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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
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In der Französischen Gesandtschaft

So stehen wir denn vor diesem doppelten und dreifachen Tor mit seinen Tunnelöffnungen, mit Krümmungen in der Tiefe des mächtigen Mauerwerks; jeden Eingang überragt ein Wartturm mit Schießscharten, fünf Stockwerke hoch, mit seltsam gebogenen Dächern, Türme, die aller Maße spotten und sich riesenhaft und schwarz über die schwarze Ringmauer erheben.

Die Hufe unserer Pferde versinken immer tiefer und verschwinden in dem kohlenfarbigen Staub, der hier überall herrscht und blendet, in der Luft wie am Boden, trotz des schwachen Regens und der Schneeflocken, die unsere Gesichter immerfort peitschen.

Lautlos, als ritten wir über Watte oder Filz, ziehen wir durch die ungeheuren Gewölbe und betreten das Land des Schuttes und der Asche . . .

Ein paar elende Bettler hocken schlotternd in den Ecken, mit blauen Lumpen bedeckt; ein paar leichenfressende Hunde, wie die, deren Bekanntschaft wir schon unterwegs machten – das ist alles. Stille und Einsamkeit innerhalb dieser Mauern wie draußen. Nichts als Einsturz, Trümmer über Trümmer.

Ein Land des Schuttes und der Asche; vor allem ein Land der kleinen grauen Ziegel, der kleinen gleichgeformten Ziegel, die in ungezählten Myriaden auf der Stätte der zerstörten Häuser oder auf dem Pflaster liegen, das einst die Straßen bildete.

Die kleinen grauen Ziegel sind der einzige Baustoff, aus dem Peking errichtet ist, – eine Stadt niedriger Häuschen, mit Spitzenzieraten aus vergoldetem Holz, eine Stadt, von der nach der Zerstörung aller dieser zarten Altertümer durch Feuer und Geschosse nichts als armselige Bruchstücke übriggeblieben sind.

Übrigens haben wir die Stadt an einer jener Ecken betreten, wo am längsten und heftigsten gekämpft worden ist: dem Tartarenviertel, das die europäischen Gesandtschaften enthielt.

In diesem unendlichen Gewirr kleiner Ruinen zeichnen sich noch lange gerade Straßen ab, und vor uns ist alles grau oder schwarz; zu dem Dunkelgrau der eingestürzten Ziegelmauern gesellen sich die eintönigen Farben niedergebrannter Ortschaften, der traurige Anblick von Asche und Verkohlung.

Zuweilen bilden diese ermüdenden kleinen Ziegel Hindernisse quer über den Weg; es sind die Reste der Barrikaden, um die so lang gekämpft worden ist.

Nach ein paar hundert Metern erreichen wir die Straße der Gesandtschaften, auf die jetzt monatelang die ängstliche Aufmerksamkeit der ganzen Welt gelenkt war.

Hier ist selbstverständlich alles ein Trümmerhaufen, aber europäische Fahnen flattern auf den kleinsten Mauerstücken, und beim Verlassen der einsamen Gäßchen finden wir hier plötzlich ein Treiben wie in Tientsin, ein fortwährendes Hin und Her von Offizieren und Soldaten, ein erstaunliches Gemisch von Uniformen.

Vom winterlichen Himmel hebt sich eine große französische Flagge ab; sie bezeichnet den Eingang zu dem, was früher unsere Gesandtschaft war. Zwei Ungeheuer aus weißem Marmor kauern an der Schwelle, so wie es der Brauch vor allen Palästen Chinas verlangt, und französische Soldaten bewachen das Tor, das ich im Gedanken an den Heldenmut, mit dem es verteidigt ward, andächtig durchreite.

Endlich steigen wir zwischen Trümmerhaufen auf einem kleinen Platze ab, wo die Windstöße sich fangen, neben einer Kapelle und dem Eingang zu einem Garten, dessen Bäume sich unter dem eiskalten Wind entlauben. Die Mauern ringsum sind derart von Kugeln durchlöchert, als wäre es ein Spiel, eine Wette gewesen: sie sehen aus wie Siebe. Dort jener Schutthaufen zur Rechten ist die eigentliche Gesandtschaft, die durch eine chinesische Mine in die Luft gesprengt wurde. Und links steht das Haus des Kanzlers, wohin sich während der Belagerung die tapferen Verteidiger geflüchtet hatten, weil es weniger gefährdet schien. In diesem Hause wurde ich freundlich aufgenommen; es ist nicht zerstört, aber drinnen ist selbstverständlich alles drunter und drüber, wie am Tage nach einer Schlacht, und in dem Zimmer, wo ich schlafen soll, sind die Handwerker noch beschäftigt, die Wände wiederherzustellen; sie werden erst heute abend fertig sein.

