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Die Leute auf Hemsö

August Strindberg: Die Leute auf Hemsö - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleDie Leute auf Hemsö
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
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Sechstes Kapitel

Veränderte Verhältnisse und veränderte Aussichten. Es geht mit der Landwirtschaft zurück, aber der Grubenbetrieb blüht

Carlsson gehörte nicht zu den Leuten, die sich von unangenehmen Gefühlen länger anfechten lassen, als es ihnen selbst gefällt. Er ließ das Unwetter über sich ergehen und schüttelte es dann wieder ab. Seine Stellung als Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tüchtigkeit und seinen Verstand erobert, und als Madame Flod sich mit ihm verheiratete, war der Vorteil, seiner Ansicht nach, ebenso groß für sie wie für ihn. Nachdem der Hochzeitsrausch verdampft war, wurde Carlsson indessen weniger eifrig; er war seines Erbes sicher, da Nachkommenschaft zu erwarten war. Seine Absicht, den feinen Herrn zu spielen, hatte er aufgegeben, weil er sah, daß das nicht ging; statt dessen spielte er jetzt den Großbauer. Er trug eine schöne wollene Jacke, band eine solide Lederschürze vor und ging in Wasserstiefeln einher. Und den größten Teil seiner Zeit verbrachte er an der Pultklappe, wo sein Lieblingsplatz war; er las Zeitungen, schrieb und rechnete dagegen weniger als früher, sah der Arbeit mit der Pfeife im Munde zu und zeigte nur oberflächliches Interesse für die Landwirtschaft.

»Es geht zurück mit der Landwirtschaft,« sagte er, »das habe ich in der Zeitung gelesen; es ist jetzt vorteilhafter, sein Korn zu kaufen.«

»Er sprach früher ganz anders,« meinte Gustav, der genau achtgab, was Carlsson sagte und tat, im übrigen aber seine Rechte als Sohn nicht geltend machte.

»Die Zeiten ändern sich, und wir verändern uns mit ihnen. Ich danke Gott für jeden Tag, an dem ich klüger werde,« antwortete Carlsson.

Jetzt fing er auch an, des Sonntags zur Kirche zu gehen, diskutierte öffentliche Fragen und wurde in den Gemeinderat gewählt. Dadurch kam er in nähere Berührung mit dem Prediger, und endlich brach der große Tag für ihn an, an dem er die öffentliche Erlaubnis erhielt, du zu ihm zu sagen. Dies war sein kühnster Traum gewesen, und er sprach noch ein ganzes Jahr nachher darüber, was er gesagt und was Nordström geantwortet hatte.

»Du, hör einmal, lieber Nordström,« sagt ich, »diesmal sollst du mich machen lassen.« Und dann sagte Nordström: »Carlsson, du mußt nicht halsstarrig sein, du bist zwar ein kluger Kerl, ein verständiger Kerl ...«

In der Folge wurden Carlsson auch eine Menge kommunaler Vertrauensämter übertragen, unter denen das Brandwesen ihm das zusagendste war. Dies bestand darin, daß er auf Kosten der Gemeinde im Lande herumreiste und Kaffeepunsch bei Bekannten trank. Auch die Reichstagswahlen, obgleich diese weit landeinwärts abgehalten wurden, warfen ein wenig ab. Zu den Wahlzeiten und auch sonst ein paarmal im Jahr kam der Baron mit einer Jagdgesellschaft und einem Dampfschiff und bezahlte fünfzig Kronen, um ein paar Tage auf der Insel jagen zu dürfen; Punsch und Kognak flossen Tag und Nacht, und wenn die Jäger heimreisten, hinterließen sie eine gute Nachrede als gentile Leute.

Carlsson stieg auf diese Weise im Ansehen; er wurde als Lumen betrachtet, als eine Autorität mit Verständnis von Dingen, die die andern nicht begriffen. Aber einen schwachen Punkt hatte er doch noch, und er mußte es oftmals fühlen, daß er eine »Landratte« war und kein ordentlicher Seemann.

Um diesen Rangesunterschied auszugleichen, fing er an, sich auf das Seewesen zu verlegen und große Lust zum Seeleben zu zeigen. Er putzte eine Flinte blank und ging auf die Jagd, beteiligte sich am Fischfang und wagte sich auf längere Segelfahrten.

»Es geht zurück mit der Landwirtschaft, wir müssen den Fischfang eifriger betreiben,« antwortete er seiner Frau, wenn sie ihre Besorgnis darüber aussprach, daß das Feld und das Vieh vernachlässigt werde.

»Vor allen Dingen die Fischerei! Die Fischerei für den Fischer und die Erde für den Landmann,« erklärte er, nachdem er auf der Kirchenversammlung von dem Schulmeister gelernt hatte, seine Worte »parlamentarisch« zu belegen.

Trat Geldmangel ein, so mußte man auf den Wald loshauen.

»Der Wald muß gelichtet werden, um gedeihen zu können, sagt der rationelle Forstmann; aber ich weiß nicht, was das Richtige ist.«

Und wenn Carlsson es nicht wußte, wie sollten es da die andern wissen?

