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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectida0ce638e
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In Tung-tschau

Tung-tschau, zwei bis drei Kilometer längs des Flusses hingestreckt, war eine jener chinesischen Riesenstädte, die volkreicher sind als manche Hauptstadt Europas, und deren Namen man doch bei uns kaum kennt. Selbstverständlich ist es heute nur der Schatten einer Stadt; beim Herankommen bemerkt man bald, daß nichts mehr da ist als Trümmer und Schutt.

Langsam kommen wir näher. Am Fuße der hohen Zinnenmauern, die schwarz angestrichen sind wie ein Katafalk, drängen sich Dschunken längs des Flusses. Und das Treiben auf dem hohen Ufer gemahnt etwas an Taku und Tientsin, nur daß noch einige hundert mongolische Kamele hinzukommen, die im Staube lagern.

Nichts als Soldaten, fremde Eindringlinge, Geschütze, Kriegsmaterial. Kosaken versuchen sich auf Beutepferden und jagen wie toll mit lautem, wildem Geschrei im schärfsten Galopp zwischen den Gruppen dahin.

Die verschiedenen nationalen Farben der europäischen Verbündeten sind überall in Fülle gehißt und flattern hoch auf den schwarzen, von Granaten durchlöcherten Mauern, über den Feldlagern, auf den Dschunken, über den Trümmern. Und der ewige Wind, der unerbittliche, eiskalte Wind, der den verpesteten Staub mit dem Totengeruch umherwirbelt, peitscht diese allerorts gehißten Fahnen, die über all dieser Verwüstung wie zum Hohn festlich wehen.

Ich suche die französische Flagge, um meine Dschunke vor unserem Quartier anlegen zu lassen und sogleich zum Etappenlager zu gehen, wo ich heute abend unsere Feldration in Empfang nehmen muß. Überdies muß ich mir, da ich die Reise auf dem Fluß nicht fortsetzen kann, für morgen früh von der Artillerie einen Karren und Reitpferde verschaffen.

Vor einem Quartier, das uns zu gehören scheint, springe ich an Land, auf namenlose Trümmer und Unflat; dann lasse ich mir von Zuaven, die ich treffe, den Weg zum Etappenlager weisen; diensteifrig und freundlich erbieten sie sich, mich zu geleiten.

So schlagen wir zusammen den Weg nach einem großen Tor ein, das die dicken, schwarzen Mauern durchbricht.

Neben diesem Stadteingang war mit Seilen und Brettern eine Koppel für Schlachtvieh zur Ernährung der Soldaten errichtet. Unter einigen noch lebenden mageren Ochsen liegen drei oder vier an der Rinderpest verendete am Boden, und gerade rückt ein Aufgebot von Chinesen an, um sie am Schweif hinauszuziehen und in den Fluß zu werfen, den allgemeinen Sammelplatz der Kadaver.

Wir kommen in eine Straße, wo französische Soldaten dabei sind, inmitten von Trümmerhaufen Ordnung zu schaffen. Durch die zerbrochenen Türen und Fenster der Häuser blickt man in das verwüstete Innere, wo alles mutwillig zerfetzt, zerrissen, vernichtet ist. Und in dem dichten Staube, den der Nordwind und die Tritte unserer Leute aufwirbeln, treibt ein unerträglicher Leichengeruch.

Zwei Monate lang hat sich Zerstörungswut und rasende Mordgier über diese unglückliche »Stadt der himmlischen Reinheit« ergossen, die von den Truppen von acht bis zehn verschiedenen Nationen überschwemmt ward. Sie erlitt den ersten Anprall aller ererbten Haßgefühle. Zuerst kamen die Boxer, dann die Japaner, jene heldenmütigen kleinen Soldaten, denen ich nichts Übles nachsagen will, die aber zerstören und töten wie ehemals die barbarischen Horden. Noch weniger möchte ich unsere Freunde, die Russen tadeln; aber sie haben hierher Kosaken aus der Nachbarschaft der Tartarei geschickt, halb mongolische Sibirier, lauter Helden im Feuer, die aber vom Kriege noch eine ganz asiatische Auffassung haben. Dann kamen grausame indische Reiter, die Großbritannien sandte. Amerika hat seine Söldnerscharen losgelassen. Und als später in der ersten Wut der Rache über die chinesischen Greuel Deutsche, Österreicher, Franzosen und Italiener anrückten, war schon nichts mehr ganz.

