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Die Leute aus dem Walde

Wilhelm Raabe: Die Leute aus dem Walde - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Raabe
titleDie Leute aus dem Walde
publisherAufbau-Verlag
firstpub1863
year1954
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050329
modified20181018
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Achtes Kapitel

Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein

»Wundern Sie sich nicht so sehr über das, was Sie eben vernahmen, cher ami«, sagte vor der Tür des Bankiers Wienand Leon von Poppen zu dem Amerikaner, nachdem das Freifräulein sich entfernt hatte. »Meine Mama und meine gnädige Tante leben auf dem Kriegsfuße, wie zwei Ihrer indianischen Stämme. Skalpieren werden sie sich freilich nicht, denn sie tragen beide falsche Locken – von meiner Mama weiß ich es genau und von ma tante glaube ich es sicher. Zwischen einer wohlbeleibten Douairiere und dieser dürren alten Jungfer tänzele ich mit gestopfter Friedenspfeife hin und her, kann sie aber durchaus nicht anbringen – ungeheuer gute Schule für einen angehenden Diplomaten, eh?! Freut mich übrigens ungemein, Sie getroffen zu haben, cher. Soll ich Sie jetzt der Krone der Schöpfung, meiner schönen Herrin, meinem wilden Waldvogel vorstellen? Bitte, kommen Sie, ich will Ihnen meine jungfräuliche Teufelin zeigen, und Sie sollen mir als Unparteiischer sagen, ob ich nicht recht habe, mich für solch ein Wesen dem Gespött und Gelächter des ganzen diplomatischen Korps, der ganzen Garde – messieurs von der Linie nicht erwähnt – auszusetzen. Kommen Sie, wir werden noch grade rechtzeitig zum Dessert kommen, und Sie werden das schönste Mädchen der Stadt, Eva Dornbluth, sehen.«

»Führen Sie mich«, sagte der Amerikaner, und der Baron konnte den Ausdruck seines Gesichts für Lächeln nehmen, obgleich Friedrich Warner nicht lächelte. »Sie sollen mir ein guter Führer sein«, sagte Frederic ein wenig grimmig.

Hell waren die Fenster Eva Dornbluths erleuchtet, und schon auf der Treppe, welche in das dritte Stockwerk des Hauses in der Lilienstraße Nummer zwölf führte, vernahmen die späten Besucher Lachen und fröhliche Stimmen in lautester Unterhaltung, und der Baron von Poppen sagte mit komisch-ärgerlichem Achselzucken:

»Hören Sie, Liebster, es ist unglaublich, mit welcher rapiden Schnelligkeit und Sicherheit sich jedes beliebige Weib auf die höchsten Spitzen der Kultur erhebt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Schönheit, welche ich Ihnen jetzt zeigen werde, vor kaum nennenswerter Zeit ein linkisches Bauernmädchen in einem kleinen Waldnest, dem abscheulichsten Aufenthaltsort unter der Sonne, war. Wir besitzen daselbst ein Gut, wenn die Last der Hypothekenschulden es nicht in diesem Augenblick bereits in den Sumpf, aus welchem es aufgeschossen ist, wieder hinabgedrückt hat. Mir gebührt wohl zumeist der Ruhm, diese holde Blüte, Eva Dornbluth, in ihr rechtes Erdreich versetzt zu haben. Diable, wenn ich nur auch die Schmetterlinge und Hummeln von ihr fernhalten könnte. Hören Sie nur, welch ein Gesumm! Wie viele Insekten mögen meine Zentifolie jetzt wieder mit gespitzten Saugrüsseln umschnurren. Bah – entrons! Ich bin's cara mia; du wirst auch immer hübscher, Kleine.«

