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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 11
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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*

Der Wirt hatte sich nicht zu helfen gewusst. Die Not sass ihm an der Kehle. Er hatte Wanda, seine Frau, in die Stadt geschickt. Sie war zurückgekehrt ohne Geld. Er hatte sie wieder fortgesandt, zu einem entfernten Verwandten. Wanda hatte geschrieben: mit nichts war zu rechnen.

Ja, die Not sass dem Wirt an der Gurgel.

Den ganzen Tag hatte er in der Gaststube verbracht, einsam zwischen den Tischen.

Das leere Holz hatte ihn angeklagt. Er bat um Verzeihung: Ich kann nichts dafür. Ich habe kein Geld. Ich komm nicht mehr hoch. Krank bin ich auch. Ich hab keine Lust mehr.

Er sass in der Stube.

Er sah die Schlitten. Sie fuhren vorüber. Die Pferde mit Glocken.

Am Abend stieg der Wirt auf den Boden.

Das Zündholz berührte das Werg und die Wolle, getränkte Lappen und trockenes Stroh.

Da packte den Wirt das Entsetzen.

Die Treppe lief er hinab, das Grauen ihm nach.

Kurzatmig war er und krank am Herzen. Nun sass ihm die Angst wie ein Alp auf der Brust.

Er lief davon. Er lief auf die Strasse. Er lief und schrie:

»Feuer!«

Aus den Häusern stürzten die Menschen. Die Frauen kreischten. Die Männer holten die Eimer und Stangen. Sie umstanden den Wirt. Sie fragten und forschten. Er wies auf sein Gasthaus. Sie laufen, sie stehen. Kein Flämmchen zu sehen, nicht mal ein Lichtschein. Wo ist denn das Feuer?

Der Wirt bricht zusammen: »Ich hab mich geirrt. Ich sah eine Flamme. Liebe Leute«, sagt er, »ich hab mich geirrt.«

Die Frauen lachen, die Männer rumoren: »Das kost't eine Runde.« Der Wirt lenkt ab. Er ist ganz verdattert. Er sagt: »Seid vernünftig. Geht doch nach Hause. Ich hab mich geirrt.«

Aber die Männer sind dickköpfig: »Was heisst das, nach Hause? Hast uns hierher gelotst mit Stangen und Eimern. Da kommt schon das Wasserfass. Hältst uns zum Narren.«

Der Wirt windet sich. »Ich bin krank, liebe Freunde, ich hab's auf der Brust. Gebt doch Frieden.«

Sie lassen nicht locker: »Einen Schrecken um nichts und wieder nichts. Das macht Durst in der Kehle.«

Sie drängen den Wirt beiseite. Auf einmal ist die Gaststube voll. Sie schenken sich selber das Bier ein.

Der Wirt ist kreidebleich, er schlottert noch immer. Er stiert vor sich hin.

Auch Moeb, der Friseur, ist unter den Leuten. Er tritt zu dem Wirt und sieht ihn an. Der Wirt blickt nicht auf: »Ich bin noch ganz zittrig.«

»Wie kommst du bloss darauf?« – »Ich sah eine Flamme.« – »Wo denn?« – »Ich weiss nicht.«

Moeb lässt ihn in Ruhe. Er geht in den Flur, es riecht etwas branstig. Er schleicht dem Geruch nach und kommt auf den Boden. Er findet die Lappen. Sie schwelen noch immer.

An diesem Abend war auch Ohlik, der Leuchtturmwärter, unterwegs. Er war mit Bieke, bei der er jetzt wohnte, im Gespräch gewesen, als sie den Schrei des Wirtes auf der Strasse vernahmen.

Sie hatten ihre Worte vergessen und waren hinausgelaufen, mischten sich unter die Menschen, die auf den Wirt einredeten, und beeilten sich, mit ihnen nach dem Gasthause zu gelangen. Dort hatten sie sich überzeugt, dass keine Gefahr bestand, sprachen noch eine Zeitlang mit den anderen und gingen dann heimwärts.

Es schneite, und sie schritten dahin, in dichte Flocken gehüllt. Sie redeten über den Wirt.