Jetzt werde ich zu pietätvoller Begrüßung in den Garten geführt, in dem unsere Matrosen, die hier auf dem Felde der Ehre gefallen sind, im Kugelregen hastig begraben wurden. Kein Grün hier, keine blühende Pflanze; ein von den Kämpfenden zerstampfter grauer Boden, von Dürre und Frost gesprungen; entlaubte Bäume, deren Zweige von den Geschossen weggerissen sind; und über alledem ein tiefer düsterer Himmel mit schneidendem Schneegestöber.

Man muß gleich beim Betreten des Gartens das Haupt entblößen, denn man weiß nicht, über wen man schreitet; die Gräber konnten bisher noch nicht bezeichnet werden (was ohne Zweifel bald geschehen wird), und wenn man im Garten umhergeht, ist man nicht sicher, ob man nicht über einen jener Toten tritt, die so viele Kränze verdienten.

In diesem Kanzlerhause, das durch ein Wunder fast verschont blieb, wohnten die Belagerten alle durcheinander unter der fortwährenden Drohung des Todes und schliefen auf der Erde, von Tag zu Tag durch die Kugeln vermindert.

Am Anfang – aber ach, ihre Zahl schmolz schnell! – waren es etwa sechzig französische und gegen zwanzig österreichische Matrosen, die hier Schulter an Schulter in gleich großartiger Haltung dem Tode entgegensahen. Ihnen hatten sich einige französische Freiwillige zugesellt, die in ihren Reihen auf den Barrikaden oder von den Dächern feuerten, und zwei Fremde, Herr und Frau von Rosthorn von der österreichischen Gesandtschaft. Die Verteidigung leiteten unsrerseits der Leutnant zur See Darcy und der Kadett Herber, der, von einer Kugel mitten in die Stirne getroffen, jetzt in der Erde des Gartens ruht.

Das Entsetzliche bei dieser Belagerung war, daß man bei den Feinden auf kein Mitleid rechnen konnte; mußte man sich ergeben, weil die Kräfte und die Lebensmittel zu Ende waren, so bedeutete das den Tod, den Tod unter raffinierten Martern, mit denen die Chinesen die Qualen zu verlängern suchten.

Überdies fehlte jede Hoffnung, durch einen letzten Ausfall zu entkommen: man war mitten im dichtesten Gewühl einer Stadt, eingeschlossen in ein Gewirr kleiner, verdächtiger Bauten, die einen Ameisenhaufen von Feinden bargen, und um das Gefühl der Einkerkerung noch zu verstärken, wußte man um sich den Ring der ungeheuren schwarzen Mauer von Peking.

Es war gerade zur glühendsten Zeit des chinesischen Sommers; meist mußte man halb verdurstend kämpfen, geblendet von Staub, unter einer Sonne, die ebenso verderblich war wie die Kugeln, und in unausgesetztem eklen Leichengeruch.

Eine Frau aber war unter den Verteidigern, eine Österreicherin, reizend und jung, der man eines unserer schönsten französischen Kreuze verleihen sollte. Ganz allein unter diesen Männern, in höchster Not bewahrte sie ihre unverwüstliche ungetrübte Heiterkeit; sie pflegte die Verwundeten, bereitete mit eigenen Händen die Mahlzeit für die kranken Matrosen – und dann wiederum karrte sie Ziegel und Sand für die Barrikaden oder stieg auf die Dächer, um auszulugen.

 

Von Tag zu Tag schloß sich der Kreis enger um die Belagerten, je mehr ihre Reihen sich lichteten und die Erde des Gartens sich mit Toten füllte; Schritt um Schritt verloren sie an Boden, aber sie machten dem Feind, dessen Zahl Legion war, das geringste Mauerstückchen, den geringsten Ziegelhaufen streitig.

Sieht man ihre kleinen, unscheinbaren, hastig bei Nacht errichteten Barrikaden, die fünf bis sechs Matrosen zu verteidigen vermochten (fünf bis sechs war zuletzt das meiste, was man aufbringen konnte), so gewinnt es wirklich den Anschein, als hätten übernatürliche Kräfte mitgewirkt. Gehe ich mit einem der Verteidiger unter dem düsteren Himmel in diesem Garten umher, und sagt er zu mir: »Hier hinter dieser kleinen Mauer haben wir sie soundso viele Tage aufgehalten . . . Dort, bei der kleinen Barrikade haben wir eine Woche lang Widerstand geleistet«, so erscheint das wie ein wunderbares Märchen von Heldenmut.

