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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectida0ce638e
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Im Lamatempel

Der Lamatempel, das älteste Heiligtum Pekings und eines der merkwürdigsten der Welt, enthält eine Unzahl von Prachtstücken alter chinesischer Goldschmiedekunst und unschätzbare Büchersammlungen.

Dieser Tempel ist schon Jahrhunderte alt, aber selten besucht worden. Vor dem diesjährigen Einmarsch der Europäer war allen »Barbaren des Abendlandes« der Eintritt strengstens untersagt; und auch seit die Alliierten Herren von Peking sind, ist niemand hingegangen. Zunächst schützt ihn seine Lage selbst in einem Winkel der Tartarischen Mauer und in einem vollkommen toten Stadtteil – denn in Peking sterben von Jahrhundert zu Jahrhundert ganze Stadtviertel ab, wie Zweig auf Zweig an alten Bäumen verdorren.

Als ich selbst mit den Mitgliedern der französischen Gesandtschaft heute hierher pilgere, betreten wir diesen Ort zum erstenmal im Leben.

Auf unserem Wege bei eisigem Winde durch den ewigen Staub überschreiten wir zuerst den »Ostmarkt«, drei bis vier Kilometer eines fremden, elenden Peking, einer Stadt des Zusammenbruchs und der Niederlage, wo alles auf der Erde verkauft, auf Schutt und Asche ausgelegt wird. Unter all diesen Trödel und dies Gerümpel mischen sich die seltensten Dinge, die ganze Geschlechter von Mandarinen einander pietätvoll vermacht haben; die alten zerstörten Paläste wie die Häuser der Ärmsten haben hier ihren seltsamsten, jahrhundertealten Inhalt ausgespien; schmutziges Gerümpel und Wunderdinge; neben einem stinkenden Fetzen ein Kunstgegenstand von dreitausendjährigem Alter. Längs der Häuser hängen, so weit das Auge reicht, an Haken die Kleider von Toten, Männern und Frauen – ein endloser Laden kostbarer Kleidungsstücke. Da sieht man üppige Pelze aus der Mongolei, bei den Reichen gestohlen, die Flitterpracht von Kurtisanen oder Kleider aus prachtvoller schwerer Seide, Eigentum vornehmer Damen, die verschwunden sind. Der chinesische Pöbel – der Peking durch Plünderung, Brandstiftung und Zerstörung tausendmal mehr geschädigt hat als das Eindringen der Alliierten –, der niedere Pöbel, gleichmäßig schmutzig, im blauen Kattunkleid, mit boshaften kleinen schielenden Augen, wimmelt und kribbelt da umher, unzählig und hastig, den Staub und die Mikroben in schwarzen Wolken aufwirbelnd. Verkommene Kerle mit langen Zöpfen gehen durch die Menge und bieten für einige Piaster Hermelinkleider oder Blaufüchse und wunderbare Zobelpelze feil. Sie haben es eilig, sie loszuschlagen, und fürchten, ertappt zu werden.

Doch allmählich wird es stiller, je mehr wir uns dem Ziel unseres Rittes nähern; auf die Straßen voller Menschengewühl folgen allmählich alte, ausgestorbene Gassen, wo man keine Menschen mehr sieht. Gras grünt hier an den Türschwellen, und über die verlassenen Mauern strecken Bäume ihre knorrigen Äste wie Greisenarme.

Wir steigen vor einem eingefallenen Torbogen ab, der in einen Park für Gespenster zu führen scheint – der Eingang zum Tempel.

Welchen Empfang wird man uns in diesem geheimnisvollen Bezirk bereiten? Wir wissen es nicht, übrigens ist auch niemand da, uns zu empfangen.

Doch alsbald erscheint grüßend der Oberste der Lamas, die Schlüssel in der Hand, und wir folgen ihm durch den kleinen düsteren Park.

Er trägt ein violettes Kleid, den Kopf rasiert, und sein Gesicht wie von altem Wachs ist zugleich lächelnd, verschreckt und feindselig. Er führt uns zu einem zweiten Tor, das in einen weiten, mit weißen Steinen gepflasterten Hof führt. Diesen umgeben die ersten Gebäude des Tempels mit ihrem verwickelten durchbrochenen Mauerwerk, ihren geschweiften, mit Krallen besetzten Dächern und beunruhigenden Massen, sämtlich hermetisch verschlossen. Das alles hat die Farbe von Ocker und Rost mit Goldreflexen, die im traurigen Licht der Abendsonne auf die Buckel der Dachziegel fallen.

