Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Pierre Loti >

Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectida0ce638e
Schließen

Navigation:

Nach Peking

Donnerstag, 11. Oktober 1900

Gegen Mittag, bei schönem, stillem, beinahe warmen Wetter und hell glitzerndem Meer, verlasse ich das Admiralschiff »Redoutable«, um mich im Auftrag nach Peking zu begeben.

Wir sind im Golf von Petschili, auf der Rhede von Taku, aber in solcher Entfernung von der Küste, daß man sie nicht sieht und nichts ringsumher China dem Auge verrät.

Die Reise beginnt mit einer Fahrt von wenigen Minuten in einer Dampfschaluppe, um an Bord des »Bengali« zu kommen, des kleinen Aviso, der mich heute abend an Land bringen wird.

Das Wasser ist unter der in diesen Breiten stets klar bleibenden Herbstsonne in sanftes Blau getaucht. Heute scheinen zufällig Wind und Wellen zu schlafen. Auf der weiten Rhede liegen, so weit das Auge reicht, die großen Panzerschiffe in unbeweglicher Reihe, wie in verhaltener Drohung. Bis zum Horizont nichts als Türme, Mastwerk, Rauchsäulen – das erstaunliche, internationale Geschwader, mit allen Trabanten, die es umschwärmen: Torpedoboote, Transportschiffe und eine Legion von Frachtdampfern.

Dieser »Bengali«, auf den ich mich für einen Tag einschiffe, ist eines der kleinen französischen Fahrzeuge, die ununterbrochen Ladungen von Truppen und Kriegsmaterial führen und seit einem Monat das beschwerliche und ermüdende Hin und Her zwischen den aus Frankreich ankommenden Transport- und Frachtschiffen und dem Hafen von Taku über die Sandbank des Pei-ho vermitteln. Heute ist er übervoll von tapferen Zuaven, die gestern aus Tunis eingetroffen sind und die heute sorglos und vergnügt dem düsteren chinesischen Boden zusteuern; sie stehen aneinandergedrängt auf der Brücke, Mann an Mann gepreßt, mit guten heiteren Gesichtern und weit geöffneten Augen – um endlich dies China zu sehen, das sie seit Wochen beschäftigt und das so nahe dort hinter dem Horizonte liegt . . .

Nach dem üblichen Zeremoniell muß der »Bengali« bei der Abfahrt am Heck des »Redoutable« vorüber, um dem Admiral den Salut zu leisten. Die Musik erwartet ihn am Heck des Panzers, um bei seinem Vorbeikommen einen jener Märsche zu spielen, die die Soldaten begeistern. Und als wir an dem großen Schiff vorüberfahren, fast in seinem Schatten, schwenken alle Zuaven – jene, die zurückkommen werden und jene, die sterben müssen – alle unter dem Klang der Trompeten ihre roten Mützen und begrüßen mit Hurra dies Schiff, das hier in ihren Augen das Vaterland verkörpert, und diesen Admiral, der oben auf seiner Kommandobrücke steht und zum Gruße sein Käppi zieht.

Ungefähr nach einer halben Stunde kommt China in Sicht.

Nie hat ein Gestade von abstoßenderer Häßlichkeit arme, neu angekommene Soldaten mehr überrascht und bestürzt. Eine flache Küste, ein grauer kahler Boden ohne Baum, ohne Gras. Und überall Forts von gewaltigem Umfang, ebenso grau wie der Boden; Massen von geometrischen Umrissen, von Geschützscharten durchbrochen. Niemals hat ein Land dem Herankommenden einen so ausgedehnten und drohenden Kriegsapparat entgegengestellt; auf beiden Ufern des scheußlichen Flusses mit dem schlammigen Wasser erheben sich die gleichen Forts, die den Eindruck eines uneinnehmbaren schrecklichen Ortes machen und zugleich andeuten, daß diese Mündung trotz ihrer elenden Umgebung von allergrößter Wichtigkeit ist, der Schlüssel eines großen Reiches und einer ungeheueren Stadt, furchtsam und reich – wie Peking es sein muß.