Rundquist ward die Ackerwirtschaft und Klara das Vieh übertragen. Rundquist aber kümmerte sich nicht um die Äcker, sondern ließ sie wie Grasflächen brachliegen, hielt nach dem Frühstück einen Mittagsschlaf am Grabenrand und nach dem Vesperbrot einen Mittagsschlaf unter dem Gebüsch und beschwor die Kühe, wenn sie keine Milch gaben.

Gustav war stets draußen auf See und erneute den alten Jägerbund mit Norman. Die Interessen, die eine kurze Zeit lang alle Arme in Tätigkeit gesetzt hatten, bestanden nicht mehr; für einen andern zu arbeiten, war nicht anregend, und deshalb ging alles seinen langsamen Schneckengang.

Im Herbst, wenige Monate nach der Hochzeit, ereignete sich indessen etwas, das gleich einem Stoßwind auf Carlssons Fahrzeug wirkte, das kürzlich mit vollen Segeln ausgelaufen war. Seine Gattin wurde nämlich vor der Zeit von einem toten Kinde entbunden. Ihr Zustand war besorgniserweckend, und der Arzt erklärte, daß Carlsson jetzt jede Hoffnung auf einen Erben aufgeben müsse.

Dies war sehr verhängnisvoll für Carlsson; denn wenn sie jetzt starb, konnte er nur auf das Altenteil kommen. Und da die Alte nach der Entbindung kränkelte, drohte diese Veränderung in seiner Stellung früher einzutreten, als er erwartet hatte.

Jetzt kam wieder Leben in Carlsson. Die Landwirtschaft mußte so schnell als möglich auf den Damm gebracht werden; weshalb – das ging ja niemanden etwas an. Es wurde Bauholz zu einem neuen Hause gefällt, weshalb – das brauchte er ja nicht jedem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mußte bei Norman wieder unterdrückt werden, noch einmal wurde er von seinem Freunde weggelockt; und auch Rundquist wurde mit Beschlag belegt und durch Lohnerhöhung angefeuert. Man pflügte, säte, fischte und zimmerte, und jetzt mußten die Gemeindepflichten zurückstehen.

Zur selben Zeit wurde Carlsson häuslich; er saß daheim bei seiner Frau und las ihr aus der Bibel oder dem Gesangbuch vor, appellierte an ihre edleren Gefühle, ohne eigentlich sagen zu können, was er damit bezweckte. Die Alte freute sich, daß ihr jemand Gesellschaft leistete und mit ihr sprach, und legte großen Wert auf die kleinen Aufmerksamkeiten, ohne darüber nachzudenken, was für einen Zweck diese Vorbereitungen auf den Tod haben könnten.

Eines Winterabends, als die Bucht zugefroren lag und die Wege unfahrbar waren, so daß man schon länger als vierzehn Tage von allem Verkehr abgeschnitten war und weder Zeitungen noch Briefe bekommen konnte – eines Abends, als die Einsamkeit und der Schnee die Gemüter bedrückten und man am Tage nur wenig Arbeit hatte verrichten können, war das Gesinde und auch Gustav in der Küche versammelt. Das Feuer brannte auf dem Herd, und die jungen Leute besserten die Netze aus; die Mägde spannen, und Rundquist schnitzte Spatenstiele. Den ganzen Tag hindurch war Schnee gefallen; er lag bis über die Fensterscheiben, so daß es in der Küche wie in einer Leichenstube aussah, und jede Stunde mußte einer der Knechte hinaus, um den Schnee von der Tür wegzuschaufeln, damit man nicht einschneite und von den Ställen abgeschnitten würde, wo das Vieh gemolken und zur Nacht gefüttert werden mußte.

Jetzt war die Reihe des Schneeschaufelns an Gustav. In der Öljacke und dem Südwester begab er sich hinaus. Er stieß die Außentür auf, gegen die sich die Schneewehen gelegt hatten, und stand bald draußen auf dem Hof im Unwetter. Die Luft war von den Schneeflocken verdunkelt, die grau wie Motten und groß wie Hühnerfedern waren und, unaufhaltsam herabschwebend, sich leise aufeinander legten, erst leicht, dann schwerer und schwerer sich zusammenballend und von Minute zu Minute wachsend. Der Schnee reichte schon hoch an der Mauer des Hauses hinauf, und durch die obersten Scheiben der Fenster schimmerte das Licht von innen heraus. Gustav sah den Schein aus dem Zimmer, in dem, wie er wußte, die Mutter und Carlsson sich aufhielten. Eine plötzliche Neugierde überkam ihn, den Schnee ein wenig zu beseitigen und sich ein Guckloch zu bilden, und nachdem er auf die Schneeschanze geklettert war, konnte er zum Fenster hineinlugen. Carlsson saß wie gewöhnlich vor der Klappe des Sekretärs und hatte ein großes Stück Papier vor sich, das oben mit einem Stempel versehen war, der wie bei einem Reichsbankschein aussah; er schien mit der Frau zu sprechen, die neben ihm stand, und war im Begriff, ihr die Feder hinzureichen, die er in der Hand hielt, damit sie etwas unterschriebe. Gustav legte das Ohr an die Fensterscheibe; aber das doppelte Fenster verhinderte ihn, etwas anderes als ein undeutliches Murmeln zu hören. Er hätte doch gar zu gern gewußt, was da vorging; denn er hatte eine Ahnung, daß es ihn anging, und er war fest überzeugt, daß es wichtige Sachen waren, da das Papier einen Stempel trug.

