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Die letzten Tage von Peking

Pierre Loti: Die letzten Tage von Peking - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPierre Loti
titleDie letzten Tage von Peking
publisherPaul Aretz Verlag
addressDresden
year
firstpub
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100603
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Bei Confucius

Nach Verlassen der gespenstischen Lamas bleibt uns noch eine halbe Stunde Licht, und wir gehen zu Confucius, der im selben Viertel wohnt – in derselben Totenstadt, möchte man sagen, und in ebenso düsterer Verlassenheit.

Das große wurmstichige Tor fällt beim Öffnen aus den Angeln und bricht zusammen, während eine Eule, die hier schlief, erschreckt davonfliegt. Wir befinden uns in einer Art von Totenhain und schreiten über das gelbe herbstliche Gras, zwischen alten saftlosen Bäumen.

Zunächst erblicken wir in diesem Hain einen Triumphbogen: die fromme Widmung irgend eines verstorbenen Kaisers für den großen Denker Chinas. Bei aller fremdartigen Wunderlichkeit sind seine Linien reizend; drei Glockentürme krönen ihn mit ihren geschweiften gelben Fayencedächern, die an allen Ecken mit Ungeheuern verziert sind. Er hat nichts Ähnliches in der Welt. Er steht ganz für sich wie ein kostbarer Kunstgegenstand, den man irrtümlich unter Ruinen versetzt hat, und inmitten des allgemeinen Verfalles überrascht sein frischer Zustand. In der Nähe jedoch verrät manche altertümliche Einzelheit und eine kaum wahrnehmbare Abnützung sein hohes Alter. Er ist aus beinahe ewigen Stoffen erbaut, die unter diesen regenlosen Himmelsstrichen selbst dem Staube der Jahrhunderte trotzen: weißer Marmor am Sockel, dann bis oben hinauf Fayence, gelb und grün, mit Reliefschmuck von Lotosblättern, Wolken und Fabeltieren.

Weiter rückwärts erscheint ein großer Rundbau, dessen Erd- oder Aschenfarbe auf hohes Alter schließen läßt; er ist von einem Graben umgeben, in dem Lotosblätter und Schilf welken. Das war eine Stätte der Weisen, wo sie zurückgezogen über die Eitelkeit des Lebens nachsinnen konnten, und der breite Graben hatte den Zweck, sie abzusondern und sie noch schweigsamer zu machen.

Der Weg führt über die Wölbung einer Marmorbrücke, deren Geländer Köpfe von Ungeheuern andeuten. Im Innern tiefster Verfall und Verlassenheit; alles scheint geborsten, zerbröckelt, und die noch vergoldete Decke ist voller Vogelnester. Eine einst prächtige Kanzel, ein Lehnstuhl und ein Tisch ist alles, was übrig blieb. Über das alles ist wie mit Schaufeln eine Art ganz feiner Erde ausgestreut, die auch den Boden bedeckt; der Fuß sinkt ein, und die Schritte sind lautlos in dieser überall gleichmäßig lagernden Erdschicht, unter der man aber alsbald noch Teppiche entdeckt. Es ist nichts, als der seit Jahrhunderten angehäufte Staub, der dicke Staub, den der Wind der Mongolei ununterbrochen über Peking hinweht.

Schreitet man im welken Grase unter den alten vertrockneten Bäumen weiter, so gelangt man zum Tempel selbst, in dessen Hof hohe Marmorsteine stehen. Das Ganze gemahnt an einen Friedhof, aber Tote ruhen nicht unter diesen Steinen, die nur ihr Andenken verewigen sollen. Die Namen von Philosophen, die in vergangenen Jahrhunderten diesen Ort durch ihre Gegenwart und ihre Gedanken verherrlichten, von tiefen, für uns ewig dunklen Denkern, leben hier in den in die Steine gegrabenen Sätzen ihrer transzendentalsten Gedanken wieder auf.

Zu beiden Seiten der zum Heiligtume führenden weißen Stufen sind Marmorblöcke in Form von Tam-Tams aufgestellt – Altertümer aus schwindelnd ferner Vorzeit, auf denen Lebensregeln, die nur für wenige höchst gelehrte Mandarine verständlich sind, in altchinesischen Schriftzeichen stehen, die Zeitgenossen und Geschwister der ägyptischen Hieroglyphen waren.

Dies ist der Tempel der Abgeschiedenheit, der Tempel des abstrakten Denkens und der eiskalten Forschung. Schon beim Eintritt wird man von seiner völligen Einfachheit gepackt, auf die uns China bisher nicht vorbereitet hatte. Sehr weiträumig, sehr hoch, sehr großartig und eintönig blutrot, liegt er in prachtvoller Leere und erhabener Ruhe. Rote Säulen und rote Mauern mit einigen zurückhaltenden Goldornamenten, über die Zeit und Staub ihren Schleier gebreitet haben. In der Mitte ein Strauß riesiger Lotosblumen in einer ungeheuren Vase – sonst nichts. Nach der ausschweifenden Verschwendung, die mit Götterbildern und Ungeheuern getrieben wird, nach dem Überwuchern menschlicher oder tierischer Formen in den gewöhnlichen chinesischen Pagoden ist dies Fehlen jeder Figur tröstlich und beruhigend.

In einer Reihe von Nischen stehen Denksteine, rot wie alles an diesem Orte, zum Gedächtnis noch hervorragenderer Persönlichkeiten als in dem Eingangshofe, mit Weisheitssprüchen, die von ihnen stammen. Und im Mittelpunkt dieses strengen Pantheons nimmt, wie auf einem Altar stehend, das Denkmal des Confucius den Ehrenplatz ein, größer als die anderen und mit längeren Inschriften.

Eigentlich ist dies kein Tempel, denn er hat nie Gottesdienst noch Gebete gesehen; eher eine Art Akademie, ein Saal für Versammlungen und kalte philosophische Gebräuche. Trotz allen Staubes und anscheinender Verlassenheit sind die Neuerwählten der Pekinger Akademie (die ungleich mehr als die unsere eine Erhalterin der Formen und Riten ist) anscheinend heute noch verpflichtet, sich hierher zurückzuziehen und einen Vortrag zu halten.

