Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pierre Loti >

Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectida0ce638e
Schließen

Navigation:

Die beiden Göttinnen der Boxer

Sonntag, 14. Oktober

Eine alte Chinesin, runzlig wie ein Winterapfel, öffnet furchtsam einen Spalt der Tür, an die wir stark geklopft haben. Wir stehen im Halbdunkel eines engen Ganges, der ungesunden Gestank aushaucht, zwischen Wänden, die von Schmutz geschwärzt sind, an einem Ort, wo man sich eingemauert fühlt, wie in der Tiefe eines Gefängnisses.

Die Züge der alten Chinesin haben etwas Rätselhaftes; sie mustert jeden von uns mit einem undurchdringlichen, leblosen Blick; dann, als sie den Chef der internationalen Polizei erkennt, tritt sie stumm zur Seite, um uns einzulassen.

Wir folgen ihr durch einen kleinen düsteren Hof. Armselige Blumen des Spätherbstes kränkeln hier zwischen alten Mauern, und man atmet faden Gestank.

Wir, die wohlverstanden wie in erobertes Land eindringen, sind eine Gruppe von Offizieren, drei Franzosen, zwei Engländer, ein Russe.

Welch merkwürdiges Geschöpf, unsere Führerin, die auf den Spitzen ihrer unglaublich kleinen Füße einhertrippelt! Ihr graues Haar ist mit langen Nadeln besteckt und derart zum Scheitel emporgezogen, daß es ihr die Augen in die Höhe spannt. Sie hat irgendein dunkles Kleid an; aber auf ihren pergamentfarbigen Zügen zeigt sie im höchsten Grade jenes undefinierbare Gepräge überlebter Rassen, das man als Distinktion zu bezeichnen pflegt. Sie ist anscheinend nur eine bezahlte Dienerin, aber ihr Aussehen, ihr Benehmen setzen in Erstaunen; irgendein Geheimnis scheint dahinterzustecken; man möchte sie für eine Witwe von Stand halten, die zu unlauteren heimlichen Praktiken herabgesunken ist. Überhaupt macht dieser ganze Ort für den Uneingeweihten den übelsten Eindruck . . .

Auf den Hof folgt ein schmutziger Vorraum und endlich eine schwarzbemalte Türe mit einer chinesischen Inschrift in zwei großen roten Lettern. Da ist's – und ohne zu klopfen, schiebt die Alte den Riegel zurück, um zu öffnen.

Man könnte uns verdächtigen, aber wir kommen in allen Ehren, um den zwei Göttinnen – den »goddesses«, wie unsere beiden englischen Begleiter sie ironisch nennen – einen Besuch abzustatten, – gefangenen Göttinnen, die man im Hintergrund dieses Palastes eingesperrt hält. Denn wir sind hier in den Gesindewohnungen, den niedrigen Nebengebäuden, den versteckten Winkeln des Palastes der Vizekönige von Petschili, und um hierher zu gelangen, mußten wir das unendliche Elend einer ganzen Stadt mit Zyklopenmauern durchschreiten, die gegenwärtig nur noch ein Haufen von Trümmern und Leichen ist.

Es war übrigens ein merkwürdiger, ja ganz einziger Anblick, wie diese Ruinen heute am Sonntag, dem Festtag in den Lagern und Kasernen, von fröhlichen, durch den Zufall hergeführten Soldaten belebt waren. In den langen, trümmerbedeckten Straßen, zwischen geborstenen Häusern ohne Dächer spazierten fröhlich Zuaven und Chasseurs d'Afrique Arm in Arm mit Deutschen in Pickelhauben; man sah kleine japanische Soldaten, glänzend und automatenhaft, Russen mit flachen Mützen, Bersaglieri mit Federbüschen, Österreicher, Amerikaner im großen Filzhut, und indische Reiter mit riesigen Turbans auf dem Kopfe. Alle Fahnen Europas flatterten über dieser Verwüstung von Tientsin, in das sich die verbündeten Armeen geteilt haben. In einzelnen Vierteln hatten Chinesen, die nach und nach von ihrer allgemeinen Flucht zurückkehrten, meistens Raubgesindel und heimatloses Volk, im Freien unter der schönen Sonne dieses Herbstsonntags Verkaufsstände aufgeschlagen. Mitten im grauen Staube der zerstörten Gebäude und der Asche der Feuersbrünste verkauften sie an die Soldaten allerlei in den Ruinen zusammengeraffte Dinge, Porzellan, seidene Kleider und Pelzwerk. Die ganze Straße wimmelte von Soldaten in den verschiedensten Uniformen, und so unzählig viele Schildwachen präsentierten das Gewehr, daß der Arm mir lahm wurde vom Erwidern der unaufhörlichen Ehrenbezeigungen auf unserem Wege durch dies unerhörte Babel.