Leise öffnete er die Dielentür, zog die Schuhe aus und kroch die Treppe hinan, bis er an den Boden gelangte. Hier legte er sich auf den Bauch, und das Ohr an den Boden pressend, konnte er hören, was in der Stube der Mutter verhandelt wurde.

»Anna Eva,« sagte Carlsson in einem Tone, der an den Kolporteur und den Gemeinderat erinnerte, »das Leben ist kurz, und der Tod kann über uns hereinbrechen, ehe wirs uns versehen. Wir müssen deshalb auf unsern Heimgang vorbereitet sein, mag derselbe nun heute oder morgen eintreten, das ist einerlei! Schreibe deswegen nur gleich jetzt!«

Die Alte mochte nicht gern so viel vom Tod hören; aber Carlsson hatte nun seit Monaten von nichts anderm gesprochen, weshalb sie nur einen schwachen Widerstand zeigte.

»Ja, Carlsson, aber es ist mir nicht einerlei, ob ich heute oder in zehn Jahren sterbe, und ich kann noch lange leben.«

»Ja, Herrgott! Ich habe doch nicht gesagt, daß du sterben mußt, ich habe ja nur gesagt, daß wir sterben können, und ob das heute oder morgen geschieht, das bleibt sich einerlei, denn einmal geschieht es doch! Schreibe nur!«

»Ja, aber das verstehe ich nicht,« widersprach die Alte, als wäre der Tod schon im Begriff, sie zu holen – »es kann doch wohl nicht ...«

»Aber es ist ja vollkommen einerlei, da es ja doch einmal geschehen muß. Vielleicht ist es nicht der Fall! Ich weiß es nicht! Unterschreibe nur für alle Fälle.«

Es war, als schnüre ihr jemand den Hals zu, als Carlsson sagte: »Ich weiß es nicht!« Die Alte konnte sich nicht mehr zurechtfinden und gab nach.

»Was will Er denn eigentlich von mir?« fragte sie ermüdet und mürbe durch das lange Gespräch.

»Anna Eva, du sollst an deine Nachkommen denken, denn das ist die erste Pflicht des Menschen, und deshalb mußt du schreiben ...«

Im selben Augenblick öffnete Klara die Küchentür und rief nach Gustav, der sich nicht verraten wollte und deshalb schwieg, obgleich er nun nicht mehr hören konnte, was unten in der Stube vorging.

Klara ging wieder hinein, und Gustav kletterte hinab, blieb unten vor der Stubentür stehen und hörte Carlssons letzte entscheidende Worte, die ihn vermuten ließen, daß das Schreiben jetzt vorbei war und daß man ein Testament aufgesetzt hatte.

Als er nun in die Küche trat, sahen die Leute sofort, daß ihm etwas begegnet sei. Er sprach in verblümten Ausdrücken davon, daß er einen Fuchs fangen wolle, den er habe schreien hören; daß es besser sei, zur See zu gehen, als zu Hause zu sitzen und sich von dem Ungeziefer auffressen zu lassen.

Carlsson dagegen war beim Abendbrot äußerst menschenfreundlich, ließ sich über Gustavs Arbeitspläne und Jagdaussichten belehren, holte das Stundenglas hervor und ließ den weißen Sand rinnen; dann sagte er: »Die Zeit ist kostbar; laßt uns deshalb essen und trinken, denn morgen sind wir tot!«

Gustav lag in dieser Nacht noch lange wach, und viele dunkle Gedanken und finstere Pläne durchkreuzten seinen Kopf; aber er besaß keine große Seelenstärke, um die Verhältnisse nach seinem Sinn zu verändern: wenn er eine Sache durchdacht hatte, gab er sie als reif auf.

Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen geträumt hatte, war er wieder ebenso vergnügt wie vorher und ließ alles seinen ruhigen Gang gehen, fest überzeugt, daß mit der Zeit auch der Rat kommen würde, daß die Gerechtigkeit den Sieg davontragen müsse und dergleichen mehr.


Und abermals kam der Frühling ins Land, die Schwalben besserten ihre Nester aus, und der Professor kehrte wieder.

Rings um sein Haus hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten angelegt, hatte Flieder angepflanzt und Obstbäume und Buschwerk, wozu er die Ableger aus Pastor Nordströms Garten geholt hatte. Die Wege waren mit Kies bedeckt, und mehrere Lauben waren gebaut.

Infolgedessen fing es an, herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen. Und niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Bequemlichkeit und Wohlstand ins Land gebracht hatte; er hatte der Wirtschaft auf die Beine geholfen und die Gebäude und Hecken instand gesetzt. Die Preise für die Fische hatte er bei dem Kaufmann in der Stadt in die Höhe getrieben und mit dem Dampfer ein Abkommen getroffen, daß er den Fang mitnahm, wodurch die zeitraubenden Fahrten zur Stadt überflüssig waren.

Jetzt, da er in seinem Eifer nachließ und müde geworden war und nur daran dachte, sein Haus fertigzustellen, war man unzufrieden und klagte.