Außer den Grundsätzen der Entsagung und Weisheit, die das Denkmal des Confucius von oben bis unten bedecken, hat er diesem Heiligtum noch einige Gedanken über die Wissenschaft hinterlassen, die in goldenen Lettern auf Tafeln hier und dort wie Bilder an den Wänden hängen.

Ich übersetze einen dieser Sprüche für die jungen Gelehrten des Abendlandes, die sich hauptsächlich mit Klassifizierungen und Untersuchungen abgeben. Sie werden darin eine verehrungswürdige Antwort finden, die mehr als zweitausend Jahre älter ist, als irgend eine ihrer Lieblingsfragen:

»Die Wissenschaft der Zukunft wird die Wissenschaft des Mitleides sein.«

Gegen fünf Uhr verlassen wir diese Tempel, diese Gräser und Ruinen, und die trübe rötliche Herbstsonne versinkt soeben dort hinter dem ungeheueren China, nach dem fernen Europa zu. Ich trenne mich von meinen heutigen Begleitern, denn sie wohnen im Gesandtschaftsviertel im Süden der »Tartarenstadt« und ich weit von hier in der »Kaiserlichen Stadt«.

In den Labyrinthen und der Einsamkeit Pekings fehlt mir jede Kenntnis des Weges, um aus diesen abgestorbenen Stätten herauszufinden, in denen wir den Tag verbracht und die ich nie vorher gesehen hatte. Zum Führer habe ich einen mir beigegebenen »Mafu« (chinesisch für Läufer), und ich weiß nur, daß ich über eine Wegestunde zu gehen habe, um mein prunkhaftes und einsames Lager zu erreichen.

Nachdem meine Freunde fort sind, schreite ich noch eine Weile durch die Stille der alten menschenleeren Gassen, dann gelange ich bald in breite, schier endlose Straßen, in denen blaue Kattunkleider und gelbe Gesichter mit langen Zöpfen zu wimmeln beginnen. Kleine ganz niedrige Häuser, trübselig und grau, stehen in endloser Reihe zu beiden Seiten des Straßendammes, in dessen mürbem schwarzen Staube die Schritte der Pferde verpestete Wolken aufwirbeln.

So niedrig sind diese Häuser und so breit die Straßen, daß der dämmernde Himmel sich frei über uns wölbt, und die Kälte nimmt nach Sonnenuntergang so schnell zu, daß alles wie von Minute zu Minute erstarrt.

Bisweilen drängt sich das Gewimmel dichter um die Lebensmittelbuden. Widriger Gestank strömt von den Fleischbänken für Hundefleisch oder aus den Bratküchen für Heuschrecken. Und doch, wie gutmütig ist im ganzen genommen all dieses Volk auf der Straße, das mich kurz nach den Beschießungen und Kämpfen ohne einen feindlichen Blick vorüber läßt! Und doch: was vermöchte ich mit meinem geborgten »Mafu« und meinem Revolver, wenn mein Gesicht ihnen nicht gefiele?

Dann sind wir wieder eine Zeitlang ganz einsam zwischen Trümmern, mitten in öden zerstörten Stadtvierteln.

Ich orientiere mich nach dem blassen Golde des Abendhimmels und glaube, daß der eingeschlagene Weg der richtige ist; wenn mein Mafu indes nicht verstanden hätte, wohin ich will, wäre ich vollkommen ratlos, denn er spricht nur chinesisch.

Dieser Rückweg in der Abendkälte dünkt mir endlos.

Schließlich aber heben sich drunten die grauen Umrisse des künstlichen Berges der kaiserlichen Gärten vom Himmel ab, und ich erkenne die Gartenhäuschen aus Fayence und die alten verkrümmten Bäume, die sich wie auf kunstvollen, in Lack gemalten Landschaften gruppieren. Und da ist auch die blutrote Mauer und eines der gelben Emailtore der »Kaiserlichen Stadt« mit zwei Schildwachen der alliierten Armeen, die vor mir präsentieren. Hier kenne ich mich wieder aus, hier bin ich zu Hause und verabschiede meinen Führer, um allein die »Gelbe Stadt« zu betreten, aus der man ihn übrigens zu dieser Stunde nicht mehr heraus ließe.

Die »Kaiserliche Stadt« oder die »Gelbe Stadt« oder die »Verbotene Stadt«, die, von so fürchterlichen Mauern umgeben, mitten in dem ungeheuren Peking hinter babylonischen Umwallungen liegt, ist übrigens viel mehr ein Park, als eine Stadt, ein Wald von uralten düsteren Zypressen und Zedern, zwei bis drei Stunden im Umkreis; darin ragen zwischen den Bäumen ein paar uralte Tempel neben neuen Palästen, die den Launen der Kaiserin-Regentin ihr Dasein verdanken. Dies weite Gehölz, in das ich heute abend trete wie in mein Heim, ist in keinem früheren Zeitpunkt der Geschichte je durch Fremde entweiht worden; selbst die Gesandten haben nie seine Tore durchschritten. Bis in diese letzten Tage war es den Europäern unzugänglich und gänzlich unbekannt geblieben.

Diese »Gelbe Stadt« umgibt mit einem schirmenden Gürtel der Stille und des Schattens die noch geheimnisvollere »Violette Stadt«, den Sitz der Söhne des Himmels, die hier im Mittelpunkte ein beherrschendes Viereck bildet, das durch Gräben und doppelte Wälle behütet ist.

Und welche Stille hier zu dieser Stunde! Welch unheimliche Verlassenheit an diesem Ort! Jetzt schwebt der Tod über diesen Alleen, die einst Prinzessinnen in Sänften, Kaiserinnen mit seidengeschmücktem Gefolge sahen. Seit die gewohnten Gäste die Flucht ergriffen und die »Barbaren des Abendlandes« ihren Platz einnehmen, begegnet man niemandem mehr in diesem Walde, außer von Zeit zu Zeit einer Patrouille, einem Militärposten einer der verbündeten Mächte. Und man hört nichts mehr, als den Schritt der Schildwachen vor den Palästen und Tempeln, höchstens noch den Schrei der Raben bei irgend einer Leiche und das scheußliche Bellen der Hunde, die an den Toten nagen.

