jemand aus dem finsteren Schacht in das Licht befördert sein wollte. Zitternd drehte der Bergmann die Haspel. Die Winde bewegte sich und der Förderkorb stieg langsam empor. In dem Korb sass ein Männlein mit langem eisgrauem Bart, das warnend den Finger und plötzlich in nichts zerflossen schien.

Der Bergmann lief von Haus zu Haus, weckte seine Gefährten und erzählte das Geschaute.

Am Morgen hatte keiner den Mut, in die Grube einzufahren. Unschlüssig drängten sich die armen Bergleute vor dem Eingang. So wurde – dem Himmel sei Drank – die Uhr zur Einfahrt versäumt, denn auf einmal erscholl ein gewaltiges Krachen und der Treibschacht stürzte ein. Auch das Oberdach sank zusammen, das Schachtgerüst brach in die Tiefe und die Seilfahrt war verschwunden. Seit jenem Tage hat man die Grube nicht wieder in Betrieb genommen. Verfallen liegen die Gänge des silbernen Nagels. Es ist eine öde Stelle geworden. Die schwarzen Schlacken haben das Gras zerstört und das Gesträuch.

Hart an diesem stumpfen Berg geht die Landstrasse hin. Es ist ein heikler Weg. Oft geschieht es, dass die Pferde nur widerwillig der Peitsche gehorchen. Vielleicht ist auch das tosende Wasser des Steinbachs schuld, der hier scharf am Wege über Steine und Blöcke seine Strömung hintreibt. Die wilde Hanne nennen die Leute dieses Gewässer.

Vorsichtig schritt Pagels Pferd aus. Der Trompeter hatte die halblange Deckelpfeife in Brand gesetzt. Er wies auf das Wasser und lachte:

»Die wilde Hanne! Da hat sie sich ein Hemd gestohlen. Sie ist ein schamhaftes Frauenzimmer.«

Mitten im Wildbach, festgeklemmt an überhängenden Zweigen, hing das Wäschestück, das die wilde Hanne einer Frau beim Wäschespülen wohl aus der Hand gerissen hatte.

»Ja, die Weiber«, sagte Rauchmaul, »sei froh, Nachbar, dass du mit ihnen nichts zu schaffen hast. Meine Schwester Aline, was hat sie mir wieder zugesetzt. Sie kommt nun in die Jahre, wo der Mensch gern unter Dach und Fach ist. Ich verstehs ja, aber eine alleine kann doch nicht hochzeiten. Du musst deine Ansprüche herunterschrauben, habe ich gesagt. Hätte ich lieber mein Maul gehalten. Wir haben uns wieder einmal gezankt. Es tut mir von Herzen leid. Da ist das Mädchen nun gekommen, um mich zu sehen, und schon war der Spektakel da.«

»Du hast mit Frauen noch nichts zu tun gehabt«, klagte Rauchmaul. »Sei froh, Nachbar.«

Er nahm die Deckelpfeife aus dem Mund und klopfte mit ihr auf Pagels Schulter.

»Du hast keinen Anhang. Du bist ein freier Mensch, das will was wert sein. Aber die liebe Frau Musika –, ach, Nachbar, in jedem Dorf lauert sie einem schon in anderer Person auf. Sie sind rein närrisch nach der Trompete. Ich will mich nicht aufspielen, Nachbar, glaubs mir. Ich weiss, mich drückt nicht die Schönheit. Ich danke dem Himmel dafür. Wärs der Fall, sie hätten mich wohl schon unter die Erde gebracht.«

Nein, den Trompeter Jakob Rauchmaul drückte die Schönheit nicht. Er war ein langer hagerer Kerl. Wenn er seine Trompete blies, stand er gebückt, als wollte er der Luft, die er aus seinem langen Körper hervorzaubern musste, auf halbem Wege entgegenkommen. Sein Vorvater war noch königlicher Trompeter gewesen. Mit den Schweden war er gekommen, aber über Branntwein und Mädchen hatte er seinen König vergessen. Er war in dem Land in den Bergen hängen geblieben. Mit dickem Bauch und mit stampfenden Beinen, den Schnauzbart tief über das fette Kinn, war dieser erste Rauchmaul in die Berge eingebrochen. So gierig frass er das Leben auf, dass für seinen Nachfahren nichts blieb als eine magere Leiblichkeit. Allerdings neigte Aline zu einer freundlichen Fülle. Aber das konnte auch ein Erbteil von der Mutter sein, deren getreues Abbild noch lebte, Tante Riekchen, die bei Frau Hosang in dem Gasthof zwischen den Chausseen ihr Unterkommen gefunden hatte.