Ach, ihre letzte Schanze! Ein Graben dicht neben dem Hause, im Finstern tappend während einer einzigen Nacht fieberhaft gegraben, und auf der Böschung einige armselige Erd- und Sandsäcke: das war alles, was sie den grausamen Peinigern entgegenzusetzen hatten, die auf kaum sechs Meter Entfernung über ein Mauerstück hin ihnen grinsend den Tod drohten.

Dann kommt der »Friedhof«, das heißt ein Gartenwinkel, in dem sie ihre Toten bestattet haben – noch vor den schlimmsten Tagen, wo man sie hier und dort einscharren und dabei jede Spur verwischen mußte, damit sie nicht der Schändung verfielen, die hier gräßliche Gewohnheit ist. Ein elender, kleiner Friedhof, dessen Erde in den Nahkämpfen zerstampft wurde, dessen Sträucher von dem Kugelhagel zerfetzt sind. Mitten im Feuer der Chinesen mußte man die Toten begraben, und ein alter weißbärtiger Priester, der inzwischen zum Märtyrer geworden ist und dessen Haupt durch die Gossen geschleift wurde, sprach ruhig seine Gebete vor den Gräbern, unbesorgt um alles, was in der Luft um ihn herum pfiff, alles, was die Äste peitschte und knickte.

An den letzten Tagen hatten sie nach und nach so viel Gelände verloren, daß ihr Friedhof die umstrittene Zone bildete, und sie zitterten für ihre Toten. Der Feind war bis zum Rande vorgedrungen, man kämpfte Aug' in Auge und schoß aus nächster Nähe, über dem Schlaf dieser so hastig in die Erde gebetteten Tapferen hinweg. Hätten die Chinesen diesen Friedhof überschritten und diese letzte kleine Schanze erklommen, die nur aus Sandsäcken und in Gardinen eingenähtem Kies bestand, dann bedeutete das für alle Überlebenden die schrecklichsten Martern unter Musik und Hohngelächter, das gräßliche Zerstückeln, zuerst das Ausreißen der Nägel, das Zwicken der Füße mit glühenden Zangen, das Aufschlitzen des Leibes und endlich das Herumtragen des aufgespießten Kopfes in den Straßen.

Von allen Seiten und mit allen Mitteln wurden sie angegriffen, oft in den unerwartetsten Nachtstunden und fast stets mit Geschrei, unter plötzlichem Getöse von Trompeten und Tamtams, Tausende von Menschen umringten sie und heulten Tod – und das Heulen der Chinesen muß man gehört haben, um sich diese Stimmen vorstellen zu können, deren Klang allein zu Eis erstarren macht. Oder ein Aufgebot von Gongs an den Mauern dröhnte wie bei einem schweren Gewitter.

Manchmal tauchte durch ein in ein Nebenhaus heimlich geschlagenes Loch ein geräuschloses Etwas auf und kam langgestreckt wie eine Gestalt aus einem Alptraum heran, mit einer Stange von zwanzig bis dreißig Fuß Länge, an deren Spitze in Petroleum getauchtes Werg brannte. Und das legte sich an das Gebälk ihrer Dächer, um sie tückisch in Brand zu stecken. Auf diese Art wurden übrigens die Stallungen der Gesandtschaft eines Nachts eingeäschert.

Auch von unten her wurden sie angegriffen; sie hörten dumpfe Schläge unter der Erde und begriffen, daß man sie unterminierte und daß die Peiniger aus dem Boden hervorsteigen oder gar sie in die Luft sprengen würden. Und um jeden Preis mußten sie ebenfalls graben und Gegenminen vortreiben, um dieser unterirdischen Gefahr zu begegnen.

Eines Tages jedoch, gegen Mittag, ertönten zwei furchtbare Detonationen, und unter einem Wirbel von Mörtel und Staub flog die französische Gesandtschaft in die Luft und begrub unter ihren Trümmern den die Verteidigung leitenden Marineoffizier und eine Anzahl seiner Matrosen. – Doch das war noch nicht das Ende; sie entkamen dem Schutt und den Steinen, die sie bis zu den Schultern bedeckten, sie entkamen mit Ausnahme von zweien, zwei tapferen Matrosen, die man nie wieder sah, und der Kampf wurde fortgesetzt, fast ohne jegliche Hoffnung, unter immer schrecklicheren Umständen.

 

Trotzdem blieb sie da, die liebenswürdige Fremde, die so leicht anderswo hätte Schutz suchen können, z. B. in der englischen Gesandtschaft, wohin sich die meisten Diplomaten mit ihren Familien geflüchtet hatten: bis dorthin langten die Kugeln nicht, man befand sich im Mittelpunkt des Viertels, das durch einige Handvoll Tapferer verteidigt wurde, und fühlte sich sicher, wenigstens so lange die Barrikaden noch hielten. Aber nein, sie blieb und hielt an diesem Brennpunkt der französischen Gesandtschaft bewunderungswürdig aus – diesem Punkte, der eigentlich den Schlüssel, den Eckstein des ganzen europäischen Viertels bildete, und dessen Verlust den allgemeinen Zusammenbruch herbeigeführt hätte.