Der Kommandant und die Offiziere des Etappenlagers haben ihre Wohnungen und Büros in großen chinesischen Häusern aufgeschlagen, deren Dächer und Mauern in Eile wieder aufgebaut und ausgebessert wurden. Aus ihrer rohen und elenden Einrichtung leuchten einzelne hohe Porzellanvasen, einzelne prunkvolle Holztäfelungen hervor, die sich unversehrt im Schutt fanden.

Sie versprechen, mir morgen früh bei Sonnenaufgang Pferde und Wagen ans Ufer vor meine Dschunke zu schicken. Als alles abgemacht ist, bleibt mir kaum eine Stunde Tageslicht. Ich streife in Begleitung meines kleinen bewaffneten Gefolges, Osman, Renaud und des Chinesen Tum, in den Ruinen der Stadt umher.

Je mehr man sich von dem Viertel entfernt, das unsere Soldaten ein wenig beleben, desto mehr steigert sich mit der Einsamkeit und Stille das Entsetzen.

Zuerst die Straße der Porzellanhändler, die großen Warenlager, in denen die Erzeugnisse der Fabriken von Kanton aufgespeichert waren. Nach den Resten der noch stehenden geschnitzten und vergoldeten Häuserfronten zu urteilen, muß es eine schöne Straße gewesen sein. Heute speien die klaffenden, von allen Seiten gesprengten Läden Berge von Glassplittern auf die Straße aus. Der Fuß tritt auf kostbares, mit farbenprächtigen Blumen bemaltes Porzellan, das die Erde mit dicker Schicht bedeckt und unter unseren Schritten zerbricht. Man braucht nicht zu fragen, wessen Werk das ist; übrigens war es bereits geschehen, als unsere Truppen die Stadt betraten. Aber in der Tat muß man hier tagelang mit Fußtritten und Kolbenstößen gearbeitet haben, um das alles derart zu zertrümmern. Porzellangefäße zu Tausenden, Schüsseln, Teller, Tassen, alles zertrümmert, zu Pulver zermalmt, in wirrem Durcheinander mit menschlichen Überresten und Haaren.

Im Hintergrunde dieser Warenlager sieht man im Innern der Häuser kleine Höfe, wo die gröberen Porzellansorten standen, – Räume, die jetzt am Abend bei sinkender Sonne zwischen ihren uralten Mauern besonders schauerlich wirken. In einem dieser Höfe, den wir betreten, arbeitet ein räudiger Hund eifrig daran, irgend etwas unter den Stößen zerbrochener Teller hervorzuziehen: die Leiche eines Kindes mit gespaltenem Schädel. Und der Hund beginnt, von den Beinen des toten Kindes das verwesende Fleisch abzunagen.

Kein Mensch natürlich in den langen verwüsteten Straßen, wo das Gebälk mit den Ziegeln und Backsteinen der Mauern zusammengestürzt liegt. Raben krächzen in dieser tiefen Stille; scheußliche Hunde, die sich an Leichen vollgefressen haben, fliehen vor uns mit schwerem Bauch und eingezogenem Schwanze. Selten nur, hier und da, sieht man einzelne chinesische Vagabunden umherstreifen, Leute von üblem Aussehen, die in den Ruinen noch zu plündern suchen; oder arme Vertriebene, dem Gemetzel entronnen, die furchtsam zurückkehren und längs der Mauern hinschleichen, um nachzusehen, was aus ihren Heimstätten geworden ist.

Die Sonne steht schon sehr tief, und wie jeden Abend wird der Wind stärker; eine plötzliche Kälte läßt uns frösteln. Die leeren Häuser füllen sich mit Finsternis.

