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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
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Das verlassene Schlafgemach

Ein feiner Teegeruch in dem tiefdunklen Zimmer, ein Geruch, ich weiß nicht von was noch, von vertrockneten Blumen und alten Seidenstoffen.

Dies seltsame Schlafgemach kann nicht heller gemacht werden, denn es öffnet sich nur nach einem großen dunklen Saal, dessen in die Mauer eingelassene Fenster eine matte Beleuchtung durch Scheiben aus Reispapier erhalten, die auf irgendeinen düsteren, offenbar mit dreifachen Mauern umschlossenen Hof gehen. Das breite, niedrige Alkovenbett, das in die Nische einer Mauer von der Dicke eines Bollwerks eingelassen ist, hat Vorhänge und eine Seidendecke von nachtblauer Farbe. Sessel, für die übrigens hier kaum Platz wäre, sind nicht vorhanden, auch Bücher nicht; es wäre auch kaum Licht genug, sie zu lesen. Auf Truhen von schwarzem Holz, die als Tische dienen, schlafen schwermütige Nippsachen unter Glaskästen, kleine Vasen aus Bronze oder Nephrit, die künstliche, steife Sträuße mit Kelchen aus Perlmutter oder Elfenbein enthalten; und eine Staubschicht auf allen diesen Dingen beweist, daß der Raum nicht mehr bewohnt ist.

Beim ersten Anblick läßt sich kein Schluß ziehen, woher oder aus welcher Zeit die Einrichtung stammen kann; höchstens verrät sich die chinesische Geduld in der Ebenholzbekrönung und der wunderbaren Feinheit des Schnitzwerkes über den Vorhängen dieses geheimnisvollen Bettes, das einem Totenbett ähnelt. Übrigens ist alles nüchtern, traurig, in geraden, strengen Linien gehalten.

Wo sind wir denn, in welcher entlegenen, abgeschlossenen, verborgenen Wohnung?

Hat zu unseren Tagen jemand hier gelebt, oder war es in vergangenen Zeiten? Seit wieviel Stunden oder wieviel Jahrhunderten ist der Bewohner dieses verlassenen Raumes ausgezogen, und wer konnte es wohl sein? . . .

Gewiß irgendein trauriger Träumer, der sich diesen verborgenen Schattenwinkel ausgesucht hat, und auch ein Mensch von höchster Verfeinerung, weil er diesen vornehmen Duft zurückgelassen hat, und sehr müde, weil er an dieser trüben Einfacheit und dieser ewigen Dämmerung Gefallen fand.

Wahrhaftig, diese winzigen Fenster mit ihren von Seidenpapier umflorten Scheiben, die sich nie für Sonne oder Luft öffnen konnten, da sie überall in die Mauer eingesetzt sind, verursachen ein Gefühl des Erstickens. Und dann denkt man wieder an den langen Weg und die Hindernisse, die zu überwinden waren, um hierher zu gelangen, und es wird einem beklommen zumute.

Zunächst die große schwarze Mauer, diese babylonische Mauer, der übermenschlich hohe Wall einer Stadt von mehr als zehn Wegstunden im Umkreis, die heute in Schutt und Trümmer liegt, halb entvölkert und mit Leichen besät. Dann eine zweite Mauer, blutrot bemalt, die eine andere, von der ersten eingeschlossene befestigte Stadt umgibt. Endlich eine dritte prunkvollere Mauer, aber von der gleichen blutroten Farbe – die Mauer des großen Mysteriums, deren Schwelle vor diesen Tagen des Krieges und des Zusammenbruches ein Europäer nie überschritten hat. Auch wir haben heute trotz gezeichneten und gegengezeichneten Erlaubnisscheines länger als eine Stunde gebraucht, um hereinzukommen. Die Schlösser eines unheimlichen Tores, das von einem Militärkommando bewacht und wie bei einer Belagerung von innen mit Bohlen verrammelt ist, öffneten sich nur nach Drohungen und langem Verhandeln mit Wächtern, die fortschleichen und fliehen wollten. Und nachdem endlich die schweren, eisenbeschlagenen Torflügel geöffnet waren, zeigte sich noch eine weitere Mauer, von der vorhergehenden durch einen Wallgang getrennt, auf dem Kleiderfetzen herumlagen und Hunde an Totenknochen zerrten – eine neue Mauer, wieder vom gleichen Rot, aber noch prunkvoller, in ihrer ganzen endlosen Länge mit zackigen Ornamenten und Ungeheuern aus goldgelber Fayence geziert. Endlich, nachdem wir auch diesen letzten Wall durchschritten hatten, empfangen uns alte, bartlose, eigentümliche Gestalten mit mißtrauischen Mienen und führen uns durch ein Labyrinth von kleinen Höfen und kleinen ummauerten und abermals ummauerten Gärten, wo zwischen Muschelwerk und Porzellangefäßen uralte Bäume dahinwelken. Das alles ist so abgeschlossen, versteckt, beklemmend, alles vom Spuk eines Volkes von Ungeheuern und Fabelwesen aus Bronze und Marmor, von tausend Fratzengesichtern beschützt, die Haß und Wildheit grinsen, von tausend unbekannten Symbolen. Und immer wieder schlossen sich hinter uns die Tore dieser roten Mauern mit ihren Zinnen aus gelber Fayence; es war wie ein böser Traum, wo man durch lange Gänge irrt, die sich hinter uns schließen, um uns nie mehr herauszulassen.

