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Die Liebe, alt wie die Welt

Robert Seitz: Die Liebe, alt wie die Welt - Kapitel 10
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typefiction
authorRobert Seitz
titleDie Liebe, alt wie die Welt
publisher Karl H. Bischoff Verlag
year1943
firstpub1936
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*

Dieser Tag ging Pagel schwer nach. Immer wieder kam er in Gedanken zu dem Entschluss, Thorde zu verlassen und mit seinem alten Kapitän wie früher über die Meere zu fahren. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass seine Dienstwilligkeit mit Bevorzugung angenommen würde, aber er dachte an Dole und blieb.

Er hatte sich überlegt, wie es ohne ihn mit dem Logierhause gehen möchte, und er war zu der Einsicht gekommen, dass er in diesem Betrieb nicht sonderlich vermisst werden könnte.

Herr Daudat hatte alle Eigenschaften, das Unternehmen zu leiten und auf die Höhe zu bringen. Melitta, das musste er zugeben, arbeitete fleissig und hatte auch einen Überblick über Haus und Küche. Pagels Anteile am Verdienst waren festgelegt und es bestand nicht die Gefahr einer Übervorteilung. Was er selber leistete, erschien ihm nicht wesentlich. Er konnte nichts weiter tun, als dem Hause vorzustehen, es instand zu halten und im übrigen auf Gäste zu warten.

Alles in allem hätte er getrost wieder fortgehen können, ohne dass dadurch das Erreichte ins Wanken gekommen wäre. Aber er dachte an Dole und blieb.

Mit Melitta sprach er nur das Alltägliche. Sie vermieden es, mit irgendeinem Wort auf den Sonntag zurückzukommen. Sie redeten nicht einmal darüber, dass der Dampfer Ostland vorläufig zum letzten Male gefahren wäre und dass man nun bis zum März auf ihn warten müsste. Sie sprachen auch nur wenig von dem bevorstehenden Fest.

Überhaupt war es so, als wären sie auf einer Fahrt in ein totes Gewässer geraten, das zwischen hohem Schilf und düsteren Weiden versteckt lag und darin eingefangen ihre Augen nichts anderes zu sehen vermochten als das stumpfe Wasser, die unbeweglichen Gräser und die stummen Weiden dahinter.

Stiwenhack arbeitete jetzt in den oberen Zimmern. Er versah jede dieser Logierstuben mit einem Wandschmuck. Er hielt sich selten unten auf. Sie bekamen ihn nur zu den Mahlzeiten zu sehen. Ausserdem tat er sehr geheimnisvoll, hatte sich dünne Holzkisten besorgt, sägte und hämmerte. Er baute eine Puppenstube für Dole. Er fertigte ein Schmuckkästchen an für Melitta und einen Zigarrenschrank für Pagel.

Es war böses Winterwetter geworden und der Maler hatte wohl mit Schrecken erkannt, dass er durch sein Abenteuer mit Melitta nahe daran gewesen war, seine warme Stube aufs Spiel zu setzen. Das wäre ihm wohl nicht zum Bewusstsein gekommen, wenn Melitta ihm nicht aus dem Wege gegangen wäre. Er hatte versucht, ein paar zärtliche Worte anzubringen, aber sie war nicht darauf eingegangen. Selbst seine Beteuerung, sie in dem gelben Kleide zu malen, verfing nicht mehr. Einesteils verschaffte ihm das eine grosse Beruhigung, denn er hätte gar nicht gewusst, woher die Leinewand nehmen, andernteils kam er nicht von der Befürchtung los, dass seine Tage in dem Logierhause gezählt sein könnten.

So tat er das Klügste, er verhielt sich still, wartete geduldig auf seine Brosamen und entschädigte sich nur abends vor dem Einschlafen mit gigantischen Gedanken.

Ja, es war böses Winterwetter geworden. Der Fluss war gefroren und über die See trieb ein eisiger Wind gegen das Haus.

Verschneit und verfroren kam hin und wieder ein Mensch. Ohlik kam, der Holzkapitän, der jetzt bei Bieke wohnte und seine Gesundheit wiederzufinden hoffte. Das Hafenamt hatte ihn bis zum Sommer beurlaubt. Ein Vertreter war eingetroffen und der neue Mann hatte alle Arbeiten übernommen, die dem Leuchtturmwächter oblagen.

Ohlik hatte seine Sachen zu Bieke hinübergetragen. Was sollte er nun den ganzen Tag anfangen?

Seitdem der Maler in dem Logierhaus wohnte, war der Leuchtturmwärter bisher ein seltener Gast gewesen. Jetzt aber liess er sich jeden Tag sehen. Er suchte Stiwenhack offensichtlich auf.

Der Maler, der sich Melitta und Pagel gegenüber zurückhielt, war vor Ohlik schwatzhaft. Er lud bei ihm an grosssprecherischen Worten ab, was er woanders nicht anbringen wollte. Er überfiel jedesmal den Holzkapitän mit hochtrabenden Ansichten. Es war erstaunlich, wie Ohlik sich ihm auslieferte.