Diese Häuser ziehen sich in die Tiefe, mit Winkeln, Reihen von Höfen, kleinen Wasserbecken mit Muscheleinfassung und schwermütigen Gärtchen. Überschreitet man die Schwelle, die immer von den gleichen abgegriffenen Granitungeheuern bewacht ist, so verwickelt man sich in Irrgänge ohne Ende. Und rührend und anmutig offenbaren sich die häuslichen Einzelheiten des chinesischen Lebens in der Anordnung von Blumentöpfen, Beeten und kleinen Galerien, an denen Winden und Wein hinaufranken.

Da liegt Spielzeug umher, eine arme Puppe, wohl einem Kinde gehörig, dem man den Kopf zerschmettert hat. Dort ist ein Käfig hängen geblieben; sogar der Vogel ist noch darin, die Beinchen in der Luft, in einer Ecke vertrocknet.

Alles ist geplündert, herausgerissen, zerfetzt, der Hausrat aufgebrochen, der Inhalt der Schubladen auf den Boden verstreut, darunter Kleider mit großen Flecken und blutbesudelte, unglaublich kleine chinesische Frauenschuhe. Und hie und da Beine, Hände, abgeschnittene Köpfe, Haarbüschel.

In einzelnen Gärtchen wachsen die Pflanzen, jeder Pflege bar, fröhlich weiter und überwuchern die Baumgänge über menschliche Reste hinweg. Über eine Gartenlaube, die eine Frauenleiche birgt, zieht sich eine reizende Bekränzung blaßroter Winden, noch geöffnet zu dieser späten Stunde trotz der nächtlichen Kälte, was unsere europäischen Begriffe von den Winden ganz über den Haufen wirft.

Im Hintergrund eines Hauses, in einer Ecke, einem schwarzen Verschlage, bewegt sich etwas! . . . Zwei Frauen sind da versteckt, jämmerlich verkrochen . . . Der Schreck, sich entdeckt zu sehen, betört sie. Sie werfen sich uns zu Füßen, zittern, schreien, falten die Hände, um Gnade zu erflehen. Die eine jung, die andere älter, doch beide ähnlich: Mutter und Tochter. – »Verzeihung, Herr, Verzeihung! Wir haben solche Angst« . . . übersetzt naiv der kleine Tum, der ihr Stammeln versteht. Augenscheinlich erwarten sie von uns die ärgsten Dinge und den Tod . . . Seit wie lange wohl leben sie schon in diesem Loch, diese beiden armen Chinesinnen, die ihr Ende gekommen wähnen, so oft Schritte auf dem Pflaster des verlassenen Hofes hallen? . . .

Wir lassen einiges Kleingeld da, was sie vielleicht demütigt und ihnen kaum nützen wird; aber mehr können wir nicht tun als das und – weggehen.

Ein anderes Haus, ein Haus reicher Leute, mit großem Aufwand an Blumentöpfen aus emailliertem Porzellan in den traurigen Gärtchen. Im Hintergrunde einer schon dunklen Wohnung (denn die Nacht bricht herein, das unbestimmte Dämmerlicht nimmt zu), die nicht übermäßig geplündert ist, in der noch große Truhen und schöne Sessel unversehrt stehen – springt Osman plötzlich entsetzt vor einem Gegenstand zurück, der aus einem am Boden stehenden Eimer ragt: zwei fleischlose Schenkel, die untere Hälfte einer Frau, in den Kübel gesteckt, die Füße nach oben! . . . Offenbar die Herrin dieser eleganten Wohnung . . . Und der Körper? . . . Wer weiß, was man mit diesem Körper gemacht hat! Aber der Kopf ist da: dort unter dem Lehnstuhl, neben einer verendeten Katze, das schwarze Bündel lange Haare, aus dem ein offener Mund und Zähne grinsen.

Außer den großen, fast geradlinigen Verkehrswegen, die von einem Ende zum anderen in trostloser Leere liegen, gibt es Gäßchen ohne Ausblick, gewunden, von grauen Mauern umschlossen – und gerade sie sind in der Dämmerung beim Krächzen der Raben am schauerlichsten zu durchschreiten. Steinerne Kobolde halten Wacht an den unheimlichen Türen, und überall auf dem Pflaster liegen Totenschädel mit langen Zöpfen. Es gibt Wegebiegungen, in eiskalte Schatten getaucht, denen man sich nur mit Herzklopfen nähert . . . Nun aber machen wir ein Ende; – um nichts auf der Welt würden wir noch einmal zu dieser Dämmerstunde in diese schauerlich stummen Häuser treten, wo man allzu vielen Spuren des Todes begegnet . . .