Die letzten Worte waren an eine junge rotbäckige Magd, welche den beiden Herren entgegenkam, gerichtet; sie knickste, aber die Schmeichelworte des Barons schienen nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen, und einer tätlichen Liebkosung entzog sie sich auf gar nicht duldsame Weise. Durch ein Vorzimmer traten der Baron und der Amerikaner in das Gemach, aus welchem der Lärm der Unterhaltung ihnen so heiter entgegenschallte. Mr. Frederic Warner hatte die Oberzähne auf die Unterlippe gesetzt; aber der sorglose junge Diplomat Leon von Poppen glaubte ihn in der gemütlichsten Stimmung von der Welt. Eine Flut von Licht schlug ihnen hinter den dunkelblauen Portieren entgegen. An einer Tafel, welche mit den Trümmern eines reichen Nachtisches bedeckt war, saß inmitten einer ziemlich erregten Gesellschaft junger Herren der höhern Stände und junger Damen vom Theater und der Oper die schöne Eva, die Herrin des Festes. Mehrere der männlichen Gäste hatten ebenfalls erst vor kurzem den Salon des Bankiers Wienand mit dem Evas vertauscht und schienen sich hier bedeutend weniger zu langweilen.

»Schöne Seelen treffen sich«, rief der eine derselben lachend dem Amerikaner entgegen, indem er den Kork einer Champagnerflasche gegen die Decke fliegen ließ. Allgemeiner Jubel begrüßte den Baron von Poppen, und dieser faßte den Amerikaner am Arm, führte ihn gegen die sich erhebende Eva, stellte ihn vor und empfahl ihn mit einigen Scherzworten ihrer Gunst und Gnade. Niemals in seinem Leben hatten sich die Geisteskräfte Mr. Frederic Warners in solcher Verwirrung befunden wie in diesem Augenblicke, wo die hohe Gestalt sich aus dem Durcheinander der aufgeregten Gesellschaft vor ihm erhob und die Augen gegen ihn aufschlug. Es war ein Glück für den Fremden, daß die allgemeine Heiterkeit schon einen solchen Grad erreicht hatte, daß alle feinere Beobachtung zu einer Unmöglichkeit geworden war.

Einen kurzen Augenblick sahen sich Eva und Friedrich an; ein Schatten zwischen Schreck, Staunen, Zweifel und Beruhigung glitt über das stolze, kluge, schöne Gesicht des Mädchens.

»Seien Sie willkommen, Herr; . . . dort ist noch ein leerer Platz!« sagte sie, und der Amerikaner griff nach der Lehne des Sessels:

»Ein leerer Sessel mitten im Fest! Störe ich auch keinen Geist von ihm auf? Ist's nicht der Stuhl Banquos im Saal zu Fores?«

Wieder fuhr der Schatten über die Stirn der Herrin des Festes; aber siegreich brach das stolze Lächeln hervor:

»Wir haben nicht den Schlaf ermordet und fürchten die Geister nicht. Setzen Sie sich, mein Herr!«

Man ließ sich wieder nieder an der Tafel, und Warner nahm seinen Platz Eva gegenüber ein. Seine hübschen und etwas albernen Nachbarinnen bemächtigten sich sogleich seiner und zogen ihn in ein lebendiges Geschwätz, während welchem er seiner Aufregung vollständig Herr ward und kalt und klar in das Gewirr der Dinge und Personen um ihn her blicken konnte.

Seine ganze Seele haftete aber nichtsdestoweniger einzig und allein an seinem Gegenüber. Da war wirklich die Schönheit, die hervorbricht gleich Heeresspitzen! Grade so mußte Kleopatra den Becher erhoben und über den goldenen Rand den Triumvir Marcus Antonius angeblickt haben. In die dunkelste Seele mußte sich dieses Auge senken, wie der Blitz der Sonne in das tiefe Meer. Und diese Locken, sie waren nicht zu bändigen; in schwarzen Fluten und Wellen wehrten sie sich mit unbesiegbarem phantastischen Eigenwillen gegen die Goldbänder, welche sie zusammenhalten sollten; triumphierend rollten sie nach anmutvollem Siege über die weißen Schultern. Und diese Stimme! So bekannt und doch so verändert voll und tief. Trotz seiner Selbstbeherrschung stand der Bürger der amerikanischen Republik auf dem Punkte, sich ungeheuer lächerlich zu machen. Er griff nach dem silbernen Dessertmesser wie nach einem mexikanischen Dolch. Aber wieder gelang es ihm, das Zähneknirschen in ein sorgloses, heiteres Lachen zu verwandeln und dem Witz mit Witz zu begegnen.

