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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die letzten Tage von Peking

Peking, Mittwoch, 1. Mai

Gestern bin ich von meinem Besuche der Kaisergräber zurückgekehrt, nach einer wie im Nebel zurückgelegten Reise von dreieinhalb Tagen bei »gelbem Wind« und drückender, durch den Staub verdunkelter Sonne. Und so bin ich denn wieder in dem kaiserlichen Peking bei unserem Oberbefehlshaber und in meinem alten Zimmer im Nordpalast. Das Thermometer zeigte gestern 40° im Schatten; heute nur 8° (zweiunddreißig Grad Unterschied in vierundzwanzig Stunden); ein eisiger Wind treibt mit weißen Flocken vermischte Regentropfen vor sich her, und die nahen Berge über dem Sommerpalast tragen Schneestreifen. Und doch gibt es in Frankreich Leute, die sich über die Unbeständigkeit unseres Frühlings beklagen!

Nach Beendigung meines Ausfluges hätte ich sofort den Rückweg nach Taku und zum Geschwader antreten sollen; aber der General, der morgen den Stäben der alliierten Armeen ein großes Fest gibt, war so freundlich mich einzuladen und hierzubehalten, und so mußte ich nochmals an den Admiral telegraphieren und um eine Urlaubsverlängerung von wenigstens drei Tagen bitten.

Am Abend gehe ich mit dem Oberst Marchand auf dem freien Platz vor dem Palast der Rotunde auf und ab. Es ist stürmisch und kalt, und die Dämmerung sinkt früher als sonst unter den dahinjagenden, vom Winde zerfetzten Wolken. Zwischen ihnen erscheinen dort unten die Berge des Sommerpalastes mit ihrem grämlichen weißen Schnee, der von dem dunklen Hintergrund absticht . . .

Um uns herrscht das große Durcheinander des bevorstehenden Festes. Welch ein Gegensatz zu der Verwirrung von Kampf und Tod, die ich hierselbst im letzten Herbst gesehen habe! Zuaven und Chasseurs d'Afrique eilen lustig hin und her, schleppen Leitern, Vorhänge, Arme voll Blätter und Blumen. Die alten hundertjährigen Zedern rings um die schöne Pagode, die noch immer in Glasur, Lack und Gold erglänzt, sind in Fruchtbäume verwandelt; ihre fast heiligen Äste tragen tausende von gelben Lampions, die wie große Orangen aussehen, und von einer zur anderen schlingen sich Ketten, die lange Reihen chinesischer Laternen tragen.

Oberst Marchand hat sich selbst erboten, alles zu veranstalten. Und er fragt mich:

»Glauben Sie, daß es gut ausfällt? Glauben Sie wirklich, daß es aus der gewöhnlichen Banalität herausfallen wird? Denn sehen Sie, ich möchte es besser machen, als die anderen vorher . . .«

Die anderen, das sind die Deutschen, die Amerikaner, kurz, alle jene Alliierten, die schon vor den Franzosen Feste gegeben haben. – Und seit fünf oder sechs Tagen hat mein neuer Freund eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet, um seinen Gedanken zu verwirklichen und etwas noch nie Gesehenes zu machen, und dazu arbeitet er mit seinen Leuten, denen er seinen Eifer einzuflößen weiß, bis tief in die Nächte hinein und wendet für diese Lustbarkeit die gleiche Willenskraft auf, mit der er seinerzeit seine kleine tapfere Armee mitten durch Afrika geführt hat. Doch von Zeit zu Zeit verrät ein plötzliches Lächeln, daß er sich hier unterhält – und daß er es durchaus nicht tragisch nehmen würde, wenn Wind und Schnee, was immerhin möglich wäre, das von ihm erträumte Feenmärchen zunichte machten.

Nein, aber trotzdem ist dieses Wetter und diese Kälte verdrießlich! Was soll geschehen, da sich ja doch alles unter freiem Himmel auf den Terrassen des Palastes abspielen soll, wenn der Nordwind mit aller Gewalt darüber hinfegt? Und die Illumination, die gespannten Zeltdächer? Und die Damen, die in ihren Abendtoiletten frieren werden? . . . Denn es werden sogar Damen kommen – hier im Herzen der »gelben Stadt« . . .

Und siehe da, gerade kommt ein Stoß des Nordwindes, reißt eine Reihe von Lampen mit Perlenbehang von den Zweigen der ehrwürdigen Zedern und wirft eine Reihe von Blumentöpfen um, die bereits zu Hunderten dastehen, um diesen alten verwüsteten Gärten Leben zu verleihen.

 
Donnerstag, 2. Mai

Nach allen vier Ecken Pekings sind Boten mit der Anzeige ausgeschickt, daß das Fest des heutigen Abends auf Samstag verlegt ist, um den Sturm vorübergehen zu lassen. Ich mußte deshalb nochmals den Admiral telegraphisch um Verlängerung meines Urlaubs bitten. Für drei Tage war ich weggegangen, und ich werde fast einen Monat ausbleiben; ich trage jetzt Wäsche und Kleider, die ich mir hier und dort von Kameraden der Landarmee geborgt habe.