Der Hof ist verlassen, und selbstverständlich sprießt das Gras der Ruinen zwischen seinen Steinfliesen. Vor den geschlossenen Toren des großen, vom Alter gebräunten Tempel stehen auf weißen Marmorauftritten »Gebetmühlen«, eine Art von Bronzekegeln mit eingegrabenen geheimen Zeichen; sie werden gedreht und wieder gedreht und dabei Worte gemurmelt, die für Menschen unserer Zeiten unverständlich sind . . .

Im alten Asien, unserer Urheimat, gelang es mir oft, in das Innerste uralter Heiligtümer einzudringen, und dort befiel mich ein banger, unerklärlicher Schauer vor Symbolen, deren Sinn seit Jahrhunderten verloren ist. Aber dies beklemmende Gefühl hatte sich noch nie mit so viel Schwermut gemischt wie an diesem Abend bei dem kalten Winde in der Einsamkeit und in dem Verfall dieses Hofes, auf den weißen Fliesen mit dem wuchernden Gras, zwischen den geheimnisvollen ocker- und rostfarbenen Tempelfronten und vor der stummen Reihe dieser Gebetmühlen.

 

Junge Lamas nahen geräuschlos wie Schatten und tauchen einer nach dem anderen hinter uns auf; selbst Lamakinder – denn man beginnt sie schon von klein auf in diesen tausendjährigen Gebräuchen zu unterrichten, die niemand mehr begreift.

Sie sind jung, aber jedes jugendlichen Aussehens bar. Etwas Greisenhaftes, verbunden mit mystischer Abstumpfung, liegt unwiederbringlich auf ihnen. Ihre Blicke scheinen aus der Tiefe der Zeiten zu kommen und unterwegs trübe geworden zu sein. Armut oder Entsagung – ihre gelben Kleider hängen nur noch als farblose Fetzen an den mageren Gliedern. Alles, die Kleider und die Gesichter, ist wie bestreut mit der Asche der Zeit, gleich ihrem Kultus und ihrer heiligen Stätte.

Bereitwillig wollen sie uns alles zeigen, was wir zu sehen wünschen – und so fangen wir mit den Schulsälen an, in denen langsam so viele Geschlechter verknöcherter, finsterer Priester herangebildet sind.

Sieht man näher zu, so erkennt man, daß alle diese Wände, die jetzt die Farbe oxydierten Metalles tragen, einst mit farbenprächtigen Zeichnungen, mit Lack und Vergoldungen verziert waren; nur eine unendliche Folge glühender Sommer und eisiger Winter und dieser ewige Staub, der aus den mongolischen Wüsten über Peking streicht, konnte ihnen die einheitliche Tönung alter Bronze geben, die sie heute tragen.

Ihre Studiensäle sind sehr düster – das Gegenteil hätte uns überrascht; und darin liegt auch die Erklärung für das Hervorstehen ihrer Augen unter den welken Lidern. Sehr dunkel sind diese Säle, aber sehr groß, noch immer prachtvoll in ihrem Verfall und in großartigen Verhältnissen erbaut, wie alle alten Denkmäler dieser Stadt, die seinerzeit die prächtigste der Welt war. Die hohen Decken mit ihren verschlungenen goldenen Ungeheuern ruhen auf Lacksäulen. Die kleinen Sessel für die Schüler, die kleinen geschnitzten Pulte reihen sich zu hunderten aneinander, abgenützt, abgewetzt und vom Scheuern menschlicher Körper entstellt. Götzenbilder in goldenen Gewändern sitzen in den Ecken und glänzen von gedämpften Reflexen. Wandbespannungen von alter, unschätzbarer Arbeit stellen die Seligkeiten der Paradiese des Nirwana inmitten von Wolken dar. Die Büchereien sind überfüllt von Manuskripten, teils in Buchform, teils in großen Rollen, die in verblichene Seide gehüllt sind.