Am Ende der zerstörten Stadt, neben den hohen Wällen, vor dem Palast der Vizekönige, in den wir eingedrungen sind, um die Göttinnen zu sehen, waren längs der Mauer Chinesen am Schandpfahl angebunden, und über ihnen verkündeten Aufschriften die von jedem begangenen Verbrechen. Zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett, ein Amerikaner und ein Japaner, bewachten die Tore neben alten steinernen Ungeheuern mit scheußlichem Grinsen, die nach chinesischem Brauche als Hüter zu beiden Seiten der Schwelle kauern.

Nichts Prunkvolles in diesem Palast des Verfalles und des Staubes, den wir zerstreut durchquerten; auch nichts Großes, aber echtes China, das uralte China, fratzenhaft und feindselig; Ungeheuer in Fülle, aus Marmor, aus zerbrochener Fayence, aus wurmstichigem Holze, so alt, daß sie von den Dächern in die Höfe fallen oder drohend an ihrem Rande hängen. Entsetzliche Dinge treten überall unter der Asche hervor, verwitterte Hörner, Krallen, gespaltene Zungen und große schielende Augen. Und in finster ummauerten Höfen blühen letzte Rosen unter dem Schatten hundertjähriger Bäume.

Jetzt endlich, nach vielen Umwegen durch dunkle Gänge, stehen wir vor der Tür der Göttinnen, der mit zwei großen roten Buchstaben bezeichneten Tür. Die alte Chinesin, immer noch geheimnisvoll und stumm, mit erhobener Stirn, doch den leblosen Blick hartnäckig gesenkt, stößt mit einer Gebärde der Unterwürfigkeit, die sagen will: »Da sind sie, schaut!« die schwarzen Türflügel vor uns auf.

Mitten in der jämmerlichen Unordnung eines halbdunklen Zimmers, in das keine Abendsonne dringt und in dem es schon dämmerte, sitzen zwei arme Mädchen, zwei sich gleichende Schwestern, gebeugten Hauptes oder vielmehr zusammengesunken, in der Haltung äußerster Bestürzung, die eine auf einem Stuhl, die andere auf dem Rand des Ebenholzbettes, das sie für die Nacht teilen müssen. Sie tragen schlichte schwarze Kleider; aber hier und dort auf der Erde liegen Seidenstoffe in schreienden Farben wie verloren umher, Überwürfe mit großen, goldgestickten Blumen und Fabelwesen: der Putz, den sie anlegten, um an Schlachttagen unter dem Pfeifen der Kugeln ins Feuer zu gehen –; ihr Staat als Kriegerinnen und Göttinnen . . .

Denn sie waren eine Art »Jungfrau von Orleans« – wenn es nicht Blasphemie ist, diesen reinen idealen Namen in einem Atem mit ihnen zu nennen. Sie waren Fetischmädchen, die man in die von Granaten durchlöcherten Pagoden stellte, um ihre Altäre zu schützen, Begeisterte, die sich schreiend den Kugeln entgegenstürzten, um die Soldaten mit sich fortzureißen. Sie waren die Göttinnen jener unbegreiflichen, zugleich wilden und bewunderungswürdigen Boxer, jener Hysteriker des chinesischen Patriotismus, die von Haß und Wut gegen alles Fremde betört waren –, die heute feige und kampflos flohen, um sich morgen mit dem Geschrei von Besessenen der blanken Waffe und dem Tod entgegenzuwerfen, mitten im Kugelregen zehnfach überlegener Truppen.

Jetzt als Gefangene sind die Göttinnen Eigentum der sieben verbündeten Mächte, ein eigenartiger Nippesgegenstand, wenn man so sagen darf. Man tut ihnen nichts zuleide. Sie sind nur eingesperrt, um sie am Selbstmord zu verhindern, der zur fixen Idee bei ihnen geworden ist. Was mag in der Folge ihr Los sein? Schon wird man müde, sie zu betrachten, man weiß nicht, was mit ihnen beginnen.