Ich habe die Ehre, heute mittag bei unserem Nachbarn in der »gelben Stadt«, dem Feldmarschall Graf Waldersee zu frühstücken.

In einem von den Flammen verschonten Teile seines Palastes liegt ein großer Saal mit Wänden aus eingelegter Arbeit und durchbrochenem Schnitzwerk. Dort ist die Marschallstafel gedeckt – lauter korrekte, zugeknöpfte, tadellos militärische Menschen inmitten der chinesischen Phantasterei eines solchen Rahmens.

Zum erstenmal im Leben setze ich mich mit deutschen Offizieren an einen Tisch. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich eine plötzliche Beklemmung empfinden würde, als Gast in ihrer Mitte zu erscheinen . . . Diese Erinnerungen von mehr als dreißig Jahren! Diese Erlebnisse eigner Art, die mir das schreckliche Jahr geschenkt hat! . . .

O dieser lange Winter von 1870, der mit Irrfahrten in einem kleinen schlechten Schiff im Sturmgebraus an den preußischen Küsten verlief! Damals war ich noch fast ein Kind und mußte in der Eiseskälte des Mastkorbes Wache halten. Wie oft erschienen da am schwarzen Horizont die Umrisse eines Schiffes, des »König Wilhelm«, das uns verfolgte und vor dem wir immer fliehen mußten, während seine Granaten zuweilen hinter uns ins eiskalte Wasser schlugen . . . Wie verzweifelt waren wir, uns in unserer unbedeutenden Rolle so unnötig geopfert zu fühlen, weitab in fremdem Meere! . . . Und alles erfuhr man erst mit langer Verspätung; so selten erhielten wir Nachrichten in den versiegelten Unheilsbriefen, die man nur zitternd öffnete . . . Und welche Wut erfüllte unser Herz bei jeder neuen Niederlage, jedem Berichte über deutsche Härte, – eine im Übermaß ihrer Heftigkeit vielleicht noch kindliche Wut, – und wie schworen wir uns, niemals zu vergessen! . . . Alles das erwacht in mir wirr durcheinander oder vielmehr in raschem Nebeneinander, als ich an der Tür dieses Speisesaals stehe, ja bevor ich noch den Fuß über die Schwelle gesetzt habe, schon beim Anblick der Pickelhauben, die vor dem Eingange hängen, und ich habe Lust, umzukehren.

Doch ich trete ein und alles das verschwindet, verschwimmt in der Ferne der Jahre: ihr Empfang, ihre Händedrücke und ihr freundliches Lächeln haben mir in einer Sekunde fast das Vergessen gebracht, zumindest ein Vergessen für den Augenblick . . . Übrigens scheint mir auch, daß zwischen ihnen und uns eigentlich keine Rassenantipathie besteht, die noch weniger zu versöhnen ist, als die bittere Erinnerung an einen Krieg.

Während des Frühstücks widerhallt der chinesische Palast, der nur gewohnt war, Gongs und Flötentöne zu hören, geheimnisvoll von den Melodien aus Lohengrin oder Rheingold, welche die Militärmusik in einiger Entfernung spielt. Der weißhaarige Marschall hatte die Liebenswürdigkeit, mir den Platz neben sich anzuweisen, und wie alle der Unsrigen, die die Ehre hatten, ihm näher zu treten, unterliege auch ich dem Zauber seiner edlen Vornehmheit, seines Wohlwollens und seiner Güte.

 
Freitag, 3. Mai

Rings um uns ist das ungeheure Peking, das sich wieder wie in früheren Tagen zu bevölkern beginnt, von Leichenbegängnissen erfüllt. Im letzten Sommer haben die Chinesen sich in ihrer Stadt umgebracht; heute begraben sie sich. Jede Familie hat die Leichen ihrer Toten, wie es Brauch ist, Monate lang im Hause behalten, in dicken Zedernholzsärgen, die den Verwesungsgeruch etwas abschwächten; täglich brachte man den Toten Mahlzeiten und Geschenke, steckte ihnen rote Wachskerzen an, spielte ihnen Musik vor, Gong oder Flöte, und lebte dabei noch immer in der Besorgnis, ihnen nicht genug Ehre angetan zu haben, ihrer Rache und ihren Behexungen ausgesetzt zu sein. Jetzt ist die Zeit ihrer Beerdigung mit einem Gefolge von einem Kilometer Länge, wieder mit Gongs und Flöten, mit unzähligen Laternen und vergoldeten Sinnbildern, die man um teures Geld leihen muß; endlich vergeudet man Unsummen für die Grabdenkmäler und Opferspenden und schläft nicht mehr aus Angst, daß sie wiederkommen. Ich weiß nicht, wer China so gut definiert hat: »Ein Land, wo einige Hunderte Millionen lebender Chinesen durch einige Milliarden toter Chinesen beherrscht und terrorisiert werden«. Das Grab – überall und in allen seinen Formen – ist das Einzige, dem man in der Ebene von Peking begegnet. Und all die Zedern-, Pinien- und Thujagehölze sind nichts als Totenhaine mit drei und vier Umfassungsmauern, jeder einzige meist nur einem einzigen Toten geweiht, der auf diese Art den Lebenden einen riesigen Platz entzieht.