»Ja, Aline«, seufzte Jakob.

Es waren wohl Bewerber da, aber sie mäkelte an ihnen herum. Bei dem einen hatte sie dies auszusetzen und bei dem anderen das. Es waren reputierliche Männer darunter, sogar der Brandmajor von Erwinsrode hatte ein Auge auf sie geworfen, und jetzt war da ein Industrieller aufgetaucht, Herr Leisegang, der bei der alten Schneidemühle eine Stuhlfabrik errichten wollte.

»Das ist so mit meiner Schwester«, beklagte sich Rauchmaul. »Sie will einen Charakter heiraten. Ich habe gesagt, Charakter kann man sich leisten, wenn man Geld hat. Heirate Kaufmann Medefindt, habe ich ihr geraten. Er ist ein Licht in seinem Fach. Er hat sein gutes Auskommen.– Er ist ein Wischwasch, fuhr mir Aline dazwischen. Dann bring ihm Charakter bei. Unterweis ihn darin, sprach ich. Er wird schon kapieren, worauf du hinaus willst. Doch, wie gesagt, wir haben uns gezankt, Aline und ich.« Jakob schwieg missmutig.

Wenn man am silbernen Nagel vorüber ist, sieht man die Dächer von Sorgenstein auftauchen. Es sind schwärzliche Häuser mit Schindelwerk oder grauen Schiefern. Das einzig Farbige ist der Kirchturm mit seiner roten Haube.

Im letzten Hause an der Strasse nach Erwinsrode wohnt Meister Freilich. Auf der niedrigen Höhe hinter dem Hause hat er seine Nagelschmiede. Mit einer Schubkarre fährt er die selbstgeschmiedeten Nägel zu seiner Kundschaft, of stundenweit nach Erwinsrode oder nach Juliusbad, nach dem Baldriansdorf oder ganz und gar nach der Stadt in der Ebene.

»Gut bei Wege?« fragte Pagel und stieg vom Wagen.

»Freilich«, antwortete der Alte.

Da ist auch Jakob Rauchmaul. Er muss den Kopf einziehen, als er in die Türe tritt. In der Stube richtet er sich wieder auf, doch da ist sein Hut dicht an der Decke.

Unter einer Leinewand jubilierte es. Ein Finkenhahn sang in dem verhangenen Käfig.

»Hat er das Manöver gut überstanden?« erkundigt sich Rauchmaul.

»Freilich«, erwiderte der Alte. »Er hat seinen Preis bekommen. Es war eine zarte lange Hohlrolle, was er von sich gab. Auch die tiefe Bassrolle schaffte er. Ich werde ihn nun aus dem Tuch nehmen. Freilich, es hätt schon geschehen sollen.«

Während der Singezeit im ersten Viertel des Jahres wird das Vogelbauer mit einem weissen Tuch verhängt. Unter diesem Finkentuch singen die verschlossenen Sänger. In der Zeit um Pfingsten aber werden sie zum Wettstreit in den Wald gebracht. Auf langer Tafel stehen dann die Käfige mit den schlagenden Finkenhähnen, mit den Kollervögeln, den Hohlrollern und den Gluckern.

In diesem Jahre lag bei Meister Freilich das Richteramt.

Es war nicht leicht gewesen, ihn zufriedenzustellen. Er verlangte einen weichen Lockton, einen seltenen weichen Lockton, eine leise feine Rolle, leicht anschwellend, einen samtenen Pfiff, eine gediegene Hohlflöte, einen süssen Glockenton. Das alles musste ein Finkenhahn in getragener Weise zum Vortrag bringen. Nicht zu oft durfte er sich wiederholen. Einmal nur wollte Meister Freilich die Schnarrolle hören, die Klingelrolle oder die Schnatterrolle.

Ja, er verlangte viel von den Finkenhähnen.