Bieke gab dem Logierhause die Schuld, dass es mit dem Wirte so bergab gegangen war. Ohlik widersprach, man sähe ja, dass die Krankheit den Wirt um die letzte Vernunft gebracht hätte.

Aber Bieke liess ihn nicht ausreden:

»Sie haben ihn zugrunde gerichtet mit ihrem neumodischen Betrieb. Jawohl, Pagel hat Schuld.« Sie ereifert sich: Er liesse sich auf der Nase herumtanzen, kein Wunder bei solcher Frau, Melitta hantiere sich ja jetzt wie eine grosse Person. Sie wüsste gar nicht mehr, wohin mit dem Kopf. Nun wäre noch dieses Spektakel gekommen, diese verrückte Mutter, diese Tanzkünstlerin.

Bieke schüttelte die Faust. Sie hatte ihren Krach mit Melitta nicht vergessen. Ohlik wagte gar nicht, ein gutes Wort einzulegen. Er drückte sich bekümmert neben seiner Begleiterin her. Er hatte Melitta ein gelbes Kleid geschenkt, nein, er war kein Held mehr, er wagte nicht, sie zu verteidigen.

Bieke hatte die Hände in die Seiten gestemmt:

»Man hätte heute nur die Schlitten sehen müssen. Das war ja ein Bimmel und Bammel. Die feinen Herren aus der Stadt.«

In ihrem Zorn vergass sie, dass auch Konsul Klemm dabei war, dessen Loblied sie bisher alle Tage gesungen hatte, weil Geesche nun Fräulein in seinem Haushalte war.

»Da setzen sie sich vor uns hin und fressen«, rief sie.

Sie zeigte auf die Reihe heller Fenster, die nun durch das Schneegewoge sichtbar wurden. Auf einmal hatte sie ein mitfühlendes Herz mit ihren Nachbarinnen, den armen Fischerfrauen.

»Jawohl, der Drache mit den sieben goldenen Mäulern, der frisst die armen Leute. So soll schon in der Offenbarung zu lesen sein.«

Ohlik war stehengeblieben und betrachtete den Lichtschein.

»Du möchtest wohl gar noch mitmachen?« fragte Bieke hämisch.

»Ich habe früher manches Fest auf den Holmen gefeiert«, entgegnete Ohlik. Er stand da und seufzte: »Dieser Lichterglanz«.

»Sie würden dich auch gerade haben wollen«, höhnte Bieke und ging ihres Weges.

Ohlik trug einen Stock bei sich. Seitdem er von Tag zu Tag anfälliger wurde, musste er sich oft stützen.

Auf den Stock gelehnt stand er in dem Schneetreiben und starrte nach den Fenstern.

Er wollte weitergehen, hinter Bieke her, aber der Lichtschein zog ihn an. Wie ein grosser Abendfalter, der etwas von der Helligkeit erhaschen will, näherte er sich dem Hause.

Durch die geschlossenen Fenster hallte das Stimmengewirr. Gelächter war darin, Erregung und Hitzigkeit des schwelgerischen Mahles.

Ohlik hatte sich in die Dunkelheit geklammert. Er fing gierig jeden Ton auf, jedes Wortgefetz, jedes Gelach. Zwischendurch war es für Sekunden totenstill, dann schwoll ein Lachen, ein dröhnendes schlug in die Winternacht.

Reglos stand Ohlik. So lachte man einst auf den Holmen.

Er beugte sich vor, er berührte den Lichtschein. Er fuhr zurück in die Finsternis, denn auf einmal geschieht etwas längst: Vergangenes.

Ein Schlitten kommt an. Der Schlitten hält. Ein Mann hebt eine Frau aus dem Sitz. Einen Augenblick stehen beide im Lichtschein. Unter dem Mantel leuchtet das gelbe Kleid. Sie treten zurück. Der Mann küsst die Frau. »Schlittenrecht«, sagt er. Die Frau huscht ins Haus. Der Mann schirrt das Pferd ab, vorsichtig, leise.

In der Dunkelheit steht der Holzkapitän. Er denkt an Frau Hilda, er denkt an Brint. Er hebt den Stock, dann lässt er ihn sinken. Er schluchzt wie ein Kind, und vom Haus her Gelächter.

Die Herren waren noch immer am Essen.

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