An einem Tage der Flucht wurden sie in einer Dschunke umzingelt, in die sie sich geflüchtet, und stürzten sich mit ihrer Mutter, die ihnen stets folgte, in den Fluß. Alle drei wurden von Soldaten ohnmächtig aus dem Wasser aufgefischt. Sie, die beiden Göttinnen kamen nach langen Bemühungen wieder zu sich. Aber die Mama öffnete nie wieder ihre alten chinesischen Schlitzaugen, und ihre Töchter wurden in den Glauben gelassen, sie würde in einem Spital gepflegt und bald zurückkommen. Anfangs waren die Gefangenen mutig, äußerst lebhaft, selbst hochmütig und immer geputzt. Aber heute morgen ist ihnen mitgeteilt worden, daß sie keine Mutter mehr haben, und das hat sie wie ein Keulenschlag niedergeschmettert.

Da sie kein Geld besaßen, um sich Trauerkleider zu kaufen, die in China weiß getragen werden, verlangten sie wenigstens nach den weißen Lederschuhen, die jetzt ihre Puppenfüßchen schmücken und die hierzulande den Inbegriff der Trauer bilden, wie bei uns der Kreppschleier.

Alle beide sind zart, von wachsgelber Blässe, kaum hübsch, aber nicht ohne gewisse Grazie und vornehmen Reiz. So sitzen sie da, eine vor der anderen, ohne Tränen, die Augen zu Boden geheftet, die Arme schlaff niederhängend. Ihr verzweifelter Blick hebt sich nicht einmal, um zu sehen, wer eintritt, um zu erfahren, was man von ihnen will; keine einzige Bewegung bei unserem Kommen, keine Gebärde, kein Hochfahren. Für sie gibt es nichts mehr: das Bild der Gleichgültigkeit gegen alles, in Erwartung des Todes.

Jetzt flößen sie uns durch die Würde ihrer Verzweiflung unerwartet Respekt ein, Respekt und vor allem grenzenlose Teilnahme. Verlegen über unser Hiersein, wie über eine begangene Ungehörigkeit, finden wir keine Worte.

Da kommt uns der Gedanke, einige Dollars als Spende auf das ungemachte Bett zu legen; aber eine der Schwestern wirft die Geldstücke zu Boden, als sähe sie uns nicht, und macht der Dienerin ein Zeichen, sie als ihr Eigentum zu betrachten . . . Nun, es war unsererseits eine Ungeschicklichkeit mehr . . .

Es gibt solche Abgründe von Nichtverstehen zwischen europäischen Offizieren und Boxergöttinnen, daß wir ihnen selbst unser Mitleid in keiner Weise bezeugen können. Und wir, die gekommen waren, uns an einem sonderbaren Schauspiel zu ergötzen, gehen schweigend von dannen und behalten in gepreßtem Herzen das Bild dieser beiden armen, gebrochenen Gefangenen in diesem traurigen Zimmer, auf das der Abend herabsinkt.

 

Meine mit fünf beliebigen Chinesen bemannte Dschunke soll den Fluß hinauffahren, selbstredend unter französischer Flagge, und das ist schon ein Schutz. Immerhin hat das Etappenkommando es für vorsichtiger gehalten, mir und meinem bewaffneten Burschen noch zwei Soldaten mitzugeben, Trainreiter mit Gewehr und Munition.

Über Tientsin hinaus kann man mit der Bahn in der Richtung nach Peking noch eine Stunde bis zur Stadt Yang-sun fahren. Da ich den Tag noch hier verbringe, wird mich also meine Dschunke mit den beiden Reitern, Tum und meinem Gepäck bei Yang-sun an einer Biegung des Flusses erwarten. Sie ist gleich heute im Anschluß an einen Militärtransport abgefahren.

Ich speise am Abend im Generalkonsulat, das die Granaten wie durch ein Wunder verschont haben, obgleich seine Flagge, die während der Belagerung tapfer gehißt blieb, den chinesischen Kanonieren lange zur Zielscheibe diente.