Einmal sahen sie durch ihre Feldstecher, wie ein Erlaß der Kaiserin in großen Lettern auf rotem Papier angeschlagen wurde, der den Befehl zur Einstellung des Feuers gegen die Fremden enthielt. (Was sie nicht sahen, war, daß der Pöbel die mit dem Anschlagen betrauten Leute in Stücke riß.) Immerhin folgte eine Art Kampfpause und Waffenruhe, denn die Angriffe verloren an Heftigkeit.

Überall erblickten sie Feuersbrünste, hörten das Gewehrfeuer der gegeneinander kämpfenden Chinesen, Kanonendonner und langanhaltendes Geschrei. Ganze Stadtviertel brannten. Mord und Tod herrschte rings umher in der abgeschlossenen Stadt; wütender Haß gährte darin wie in einem Teufelspfuhl, und der Leichengeruch wurde zum Ersticken.

Zuweilen kamen Spione, um ihnen Nachrichten zu verkaufen, die übrigens stets falsch und widersprechend waren, Nachrichten über die von Stunde zu Stunde mit wachsender Angst erwartete Entsatzarmee. Man sagte ihnen: »Sie ist da, sie ist dort, sie kommt heran.« Oder auch: »Sie ist geschlagen worden und geht zurück.« Aber nie wollte sie erscheinen!

Was tat denn Europa? Hatte man sie aufgegeben? Beinahe ohne jede Hoffnung setzten sie den Widerstand fort, so gering auch ihre Zahl und so eng der Raum geworden war! Von Tag zu Tag fühlten sie sich den chinesischen Martern und dem grausigen Tode näher.

Es begann am Nötigsten zu fehlen. Überall mußte gespart werden, zunächst mit den Patronen. Übrigens verwilderte man selbst, und wurden brandstiftende Boxer gefangen, so zerschmetterte man ihnen den Schädel mit einem Revolverschuß aus nächster Nähe, anstatt sie zu erschießen.

Eines Tages endlich vernahm ihr Ohr, das unausgesetzt den draußen wütenden Kämpfen lauschte, anhaltenden Kanonendonner, dumpf und tief, jenseits der großen schwarzen Wälle, deren alles überragende Zinnen, die sie in der Ferne erblickten, sie wie in einen höllischen Kreis einschlossen: man beschoß Peking! . . . Das konnten nur die zu Hilfe herbeigeeilten europäischen Heere sein!

Eine letzte Angst aber trübte ihre Freude. Würde nicht ein verzweifelter letzter Sturm versucht werden, um sie noch vor dem Einzug der alliierten Truppen zu vernichten?

In der Tat wurden sie wütend angegriffen, und dieser letzte Tag, dieser Vortag der Befreiung, kostete noch einem unserer Offiziere das Leben, dem Kapitän Labrousse, der in dem ruhmvollen kleinen Friedhof der Gesandtschaft neben dem Befehlshaber unser österreichischen Freunde die letzte Ruhe finden sollte. Aber sie widerstanden . . . Und plötzlich war niemand mehr um sie her, kein Chinesenkopf mehr auf den feindlichen Barrikaden, Leere und Stille in den verwüsteten Zugängen: die Boxer waren auf der Flucht, und die Verbündeten zogen in die Stadt ein! . . .

Dieser erste Abend meiner Ankunft in Peking ist traurig wie alle Abende auf dieser Reise, aber von noch öderer Trübsal und noch verdrießlicher. Die Maurer haben soeben die Wände meines Zimmers fertig gemacht. Der frische Bewurf verbreitet triefende Feuchtigkeit, man friert bis auf die Knochen, und da gar keine Einrichtung da ist, breitet mein Bursche die schmale Matratze der Dschunke auf dem Boden aus und schickt sich dann an, mir einen Tisch aus alten Kisten zu zimmern. Meine Wirte sind auch so freundlich, in aller Eile einen Kohlenofen aufzustellen und zu heizen – was bei mir vollends einen Traum europäischen Elends in irgendeinem Vorstadtloch wachruft . . . Wie kann man hier glauben, in China zu sein, in Peking, ganz nahe den geheimnisvollen Mauern, den Palästen voller Wunder? . . .