»Ah, clear the wrack!« stöhnte er dabei in der Tiefe seiner Seele. »Es ist alles aus, aber es wird sich finden – die Falsche, Schamlose!«

Seine beiden holden Nachbarinnen wollten allerlei über die Theaterwelt jenseits des Atlantischen Meeres wissen, und mit komischer Kraft vertiefte sich Frederic in dies inhaltvolle Thema: gleich einem Eingeweihten, gleich dem großen Barnum selber, redete er über managers, über actors und actresses und gestand zuletzt unter lautem und allgemeinem Bravoruf, er selbst habe eine Zeitlang als Sänger money gemacht und großen Beifall errungen auf mehr als einem deutschen Theater unter dem Sternenbanner.

»Originell!« lachte der Baron von Poppen, und die übrige Gesellschaft verlangte fast einstimmig den Beweis der Wahrheit.

Eine kleine Ballettänzerin pirouettierte zu dem Pianino und öffnete es; eine Sängerin bot dem sich ruhig erhebenden Amerikaner den Arm; und einen langen Blick warf Friedrich Warner auf die Wirtin. Diese hatte die letzte Zeit nicht mehr den gewohnten glänzenden Anteil an der Unterhaltung genommen; ernst und stumm saß sie da, stützte das schöne Haupt mit der Hand und blickte starr vor sich hin. In den Lichterglanz ihres Festes, in die heiße Atmosphäre ihrer Gemächer war ein reinerer Schein gefallen, hatte sich ein berauschenderer Wohlduft gemischt. Sie sah den nämlichen Glanz leuchten, welchen der arme Robert sah, als er auf dem schmutzigen Straßenpflaster lag und Helene Wienand sich über ihn beugte. Eva Dornbluth war ihrer Umgebung entrückt; sie befand sich in ihrer Heimat, sie sah die Morgensonne durch das niedere Fenster der Hütte strahlen, sie hörte den Kuckuck der alten Schwarzwälderin am Ofen und den Kuckuck draußen am Saume des Waldes, sie atmete das frische Wehen, das aus dem Winzelwalde herüberhauchte, und dazu klang ein Lied auf dem steilen Pfade, der von den Bergen niederführte ins Dorf. Die Träumerin fuhr empor; Friedrich Warner hatte sich am Klavier niedergelassen und, nachdem er einige wilde Akkorde angeschlagen, folgendes Lied begonnen:

»Es war ein Schiff aus Portugal,
Das südwärts, immer südwärts fuhr,
Und durch der Tropenmeere Schwall
Zog leuchtend seine Feuerspur.

Die Nacht war schwül und düftevoll,
Und Finsternis lag auf dem Meer;
Im heißen Wind das Segel schwoll,
Und eilig zog das Schiff daher.

Es drängt sich der Matrosen Schar:
O blickt empor, o schaut empor,
Wie Sternenbilder wunderbar
Sich heben aus der Flut hervor!

Welch nordisch Auge blickte je
Auf solchen Schimmer, solche Pracht?
O wundersame fremde See!
O glänzend Wunder fremder Nacht!

Ein stolz und glückhaft Schiff es war,
Und glücklich war der kühne Mann,
Der, mutig trotzend der Gefahr,
Zuerst die Linie gewann.

Ob fremd die See, ob fremd die Nacht,
An seinem Steuer stand er da,
Trauend der fremden Sterne Macht,
Im Herzen jauchzend: India!«

Die Gesellschaft war außer sich vor Vergnügen und gab das durch die gewöhnlichen Zeichen und Worte zu erkennen; Eva Dornbluth aber hatte die Augen noch mehr mit der Hand beschattet, hatte die Stirn noch tiefer gesenkt; der Sänger begann ein Zwischenspiel, während welchem er halb über die Schulter zu der Gesellschaft sprach:

»Well, ladies and gentlemen, ist das nicht ein Narr, mein armer Kapitän? Armer Capitano; wer glaubt, daß es sich verlohne, nach den Sternen auszusehen vom Stern des Schiffes? Ein guter Kompaß und eine gute Seekarte sind besser und treuer als alle Leiern, Löwen, Kreuze und Jungfrauen am Firmament! Go ahead!«

Und wieder begann er mit voller Stimme:

»Dem kühnen Seemann gleich ich bin,
Steuernd mein Herz durch wonn'ge Nacht,
Hoffend auf seligsten Gewinn,
Trauend auf neuer Sterne Macht.