Jetzt, nach dem langen Weg, wie im Alptraum, beim Anblick der ängstlichen Leute, die uns hergeführt haben und geräuschlos auf ihren Papiersohlen trippeln, überfällt uns das Gefühl einer unerhörten, nie dagewesenen Entweihung, die wir in ihren Augen begingen, indem wir in dieses bescheidene verschlossene Schlafzimmer eindrangen. Sie stehen dort in der Türöffnung und beobachten schiefen Blickes unsere geringsten Bewegungen, diese vorsichtigen Eunuchen in Seidengewändern und diese dürren Mandarine, die am roten Knopf ihrer Kopfbedeckung die düstere Rabenfeder tragen. Wenn sie nachgeben mußten, taten sie es widerwillig; mit allerlei List suchten sie uns in andere Räume dieses ungeheuren heliogabalischen Palastlabyrinthes zu locken, unsere Neugier für die weiter abliegenden großen Säle mit ihrer düsteren Pracht wachzurufen, für die großen Höfe dort unten und für die ausgedehnten Marmorrampen, die wir später betreten werden, für dies ganze ungeheuere, weitläufige Versailles, das wie ein Kirchhof von Gras überwuchert ist, wo man nichts mehr hört als das Geschrei der Raben . . .

Sie wollten durchaus nicht – und nur am Spiel ihrer entsetzten Augensterne haben wir erraten, wohin wir uns wenden mußten.

Wer hat denn hier gewohnt, abgeschieden hinter so vielen Mauern, tausendmal schrecklicher als die aller Gefängnisse des Abendlandes? Wer konnte jener Mensch sein, der in diesem Bette schlief, unter diesen nachtblauen Seidendecken, der in träumerischer Abendstunde oder beim bangen Erwachen in der Dämmerung eiskalter Wintertage diese sinnenden kleinen Sträußchen betrachtete, die unter Glasglocken symmetrisch auf den schwarzen Truhen aufgestellt sind? . . .

Das war er, der unsichtbare Kaiser und Sohn des Himmels, der Verkümmerte und Kindische, dessen Reich größer ist als ganz Europa und der wie ein schwankendes Schattenbild über vier- bis fünfhundert Millionen Untertanen gebietet.

Wie sich in seinen Adern der Lebenssaft der fast zur Gottheit erhobenen Ahnen erschöpft, die sich allzulange regungslos im Schoße von Palästen hielten, die heiliger sind als Tempel, so verkleinert sich, entartet und hüllt sich in Dämmerung der Ort, wo ihm das Leben behagte. Der ungeheure Rahmen, der die ehemaligen Kaiser umgab, beklemmt ihn, und er läßt das alles verfallen. Auf den majestätischen Marmorrampen, in den großartigen Höfen wächst Gras und wildes Gestrüpp; Raben und Tauben nisten zu Hunderten in den vergoldeten Wölbungen der Thronhallen und bedecken mit Erde und Mist die prachtvoll seltsamen Teppiche, die hier verfaulen. Dieser unverletzliche Palast, eine Stunde im Umfang, den man nie gesehen, von dem man nichts wissen, nichts erraten konnte, behielt den Europäern, die ihn soeben zum ersten Male betraten, die Überraschung eines trostlosen Verfalles und das Schweigen einer Totenstadt vor.

Er ging nie dorthin, der blasse Kaiser. Nein, was ihm allein zusagte, war der Teil mit den kleinen Gärten und Höfen ohne Aussicht, das schmächtige Viertel, das wir zum Schrecken der Eunuchen betreten hatten, war dies Alkovenbett mit den nachtblauen Vorhängen in einer ängstlichen Vertiefung.

Hinter dem grämlichen Schlafzimmer ziehen sich in noch finstererem Halbdunkel kleine Privatgemächer wie unterirdische Gewölbe hin; das Ebenholz herrscht hier vor; alles ist absichtlich ohne Glanz, selbst die traurigen verdorrten Blumensträuße unter ihren Glasglocken. Man sieht ein Klavier mit sehr weichen Tasten, auf dem der junge Kaiser spielen lernte, trotz seiner langen, schwachen Nägel; ein Harmonium; eine große Spieldose, die wehmütige chinesische Weisen in Tönen spielt, die gedämpft wie aus der Tiefe eines Sees hervorklingen.

Dann endlich hier das Retiro, das ihm offenbar das Liebste war, eng und niedrig wie eine Schiffskabine, wo der feine Duft von Tee und getrockneten Rosen noch stärker wird.

Hier vor einem mit Reispapier umflorten Fensterloch, das nur einen matten Schimmer durchläßt, sieht man eine Matratze aus goldgelber kaiserlicher Seide, die den Abdruck eines gewöhnlich hier lagernden Körpers zu bewahren scheint. Einige Bücher liegen herum, ein paar geheime Schriftstücke. An der Wand zwei oder drei nichtssagende Bilder, nicht einmal gerahmt, farblose Rosen darstellend – und in chinesischer Schrift die letzte Verordnung des Arztes für diesen ewig Kranken,

Was war er im Grunde, dieser Träumer? Wer wird es je sagen? Welch entstelltes Bild hat man ihm von den Dingen dieser Welt und des Jenseits vorgespiegelt, die ihm hier so viele schreckliche Sinnbilder veranschaulichen? Die göttergleichen Kaiser, von denen er stammt, ließen das alte Asien erzittern, und von ferne nahten tributpflichtige Herrscher, um sich vor ihrem Thron niederzuwerfen. Sie erfüllten diese Stätten mit der unvorstellbaren Pracht ihres Gefolges und ihrer Standarten. Und er, der Abgesonderte und Einsame, wie und unter welchen zerrinnenden phantastischen Bildern hat er hier hinter diesen heute so stillen Mauern den Stempel der gewaltigen Vergangenheit in sich bewahrt?

Und welche Verwirrung herrschte ohne Zweifel in dem unergründlichen kleinen Gehirn seit der noch nie dagewesenen Freveltat, die nicht einmal seine wahnsinnigste Angst je vorausgesehen hätte: der Palast mit den dreifachen Mauern bis in seine geheimsten Verstecke geschändet; er, der Sohn des Himmels, der Behausung entrissen, in der zwanzig Geschlechter seiner Ahnen unnahbar gelebt hatten; er, genötigt zu fliehen und auf der Flucht sich zeigen zu müssen, im Sonnenlicht so handeln zu müssen, wie die anderen Menschen, vielleicht sogar bitten zu müssen und zu warten! . . .

