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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Peking im Frühling

Donnerstag, 18. April 1901

Der fürchterliche chinesische Winter, der uns für vier Monate aus dem vereisten Golf von Peking vertrieben hat, ist vorüber, und nun sind wir wieder auf unserm elenden Posten, mit dem Frühling zu den gelben schlammigen Fluten vor der Mündung des Pei-ho zurückgekehrt.

Heute teilt uns der drahtlose Telegraph durch eine im Mastwerk unseres »Redoutable« aufgefangene Reihe elektrischer Wellen mit, daß es in dem Palast der Kaiserin, den der Feldmarschall Graf Waldersee bewohnt, in der Nacht gebrannt hat und daß der deutsche Generalstabschef in den Flammen umgekommen ist.

Vom ganzen alliierten Geschwader sind wir die einzigen, welche diese Nachricht erhalten, und der Admiral gibt mir sofort Befehl, mich eiligst nach Peking zu begeben, um dem Marschall seine Teilnahme auszudrücken und ihn bei der deutschen Trauerfeierlichkeit zu vertreten.

Nur fünfundzwanzig Minuten habe ich für meine Vorbereitungen, für das Einpacken meiner großen und kleinen Uniform; das Boot, das mich ans Land bringen soll, würde bei längerem Warten in Gefahr kommen, die Flut zu verpassen und heute abend nicht mehr über die Sandbank zu kommen.

Der Frühling ist noch ungewiß, der Wind kalt, das Meer bewegt. Nach halbstündiger Fahrt betrete ich das Ufer des schrecklichen Taku vor dem französischen Viertel, wo ich die Nacht zubringen muß.

 
Freitag, 19. April

Die von den Boxern zerstörte Eisenbahn ist wieder hergestellt, und der Zug, den ich heute früh besteige, wird mich bis Peking bringen, wo er um vier Uhr nachmittags ankommen soll.

Eine gleichgültige Fahrt, grundverschieden von der, die ich zu Beginn des Winters in der Dschunke und zu Pferd gemacht habe!

Die Frühjahrsregen haben noch nicht begonnen; das gegen Kälte empfindliche Grün des Mais, des Sorgho und der Weiden, das im Verhältnis zu unserem Klima noch weit zurück ist und kaum aus dem dürren Boden sprießt, wirft einen zaghaften Schimmer über die chinesischen Ebenen, die mit grauem Staub bedeckt und schon von sengender Sonne verbrannt sind.

Und wie anders erscheint Peking jetzt als beim ersten Male! Vor allem kommen wir nicht mehr vor den übermenschlichen Wällen der »Tartarenstadt« an, sondern vor denen der »Chinesischen Stadt«, die weniger imposant und düster sind.

Und zu meiner großen Überraschung fährt der Zug durch eine ganz neue Bresche in dieser Mauer mitten in die Stadt hinein, und ich steige vor dem Tore des »Tempels des Himmels« aus! – Ebenso steht es anscheinend mit der Linie Pao-ting-fu: die babylonische Umwallung ist durchbrochen, die Bahn fährt nach Peking hinein und endet beim Tor des Kaiserlichen Viertels. – Welch unerhörten Umsturz wird dieser Himmlische Kaiser finden, wenn er jemals zurückkehrt: die Lokomotiven, die pfeifend durch die alte Hauptstadt der Unbeweglichkeit und Asche fahren! . . .

Auf dem Bahnsteig dieses improvisierten Bahnhofes herrscht ein fast fröhliches Leben; viele Europäer erwarten die aussteigenden Reisenden.

Unter den zahlreich versammelten Offizieren ist einer, den ich erkenne, ohne ihn je gesehen zu haben; unwillkürlich gehe ich auf ihn zu: Oberst Marchand, der bekannte Held, der im vergangenen November in Peking ankam, als ich es bereits verlassen. Gemeinsam fahren wir in einem Wagen nach dem französischen Hauptquartier, wo mir Gastfreundschaft geboten wird.

Dies Hauptquartier liegt aber eine französische Meile entfernt, immer noch in dem kleinen Nordpalast, den ich noch in der Zeit seines chinesischen Glanzes gekannt und dessen erste Umgestaltung ich mitgemacht habe. Der Oberst selbst wohnt ganz nahebei im Palast der Rotunde – und im Plaudern stellen wir fest, daß er sich unwissentlich genau das gleiche Gartenhaus erkoren hat, das mir in jenen Tagen des Lichtes und der Stille im Spätherbst als Arbeitszimmer diente.

Wir fahren auf der breiten Prunkstraße der Aufzüge und der Kaiser durch die dreifachen, in die roten Riesenmauern gebrochenen Tore mit ihren Warttürmen und Schießscharten über die Marmorbrücken, zwischen den großen Marmorlöwen mit ihrem scheußlichen Grinsen, zwischen den alten elfenbeinfarbigen Obelisken, auf denen phantastische Tiere hocken.