Stundenlang tauschten sie ihre Geheimnisse aus.

Brint ist wiedergekommen, denkt Ohlik. – Es ist gut, dass er es nicht ist, grübelt er weiter.

Stiwenhack wird pathetisch. Er sagt: »»Wir wissen nicht, wer wir sind. Ich habe eine Königin gefunden in gelber Seide, aber sie bildet sich ein, dass sie eine Magd wäre. Dabei ist ein grosses Feuer in ihr. Es wird noch viele verbrennen.«

»Das Feuer ist ausgebrannt«, flüstert Ohlik, »aber die Asche weht uns über den Weg. Ja, sie ist gestorben, nur ihr Kleinod liess sie zurück.«

»Was wollen Sie von dieser Königin wissen?« lacht Stiwenhack. »Sie sind ein Narr, Ohlik.«

»Ein Narr«, wiederholt Ohlik kleinmütig. »Ja, die Toten sind lebendiger als wir.«

»Bim bam«, läutet Stiwenhack auf der Leiter. »Es gibt welche, die leben zeitlebens im Sarg, fressen und fühlen sich wohl. Die Holzwürmer, die Borkenfresser. Bim bam, du bist der grosse Holzwurm, Kapitän.«

»Nicht doch«, bittet Ohlik.

Es ist erstaunlich, wie er sich dem Maler ausliefert. Es gibt Tage, an denen er Stiwenhack nicht von den Fersen geht.

Boom Garde hat darüber seinen Ärger. Er hält sich jetzt mehr zu dem Wirt.

Ja, es ist ein böses Winterwetter. Dem Wirt scheint es mit jedem Tage schlechter zu gehen. Die Sorgen, die er hat, sind grösser, als er vor Pagel damals eingestanden hatte.

Er hat Wanda ein paarmal in die Stadt geschickt, um Geld aufzutreiben. Die Drohungen der Brauerei wegen der ausstehenden Pacht werden immer heftiger und rücksichtsloser. Man muss glauben, dass sie dem Wirt die Kehle zuschnüren wollen. Sie halten nicht viel von seiner Tüchtigkeit und glauben einen besseren Nachfolger schon an der Hand zu haben.

Es geht mit dem Wirt bergab. Seine Gaststube ist leer. Die Männer haben keine Lust, bei solchem Wetter vom Ofen zu gehen, die jungen sind ärgerlich, weil der Wirt keine Musik mehr sonnabends bestellt. Sie wissen nicht, dass die Musiker streiken, denn der Wirt hat Schulden bei ihnen.

Nun hat er Wanda wieder in die Stadt geschickt. Aber er glaubt selbst nicht, dass sie Geld mitbringen wird.

Das alles muss Boom Garde mit anhören.

Wenn sein Herz vor Mitleid überfliessen will, geht er in das Logierhaus und erzählt es Melitta.

»So schlimm steht es mit dem Wirt«, klagt er.

Melitta zuckt die Achseln. Sie denkt an den Geldschein und an alle Ungelegenheiten, die ihr von dem Wirt gekommen sind. Nein, sie hat kein Mitgefühl mit ihm. Sie hat zwar einmal Frau Wanda eine Brosche geschenkt, eine Brosche aus Katzenaugen, aber das ist lange her und sie hat sich seitdem nicht mehr um Frau Wanda gekümmert.

Ja, es ist ein böses Winterwetter. Selbst an den Heiligen Tagen regnet ein feuchter Schnee. Aber es ist einer, der sich nicht davon abhalten lässt. Das ist Herr Daudat.

Alle paar Tage taucht er auf und setzt Melitta zu.

»Wann schreiben Sie an Ihre Mutter?«

Herr Daudat hat grosse Pläne. Nicht nur die Terrasse, er will auch ein Tanzzelt bauen im Sommer am Strande. Dazu aber braucht man Geld.

»Wann schreiben Sie an Ihre Mutter?« fragt er Melitta.

Herr Daudat kommt immer wie ein Wirbelwind. Manchmal aber ist er mürrisch. Er hat Ärger mit den Fischern von Thorde. Sie sind mit dem Preis nicht einverstanden, den er zahlen will. Die Fischer haben es schwer im Winter. Es ist ein mühseliges Brot. Man kann es ihnen nicht verdenken, dass sie aufsässig werden. Sie wollten das Netz unter dem Eis ziehen. Der Tag war auch schon festgesetzt und Herr Daudat hatte sich den Fang im voraus gesichert. Nun aber schieben sie den Zug von Tag zu Tag hinaus. Sie wollen Herrn Daudat zwingen, den Preis zu erhöhen. Aber sie bekommen ihn nicht klein. Er setzt seinen Kopf durch.

»Dann kaufe ich die Fische woanders«, hat er geschworen. »Es gibt genug. In Schottland pflastern sie die Strassen damit.«

Die Fischer haben nachgegeben. Herr Daudat triumphiert. Trotzdem war mancher Ärger darum.