Ein verewigter Lama, dessen Grab ich heute besuche, nimmt für sich allein zwei bis drei Quadratkilometer ein. In seinem Hain lassen die alten, kaum belaubten Bäume die chinesische Sonne hindurch, die nach dem gestrigen Schnee wieder gefährlich herniederbrennt. Im Mittelpunkt steht sein Mausoleum aus Marmor, eine Pyramide aus kleinen Figuren, eine Masse feiner weißer Skulpturen, die sich gegen den Himmel spindelförmig zuspitzen und in eine goldene Spitze auslaufen; hier und dort stehen unter den Zedern alte verfallende Tempel, die einst dem Gedächtnis dieses heiligen Mannes geweiht waren; sie bergen in ihrem Dunkel tausende vergoldeter Götzenbilder, die zu Staub zerfallen. Draußen ist der aschenartige Boden, den nie ein Fuß betritt, übersät mit harzigen Zedernäpfeln und den schwarzen Federn der Raben, die hier an diesem Orte des Schweigens zu Hunderten leben. Doch die Aprilsonne hat einige armselige violette Levkojen zur Blüte gebracht, wie im kaiserlichen Hain, und eine Menge kleiner gleichfarbiger Schwertlilien. Am Horizont, am Ende der grauen Ebene, erhebt sich die Zinnenmauer Pekings, die eine tote Stadt einzuschließen scheint und sich in unabsehbare Ferne verliert.

Alle Totenhaine, mit denen die Landschaft bedeckt ist, sind diesem gleich. Sie enthalten die gleichen alten Tempel, die gleichen Idole und die gleichen Raben.

Die Ebenen von Petschili sind ein riesenhafter Friedhof, wo jeder Lebende davor zittert, einen der zahllosen Toten zu beleidigen.

 

Peking wird selbstverständlich in dem Maße, als es sich wieder bevölkert, neu aufgebaut, aber hastig, mit den kleinen schwarzen Ziegeln der Ruinen, und die neuen Straßen werden ohne Zweifel niemals den Luxus der früheren Hausfronten mit ihrem Spitzenschmuck aus vergoldetem Holz wieder auferstehen sehen.

Die große Verkehrsader des Ostens durch die »Tartarenstadt« bewahrt noch am meisten den Charakter des alten Peking, und das Leben darin pulsiert wieder ameisenartig, fast bedrückend. Die eine französische Meile lange, fünfzig Meter breite Straße hat prachtvolle Verhältnisse, ist aber eingebrochen, durchfurcht und durchschnitten von heimtückischen Löchern und Kloaken, von tausenden von Bühnen, Hütten, aufgeschlagenen Zelten oder einfachen, in der Erde steckenden Sonnenschirmen versperrt. Da sind Hundefleischbrater, Theekocher, Leute, die ekelhafte Getränke oder entsetzliches Fleisch feilbieten, – alles auf prächtigem Porzellan mit farbenprächtigen Malereien; da sind Marktschreier, Wahrsager, Hanswürste, Musikanten, Märchenerzähler und -Erzählerinnen. Nur mühsam bewegt sich die Menge inmitten alles dessen und verzweigt sich tausendfach, um sich um alle die kleinen Buden und Bühnen hindurchzuwinden, wie das Wasser eines Flusses sich um Inseln teilt, und so herrscht ein unaufhörlicher wilder Strudel menschlicher Köpfe, von Staub und Schmutz geschwärzt. Geschrei, rauh oder kläffend, erhebt sich von allen Seiten in einem für unsere Ohren ungewohnten Tonfall, begleitet von Geigen, die auf Schlangenhäuten schrillen, vom Getöse der Gongs und dem Klingeln der Glöckchen. Die Karawanen aber mit ihren riesigen mongolischen Kamelen, die den ganzen Winter hindurch die Straßen mit ihren endlosen Zügen versperrt haben, sind samt ihren Führern mit den platten Gesichtern in die Einöden des Nordens verschwunden, denn sie fliehen die jetzt bald sengend werdende Sonne. Doch an ihre Stelle treten auf der für Tiere und Wagen bestimmten erhöhten Straßenmitte Reihen kleiner Pferde und Wagen, und überall hört man Peitschen knallen.

Und am Rand der Häuser breitet sich am Boden noch immer kilometerlang auf Schmutz und Trümmern genau wie im letzten Herbst, jener tolle Trödelmarkt aus, über den die Menge hinstampft: Überreste von so vielen Feuersbrünsten und Plünderungen, die man niemals ganz ausverkaufen wird, prachtvoll gestickte Kleider mit Blutflecken, Buddhas, Affen, Schmuckstücke, Perücken von Verstorbenen, ausgebrochene Vasen oder kostbare Bruchstücke von Nephrit.