Sein Vater war in jungen Jahren noch auf den Vogelfang gezogen. Er war ein geschickter Vogelsteller gewesen. Ohne zu mucken, hatte er als Bursche das Brot hinuntergewürgt, das mit Vogelleim bestrichen war, wie es die Gilde verlangte.

In dem Bodengebälk in Meister Freilichs Haus hängt noch die Vogelkiepe, liegen in dem verstaubten Kasten noch die Birkenruten und die Holzpflöcke aus Holunder.

Aber die Zeit des Vogelfangs ist vorüber. Ungestört schwärmen draussen die Stieglitze und Zeisige, die Gimpel und Dompfaffen, und ohne Scheu holen Quäcker und Hänfling verlorene Körner von Meister Freilichs Hof.

Oft zuckt es dem Alten in den Händen, einen, einen einzigen dieser Buntgefiederten zu erhaschen.

Oft muss er den Kopf vom Schmiedefeuer wegwenden und durch die offene Wand ins Freie starren, hinüber zu der dunklen Waldkette, die sich nahe dem Dorfe den Berg hinaufzieht.

Es ist ein hoher ernster Fichtenwald, und man sagt, dass nachts zuweilen noch der wilde Mann hindurchschritte, nackt, eine wurzellose, gewaltige Tanne in der Faust, er, der grimmige Hüter des Erzes.

Tags aber klingt aus dem Walde der helle Ruf der Bergfinken herüber.

Oft, wenn Meister Freilich solchen Gesang hört, schlägt er härter mit dem Hammer zu. Ingrimmig beugt er sich dem Gesetz, doch das glühende Eisen muss es entgelten.

In diesem Jahre hatte er die Preise verteilt. Man hätte keinen Kundigeren finden können.

Während die drei Männer vor den kargen Tisch sassen, darauf Malwine nicht viel mehr als Brot und Käse und den weisslichen Kartoffelschnaps gestellt hatte, berichtete Meister Freilich eingehend von der Finkenprüfung.

»Auch deine Schwester war zugegen«, sagte er zu Jakob.

Jawohl, Aline war auf dem Fest gewesen. Sie hätte es schwer übers Herz gebracht, sich solch Vergnügen entgehen zu lassen. Später war getanzt worden und ein gutgekleideter Mann hatte ihr seine Aufmerksamkeit geschenkt. Das war Herr Leisegang, der in Erwinsrode neben der alten Schneidemühle eine Fabrik errichten wollte, in der nichts anderes hergestellt werden sollte als Stühle.

Aline hatte von ihm in Erwinsrode schon gehört.

»Ich wohne im reichen Winkel«, sagte sie.

Sie machte kein Hehl daraus, ihn wissen zu lassen, welches die rechte Haustüre wäre.

»Ich werde auch eine Wohnung suchen müssen«, hatte Herr Leisegang geantwortet. »Einstweilen wohne ich noch im Hotel.«

Aline tat so, als wüsste sie nicht, was einen Mann mit weltstädtischen Manieren, wie es Herr Leisegang war, nach Erwinsrode ziehen könnte.

»Ein Unternehmen«, sagte Herr Leisegang kurzhin. Er legte mehr Wert darauf, der schmucken Aline Freundlichkeiten zu sagen, als sie in seine Pläne einzuweihen. Aline aber war kein junges Mädchen mehr, das in einem Manne die Wiedergeburt ihrer zärtlichen Träume sieht. Sie will unter Dach und Fach kommen, hatte ihr Bruder, der Trompeter, gesagt.

Sie drängte nicht weiter in Herrn Leisegang, aber tags darauf wandte sie allen Spürsinn an, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Sie hatte es bald heraus, denn Geheimnisse finden in Erwinsrode ein schlechtes Versteck.

Es hiess, dass Herr Leisegang die Schneidemühle bereits gekauft hätte.

Von diesem Tage an nahm sie ihrer Tante Riekchen vielfach die Wege nach der Mühle ab, wenn für den Gasthof zwischen den Chausseen Forellen zu besorgen waren, auf die ein durchreisender Gast Appetit hatte.