»Fahrt ihr jetzt nur fort, dann werdet ihr schon sehen, wie angenehm es ist,« antwortete Carlsson. »Ein jeder für sich und Gott für uns alle!«

Und jetzt hatte er sein Haus unter Dach; er hatte es mit gewissem Geschmack gebaut, so daß es die andern Gebäude in Schatten stellte. Im Erdgeschoß befanden sich nur zwei Zimmer und eine Küche, aber es nahm sich doch stattlicher aus, als die alten Häuser auf dem Hofe. Man konnte wohl nicht sagen, woran das lag, aber vielleicht kam es daher, daß er den Dachstuhl höher gemacht hatte und daß der Dachfirst weiter vorsprang, oder auch weil die Dachbretter mit Schnitzwerk versehen waren und weil sich draußen vor der Eingangstür eine Veranda mit einer Treppe befand. Es waren keine kostbaren Sachen, und doch machte es einen villenartigen Eindruck. Das Haus war rot wie eine Kuh, dagegen das Fachwerk schwarz angestrichen und mit Holzverkleidung versehen; die Fensterrahmen waren weiß, und die Veranda – ein leichtes Dach auf vier Pfählen – war blau gemalt. Und dann hatte er es verstanden, die rechte Lage zu wählen: gerade unter den Klippen, und so, daß die beiden alten Eichbäume davor zu stehen kamen, ungefähr als Anfang einer geplanten Allee oder eines Parks.

Und wenn man auf der Veranda saß, hatte man die herrlichste Aussicht: die schilfbewachsene Bucht, die lange grüne Quellwiese und eine Niederung zwischen der Kälberkoppel, so daß man die Boote in weiter Entfernung im Sunde sehen konnte.

Gustav ging umher und schielte dies alles an, wünschte es zum Teufel und betrachtete es wie eine Wespe, die im Begriff war, ihr Nest unter dem Dach aufzuschlagen und die man gerne verjagen möchte, ehe sie ihre Eier gelegt und sich vielleicht für immer mit ihrer Brut festgesetzt hat. Aber Gustav war nicht stark genug, um sie zu entfernen, und deshalb blieb sie sitzen.

Die Alte kränkelte und war der Ansicht, daß es gut genug ging, so wie die Sachen nun einmal lagen; und in der Voraussicht all des Wirrwarrs, der entstehen würde, wenn sie den Weg alles Fleisches ging, sah sie es nicht ungern, daß ihr Mann – denn das war er nun doch einmal – ein Dach über dem Kopfe hatte und sich nicht wie ein Bettler herumzutreiben brauchte. Sie verstand sich nicht auf Rechtsangelegenheiten, aber sie hatte eine Ahnung, daß mit der Vermögensaufnahme, der Erbteilung und dem Testamente nicht alles in Ordnung sei; es mochte indessen gehen, wie es wollte, wenn sie nur Ruhe hatte, und einmal mußte es ja losbrechen, wenn nicht früher, so doch, sobald Gustav daran dachte, sich zu verheiraten; solche Gedanken konnte ihm wohl jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war ein ganz anderer geworden, er ging umher und grübelte. –

Eines Nachmittags, Ende Mai, stand Carlsson in seiner neuen Küche und mauerte an seinem Feuerherde, als Klara kam und ihm zurief:

»Carlsson! Carlsson! Der Professor ist mit einem deutschen Herrn hier, der mit Ihm sprechen will.«

Carlsson nahm die Lederschürze ab, trocknete seine Hände und machte sich bereit, die Fremden zu empfangen, neugierig, was dieser ungewohnte Besuch zu bedeuten habe.

Als er auf die Veranda hinauskam, traf er den Professor, den ein energisch aussehender Herr mit langem, schwarzem Bart begleitete.

»Direktor Diethoff wünscht mit Carlsson zu sprechen,« sagte der Professor und stellte seinen Begleiter mit einer Handbewegung vor.

Carlsson wischte eine Bank auf der Veranda ab und bat die Herren, Platz zu nehmen.

Der Direktor hatte keine Zeit zum Sitzen, sondern fragte ohne weitere Umschweife, ob der Brutwerder zu verkaufen sei.

Carlsson konnte nicht verstehen, was das bedeuten sollte; denn der Werder war nur drei Tonnen Land groß, bestand aus einem Felsen mit spärlichem Tannenholz und warf bloß eine höchst dürftige Schafweide ab.

»Ja, der Werder soll zu einer industriellen Anlage benutzt werden,« erklärte der Direktor und fragte, was derselbe kosten solle.

Carlsson war zweifelhaft und bat um Bedenkzeit, um herauszufinden, was dem Werder einen so großen Wert verleihen könne. Aber der Direktor beabsichtigte keineswegs, ihm das sofort mitzuteilen; er wiederholte deshalb nur seine Frage, was der Werder koste, und steckte die Hand in die Brusttasche, deren aufgebauschter Zustand andeutete, daß sich hier das reine Wesen befand.

»Ach, so teuer wird der Werder wohl nicht sein,« meinte Carlsson; »aber ich muß erst mit meiner Frau und dem Sohne sprechen.« Und damit ging er ins Haus, blieb eine geraume Zeit aus und kam dann wieder. Aber jetzt sah er bedenklich drein und wollte den Preis nicht gleich nennen.