Manchmal war Herr Daudat mürrisch, wenn er in das Logierhaus kam. Er quengelte und nörgelte: »Wann schreiben Sie an Ihre Mutter?«

Melitta hatte keinen rechten Mut.

»Dann lassen Sie mich machen«, zürnt Herr Daudat. »Ich bin es ja gewöhnt, alles selbst in Gang zu bringen. Immer bin ich der Mann, der die Lokomotive heizen muss.«

Er ist ärgerlich. Er trommelt auf den Tisch. Er spielt aufgeregt mit seiner Uhrkette.

Am Abend sitzen sie alle zusammen. Da benützt Herr Daudat die Gelegenheit. Er entwickelt vor Pagel seine Pläne. Jawohl, ein Tanzzelt.

»Was sagen Sie dazu?« fragt er Pagel.

Pagel muss zugeben, dass solch Plan nicht schlecht ist. Er kann sich zwar nicht vorstellen, was ein Tanzzelt am Strande soll. Aber schliesslich kommt es nicht auf seine Meinung an, sondern auf das Interesse der Gäste. Nein, er kann nicht widersprechen.

Stiwenhack bietet vorsichtig seine Dienste an. Er ist gleich im Bild. Er sagt:

»Es würde eine Sensation werden. Riesenplakate, grosse Ornamente! Musizierende Engel, schwebende Grazien!«

Daudat unterbricht ihn:

»Wir müssen erst sehen, dass wir Geld auftreiben. Überlegen Sie es sich mal, Pagel, Sie haben ja eine Quelle.«

Das sagt Herr Daudat so nebenbei. Erst später fällt es Pagel ein, dass er Emita gemeint haben könnte.

Ja, Emita, denkt Pagel. Vielleicht wäre es gut, wenn man sich mit ihr einmal in Verbindung setzen würde. Wir sind in einem toten Gewässer, Melitta und ich. Vielleicht kann sie uns wieder flottmachen.

Pagel denkt jetzt nicht an das Geld, das Herrn Daudat im Sinn steckt. Er hofft auf Emitas Vermittlung. Sie ist die Mutter. Wenn sie einmal ein ernstes Wort mit Melitta sprechen würde, könnte manches gebessert werden. Melitta hält viel von ihr. So scheint es wenigstens. Sie führt ihre reiche Mutter oft im Mund. Sie hat gesagt: »Ach, wäre ich doch bei meiner Mutter geblieben!«

Nun ist der Gedanke, nach Juliusbad zu schreiben, Pagel schon vertraut.

Er schlägt es eines Abends selber Melitta vor. Er ist überrascht, wie schnell sie zustimmt. Ja, sie muss das gleiche Gefühl haben wie Pagel. Vielleicht hat sie auch Sehnsucht. Sie möchte sich einmal aussprechen. Sie möchte vor ihrer Mutter sitzen, den Kopf in deren Schoss, und weinen.

Warum hast du mich in Thorde gelassen? wollte sie weinen. Ihr habt mich belogen. Er wäre niemals Kapitän geworden. Er hat für die anderen gekocht. Ich habe nichts davon gewusst.

Ach ja, wie selten hat Pagel von sich gesprochen.

Sie bemitleidet sich unendlich:

Nun bin ich Wirtsfrau in Thorde.

Sie ist erzürnt gegen die Phantastereien des Malers. »Es ist alles Lug und Trug«, faucht sie.

Sie ist misstrauisch. Sie hat den Geldschein hinter der Tapete versteckt. Sie traut dem Maler nicht.

Vor Pagel beherrscht sie sich. Manchmal kann man sich über ihre Gleichgültigkeit wundern.

Dass es ihr nicht näher zu Herzen gegangen ist, hat Pagel öfter gedacht.

Nun merkt er an ihrem raschen Entschluss, dass ihr ein Stein vom Herzen fällt.

Melitta holt Tinte und Feder. Sie hat schon den Briefbogen bereit.

»Es wäre in mancher Hinsicht gut, wenn deine Mutter käme«, sagt Pagel freundlich.

»Ja ja«, nickt Melitta.

Sie hat wohl das gleiche Gefühl.

Der Brief wird geschrieben:

»Wir würden uns freuen auf deinen Besuch.«

Der Brief ist abgesandt. Nun wartet man auf Antwort.

In dieser Zeit geschah etwas Erstaunliches. Pagel hatte dem Maler ein Geldgeschenk auf den Weihnachtstisch gelegt. »Sie sollen hier nicht für ein Butterbrot arbeiten«, hatte er gesagt. Nun war Stiwenhack in die Stadt gefahren. Er hatte seinen Karton mitgenommen. Er wird wohl davongehen, dachte Pagel.

Stiwenhack kam wieder. Verwandelt, strahlend in farbigem Hemd. Er hatte gestreifte Hosen an und eine schwarze Jacke, nicht neu, aber sauber zurechtgemacht. Seinen alten Anzug brachte er nicht zurück. Er hatte ihn mit in Zahlung gegeben.

Nun präsentierte er sich vor Melitta.