 
Montag, 15. Oktober

Abfahrt von Tientsin mit der Bahn um fünf Uhr früh. Eine Stunde Wegs durch die immer gleiche Ebene, die gleiche Verwüstung, den gleichen schneidenden Wind und Staub. Dann kommen die verkohlten Ruinen von Yang-sun, wo der Zug stehen bleibt, weil die Schienen aufhören: von hier ab haben die Boxer alles zerstört, die Brücken abgebrochen, die Bahnhöfe niedergebrannt, die Schienen aufgerissen und aufs Feld geworfen.

Meine Dschunke ist da und erwartet mich am Flußufer.

Jetzt heißt es, sich für mindestens drei Tage auf das Dasein eines Wassertieres in dem Sarkophag einzurichten, der den Wohnraum des seltsamen Fahrzeuges bildet, unter dem Mattendach, durch dessen tausend Löcher der Himmel hindurchscheint, und das heute Nacht den weißen Reif nicht abhalten wird, unsern Schlaf eisig zu umspinnen. Aber dies Zimmer, in dem ich mit meinen französischen Begleitern in engster Gemeinschaft wohnen, essen und schlafen soll, ist so klein, so lächerlich klein, daß ich einen der Soldaten verabschiede; nie würden wir zu viert da drinnen Platz finden.

Meine chinesische Bemannung, zerlumpt, schmutzig, mit einfältigen, rohen Gesichtern, empfängt mich mit tiefen Verbeugungen. Der eine nimmt das Steuerruder, die andern springen auf die Böschung, spannen sich an das Ende eines langen, am Mast der Dschunke befestigten Seiles – und fort geht es an der Leine, der Strömung des Pei-ho entgegen, in dessen trägen, vergifteten Wassern sich hier und dort zwischen dem Uferschilf die Bäuche von Leichen blähen.

Der Soldat, den ich bei mir behalten habe, heißt Renaud; er erzählt mir, daß er ein Bauer aus dem Calvados ist. So wetteifern denn mein Diener Osman und er mit gutem Willen und heiterem Wesen, mit sinnreichen, komischen kleinen Einfällen, um unsere abenteuerliche Wohnstätte bequemer zu gestalten. Beide sind übrigens voller Freude, nach Peking zu kommen. Trotz der düsteren Umgebung beginnt die Reise beim Klang ihres guten kindlichen Lachens, und in hellem Morgenlichte fahren wir ab, unter den Strahlen einer trügerischen Sonne, die den Sommer vorspiegelt, während der Nordwind eisig weht.

Die sieben verbündeten Mächte haben in gewissen Entfernungen Militärposten längs des Pei-ho aufgestellt, zur Sicherung ihrer Verbindung auf dem Flußwege zwischen Peking und dem Golf von Petschili, in den ihre Schiffe einlaufen. Gegen elf Uhr lasse ich meine Dschunke vor einem großen chinesischen Fort halten, über dem die französische Flagge weht; es ist eins unserer Etappenlager, von Zuaven besetzt.

Wir steigen aus, um Lebensmittel für die Weiterreise in Empfang zu nehmen: Brot, Wein, Konserven, Zucker und Tee für zwei Tage. Von hier bis Tung-tschau (Stadt der himmlischen Reinheit) können wir nichts mehr erhalten; wir hoffen, übermorgen abend dahin zu gelangen, wenn kein unangenehmer Zwischenfall uns aufhält. Dann beginnt wieder das Ziehen der Dschunke, langsam und eintönig zwischen den traurigen, verwüsteten Ufern.

Um uns her bleibt die Landschaft unverändert. An beiden Ufern folgen einander, so weit das Auge reicht, Sorghofelder – eine Art riesiger Hirse, viel höher als unser Mais; der Krieg hat die rechtzeitige Ernte verhindert, und der Frost hat sie rötlich gefärbt. Der schmale Leinpfad zieht sich über die graue Erde stets gleichmäßig hin, dicht über dem stinkenden, kalten Wasser, zu Füßen der ewigen, vertrockneten Sorghofelder, die längs des Flusses einen endlosen Vorhang bilden.

Zuweilen erscheint der Umriß eines Dorfes am flachen Horizont: Ruinen und Leichen, wenn man sich nähert.