Die flinken Forellen waren die Gespielen der wilden Hanne. Silbern sprangen sie in dem flatternden Bergwasser, das gedämmt seinen Weg über das Mühlenrad nehmen musste. Manch einer der tanzenden Waldfische fand sein Ende in dem breiten Handnetz der Mühlburschen.

In den Wochen nach dem Finkentage war Aline mehrmals um Forellen in die Schneidemühle gegangen, aber nur einmal war es ihr geglückt, Herrn Leisegangs habhaft zu werden, doch hatte er sie sofort erkannt, und die Augen, die er ihr zuwarf, schienen noch in Tanz und Vogelsang zu schwelgen.

»Es geht voran mit seinem Holzwerk«, sagte Meister Freilich.

Er hatte das Brot beiseite geschoben und schickte nun dem letzten Käsestück einen herzhaften Schluck nach. Dann erhob er sich und bat, dass man es nicht übel vermerken möchte, wenn er nun wieder an die Arbeit ginge.

»Du willst doch vor Vesper nicht fahren, Nachbar?« sagte er zu Pagel.

»Ich muss mich bei meiner Kundschaft noch umsehen«, antwortete Pagel. »Vor Vesper geht es kaum weiter.«

»Dann sehen wir uns noch«, sagte Meister Freilich. »Von Leisegang ist eine grosse Bestellung gekommen. Es ist eilige Arbeit, ich werde noch einen Gesellen einstellen müssen.«

Sein Sohn Wilhelm war dazugekommen und sie besprachen kurz den Arbeitsplan für die Woche.

Wilhelm war ein langsamer Mensch. Er fand nicht gleich eine Antwort, als der Trompeter seine Neckerei wegen der Hochzeit anbringen wollte.

»Ich hatte gedacht, man würde eine Trompete gebrauchen können«, zwinkerte Jakob, »aber ich habe gehört, dass ihr nach dem Blasebalg über der Esse getanzt habt.«

Meister Freilich sah ihn missbilligend an. Blasebalg, Hammer und Amboss sind ernste Dinge, denen man keinen Scherz anhängen soll. Überdies war er dem Trompeter von Grund aus nicht sonderlich gewogen. Musikerei ist ein flatterhaftes Gewerbe, das nichts zustande bringt als Töne, die spurlos im Winde verwehen, und die man nicht in der Hand halten kann wie Eisen oder Stahl. Man dürfte sie gelten lassen auf einem Schützenfest oder auch nach dem Finkenmanöver, aber auch dann nur mit Bedacht, wie es ziemlich ist und der Würde des Menschen entsprechend.

Der Trompeter liess sich durch diesen Blick nicht einschüchtern. Wenn man gewöhnt ist über Landstrassen zu gehen und vor Haustüren seine Kunst feilzuhalten, wird man gegen Blicke so unempfindlich wie gegen Regenschauer.

»Zum mindesten hätte ich wohl gerne dem Täufling einen Marsch geblasen, doch ist sein Geschrei nicht zu mir gedrungen. Zwar gibt es im Land einen Postwagen, doch wird er wohl vor der falschen Türe gehalten haben«, sagte Rauchmaul.

Dann, um sich für den entgangenen Taufschmaus schadlos zu halten, legte er sich von neuem den Teller voll.

Entschuldigend fügte er hinzu:

»Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Erwinsrode hat seine guten drei Stunden. Ich würde gerne mit dir fahren, Nachbar, aber meine Füsse haben eine Liebschaft mit der Chaussee. Sie sind ihr heute noch nicht lange genug auf dem Genick getanzt.«

»Während er schwatzte, hatte Pagel seine Leinenbündel sortiert und verschnürte nun den Haufen, den er über den Arm hängen wollte, um ihn in Sorgenstein auszubieten.

»Richtig, das hätte ich vergessen«, sagte er. »Hier das Leinen für Malwine.«

Meister Freilich war schon in die Schmiede gegangen, aber Wilhelm stand noch da und sah zu, wie Pagel in seinen Tüchern kramte.

Nun rief er seine Frau.

Malwine kam herein, das Kind im Tragemantel auf dem Arm.

Jakob stand auf und beugte sich über das Kind. Er tätschelte es.

»Willst du einen Apfel?« fragte er.

Dabei blies er die Backen auf und schlug mit den Fäusten dagegen. Es gab einen lauten Knall und Jakob bohrte seinen Zeigefinger in die Luft.