Ja, fremder Lichter fremder Lauf,
Sternbild der Liebe, himmlisch hehr,
Stieg mir zu Häupten glänzend auf,
Zieht seine Bahnen vor mir her.

Nun schwebt mein Herz in Wonnen hin,
Durch fremde, nie geahnte Pracht;
Ob ich im Traum, im Wachen bin,
Wer sagt mir das in solcher Nacht?

Wie ist mein Himmel sternenvoll,
Wie ist mein Leben überreich!
Und wenn ich morgen scheitern soll,
Den ew'gen Göttern bin ich gleich!«

Abermals sprach während dem Zwischenspiel Frederic Warner zu der Gesellschaft:

»Sollte man es für möglich halten, daß ein Tor sich dergestalt seiner Torheit rühmen könne? Ich bitte Sie! Es ist nur gut, daß der Ozean nicht mit sich spielen läßt und Träumer hinunterreißt zu den Nixen, Sirenen und andern Wasserweibern. Hier ist eine andere Weise:

In sonniger Jugend fuhr ich hinaus,
Wie blitzte das Meer, wie flammte der Mut!
Viel gute Gesellen führt' ich hinaus,
Die hielten das Schiff mir in wackerer Hut.

Die Flagge der Liebe wehte vom Mast,
Es lenkte die Hoffnung das Steuer recht;
Im Raume barg sich manch köstliche Last,
Zu gut war kein Wind, und kein Wind war zu schlecht.

Fein blank war das Schifflein, die Segel stark,
Furchtlos war das Herz, das Auge war klar;
An jeglicher Küste flaggte die Bark,
Gefeit war sie gegen jede Gefahr.«

Der Sänger griff immer wilder in die Tasten; die Stimmung der Gesellschaft hatte sich ganz und gar geändert; man war verwundert, man sah sich an; nur Leon von Poppen konnte sich gelangweilt-lächelnd zu Eva Dornbluth beugen und fragen:

»Was hat meine Königin? Eh, eigentümlich hinterwäldlerisches Gebaren dieses Fremdlings, – was? Originell, urwäldlerisch, urtümlich – eh?!«

Wirklich mit der Handbewegung einer Königin wies Eva den Schwätzer zurück, und mit derselben Handbewegung schien sie alle die andern Herren und Damen in eine unendliche Entfernung zurückzuweisen; ihre Augen flammten, ihre Lippen waren zusammengepreßt; wieder klang wild und trotzig des Amerikaners Stimme:

»So hab' ich geschlafen beim wilden Orkan
Und Mondscheinnächte in Sorgen verwacht,
Und Freuden und Leiden und Kampf bot die Bahn,
Doch nun hab' die Fahrt ich zum Ende gebracht.

Jetzt breiten die Nebel sich über dem Meer,
Herab sanken Flagge und Segel zerfetzt;
Zerbrochen das Steuer! So treib' ich einher
Und sinke im lustigen Tanze zuletzt.

Viel besser, zu sinken im lustigen Wehn,
Als liegen und faulen und modern am Strand;
Viel besser, im Sturme zu Grunde zu gehn,
Als langsam verkommen, versinken im Sand!«

Und damit stieß der Sänger aufspringend den Sessel zurück; durch den Beifallsruf der Gesellschaft klang ein heller Schrei aus dem Munde Eva Dornbluths:

»Fritz! Fritz! O höre mich, ehe du gehst!«

Die Anwesenden standen sprachlos; die Hände, die eben noch bereit waren, ineinander zu klatschen, sanken nieder; dem Baron von Poppen fiel das Glas aus dem Auge und die Unterlippe herab, als seine chère amie seinem cher Americain die Hände entgegenstreckte, verlangend, fordernd und bittend.