Ich habe auf meiner Dschunke den Lehnstuhl eines Mandarinen, und ich throne darin im strahlenden Sonnenschein, wenn der Nordwind nicht zu schneidend weht. Noch lieber marschiere ich manchen Kilometer am Ufer mit den Schiffsziehern, die, vornübergebeugt, die Leine über die Achsel gelegt, in gleichmäßigem Lasttierschritt gehen. Osman und Renaud folgen mir mit spähenden Blicken, und so schreiten wir in dem ewigen Nordwind auf dem grauen Pfad, eingezwängt zwischen den ununterbrochenen Saum der Sorghofelder und dem Fluß, manchmal zu einem raschen Seitensprung genötigt, wenn ein Leichnam mit quer über den Weg gestrecktem Bein uns tückisch erschreckt.

Die Tagesereignisse sind Begegnungen mit Dschunken, die den Fluß hinabfahren und die unsere kreuzen. Aneinandergeseilt, ziehen sie unter der Flagge einer der verbündeten Mächte in langen Reihen vorüber, mit Kranken, Verwundeten und Kriegsbeute beladen.

Am zahlreichsten und am stärksten mit kampffähigen Truppen besetzt sind die russischen, denn unsere Freunde räumen zur Zeit ihre hiesigen Stellungen, um ihren Schwerpunkt in die Mandschurei zu verlegen.

In der Dämmerung kommen wir an den Ruinen eines Dorfes vorbei, wo Russen sich ein Lager für die Nacht einrichten. Aus einem verlassenen Hause schaffen sie geschnitzte Möbel fort, zerschlagen sie und machen Feuer damit. Als wir weiterfahren, sehen wir die Flamme in hoher Garbe auflodern und die nahen Sorghofelder ergreifen; lange leuchtet ihr Schein hinter uns in dem düsteren, leeren Grau der Ferne. Unheimlich ist der Anbruch dieser ersten Nacht auf unserer Dschunke, in dieser fremdartigen Einsamkeit, in die wir von Stunde zu Stunde weiter vordringen. So viel Schatten um uns her und so viele Tote in diesen Gräsern! In dem unbestimmten, grenzenlosen Dunkel nichts als feindselige oder todkündende Umgebung . . . Und diese Kälte, die mit der Finsternis zunimmt, und diese Stille! . . .

Der schwermütige Eindruck verschwindet jedoch beim Abendessen, sobald unsere chinesische Laterne unseren Sarkophag beleuchtet, den wir so gut als möglich gegen den Nachtwind verschließen. Ich habe meine beiden Reisegenossen an meinen Tisch geladen, meinen höchst drolligen kleinen Tisch, den sie selbst aus einem zerbrochenen Ruder und einem alten Brett gezimmert haben. Das Kommißbrot dünkt uns köstlich nach dem langen Marsch am Ufer; zur Erwärmung trinken wir siedenden Tee, den uns der junge Tum auf einem qualmenden Feuer von Sorgho bereitet, und jetzt, wo der Hunger gestillt ist und die türkischen Zigaretten ihre kleinen Zauberwolken verbreiten, spürt man ein fast häusliches Behagen in diesem elenden Nachtlager inmitten der grenzenlosen Finsternis.

Dann richten wir uns zum Schlafen ein, während die Dschunke weitergleitet und die Schiffszieher ihren gebeugten Gang fortsetzen und auf dem dunklen Pfad an den Sorghofeldern mit all ihren Überraschungen entlangstreifen. Tum, obgleich ein eleganter Chinese, wird sich mit seinen Landsleuten im Stroh des Schiffsraumes einnisten. Und wir, selbstverständlich völlig angekleidet und gestiefelt, die Waffen bei der Hand, strecken uns auf das schmale Feldbett in unserem Kämmerchen hin und betrachten die Sterne, die, sobald die Laterne erlischt, zwischen den Maschen unserer Matte hindurch am eisigen Himmel glitzern.

Von Zeit zu Zeit hallen Gewehrschüsse in weiter Ferne; nächtliche Dramen, in die wir wohl nicht verstrickt werden. Vor Mitternacht zweimaliges Anrufen durch einen japanischen und einen deutschen Wachtposten, welche die Dschunke anhalten wollen. Wir müssen aufstehen, unterhandeln und beim Schein der in Eile wieder angezündeten Laterne die französische Flagge und die Borten meiner Ärmel zeigen. Um zwölf Uhr nachts endlich machen unsere Chinesen das Schiff an einer Stelle des Ufers fest, die sie als ganz sicher bezeichnen; dann legen auch sie sich nieder. Und wir alle schlafen tief während der langen eisigen Nacht.