In dem Augenblick, wo wir aus dem verlassenen Schlafgemach treten, werfen sich unsere Burschen, die absichtlich hinter uns zurückgeblieben waren, lachend auf das Bett mit den nachthimmelblauen Vorhängen, und ich höre einen von ihnen hinter der Draperie mit fröhlicher Stimme und gascognischem Akzent rufen:

»So, Alterchen, nun können wir wenigstens sagen, daß wir im Bett des Kaisers von China gelegen haben!«

 
Montag, 22. Oktober

Gedungene Chinesen – unter denen, wie man uns warnte, Spione und Boxer sind – haben die beiden unterirdischen Ofen unseres Palastes die ganze Nacht hindurch stark geheizt. Beim Erwachen überrascht uns übrigens wie gestern das Gaukelbild des Sommers in unseren luftigen Veranden mit ihren grünen Säulchen, die mit rosafarbenen Lotosblüten bemalt sind. Und die Sonne steigt sofort brennend am Himmel herauf und bescheint den traurigen Ritt, den ich in westlicher Richtung zur »Tartarenstadt« hinaus durch die Stille zerstörter Vorstädte, durch Trümmer und Asche unternehme.

Auf dieser Seite lagen in der staubigen Landschaft christliche Friedhöfe, die sogar im Jahre 1860 vom gelben Pöbel verschont worden waren. Diesmal aber hat man selbst die Toten mit Wut verfolgt, und so herrscht ringsum Chaos und Greuel; uralte Gebeine, die Überreste von Missionaren, die seit drei Jahrhunderten hier ruhten, wurden aus den Gräbern gerissen, zerstampft und in wilder Wut zerstoßen, um ins Feuer geworfen zu werden, damit das, was nach chinesischem Glauben an Seele noch darinnen sein konnte, vernichtet würde. – Wenn man aber die Vorstellungen dieses Landes nur einigermaßen kennt, so begreift man die Ungeheuerlichkeit dieses allergrößten Schimpfes, der mit einem Schlage unseren sämtlichen abendländischen Rassen zugefügt wurde.

Ganz besonders prächtig war der Friedhof der Jesuiten, die einst so viel Einfluß bei den Himmlischen Kaisern besaßen und ihre eigenen Grabstätten sogar mit den Grabsymbolen chinesischer Prinzen schmücken durften. Jetzt ist der Boden mit ihren großen marmornen Drachen und riesigen Schildkröten, ihren hohen, von Fabelwesen übersponnenen Grabsteinen bedeckt; alle diese Skulpturen wurden umgestürzt und zerbrochen, zerbrochen auch die schweren Steine der Grüfte und der Erdboden tief aufgewühlt.

Neben diesem Friedhof nahm eine bescheidenere Grabstätte seit langen Jahren die Toten der europäischen Gesandtschaften auf. Sie mußte die gleiche Entweihung erdulden wie der schöne Jesuitenkirchhof. Alle Gräber aufgewühlt, ihre Leichen zerstampft, selbst die Kindersärge geschändet. Einzelne menschliche Überreste, Stücke von Schädeln und Kiefern liegen noch auf dem Boden unter umgestürzten Kreuzen, und in der strahlenden Morgensonne breitet sich vor meinen Augen die erschütterndste Verwüstung aus, die ich je im Leben gesehen.

Dicht nebenan wohnten die Barmherzigen Schwestern; sie leiteten eine Schule für kleine Chinesinnen. Von ihren bescheidenen Häusern ist nichts übriggeblieben als ein Haufen von Ziegeln und Asche; sogar die Bäume ihrer Gärten sind herausgerissen und zum Hohne mit den Wipfeln in die Erde gesteckt.

Ihre Leidensgeschichte ist ungefähr folgende:

Sie waren allein, als ungefähr tausend Boxer des Nachts unter ihre Mauern rückten und ihnen beim Klange der Gongs Todesdrohungen zuschrien. Da flohen sie in ihre Kapelle, um betend den Märtyrertod zu erwarten. Doch da legte sich das Toben der Horde, und bei Tagesanbruch war die Gegend frei. So konnten sie sich denn samt der entsetzten Herde ihrer kleinen Zöglinge nach Peking unter den Schutz des Bischofs flüchten. Als man später die Boxer fragte: »Wie kam es, daß Ihr nicht eingedrungen seid, um sie zu töten?« antworteten sie: »Wir sahen auf allen Mauern des Klosters Soldatenköpfe und Flintenläufe auftauchen!« Die Barmherzigen Schwestern dankten also ihr Leben allein dieser Sinnestäuschung der Peiniger.

Heute erfüllen die Brunnen ihrer verwüsteten Gärten die Umgebung mit Leichengeruch. Es waren drei große offene Brunnen, breit wie Zisternen, die ein so klares Wasser spendeten, daß man es von weither für die Gesandtschaften holte. Die Boxer haben sie bis zum Rand mit den verstümmelten Körpern der Knaben von der Schule der Ordensbrüder und der anwohnenden christlichen Familien vollgestopft. Sofort waren die Hunde da, um diesen gräßlichen Haufen anzufressen, der bis zum Erdboden heraufreichte, aber der Leichname waren zu viele, und so sind viele Leichen übriggeblieben und haben sich in der Trockenheit und Kälte ziemlich unverändert erhalten, – noch bedeckt von den Wundmalen der Folterqualen. Dieser Schenkel ist von Schnitten gestreift wie die Einkerbungen der Brote beim Bäcker . . . Jene Hand hat keine Nägel mehr . . . Und hier liegt eine Frau, der man mit einem Stutzsäbel einen geheimen Teil ihres Körpers abgeschnitten und ihn ihr in den Mund gesteckt hat, wo ihn die Hunde zwischen den aufgesperrten Kiefern unberührt ließen . . . Diese Leichen sind wie mit Salz bestreut, dem weißen Reif, der in den schauerlichen

Schattenwinkeln nicht abtauen konnte. Unerbittlich beleuchtet die helle Sonne diese mageren Glieder, diese vorstehenden Knochen und steigert noch den Graus der geöffneten Münder, die Starrheit der Todesangst und die Verrenkungen des Todeskampfes.