Er öffnete den Pappkarton und entnahm ihm ein Stück duftende Seife. Er schenkte es ihr. »Ambra und Rosen«, sagte er. Ein süsser Duft zog durch das Zimmer.

Stiwenhack hatte noch mehr in seinem Pappkarton. Einen Zauberkasten für Dole. Ein billiges Blechding, bunt aufgeputzt. Wenn man es schüttelte, fielen Sterne darin durcheinander.

Es waren auch noch farbige Seidentücher in dem Karton, aber die behielt Stiwenhack für sich. Er zeigte sie nur Melitta. Er band die Tücher um. Es waren die herrlichsten Knoten.

Verwandelt ging Stiwenhack durch das Haus. Wirklich, es kommt eins zum anderen. Ohlik brachte ihm weisse Leinenhemden, kaum gestopfte Socken und festes Unterzeug. Er bat den Maler, es anzunehmen.

»Ich kann es entbehren«, sagte der Holzkapitän. »Ich möchte dir ein Geschenk machen. Da war ehemals ein Mann mit Namen Brint. Er brachte meiner Frau oft Geschenke. Ich konnte es nicht gutmachen. Nimm es«, bat er Stiwenhack.

Der Maler blieb jetzt nicht mehr so viel in den oberen Räumen. Er sass oft in der Küche. Er überlegte, wie er sie ausschmücken könnte.

Zu Melitta sagte er:

»Ich hatte Geld. Ich hätte in die Hauptstadt fahren können. Aber ich bin zurückgekommen. Ihretwegen, Melitta. Was liegt mir am Geld!«

Nein, sie brauchte den Schein nicht vor ihm zu verstecken. Melitta bedauerte, dass sie ihm Schlechtes zugetraut hatte. Sie liess sich die Hand küssen. »Ihretwegen, Melitta«, hatte er gesagt.

Er streichelte sie. Melitta war verwirrt.

»Meine Mutter wird uns besuchen«, sagte sie ablenkend.

Stiwenhack erhob sich ungestüm.

»Die grosse Künstlerin«, rief er. »Emita? Heisst sie nicht Emita?«

Von diesem Tage an sprach er nicht mehr davon, die Küche ausmalen zu wollen. Es passte ihm wohl nicht, über dem Herd auf der Leiter zu stehen, wenn die Dame aus Juliusbad eintraf. Er ging mit dem Skizzenblock umher, den er aus der Stadt mitgebracht hatte. Er stand draussen in der Kälte und zeichnete die Natur ab.

Er hielt den Winterstürmen stand. Ja, er war ein echter Künstler. Er brachte seiner Kunst Opfer.

»Wann wird die gnädige Frau eintreffen?« erkundigte er sich oft.

In ihrer Antwort hatte Emita keinen festen Tag angegeben. Aber sie würde bestimmt kommen.

Und Emita kam.

Mitten im Schneemonat kam sie, ein grosses Tierfell um den Hals, einen Silberfuchs.

Ihr Blick blieb wohlgefällig an Stiwenhack hängen.

»Ich danke euch für die Einladung«, sagte sie.

Sie küsste Melitta. Sie gab Pagel die Hand. Sie hob Dole auf. Einen grossen Lederkoffer hatte sie mitgebracht und Dole wartete ungeduldig, dass Emita ihn öffnete. Sie musste bis zum Nachmittag warten, denn Emita wollte ihre Geschenke nicht in den ersten Augenblicken des Wiedersehens hastig hingeben. Sie liess Pagel den Koffer an den Kaffeetisch tragen. Sie öffnete ihn mit absichtlicher Umständlichkeit.

»Was werde ich darin haben?« fragte sie Dole. »Ei, was denkst du wohl, mein Herzchen? Ja ja, sperr deine glitzeklaren Augen auf! Ei ei, was wird darin sein?«

Dole verging fast vor Ungeduld. Dann aber bekam sie alle Hände vollgesteckt mit Klingeln und Klappern, mit Knallbüchsen und Holzmühlen. Auf allen Dingen war dasselbe Bild. Das Schloss von Juliusbad. Auf allen war der gleiche Spruch. ›Souvenir‹ stand darauf. ›Souvenir de Juliusbad‹.

Für Melitta hatte sie eine Kette mitgebracht, eine Kette aus Bergkristallen.

»Es war die schönste, die ich fand«, sagte sie.

Melitta legte die Kette in das Schmuckkästchen, das Stiwenhack angefertigt hatte. Sie legte sie zu dem blanken Glückspfennig. Mehr hatte Stiwenhack nicht hineintun können, doch hatte es ihm Mühe gekostet, einen solchen blanken Pfennig zu finden.

Nun lag die Kette darin aus Bergkristall.

Vielleicht hatte Melitta eine goldene erwartet oder wenigstens eine aus Silber.

Für Pagel fand sich eine Tabakspfeife in dem Koffer. Eine Pfeife mit einem geschnitzten Zwergenkopf.

Es lag auch eine zweite dabei, die etwas länger war und einen Förster darstellte.