Über all diesem wunderlichen Zeug und all diesem Lärm und Staub ist die Mehrzahl der Häuser im Gegensatz zur Armseligkeit der Menge mit Schnitzereien und Zieraten überladen, die aus dem vollen Holze fein herausgearbeitet und von unten bis oben fein vergoldet sind. Unermüdliche Künstler haben mit der uns verblüffenden chinesischen Geduld und Geschicklichkeit in das starke Zedernholz der Hausfronten Myriaden von kleinen Menschengestalten, Ungeheuern oder Vögeln unter Blumen oder Bäumen eingeschnitten, deren Blätter man zählen könnte. Die Vergoldung aller dieser winzigen Gegenstände, wenn auch stellenweise verblaßt, ist doch dank dem fast regenlosen Klima meist glänzend geblieben.

Und droben an den Bekrönungen, den geschweiften Simsen herrschen überall die vergoldeten Fabeltiere, welche die Zunge herausstrecken, höhnisch lachen und schielen und bereit scheinen, sich zum Himmel aufzuschwingen oder herabzustoßen, um die Vorübergehenden anzufallen.

Diese erstaunlichen Fassaden, die eine unberechenbare Summe menschlicher Arbeit darstellten und die aus Peking eine altchinesische, ganz vergoldete Stadt, ein unvergleichliches Museum von Holzschnitzarbeit machten, zu dessen Wiederherstellung die Menschen von heute niemals die Zeit hätten, brannten im vorigen Sommer bei den durch die Boxer angelegten großen Feuersbrünsten jeden Tag zu Hunderten nieder.

 
Samstag, 4. Mai

Heute abend soll das Fest, das unser General den Stäben der Alliierten gibt, bestimmt stattfinden.

Vorerst bis zum Einbruch der Nacht ist es ein französisches Fest: die Einweihung eines Straßenzuges in unserm Quartier, unserm Abschnitt, eines langen Straßenzuges von der Marmorbrücke bis zum Gelben Tor, dessen Ausführung dem Obersten Marchand übertragen war und das den Namen unseres Generals tragen soll. Peking hat seit der fernen, pomphaften Zeit, wo sein Netz gepflasterter Straßen gezogen wurde, niemals Ähnliches gesehen: eine freie, durchlaufende Straße, ohne Löcher und Gleise, auf der die Wagen im vollen Trab zwischen zwei Reihen junger Bäume daherfahren können.

Eine große Volksmenge drängt sich zu diesem Schauspiel. Zu beiden Seiten des neuen, frisch besandeten und noch leeren Fahrdamms, der von einem Ende zum anderen durch Pfähle und Seile abgesperrt ist, stehen alle unsere Soldaten und auch einige deutsche, die mit den unsrigen gute Nachbarschaft halten, und dahinter im Festkleide die Chinesen und Chinesinnen der Stadtgegend. Reizende drollige Kinder mit ihren bis zu den Schläfen sich ziehenden Katzenaugen stehen in vorderster Reihe dicht vor den gespannten Seilen; einige werden sogar von unseren Leuten in die Höhe gehalten, um besser zu sehen, und ein großer Zuave trägt zwei kleine Chinesinnen von drei bis vier Jahren, jede auf einer Schulter. Leute stehen auf den Dächern, mehrere unserer Kranken auf den Dachziegeln unseres Spitals, und Chasseurs d'Afrique haben sich reservierte Plätze auf dem gotischen Kirchturm erklettert, der mit seiner breiten, in der Luft flatternden Trikolore alles beherrscht.

Französische Flaggen wehen über allen chinesischen Türen und überall auf Stangen, zu Trophäen angeordnet, zwischen Lampions und Girlanden. Es ist wie unser »14. Juli«, nur etwas exotisch und fremdartig. Wäre es in Frankreich, so wäre die Ausschmückung lachhaft banal; hier im Herzen von Peking wird sie rührend und selbst großartig, besonders bei der Ankunft der Militärmusiken, als die Marseillaise ertönt.

Die Einweihung besteht einfach in einem Galopp, einer Art Attacke in Zugfront über den noch jungfräulichen Sand, die von allen französischen Offizieren vom Gelben Tor bis zum anderen Ende des Straßenzuges geritten wird. Dort erwartet unser General sie auf einer von den Soldaten mit grünen Girlanden geschmückten Estrade und kredenzt ihnen lächelnd Champagner. Dann werden die schwachen Schranken entfernt, die Menge strömt lustig herein, die katzenäugigen Kleinen beginnen ein Wettrennen auf dem schönen gewalzten Straßendamm, – und damit ist es aus.

Wenn wir alle nach Frankreich zurückgekehrt sind und Peking wieder ganz den Chinesen übergeben sein wird, die von der Straßenpflasterung die umstürzlerischsten Vorstellungen haben, dann ist zu befürchten, daß diese Avenue du Général Voyron, die sie doch anscheinend zu würdigen wissen, – nicht länger dauert als zwei Winter.