Aus der Nähe erkennt man tiefe Breschen in den Mauern der ersten beiden großen Forts, die von Granaten zersplittert, durchlöchert, geborsten sind, – Zeugen wütender, jüngst stattgehabter Kämpfe.

Bekanntlich schoß man am Tage der Einnahme von Taku aus unmittelbarer Nähe aufeinander. Durch einen merkwürdigen Zufall war eine vom »Lion« abgefeuerte Granate mitten in einem der Forts geplatzt und hatte die Explosion seiner riesigen Pulverkammer und eine Panik unter den gelben Kanonieren zur Folge. Da stürmten die Japaner dies Fort und eröffneten unerwartet das Feuer auf das gegenüberliegende, und alsbald begann die wirre Flucht der Chinesen. Ohne diesen Zufall, ohne diese Granate und diese Panik, waren alle im Pei-ho ankernden europäischen Kanonenboote unwiederbringlich verloren; die Ausschiffung der alliierten Kräfte wurde unmöglich oder zweifelhaft, und der Krieg erhielt ein anderes Gesicht.

Wir fahren jetzt in den Fluß ein und wühlen sein schlammiges, fauliges Wasser auf, in dem Unflat aller Art schwimmt, Leichen mit aufgetriebenen Leibern, Kadaver von Tieren und Menschen. Und in der sinkenden Abendsonne erblickt man an den beiden düsteren Ufern eine lange Reihe von Ruinen, eine trostlose Gegend in eintönigem Schwarz und Grau: Erde, Asche und verkohltes Gebälk. Nichts als geborstene Mauern, Trümmer und Schutt.

Auf diesem Flusse mit seinen verpesteten Wassern herrscht ein fieberhaftes Treiben, ein Gedränge, durch das wir uns nur mit Mühe hindurcharbeiten. Dschunken zu Hunderten, von denen jede die Farbe und am Heck in großen Lettern über Teufelsfratzen und chinesischen Inschriften den Namen der Nation trägt, in deren Dienst sie steht: France, Italia, United States usw., und eine zahllose Flotille von Schleppern, Barkassen, Kohlen- und Frachtschiffen.

Ebenso herrscht an den schauerlichen Uferhängen, auf der Erde und im Schlamm, zwischen den Trümmern und toten Tieren, ein ameisenartiges Getriebe. Soldaten aller Heere Europas, mitten unter einem Volk von Kulis, die mit dem Stock getrieben, Munition, Zelte, Gewehre, Packwagen, Maultiere und Pferde ausschiffen: ein nie gesehenes Durcheinander von Uniformen, Kanonen, Trümmern, Schutt und Heeresgut aller Art. Und ein eisiger Wind, der sich mit dem Abend erhebt, läßt uns um so mehr frösteln, als die Sonne am Tage noch immer wärmt, und bringt uns mit einem Schlage den traurigen Winter . . .

Vor den Trümmern eines Stadtteils, über dem die französische Fahne flattert, legt der »Bengali« an dem düsteren Ufer an, und unsere Zuaven gehen an Land, etwas verschüchtert durch den düsteren Willkomm, den ihnen China bietet. Während irgendeine Unterkunft für sie gesucht wird, zünden sie auf einem kleinen freien Platze Feuer an, die im Winde flackern, und wärmen daran in der Dunkelheit ihre karge Abendkost, ohne Lieder, stumm, unter den Wirbeln verpesteten Staubes.

Mitten in der wüsten Ebene, die uns diesen Staub, die Kälte, diese Windstöße sendet, dehnt sich die von Soldaten überschwemmte Stadt, zerstört und schwarz, überall nach Pest und Tod riechend.

Zweideutige Schenken umsäumen eine kleine Straße im Mittelpunkt der Stadt, die in wenigen Tagen aus Schlamm, Trümmern von Gebälk und Eisen hastig erbaut ist. Leute, von weiß Gott wo herbeigeeilt, Mestizen aller Rassen, verkaufen dort den Soldaten Absinth, gesalzene Fische und tötliche Schnäpse. Man betrinkt sich und zückt das Messer.