Wir waren weit in die Stadt vorgedrungen, aber ihre Schrecken und ihre Stille wurden beim Anbruch der Nacht unerträglich. Vom Nordwind gepeitscht, von Kälte und Dunkelheit erstarrt, kehren wir zum Truppenlager zurück. Wir gehen schnellen Schrittes, die Porzellanscherben krachen unter unseren Füßen, vermischt mit tausend Überresten, über die man sich nicht mehr klar wird.

Bei unserer Rückkehr ist die Uferböschung mit Soldaten besetzt, die sich an hellen Feuern wärmen und ihre Suppe kochen, Feuern, die mit Lehnstühlen, Tischen, zerbrochenen Schnitzereien oder Balken gespeist werden. Jetzt, wo wir aus diesen Straßen, aus Dantes Hölle kommen, dünkt uns das alles behaglich und fröhlich.

In der Nähe unserer Dschunke hat ein Malteser in aller Eile eine Marketenderbude aufgeschlagen, wo er Getränke feilbietet, an denen die Soldaten sich berauschen. Ich schicke meine Leute hin, um nach ihrer Wahl Schnäpse für unser Abendessen zu kaufen, denn auch wir haben es nötig, uns zu erwärmen und womöglich aufzuheitern. Und wie die anderen, werden auch wir unser kleines Fest in unserer Hütte mit dem geflochtenen Dach feiern, mit einer dampfenden Suppe, Tee, Chartreuse, ich weiß nicht was noch.

Beim Nachtisch rauchen wir in unserem Sarg Zigaretten. Renaud, dem ich das Wort erteilt habe, erzählt, daß seine Schwadron am Rand eines chinesischen Friedhofes in Tientsin lagert, und daß die in der Nähe lagernden Soldaten einer anderen europäischen Nation (ich will sie lieber nicht nennen) ihre Zeit damit verbringen, die Gräber nach den Silbermünzen zu durchsuchen, die man den Toten in den Sarg mitzugeben pflegt.

»Ich,« sagt er, »ich, Herr Oberst (für ihn bin ich Herr Oberst, denn er kennt die seemännische Bezeichnung Kommandant nicht, die bei uns bis zu fünf Goldstreifen üblich ist), ich finde das nicht in der Ordnung. Mögen es auch Chinesen sein, die Toten soll man doch ruhen lassen! Und dann ekelt mich das, denn sie schneiden ja ihre Fleischration auf den Brettern der Särge! Ich habe ihnen gesagt: Schneidet doch wenigstens hier, auf der Außenseite, nicht auf der andern, die mit der Leiche in Berührung gekommen ist! Aber diese Wilden, Herr Oberst, die scheren sich den Teufel darum!«

 
Donnerstag, 18. Oktober

Eine Überraschung! Wir erwachen unter tiefhängendem, dunklen Himmel. Wir hatten darauf gerechnet, wie an den vorhergehenden Tagen die Sonne des chinesischen Herbstes und Winters zu sehen, die fast nie verschleiert ist, die strahlt und wärmt, selbst wenn es Stein und Bein friert, und die uns bisher geholfen hat, das unterwegs Geschehene zu ertragen. Aber ein dichter Vorhang hat sich während der Nacht über unseren Häuptern zusammengezogen . . .

Als wir beim ersten Morgengrauen die Türe unserer Dschunke öffnen, sehen wir gerade unsere Pferde und Karren herankommen. Auf dem trostlosen Ufer kauern Mongolen inmitten ihrer Kamele um Feuer, die die ganze Nacht im Staube gebrannt haben, und hinter ihren unbeweglichen Gruppen ragen die hohen Mauern der Stadt tintenschwarz in die dunklen Wolken.

Wir überlassen unsere Dschunke der Obhut zweier Matrosen der Abteilung von Tung-tschau, die sie bis zu unserer Rückkehr bewachen werden, nebst unserm kleinen Nomadengepäck und dem Kostbarsten, was wir besitzen, den letzten Flaschen reinen Wassers, die uns der General gespendet hat.