Acht: Uhr abends. In der langen Maidämmerung, die jetzt bald zu Ende geht, sind die seltsamen, mit Perlen behängten Glaslaternen und die Lampions aus Reispapier in der Form von Vögeln und Lotosblüten schon überall angesteckt – in den Zweigen der alten Zedern wie auf dem freien Platz vor dem Palast der Rotunde, den ich einst in einen so düsteren Abgrund von Trübsal und Stille getaucht sah . . . Heute nacht wird hier Bewegung, Leben und heiteres Licht herrschen. Schon ergehen sich in dem prächtigen Rahmen der beginnenden Illumination Leute im Festkleid, Offiziere aller europäischen Nationen und Chinesen in langen Seidenröcken, den offiziellen Hut mit den herabhängenden Pfauenfedern auf dem Kopfe. Ein Tisch für siebzig Personen ist unter den Zelten gedeckt, und wir erwarten die buntscheckige Menge unserer Gäste.

Von kleinem Gefolge begleitet, kommen sie aus allen vier Ecken Pekings heran, die einen zu Pferd, die anderen zu Wagen, auf chinesischen Karren oder auch in prächtigen Sänften. Sobald eine Persönlichkeit von Rang sich in dem bemalten und vergoldeten Tor der Rampe von unten zeigt, spielt ihr zu Ehren eine unserer Militärmusiken, die auf ihr Erscheinen gelauert hat, die Nationalhymne ihres Landes. Die russische Hymne folgt auf die deutsche, die japanische auf die österreichische und den Bersaglieri-Marsch. Wir bekommen sogar die chinesische Hymne zu hören, denn gerade wird pomphaft ein großes rotes Papier dahergebracht: die Visitenkarte Li-Hung- Tschangs, der unten ist und sich, wie es die Etikette erheischt, vor seinem Erscheinen anmelden läßt. Dann kommen, von ebensolchen Karten angesagt, der Oberste Richter von Peking und der Außerordentliche Vertreter der Kaiserin. Diese chinesischen Würdenträger, die unserem Feste beiwohnen werden, kommen in Galasänften mit Kavalleriebegleitung an, von einem Schwarm von Dienern in Seidengewändern gefolgt. Sie halten ihren Einzug mit verschlossener Miene und in sich gekehrtem Blick. Es war schwer, sie herzubringen! Aber der Oberst Marchand hatte mit Genehmigung unseres Generals seinen Ehrgeiz darein gesetzt, sie zum Erscheinen zu bewegen. Mitten unter unseren abendländischen Uniformen werden die Mandarinenröcke und die spitzen Hüte mit Korallenknopf immer häufiger, und ihre Anwesenheit bei diesem Feste der Barbaren mitten in der entweihten »Kaiserlichen Stadt« wird eine der merkwürdigsten Gegensätze unserer Zeit bleiben.

Eine Tischgesellschaft, wie man sie noch nie beisammen sah, hat ihre Füße auf die kaiserlichen Teppiche gesetzt, die wie dicker gelber Samt sind. Auch die obligaten Blumensträuße stehen in riesigen Cloisonnévasen von unschätzbarem Alter und Wert, die für einen Abend aus den Vorratskammern der Kaiserin hervorgeholt wurden. Am Ehrenplatz sitzt der Feldmarschall Graf Waldersee zur Seite der französischen Gesandtin, dann kommen zwei Bischöfe in violetter Soutane, Generäle und Offiziere der sieben verbündeten Nationen; fünf bis sechs helle Damentoiletten und endlich drei hohe Würdenträger Chinas, rätselhaft in ihren gestickten Seidengewändern, die Augen unter ihren Festhüten mit den überfallenden Federn halb verborgen.

Am Ende dieses seltsamen, alles auf den Kopf stellenden und entweihenden Mahles, als schon die Rosen in den großen kostbaren Vasen ihre Köpfe hängen lassen, wendet sich unser General am Schlusse seines Champagner-Trinkspruches an diese gelben Herrschaften und sagt:

»Ihre Anwesenheit unter uns beweist zur Genüge, daß wir nicht hierhergekommen sind, um China zu bekriegen, sondern ausschließlich eine verwerfliche Sekte, usw.« . . .

Der Vertreter der Kaiserin fängt den Ball mit der Geschicklichkeit des fernsten Asiens auf, und ohne daß ein Fältchen in seiner gelben Hofmaske zuckte, antwortet er, der im Innersten ein begeisterter Boxer war:

»Im Namen Ihrer kaiserlich-chinesischen Majestät danke ich den europäischen Generalen, daß sie gekommen sind, um unserem Reiche in einer der schwersten Krisen, die es je durchgemacht hat, hilfreich beizustehen.«

Kleine Verlegenheitspause – und die Gläser leeren sich.