Zunächst habe ich einen Bezirk zu durchschreiten, wo nur Bäume stehen, Bäume von wirklich chinesischer Verschnörkelung, deren Anblick hinreichen könnte, um das Gefühl und die Beklemmung des Verbanntseins hervorzurufen. Unter diesen Bäumen setzt sich der Weg fort, unheimlich und plötzlich verdunkelt durch das alte Astwerk, das die Dämmerung fast zur Nacht macht. Auf dem kurzen, herbstlich welken Grase hüpfen verspätete Elstern, hüpfen auch in schwarzem Kreis vor dem Aufbäumen, Raben mit immer lauterem Gekrächze, unheimlich inmitten der Kälte und Stille. Und dort unten zerren Hunde in einer Art Lichtung, auf die noch ein Lichtschein fällt, einen langen Gegenstand umher, der menschliche Gestalt hat. Nach dem Zusammenbruch sind die Verteidiger der »Gelben Stadt« in dies Gehölz gekommen, um hier irgendwo zu sterben, und es war nicht möglich, sie alle aufzulesen . . .

Eine Viertelstunde später taucht die »Violette Stadt« auf, deren eine Ecke sich bei einer Wegebiegung vor mir erhebt. Langsam tritt sie hervor, stumm und geschlossen wie immer, wie ein ungeheures Grab. Ihre langen geraden Mauern über den grasverwachsenen Gräben verlieren sich in unklare, schon dunkle Weiten. Beim Näherkommen scheint die Stille noch zuzunehmen, als würde sie noch verdichtet und ausgebrütet in ihrer furchtbaren Umwallung – die Stille und der Tod.

Jetzt beginnt eine Bucht des Lotossees sichtbar zu werden, wie ein zwischen dem Schilf liegender heller Spiegel, der den letzten Himmelsschein widerstrahlt. Ich gehe dicht am Ufer entlang bis zur Nephritinsel, zu der eine Marmorbrücke hinüberführt – und im voraus kenne ich die mich täglich angrinsende wilde chinesische Grimasse der zwei Ungeheuer, die diese Brücke hüten, an der sie seit Jahrhunderten kauern.

Endlich trete ich aus dem bedrückenden Schatten der Bäume; der Lotossee breitet sich ganz vor mir aus und gibt den weiten dämmernden Himmel frei, der sich nun wieder über mich wölbt. In seiner eisigen Leere entzünden sich die ersten Sterne, und eine jener Nächte beginnt, die man hier, inmitten dieser eigenartigen Gegend von Peking, in einem Übermaß von Vereinsamung und Stille verbringt – während von Zeit zu Zeit ferne Gewehrschüsse die tragische Ruhe der Paläste und Bäume stören.

Der Frost naht; man fühlt sein Kommen an der Schärfe der Luft, die das Gesicht peitscht.

Der Lotossee, dessen Wasser früher nicht zu sehen waren, denn sie mußten in der Blumenzeit ein wunderbares Feld rosiger Kelche sein, wie es die Dichter Chinas besingen, ist heute zu Ende Oktober nur ein trauriger, mit rötlichen Blättern bedeckter Sumpf, von dem in dieser Abendstunde ein winterlicher Nebel aufsteigt, wie eine Wolke, die über welkes Schilf hinzieht.

Meine Wohnung liegt am anderen Ufer des Sees, und ich überschreite die große Marmorbrücke, die ihn in prachtvollem Bogen überspannt, der trotz der herabsinkenden grauen und schwarzen Schatten noch weiß leuchtet.

Wie erwartet, steigt plötzlich Leichengeruch in der eisigen Luft auf. Seit einer Woche kenne ich den, der ihn mir schickt: in blauem Kleide, die Arme ausgestreckt, die Nase im Uferschlamm, zeigt er seinen Nacken mit gespaltenem Schädel. Ebenso errate ich seinen Kameraden, der zehn Schritte weiter, den Bauch in der Luft, in dem unheimlichen Dickicht der Gräser liegt.

Sobald ich die schöne, einsame Marmorbrücke und die blasse Nebelwolke, die über dem Wasser liegt, hinter mir habe, bin ich auch schon gleich bei meiner Wohnung. Links kommt erst ein Fayenceportal, das zwei deutsche Posten bewachen – zwei lebende Wesen. Ich bin nicht böse, sie bald auf meinem Wege zu treffen, und wenn sie noch etwas sehen, werden sie automatisch präsentieren. Hier ist der Eingang zu den Gärten, in deren Hintergrund der Feldmarschall Graf Waldersee einen Palast der Kaiserin bewohnt.

Zweihundert Meter weiter, nachdem ich noch andere Portale und Trümmer durchschritten habe, werde ich zu einer neuen Bresche in einer alten Mauer gelangen: der Zugang zu meiner Wohnung, von einem französischen Soldaten, einem Chasseur d'Afrique, bewacht. Noch ein anderer Palast der Kaiserin liegt dort tief verborgen hinter Mauern und verliert sich unter Bäumen, ein zierlicher Palast, ganz aus Schnitzwerk und Glas. Dann aber werde ich eine Glastüre öffnen, die mit rosa Lotosblumen bemalt ist, und mein allabendliches Feenmärchen wiederfinden – unter prachtvoll geschnitzten Bögen aus Ebenholz und auf gelben Teppichen, im Glanz unschätzbarer Porzellane, Cloisonné- und Lackarbeiten und kaiserlicher Seide mit goldgestickten Fabelwesen . . .

Es ist schon fast Nacht, als ich in meine Wohnung zurückkehre. Die unterirdischen Öfen sind bereits wie jeden Abend geheizt, und eine angenehme Wärme beginnt vom Boden aufzusteigen und dringt durch die dicken goldgelben Teppiche. Jetzt fühle ich mich schon heimisch, behaglich und bequem in diesem Palaste, der uns am ersten Tage so tödlich anmutete.