»Ich konnte mich nicht entscheiden«, sagte Emita. »Ich fand jede sehr kunstvoll. Nun ist es gut, dass ich beide gekauft habe, so kommt auch Herr Stiwenhack nicht zu kurz.«

Sie beförderte dann noch eine grosse Tüte ans Tageslicht. Es waren kleine braune glazierte Brezeln darin.

»Es ist eine Spezialität«, erklärte sie und schüttete das Gebäck auf das weisse Tischtuch.

Nun konnte man Emitas Ankunft feiern. Es befanden sich keine Schätze weiter in dem Koffer.

Am Abend pirschte sich Boom Garde heran. Emita sass an Doles Bettchen und sang die Kleine in Schlaf. Er gesellte sich dazu und trat den Takt. Er betrachtete Emita.

Jawohl, nun ist die Grossmutter da. Das Schiff hat sie gebracht. Es hat lange gedauert, aber es ist auch eine weite Reise. Man weiss gar nicht, wo das Land in den Bergen liegt.

Ja, dieses Land in den Bergen.

Emita spricht gar nicht so viel davon. Sie hat mehr Interesse für das Logierhaus. Sie ist entzückt von den Stuben.

»Hier lässt sich gut drin wohnen«, sagt sie. »Hier könnte man es schon aushalten.«

Sie schätzt die Stuben ab. Sie entscheidet sich für die, die nach Sonnenaufgang liegt.

Das wäre auch etwas für mein Alter, dachte sie, denn wer weiss, wie alles geht.

»Ja, Ihr seid gut vorwärts gekommen«, sagt sie zu Pagel.

Sie redet nicht viel von Juliusbad. Aber überall im Hause flackert und flimmert ein Fremdes. Emita hat es mitgebracht. Sie spricht nicht viel von dem Land in den Bergen, aber es steigt um sie auf. Ihre Anwesenheit hat es lebendig gemacht. Von allen Seiten kommen vergessene Worte zurück und gewesene Träume.

»Wir haben viel von dir erzählt«, sagt Melitta. »Ja, wir haben oft an dich gedacht. Es waren Gäste hier, die kannten Juliusbad. Weitgereiste Menschen waren es. Sie sagten, dass es ein reiches Land wäre.«

»Es soll einen grossen Regenbogen da geben«, sagte Boom Garde. »Weiter wusste er nichts mehr von dem armen törichten Mann.

»Nachts heult ein schwarzer Hund«, erzählte Stiwenhack. »Ich habe den Schatz nicht heben können. Die hundert Jahre waren nicht vorbei.«

»»Wie war es doch mit der alten Hexe?« fragte Ohlik. »Sie sass am Tisch und wuchs.«

»Die alten Hexen sind verbrannt«, rief Stiwenhack. »Es leben die jungen! Sie haben zarte Gesichter und goldiges Haar.«

Ja, überall gleisste und glizerte dieses erregende Land. Nachts war oft ein Pochen und Knacken im Holz. Es waren wohl die Schränke, denen die Wärme des Ofens zusetzte, aber vielleicht war es auch die Hexe, die bisher in Melittas Stube über dem Segelschiff ihre Zeit verschlafen hatte.

Ja, vielleicht ritt sie nachts durch das Haus.

Melitta fuhr oft im Schlafe hoch.

Emita hatte offene Augen. Sie merkte sehr bald, dass irgend etwas nicht stimmte.

Sie nahm Melitta und sagte zu ihr:

»Pagel gefällt mir nicht. Du hast ihn schlecht gepflegt.«

Sie machte Melitta Vorwürfe. Melitta beklagte sich bei ihr:

»Ihr habt mich belogen. Er wäre nie Kapitän geworden!«

»So, also Koch und nicht Kapitän.«

Emita tröstete sich schnell. Sie erzählte:

»Der Koch im Carlton-Hotel, wo ich früher immer abstieg, verdiente Tausende. Der König von Luxemburg speiste dort. Oft war der König persönlich in der Küche. Ja, es hat grosse Köche gegeben. Glaub mir, ein guter Koch ist besser als ein schlechter Kapitän.«

Melitta wusste nicht, dass es königliche Köche gab.

»Du weisst vieles nicht, Kind«, sagte Emita. »Lass dich belehren. Ich kenne die Welt.«

»Warum hast du mich nie aus Thorde herausgenommen?« klagte Melitta. Nun war sie in ihrem Fahrwasser.

»Das ist der grösste Schmerz meines Lebens«, schwur Emita. Nun weinte sie auch. Ja, der Millionär war zu spät gekommen.

»Sei vernünftig«, bat sie Melitta. »Du hast es nicht schlecht getroffen. Was habt Ihr für netten Verkehr. Künstler sind eure Freunde! Niemals werden einem alle Wünsche restlos erfüllt.«

Die beiden Frauen sassen beieinander und weinten lange. Endlich beruhigten sie sich.

»Du müsstest dir einmal die Karten legen lassen«, meinte die Mutter.

Melitta überhörte es.