Der freie Platz hat sich während des Banketts mit Uniformen und Goldstickereien erheblich bevölkert: es sind einige hundert zum Feste geladene Offiziere aller Waffengattungen und Farben. Und nachdem die Reihe der Toaste mit jener chinesischen Entgegnung ihr Ende gefunden hat, lehne ich mich an die Brüstung der Terrassen, um hier oben schon von weitem unseren Zapfenstreich mit Fackelbegleitung herannahen zu sehen.

Als ich das Zelt und das Dach der Zedernäste verlassen habe, die mich etwas einschlossen und die Aussicht versperrten, da ist es eine Überraschung und ein Entzücken, die Ufer des kaiserlichen Sees und diese große schwermütige und stille Landschaft, – in gewöhnlichen Zeiten, sobald es Nacht wird, ein Ort tiefster Finsternis, unheimlich und schwarz, über dem ewige Trauer zu schweben schien, – heute wie zu einer märchenhaften Apotheose erleuchtet zu sehen.

Überall waren unsere Soldaten versteckt, in den alten toten Palästen, in den alten, unter den Bäumen zerstreuten Tempeln, und binnen einer Stunde haben sie von allen Seiten die Glanzziegeldächer erklettert und zahllose rote Lampions angezündet, lange Lichterketten, die den zahlreichen Stockwerken der geschweiften Dächer folgen und diese ganze zopfige Architektur, die Phantastik dieser Warten und Türme abzeichnen. Ein Lichtsaum umzieht die Ufer des tragischen Sees, in deren Gräsern noch immer Leichen verborgen sind. Bis in die entlegensten Winkel, bis in seine schwärzesten Tiefen bietet dieser Geisterpark, in dem doch alles düster und zerstört bleibt, die Illusion eines Festes. Der alte Wartturm auf der Nephrit-Insel, der mit seinem scheußlichen Götzenbild in der Luft schlief, erwacht plötzlich, um Garben von Lichtfunken und blaue Raketen auszuspeien. Und die Gondeln der Kaiserin, die so lange unbeweglich dalagen und etwas schadhaft sind, bewegen sich heute nacht auf dem Seespiegel mit Lichtern behängt wie in Venedig. Ein Scheinbild von Leben erweckt für einen einzigen Abend alle diese Dinge, alle diese Gespenster von Dingen. Und nie, nie wird man das wieder sehen, wie es früher niemand gesehen hat.

Welch verwirrender Gegensatz zu allem, was ich im vergangenen Jahr von der Höhe dieser selben Terrassen herab zu betrachten pflegte, wenn die Herbstdämmerung fiel, als ich der einzige Bewohner dieses Palastes war! An den Ufern des Sees Gruppen im Ballkleid an Stelle der Leichen, meiner einzigen hartnäckigen Nachbarn vom vorigen Jahre, – die wohlverstanden noch alle dort liegen, aber ganz langsam tiefer und tiefer auf Nimmerwiederkehr in den Schlamm versunken sind. Und dieser weiche laue Maiabend an Stelle der eisigen Kälte, die mich erschauern ließ, sobald die riesige rote Sonne zu erlöschen begann!

Im Vordergrund, am Zugang zur Marmorbrücke, erstrahlt am nächtlichen Himmel goldschimmernd der große chinesische Triumphbogen mit seinen Teufelsfratzen, Hörnern und Krallen, durch eine Unmenge von Laternen zur Geltung gebracht. Und die hellerleuchtete Brücke, die den dunklen See überspannt, scheint im Glanz ihrer ewigen Weiße von innen heraus zu leuchten. Weiterhin taucht die ganze ironische Phantasmagorie der leeren Paläste und Pagoden aus dem Dunkel der Bäume und läßt zwischen den kleinen Lotosinseln ihre Feuerlinien im Wasser spielen.

Unsere fünfhundert Gäste haben sich überallhin verstreut. Sie stehen in vertraulichen Gruppen am Seeufer, unter dem Frühlingsgrün der Weiden oder längs der Marmorbrücke, oder auch in den kaiserlichen Gondeln. Jeder, der von den Terrassen der Rotunde herabsteigt, erhält einen bemalten Lampion an der Spitze eines Stockes, und alle diese farbigen Kugeln zerstreuen sich je nach dem Zufall der Wege und erscheinen bald in der Ferne wie ein Schwarm Glühwürmchen.

Von hier oben, wo ich stehen geblieben bin, erkennt man Damen in hellen Abendmänteln, die am Arm von Offizieren über die weißen Steinplatten der Brücke gehen oder am Heck der langen Barken der Kaiserin sitzen, die von Ruderern langsam bewegt werden . . . Und wahrlich, es ist ein unerwarteter Anblick, diese Europäerinnen, – fast alle, auch die, welche die Qualen der Belagerung durchgemacht haben, – sich hier so ruhig in Abendtoiletten ergehen zu sehen, inmitten der einst so abgeschlossenen und schrecklichen Residenz dieser Herrscher, die heimlich ihren Tod vorbereitet hatten! Jedenfalls hat der Ort seinen ganzen Schrecken verloren, und für den Augenblick hat selbst der unbestimmte Schauer ein Ende, den noch gestern die von den alten Bäumen und Ruinen erfüllte Ferne hervorrief. So viele Lichter, so viele Menschen, so viele Soldaten beleben diesen Hain bis in die entferntesten Winkel, daß alle Gespenster oder bösen Geister heute abend verschwinden mußten.