Ich speise wie gewöhnlich mit meinem Kameraden C . . . an dem kleinen Ebenholztisch, der etwas verloren in der langen, ins Dunkel verlaufenden Galerie steht. C . . . hat am Tage neue prachtvolle Kunstgegenstände entdeckt und hier aufstellen lassen, damit wir uns wenigstens einen Abend lang an ihnen ergötzen.

Da ist zunächst wieder ein Thron von einem uns ganz unbekannten Stil; Wandschirme von riesigen Maßen auf Ebenholzfüßen, mit glitzernden Vögeln geschmückt, die unter phantastischen Blumen mit Affen kämpfen; Armleuchter, die seit dem 18. Jahrhundert in ihren mit gelber Seide ausgeschlagenen Behältern schlummerten und die jetzt, an den durchbrochenen Bögen hängend, auf unsere Köpfe wie ein Regen von Perlen und Schmelz herabfallen, – und so noch viele andere unbeschreibliche Dinge, die seit heute den Überfluß unserer Reichtümer an Kunstgegenständen des fernsten Ostens vermehren.

Aber wir genießen heute zum letztenmal unsere Galerie in ihrer Unberührtheit und Tiefe; morgen muß zunächst die Mehrzahl dieser Kunstgegenstände, die unser Auge entzückten, etikettiert und aufbewahrt werden, und dann wird dieser Flügel des Palastes durch leichte Scheidewände getrennt, um Wohnungen und Büros für den Generalstab abzugeben. Nur ein einziger wohnlicher Salon bleibt dem General vorbehalten, der hier den Winter zubringen soll. – Das alles muß Kapitän C . . . besorgen, der hier Architekt aus dem Stegreif und oberster Intendant ist, während ich als zeitweiliger Gast nur beratende Stimme habe.

So haben wir denn heute zum letztenmal das Bild und den Höhepunkt unserer kurzen kaiserlichen Phantasmagorie vor uns, und so bleiben wir am Abend länger beisammen als gewöhnlich. Da wir den kindlichen Einfall hatten, uns einmal in asiatische Prunkgewänder zu kleiden, strecken wir uns auf goldenen Kissen aus und rufen das Opium zu Hilfe, das günstig auf die schon etwas müde und blasierte Einbildungskraft einwirkt, die uns leider nur noch geblieben ist . . . Ach! wie magisch wäre uns doch einige Jahre früher die Einsamkeit dieses Palastes ohne Hilfe jedes Narkotikums erschienen! . . .

Natürlich ist es ausgezeichnetes Opium, dessen Rauch in kleinen Spiralen rasch in die Höhe steigt und sofort die Luft mit schwülem Duft erfüllt. Nach und nach wird es uns in die chinesische Extase wiegen, wir werden vergessen, uns leicht fühlen, federleicht und jung.

Tiefste Stille draußen, denn der Militärposten ist weitab und ohnedies eingeschlafen; tiefste Stille, verlassene Höfe, über denen der Frost liegt, und schwarze Nacht. Die Galerie, deren Enden sich in unbestimmtem Dunkel verlieren, wird immer wärmer; die Hitze aus den unterirdischen Öfen wird schwül zwischen diesen Wänden aus Glas und zusammengeklebtem Papier, die zwar zu schwach wären, um uns vor Überraschungen von außen zu schützen, aber die Säle so hermetisch verschließen, daß man sich durch die Wohlgerüche vergiften kann.

Weich auf dicke Seidenkissen hingestreckt, sehen wir die Decke und die Reihe der Bögen mit ihrem spitzenfeinen Schnitzwerk und die herabhängenden Laternen mit ihrem Perlengeriesel vor unseren Blicken verschwimmen. Goldene Fabelwesen glänzen hier und da gedämpft auf den grünen und gelben Seidenstoffen mit ihren schweren Falten. Die hohen Schutzwände und Wandschirme aus Cloisonné, Lack oder Ebenholz, der größte Luxus in China, bilden überall Winkel, erlesene und geheimnisvolle Verstecke mit Porzellan, Bronzen und Ungeheuern, die mit ihren Nephritaugen auf uns schielen . . .

Tiefste Stille. Nur in der Ferne fällt von Zeit zu Zeit einer jener Schüsse, die hier allnächtlich die Stille unterbrechen, oder auch ein Alarmschrei, ein Schrei der Verzweiflung – Scharmützel zwischen europäischen Posten und chinesischem Gesindel, oder Schildwachen, die von den Leichen und der Nacht erschreckt, vielleicht nur auf Schatten schießen.

Die einzigen hellen Gegenstände im Lichtkreis unserer Lampe, deren Zeichnung und Farben sich unseren jetzt unbeweglichen Augen wie in einer Zwangsvorstellung einprägen, sind vier riesige Räucherpfannen von hieratischer Form aus Cloisonné von wunderbarer Bläue, die auf goldenen Elefanten ruhen. Sie heben sich deutlich von Feldern aus schwarzem Lack ab, die mit einem Geschwirr großer weißer Flügel bedeckt sind, einem Schwarm großer dahinjagender Vögel, deren jede Feder in verschiedenem Perlmutter gearbeitet ist. Offenbar beginnt unsere Lampe zu verlöschen, denn außer diesen ganz nahen Gegenständen gewahren wir fast nichts mehr von der Pracht dieses Ortes, – die höchstens in unserer Erinnerung weiterlebt, – als den kostbaren Umriß einer fünfhundertjährigen Vase, das Schimmern unnachahmlicher Seidenstoffe oder den Glanz einer Schmelzarbeit . . .

Der Opiumrauch hält uns lange wach, in einem halb klaren, halb betäubten Zustand. Niemals hatten wir die chinesische Kunst so tief verstanden; man möchte sagen, daß sie sich uns erst heute abend erschlossen hat. Zunächst ahnten wir, wie alle Welt, nichts von ihrer fast erschreckenden Größe, bevor wir diese »Kaiserliche Stadt« erblickten, bevor wir den ummauerten Palast der Söhne des Himmels betraten. Und zu dieser nächtlichen Stunde, in der überheizten Galerie, mitten im wohlriechenden Rauche, der uns umwölkt, steigert sich der Eindruck der großen düsteren Tempel, der großen Dächer mit ihren glasierten Ziegeln, welche die titanische Größe der marmornen Terrassen überragen, zur unterwürfigen Bewunderung, zur Hochachtung, ja zum Entsetzen . . .