Der Fremde aber faßte das Handgelenk Evas mit eisernem Griff:

»So hast du mich zuletzt doch kennen müssen?!«

»Ich bitte die anwesenden Damen und Herren, die nötige Ruhe zu bewahren«, lispelte Leon. »Fräulein Eva, wer ist dieser amerikanische Herr? Bitte, Coralie, lassen Sie meinen Arm los.«

Und der unglückliche junge Mann versuchte vergeblich, von neuem das Glasstück vor das schwimmende Auge zu klemmen.

»Lieber Baron«, wandte sich der Amerikaner an den Verblüfften, »verzeihen Sie, daß ich außer dem von Ihnen gekannten Namen noch einen zweiten trage. Meine Herren und Damen, meine harmlose Persönlichkeit soll Ihnen kein Rätsel sein. Ich habe die Ehre, mich Ihnen hiermit von neuem vorzustellen: Friedrich Wolf aus Poppenhagen im Winzelwalde, alias Frederic Warner, Adoptivsohn von weiland Josua Jedidjah Warner von Jubilee Farm, Staat Louisiana; – Komödiant, Pedlar, Pelzjäger, Farmer, Reisender in Washington Irvings Manier und so weiter und so weiter. Ich bitte die Gesellschaft, sich durch das kleine Intermezzo nicht stören zu lassen.«

Er warf die schmerzende Hand Evas von sich und flüsterte ihr finster drohend zu:

»Nachher!«

Leon von Poppen gab es auf, das Glas vor dem Auge zu befestigen, und sein geistiger Blick war nicht heller als sein körperlicher. Matt sank er auf einen Stuhl und hauchte:

»Das schlägt alles! Noch ein Wolf aus Poppenhagen? Recht patriarchalisches Verhältnis, alle meine Vasallen sammeln sich kindlich um meine Knie. Fräulein Eva, ich lege meine teuersten Prätensionen nieder zu Ihren himmlischen Füßen, – gegen das Schicksal kann niemand. Mille remerciements, Coralie; hier nehmen Sie Ihr Riechfläschchen zurück. Der Himmel segne Ihre künftigen Schritte, Eva, und mache Sie so glücklich, wie – Sie mich gemacht haben. Es ist zum Rasendwerden! Coralie, wenn Ihr Busen das winzigste Fünkchen Mitleid hegt, so nehmen Sie mich mit nach Hause. Ich fühle mich zu angegriffen, um an dem Jubel über dieses interessante, dieses überraschende – glückliche Wiedersehen ferner teilnehmen zu können. Meine Komplimente an den Herrn Bruder, Mister Warner oder Wolf oder Josua oder – ah diable, Ihren Arm, Coralie!«

Ironisch nahm der Amerikaner ein Licht von der Tafel und leuchtete dem abziehenden Baron zur Tür. Mit einer Verbeugung sagte er:

»Mit Vergnügen zu Ihrem Dienst bereit, Herr von Poppen! Hôtel des Princes, wie Sie wissen.«

»Merci, ich schieße mich nicht für ein Weib.«

»All right!« sagte der Amerikaner kalt, »ganz meine Ansicht, – gute Nacht, lieber Baron, – nehmen Sie sich auf der Treppe in acht. Schlafen Sie wohl, Coralie!«

Die Tänzerin drohte schalkhaft über die Schulter mit dem Fächer: »Verräter!«

»Blamiert! Inkommensurabel blamiert!« seufzte auf der Treppe in der Tiefe seiner Seele Leon Freiherr von Poppen. Seine Seele war aber nicht tief genug, so daß der Seufzer an die Oberfläche aufstieg wie eine Blase aus dem Teiche, zerplatzte und der mitleidigen Coralie ein erbarmungsvolles Achselzucken ablockte.

Mr. Frederic Warner oder, wie wir ihn jetzt nennen können, Fritz Wolf trat zu der Gesellschaft zurück; doch in dieser war die Lebendigkeit auf den Nullpunkt herabgesunken, einer nach dem andern nahm Abschied von der stummen Eva, und bald fanden sich die beiden Leute aus dem Winzelwalde allein neben der Tafel, auf welcher die Lichter tief herabgebrannt waren, allein inmitten der unbehaglichen Unordnung, die in einem Gemach nach dem Aufbruch einer größeren lustigen Gesellschaft herrscht.

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