»Der Herr Direktor müssen selber sagen, wieviel er geben will,« brachte er endlich heraus.

Nein, das wollte der Direktor nicht.

»Na, wenn ich fünf sage, so findet der Herr Direktor wohl nicht, daß es zuviel gefordert ist,« preßte Carlsson schließlich mit klopfendem Herzen und schweißtriefender Stirne hervor.

Direktor Diethoff knöpfte den Rock auf, zog die Brieftasche hervor und zählte zehn Hundertkronenscheine auf.

»Hier ist das erste Tausend als Handgeld, die andern vier kommen zum Herbst nach. Sind Sie damit einverstanden?«

Carlsson war völlig starr; aber er tat seinen Gefühlen Zwang an und antwortete so ruhig wie nur möglich, daß es in der Ordnung sei – obgleich er mit seinen »fünf« nur Hunderte gemeint hatte und jetzt statt dessen Tausende erhielt.

Darauf begaben sich alle zu der Alten und dem Sohn ins Haus, um den Vertrag aufzusetzen und den Empfang zu quittieren. Carlsson zwinkerte mit den Augen und deutete seinen beiden Teilhabern durch Gesichtsverziehungen an, nichts von ihrer Überraschung merken zu lassen, aber diese verstanden natürlich nichts von alledem.

Schließlich, nachdem sie unterschrieben, holte die Alte ihre Brille hervor und las den Vertrag. »Fünftausend!« rief sie. »Gott bewahre, Carlsson sprach ja von fünfhundert!«

»Unsinn! Du mußt falsch gehört haben, Anna Eva! Sagte ich nicht tausend, Gustav?« – hier blinzelte er ihm so deutlich zu, daß der Direktor es bemerkte.

»Ja, ich glaube wirklich, daß er tausend sagte,« meinte Gustav, der es in diesem Falle mit Carlsson hielt.

Die Schreiberei war beendet, und der Direktor erklärte jetzt, daß seine Aktiengesellschaft eine Feldspatgrube auf dem Werder eröffnen wolle.

Niemand wußte, was Feldspat war, und niemand hatte jemals an diesen Schatz gedacht – natürlich mit Ausnahme von Carlsson, der jetzt damit herauskam, daß er sich die Sache auch schon habe durch den Kopf gehen lassen, es habe ihm nur das Betriebskapital gefehlt.

Der Direktor erzählte nun, der Feldspat sei ein rötlicher Stein, der in Porzellanfabriken benutzt werde. In acht Tagen würde die Wohnung des Verwalters, die schon in der Tischlerei bestellt sei, gebaut werden; in vierzehn Tagen sollten die Arbeiterkasernen an Ort und Stelle stehen, und dann sollte die Arbeit mit dreißig Mann in Angriff genommen werden.

Darauf reiste er ab.

Dieser Goldregen war so plötzlich auf die Leute herabgekommen, daß sie kaum Zeit gehabt hatten, alle Folgen desselben zu erwägen. Tausend Kronen bar und viertausend zum Herbst für eine kleine, wertlose Insel, das war zu viel auf einmal. Deshalb saßen sie auch den ganzen Abend in schönster Eintracht beieinander und sannen darüber nach, was sie außerdem möglicherweise noch verdienen könnten. Natürlich würde man Fische und andre Produkte an die vielen Arbeiter verkaufen, und Brennholz, das war ja außer allem Zweifel; und dann kam der Direktor vielleicht mit seiner Familie heraus, um dort den Sommer über zu wohnen; den Professor mußte man natürlich auch heraufschrauben, und Carlsson konnte sein Haus vermieten – kurz, es würde sicher alles gut werden.

Carlsson legte das Geld selbst in den Sekretär und saß noch bis tief in die Nacht hinein da, um zu rechnen.


In der folgenden Woche war Carlsson oft auf Dalarö, kam mit Tischlern und Malern zurück und veranstaltete kleine Festlichkeiten auf seiner Veranda, wo er einen Tisch hingestellt hatte, an dem er saß, Kognak trank und die Arbeit beaufsichtigte, die jetzt mit rasender Eile vorschritt.

Bald waren alle Zimmer mit Tapeten bekleidet, ja sogar die Küche, wo auch ein stattlicher Herd aufgestellt war. Die Fenster wurden mit grünen Läden versehen, die man schon in der Ferne schimmern sah; die Veranda wurde noch einmal übermalt, und zwar weiß und rosa; auch erhielt sie nach der Sonnenseite zu einen blau- und weißgestreiften leinenen Rollvorhang, und rings um den Garten und den Hofplatz zog sich ein grau gestrichenes Gitter mit weißen Knöpfen. Die Leute standen stundenlang da und starrten die Herrlichkeit an; Gustav aber hielt sich meistens in einiger Entfernung hinter einer Ecke oder einem Busch und nahm selten oder niemals Carlssons Einladungen auf seine Veranda an.