»Da fliegt er!« rief er vergnügt.

Doch das Kind begann zu weinen. Es schrie, als steckte es am Spiess.

»Nun, nun«, beschwichtigte Rauchmaul, und um das Kleine zu beruhigen, begann er zu singen.

»Ein Kindchen, ein Hündchen, ein Lamm«, sang er.

Das Kind liess es sich gefallen. Es hörte auf zu weinen. Jakob war über diesen Erfolg ganz verblüfft.

»Es ist still, hört nur, ganz still«, stellte er verwundert fest.

»Ich werde das Lied auf der Kirmes singen«, sagte er zu Malwine. »Da habt ihr also ein Ziegenlamm.«

Er stellte viele Fragen und erfuhr, dass dieses Lamm mit Gerstenkaffee aufgezogen würde. Später bekäme es Kartoffeln und Kleie.

Pagel hatte vor Malwine die Leinewand ausgebreitet. Sie rieb den Stoff zwischen den Fingern und prüfte seine Güte. Pagel stand schweigend dabei. Er sah, dass ihre Hand blass war.

»Wie gehts dem Vater?« fragte er.

»Nicht zum besten«, antwortete Malwine. »Der Arzt meint, es wäre die Lunge.«

Malwines Vater war ein schwächerer Mann. Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch Korbflechten und Besenbinden. Wenn er so kräftig gewesen wäre wie die anderen Männer seines Alters, hätte er noch in der Hütte gearbeitet, wo Eimer und Töpfe gestanzt wurden, oder würde als Holzfäller gegangen sein. So aber musste er sich leichterer Arbeit zuwenden, obgleich es nicht ohne viele Mühen war, als Kiepenkerl seine Waren an den Mann zu bringen, die geflochtenen Körbe, die selbstgebundenen Besen oder die hölzernen Kochlöffel, Quirle und Klammern, an deren Herstellung sich die ganze Familie beteiligte.

Nein, es stand nicht gut mit Malwines Vater.

»Wenn die Mutter sich bloss um ihn zu kümmern hätte«, seufzte Malwine.

Aber da war noch der Grossvater, der greise Bergmann, der nicht sterben wollte, und der für das Haus eine Last und grosse Pein war, ein eigensinniger Schatten, der sich immer wieder in das bisschen Licht drängte, das ein kärgliches Leben spendete, missgünstig auf das sorglose Lachen der Kinder und verstimmt über die späte Stille eines spärlichen Feierabends.

In früheren Jahren hatte er sein bescheidenes Auskommen gehabt, bis die Grube, in der er arbeitete, stillgelegt wurde.

Sein Vater war an der Hüttenkatze gestorben, der Bleikolik, die grausam und unnachsichtig die Bergmänner in den Silbergruben umschlich. Auch den Alten hatte sie einmal angesprungen, doch konnte er sie abschütteln, und der Gebrauch seiner Glieder war ihm geblieben. Dagegen hatte das Entsetzen ihm die Gedanken verwirrt, und wenn er auch später wieder zu seinem vollen Bewusstsein kam, so gab es doch hin und wieder Augenblicke, in denen er, einem fremden geheimnisvollen Willen untertan, sich in irrseligen Wegen verlor. Dann geschah es wohl, dass er sich zu der verlassenen Grube aufmachte und dort mit seinen Händen das lockere Gestein, das unter gelben Schwefelalgen zu schlafen wünschte, nach lockenden Erzen durchwühlte.

Keine Ruhe liess er der Erde, darum war es wohl, dass sie ihn nun, wo er greis und gichtig war, auf seiner Lagerstatt heimsuchte, und dass sie quälende Träume über ihn kommen liess, dunkel und polternd wie schwere Erdstollen.

Überhaupt die Menschen in diesem Lande, diese armen Menschen, die keine Felder besitzen und keine Gärten, die dem Bergwald nur das Fleckchen abgerungen haben, das sie für ihr niedriges Haus gebrauchen, und die oft stundenlang wandern müssten, um eine grüne Saat zu sehen oder ein gelbes Ährengewoge.