»Er ist ein guter Mensch«, sagte Emita vorsichtig.

»Ja, das ist er«, schluchzte Melitta. Sie hatte sich ausgeweint.

»Ich werde mit Pagel reden«, versprach Emita weichgestimmt.

Sie sprich mit Pagel.

Er glaubte, dass man nun einmal über alles reden müsste, um reinen Tisch zu bekommen. Nicht in Hass und nicht in Verdruss, sondern so, wie sich zwei Parteien auseinander rechnen. Wenn dann alles geklärt sein wurde, wäre der Weg wieder einfach zu gehen.

»Du nimmst alles zu schwer«, behauptete Emita.

»Ja, das wäre noch nicht alles. Ich mag mich nicht beklagen, aber es liegt mir auf dem Herzen.«

»Du darfst mir alles anvertrauen«, bat Emita. »Ich will alle Steine aus dem Wege räumen.«

Nun erfuhr sie auch die Geschichte mit dem Geldschein.

Dieser unselige Schein!

Sie stellte Melitta zur Rede. Sie setzte ihr zu.

»Wo hast du ihn?« forschte sie.

Melitta verriet ihr Versteck nicht, aber Emita liess nicht locker.

»Ich werde den Schein für dich in Juliusbad auf der Bank anlegen. Da bekommst du ihn gut verzinst. Wir haben unser Geld auch dort auf der Bank. Es ist immer gut, wenn man etwas im Rücken hat. Hier geht dir das Geld bloss noch verloren.«

Melitta überlegte tagelang. Dann gab sie ihrer Mutter den Schein. Ja, es wäre wohl doch besser, wenn er auf der Bank angelegt würde.

»Du hast dann immer einen Notgroschen«, sagte Emita.

Sie steckte das Geld schnell in die Handtasche. Sie nahm Melitta in die Arme. »Sei froh, Kindchen«, tröstete sie. »Nun ist die Geschichte aus der Welt.«

Man sprach auch wegen des Geldes für den Terrassenbau.

Emita hatte sich nicht lange besonnen.

»Selbstverständlich könnt Ihr das Geld haben«, sagte sie. »Eine Mutter muss immer das Wohl ihrer Kinder im Auge behalten. Ich werde nach meiner Rückkehr sofort mit dem Millionär sprechen.«

Sie hatte ein paar Zahlen in ihr winziges Notizbuch gekritzelt. Herr Daudat war entzückt von ihr. Er war bei dieser Besprechung zugegen. Sie behandelte ihn wie einen Grosskaufmann. Er war bestrebt, sich dieses Glanzes würdig zu zeigen.

Am Tage nach dieser Unterredung war er schon wieder da. Er befand sich in Aufregung. Der Konsul liess sich mit seinen Freunden anmelden. Das Wetter war herrlich für eine Schlittenfahrt. Die Herren wollten alleine kommen. Es sollte ein vergnügter Abend werden.

Emita, die schon von ihrer Abreise gesprochen hatte, entschloss sich zu bleiben.

»Eigentlich dürfte ich den Millionär nicht im Stich lassen. Er ist leidend«, sagte sie. »Aber ich möchte doch eure Freunde kennenlernen.«

Der Konsul hielt Wort. Die Fasanen trafen ein. Emita bewunderte die schönen toten Vögel.

»Verstehst du dich auch wirklich darauf«, erkundigte sie sich bei Pagel. »Ich würde es mir nicht zutrauen. Es ist eine Spezialbegabung.«

Jawohl, Pagel würde es sich zutrauen.

Er erzählte ihr aus seinem Leben. Auch dass er auf einem Amerikadampfer lange Zeit als Koch gefahren war.

»Ich habe immer gutes Geld verdient«, sagte er. Er sprach von seiner Arbeit. Er erzählte zum ersten Male davon. Bisher hatte nie jemand danach gefragt.

»Ja, es gibt königliche Köche«, erklärte Emita.

Dicke weisse Flocken fielen, als die Herren ankamen. Am Nachmittag schon fuhren sie vor.

Wie ein Märchenzug waren sie durch Thorde gesaust. Die Schellen klingelten. Das grosse Schlittengeläut hallte in Stössen. Dunkel schlug es an, silbern läutete es aus. Die Peitschen knallten über den schnaufenden Pferden. In dicken Pelzen steckten die Herren. Bärenhandschuhe sassen auf ihren Händen. Aus Lammfell waren die Mützen.

Nie noch hatte man in Thorde solche Pracht gesehen. Blau und Silber waren die Schlitten, oder Rot mit Gold, reich in Messing getrieben die Laternen. Die Frauen von Thorde starrten ihnen nach. Sie standen in den Türen und froren.

Sechs Schlitten hintereinander, so kamen sie an, der Konsul und seine Freunde, eine stiebende bunte Schneewolke.

Sie brachten Austern mit und den Sekt.

Boom Garde liessen sie für die Pferde sorgen.

Herr Daudat stand in der Türe und machte die Honneurs. Erst später liess sich Pagel sehen. Er hatte in der Küche zu tun. Kaum ein paar Minuten konnte er sich gönnen.