Diesen letzten Abschnitt unseres Weges legen wir in Gesellschaft des französischen Generalkonsuls von Tientsin und des Kanzlers der Gesandtschaft zurück; beide reiten nach Peking, begleitet von einem Wachtmeister und drei oder vier Artilleristen.

Langer eintöniger Marsch im kalten grauen Morgen durch Sorghofelder, die der erste Frost braun gebrannt hat, durch geplünderte und verlassene Dörfer, wo nichts mehr sich regt; Gegenden der Trauer und des Herbstes, auf die langsam ein feiner trauriger Regen niederzurieseln beginnt.

Bisweilen glaube ich mich auf baskische Wege versetzt, im November, inmitten noch nicht geschnittener Maisfelder. Aber plötzlich erhebt sich irgendein unbekanntes Sinnbild am Wege, um mich an China zu erinnern, ein Grab von geheimnisvoller Form, oder sonderbare Denksteine auf riesengroßen granitenen Schildkröten.

Hin und wieder begegnen wir Militärtransporten einer oder der anderen Nation, und langen Reihen von Lazarettwagen.

Hier suchen Russen in den Trümmern eines Dorfes Schutz gegen einen Platzregen. Dort marschieren Amerikaner, die in einem verlassenen Hause ein Versteck von Kleidern entdeckt haben und sich nun fröhlich in die gefundenen Pelzmäntel hüllen.

Gräber, immer wieder Gräber; China ist von einem Ende zum anderen damit übersät; die einen liegen wie verloren am Straßenrand, andere scheiden sich stolz mit Gehegen ab, umgeben von Totenhainen aus dunkelgrünen Zedern.

Zehn Uhr. Wir müssen schon dicht vor Peking sein, aber noch verrät nichts seine Nähe. Seit unserem Aufbruch sind wir nicht einem einzigen chinesischen Gesicht begegnet: die Landschaft ist immer gleich einsam und unheimlich still unter dem Schleier des unmerklich rieselnden Regens.

Wir sollen nahe an dem Mausoleum einer Kaiserin vorüberkommen, und der Kanzler der Gesandtschaft, der die Gegend kennt, schlägt mir einen Umweg vor, um es zu besichtigen. So lassen wir denn unsere Leute ruhig ihres Weges ziehen und schlagen in raschem Trabe Seitenpfade ein, mitten durch hohe feuchte Gräser.

Bald erscheint ein Kanal und ein Teich, bleifarben unter dem bleichen Himmel. Kein Mensch ringsum; die trostlose Stille eines entvölkerten Landes. Das Grabmal, das am jenseitigen Ufer liegt, ragt kaum aus dem Schatten eines Zedernhaines hervor, der rings mit Mauern umgeben ist. Wir sehen nur die äußeren marmornen Säulengänge, die zu ihm führen, und die Doppelreihe weißer Denksteine, die sich unter den geheimnisvollen Bäumen verliert; – alles ziemlich entfernt, mit langgezogenem, umgekehrtem, verwischtem Spiegelbild in dem Teiche. Um uns her neigen Lotosblumen die vom Frost geknickten langen Stengel über das bleifarbene Wasser, in dem die Regentropfen leichte Kreise ziehen. Und die paar weißlichen Kugeln da und dort zwischen dem Schilf sind Totenschädel. . .

Bei der Rückkehr zu unserm kleinen Trupp heißt es, daß wir schon in einer halben Stunde in Peking einziehen werden. Also gut! Aber nach all den Verwicklungen und Verzögerungen der Reise möchte man fast glauben, daß wir nie mehr ankommen. Überdies ist es unwahrscheinlich, daß diese ungeheure Stadt in der verlassenen Gegend so nahe vor uns daliegen sollte.

»Peking zeigt sich nicht vorher«, erklärt mir mein neuer Reisegefährte. »Peking packt den Ankömmling; wenn man es sieht, ist man auch schon da!«

Jetzt führt die Straße durch Gruppen von Zedern und entblätterten Weiden, und in der gespannten Erwartung, endlich die Himmlische Stadt zu sehen, traben wir stumm unter dem feinen Staubregen, der uns nicht naß macht, denn die rauhen Stöße des Nordwindes, die den Staub trotzdem immerzu aufwirbeln, trocknen ihn fort . . .