Sie müssen mit den Äxten in den Wald gehen und Bäume töten, und der Wald rächt sich, denn er fordert ihre Kraft und ihre Jugend, und was er ihnen dafür gibt, ist nicht viel mehr als der nackte Holzteller, den sie aus seinem Fichtenholz schnitten.

Oder sie sind gezwungen, unter der Erde zu arbeiten, gebückt in niedrigen Grubengängen zu stehen, um mühselig Schlag für Schlag die Keilhacke in das Gestein zu zwingen. Aber die Schätze, die sie für andere der Erde entreissen, müssen sie selbst teuer bezahlen.

Der Berg, den sie durchwühlen, presst sie zusammen. Gierige Krankheiten wirft er nach ihnen, und in den Kreis ihres kleinen Grubenlichtes schickt er seine Gespenster.

Ja, der grausame Berg wahrt nicht das trauliche Licht. Jede Gewalt gibt sich gezügelter dem friedlichen Lampenschein, aber in der Finsternis des Felsens wird das gutselige Grubenlicht zum Verrat. Der riesige Unterirdische weiss, wohin er seinen Blitz zu senden hat.

Ja, die Menschen in diesem Lande. Schwarz und verrusst stehen sie als Köhler vor den glimmenden Meilern, tragen sie als ärmliche Hausierer die bescheidenen Waren ins Land, die sie in mühevoller Arbeit mit zäher Geduld erschufen.

Durch Wind und Wetter laufen sie, um für den Erlös ihren Kindern den geringen Tisch decken zu können, Kindern, denen das harte Leben keine Zeit zu Spiel und Scherzerei lässt, sondern sie mit Messer und Hobel auf die Bank zwängt, um Stäbchen für Streichhölzer zu schnitzen.

Da fahren die Holzsucher mit ihren kleinen Handwagen durch die Wälder, und was sie heimbringen, ist dürres Reisig, das in Hecken geflochten, fremden Menschen zum Anfachen des Herdfeuers dienen soll.

Da sammeln alte Leute die blinkenden Salzsteine, die in Felsspalten liegen oder in den finsteren Eingängen zu feuchten Höhlen, um sie den Reisenden als Andenken zu verkaufen an ein Land, dessen ewige Wälder rauschen und dessen Berginneres von Silber glänzt und Alabaster.

Immer waren es nur dünne Heller, die man in den Beutel tun konnte.

War es ein Wunder, wenn die Burschen das Gewehr von der Wand nahmen, sich in die Wälder schlichen und Wilddiebe wurden, oder wenn sie Leimruten nach zierlichen Vögeln stellten, die gefangenen Weibchen töteten und über dem Feuer als willkommene Speise rösteten, die Sänger aber in kleine Käfige sperrten und in die Stadt zum Verkauf trugen, oder wenn sie mit heimlichem Fischzeug die Waldbäche abstrichen nach schmackhaften Forellen, die hoch im Preis standen.

Manch einer von ihnen hatte Leib und Leben gewagt, um sich und seiner Familie ein Stück Fleisch in den Topf zu zaubern. Um ein Reh musste Malwines Bruder in den Tod gehen.

Vielleicht war das der Grund, weshalb Wilhelm so lange mit der Hochzeit gezögert hatte, bis schliesslich Meister Freilich selbst darauf drang.

Vielleicht war es das Unglück überhaupt, das an Malwines Familie haftete, die Armseligkeit und die Schicksalsschläge.

Das alles hatte Wilhelm wohl vorher gewusst, aber wenn Kirmes ist, und ein junges Mädchen ist gut anzusehen, sein ängstliches Leben hat es zu Hause gelassen, nun steht es mit geröteten Wangen vor den billigen Buden, ein erwartungsvolles Lächeln in dem sonst so ernsten Antlitz – ja, dann denkt man nicht an die Not, die ihr anhängt. Da sieht man nur ihr hübsches Gesicht, ihre junge Gestalt, ach ja, da glaubt man, dass man sie lieben wird zeit seines Lebens. So hatten sie geheiratet und nun war das Kind da.

Pagel legte die Leinewand zusammen, die Malwine zu behalten wünschte.

»Du müsstest dich schonen«, sagte er zu ihr.

»Es wird noch vom Kind sein«, antwortete sie.

Das Kleine in dem Tragemantel wurde wieder unruhig und sie wiegte es auf dem Arm.