Keine Wolke am tiefen, bleichen Himmel, von dem funkelndes Licht herabstrahlt. So wird es wahrscheinlich den ganzen Winter über sein, selbst während der strengsten Kälte; dunkler Himmel, Regen und Schnee sind in Peking seltene Ausnahmen.

Nach dem kurzen Soldatenfrühstück, das uns in der großen verglasten Galerie auf kostbarem Porzellan aufgetragen wird, verlasse ich unseren »Nordpalast«, um mich auf dem andern Ufer in dem Gartenhaus, das ich mir gestern früh aussuchte, zur Arbeit einzurichten. Es ist ungefähr zwei Uhr; eine Sonne wie im Sommer strahlt über meinem einsamen Weg, über der weißen Marmorbrücke, über dem Schlamm des Sees und den zwischen den erfrorenen Lotosblättern schlummernden Leichen.

Bei meinem Eintritt in den Palast der Rotunde öffnen und schließen die Wachen, ohne mir zu folgen, die rotlackierten Torflügel. Ich steige die Rampe hinan zur Plattform, und nun bin ich allein, weit und breit allein in der Stille meines hängenden Gartens und meines seltsamen Palastes.

Der Weg zu meinem Arbeitszimmer führt durch enge Gänge mit feinem Holzgetäfel, die sich im Halbdunkel zwischen alten Bäumen und verschnörkeltem Muschelwerk hinwinden. Dann kommt der lichtüberflutete Kiosk; heller Sonnenschein fällt auf meinen Tisch, meine schwarzen Sessel und goldgelben Kissen; die schöne, wehmütige Oktobersonne bestrahlt und erwärmt diesen auserlesenen Winkel, wo die Kaiserin wohl gerne saß und auf den mit roten Blüten bedeckten See herabblickte.

Die letzten Schmetterlinge, die letzten Wespen, die diese Treibhauswärme am Leben erhielt, schlagen mit den Flügeln gegen die Scheiben. Vor mir dehnt sich der große »Kaiserliche See«, den die Marmorbrücke überwölbt; uralte Bäume bilden an beiden Ufern einen Waldgürtel, über den die vielgestaltigen Dächer von Palästen und Pagoden mit ihren wunderbaren Fayencemassen hinausragen. Wie bei den Landschaften auf chinesischen Fächern sieht man im Vordergrunde zierliches Muschelwerk, dann die kleinen Fayenceungeheuer eines nahen Gartenhauses, und von der hellen Ferne scharf abgesetzt die knorrigen, herabhängenden Äste einer alten Zeder.

Ich bin allein, völlig und herrlich allein und hoch oben, inmitten einer verwüsteten, stummen Pracht, an einem unerreichbaren Orte, dessen Zugänge von Posten bewacht werden. Hin und wieder der Schrei eines Raben, oder von Zeit zu Zeit der Galopp eines Pferdes unten am Fuße des Walles, der meine luftige Behausung trägt – irgendein vorüberkommender Meldereiter. Sonst nichts; kein Laut in der Nähe, der die sonnige Ruhe meiner Einsamkeit stört; keine Überraschung, kein Besuch ist möglich . . .

Ich arbeite seit einer Stunde; da fühle ich plötzlich hinter mir von der Seite der engen Gänge, durch die man hereinkommt, ein ganz leichtes Anstreifen, das in mir die Empfindung einer zurückhaltenden, liebenswürdigen Anwesenheit wachruft, und ich drehe mich um: eine Katze, die plötzlich stehenbleibt, ein Pfötchen in der Luft, unschlüssig, und mir tief in die Augen blickt, als wollte sie sagen: »Wer bist denn du? Was machst denn du hier? . . .«

Ich rufe sie ganz leise; sie antwortet mit einem klagenden Miauen – und ich schreibe weiter, denn ich bin immer rücksichtsvoll gegen Katzen und weiß sehr wohl, daß man bei der ersten Bekanntschaft nicht weitergehen darf.

Eine hübsche Katze, weiß und gelb, von vornehmem, elegantem, ja selbst hochherrschaftlichem Aussehen . . .

Im nächsten Augenblick streift sie wieder dicht an meinem Bein hin; da lasse ich meine Hand langsam mit mehreren Pausen auf das sammethaarige Köpfchen hinabgleiten, das sich nach einem ersten Zusammenzucken meinen Liebkosungen hingiebt. Und damit ist die Freundschaft geschlossen. – Eine offenbar an Zärtlichkeit gewöhnte Katze, wahrscheinlich eine Lieblingskatze der Kaiserin. Morgen und jeden Tag werde ich meinen Burschen beauftragen, ihr einen kalten Imbiß aus meinem Feldvorrat zu bringen.

In diesem Klima endet die Illusion des Sommers mit dem Tage. Wenn die Sonne riesengroß und rot hinter dem Lotossee hinabtaucht, macht sie plötzlich den schwermütigen Eindruck der Wintersonne, und zugleich überfliegt ein Frostschauer alle Dinge; alles wird plötzlich todestraurig in dem leeren Palast. Da, zum ersten Male am Tage höre ich mitten durch die Stille Schritte auf den Marmorplatten der Terrasse hallen: meine Diener Osman und Renaud kommen auftragsgemäß, um mich abzuholen. – Die einzigen menschlichen Wesen, für die sich auf Befehl das Tor des Walles unter mir öffnet.

Es ist eisigkalt, und wieder beginnt sich die allabendliche Nebelwolke über den Lotossee zu breiten, während wir in der Dämmerung die Marmorbrücke überschreiten, um nach Hause zu gehen.