Und als unser Wagen nach den holperigen Wegen, dem Lärm und dem Getriebe endlich unbehindert über die breiten Steinfliesen in der verhältnismäßigen Einsamkeit der »Gelben Stadt« hinrollt, erscheint mir alle diese Pracht, die ich heute abend wiedersehe, mehr denn je überlebt: und ihre Zeit für immer abgelaufen. Das kaiserliche Peking mit seinem ewigen Staube erwärmt sich unter den Strahlen der Aprilsonne, ohne zu erwachen, ohne neues Leben nach dem langen eisigen Winter zu gewinnen. Kein Regentropfen ist noch gefallen: Staub am Boden, Staub in den Parks.

Die alten schwarzen bestaubten Zedern sind wie Mumien von Bäumen, während das Grün der eintönigen Weiden in der wie mit weißer Asche erfüllten Luft, unter der schrecklichen grellen Sonne kaum schüchtern zu sprießen beginnt. Und zu dem aus Licht und Wärme gewobenen Himmel steigen die stolzen Dächer und die goldgelben Fayence-Pyramiden empor, deren Alter und Verfall unter den Grasbüscheln und Vogelnestern immer mehr hervortritt. Die mit dem Frühling zurückgekehrten chinesischen Störche sitzen alle dort reihenweise auf den prächtigen Firsten der Paläste und den kostbaren Dachziegeln zwischen den Krallen und Hörnern glasierter Ungeheuer: kleine unbewegliche weiße Gestalten, halb verloren im blendenden Glänze des Himmels, wie in tiefes Sinnen versunken über die Zerstörung der Stadt, auf deren viele verödete Wohnungen zu ihren Füßen sie herabblicken . . . Wirklich, ich finde, daß Peking seit meiner Herbstreise noch gealtert ist, aber um ein bis zwei Jahrhunderte; der Sonnenglanz des Aprils drückt es noch mehr nieder und wirft es unwiederbringlich zu den endgültigen Ruinen; man fühlt das Ende ohne jede Möglichkeit einer Auferstehung.

 
Samstag, 20. April

Heute morgen um neun Uhr unter brennender Sonne wird das Leichenbegängnis des General Schwarzhof, eines der größten Feinde Frankreichs, stattfinden, der hier in diesem chinesischen Palast einen so plötzlichen Tod fand, während es seine Bestimmung schien, Chef des Großen Generalstabes der deutschen Armee zu werden.

Nicht der ganze Palast ist abgebrannt, sondern nur jener prachtvolle Teil, den der Marschall und er bewohnten, die Räume mit den unvergleichlichen Schnitzereien aus Ebenholz, und der mit Meisterwerken alter Kunst erfüllte Thronsaal.

Der Sarg ist in einem großen, vom Feuer verschont gebliebenen Saal aufgebahrt. Vor der Tür, unter der gefährlichen Sonne, steht der weißhaarige Feldmarschall; etwas niedergebeugt, bewahrt er doch seine außerordentliche Liebenswürdigkeit als Edelmann und Soldat und empfängt die Offiziere, die man ihm vorstellt: Offiziere aller Länder und aller Uniformen, die zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen, in Schlapphüten, in roßhaargeschmückten Helmen oder Federhüten herankommen. Schüchtern nähern sich auch chinesische Würdenträger, Menschen aus einer anderen Welt und man möchte sagen aus einem anderen Zeitalter menschlicher Geschichte. Auch die Herren der Diplomatie im Zylinderhut fehlen nicht; wie ein Anachronismus wirkt es, daß sie in den alten asiatischen Sänften ankommen.

Alles Chinesische in diesem Saale ist völlig verdeckt durch Zypressen- und Zedernzweige, die deutsche und französische Soldaten aus dem kaiserlichen Park geholt haben; sie verhüllen die Decke und die Wände, bilden eine grüne Streu am Boden und verbreiten Waldesduft um den Sarg, der unter weißem Flieder aus den Gärten der Kaiserin verschwindet.

Nach der Predigt eines lutherischen Geistlichen stimmen junge deutsche Soldaten hinter dem Grün einen Chor von Händel mit so frischen und klangvollen Stimmen an, daß man wie von himmlischer Musik gewiegt wird. Durch den großen Saal fliegen trauliche Tauben, die der Einbruch der Barbaren in ihren Gewohnheiten nicht gestört hat, ruhig über unsere Federbüsche und vergoldeten Helme hin.

Dann setzt sich der Zug unter den Klängen der Militärmusik längs des Lotossees in Bewegung. Zu beiden Seiten bilden Soldaten aller Nationen ein noch nie dagewesenes Spalier; Bayern folgen auf Kosaken, Italiener auf Japaner, usw. Unter allen diesen meist dunklen Uniformen stechen die roten Röcke der kleinen englischen Abteilung besonders hervor und spiegeln sich im See mit blutroten Streifen. Es ist nur eine ganz kleine Abteilung, neben den Abordnungen aller anderen Nationen beinahe komisch wirkend. Denn England war in China hauptsächlich durch indische Horden vertreten, und ein jeder weiß leider, mit welcher Art von Aufgabe seine Truppen jetzt anderswo beschäftigt sindIm Burenkrieg. . . .