Einer von Carlssons Träumen, den er in recht hellen Nächten geträumt hatte, war der, wie der Professor auf einer Veranda zu sitzen, nachlässig hintenübergelehnt, an einem Glase Kognak nippend, die Gegend zu betrachten und eine Pfeife zu rauchen – lieber noch eine Zigarre, aber das überstieg vorläufig seine Mittel.

Und acht Tage später saß er dort und hörte einen Dampfer draußen im Sund bei dem Werder pfeifen.

Jetzt kommen sie, dachte er, und als Grundbesitzer wollte er doch zeigen, daß er genug Lebensart besaß, um sie gebührend zu empfangen.

Deshalb ging er ins Haus, um sich umzukleiden, und ließ Rundquist und Norman rufen, damit sie ihn nach dem Werder begleiteten und die fremden Herren begrüßten.

Eine halbe Stunde später verließ die Jolle den Hafen, und Carlsson saß am Steuer. Die Knechte wurden von Zeit zu Zeit ermahnt, im Takt zu rudern, damit man auch den Eindruck von vernünftigen Menschen mache.

Als sie um die letzte Landzunge gebogen waren und der Sund offen vor ihnen lag, auf der einen Seite von der großen Insel, auf der andern vom Werder begrenzt, da wurden sie eines prächtigen Schauspiels ansichtig. Im Sunde lag ein flaggengeschmückter Dampfer vor Anker, und zwischen dem Schiff und dem Lande erblickte man kleine Jollen mit Matrosen in blauen und weißen Blusen. Oben am Strande, wo der bloßgelegte Feldspat in rosenroten Farben schimmerte, stand eine Gruppe von Herren und eine Strecke davon ein Musikkorps, dessen blitzende Messinginstrumente sich prächtig von den grünen Tannen abhoben.

Unsere Ruderer aus Hemsö grübelten darüber nach, was man dort oben eigentlich vorhabe; dann ruderten sie so hart wie nur möglich an die Klippen heran, um besser sehen und hören zu können. Als sie aber in die Nähe des Sammelplatzes gekommen waren, erfüllte plötzlich ein Brausen die Luft, als seien zwölfhundert Eidergänse auf einmal aufgeflogen, und dann folgte ein Dröhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen schien, und schließlich ein Krachen, als berste die ganze Insel auseinander.

»Zum Teufel auch!« war alles, was Carlsson herausbringen konnte; denn im nächsten Augenblick entlud sich ein Steinregen rings um das Boot, dem ein Kiesregen und schließlich ein Hagelschauer von kleinen Steinen folgte.

Und dann erklang eine Stimme vom Berge her; der Redner sprach von der akkumulierten Arbeit der Großindustrie und redete allerlei Ausländisches, von dem die Hemsöer kein Wort verstanden.

Rundquist glaubte, daß es eine Predigt sei, und nahm ehrfurchtsvoll die Mütze ab, aber Carlsson fand doch heraus, daß der Direktor redete.

»Ja, meine Herren,« schloß der Direktor, »wir haben hier viele Steine vor uns; ich will meine Rede mit dem Wunsche schließen, daß sie alle zu Brot werden mögen!«

»Bravo!«

Und dann spielte die Musik einen Marsch, und die Herren zogen an das Ufer hinab, jeder mit einem Stein in der Hand, den sie unter Lärm und Gelächter hin und her bewegten.

»Was macht ihr da mit dem Boot?« rief ein Herr in der Uniform eines Marineoffiziers den Hemsöern zu, die sich auf ihre Ruder gestützt hatten.

Sie wußten aber nicht, was sie darauf antworten sollten. Sie meinten, daß es nicht schaden könne, wenn sie sich die Feierlichkeit ein wenig mit ansähen.

»Hm! Das ist ja Carlsson, der Besitzer der Insel!« erklärte Direktor Diethoff, der nun herzukam. »Das ist unser Wirt hier draußen,« fügte er noch hinzu. »Kommt und frühstückt mit uns.«

Carlsson wollte seinen eigenen Ohren nicht trauen, überzeugte sich aber bald, daß die Einladung ernsthaft gemeint war, und gleich darauf saß er auf dem Hinterdeck des Dampfers an einem so reichbesetzten Tische, wie er nie Ähnliches gesehen. Er hatte zuerst Umstände gemacht, aber die Herren waren so außerordentlich herablassend, daß sie ihm nicht einmal erlauben wollten, seine Lederschürze abzunehmen. Rundquist und Norman wurden auf dem Vorderdeck zusammen mit der Mannschaft bewirtet.

Carlsson hatte sich das Paradies nicht herrlicher vorgestellt. Da waren Speisen, deren Namen er nicht kannte und die ihm wie Honig im Munde schmolzen; da waren Speisen, die wie das höllische Feuer im Halse kratzten; da waren Speisen in allen denkbaren Farben, und vor jedem Platze standen sechs Gläser. Und nun gar diese Weine! Es war, als röche er an einer Blume, als küsse er ein Mädchen; da waren Weine, die in die Nase stiegen, Weine, die in den Beinen kitzelten und einen lachen machten. Und zu alledem spielte die Musik so munter, daß man ein Gefühl hatte, als müsse man meinen, es laufe ein kalter Schauer den Rücken hinunter; zuweilen aber ging einem eine so angenehme Empfindung durch den ganzen Körper, daß man sich gern hätte hinlegen und gleich sterben mögen.