Nach dem Abendessen bei stockfinsterer Nacht Menschenjagd in den Sälen und Höfen unseres Palastes. In den vorhergehenden Nächten hatten wir durch die Fenster von weitem beunruhigende kleine Lichter bemerkt, die in den unbewohnten, weiter abliegenden Galerien wie Irrlichter hin und her flackerten und beim ersten Geräusch verloschen. Die Treibjagd von heute abend führt zur Verhaftung dreier Unbekannter, die mit Stutzsäbel und Blendlaterne über die Mauern geklettert waren, um in den kaiserlichen Vorräten zu plündern: zwei Chinesen und ein Europäer, Soldat einer verbündeten Nation. Um kein Wesen daraus zu machen, begnügt man sich damit, sie tüchtig zu ohrfeigen und durchzuprügeln und sie dann hinauszuwerfen.

 
Dienstag, 23. Oktober

Heute nacht hat es stärker gefroren, und beim Beginn unserer allmorgendlichen Entdeckungsreise in den Galerien und Nebengebäuden des Palastes sehen wir den Boden der Höfe mit kleinen weißen Kristallen bedeckt.

Alles, was einst den Lazaristenmissionaren als Wohnung oder Schulraum diente, ist mit Kisten vollgestopft; Vorräte von Seide und Tee, ganze Haufen alter Bronzen, Vasen oder Räucherpfannen sind hier bis zu Mannshöhe aufgestapelt.

Und doch bleibt die Kirche die wunderbarste und reichste Fundgrube, die Höhle des Ali Baba. Außer den antiken, aus der »Violetten Stadt« hergeschafften Kunstgegenständen hat die Kaiserin hier alle Geschenke aufstapeln lassen, die sie vor zwei Jahren bei ihrem Jubiläum erhielt. (Der Zug der Mandarine, die bei dieser Gelegenheit der Herrscherin Gaben überreichten, war wohl eine Meile lang und dauerte einen ganzen Tag.)

Im Schiff der Kirche und in den Seitengängen türmen sich Berge von Kisten und Schachteln bis zur halben Höhe der Säulen. Trotzdem alles durcheinandergeworfen ist und trotz der hastigen Plünderungen unserer Vorgänger – Chinesen, Japaner, Deutsche oder Russen – sind noch wahre Wunder dageblieben. Die größten Kisten, die unten stehen und durch die eigene Schwere und den Haufen der darüber getürmten Sachen geschützt waren, sind nicht einmal geöffnet. Am meisten ist man über die unzähligen Nippsachen hergefallen, die obendrauf unter Glaskästen standen oder in gelbseidenen Schmuckkästen aufbewahrt lagen, künstliche Blumensträuße aus Achat, Nephrit, Korallen oder Lapislazuli, blitzblaue Pagoden und Landschaften, aus Eisvogelfedern oder aus Elfenbein kunstvoll gearbeitet, mit tausenden kleiner Figuren, Werke chinesischer Geduld, die jahrelange Arbeit gekostet haben und heute von Bajonettstichen zerbrochen daliegen, während die Scherben ihrer großen Glaskästen den Boden bedecken und unter unseren Füßen krachen.

Die kaiserlichen Gewänder aus schwerer, mit goldenen Drachen durchwirkter Seide liegen mitten unter Scherben aller Art auf dem Boden herum. Man tritt darauf, tritt auf durchbrochenes Elfenbein, auf Glas, Stickereien und Perlen.

Man sieht tausendjährige Bronzen aus der Antiquitätensammlung der Kaiserin, Wandschirme, die wie von Genien und Feen geschnitzt und gestickt sind, antike Porzellane, Stücke in Cloisonné, Craquelé- und Lackarbeiten. Einige zu unterst stehende Kisten tragen die Namen von Kaisern, die schon vor einem Jahrhundert verstorben sind, und enthalten noch Geschenke, die damals aus den entferntesten Provinzen für sie angekommen sind. Niemand hat sich die Mühe gemacht, sie jemals auszupacken. Endlich birgt die Sakristei des merkwürdigen Domes in einer Reihe von Pappschachteln alle die prächtigen Kostüme für die Darsteller des Theaters der Kaiserin mit ihren Haartrachten nach altchinesischer Mode.

In dieser mit heidnischen Reichtümern angefüllten Kirche befindet sich noch die seit einigen dreißig Jahren verstummte Orgel; mein Kamerad und ich steigen zum Chor hinan, um sie aufs neue ertönen zu lassen und unter der Kuppel Melodien von Bach und Händel zu spielen, während unten unsere Chasseurs d'Afrique, bis zu den Knien in Elfenbein, Seiden und Hofkostümen stehend, an der Ausräumung weiter arbeiten.

Gegen zehn Uhr morgens gehe ich über die Pfade des großen kaiserlichen Haines, der in diesen Tagen der Schande von Hunden, Elstern und Raben bevölkert ist, nach der anderen Seite der »Violetten Stadt«, um den Palast der Ahnen zu besichtigen, den heute unsere Marinesoldaten bewachen und der das Allerheiligste war, das Pantheon der toten Kaiser, der Tempel, dem man sich nicht einmal zu nahen wagte.

Er liegt in besonders tiefem Schatten; vor dem Eingangstor stehen auf zarten Füßen die leichten, geschwungenen Triumphbögen mit ihrer grünen, roten und goldnen Lackierung zwischen dunklem Gezweig; riesige Zedern und vom Alter verkrümmte Zypressen beschatten die an der Schwelle kauernden marmornen Ungeheuer und geben ihnen eine grünliche Färbung.

Nach Durchschreiten der ersten Umfassungsmauer steht man natürlich vor einer zweiten. Stets im kalten Schatten der alten Bäume folgt Hof auf Hof in feierlicher Trauer, mit breiten Steinfliesen gepflastert, zwischen denen Friedhofgräser sprießen. Jede Zeder, jede Zypresse, die ihren tiefen Schatten wirft, ist am Fuße von einem Marmorring umschlossen und scheint wie aus einem gemeißelten Korb emporzuwachsen. Alles ist mit tausenden kleiner harziger Nadeln bestreut, die unausgesetzt von den Zweigen fallen. Auf Sockeln stehen riesige Räucherpfannen mit Sinnbildern des Todes aus uralter, blindgewordener Bronze.