Unter dem ermüdenden Widerschein der Vormittagssonne spiegelt das Wasser, das die Bilder dieser Soldaten umgekehrt zurückwirft, auch die großen verödeten Paläste, die marmornen Ufereinfassungen und die ganz am Rande im Grün verstreuten Fayencekioske wider, und hier und da anschließend die Lotospflanzen, die mit dem Frühling aus dem tiefen leichengedüngten Schlamm hervorsprießen und deren erste Blätter von rosig schimmerndem Grün aus dem Wasserspiegel emportauchen.

Der Zug hält vor einer dämmerigen Pagode, in welcher der Sarg vorläufig beigesetzt werden soll. Sie ist derart mit Blattwerk angefüllt, daß man anfangs in einen Garten von Zedern, Weiden und weißem Flieder zu treten glaubt. Bald aber unterscheiden die Augen hinter und über diesem Grün anderes, selteneres, prächtiges, schimmerndes Laubwerk, das die Chinesen einst in Form von Ahorn- und Bambusbüscheln für ihre Götter geschnitzt haben und das wie eine hohe goldene Hecke zu der goldenen Decke hinanstrebt.

Damit ist dieses seltsame Leichenbegängnis zu Ende. Die Gruppen teilen sich, nach Nationen gesondert, und verlieren sich bald in den heißen Alleen des Parkes, um zu den verschiedenen Palästen zu gehen.

In der Aprilsonne erscheint das Bild der »Gelben Stadt« tiefer und großartiger als je, und vor aller dieser gigantischen Künstlichkeit fühlt man sich wirklich verwirrt. Wie bewunderungswürdig war doch der Geist des chinesischen Volkes in den alten Zeiten! Inmitten einer dürren Ebene, einer Steppe ohne Leben, hat es diese Stadt von zwanzig Wegstunden im Umkreis mit ihren Wasserleitungen, Gehölzen und Bächen, ihren Bergen und großen Seen mit einem Schlage aus dem Nichts geschaffen, Waldestiefen und Seen am Horizont hervorgezaubert, um den Herrschern das Trugbild frischer Natur zu bieten! Und all das – so groß, daß man sein Ende nicht sieht – ist mit einer Mauer umgeben, von der übrigen Welt abgeschlossen, gewissermaßen hinter gewaltigen Wällen abgeschieden!

Was aber weder die kühnsten Baumeister noch die prunkliebendsten Kaiser schaffen konnten, das ist ein wirklicher Frühling in ihrem dürren Lande, ein Frühling wie bei uns, mit lauen Regen, mit dem üppigen Sprießen der Gräser, der Farren und Blumen. Keine Wiesen, kein Moos, kein duftendes Heu. Die Erneuerung der Natur zeigt sich hier kaum in mageren Weidenblättern, hier und da in Grasbüscheln oder in der Blüte einer Art violetter Levkoie im staubigen Erdreich. Erst im Juni wird Regen kommen, und dann ist es eine Sintflut, die alles überschwemmt . . .

Arme »Gelbe Stadt«, in der wir unter bleierner Sonne gehen und so vielen Menschen, so vielen bewaffneten Abteilungen, so vielen Uniformen begegnen, arme »Gelbe Stadt«, durch Jahrhunderte vor der Welt verschlossen, unverletzlicher Zufluchtsort der Bräuche und Heiligtümer der Vergangenheit, Ort des Glanzes, der Bedrückung und Stille! Als ich sie im Herbst sah, hatte sie noch das Aussehen der Verlassenheit, das zu ihr paßte; heute aber finde ich sie voll vom übersprudelnden Leben der Soldaten ganz Europas! Überall, in den Palästen, in den goldenen Pagoden, striegeln »barbarische« Reiter ihre Pferde oder lassen unter den Augen der großen träumenden Buddhas ihre Säbel klirren . . .

Heute sah ich in chinesischen Geschäften ein Lager jener geistreichen Tonfiguren, die eine Spezialität von Tientsin bilden. Bis zu diesem Jahre stellten sie stets Leute des Himmlischen Reiches aus allen Ständen und in allen Lebenslagen dar; jetzt aber sind sie von der Besatzung beeinflußt und geben die verschiedenen »Krieger des Abendlandes« wieder, deren Typen und Kleidung sie mit erstaunlichster Genauigkeit nachahmen. So haben diese scharf beobachtenden Künstler den Soldaten gewisser europäischer Nationen, die ich lieber nicht nennen will, den Ausdruck wilden Zornes verliehen und ihnen gezogene Säbel oder Knüttel, auch zum Hieb ausgeholte Peitschen in die Hand gedrückt.