Und dann, wie ist doch diese Kunst, selbst in den tausend Einzelheiten des spitzenfeinen Schnitzwerks und der Metallarbeiten, die uns hier verschwenderisch umgeben, so geschickt und treffsicher, wenn sie, um die Anmut der Blüten wiederzugeben, schmachtende oder stolze Stellungen übertreibt, das Kolorit brennend oder köstlich blaß macht, oder wenn sie, um die Wildheit irgendwelcher Lebewesen, selbst der kleinsten Schmetterlinge oder Libellen zu veranschaulichen, ihnen samt und sonders Krallen oder Hörner, scheußliches Grinsen und große schielende Augen verleiht! . . . Die Stickereien auf unseren Kissen haben recht: ja, da sind Rosen, Lotosblüten, Chrysanthemen! Und die Insekten, Käfer, Fliegen oder Nachtfalter sind geradeso wie die kleinen abscheulichen, in Goldrelief gemalten Tiere auf unseren Courfächern . . .

In einer ganz eigentümlichen körperlichen Betäubung, die den Geist frei macht (in Benares würde man vielleicht sagen: den Astralleib frei macht), scheint uns alles in diesem Palaste und übrigens in der ganzen Welt leicht, erfreulich und unterhaltend. Wir beglückwünschen uns gegenseitig, daß wir die »Gelbe Stadt« in einem ganz einzigen Augenblick der chinesischen Geschichte bewohnen – einem Augenblick, wo alles offen steht und wo wir noch dazu fast allein sind, ungehindert in unserer Laune und Neugier. Das Leben scheint uns Tage voll spannender, ja selbst neuer Ereignisse in Aussicht zu stellen. Im Gespräch finden wir Wortreihen, Ausdrücke und Bilder, die endlich das Unaussprechliche in Worte fassen, den noch nie ausgesprochenen Untergrund aller Dinge. Alle Mutlosigkeit, das große Bangen, das wir durchs Leben schleppten, wie der Galeerensträfling seine Kugel, ist unstreitig gelindert.

Und die kleinen Unannehmlichkeiten des Augenblickes, die kleinen Ärgernisse sind verschwunden . . . Sehen wir z. B. durch die Glasscheiben der Galerie in der Ferne um unseren Glaspalast eine bleiche verdächtige Laterne sich bewegen, so regt uns das gar nicht auf und wir sagen nur:

»Schau! wieder Diebe! Sie müssen uns doch sehen. Morgen müssen wir wieder eine Treibjad veranstalten!«

Und es dünkt uns ganz gleichgültig, ja sogar behaglich, daß nur Glasscheiben unsere Kissen und kaiserlichen Seidendecken von der Kälte und dem Grausen trennen, – von einer Umgebung, wo die Leichen in den Trümmern sich zu dieser späten Stunde mit weißem Reif bedecken.

 
Donnerstag, 25. Oktober

Umspielt von meiner Katze, habe ich den ganzen Tag in der Einsamkeit meines Rotundenpalastes, den ich gestern verlassen, gearbeitet.

Sobald die rote Abendsonne in den Lotossee taucht, kommen wie gewöhnlich meine beiden Burschen, um mich abzuholen. Aber nach Überschreiten der Marmorbrücke gehen wir heute weiter, ohne uns bei der Bresche aufzuhalten, durch die man zu meinem zierlichen Nordpalast gelangt. Wir müssen unseren Weg durch Staub und Trümmer nehmen, denn ich habe dem Erzbischof von Peking, Monsignor Favier, meinen Besuch angesagt; er wohnt in unserer Nachbarschaft, außerhalb, aber ganz nahe der »Kaiserlichen Stadt«.

Es ist schon dämmerig, als wir die »Katholische Konzession« betreten, wo die Missionare und ihre arme gelbe Herde das Elend einer langen Belagerung durchgemacht haben. Die von Kugeln durchlöcherte Kathedrale ragt undeutlich in den erloschenen Himmel, der so staubgeschwängert ist, daß man ihn von Nebeln umflort glaubt. Es ist der neuerrichtete Dom, dessen Bau die Kaiserin als Ersatz des älteren genehmigt hat, den sie zur Aufbewahrung ihrer überflüssigen Einrichtung bestimmt hatte.

Monsignor Favier, das Oberhaupt der französischen Missionen, wohnt seit vierzig Jahren in Peking und hat lange die Gunst der Kaiser genossen; er war der erste, der die Boxergefahr voraussah und vor ihr warnte. Trotz des augenblicklichen Zusammenbruches seines Werkes ist er noch eine Macht in China, denn ein kaiserliches Dekret hat ihm vor längerer Zeit den Rang eines Vizekönigs verliehen.

Der Empfangssaal, in dessen weißen Wänden ein frischgeflicktes Granatloch zu sehen ist, enthält kostbare chinesische Kunstgegenstände, über die man in dieser Priesterwohnung zunächst erstaunt ist. Er hat sie früher gesammelt und verkauft sie heute wieder, um die paar tausend Hungernden zu unterstützen, die der Krieg in seiner Kirche zurückgelassen hat.

Der Bischof ist ein stattlicher Mann, mit schönen regelmäßigen Zügen und schlauen, energischen Augen. Jene Bischöfe des Mittelalters, welche die Kreuzfahrer ins Heilige Land begleiteten, müssen ihm geglichen haben, im Äußeren wie in ihrem zähen Willen. Erst seit dem Beginn der Feindseligkeiten gegen die Christen hat er die Soutane der französischen Priester wieder angelegt und seinen langen chinesischen Zopf abgeschnitten. (Bekanntlich war das Tragen des Zopfes und des Mandarinengewandes einer der größten und grundstürzendsten Gunstbeweise, welche die Kaiser des Himmlischen Reiches den Lazaristen gewährt hatten.)