Alles trägt hier ein nie erschautes Gepräge von Alter und Geheimnis. Und wahrlich, es ist ein einziger Ort, in dem die Manen chinesischer Kaiser umgehen.

Seitwärts stehen kleinere Tempel, deren Lack- und Goldwände mit der Zeit den Ton alten Korduanleders angenommen haben. Sie enthalten die auseinandergenommenen Teile riesiger Katafalke, die Sinnbilder und Kultgegenstände für die Vollziehung der Trauerbräuche. Unfaßbar und schreckensvoll ist alles anzuschauen; gänzlich fremd fühlt man sich dem Rätsel dieser Formen und Sinnbilder gegenüber.

Endlich, im letzten Hofe, erhebt sich auf einer Terrasse aus weißem Marmor, von bronzenen Hirschkühen bewacht, die Front des Ahnenpalastes in nachgedunkeltem Gold mit einem hohen gelben Fayencedach.

Es ist ein einziger ungeheurer, großartiger, düsterer Saal, ganz in verblichenem Gold, das eine rötliche Kupferfarbe angenommen hat. Im Hintergrund sieht man nebeneinander neun geheimnisvolle Türen, deren kostbare Doppelflügel mit Wachssiegeln verschlossen sind. In der Mitte stehen noch die Tische, auf die pietätvoll die Mahlzeiten für die Manen der Vorfahren gestellt wurden. Am Tage der Einnahme der »Gelben Stadt« waren unsere hungrigen Soldaten hoch erfreut, hier unverhofft eine vollständig gedeckte Tafel vorzufinden. In jeder Ecke des hallenden Saales harren Glockenspiele und Saiteninstrumente der vielleicht nie wiederkehrenden Stunde, wo sie den Schatten ein Ständchen bringen sollen: lange Zithern, die feierliche Töne geben, ruhen wagrecht auf goldenen Ungeheuern mit geschlossenen Augen; zwei gigantische Glockenspiele, das eine aus Glocken, das andere aus Marmor- und Nephrittafeln, hängen an goldenen Ketten, alle beide von großen phantastischen Tieren überragt, die in ewiger Dämmerung ihre goldenen Schwingen zur goldenen Decke emporbreiten.

Hausgroße Lackschränke bergen Sammlungen alter Gemälde, auf Ebenholz- oder Elfenbeinstöcke gerollt und in kaiserliche Seide gewickelt.

Es sind Prachtstücke darunter, Offenbarungen einer chinesischen Kunst, die man im Abendlande kaum ahnt, und die der unseren zum mindesten ebenbürtig ist, wenn auch völlig verschieden von ihr. Bildnisse von Kaisern auf der Jagd oder in einsamer Träumerei im Walde, in wilden Gegenden, die uns erschauern machen und ein sehnsüchtiges Verlangen nach der ursprünglichen Natur wecken nach der unentweihten Welt der Felsen und Bäume; – Bildnisse toter Kaiserinnen, in Aquarell auf ungebleichte Seide gemalt, ein wenig an die naive Grazie der alten Italiener erinnernd – blasse Bilder, bleich, beinahe farblos, als wären es nur Schatten von Menschen, flüchtig gebannt und im Begriff zu verschwinden, – eine vollendete Gestaltung fast ohne Kunstmittel, deren ganzes Leben sich in den Augen konzentriert, deren Ähnlichkeit man fühlt, und die uns für eine seltsame Minute Aug' in Auge mit entschwundenen Prinzessinnen leben läßt, die seit Jahrhunderten unter den prachtvollen Mausoleen ruhen . . . Alle diese Gemälde waren hochheilig; nie hat ein Europäer sie erblickt, ja nicht mal geahnt.

Andere Rollen, die auf den Fliesen entfaltet, wohl sechs bis acht Meter lang sind, stellen Aufzüge dar, Empfänge bei Hof, Aufwartungen von Gesandtschaften, Reiter, Heere, Standarten – tausende kleiner Gestalten, deren Gewänder, Stickereien und Waffen verdienten, daß man sie unter der Lupe betrachtet. In diesen kostbaren Miniaturen liegt die ganze Geschichte des chinesischen Kostüms und Zeremoniells in den vergangenen Zeitaltern. – Wir finden da sogar den Empfang einer Gesandtschaft Ludwigs XIV. durch ich weiß nicht welchen Kaiser: kleine Figuren mit ganz französischen Gesichtern, gekleidet, als sollten sie zu Versailles in der Perücke des Sonnenkönigs umherstolzieren.

Im Hintergrund des Tempels schließen die neun prachtvollen versiegelten Türen die Grabaltäre von neun Kaisern ab. Man ist so freundlich, für mich die roten Wachssiegel und Leinenbänder von einem dieser streng verbotenen Eingänge zu entfernen, und ich betrete eines der allerheiligsten Heiligtümer, – das des großen Kaisers Kuang-Su, dessen Ruhm zu Beginn des 18. Jahrhunderts strahlte. Bei dieser Entweihung begleitet mich auf Befehl ein Sergeant mit einer angezündeten Kerze, die hier im luftlosen Raume und in der Grabeskälte kaum brennen will.

Schon der Tempel war recht dunkel gewesen; hier aber herrscht schwarze Nacht, und eine dichte Decke wie von Erde und Asche liegt auf allen Dingen; stets der gleiche Staub, der sich ohne Unterlaß über Peking häuft, wie ein Anzeichen von Alter und Tod. Kommt man aus dem Tageslicht, so gedämpft es auch sei, beim Schein einer kleinen flackernden Kerze in die Finsternis, so ist das Auge anfangs blind, und man zaudert im ersten Moment, besonders wenn der Ort an sich selbst uns ergreift. Vor mir führt eine Treppe von einigen Stufen zu einer Art Tabernakel hinauf, reichbeladen mit Gegenständen einer fast unbekannten Kunst.