Außer diesem über Nacht entstandenen Stadtviertel besteht Taku nicht mehr. Nichts als Mauerwände, verkohlte Dächer, Aschenhaufen und unbeschreibliche Kloaken, in denen durcheinander Gerümpel, krepierte Hunde und behaarte Schädel faulen.

Ich schlafe an Bord des »Bengali«, dessen Kommandant mir Gastfreundschaft geboten hat. Vereinzelte Gewehrschüsse unterbrechen von Zeit zu Zeit die nächtliche Stille, und gegen Morgen wird unser Halbschlaf durch gräßliche Schreie gestört, die Chinesenkehlen am Ufer ausstoßen.

 
Freitag, 12. Oktober

Bei Morgengrauen aufgestanden, um die bis nach Tientsin und noch etwas darüber hinaus benutzbare Bahn zu besteigen. – Dann werde ich, da die Boxer die Strecke zerstört haben, meinen Weg, ich weiß noch nicht wie, in chinesischem Karren, in einer Dschunke oder zu Pferd fortsetzen und kann, wie ich höre, nicht darauf rechnen, vor sechs bis sieben Tagen die großen Mauern Pekings zu erreichen. Ich habe einen Dienstbefehl mit, der mir meine Feldration auf den Etappenstationen sichert; sonst liefe ich Gefahr, in diesem verwüsteten Lande Hungers zu sterben. Ich nehme so wenig Gepäck mit wie möglich, nur einen leichten Vorratskoffer, und einen einzigen Reisegefährten, meinen treuen, von Frankreich mitgebrachten Burschen.

Am Bahnhof, den ich gerade bei Sonnenaufgang erreiche, finde ich alle Zuaven von gestern wieder, den Tornister auf dem Rücken. Fahrscheine sind auf dieser Bahn nicht nötig: alles, was Militär ist, besteigt sie mit dem Rechte des Siegers. Unsere tausend Zuaven schachteln sich mit Kosaken und japanischen Soldaten in Wagen mit zerbrochenen Fensterscheiben ein, durch die der Wind bläst. Ich finde Platz bei ihren Offizieren – und bald erwachen bei uns in diesem düsteren Lande gemeinsame Erinnerungen an Afrika, woher sie kommen, und Heimweh nach Tunis und dem weißen Algier . . .

Eine Fahrt von zweieinhalb Stunden durch die öde Ebene. Zuerst nichts als graue Erde wie in Taku, dann Schilfrohr und Gräser, vom Froste verdorrt. Und überall riesige rote Flecken, wie Blutstreifen, die von den Herbstblumen einer Art Sumpfpflanze herrühren. Am Horizont dieser Wüste schwirren Wolken von Wandervögeln, die emporsteigen, in den Lüften treiben und wieder zur Erde sinken. Der Wind bläst aus Norden und es ist sehr kalt.

Bald aber bedeckt sich die Ebene mit Gräbern, zahllosen Gräbern, alle von der gleichen Gestalt, eine Art Kegel aus gestampfter Erde, jeder von einer Fayencekugel gekrönt; die einen klein wie Maulwurfshügel, andere groß wie Lagerzelte. Sie sind nach Familien geordnet und ihre Zahl ist Legion. Eine ganze Totenstadt ist es, die endlos an unseren Blicken vorüberzieht, immer wieder mit den gleichen roten Flecken, die ihr ein blutiges Aussehen geben.

Auf den Stationen sind die zerstörten Bahnhöfe von Kosaken besetzt; man sieht dort verkohlte, vom Feuer verbogene Wagen, von Kugeln durchlöcherte Lokomotiven. Übrigens wird garnicht angehalten, da nichts mehr da ist; die wenigen Dörfer, welche diese öde Gegend unterbrachen, liegen in Trümmern.