Jetzt hört man etwas wie ein näher kommendes Donnerrollen: es ist der Schall von etwa fünfzig Trommeln, die das Nahen des Zapfenstreichs ankünden. Der hat sich am Gelben Tor formiert, um die heute eingeweihte Straße einzuschlagen und sich vor uns am Fuß des Palastes der Rotunde aufzulösen. Jetzt erscheinen drunten am Anfang der Marmorbrücke die ersten Lichter seiner Vorhut, und nun betritt er den prächtigen weißen Bogen. Kavallerie, Infanterie, alle Musikkapellen scheinen aui uns zuzuströmen. Ihre Blechinstrumente und Trommeln schallen so laut, daß sie die Grabesmauern der »Violetten Stadt« erzittern lassen, – und über diesen tausenden von Soldatenköpfen wiegen sich buntfarbige Lämpchen von chinesischer Phantasie in Trauben und Garben auf langen Stangen, im Schritt der Pferde oder auch im Rhythmus menschlicher Schultern getragen.

Die Truppen sind vorüber, aber der Aufzug scheint noch nicht zu Ende. Auf die von unseren Kapellen gespielten Märsche folgt plötzlich ein anderer Lärm von schriller Fremdartigkeit, ein rasendes, nervenverwirrendes Getöse: Gongs, Klappern, Zimbeln und Glocken. Gleichzeitig heben sich riesengroße Standarten ab, gelb und grün, ganz geschlitzt, von völlig fremder Phantasie und ungewohnten Verhältnissen. Und über die schöne Marmorbrücke rücken Kompagnien langer, hagerer Menschen mit merkwürdigen Sprüngen, wie Bären sich wiegend: meine Stelzenläufer von Ytschau, von Lai-tschau-tschin, aus der Gegend der Kaisergräber, die mit größtem Vergnügen drei bis vier Tage unterwegs waren, um bei diesem französischen Feste mitzuwirken! Hinter ihnen, durch ein Crescendo der Gongs, der Zimbeln und der ganzen chinesischen Teufelsmusik begrüßt, kommen auch die großen Drachen, die zwanzig Meter langen roten und grünen Tiere. Man hat ein Mittel gefunden, sie von innen zu erleuchten; die roten und grünen Ungetüme scheinen heute abend weißglühend zu sein; über den Häuptern der Menge wogen und ringeln sie sich wie Schlangen aus Schwefel, glühende Schlangen aus irgendeinem Bacchanal der buddhistischen Hölle. In der mondlosen wolkenschweren Nacht zeichnet sich die vom Wasser wiedergespiegelte großartige Dekoration, das Bild der Paläste und Pagoden mit ihren vielfachen Dächern, ihren umgebogenen Ecken, noch immer durch rote Feuerlinien ab. Und der Wartturm der Nephritinsel, der hier alles beherrscht, sprüht nach wie vor seinen Funkenregen über seinen Felsensockel und die alten schwarzen Zedern aus.

Nachdem die großen Schlangen unter dem Getöse der Blechinstrumente und dem schrillen Ton der tartarischen Zimbeln vorübergezogen sind, strömt noch immer zu Füßen unseres Palastes eine Menschenflut über die Marmorbrücke, doch jetzt regelloser, mit wildem Gedränge, aus dem Stimmengetöse heraufschallt. Das ist der Rest unserer Truppen, die dienstfreien Soldaten, die dem Zapfenstreich gleichfalls mit Laternen, mit Trauben geschwenkter Lampions folgen und dabei aus voller Kehle die Marseillaise oder auch »Sambre-et-Meuse« singen. Arm in Arm mit ihnen die deutschen Soldaten, die diese Woge von Kraft und Jugend verstärken und aus voller Kehle in unsere alten französischen Lieder einstimmen . . .

Ein unwahrscheinliches babylonisches Festmahl mit Trinksprüchen chinesischer Würdenträger und einer deutschen Marseillaise! . . .

Mitternacht. Die Myriaden kleiner roter Lämpchen verlöschen an den Simsen der alten Paläste und verödeten Pagoden, an den Vorsprüngen der glasierten Dächer. Die gewohnte Dunkelheit und Stille legt sich allmählich wieder über den See und die Tiefen des kaiserlichen Haines, über die Bäume und Ruinen. Die chinesischen Würdenträger sind mit ihrem seidenen Gefolge unmerklich verschwunden und in ihren Sänften schleunigst aufgebrochen, weithin zu ihren Wohnungen durch die dunkle Stadt.