Und rechts und links stehen, mit komplizierten Schlössern versperrt, düstere Truhen in schwarzem Lack, deren Inhalt ich besichtigen darf. In ihren Abteilungen, ihren doppelten Böden mit Geheimfach sind zu Hunderten die kaiserlichen Siegel dieses Herrschers begraben, schwere Petschafte für alle Umstände seines Lebens und alle Akte seiner Regierung, in großen Stücken von Onyx, Nephrit oder Gold; Reliquien von unschätzbarem Wert, die nach dem Begräbnis nicht mehr angetastet werden durften und die hier seit zwei Jahrhunderten ruhten.

Dann steige ich zum Tabernakel empor, und der Sergeant beleuchtet mit seiner kleinen Kerze die Herrlichkeiten, die sich hier befinden, Zepter aus Nephrit, Vasen von seltsam einfachen, erlesenen Formen oder von verwirrender Vielgestaltigkeit aus dunklem oder fahlem Nephrit, aus Cloisonné auf Gold oder massivem Gold . . . Und hinter diesem Altar verfolgt mich aus einem finsteren Winkel mit schielenden Blicken ein großes Gesicht, das ich noch nicht bemerkt hatte, zwischen zwei Vorhängen aus gelber kaiserlicher Seide, deren sämtliche Falten durch den Staub fast schwarz geworden sind, – ein verblaßtes Bildnis des verstorbenen Kaisers, in ganzer Gestalt und Naturgröße, so verwischt beim Scheine unserer elenden barbarischen Kerze, daß man es für das Bild eines Gespenstes in einem erblindeten Spiegel halten möchte . . . Welche namenlose Entweihung in den Augen dieses Toten ist das Öffnen der Truhen, in denen seine Siegel ruhen, ja schon allein unsere Gegenwart an diesem unbetretbarsten aller Orte, inmitten dieser unzugänglichen Stadt! . . .

Nachdem alles sorgfältig wieder verschlossen, die roten Wachssiegel wieder angebracht sind und das blasse Spiegelbild des alten Kaisers seiner Stille und seiner gewohnten Finsternis zurückgegeben ist, spute ich mich, diese Grabeskälte zu verlassen, freie Luft zu atmen und auf der Terrasse neben den Bronzetieren ein wenig Herbstsonne zwischen den Zedernzweigen durchblinken zu sehen.

Ich frühstücke heute im äußersten Norden des kaiserlichen Haines als Gast französischer Offiziere, die dort im »Seidenraupen-Tempel« wohnen. Da finde ich wieder ein wunderbares altes Heiligtum, zu dem man durch prunkhafte Höfe gelangt, deren marmorne Terrassen mit Bronzevasen geschmückt sind. – Eine Welt von Tempeln und Palästen im Grünen ist diese »Gelbe Stadt«. Bis vor einem Monat konnten die Reisenden, die China zu sehen glaubten, und für die alles das vermauert und verboten blieb, sich tatsächlich keine Vorstellung von dem wunderbaren Peking machen, das der Krieg uns jetzt geöffnet hat.

Als ich gegen zwei Uhr wieder zu meinem Palast der Rotunde zurückkehre, strahlt die Sonne glühend über den schwarzen Zedern und den sich entblätternden Weiden; wie im Sommer sucht man den Schatten. Und neben meiner Tür, am Anfang der Marmorbrücke, schwimmen meine düsteren Nachbarn, die beiden blau gekleideten Leichen, zwischen den Lotosblumen in spöttischer Lichtfülle.

Nachdem die Wachen hinter mir die niedrige Ausfallspforte geschlossen haben, durch die man zu meinen hängenden Gärten gelangt, bin ich wieder allein in der Stille – bis zu der Stunde, wo die Sonnenstrahlen schräger und röter auf meinen Schreibtisch fallen und den traurigen Abend verkünden.

Kaum habe ich mich zur Arbeit hingesetzt, so fühle ich den leichten freundschaftlichen Stoß eines Kopfes gegen mein Bein, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, und ich weiß, daß meine Katze da ist. – Übrigens hatte ich diesen Besuch vorhergesehen und werde ihn nun jeden Tag erwarten können.

So vergeht eine Stunde in idealer Ruhe, höchstens von ein paar Rabenschreien unterbrochen. Da höre ich am Fuß meines Walles den Galopp von Kavallerie, die lärmend über die Steinfliesen der Straße daherkommt: Es ist der Feldmarschall Graf Waldersee, gefolgt von einer Eskorte von Reitern mit Fähnchen an ihren Lanzen. Er kehrt nach Hause zurück, in den von ihm bewohnten Palast, der nicht weit von hier liegt und die prachtvollste aller Residenzen der Kaiserin ist. Mein Blick folgt dieser Reiterschar über die Marmorbrücke. Sie entfernt sich, biegt links ein und verliert sich hinter den Bäumen. Und alsbald kehrt die Stille zurück, die tiefe Stille von vorhin.

Von Zeit zu Zeit mache ich einen Gang über meine hohen gepflasterten Terassen und entdecke dort stets etwas Neues. Am Fuße einer Zeder liegen gewaltige Tam-Tams, die den Zweck hatten, die Geister zu rufen; ich finde Beete von gelben Chrysanthemen und gelben indischen Nelken, in denen der Frost noch einige Blüten verschont hat. Auch eine Art Thronhimmel ist da aus Fayence und Marmor, der einen auf den ersten Anblick unerkennbaren Gegenstand beschirmt, einen der größten Nephritblöcke, die es in der Welt gibt, in der Form einer Meereswoge geschnitten, in deren Schaum Ungeheuer kämpfen.