 

Tientsin! Es ist zehn Uhr früh. Erstarrt von Kälte steigen wir aus, von schwarzen Staubwolken umwirbelt, die der Nordwind unaufhörlich über dies dürre Land hinjagt. Chinesische Läufer bemächtigen sich unser sofort, und ohne noch zu wissen, wohin wir wollen, ziehen sie uns in ihren kleinen Wagen. Zunächst geht unsere Fahrt durch die europäischen Ansiedelungen (hier Konzessionen genannt), die wir durch eine Wolke von blendender Asche sehen. Sie bieten einen großstädtischen Anblick, aber alle diese fast luxuriösen Häuser sind heute von Granaten durchlöchert, geborsten, ohne Dach und Fenster. Die Ufer des Flusses gleichen hier, wie in Taku, einem fieberhaften Babel; Tausende von Dschunken bringen Truppen, Pferde, Geschütze an Land. Auf den Straßen, wo chinesische Arbeiter Kriegsmaterial in riesigen Ladungen befördern, begegnet man Soldaten aller Nationen Europas, Offizieren aller Waffen und aller Uniformen, zu Pferd, in chinesischen Karren oder zu Fuß. Und das militärische Grüßen hört auf der ganzen Fahrt nicht auf.

Wo wird man sein Haupt hinlegen? Man weiß es wirklich nicht, trotz des Wunsches nach einer Unterkunft bei diesem eisigen Winde und diesem Staube. Unsere chinesischen Läufer traben immerfort gerade vor sich hin, wie toll gewordene Tiere . . .

Wir klopfen an die Tore von zwei oder drei Gasthöfen, die sich in den Ruinen mit zusammengesuchten, zerbrochenen Möbeln wieder einrichten. – Alles ist voll, übervoll; auch für Gold könnte man keinen Hängeboden mit einer Matratze kriegen.

Und wohl oder übel muß man Tisch und Unterkunft von fremden Offizieren erbitten, die uns übrigens freundschaftlichste Gastlichkeit in den Häusern gewähren, deren Granatenlöcher hastig gegen den eindringenden Wind verstopft sind.

 
Samstag, 13. Oktober

Ich habe mich entschlossen, in einer Dschunke zu reisen, solange der Lauf des Pei-ho es gestattet. Die Dschunke ist eine gefundene Unterkunft in einem Lande, wo ich erwarten muß, nur Ruinen und Leichen zu finden.

Das erfordert aber eine Menge kleiner Vorbereitungen. Erstens eine Dschunke requirieren und auf ihr jene Art von Sarkophag einrichten lassen, in dem ich unter einem Mattendach wohnen soll; dann in den sämtlich mehr oder weniger geplünderten und zerstörten Läden Tientsins die für einige Tage des Nomadenlebens nötigen Dinge einkaufen, von den Decken bis zu den Waffen; und endlich bei den Lazaristen-Patres einen Chinesen zum Teekochen dingen –, den jungen Tum, vierzehnjährig, mit Katzengesicht und einem Zopf bis zur Erde.

Bei General Frey gespeist – der bekanntlich an der Spitze der kleinen französischen Abteilung als erster in das Herz Pekings, in die »Kaiserliche Stadt«, eingedrungen ist.

Er schildert mir im einzelnen diesen großen Tag, die Einnahme der »Marmorbrücke« und die Besetzung der »Kaiserlichen Stadt«, jener geheimnisvollen Stätte, die ich bald erblicken soll und die vor ihm kein Europäer betreten hat.

Betreffs meiner kleinen Expedition, die neben der seinigen so nichtig und nebensächlich erscheint, beunruhigt sich der General darüber, was ich und mein Diener unterwegs trinken werden, wo doch alles durch Leichen infiziert ist und das Wasser eine ständige Gefahr bildet, wo in allen Brunnen menschliche Überreste, von den Chinesen hineingeworfen, faulen –, und er macht mir ein unschätzbares Geschenk: eine Kiste mit Evianwasser.

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.