»Peking!« ruft plötzlich einer meiner Begleiter und weist mit der Hand auf eine unheimliche dunkle Masse, die soeben über den Bäumen zum Vorschein kommt: ein zinnengekrönter Wartturm von übermenschlichen Verhältnissen.

Peking! . . . Und in wenigen Sekunden, während der mächtige Eindruck dieses hingeworfenen Namens auf mich einstürmt, erscheint vor uns eine riesige schwarze Mauer von nie geahnter Höhe, die sich in der öden grauen Leere einer wie fluchbeladenen Steppe endlos hinzieht. Ein gewaltiger Dekorationswechsel ohne den Lärm von Maschinisten und Orchestergetöse, in einer Stille, die eindrucksvoller ist als alle Musik.

Wir sind am Fuß seiner Basteien und Wälle, plötzlich von allem überragt, was sich bisher in einer Bodenfalte verborgen hatte. Zugleich wird der Regen zu Schnee, dessen weiße Flocken sich mit den dunklen Wirbeln von Schutt und Staub mengen. Die Mauer von Peking erdrückt uns wie etwas Riesenhaftes von babylonischem Gepräge, etwas Tiefschwarzes im fahlen Lichte eines Schnee- und Herbstmorgens. Das ragt gen Himmel wie die Kathedralen, aber das setzt sich fort, das geht weiter, immer gleich, meilenweit. Kein Wanderer an den Zugängen dieser Stadt, kein Mensch. Auch kein Gras längs dieser Mauern; ein durchfurchter Boden, staubig, aschgrau, mit Fetzen von Kleidern, Gebeinen und Schädeln bestreut. Und von der Spitze jeder schwarzen Mauerzacke begrüßt uns ein Rabe im Vorbeiziehen mit seinem Todesgeschrei.

Der Himmel ist so schwer und hängt so tief, daß man kaum einen Ausblick hat. Unter dem beklemmenden Eindruck dieses lange erwarteten Peking, das plötzlich so verwirrend über unseren Häuptern auftaucht, reiten wir weiter, von dem unterbrochenen Krächzen all der nebeneinander hockenden Raben verfolgt. Wir selbst bleiben einsilbig, von dem Schauer erstarrt, da zu sein, und wir wünschten, Bewegung und Leben, irgend jemand, irgend etwas endlich aus diesen Mauern hervorkommen zu sehen.

Da tritt plötzlich, dort unten vor uns, aus einem Tore, einer Öffnung in der ungeheuren Umfriedung, langsam ein riesiges braunes Tier hervor, mit seinem wolligen Fell einem Riesenschafe gleich – dann zwei, dann drei, endlich zehn: eine mongolische Karawane, die auf uns zustrebt, in der ewig gleichen Stille, die nur das Krächzen der Raben unterbricht. In endloser Reihe ziehen die unförmigen mongolischen Kamele mit ihrem rundlichen Pelz, mit sonderbaren Haarbüscheln an den Beinen und löwenartigen Mähnen in langem feierlichen Zuge an unsern scheuenden Pferden vorüber; sie tragen weder Glocken noch Schellen wie die mageren Tiere der harmonisch tönenden Karawanen in den arabischen Wüsten; ihre Füße versinken tief in den Staub, der ihre Tritte erstickt; die Stille wird durch ihren Marsch nicht unterbrochen. Und die Mongolen, die sie führen, grausame, fremdartige Gesichter, werfen uns verstohlen feindliche Blicke zu.

Durch einen Schleier von feinem Schnee und schwarzem Staub hindurch hat die Kamelsreihe unseren Weg gekreuzt und entfernt sich lautlos wie eine Geisterkarawane. Wieder sind wir allein unter dieser Titanenmauer, von deren Zinnen die Raben auf unseren Zug herabschauen. Um die finstere Stadt zu betreten, müssen wir jetzt unsrerseits durch dies Tor, aus dem die Mongolen sie eben verlassen haben.

 

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