 
Dienstag, 16. Oktober

Aufstehen bei Morgengrauen, um unsere Leute zu wecken und weiterzufahren.

In kalter, prachtvoller Morgenröte steigt die Sonne am klaren rosigen Himmel empor und wirft ihre kalten Strahlen auf das Grün der Ebene und die öde Stelle, an der wir genächtigt haben.

Im Bedürfnis zu gehen, mich zu rühren, in einem unwillkürlichen Verlangen nach Bewegung und Ausschreiten, springe ich sofort an Land . . . O Graus! An einer Biegung des Pfades, auf dem ich drauflos schreite, ohne vor mich hinzusehen, trete ich beinahe auf etwas, das kreuzförmig daliegt: eine Leiche, nackt, mit fahlgrauem Fleische, auf dem Bauche liegend, die Arme ausgebreitet, halb im Schlamm steckend, dessen Farbe sie angenommen hat; Hunde oder Raben haben sie skalpiert, vielleicht sogar Chinesen, um ihr den Zopf zu stehlen, und ihr Schädel ist ganz weiß, ohne Haare und Haut . . .

Täglich wird es kälter, je mehr wir uns vom Meer entfernen und die Ebene sich in unmerklichen Steigungen erhebt.

Wie gestern, ziehen Dschunken hintereinander stromab vorüber, mit Militärtransporten besetzt, die von Soldaten aller Staaten Europas bewacht werden. Dann folgen wieder lange einsame Strecken, wo in dieser Gegend von Hirse und Schilf nichts Lebendes erscheint. Der trotz der strahlenden Sonne immer rauhere Wind ist gesund. Er weitet die Brust und verdoppelt augenblicklich die Lebenskraft. Auf dem endlosen schmalen Pfade, der nach Peking führt, schreitet man über den weißen Reif zwischen Sorghofeldern und Fluß ohne Anstrengung, ja mit einer gewissen Lust am Gehen, den stumpfen Chinesen voran, die, über die Leine gebeugt, unser schwimmendes Haus mit der Regelmäßigkeit einer Maschine ziehen.

Jetzt stehen vereinzelte Bäume an den Ufern, Weiden mit kräftig grünen Blättern von einer bei uns unbekannten Art; der Herbst scheint sie nicht berührt zu haben; ihre schöne Farbe sticht von dem Rostrot der Gräser und des welkenden Sorghos ab. Auch Gärten sieht man, verlassene Gärten um niedergebrannte Weiler; unsere Chinesen schicken jedesmal einen der ihren zum Plündern hin, und der bringt stets die Arme voller Gemüse für unsere Mahlzeiten in die Dschunke zurück.

Auch Osman und Renaud streifen durch die zerstörten Häuser und suchen Gegenstände, die ihnen zur Verschönerung unserer Wohnung dienlich scheinen: einen kleinen Spiegel, geschnitzte Schemel, Laternen, sogar Sträußchen von künstlichen Blumen aus Reispapier, die gewiß den Haarschmuck niedergemetzelter oder flüchtiger chinesischer Damen gebildet haben, und mit denen sie naiv die Wände unserer Kammer zieren. Dank ihrer Fürsorge gewinnt das Innere unseres Sarkophags bald das Ansehen einer barbarischen, komischen Sammlung.

Übrigens ist es erstaunlich, wie schnell man sich an dies so ganz primitive Leben auf der Dschunke gewöhnt, ein Leben gesunder Ermüdung, verzehrenden Appetits und tiefen Schlafes.

Heute gegen Abend beginnen tief unten am Horizont, am äußersten Ende dieser unendlichen Ebene, die Peking beherrschenden Berge der Mongolei in schwachen, ganz fernen Umrissen hervorzutreten.