Dann zeigt man uns einen ersten Tempel – und sobald die Pforte sich öffnet, flimmert es von Gold, einem gedämpften Gold in den warmen, etwas rötlichen Tönen, die der Lack im Lauf der Jahrhunderte annimmt. Auf drei goldenen Altären thronen, von einem Siebengestirn kleiner vollkommen gleicher goldener Götterbilder umgeben, drei große goldene Götter mit niedergeschlagenen Augen. Auch die goldenen Blumensträuße, die in goldenen Vasen reihenweise vor diesen Altären stehen, sind in ihrer antiken Steifheit einer wie der andere. Übrigens ist ja die ewige Wiederholung, die starrsinnige Vervielfältigung der gleichen Dinge, der gleichen Stellungen und der gleichen Gesichter ein Kennzeichen der unwandelbaren Kunst der Pagoden. Wie in allen Tempeln aus alter Zeit fehlt jede Lichtöffnung; nur der Schein, der durch die halbgeöffneten Türen dringt, beleuchtet von unten her das Lächeln der großen sitzenden Götter und die Verschlingungen der Fabelwesen, die sich in den Wolken der Decke winden. Nichts ist hier berührt, nichts entfernt worden, nicht mal die wunderbaren Cloisonnépfannen, in denen Räucherstäbchen brennen. Offenbar hat man diesen Ort nicht gekannt oder ist kaum jemals hergekommen.

Hinter dem Tempel und hinter seinen staubigen, schon im vollen Schatten liegenden Nebengebäuden, wo die Qualen der buddhistischen Hölle dargestellt sind, führen uns die Lamas in einen zweiten Hof mit weißen Fliesen, der dem anderen vollkommen gleicht: derselbe Verfall und dieselbe Einsamkeit zwischen denselben Mauern in Kupfer- und Rostfarben.

Nach diesem zweiten Hof ein zweiter Tempel, der dem ersten so völlig gleicht, daß man sich fragt, ob man nicht der Spielball irgendeiner Täuschung in diesem Bezirk seltsamer Geister sei? Die gleichen Figuren und das gleiche Lächeln an den gleichen Plätzen; die gleichen vergoldeten Sträuße in goldenen Vasen – die geduldige, sklavische Wiederholung der gleichen Pracht.

Nach diesem zweiten Tempel ein dritter Hof, auch er den beiden anderen vollkommen gleich, mit einem dritten Tempel, der sich im Hintergrund erhebt, genau wie die beiden ersten! Selbst die Friedhofgräser zwischen den abgenutzten Fliesen sind die gleichen. Aber die schon tiefer stehende Sonne beleuchtet nur noch die höchsten Giebel der Fayencedächer und die tausend kleinen Ungeheuer aus gelbem Schmelz, die sich auf der Krümmung der Firste zu verfolgen scheinen. Wir frösteln vor Kälte, denn der Wind wird immer bitterer, und die in den geschnitzten Simsen nistenden Tauben rüsten sich bereits zur Nachtruhe, während stille Eulen erwachen und uns zu umkreisen beginnen.

Wie erwartet, ist auch dieser letzte Tempel – vielleicht der verfallendste und baufälligste – nichts als eine bedrückende Wiederholung der beiden vorhergehenden, mit Ausnahme des Götterbildes in seiner Mitte, das keine menschliche Sitzfigur ist, sondern riesenhaft, ungeahnt und fast erschreckend vor uns aufragt. Die goldnen Decken sind durchbrochen, um ihm Raum zu geben, und reichen ihm kaum bis zur Hälfte der Beine, denn der Götze erhebt sich senkrecht unter einer Art von vergoldetem Turm, der ihn allzu eng umschließt. Um sein Gesicht zu schauen, muß man dicht an die Altäre herantreten und zwischen den Räucherpfannen und steifen Blumen nach oben sehen: er ist wie die Mumie eines Titanen in ihrem Mumiensarg aufgestellt, und sein nach unten gerichteter Blick wirkt im ersten Moment erschreckend. Doch bei näherer Betrachtung empfindet man eher eine Bezauberung; man fühlt sich hypnotisiert und gebannt durch sein so sorglos ruhiges Lächeln, das von oben auf diese ganze Umgebung von sterbendem Glanze, von Gold und Staub, – von Kälte, Dämmerung, Ruinen und Schweigen herabfällt . . .

 

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