Unsere Soldaten sind in ihren Feldmützen und mit ganz französischem Gesichtsausdruck, mit Bärten aus gelber oder schwarzer Seide dargestellt und tragen sämtlich chinesische Säuglinge zärtlich in den Armen. Die Stellungen sind verschieden, aber der Grundgedanke bleibt stets der gleiche; zuweilen umhalst ein kleiner Chinese den Soldaten und küßt ihn; oder der Soldat macht sich den Spaß, das lautlachende Kind in seinen Armen hüpfen zu lassen; oder er wickelt es sorgfältig in seinen Wintermantel . . . So ist also in den Augen dieser geduldigen Beobachter unser Soldat derjenige, der nach der Schlacht zum großen Bruder der kleinen Feindeskinder wird, während andere Soldaten die Bevölkerung nach wie vor mißhandeln und schlagen. Das also haben die Chinesen nach einigen Monaten engsten Zusammenlebens ganz allein herausgefunden, um die Franzosen zu kennzeichnen.

Man müßte in Europa diese verschiedenartigen Figürchen verbreiten: das wäre für uns im Vergleich zu anderen eine wirklich glorreiche, aus diesem Kriege heimgebrachte Trophäe –, und in Frankreich selbst würde das einer großen Zahl von Schwachköpfen den Mund stopfenWenige Tage danach wurden auf Befehl des Oberkommandos diese kleinen anklägerischen Statuetten aus dem Verkehr gezogen und die Modellformen vernichtet. Nur die Figuren der Franzosen blieben im Handel, und auch diese sind seitdem sehr selten geworden..

 

Im Laufe des Nachmittags besucht der Feldmarschall Graf Waldersee das französische Hauptquartier. Zuvorkommend wiederholt er – was übrigens wahr ist –, daß die Feuersbrunst beinahe ausschließlich durch unsere Soldaten gelöscht wurde – unter Führung meines neuen Freundes, des Obersten Marchand.

In der Tat stand der Oberst gegen elf Uhr abends sinnend auf der hohen Terrasse seines Palastes der Rotunde, von wo er gut sehen konnte, wie eine ungeheure, im Wasser sich spiegelnde rote Feuergarbe machtvoll aus diesen Massen von geschnitztem Ebenholz und feinem Goldlack emporschlug. Als erster langte er mit einer Abteilung unserer Soldaten an, und bis zum Morgen konnte er zehn französische Spritzen in Tätigkeit halten, während unsere Marine-Infanterie auf seinen Befehl den Feuerherd mit Beilhieben abtrennte. Außerdem ist es sein Verdienst, daß die Leiche des General Schwarzhof gefunden wurde, denn gerade auf den Platz, wo sie liegen mußte, ließ er fortwährend Wasserstrahlen richten, ohne die der Körper völlig verkohlt wäre.

Am Abend suche ich Monsignor Favier auf, der gerade von seiner Europareise zurückgekehrt ist, voller Vertrauen und Pläne.

Wie anders ist es seit dem Herbste in der »katholischen Konzession« geworden! An Stelle von Niedergeschlagenheit und Stille ist Leben und volle Tätigkeit getreten. Achthundert Arbeiter – fast ausschließlich Boxer, sagt mir der Bischof mit trotzigem Lächeln – arbeiten an der Wiederherstellung der Kathedrale, die von oben bis unten mit einem Gerüst aus Bambus umkleidet ist. Ringsum sind breitere Straßen angelegt, mit jungen Akazien bepflanzt und tausend Dinge in Angriff genommen, als hätte eine Ära ewigen Friedens begonnen und die Verfolgungen wären auf immer zu Ende.

Während ich mit dem Bischof in dem weißen Sprechzimmer plaudere, kommt der Feldmarschall. Natürlich spricht er von dem Brand seines Palastes, und mit seiner feinen Courtoisie sagt er zu uns, daß er von allen bei dieser Katastrophe verloren gegangenen Erinnerungen sein Kreuz der französischen Ehrenlegion am meisten bedauere.

 
Sonntag, 21. April

Nach Beendigung meines leichten Auftrages blieb mir nichts übrig, als auf den »Redoutable« zurückzukehren.

Doch gestern abend hatte der General die Freundlichkeit, mir anzubieten, noch einige Tage bei ihm zu verweilen. Er schlägt mir einen Besuch der Kaisergräber der herrschenden Dynastie vor, die ungefähr fünfzig französische Meilen südöstlich von Peking in einem heiligen Haine liegen und die vor diesem Krieg kein fremdes Auge erblickt hat und auch später gewiß nie mehr erblicken wird. Zu diesem Zwecke muß man vorher hinschreiben, um die Mandarine in Kenntnis zu setzen, vor allem aber die Kommandanten der auf dem Wege verteilten französischen Posten, so daß fast eine kleine Expedition zu organisieren ist. Ich habe daher den Admiral um zehn Tage Urlaub gebeten, den er mir freundlichst telegraphisch erteilt, und so bin ich denn wieder der Gast in diesem Palaste auf viel längere Zeit, als ich gedacht hatte.