Er gewährt mir eine Unterredung von über einer Stunde, und während ein seidengekleideter Chinese uns den Tee reicht, schildert er mir die große Tragödie, die sich soeben hier abgespielt hat. Eine Mauer von vierzehnhundert Meter Länge war zu verteidigen, und ein junger Fähnrich mit dreißig Matrosen hat diesen über zwei Monate dauernden Widerstand gegen Tausende wutschnaubender Peiniger inmitten der brennenden Riesenstadt aus dem Nichts organisiert. Er erzählt das alles in diesem weißen, halb kirchlichen Saale mit ganz leiser Stimme, aber seine Worte werden wärmer und wärmer; sie beben gedämpft, mit einer gewissen soldatischen Rauheit, und von Zeit zu Zeit schnürt ihm die Erregung die Kehle zu, – besonders wenn vom Fähnrich Henry die Rede ist.

Der fiel, von zwei Kugeln durchbohrt, schon gegen Ende des letzten großes Kampfes, und seine dreißig Matrosen waren stark gelichtet und fast alle verwundet! . . . In goldenen Lettern müßte man diese Geschichte ihres Sommers erzählen, damit sie nicht zu schnell vergessen wird, müßte sie für ewig festhalten, denn sonst würde man sie bald nicht mehr glauben.

Und diese Matrosen unter der Führung ihres blutjungen Offiziers waren keine ausgesuchten Leute; es waren die ersten besten, die man eilig und wahllos vom Bord unserer Schiffe nahm. Einige bewunderungswürdige Priester teilten sich mit ihnen in den Wachtdienst, ein paar tapfere Seminaristen feuerten unter ihrem Befehl, ebenso ein Schwarm mit alten elenden Flinten bewaffneter Chinesen. Sie aber waren die Seele der zähen Verteidigung, und nicht ein einziger ist im Anblick des Todes, der ihnen die ganze Zeit lang in der Verschiedenheit seiner gräßlichsten Formen vor Augen stand, schwach geworden oder hat gemurrt.

Ein Offizier und zehn italienische Matrosen, die der Zufall hierher verschlug, haben ebenfalls bis zum Ende wie Helden gekämpft, und sechs von ihnen sind gefallen.

Aber auch eines anderen Heldenmutes muß man gedenken, des demütigen Heldenmutes dieser armen katholischen oder protestantischen chinesischen Christen, die sich wahllos unter den Schutz des Bischofs geflüchtet hatten und die wohl wußten, daß ein einziges Wort der Abschwörung, eine einzige Verneigung vor einem Buddhabild ihnen das Leben sicherte, und die dennoch treu ausharrten, trotz des Hungers, der in ihren Eingeweiden wühlte, und des fast sicheren Martyriums! Zugleich wurden außerhalb dieser schützenden Mauern etwa fünfzehntausend ihrer Brüder verbrannt, lebendig zerhackt und stückweise in den Fluß geworfen, weil sie den neuen Glauben nicht verleugnen wollten.

Unerhörte Dinge trugen sich während dieser Belagerung zu: ein BischofMonsignor Jarlin, Coadjutor des Monsignor Favier., mit Streifschüssen am Kopfe, entriß mit einem Schiffsfähnrich und vier Matrosen dem Feind ein Geschütz; Seminaristen stellten Pulver aus den verkohlten Zweigen der Bäume ihres Schulhofes und aus Salpeter her, den sie in der Nacht stahlen, indem sie die Mauern eines chinesischen Zeughauses überstiegen.

Man lebte in unausgesetztem Lärm, in fortwährendem Regen von Steinen und Kugeln; alle marmornen Glockentürme der Kathedrale waren von Granaten zerschossen, wankten und fielen stückweise auf die Häupter der Verteidiger herab. Zu allen Stunden trafen unablässig Kugeln in die Höfe, schlugen durch die Dächer, spalteten die Mauern. Besonders aber bei Nacht prasselten die Kugeln wie Hagel nieder, und man hörte die Hörner der Boxer erschallen oder die scheußlichen Gongs dröhnen, und aus voller Kehle ertönte die ganze Zeit ihr Mordgeschrei: Cha! cha! (Tod! Tod!) oder: Chao! chao! (Verbrennen! Verbrennen!) und erfüllte die Stadt wie das Geheul einer riesigen Meute von Jagdhunden.

Das war im Juli und August, in erstickender Glut, und man lebte mitten im Feuer: Brandleger gossen Petroleum an die Tore oder spritzten es auf die Dächer und warfen brennendes Werg darauf. Man mußte von hier oder dort herbeilaufen, Leitern schleppen und mit feuchten Decken hinaufklettern, um diese Brände zu ersticken. Laufen, ja laufen mußte man während der ganzen Zeit, wenn man auch völlig erschöpft war, und der Kopf so schwer, die Beine so schwach waren, weil man niemals genug hatte, sich satt zu essen.

Laufen! . . . Es gab eine Art von traurigem Wettlauf, den die barmherzigen Schwestern zu veranstalten hatten, den Wettlauf der Frauen und kleinen Kinder, die durch Leiden und Furcht schon verblödet waren. Diese edlen Frauen hatten zu bestimmen, wann, je nach der Schußrichtung der Granaten, der Platz gewechselt werden sollte. Sie wählten den am wenigsten gefährlichen Augenblick, um gebückten Hauptes in raschem Lauf einen Hof zu durchqueren und anderswo ein Versteck zu suchen. Gegen tausend Frauen, jetzt kopflos und willenlos, mit armen sterbenden Säuglingen am Hals, folgten den Schwestern wie ein menschliches Kielwasser, gingen vor oder wichen zurück und drängten sich gegenseitig, um die weißen Hauben ihrer Beschützerinnen nicht aus den Augen zu verlieren . . . Laufen, wenn man sich vor Hunger kaum mehr auf den Beinen halten konnte und vor äußerster Erschöpfung sich am liebsten zu Boden geworfen hätte, um den Tod zu erwarten! Das unaufhörliche Krachen der Schüsse, der ewige Lärm, die Kugeln, der Steinhagel, und jeden Augenblick einen Tapferen in seinem Blute sich wälzen zu sehen, daran gewöhnte man sich noch. Aber der Hunger war unerträglicher als alles. Man bereitete Suppen aus den Blättern und jungen Schößlingen der Bäume, aus den Wurzeln der Dahlien des Gartens und den Zwiebeln der Lilien. Arme Chinesen kamen und baten demütig:

»Das wenige, was noch an Hirse da ist, soll für die Matrosen aufgehoben werden, die uns verteidigen und ihre Kräfte nötiger brauchen als wir.«

Zu den Füßen des Bischofs jammerte flehend ein Weib, das am Abend vorher ein Kind geboren:

»O Bischof! Bischof! nur eine Handvoll Körner gib mir, damit ich Milch bekomme und mein Kind am Leben bleibt!«

Die ganze Nacht hindurch ertönte die Kirche von dem Jammern von zwei- bis dreihundert Kindern, die zu essen verlangten. Nach dem Ausdruck des Monsignor Favier klang es wie das Geblöke einer Herde junger Lämmer, die zum Opfer bestimmt sind. Ihr Geschrei ließ übrigens nach, denn täglich wurden etwa fünfzehn beerdigt.

Man wußte wohl, daß nicht weitab, in den europäischen Gesandtschaften, ein gleiches Drama sich abspielen mußte, aber selbstverständlich war jede Verbindung abgeschnitten, und wenn irgendein junger christlicher Chinese sich opferte, um eine Nachricht des Bischofs dorthin zu bringen, um Hilfe oder wenigstens Mitteilungen zu erlangen, sah man alsbald seinen Kopf, den Brief des Bischofs an die Wange gespießt, über der Mauer auf einer Stange erscheinen, um die seine Gedärme gewickelt waren.

Alles war voll Blut, voll Gehirn, das aus zerschmetterten Schädeln spritzte. Nicht allein, daß hunderte von Kugeln täglich über sie niederhagelten, die Boxer luden ihre Kanonen auch noch mit Kieselsteinen und Ziegeln, mit Eisenstücken, Bruchteilen von Kochtöpfen, mit allem, was in ihre rasenden Hände fiel. Ärzte waren nicht vorhanden; man verband die großen schrecklichen Wunden, die weiten Löcher in der Brust, so gut es ging, aber ohne Hoffnung. Die Arme der freiwilligen Totengräber erlahmten beim Aufscharren des Bodens, der den Toten oder Teilen von Toten als Grab dienen sollte. Und immer ertönten die Schreie der wütenden Horde: Cha! cha! (Tod! Tod!). Und immerfort erklang das unheimliche Rasseln der Gongs und das Brüllen der Hörner . . .

Minen explodierten an verschiedenen Stellen und rissen Menschen und Mauern in die Tiefe. In dem Schlund, den eine von ihnen aufriß, verschwanden die fünfzig kleinen Säuglinge der Krippe, deren Leiden damit wenigstens zu Ende waren. Jedesmal aber öffnete sich dann den Boxern eine neue große Bresche, in die sie sich stürzten – ein klaffendes Tor für Marter und Tod.

Doch jedesmal eilte der Fähnrich Henry mit den überlebenden Matrosen herbei; immer sah man ihn da auftauchen, wo es nötig war, von wo man am besten schießen konnte, auf einem Dach, einem Mauerrand – und sie säten Tod in die Reihen der Feinde, ohne eine Kugel ihrer Mehrlader zu verschwenden, denn jeder Schuß traf sein Ziel. Auf der Erde kauerten in aufgeregten Haufen fünfzig bis hundert Priester; Chinesen und Chinesinnen schleppten Steine und Ziegeln herbei, Marmor von der Kathedrale, einerlei was, um mit bereitgehaltenem Mörtel die Bresche zu schließen, und so war man noch einmal bis zur nächsten Mine geschützt!

Aber endlich gings nicht weiter; die magere Suppenration wurde immer kleiner, man war am Ende der Kräfte . . .

Die Leichen der Boxer, die sich längs des weiten, so verzweifelt verteidigten Mauerrings häuften, erfüllten die Luft mit Pestgeruch und lockten die Hunde an, die in Kampfpausen zusammenliefen, um ihre Bäuche auszufressen. Dann erschoß man diese Hunde in der letzten Zeit von der Mauer herab und angelte nach ihnen mit einem Haken, der an einem Strick befestigt war – und das war die Nahrung für die Kranken und die säugenden Mütter.

Am Tage endlich, als unsere Soldaten, dem Zeichen des weißhaarigen Bischofs folgend, der von der Mauer herab die französische Fahne schwang, zum Ersatz einrückten –, an dem Tage, wo man sich mit Freudentränen einander in die Arme warf – da war gerade für jeden noch eine einzige und letzte Mahlzeit mit Zuhilfenahme vieler Baumblätter vorhanden.

»Es war,« sagte Monsignor Favier, »als hätte die Vorsehung unsere Reiskörner gezählt!«

Und dann erzählt er wieder vom Fähnrich Henry:

»Das einzige Mal während der ganzen Belagerung, wo wir geweint haben,« sagt er, »war bei seinem Tode. Trotz seiner beiden tödlichen Verwundungen hatte er sich noch lange aufrecht gehalten, gab immer noch Befehle und regelte das Schießen seiner Leute. Am Ende des Kampfes stieg er langsam von der Bresche herunter und sank in die Arme zweier unserer Priester. Da weinten wir alle, und mit uns alle seine Matrosen, die herantraten und ihn umringten. – War er doch auch ein liebenswürdiger, einfacher, guter Mensch, freundlich gegen den Letzten . . . Solch ein Soldat sein und geliebt werden wie ein Kind – gibt es etwas Schöneres?«

Und nach einer Pause fügte er hinzu:

»Und er war gläubig, dieser Brave! Jeden Morgen kam er zu uns, um zu beten oder zu kommunizieren, und dabei sagte er lächelnd:

›Man muß sich bereit halten.‹«

Es ist schon finstere Nacht, als ich den Bischof verlasse, dem ich nur einen kurzen Besuch abstatten wollte. Rund umher ist alles trostlose Öde, Einsturz, Trümmer; nichts gleicht mehr einem Hause, keine Spuren von Straßen mehr. Ich gehe mit meinen beiden Burschen, unseren Revolvern und unserer kleinen Laterne; ich gehe im Gedanken an den Fähnrich Henry, an seinen Ruhm, an seine Erlösung, an alles andere, als an die nebensächlichen Einzelheiten des Weges, den ich durch diese Ruinen nehmen muß . . . Übrigens ist es ja gar nicht weit, kaum einen Kilometer . . .