Von dem französischen Gesandten, den ich aufsuchen soll, um ihm die Mitteilungen des Admirals zu überbringen, erfahre ich, daß er keine Wohnstätte mehr besitzt und die Gastfreundschaft des spanischen Gesandten in Anspruch genommen hat, weiter, daß er an Typhus erkrankt ist, der infolge des überall vergifteten Wassers wütet, und daß ihn im Augenblick niemand sprechen kann. Mein Aufenthalt in diesem feuchten Lager droht sich also mehr in die Länge zu ziehen, als ich dachte, und schwermütig sehe ich durch die dunstgetrübten Fenster Dämmerung und Schnee auf einen Hof herabsinken, in dem zertrümmertes Hausgerät umherliegt . . .

Wer hätte mir gesagt, daß ich infolge eines unverhofften Glückwechsels morgen auf der vergoldeten Matratze eines großen kaiserlichen Bettes schlafen werde, mitten in der »Gelben Stadt«, in einem seltsamen Zaubermärchen? . . .

 
Freitag, 19. Oktober

Ich erwache, von feuchter Kälte schlotternd, auf dem Fußboden meines ärmlichen Zimmers, wo das Wasser von den Wänden trieft und der Ofen raucht. Zunächst gehe ich aus, um einen Auftrag des Admirals an den Oberbefehlshaber unserer Landtruppen, General Voyron, zu überbringen, der in einem Häuschen in der Nachbarschaft wohnt.

Bei der Verteilung der geheimnisvollen »Gelben Stadt« unter die Führer der verbündeten Truppen fiel unserem General ein Palast der Kaiserin zu. Er wird sich für den Winter darin einrichten, nicht weit von dem Palast, den einer unserer Verbündeten, der Feldmarschall Graf Waldersee, bewohnen soll; dort nimmt er mich gastlich auf. Er selbst kehrt heute wieder nach Tientsin zurück. So werde ich denn während der einen bis zwei Wochen seiner Abwesenheit dort allein mit seinem Adjutanten hausen –, einem alten Kameraden von mir, der den Auftrag hat, diese Residenz aus einem Zaubermärchen für die Bedürfnisse des militärischen Dienstes einzurichten.

Welcher Wechsel für mich nach meinen feuchten Mauern und meinem Kohlenofen!

Immerhin kann mein Einzug in die »Gelbe Stadt« erst morgen früh erfolgen, denn mein Freund, der Adjutant, drückt mir den liebenswürdigen Wunsch aus, vor mir in den etwas verwüsteten Palast überzusiedeln, um mir dort Quartier zu machen.

Da ich heute dienstlich nichts weiter zu tun habe, nehme ich das Anerbieten eines Mitgliedes der französischen Gesandtschaft an, den Tempel des Himmels mit ihm zu besichtigen. Übrigens hat der Schnee aufgehört; der unausgesetzte scharfe Nordwind hat die Wolken verjagt, und die Sonne strahlt an einem sehr blaßblauen Himmel.

Nach dem Plane von Peking sind es fünf bis sechs Kilometer bis zu diesem Tempel des Himmels, dem größten von allen. Er steht, wie es scheint, inmitten eines Parkes uralter Bäume, den doppelte Mauern umgeben. Vor diesen UnheilstagenSelbst der Park war den »Barbaren des Abendlandes« untersagt, seitdem ein europäischer Reisender, ein Mann mit vollendeten Umgangsformen, sich in den Tempel eingeschlichen hatte, um den Altar zu besudeln. war der Ort vollkommen unzugänglich. Die Kaiser allein kamen einmal des Jahres hin, um sich für eine Woche darin einzuschließen und feierliche Opfer darzubringen, die lange Reinigungen und vorbereitende Bräuche erforderten.

Um dorthin zu gelangen, muß man zunächst aus all diesen Ruinen und Trümmern heraus, auch aus der »Tartarenstadt«, in der wir uns befinden, muß ihre schrecklichen Mauern, ihre riesigen Tore durchschreiten, um die »Chinesische Stadt« zu betreten.

Diese beiden ummauerten Städte sind zwei ungeheure, nebeneinanderliegende Vierecke, die zusammen Peking bilden. Die eine, die Tartarenstadt, birgt in ihrer Mitte, innerhalb eines eigenen Festungsgürtels, jene »Gelbe Stadt«, wo ich morgen wohnen werde.

Nach Verlassen der trennenden Mauerwälle erscheint die »Chinesische Stadt« in der Umrahmung eines riesigen Tores. Überrascht erblickt man eine große Verkehrsader mitten durch Peking, in der noch Leben und Glanz herrscht wie in vergangenen Tagen, – jenes Peking, das uns bisher als eine Totenstadt erschien. Unversehens umgeben uns Vergoldungen, Farben, tausend mannigfache, in den Himmel ragende Ungeheuer, und plötzlich schlägt uns Lärm, Musik und Stimmengewirr entgegen. – Aber wie sind doch dies Leben und Treiben, dieser ganze chinesische Prunk für uns unausdenkbare, unerratbare Dinge! . . . Zwischen dieser Welt und der unseren – welche abgrundtiefe Verschiedenheit! . . .