Heute am Sonntag werde ich dem chinesischen Hochamte in der im Neubau begriffenen Kathedrale des Monsignor Favier beiwohnen.

Ich betrete die Kirche durch das linke Schiff, die Männerseite, während die ganze rechte Seite den Frauen vorbehalten ist.

Bei meinem Eintritt ist die Kirche schon überfüllt von knienden Chinesen und Chinesinnen, die gemeinsam und halblaut eine Art ununterbrochene Liturgie murmeln, die an das Summen eines riesigen Bienenstockes mahnt. Alle baumwollenen und seidenen Kleider hauchen einen starken Moschusduft aus und daneben den unerträglichen, undefinierbaren Geruch der gelben Rasse. Vor mir knien bis ans Ende der Kirche Männer gesenkten Hauptes, und ich blicke auf hunderte von Rücken, von denen lange Zöpfe herabhängen. Auf der Frauenseite sieht man Seidenstoffe in lebhaften Farben, eine grelle Buntscheckigkeit, und glatte schwarze Frisuren, glänzend wie poliertes Ebenholz, mit Blumen und Goldnadeln besteckt. – Und alle diese Menschen singen mit beinahe geschlossenem Munde wie im Traum. Ihre Andacht ist sichtlich und rührend, trotz des komischen Eindruckes der Gestalten. Diese Leute beten wirklich und scheinen es mit Demut und Inbrunst zu tun.

Und nun kommt das Schauspiel, dessentwegen ich mich offen gesagt hierher begeben hatte: das Verlassen der Kirche –, die einzige Gelegenheit, um einige der schönen Damen Pekings zu erblicken, denn sie zeigen sich nicht auf der Straße, wo nur die Frauen des niederen Volkes gehen.

Es waren wenigstens zwei- bis dreihundert elegante Damen, die jetzt langsam eine nach der anderen auf ihren zu kleinen Füßen und zu hohen Absätzen die Kirche zu verlassen beginnen. Was für sonderbar geschminkte Gesichtchen, welch eigentümlicher Staat tritt da durch die enge Pforte ins Freie. Dieser Schnitt der Hosen und der Überwürfe, diese gesuchten Formen und Farben, alles das muß tausend Jahre alt sein wie China selbst – und wie fern liegt uns das alles! Man glaubt Puppen aus früheren Jahrhunderten, aus einer anderen Welt zu sehen, die von alten Wandschirmen oder alten Porzellanvasen herabgestiegen sind, um Wirklichkeit und Leben in der schönen Sonne dieses Aprilmorgens anzunehmen. Man sieht chinesische Damen mit verkrüppelten Zehen in unglaublich kleinen spitzen Schuhen; ebenso spitz sind auch ihre steifen, gestärkten Zöpfe, die sich in ihrem Nacken wie Vogelschwänze erheben. Da sind tartarische Damen von jener eigenen Aristokratie, die man »die acht Banner« nennt; sie haben unverkünstelte Füße, aber ihre gestickten Pantoffel stehen auf stelzenhohen Absätzen; ihre Haare sind aufgelöst und wie ein Gesträhn schwarzer Seide auf ein langes Brettchen aufgehaspelt, das sie quer über dem Hinterhaupte tragen und das sie mit zwei wagrechten Hörnern schmückt, mit einer künstlichen Blume an jedem Ende.

Bemalt sind sie wie die Wachsköpfe bei den Friseuren, schneeweiß mit einem kleinen roten Fleck mitten auf jeder Wange. Man merkt, daß sie sich nur aus Etikette und Konvenienz so herrichten, ohne im mindesten auf die Illusion Rücksicht zu nehmen.

Sie plaudern und lachen leise; an der Hand führen sie reizende kleine Kinder, die in der Messe so artig waren wie Kätzchen von Porzellan, und die kunstvoll und höchst komisch frisiert und herausgeputzt sind. Viele sind hübsch, sogar sehr hübsch; beinahe alle haben ein zurückhaltendes, bescheidenes, vornehmes Wesen.

Dieser Ausgang aus der Kirche vollzieht sich ruhig, mit dem Anschein von Frieden und Freude, in der vollen Sicherheit der Umgebung, die noch vor so kurzer Zeit ein Ort des Mordens und Schreckens war. Die Tore der Einfriedungen stehen weit offen, und eine ganz neue, mit jungen Bäumen bepflanzte Straße zieht sich durch diese Ruinen, die noch vor kurzem die Stätte von Leichen gewesen sind. Vor dem Portal wartet eine Menge chinesischer Wägelchen mit schönen Überzügen aus Seide oder blauem Kattun auf schweren kupferverzierten Rädern, und alle diese Püppchen nehmen unter tausend Zeremonien darin Platz und fahren davon, wie von einem Feste . . . Wieder einmal haben die Christen Chinas gewonnenes Spiel und freuen sich dessen ganz offen – bis zur nächsten Schlächterei.