Konsul Klemm hielt ihm eine kleine Ansprache, doch Pagel stand wie auf Kohlen. Er fürchtete, dass Deeke und Antje, die beiden Fischermädchen, die ihm heute zur Hand gehen sollten, in seiner Abwesenheit an den Speisen etwas ausser Acht lassen könnten. Er wollte sie nicht lange ohne Aufsicht lassen.

Als die Herren den Speisesaal betraten, blieben sie einen Augenblick gebannt stehen.

Wundervoll war die Tafel geschmückt.

Stiwenhack stand dabei und erläuterte seine Blumen.

In diesem Monat gab es nichts Blühendes in Thorde. Nicht ein armseliges Veilchen hätte man auffinden können. Aber der Maler hatte Chrysanthemen und Rosen aus duftendem Seidenpapier erstehen lassen. Es war eine Pracht wie im Frühling.

In der Veranda standen die Rauchtische. Die Herren streckten sich in den Sesseln und zündeten Zigarren an. Das tat wohl nach solcher verbrausten Fahrt.

Was aber ist ein Fest ohne Damen?

Stiwenhack stürzte davon, er geleitete sie herein, Melitta in gelber Seide, Emita in schwarzem Tüll.

Die Herren hatten sich erhoben.

War man noch in Thorde, der ärmlichen Fischerstadt? Standen draussen noch kleine verkümmerte Häuser? Lagen am Strande noch alte schwerfällige Boote?

Keiner würde in diesen Augenblicken sich gewundert haben, wenn weisse Paläste an der Strasse gestanden hätten, wenn an dem Steg eine weisse Jacht vor Anker gegangen wäre, aus den kostbarsten Hölzern gezimmert und keine geringere Fracht an Bord als die Königin von Saba oder die Fürsten von Ophir.

Nein, keiner der Herren würde sich gewundert haben. So sehr war alles in das Grosse, das Strahlende geschoben.

Herr Daudat erriet diese Sekunde.

Er weiss, die Veranda ist nicht allzu geräumig. Allzu eng stehen die Tische aneinander. Noch musste man sich bescheiden. Aber im Sommer werden die grossen Terrassen gebaut sein. Wohlgefällig steht Herr Daudat da. Farbenprächtig spiegelt sich ihm die Zukunft, unter grossen leuchtenden Sonnenschirmen wie unter Baldachinen gelagert, und noch in die Verbeugungen der Herren hinein verkündet er triumphierend:

»Im Sommer sind hier Terrassen!«

Konsul Klemm lud die Damen zu dem Fasanenschmaus ein. Aber Emita lehnte es höflich ab.

»Die Herren wollen unter sich sein. Ich verstehe das. Ich hatte Freunde, die den Klub über alles schätzten. Nein, wir wollen die Herren nicht stören. Aber einen Chartreuse vorher und ein Gläschen Wein später, das mit Freuden.«

Die Herren bedauerten unendlich. Konsul Klemm war überrascht: »Was für Manieren.«

Ja, das war wirklich Emita, die Tänzerin, die ehemals Gefeierte, die Weitgereiste. Emita, die reiche Frau aus Juliusbad.

»Welche bezaubernde Mutter! Welche reizvolle Tochter!«

Konsul Klemm trank verzückt auf ihr Wohl.

Pagel stand in der Küche am Herd. Am Vormittag hatte Melitta ihm ihre Hilfe angeboten.

»Ich werde dir zur Hand gehen«, hatte sie gesagt.

Auch Emita war bereit, sich nützlich zu machen.

»Unmöglich«, hatte Daudat gerufen. »Wo denken Sie hin! Zu einem Fest kommen die Herren hierher und wir laufen in Küchenschürzen herum. Unmöglich! Die Gäste müssen gebührend empfangen werden. Eindruck muss es machen, In ihren Kreisen muss man davon reden. Ich bitte Sie, meine Damen, Toilette anzulegen. Glauben Sie mir: Ich bin ein grosser Arrangeur!«

Pagel fand Melittas Angebot nicht so unmöglich. Warum sollte sie ihm nicht zur Hand gehen? Allerdings hatte er Deeke und Antje zur Verfügung und man sagt ja, viele Köche verderben den Brei. An sich konnte er Melittas Hilfe entbehren.

Er hatte sich aber über ihre Bereitwilligkeit gefreut und sich überwunden, Daudat freundlich zuzustimmen.

Vielleicht wollte er auch nicht wieder einen Schatten heraufbeschwören, denn es mochte sein, dass bei Melitta trotz allem ein Stachel zurückgeblieben war, und er wünschte nichts weniger als neue Verdriesslichkeit.

Nach der Aussprache mit Emita schien ihm alles im guten Geleis. Darum wollte er Melitta wohl die Freude gönnen, sich diesesmal nicht als Wirtsfrau zu fühlen, sondern als Tochter der auf Besuch weilenden Mutter.