Die große Verkehrsader zieht sich breit und gerade vor uns hin, ein Fahrdamm von drei bis vier Kilometern Länge, der zu einem anderen monumentalen Tore führt, das ganz in der Ferne erscheint, überragt von seinem Wartturm mit geschweiftem Dache, einer Lücke in der schwarzen Mauer, die uns von der Einöde draußen trennt. Die einstöckigen Häuser, die sich in langen Reihen zu beiden Seiten hinziehen, sind wie aus goldenen Spitzen geformt; von oben bis unten glitzern die durchbrochenen Holzschnitzereien ihrer Fronten; sie tragen Bekrönungen aus feinem Schnitzwerk, die über und über von Gold leuchten, und wie bei unseren Dachtraufen springen Reihen vergoldeter Drachen vor. Über diese zierlichen Häuschen ragen schwarze, mit goldenen Buchstaben bedeckte Steinsäulen und lange, schwarz und golden lackierte Stangen hinaus, die hoch in der Luft Sinnbilder von wilder Fremdartigkeit tragen, mit Hörnern, Krallen und fratzenhaften Gesichtern.

Bis in die tiefste Ferne sieht man durch eine Staubwolke im Flimmern der Sonne die Vergoldungen blinken, die Drachen und Fabelwesen grinsen. Und höher als dies alles, die Straße überspannend, ragen erstaunlich leichte, fast ätherische Triumphbögen aus geschnitztem Holz in den Himmel, wie von Schiffsmasten getragen. Auch sie wiederholen auf dem blassen Blau der leeren Luft die beunruhigende Fremdartigkeit der feindseligen Formen, die drohenden Hörner, die Krallen und Umrisse phantastischer Tiere.

Der Staub, der ewige, alles beherrschende Staub, umwölkt die Gegenstände, die Menschen, die Menge, aus der Flüche, Gongs und Glöckchen ertönen, und läßt sie zu einem einzigen, verblaßten und verwischten Bilde verschwimmen.

Auf dem breiten Straßendamm, auf dem man wie in Asche versinkt, herrscht ein stäubendes Gewirr von Reitern und Karawanen. Die unförmigen rotwolligen mongolischen Kamele, in endlosen Reihen aneinandergeseilt, ziehen langsam und feierlich in ununterbrochenem Strome vorüber und wirbeln mit ihrem Gange die Staubschicht auf, in der diese ganze Stadt erstickt. – Sie ziehen wer weiß wohin, tief hinein in die tibetanischen oder mongolischen Wüsten, in die sie mit demselben unermüdlichen und gedankenlosen Schritt Tausende von Warenballen bringen und damit die Aufgabe der Kanäle und Flüsse übernehmen, die anderswo auf unendliche Entfernungen hin Kähne und Dschunken tragen. – So schwer ist der von ihnen aufgewirbelte Staub, daß er sich kaum vom Boden erhebt. Die Beine der unzähligen daherziehenden Kamele, die Sockel der Häuser, die Gewänder der Vorübergehenden, alles ist ohne Umriß, ebenso unbestimmt und verschwommen wie im dicken Rauch einer Schmiede oder in den Flocken dunkler Watte; aber die Rücken der großen Tiere und ihre haarigen Köpfe ragen aus dieser wolkigen Bodenschicht hervor und heben sich fast deutlich ab. Auch das am Fuße der Hausfronten verblichene Gold beginnt in der Höhe der phantastischen Gesimse zu funkeln.

Diese Stadt ist gleichsam ein Trugbild ohne wirkliche Grundlage, das auf einer Wolke ruht –, einer schweren Wolke, in der sich eine Art harmloser Riesenschafe mit ihren roten, dickwolligen Hälsen bewegt.

Über diesem unglaublichen Staub strahlt ein weißes hartes Licht, das kalte durchdringende Licht Chinas, das die Einzelheiten mit schneidender Schärfe hervorhebt. Alles, was sich vom Boden und der Menge erhebt, wird immer deutlicher, um schließlich hoch in der Luft völlige Klarheit zu erlangen. Man erkennt die winzigsten Ungeheuer am First der Triumphbögen, die so hoch auf ihren dünnen Beinen ragen, als gingen sie auf Krücken oder Stelzen, während die sich nach unten im Menschengewimmel und in den Staubwolken verlieren, auflösen und verschwimmen. Man unterscheidet die kleinste Ziselierung auf der Höhe der Steinsäulen und der schwarzgoldenen Stangen, die mit ihren Spitzen in den Himmel stechen; ja man könnte all die Zähne, die gespaltenen Zungen, die schielenden Augen dieser hunderte von goldenen Fabeltieren zählen, die an den Dachkronen vorspringen.