Da hätte Jakob Rauchmaul sein Lied ein zweites Mal anbringen können, aber er war schon gegangen, und durch das kleine Fenster sah man ihn noch auf der Strasse zum Berge hin, mit grossen Schritten, etwas vorgeneigt, die Trompete unter dem Arm.

Am Nachmittag, nachdem alle Gänge erledigt waren, stellte sich Pagel noch einmal bei Meister Freilich ein. Der Alte sass vor seinem Becher mit schwarzem Kaffee, den er löffelweise mit Zucker süsste. Oft brockte er noch eine Wassersemmel hinein.

Eine grosse Kanne aus weisser Emaille stand auf dem Tisch, aus der nun auch Pagel seinen Becher gefüllt bekam.

Auch Wilhelm kam hinzu, der dem rothaarigen Lehrjungen noch Anweisungen gegeben hatte.

»Hat er's kapiert?« fragte Meister Freilich.

»Wills hoffen«, antwortete Wilhelm.

»Freilich«, sagte der Alte.

Er wandte sich zu Pagel:

»Ein Lümmel, der Blasjunge. Nichts im Kopf als Fisematenten. Wenn ich's seiner Grossmutter nicht zuliebe täte, hätte ich ihn schon an die Luft gesetzt. Du kennst sie auch, Nachbar, klein und rund und immer flink auf den Beinen, die Alte aus dem Baldriansdorf. Nun, wir haben in unserer Jugend auch manches angestellt«, setzte er hinzu. »Es sollen ja nicht die schlechtesten Fohlen sein, die ausschlagen.«

Dann kamen sie wieder auf Herrn Leisegang und seine Schneidemühle zu sprechen. Da er Meister Freilich in Nahrung gesetzt und auch für später allerlei Arbeit in Aussicht gestellt hatte, war es verständlich, dass der alte Nagelschmied sich mit dem neuen Unternehmen verbunden fühlte.

»Es ist leider eine Schwierigkeit entstanden«, sagte er. »Der Graf will ihm keinen Boden verkaufen. Er fürchtet wohl, dass seine Tagelöhner sich dann Arbeit in der Holzfabrik suchen. Wenn's den grossen Herren gegen den Beutel geht, werden sie rapplig. Der Selige hätte sich leichter dazu überwunden. Er war ein zugänglicher Mensch, der alte Graf. Ich habe ihm noch manchen Nagel schmieden müssen. Aber der junge hat seine Erziehung in der Welt gehabt und es scheint, dass Katze und Tatze seine Lehrmeister waren. Nun, das schöne Fräulein wird ihm manchen Hunderter kosten. Da könnte es wohl sein, dass er sich das Angebot doch noch überlegt.«

»Geld soll ja eine gewichtige Sprache führen«, erwiderte Pagel. »Es ist wohl anzunehmen, dass Herr Leisegang damit nicht im Schatten steht.«

Wilhelm lachte.

»Wie Heu«, sagte er.

»Wenns auch nicht so schlimm ist«, meinte Meister Freilich, »wird er doch genug zur Verfügung haben. Er ist kein Mensch, der in einen Graben springt, ohne zu wissen, wie tief er ist. Zwar heisst es, dass er einen Kompagnon suchen soll. Doch schätze ich, dass ihm weniger an Geld, als an einem zuverlässigen Menschen gelegen ist.«

Ja, Herr Leisegang suchte einen Kompagnon, der in dem Haus bei der Schneidemühle wohnen sollte, um alles im Auge zu haben, den Mühlenbetrieb und später die Fabrik, denn Herr Leisegang selbst wollte viel unterwegs sein. Schliesslich mussten die Stühle, die man herstellen wollte, ja auch verkauft werden, und Herr Leisegang wusste jeden Menschen in seiner Art zu behandeln. Er konnte ernst sein mit dem Nachdenklichen, er konnte mit dem Lustigen seinen Spass treiben, er verstand es, sich zurückzuhalten, aber wenn man ihm entgegenkam, konnte er schon eine Mine springen lassen.