Die heutige Abenddämmerung ist besonders unheimlich. Wir sind an einem Punkt, wo der gewundene Pei-ho, der von Stunde zu Stunde schmäler wird, bei jeder neuen Windung nur mehr wie ein Bach zwischen den schweigenden Ufern erscheint, wo man sich durch das Grasdickicht, das schauerliche Dinge birgt, wahrhaft beengt fühlt. Und jetzt erlischt der Tag in jenen kalten, toten Färbungen, wie sie den nordischen Winterabenden eignen. Alles, was an zerstreutem Licht übrigbleibt, sammelt sich auf dem Wasser, das heller schimmert als der Himmel; wie ein Eisspiegel wirft der Fluß das Gelb des Sonnenunterganges zurück; fast scheint es, als übertriebe er noch seinen düsteren Schein zwischen den umgekehrten Spiegelbildern des Schilfes, der eintönigen Sorghofelder und der wenigen, schon schwarzen Umrisse der Bäume. Die Abgeschiedenheit ist noch größer als gestern! Kälte und Schweigen senken sich auf die Schultern wie ein Leichentuch. Es liegt eine ergreifende Schwermut in dem langsamen Umsichgreifen der Nacht an dieser öden Stelle eines Landes ohne Zufluchtsstätte. Bang betrachtet man den letzten Widerschein des nahen Schilfes, der noch auf der Oberfläche dieses chinesischen Flusses schimmert, während vor uns die Dunkelheit die feindliche, unbekannte Ferne vollends verschleiert . . .

Glücklicherweise naht die Stunde des Abendessens, die ersehnte Stunde, denn wir sind sehr hungrig. In dem kleinen Schlupfwinkel, den wir jetzt schließen, finde ich das rote Licht unserer Laterne wieder, das treffliche Soldatenbrot, den von Tum aufgetragenen dampfenden Tee und die Lustigkeit meiner beiden wackeren Burschen.

Gegen neun Uhr überholen wir eine Gruppe mit Menschen beladener Dschunken. Es sind lauter Chinesen, wahrscheinlich Raubgesindel. Da ertönen Schreie hinter uns, Angst- und Todesschreie, die in dieser Stille entsetzlich klingen . . . Tum, der mit seinem scharfen Ohr hinhorcht, versteht, was dort gesprochen wird, und erklärt uns, daß die Leute im Begriffe sind, einen Greis zu töten, weil er Reis gestohlen hat . . . Wir sind nicht zahlreich genug und übrigens auch unserer Leute nicht so sicher, um einzuschreiten. Ich lasse nur in der Richtung der Schiffe zwei Schüsse abgeben, deren Knall inmitten der Nacht drohend schallt – und alles wird still, wie durch Zauberschlag; ohne Zweifel haben wir den Kopf dieses alten Reisdiebes gerettet, wenigstens bis morgen früh.

Dann ist Ruhe bis zum Tag. Um Mitternacht legen wir irgendwo im Schilf an und sinken in Schlaf, der nicht mehr gestört wird. Tiefe Stille und eisige Kälte unter den herabblinkenden Sternen. Einige Gewehrschüsse in der Ferne, aber wir sind daran gewöhnt, wir achten gar nicht darauf; sie wecken uns nicht mehr.

 
Mittwoch, 17. Oktober

Ich stehe bei Tagesgrauen auf, um mich auf dem Ufer im weißen Reif, im ersten rosigen Morgenschein und dann in der schönen hellen Sonne zu tummeln.

Die Dschunke muß einer weiten Windung des Flußes folgen, und so entschließen wir uns, den Weg zu Lande durch die endlosen Sorghofelder abzukürzen. Bei Sonnenaufgang kommen wir durch die Trümmer einer Ansiedlung, wo entsetzlich verkrümmte Leichen liegen; auf ihren geschwärzten Gliedern glänzt das Eis in kleinen Kristallen wie eine Salzschicht.

Als wir nach dem Mittagessen aus unserem halbdunklen Sarkophag treten, weisen meine Chinesen mit der Hand nach dem Horizont. Tung-tschau, die Stadt der himmlischen Reinheit, beginnt dort aufzutauchen: große schwarze Mauern, von Wachttürmen überragt, ein erstaunlich hoher, schlanker Turm von ganz chinesischem Umriß, mit zwanzig Dächern übereinander.

Das alles bleibt noch in der Ferne, der Vordergrund aber wird immer entsetzlicher. Aus einer gestrandeten Dschunke ragt der lange Arm eines Toten mit bläulich verwestem Fleisch hervor, und in der Strömung treibende Tierleichen ziehen hintereinander an uns vorüber, aufgequollen und nach Rinderpest stinkend. Auch wurde da drüben offenbar ein Friedhof geschändet, denn auf dem Schlamm der Uferböschung speien gesprengte Särge ihre Knochen und ihre Verwesung aus.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.