Peking ist die Stadt des Schnitzwerks und der Vergoldungen, eine Stadt, wo alles Krallen und Hörner trägt. An Tagen der Trockenheit, des Windes und der Sonne bringt Peking noch immer eine Täuschung hervor und glänzt wieder auf in dieser ewigen Wolke seiner Steppen und Trümmer, unter dem Schleier, der den Verfall seiner Straßen und das Elend seiner Volksmassen verdeckt.

Hinter dem Golde aber, das immer noch glänzt, ist alles alt und verfallen. Überdies ist während der Belagerung der Gesandtschaften in diesem Viertel beständig gekämpft worden. Die Boxer haben die Wohnungen aller zerstört, die der Sympathie für die »Barbaren« verdächtig schienen, und überall sieht man Schutt und Ruinen.

Die große Straße, der wir seit einer halben Stunde folgen, endet jetzt in einer noch prachtvollen Bogenbrücke aus weißem Marmor, die sich über einen übelriechenden Kanal wölbt, wo menschliche Leichen zwischen Unrat verwesen. Hier gehen auch die Häuser zu Ende; das jenseitige Ufer ist nichts als trostlose Steppe.

Es war die »Brücke der Bettler« – gefährlicher Gäste, die vor der Einnahme von Peking in doppelter drohender Reihe zu beiden Seiten des mit Fratzen verzierten Geländers standen und die Vorübergehenden ausraubten; sie bildeten eine verwegene Bande mit einem König an der Spitze, die bisweilen mit bewaffneter Hand auf Plünderung ausging. Jetzt aber ist ihr Platz leer; nach so vielen Kämpfen und Metzeleien ist das Gesindel ausgewandert.

Gleich hinter der Brücke beginnt eine graue Ebene von ungefähr zwei Kilometern, die sich leer und öde bis zu dem großen Wall hinzieht, an dem Peking endet. Die Straße mit ihrer Flut ruhiger Karawanen, die diese Einöde durchziehen, setzt sich in gerader Linie bis zum Außentor fort, das unter seinem großen schwarzen Wartturm immer fast in gleicher Entfernung zu bleiben scheint. Wozu diese in die Stadt eingeschlossene Wüste? Sie zeigt keine Spuren einstiger Bebauung; sie muß stets so gewesen sein. Und man sieht auch keine menschliche Seele hier; nur umherirrende Hunde, ein paar Lumpen und Knochen, das ist alles.

Fern am Ende dieser Steppe, rechts und links, scheinen dunkelrote Mauern, die sich an die Wälle von Peking lehnen, große Zedernwälder einzuschließen. Das Gehege zur Rechten enthält den Tempel des Ackerbaues, das zur Linken den Tempel des Himmels, den wir aufsuchen wollen. So lassen wir denn das Gedränge und den Staub hinter uns und betreten das Grau dieser öden Fläche.

Das Gehege des Tempels des Himmels hat über sechs Kilometer im Umkreis. Es ist eine der umfangreichsten Anlagen dieser Stadt, wo alles mit jener Großartigkeit der alten Zeiten geschaffen ist, die uns heute erdrückt. Das Tor, dessen Schwelle einst kein Fuß überschreiten durfte, steht offen, und wir treten in einen Hain uralter Bäume, Zedern, Thujas und Weiden, unter denen lange schattige Wege sich hinziehen. Aber diese ganz der Ehrfurcht und der Stille geweihte Stätte ist heute durch die Kavallerie der »Barbaren« entweiht. Hier lagern ein paar tausend Inder, die England gegen China aufgeboten hat, und ihre Pferde zerstampfen alles; Rasenplätze und Moos füllen sich mit Dünger und Mist. Von einer Terrasse aus weißem Marmor, wo sonst den Göttern Weihrauch dargebracht ward, wirbeln die Wolken eines verpesteten Rauches empor, denn die Engländer haben diesen Platz gewählt, um ihr an der Rinderpest verendetes Vieh hier zu verbrennen und Beinschwarz herzustellen.

Wie alle heiligen Haine, hat auch dieser eine doppelte Mauer, und kleine, unter den Zedern verstreute Tempel führen zu dem Haupttempel hin.

Da wir den Ort nicht kennen, lenken wir unsere Schritte aufs Geratewohl auf einen Punkt zu, wo er liegen muß: höher als alles, die Baumwipfel überragend, erscheint in der Ferne ein Rundbau mit einem Dach blauer Glanzziegel, von einer goldenen Kugel bekrönt, die in der Sonne glitzert.