Heute um zwei Uhr spielt wie gewöhnlich an Sonntagen die Musik der Marineinfanterie im Hofe des Hauptquartiers –, im Hofe jenes Nordpalastes, den ich im eisigen Herbstwind mit seltsamen und prächtigen Trümmern angefüllt sah und der jetzt so gut ausgeräumt und gereinigt ist, mit dem ersten Aprilgrün auf den Zweigen seiner kleinen Bäume.

Dies Schattenbild eines französischen Sonntags stimmt mich eher traurig. Das Gefühl des Verbanntseins, das man hier niemals verliert, wird noch durch die armselige Musik erhöht, die beinahe ohne Zuhörer bleibt, zu der weder geputzte Frauen noch fröhliche Kinder kommen, sondern nur zwei bis drei Trupps herumschlendernder Soldaten oder ein paar Kranke oder Verwundete aus unserem Lazarett mit jungen blassen Gesichtern, die ein Bein nachziehen oder auf Krücken humpeln.

Trotzdem hat man bisweilen ein gewisses Heimatsgefühl bei dieser Musik; dies Kommen und Gehen von Zuaven, Marinesoldaten und Krankenschwestern bildet schließlich ein Stückchen Frankreich. Und dann erhebt sich über die mit Glas verschlossenen Galerien, die mit ihren Säulchen und ihrer Fremdartigkeit den Hof des Hauptquartiers umrahmen, der gotische Turm der nahen Kirche. Auf seiner Spitze weht die Trikolore hoch oben im blauen Himmel, alles beherrschend und unser kleines improvisiertes Vaterland mitten in dieser Heimstätte der chinesischen Kaiser beschützend.

 

Welche Veränderung in diesem Nordpalaste, seit ich ihn im letzten Herbst verlassen!

Mit Ausnahme des für den General und seine Offiziere vorbehaltenen Teiles sind alle Galerien und alle Nebengebäude in Lazarettsäle für unsere Soldaten verwandelt. Dazu eignete sich alles vorzüglich durch die von Höfen getrennten, auf hohen Granitsockeln stehenden Gebäude. Jetzt sind über zweihundert Betten für unsere armen Kranken darin aufgeschlagen, die hier herrlich untergebracht sind und dank den Glaswänden dieser phantastischen Paläste Licht und Luft in Fülle haben. Und die guten Schwestern in der weißen Haube trippeln hier- und dorthin, bringen Arzneitränke und weißes Leinen – und das freundliche Lächeln.

Das kleine Sprechzimmer der Oberin – eines alten Fräuleins mit feinem vertrockneten Gesicht, die erst kürzlich für ihre stets wunderbare Haltung während der Belagerung das Kreuz der Ehrenlegion vor der Front unserer aufgestellten Truppen erhalten hat –, dies kleine weißgetünchte Sprechzimmer ist typisch und reizend mit seinen sechs chinesischen Sesseln, dem chinesischen Tisch, den zwei chinesischen Aquarellen von Blumen und Früchten an der Wand – den bescheidensten und einfachsten Gegenständen aus den sardanapalischen Vorräten der Kaiserin. Und am Ehrenplatze thronend, steht eine große Madonna aus Gips zwischen zwei chinesischen Vasen voll weißen Flieders.

Der weiße Flieder! In all den ummauerten Gärten dieses Palastes sieht man prächtig blühende Büsche; der Flieder allein deutet hier fröhlich den April an, den wirklichen Frühling unter der schon brennenden Sonne, – man kann sich denken, welche Freude es für die guten Schwestern ist, ihren Muttergottesbildern und ihren Heiligen auf den kleinen naiven Altären ganze Sträucher davon zu weihen.

Alle diese Wohnungen von Mandarinen oder Gärtnern, die sich bis weithin unter die Bäume ziehen, habe ich in größtem Durcheinander mit sonderbarem Krimskrams und scheußlichem Unflat angefüllt und von Leichengeruch verpestet erlebt: jetzt finde ich sie sehr sauber, schneeweiß getüncht, ohne jede Spur von etwas Unheimlichem. Die Nonnen haben sich hier niedergelassen, da eine Waschküche, dort eine Küche für kräftige Krankensuppen, anderswo eine Wäschekammer eingerichtet, wo Stöße von Bettüchern und Hemden für die Kranken, die neuen frischen Wäschegeruch ausströmen, wohlgeordnet in Gestellen auf reinem weißen Papier liegen . . .