Pagel war über Meister Freilichs Bericht nachdenklich geworden. Als sie beide allein am Tisch sassen und Wilhelm schon wieder am Schmieden war, sagte Pagel:

»Es geht mir noch durch den Kopf, was du da von dem Holzwerk erzählt hast. Ich habe jetzt fast fünfundzwanzig Jahre meinen Planwagen. Du kennst mich vom ersten Tag an, wo ich hierher kam. Du hast mir selber manchen guten Rat gegeben. Ich muss sagen, es war nicht leicht, sich an die Menschen hier zu gewöhnen. Nun, darüber will ich nicht schwatzen. Ich dachte nur bei deinen Worten, dass es vielleicht doch gut wäre, wenn man von dem ewigen Unterwegs fort käme. Früher hat es mir nicht viel ausgemacht, Wind und Wetter. Ich bin mehr daran gewöhnt als andere. Aber jetzt meldet sich doch oft das Reissen. Und wenns beim Apotheker kein Schlangenfett gäbe, wärs manchmal vielleicht eine Behelligung.«

»Freilich«, unterbrach ihn der Alte. »Ich spüre es auch oft in den Knochen. Da muss man sich warmhalten. Nun, das Schmiedefeuer sorgt schon dafür. Aber du auf deinem Wagen, das will ich glauben.«

»Ich habe manches mit dir besprochen«, erwiderte Pagel. »Warum nicht auch das. Ich habe etwas Geld hinter mir, nicht viel. Was kann man schliesslich an meinen Sachen verdienen. Den Leuten fehlt es ja selbst oft am nötigsten. Ja, ich habe schon öfter gedacht, ob ich mich mit dem Geld nicht irgendwo beteiligen sollte. Ich verlange nicht mehr als mein bescheidenes Auskommen. Das fiel mir ein, als du von Leisegang sprachst. Nun wird das für ihn nicht in Frage kommen, soviel Geld habe ich natürlich nicht.«

»Das müsste man in Erfahrung bringen«, sagte Meister Freilich. »Vielleicht liegt ihm wirklich mehr am Menschen als am Geld. Es kann sein, dass er nur eine Kaution in Händen haben will.«

»Du meinst, dass es sich hören liesse?« fragte Pagel.

Meister Freilich setzte die Brille auf. Es war wohl Zeit, wieder den Hammer in die Hand zu nehmen. Er sah auf die lange Uhr an der Wand, öffnete das Glas und rückte mit umständlicher Sorgfalt am Pendel.

»Ich habe mich schon versäumt«, sagte er. »Freilich, der Nagel muss einen Kopf haben. Ich werde also mal mit dem Herrn sprechen, wenn es dir recht ist, Nachbar. Ich habe morgen bei ihm zu tun. Da könnte ich eine Frage nebenbei fallen lassen.«

»Das wäre nicht ungeschickt«, erwiderte Pagel, »obgleich ich fürchte, dass mein Krämchen nicht her und nicht hin reichen wird.«

»Du kannst auf der Rückfahrt mit vorbeifragen. Ich hätte dich auch gerne gebeten, Malwine einmal mit in die Stadt zu nehmen. Ich glaube, es wäre gut, wenn sie sich einem anderen Arzt vorstellte. Freilich, unser Doktor meint zwar, dass es nichts auf sich hätte. Es könnte ihr auch von der Kleinen noch anhängen, aber Malwine will mir gar nicht recht gefallen. Vielleicht wäre es gescheit, wenn sie den Arzt in der Stadt einmal befragen würde. Sie will nicht recht darauf hin. Da könntest auch du mit gutem Wort ihr zusetzen, Nachbar.«

Pagel versprach seine Unterstützung. Er kannte Malwine von Kind auf. Er wusste, welche schwere Jugend sie gehabt hatte. Er freute sich, dass sie nun in den ruhigen Hausstand der Freilichs gekommen war, und er hatte mit Betrübnis gesehen, dass nun, wo ein sachtes Leben sie hintragen könnte, die Kränklichkeit ihres Vaters vor ihr nicht haltzumachen schien.

Ehe er auf den Wagen stieg, wollte er ihr noch ein paar freundliche Worte zuwenden, aber sie machte sich in der Küche mit dem Kinde zu schaffen und schenkte ihm wenig Beachtung. Sie hatte wohl durch die Türe gehört, was gesprochen war, und mochte lieber in Frieden gelassen werden.

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