Und als das alles vorbei war, brachte der Direktor die Gesundheit des früheren Besitzers aus, lobte ihn, weil er seinem Stande Ehre mache und den ererbten Gewerbszweig nicht gegen einen unsicheren Gewinn auf andern Gebieten vertausche, wo die Not mit dem Luxus Arm in Arm ginge. Dann stießen sie mit ihm an. Carlsson wußte nicht, wann er lachen und wann er ernsthaft dreinsehen mußte; aber er sah die Herren lachen, wenn seiner Ansicht nach etwas sehr Ernsthaftes gesagt wurde, und dann lachte er auch.

Nach dem Frühstück sollten Kaffee und Zigarren gereicht werden, weshalb man vom Tisch aufstand; Carlsson begab sich, veredelt durch das Glück, auf das Vorderdeck, um zu sehen, ob die Knechte etwas zu essen bekommen hatten. Im selben Augenblick rief ihn der Direktor zurück und bat ihn, einen Moment in die Kajüte zu kommen.

Dort angelangt, machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, einige Aktien zu nehmen, um seine Stellung zu befestigen und den Arbeitern gegenüber mit größerer Bestimmtheit auftreten zu können.

»Ja, darauf verstehe ich mich nicht so recht,« meinte Carlsson, der genug vom Geschäftswesen kannte, um zu wissen, daß man sich auf keinen Handel einlassen dürfe, wenn man etwas im Kopfe habe.

Aber der Direktor ließ ihn nicht los, und nach Verlauf einer halben Stunde war Carlsson glücklicher Besitzer von vierzig Aktien der Feldspat-Aktien-Gesellschaft »Eggle«, – zu hundert Kronen das Stück – auch war ihm das ausdrückliche Versprechen gemacht worden, Revisorsuppleant zu werden – Carlsson hatte sich das Wort aufschreiben lassen. Von Einzahlungen war noch keine Rede, diese sollten »peu à peu« und »à conto« gemacht werden.

Dann wurden Kaffee und Kognak getrunken, und Punsch und Sodawasser, so daß die Uhr sechs ward, ehe Carlsson das Schiff verließ.

Als er ins Boot stieg, drückte er allen Matrosen die Hand und bat sie, wenn sie an Land kämen, bei ihm vorzusprechen. Und dann ließ er sich mit seinen vierzig Aktienbriefen und den dazugehörigen Kupons nach Hause rudern; er saß am Steuer, eine Regalia im Munde und einen Korb mit Punsch zwischen den Knien.

Als er nach Hause kam, befand er sich in einem Taumel von Glückseligkeit; er lud das ganze Haus, von der Stube bis zur Küche, zum Punsch ein, zeigte die Aktien vor, die wie riesige Reichsbanknoten aussahen, und wollte auch den Professor herüberholen. Auf die Einwendungen der andern antwortete er, daß er Revisorsuppleant sei, was ebensoviel zu bedeuten habe wie ein deutscher Musikant, der kein studierter Mann und deswegen auch kein richtiger Professor wäre. Er hatte riesenhafte Pläne, wollte eine Heringssalzkompanie für die ganze Umgegend gründen, wollte Böttcher aus England verschreiben und Schiffe mit Salz direkt von Spanien befrachten. Im selben Augenblicke redete er von dem ererbten Gewerbszweige, von dessen Repräsentanten und dessen Zukunft, gab seinen Besorgnissen und seinen Hoffnungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch, hüllte sich in Tabaksrauch und baute angenehme Luftschlösser über die goldene Zukunft der Bewohner voll Hemsö. –

Carlsson war nun in den hohen Regionen angelangt und dies stieg ihm zu Kopf. Die Landwirtschaft wurde vernachlässigt und täglich ein Besuch auf dem Werder abgestattet. Er machte die Bekanntschaft des Verwalters, saß auf seiner Veranda und trank Kognak und Selterwasser, während die Arbeiter die gesprengten Steine zerschlugen, um sie von den Quarzadern zu befreien, die das hauptsächliche Hindernis bildeten. Der Verwalter, ein früherer Grubenaufseher, war klug genug, um einzusehen, daß es von Vorteil für ihn sei, wenn er sich mit dem Aktienbesitzer und Revisorsuppleanten gut stand; auch verstand er genug von der Sache, um zu wissen, wie lange das Geschäft noch gehen konnte.

Aber der Grubenbetrieb hatte gleichzeitig einen gewissen Einfluß auf das physische und moralische Wohlbefinden der Hemsöer, und die Anwesenheit von dreißig unverheirateten Arbeitern zeigte schon ihre Folgen.

Mit der Stille war es vorbei. Vom Berge her erklangen die Schüsse den ganzen Tag hindurch; Dampfschiffe läuteten und pfiffen im Sunde; Segelschiffe kamen an, landeten und warfen massenhaft Seeleute an Land. Am Abend kamen die Arbeiter auf den Hof, trieben sich beim Brunnen herum und schäkerten mit den Mädchen, veranstalteten Tanzvergnügungen, tranken mit den Knechten und prügelten einander. Die Leute durchschwärmten die Nächte und waren infolgedessen am Tage unfähig zu arbeiten. Sie schliefen draußen auf der Wiese und drinnen am Feuerherd. Und zuweilen kam der Verwalter zu Besuch. Dann wurde der Kaffeekessel aufgesetzt, und weil man einem so feinen Herrn keinen Branntwein vorsetzen konnte, mußte man Kognak bereit halten. Auf der andern Seite verkaufte man aber Fische und Butter an die Arbeiter, und das Geld strömte reichlich ein, so daß man flott leben konnte, und es kam häufiger Fleisch auf den Tisch als früher.