Übrigens bin ich ja wie der einfachste unserer Matrosen oder Soldaten sehr geneigt, mich durch den bloßen Anblick der Haube einer Krankenschwester anheimeln und erfreuen zu lassen. Das ist ohne Zweifel eine bedauernswerte Lücke in meiner Einbildungskraft – aber ich würde vor der Frisur einer Laienschwester gewiß weniger Respekt haben.

Außerhalb unseres Hauptquartiers ist der Sonntag an diesen für Peking unerhörten Tagen auch durch die Menge von Soldaten aller Armeen gekennzeichnet, die sich auf den Straßen bewegen.

Die Stadt ist in Zonen eingeteilt, deren jede einer der Besatzungsmächte zugewiesen ist, und zwischen den verschiedenen Zonen herrscht gar kein Verkehr; höchstens unter den Offizieren, bei den Soldaten fast nie. Eine Ausnahme bilden nur die Deutschen, die hin und wieder zu uns und umgekehrt kommen; und sicher wird es einer der unleugbarsten Erfolge dieses Krieges sein, zwischen den Angehörigen zweier Heere eine gewisse Sympathie hergestellt zu haben; darauf aber beschränken sich die internationalen Beziehungen unserer Truppen.

Der Frankreich zugewiesene Teil Pekings, der mehrere Kilometer im Umkreis hat, ist von den Boxern während der Belagerung am stärksten zerstört. Er enthält die meisten Ruinen und verödeten Stadtteile, aber auch die, wo Leben und Vertrauen sich zuerst wieder zeigten. Es sind unsere Soldaten, die sich am nettesten mit den Chinesen und den Chinesinnen, selbst den Kindern, befreunden. Unter all diesen Leuten haben sie sich Freunde gemacht; das sieht man gleich an der vertraulichen Art, wie man ihnen entgegenkommt, anstatt vor ihnen zu fliehen.

In diesem französischen Peking hat auch das kleinste Häuschen jetzt eine kleine Trikolore als Schutz auf seine Mauern aufgepflanzt. An den Türen vieler Häuser sieht man sogar ein Plakat von weißem Papier, das der Gefälligkeit irgendeines unserer Soldaten zu danken ist und auf dem in großen kindlichen Lettern geschrieben steht: »Hier sind Chinesen unter französischem Schutze«, oder auch: »Hier sind lauter chinesische Christen«.

Und das kleinste Kind, ob angezogen oder ganz nackt und nur mit einem Band und einem Zopf bekleidet, hat gelernt, uns, wenn wir vorübergehen, freundlich lächelnd den militärischen Gruß zu erweisen.

 

Bei Sonnenuntergang kehren die Soldaten nach Hause zurück, und die Kasernen werden geschlossen. Stille und Finsternis überall.

Heute ist die Nacht besonders dunkel. Gegen zehn Uhr verlasse ich mit einem meiner Kameraden von der Landarmee das Hauptquartier. Eine Laterne in der Hand, gehen wir durch das finstere Labyrinth. Anfangs werden wir bisweilen von Schildwachen angerufen; später begegnen wir nur noch verängstigten Hunden und schreiten durch Trümmer, Kloaken und elende Gäßchen mit scheußlichem Leichengeruch.

Ein Haus von höchst verdächtigem Aussehen ist das Ziel unseres Ganges . . . Die am Auslug stehenden Torwächter zeigen unser Kommen durch einen langen, unheimlichen Schrei an, und wir treten durch gewundene dunkle Gänge ein. Mehrere kleine Zimmer, eng und niedrig, von qualmenden Lampen spärlich erhellt, sind jedes nur mit einem Diwan und einem Lehnstuhl ausgestattet; die erstickende Luft ist mit Opium und Moschus durchtränkt. Der Wirt und die Wirtin haben die Körperfülle und die patriarchalische Freundlichkeit, die zu solcher Behausung passen.

Ich bitte aber, sich nicht zu täuschen: dies ist ein Gesanghaus (eine der ältesten chinesischen Einrichtungen, die schon zu verschwinden beginnt), und man kommt nur hierher, um in Wolken einschläfernden Rauches Musik zu hören.

Zaudernd lassen wir uns in einem der engen Zimmer auf einer roten Matratze mit roten Kissen nieder, deren Stickerei natürlich scheußliche Tiere darstellt. Die Reinlichkeit ist zweifelhaft, und der allzustarke Geruch belästigt uns. An den mit Tapeten beklebten Wänden hängen Aquarelle mit Bildern seliger Weiser zwischen Wolken. In einem Winkel tickt scharf eine alte deutsche Wanduhr, die wenigstens hundert Jahre in Peking hängen mag. Schon beim Eintreten ist es uns, als umnebelte sich unser Geist inmitten so vieler schwerer Opiumträume, die auf diesem Diwan geträumt wurden und unter den Balken der bedrückenden schwarzen Decke gefangen geblieben sind. Und das ist ein Ort eleganter Feste für Chinesen, eine verbotene Stätte, zu der vor dem Kriege kein Europäer um schweres Gold Zutritt gefunden hätte.