Und jetzt kommt die Stunde des Kotillons, – nach einem Ball, der gezwungenermaßen sehr kurz war, einem Ball, der eine Wette gegen die Unmöglichkeit schien; denn mit Mühe hatte man zehn Tänzerinnen für fast fünfhundert Tänzer aufgebracht, einschließlich eines reizenden zwölfjährigen Mädchens, einer Lehrerin, kurz, alles dessen, was Peking an Europäerinnen barg. Das Tanzfest findet in der schönen vergoldeten Pagode statt, die für heute abend zum Ballsaal umgestaltet ist, in diesem allzu weiten leeren Raume, unter den stets gesenkten Augen der großen alabasternen Göttin im goldenen Kleide, die im letzten Herbst in der völligen Einsamkeit dieses Palastes neben einer gewissen gelbweißen Katze meine einzige Gesellschaft war. Arme Göttin! Zu ihren Füßen ist heute abend ein Beet blühender Schwertlilien hergerichtet und der zerstörte Hintergrund ihres Altars ist mit prachtvoll gerafftem blauen Atlas verhängt, von dem ihre Gestalt sich in idealer Weiße abhebt, während ihr mit kleinen funkelnden Edelsteinen besäumtes Goldgewand lebhafter strahlt.

Mag auch dieses Heiligtum noch so hell erleuchtet sein, noch so erfüllt von Lampions in Form von Blumen und Vögeln, es bleibt doch ein allzu wunderlicher Ballsaal; in den Winkeln und vor allem droben in der vergoldeten Wölbung haftet die Finsternis. Und diese Göttin, die hier in allzu geheimnisvoller Blässe thront, wirkt peinlich mit ihrem Lächeln, das mitleidig über diese abendländischen Kindereien und Springereien gleitet, mit ihren stets gesenkten Blicken, die dies Treiben gleichsam nicht sehen wollen. Dies verlegene Gefühl ergreift sicher nicht mich allein, denn die den Kotillon anführende junge Dame eilt in irgendeinem plötzlichen phantastischen Einfall ins Freie, das Zubehör der begonnenen Tanzfigur – ein Tamburin – schwingend, und reißt die Tänzer und Tänzerinnen und alle überflüssigen Zuschauer mit sich fort. Der Tempel leert sich, und der arme vertriebene kleine Kotillon wirbelt unter freiem Himmel schleppend weiter und stirbt unter den Zedern des Platzes, den noch einige Laternen beleuchten.

Ein Uhr nachts. Die Mehrzahl der Gäste ist fortgegangen, denn sie haben im Dunkeln und zwischen den Ruinen noch Kilometer zu ihren Wohnungen zurückzulegen. Einige besonders treue »Alliierte« bleiben freilich noch am Büfett, wo der Champagner noch immer fließt, und bringen mit zunehmender Begeisterung Toaste auf Frankreich aus . . .

Der Palast, den ich noch für ein paar Stunden bewohnen werde, ist nur fünf- bis sechshundert Meter von hier auf der anderen Seite des Sees. Ich gehe allein und zu Fuß fort und bin schon auf der zum Lotossee herabführenden Rampe, als ich mich anrufen höre:

»Warten Sie auf mich, ich begleite Sie noch ein Stückchen, um mich zu erholen.«

Es ist Oberst Marchand, und so gehen wir denn zusammen über die weiße Marmorbrücke. Nacht und Stille haben ihr großes Leichentuch über alle Dinge der »Kaiserlichen Stadt« gebreitet, die wir für einen Abend mit Musik und Lichtern erfüllt hatten.

»Nun, wie war es?« fragt er mich. »Welchen Eindruck hatten Sie davon?«

Und ich antworte ihm, was ich wirklich denke, daß es ein Fest von seltsamer Pracht war, in einem Rahmen, den es nirgends wieder gibt.

Dennoch ist mein Freund Marchand heute nacht eher schwermütig. Wir sprechen kaum und verstehen uns mit halben Worten.

Die Wehmut der verrauschten Feste überfällt uns mit dem wieder eingetretenen Dunkel . . . Das plötzliche Versinken einer allerdings nichtigen Sache in die Vergangenheit, einer Sache jedoch, die uns ein paar Tage lang schwere Mühe gekostet und von den Sorgen des gewöhnlichen Lebens abgelenkt hatte: das ist das erste . . .

Aber noch ein anderes Gefühl erfüllt uns beide zu dieser Stunde, und wir teilen es uns fast wortlos mit, während unsere Schritte in der von Minute zu Minute feierlicher werdenden Stille auf den Marmorfliesen hallen. Uns ist, als ob dieser Abend den Sturz Pekings unwiederbringlich besiegelt – den Sturz einer Welt. Was auch geschehen mag, selbst wenn der seltsame asiatische Hof hierher zurückkehrt, was sehr unwahrscheinlich ist: mit Peking ist es vorbei, sein Zauber ist dahin, sein Geheimnis an Licht gebracht.

Und doch war diese »Kaiserliche Stadt« eine der letzten Zufluchtsstätten des Unbekannten und Wunderbaren auf Erden, eins der letzten Bollwerke uralter Kultur, unverständlich für uns und fast ein Märchen.

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