Carlsson fing an stark zu werden und ging den ganzen Tag in einem halben Rausch umher, ohne sich doch jemals zu übernehmen; der Sommer verging ihm wie ein einziges Fest, während er seine Zeit zwischen kommunalen Ämtern, Grubenbetrieb und Naturverschönerungen der nächsten Umgebung teilte.

Im Herbst war er acht Tage lang auf Brandbesichtigung gewesen und kam eines Morgens in der Frühe nach Hause. Da wurde er von seiner Frau mit der unerwarteten Nachricht empfangen, daß auf dem Werder irgend etwas vorgefallen sein müsse. Seit vier Tagen war da draußen nämlich alles still gewesen; nicht ein einziger Schuß ließ sich vernehmen, auch keine Dampferpfeife erklang mehr. Die Hemsöer waren beim Dreschen gewesen, weshalb niemand Zeit gehabt hatte, die Grube zu besuchen. Auch der Verwalter hatte sich nicht sehen lassen, und keiner von den Arbeitern hatte sich am Abend auf der Insel eingestellt. Es mußte sich also irgend etwas ereignet haben. Um sich Gewißheit zu verschaffen, ließ Carlsson vorspannen, wie er es nannte, wenn er sich nach der Grube rudern ließ. Die Jolle hatte er weiß mit blauem Rand anstreichen lassen; und um ihr ein herrschaftlicheres Aussehen zu geben, wenn er am Steuer saß, hatte er an das Steuerruder eine alte Gardinenschnur gebunden, so daß er aufrecht sitzen und steuern konnte. Auch hatte er Rundquist und Norman im Rudern unterrichtet, so daß es jetzt ganz stattlich aussah, wenn er angefahren kam.

Die Überfahrt ging rasch vonstatten, denn Neugier und Angst spornten die Ruderer an; und als man in die Nähe des Werders gelangte, erschrak man über die traurige Öde, die dort herrschte.

Über der ganzen Insel lagerte Grabesstille, und kein Mensch war zu erblicken. Sie stiegen an Land und kletterten zwischen dem Geröll zur Grube hinauf. Die Wohnung des Verwalters war verschwunden, von Werkzeug und Gerätschaften keine Spur; nur die Kaserne, wie das Schauer der Arbeiter genannt wurde, stand noch da, leer und verwüstet, denn alles Lose war natürlich mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Boote.

»Ich glaube fast, sie haben eingepackt,« bemerkte Rundquist.

»Es sieht so aus,« sagte Carlsson und ließ abermals vorspannen, diesmal, um nach Dalarö zu rudern, wo auf der Post ein Brief für ihn liegen mußte.

Und wirklich! Dort lag ein großer Brief vom Direktor, der die Auflösung der Gesellschaft mitteilte, weil sich das Rohmaterial als unbrauchbar erwiesen hatte. Und da Carlssons Forderung auf viertausend Kronen genau gegen die vierzig Aktien aufging, die er gezeichnet hatte, die aber nicht bezahlt waren, so bestehe von nun an kein geschäftliches Verhältnis zwischen der Aktiengesellschaft und besagtem Carlsson und Konsorten mehr.

So, um viertausend Kronen betrogen! dachte Carlsson. Nun, man darf nicht klagen.

Obgleich Carlsson aus dem Innern des Landes war, hatte er die Natur des Seevogels: er schüttelte sich nach dem Sturzbad und war gleich wieder trocken; und noch trockener fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las, daß alle Hinterlassenschaften den Hemsöern gehörten, wenn sie dieselben fortschaffen wollten.

Carlsson war aber doch ein wenig niedergeschlagen, als er, seines Geldes und seines ehrenvollen Titels beraubt, nach Hause kam.

Gustav wollte ihm noch Wermut in den Becher gießen und die Sache verschärfen, aber Carlsson wehrte alles mit einer Handbewegung ab:

»Ach, das Ganze ist gar nicht der Rede wert! Es nützt nichts, noch länger darüber nachzudenken!«

Aber am nächsten Tage war er in voller Tätigkeit mit drei Mann und dem großen Prahm, um die Bretter und Ziegelsteine vom Werder zu holen; und ehe man sichs versah, hatte er sich eine Sommerwohnung mit einem Zimmer und einer Küche unten am Sund an einer Stelle gebaut, an die nie jemand zuvor gedacht hatte, von wo aus man aber eine Aussicht auf die Stadt und den Fjord hatte.

Der Sommer war vorüber mit seinen lustigen Träumen; der Winter war im Anmarsch, die Luft wurde schwerer, die Träume dunkler, und die Wirklichkeit nahm ein neues Gepräge an, leichter für manche, drohender für andere.

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