Wir lehnen die großen giftgefüllten Pfeifen ab, die man uns anbietet, und zünden uns türkische Zigaretten an. Die Musik beginnt.

Zuerst tritt ein ausgezeichneter Guitarrespieler auf, wie man ihn nur in Granada oder Sevilla wiederfinden würde. Auf seinen Saiten läßt er unendlich traurige Lieder erschallen.

Dann ahmt er zu unsrer Kurzweil auf der gleichen Guitarre den Lärm eines vorübermarschierenden französischen Regimentes nach: den gedämpften Trommelklang und unsern »Zuaven-Marsch«, als würde er in der Ferne von Trompeten geblasen.

Endlich erscheinen drei kleine Weiblein, blaß und dick, die uns klagende Terzette im Mollton vorsingen, deren Traurigkeit zu den Träumen des schwarzen Rauches paßt. Doch bevor sie zu singen beginnen, tritt die eine der drei, der Stern, eine wunderliche, kleine, aufgeputzte Gestalt mit einer Blumenkrone aus Reispapier, wie die Göttinnen sie tragen, auf den Spitzen ihrer verkrüppelten Füße auf mich zu, reicht mir auf europäische Weise die Hand und sagt auf französisch mit einem etwas kreolischen Akzent und nicht ohne eine gewisse vornehme Sicherheit: »Bonsoir, colonel! . . .«

Das war gewiß das letzte, was ich erwartet hatte! Wirklich, die Besetzung Pekings durch unsere französischen Truppen wird ungeahnte Früchte tragen . . .

 
Montag, 22. April

Die Vorbereitungen meiner Reise zu den Kaisergräbern ziehen sich in die Länge. Nach den ins Hauptquartier gelangten Antworten ist das Land seit einigen Tagen weniger sicher; Boxerbanden sind in der Provinz wieder aufgetaucht, und man erwartet neue Nachrichten, bevor man mich abreisen läßt.

So bin ich denn in der heutigen brennenden Frühjahrssonne ausgegangen, um mir die von den Chinesen geschändeten christlichen Friedhöfe noch einmal anzusehen.

Die Verwüstung ist die gleiche geblieben. Es ist noch immer das gleiche Chaos von marmornen Grabplatten, verstümmelten Sinnbildern und umgestürzten Grabsteinen. Die wenigen menschlichen Überreste, zu deren Vernichtung die Boxer vor ihrem Abzug keine Zeit fanden, liegen noch an der gleichen Stelle; keine fromme Hand hat gewagt, sie von neuem zu bestatten, denn nach chinesischer Anschauung hieße es, die erlittene Schmach anerkennen, wenn man sie wieder in die Erde bettete: bis zur Stunde völliger Genugtuung müssen sie hier liegen, um nach Rache zu schreien. Nichts an diesem Orte des Greuels ist verändert, außer daß es nicht mehr friert, daß die Sonne brennt und daß hier und da auf dem staubigen Boden gelber Löwenzahn oder violette Levkoien blühen.

Bei den großen Brunnen, die mit den Leichen der Gemarterten angefüllt waren, hat die Zeit ihr Werk begonnen: die Märtyrer sind ausgedörrt; der Wind hat Erde und Staub über sie gebreitet; sie bilden nur noch eine einzige kompakte graue Masse, aus der indes noch Hände, Füße oder Schädel hervorragen.

Aber in einem dieser Brunnen, auf dieser Art Kruste aus Leichen, die etwa einen Meter hoch über den Boden ragt, liegt der Leichnam eines armen kleinen chinesischen Kindes, mit einem armseligen zerrissenen Hemdchen bekleidet und in einen Fetzen roter Wolle eingewickelt; – eine ganz frische Leiche, vielleicht kaum erstarrt. Offenbar ein kleines Mädchen, denn nur für die Töchter haben die Chinesen diese schreckliche Verachtung. Unsere Krankenschwestern lesen alle Tage längs der Straßen kleine Mädchen auf, die auf Düngerhaufen geworfen sind und noch atmen. Dies arme Kind wurde wahrscheinlich noch lebend hierher geworfen, vielleicht weil es krank oder mißraten oder ein Zuviel in der Familie war. Es liegt auf dem Bauche mit gekreuzten Armen und Puppenhändchen. Die Nase, aus der Blut geronnen ist, liegt auf schrecklichen Leichenresten; ein Flaum wie bei jungen Spatzen klebt an seinem Nacken, auf dem Fliegen herumkriechen.

Armes kleines Geschöpf in seinen roten Wollfetzen, mit den kleinen ausgestreckten Händchen! Armes kleines verdecktes Gesicht, das niemand mehr umdrehen wird, um es vor der Verwesung noch einmal zu betrachten! . . .

 

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