Ich statte auch den verlassenen Gartenhäusern meinen Besuch ab. Sie sind noch mit Thronen aus Ebenholz, mit Divans und gelbseidenen Kissen ausgestattet, wie heimliche Liebesnester. – Gewiß ist die schöne, alternde, aber noch galante Kaiserin hierhergekommen, um sich mit ihren Lieblingen auf kaiserlicher Seide in der schützenden Dämmerung zu ergötzen.

Heute ist in diesem Traumpalast meine einzige Gefährtin die große Göttin aus Alabaster mit dem goldenen Kleide, die immer auf ihre zerbrochenen Vasen und ihre verwelkten Blumen herablächelt; ihr Tempel aber, in den niemals ein Sonnenstrahl dringt, ist ewig eiskalt und vorzeitig dunkel.

Nun aber ist es wirklich Abend; die Kälte überfällt mich selbst in meinem mit Glasscheiben verschlossenen Kiosk. Die Sonne, die jetzt über Frankreich im Zenithe steht; geht hier unter wie eine traurige rote Kugel, die weder Licht noch Wärme spendet. Bald wird sie hinter dem Lotossee in winterlichem Nebel versinken.

In wenigen Minuten steigt die Nachtkälte; ich habe das Gefühl, als träte ich plötzlich in einen Eiskeller – und zugleich überkommt mich wieder die leichte flüchtige Angst, so weit von allen Menschen zu sein, mitten unter all den sich verfinsternden Seltsamkeiten. Und wie Freunde begrüße ich meine beiden Diener, die mich in den Nordpalast abholen kommen und meinen Mantel mitbringen.

 
Mittwoch, 24. Oktober

Dieselbe strahlende Sonne wie gestern erhebt sich über unseren verglasten Galerien, unseren Gärten und den weißbereiften Bäumen, die sich immer mehr entblättern. Jeden Tag führen unsere Soldaten mit gleichem Eifer die gedungenen Chinesen herbei, um das gotische Kirchenschiff auszuräumen; sorgfältig sondern sie die einigermaßen ganz gebliebenen Kostbarkeiten von allem ab, was unwiederbringlich zerstört ist. Und unausgesetzt geht durch unsere Höfe das Hin und Her der auf Tragbahren fortgeschafften Möbel und kostbaren Bronzen. Alles, was aus der Kirche oder dem Pfarrhause kommt, wird sofort inventarisiert und in die für unsere Truppen jetzt nicht verwendbaren Räumlichkeiten gebracht; von da sollen sie später in den Palast der Ahnen überführt und dort unter Siegel gelegt werden.

Und wir haben von diesen prachtvollen Dingen so viel gesehen, daß wir ihrer schon satt und überdrüssig sind. Auch die erstaunlichsten Funde in den Tiefen der ältesten Kisten setzen uns nicht mehr in Erstaunen; nichts gefällt uns mehr zur Ausschmückung unserer – ah! so vergänglichen – Wohnräume; nichts ist mehr schön genug für unsere heliogabalischen Launen, die kein Morgen haben werden, denn in wenigen Tagen muß das Inventar fertig sein, und unsere bescheiden gewordenen Galerien werden in Offizierszimmer und Büros abgeteilt werden.

Was Entdeckungen anbelangt, so stießen wir heute morgen auf einen Haufen von Leichen, die letzten Verteidiger der »Kaiserlichen Stadt«, die hier in der Tiefe ihres letzten Schützengrabens gefallen sind und in den Stellungen des Todeskampfes in einem Haufen durcheinander liegen. Raben und Hunde sind in den Graben gekrochen, haben ihre Brusthöhlen geleert und die Eingeweide und Augen gefressen; in einem Durcheinander fast fleischloser Glieder sieht man blutrote Wirbelsäulen durch die Kleiderfetzen hindurchschimmern. Fast alle haben noch die Schuhe an den Füßen, keiner aber mehr die Haare, denn mit den Hunden und Raben sind augenscheinlich auch Chinesen in das tiefe Loch hinabgestiegen und haben die Toten skalpiert, um falsche Zöpfe zu machen. Denn da falsche Haare bei den Männern in Peking gebräuchlich sind, wurden allen in unserer Umgebung umherliegenden Leichen die Zöpfe mit der Haut abgeschnitten, so daß man nur noch die weißen Schädel sieht.

 

Heute verlasse ich frühzeitig und für den ganzen Tag unseren »Nordpalast«, denn ich muß in das europäische Viertel zu unserem Gesandten. Er liegt noch immer in der spanischen Gesandtschaft, wo er Aufnahme gefunden hat, krank zu Bette, doch geht es ihm schon besser, und ich werde ihm endlich die Mitteilungen machen können, mit denen der Admiral mich betraut hat.

Vier Tage ist es schon her, daß ich die roten Mauern der »Kaiserlichen Stadt« nicht durchschritten noch unsere stolze Einsamkeit verlassen habe. Als ich mich wieder mitten zwischen den häßlichen kleinen grauen Ruinen in den öden Straßen der »Tartarenstadt« wiederfinde, in diesem Allerweltspeking, das alle Reisenden kennen, würdige ich erst recht die in ihrer Art einzige Seltsamkeit unseres großen Haines und Sees und unserer unzugänglichen Herrlichkeiten.

Diese Stadt des Volkes scheint indes heute schon weniger düster als am Tage meiner Ankunft bei Wind und Schnee. Wie man mir vorausgesagt hatte, kehren die Leute schon zurück, und Peking bevölkert sich wieder; selbst in den zerstörtesten Teilen werden Läden geöffnet, Häuser wieder aufgebaut, und schon fangen die kleinen Handwerker mit ihrer bescheidenen drolligen Arbeit längs der Straßen, auf Tischen, unter Zelten und Regenschirmen wieder an – beschienen von der warmen Sonne des chinesischen Herbstes, der Freundin der unzähligen armen Teufel, die kein Feuer haben.

 

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