Als er inmitten aller Vorbereitungen Melitta flüchtig zu Gesicht bekommt, überfällt ihn allerdings eine Verstimmung. Melitta sitzt mit Emita, mit Daudat und Stiwenhack im Nebenzimmer, während im Saal durch die Mädchen das Essen aufgetragen wird. Sie lässt sich von Stiwenhack den Hof machen. Pagel hat ihren grossen Auftritt vorhin nicht miterlebt, aber nach diesem Bilde kann er ihn sich plötzlich vorstellen. Da ist eine kleine Bitterkeit in ihm. Ja, jetzt wünschte er sie wohl doch an seine Seite, freundlich in weisser Schürze, eine saubere fleissige Wirtin.

Aber das Fest ist da. An solchen Tagen ist Melitta trunken auch ohne Wein. Das fühlt er mit Beklemmung.

Er atmet tiefer und geht vorüber.

Am Nachmittage hatte Melitta die Schlitten bewundert. Stiwenhack stand neben ihr.

»Ich bin noch nie Schlitten gefahren«, gestand sie.

»Nichts leichter als das«, ruft er.

Er hat auf einmal einen Gedanken, eine romantische Idee. Dieser Mann ist immer geladen mit sprühenden Einfällen. Kein Hindernis, das er nicht nehmen würde.

»Wir werden Schlitten fahren!«

Melitta lacht zweifelnd. Aber der Zweifel zerflattert.

»Jawohl! Ich werde Sie fahren, Melitta!«

Jedem der Herren im Saale wäre es ein Vergnügen, ihr einen Platz in seinem Schlitten anzubieten. Aber Stiwenhack setzt diesem Selbstverständlichen eine heimliche Krone auf. Er selbst wird die Zügel führen. Alle Schlitten stellt er Melitta zur Verfügung.

»Es braucht keiner zu wissen«, sagte er zwar. »Warten wir einen günstigen Zeitpunkt ab.«

Es ist schon beinahe wie eine Entführung. Wie Verschworene betreten sie wieder den Saal.

Der günstige Zeitpunkt ist gekommen. Die Herren sind mitten am Essen. Sie denken nichts anders als: diese herrlichen Fasanen!

Da gibt Stiwenhack Melitta ein Zeichen. Er verschwindet. Er schiebt den leichten Schlitten heraus. Es ist der Schlitten, der Melitta besonders gefiel, purpurrot und blau.

Er spannt das Pferd ein. Er redet ihm zu.

»Leise«, raunt er, »leise.«

Er ermahnt sich selber: Leise.

Über das Schellengeläut hat er eine Decke getan.

Es ist Schnee gefallen, lautloser Schnee.

Stiwenhack steht am Fenster und klopft. Leise.

Melitta hatte am Fenster gelehnt, so war es besprochen. Nun hat es gepocht. Sie huscht hinaus. Sie fiebert vor Erregung Sie hat Emitas Mantel über dem gelben Kleid und den grossen Silberfuchs.

Wie eine Herrin sitzt sie im Schlitten.

Stiwenhack hat sie hineingehoben. Jetzt führt er das Pferd am Zügel, vorsichtig.

Ein Stück hin springt er auf. Er springt in den Schlitten.

Nun fahren sie hin durch die dunkle Strasse, durch Thorde hinaus in das flache Land.

Melitta hat sich zurückgelehnt. Sie hat die Augen geschlossen. Es saust und gleisst vor ihren geschlossenen Lidern.

Dahin stürmt der Schlitten.

Es sind nicht die holprigen Äcker um Thorde. Es sind die Wege tannenumstanden, die weiten Wege im Land in den Bergen. Die weissen Wege, die schimmernden Wälder, die funkelnden Felsen.

Es zischelt und wispert. Unirdische Wesen, die kleinen, die grauen, aus Steinen und Schluchten. Die eisgrauen Männlein, die ewigen Tränen.

Es knistert und flackert. Es reiten die Hexen. Atemberaubend, dann ist es vorbei. Das waren die Hexen.

Das Knistern der Holzscheite hing ihnen an, das Brodeln der Töpfe, die kochenden Salben, der niedrige Spuk.

Sie flogen davon. Sie fegten es weg. Die siegreichen Hexen, die Besenweiber, die alten Verfilzten, die Höllenengel, die nackten, die jungen.

Das waren die Hexen.

Melitta sitzt mit geschlossenen Augen.

Das unerhörte Leben zieht durch die Luft. An ihren Ohren braust es vorüber.

Sie presst ihre Hände. Ja, ja, ja, und gings in die Hölle.

Sie öffnet die Augen. Sie blickt verwundert.

Es fallen Flocken, ein warmes Gewoge, ein Meer von Flocken, Wolken und Flocken.

Dazwischen Häuser, gedrückte Fenster, das spärliche Licht.

Die Strasse von Thorde wachte nicht auf. Sie wurde nicht wach von dem Hufschlag des Pferdes. Den Huf erstickte der hüllende Schnee.

Doch die Strasse von Thorde wacht auf, weil ein Mann schreit.

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