Wirklich ist dieser Rundbau, zu dem wir endlich gelangen, das Heiligtum selbst. Ringsum Stille: keine Pferde, keine barbarischen Reiter mehr. Der Tempel ruht auf einer hohen Terrasse aus weißem Marmor, zu der Stufen und ein »Kaiserlicher Pfad« führen, der den Söhnen des Himmels vorbehalten ist, die keine Treppen steigen dürfen. Ein »Kaiserlicher Pfad« ist eine Rampe, gewöhnlich aus einem einzigen Block, einem gewaltigen marmornen Monolithen, der in sanftem Gefälle liegt und den fünfkralligen Drachen im Flachrelief zeigt; – die Schuppen des großen heraldischen Tieres, seine Ringe, seine Klauen, boten den Schritten des Kaisers einen Halt und verhinderten, daß seine seidenen Schuhe auf dem seltsamen, ihm allein vorbehaltenen Pfade ausglitten, den kein Chinese je wagen würde, zu betreten.

Wir entweihen den »Kaiserlichen Pfad« und steigen mit unseren groben Lederstiefeln auf ihm hinan, über die feinen weißen Schuppen des Drachen.

Von der Höhe der einsamen Terrasse mit dem schwermütigen, unveränderlichen Weiß ihres Marmors sieht man über die Bäume des Haines hinweg das ungeheure Peking, in seinem Staube hingedehnt, den die Sonne zu vergolden beginnt, wie sie die kleinen Abendwolken vergoldet.

Das Tor des Tempels steht offen, von einem indischen Reiter mit mandelförmigen Sphinxaugen bewacht. Er grüßt uns militärisch und läßt uns ein – ebenso fremd wie wir in dieser erzchinesischen heiligen Umgebung.

Der kreisförmige Tempel funkelt von Rot und Gold unter seinem blauen Glasurdach; er ist neu und wurde an Stelle des vor mehreren Jahren niedergebrannten uralten erbaut. Aber der Altar ist leer, alles ist leer; Plünderer sind hier vorbeigekommen; nur die marmornen Bodenplatten sind geblieben, der schöne Lack der Decken und der Wände und die hohen rot lackierten, im Kreise gestellten spindelförmigen, mit goldenen Blumen umwundenen Säulen.

Auf der Plattform des Tempels sprießt hier und dort Gras und Gestrüpp zwischen den skulptierten Marmorfliesen und beweist ihr hohes Alter trotz ihrer makellosen Weiße, auf die eine so traurige, helle Sonne fällt. Es ist ein beherrschender Ort, einst mit großem Aufwand für die Andachtsübungen der Herrscher erbaut, und wir versinken dort in Betrachtung wie die Söhne des Himmels.

In unserer nächsten Nähe ragen die Wipfel der Thujas und Zedern, der große Hain, der uns in Ruhe und Schweigen hüllt. Und gegen Norden dehnt sich eine Stadt ohne Ende, aber verschwommen, fast unwirklich. Man ahnt sie mehr, als man sie sieht; sie verbirgt sich wie hinter Aschenstaub, Nebeldünsten oder Gazeschleiern; man würde eher an das Gaukelbild einer Stadt glauben, wären nicht jene monumentalen Dächer von übertriebenem Ausmaß, die hier und dort, deutlich und wirklich, mit glitzernden Giebeln aus glasierten Dachziegeln aus dem Dunst aufragen: Paläste und Pagoden. Hinter alledem in weiter Ferne die Kammlinie der mongolischen Berge, deren Fuß heute abend unsichtbar ist, so daß sie wie ein Scherenschnitt aus blauem und rosa Papier in die Luft ragt. Gegen Westen endlich liegt die graue Steppe, durch die wir gekommen sind. Die langsame, feierliche Prozession der Karawanen zieht mitten hindurch und zeichnet eine ununterbrochene braune Linie in die Ferne. Und man sagt sich, daß dieser Zug durch hunderte von Meilen sich endlos gleichmäßig fortsetzen muß, und daß dieselben Züge mit gleicher Langsamkeit auf allen großen Straßen Chinas bis zu den fernen Grenzen hinziehen.

Das ist das uralte, ewig gleiche Verkehrsmittel dieser Menschen eines von uns so verschiedenen Schlages, Menschen von überlegener Zähigkeit und Geduld, für die der Gang der Zeit, der uns rasend macht, nicht vorhanden ist. Das ist der Blutkreislauf dieses grenzenlosen Reiches, in dem vier- bis fünfhundert Millionen Gehirne denken und sinnen, die den unseren völlig entgegengesetzt sind und die wir nie begreifen werden . . .

 

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