Ein jäher Stoß des mongolischen Windes, der unser Licht in seinem Papierfutteral ausbläst, hüllt uns in eine solche Staubwolke, daß man keine zwei Schritt weit sieht, wie im dichtesten Nebel. Und da wir nie in dies Viertel gekommen waren, sind wir plötzlich verirrt, mitten zwischen Hindernissen und Löchern. Wir stolpern über Steine, über Trümmer, über zerbrochenes Porzellan oder Stücke von Schädeln.

Der Staub umwölkt uns so dicht, daß wir uns kaum nach den Sternen richten können, und wirklich, wir wissen nicht mehr ein und aus . . .

Plötzlich Leichengeruch . . . Ach! unsere Entdeckung von gestern morgen, der Schützengraben der Skalpierten! Wir erkennen ihn an gewissen Randsteinen wieder, gerade noch rechtzeitig, um nicht hineinzufallen. Jetzt ist alles gut, die Richtung stimmte; noch zweihundert Meter, und wir werden vor unserem Glaspalaste stehen, werden zu Hause sein . . .

 
Freitag, 26. Oktober

Fast zu spät verlasse ich meinen Nordpalast und eile zum Stelldichein, das mir Li-Hung-Tschang für neun Uhr morgens gegeben hat.

Ein Chasseur d'Afrique begleitet mich. Wir folgen einem chinesischen Reiter, der uns als Führer geschickt wurde. Zuerst reiten wir eine Weile in raschem Trab unter den blassen Sonnenstrahlen durch Stille und Staub längs der großen stummen Mauern und der Sumpfgräben des Kaiserpalastes.

Dann, beim Verlassen der »Gelben Stadt«, beginnt Leben und Lärm. Nach dieser herrlichen Einsamkeit, in der zu wohnen man schon gewöhnt ist, fühlt man sich beim Betreten des gewöhnlichen Peking stets überrascht, das Gewimmel Chinas und seines armseligen Volkes wiederzufinden. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß diese Gehölze, diese Seen und Horizonte, die uns die wirkliche Landschaft vorspiegeln, künstliche Dinge sind, ringsum von der ameisenartigsten aller Städte umgeben.

Unstreitig kehren die Leute in Massen nach Peking zurück. (Wie Monsignor Favier sagt, sind es hauptsächlich Boxer in allen möglichen Verkleidungen und Gestalten.) Von Tag zu Tag nimmt die Menge der Seidengewänder und blauen Kattunkleider, der geschlitzten Augen und Zöpfe zu.

Trotzdem wir uns mitten in diesem ganzen Treiben befinden, müssen wir unseren Trab beschleunigen, denn wir sind offenbar noch weit, und die Zeit vergeht. Unser Führer scheint jetzt zu galoppieren; ihn selbst sehen wir nicht mehr, denn die Straßen sind hier noch staubiger als die Wege der »Gelben Stadt«; nur die schwarze Staubwolke bleibt sichtbar, die ihn und sein kleines mongolisches Pferd einhüllt – und dieser Wolke folgen wir.

Nach einem halbstündigen raschen Ritte hält diese Wolke endlich in einer traurigen Gasse ohne Ausblick vor einem alten verfallenen Hause . . . Ist es möglich, daß er da wohnt, dieser Li-Hung-Tschang, reich wie Aladin, der Besitzer von Palästen und Herrlichkeiten, der einer der dauerndsten Günstlinge der Kaiserin und ein Ruhmestitel Chinas war? . . .

Ich weiß nicht, aus welchen gewiß mannigfachen Gründen ein Kosakenposten mit schmutzigen Uniformen und naiven roten Gesichtern den Eingang bewacht. Der Saal, in den man mich führt, liegt am Ende eines Hofes; er ist verfallen und in größter Unordnung; in der Mitte ein Tisch und zwei oder drei etwas feiner in Ebenholz geschnittene Lehnstühle – sonst nichts. Im Hintergrund ein Chaos von Koffern, Reisetaschen, Paketen und zusammengerollten Decken; das sieht aus wie die Vorbereitungen zu einer Flucht. Der Chinese, der mich an der Schwelle der Straßentür empfangen hatte, trägt ein schönes Kleid von pflaumenblauer Seide. Er bietet mir einen Stuhl an und dann Tee; er ist der Dolmetsch des Hauses und spricht ein korrektes, ja elegantes Französisch. Wie er sagt, bin ich Seiner Hoheit soeben gemeldet worden.

Auf das Zeichen eines anderen Chinesen führt er mich alsbald in einen zweiten Hof, und dort erscheint in der Türe eines Empfangsaales ein Greis von hoher Gestalt, der mir entgegenkommt. Rechts und links stützt er sich auf die Schultern seidengekleideter Diener, die er um Haupteslänge überragt. Er ist ein Riese. Seine Backenknochen springen unter kleinen Augen hervor, ganz kleinen, lebhaften, forschenden Augen. Es ist der ausgeprägte mongolische Typus, doch nicht ohne eine gewisse Schönheit und mit dem Ansehen eines Grandseigneurs, obgleich sein Pelzrock von unbestimmter Farbe, fleckig und abgenutzt ist. (Man hatte es mir übrigens im voraus gesagt: Seine Hoheit glaubt in diesen Tagen des Elends sich arm stellen zu müssen.)

Der große verfallene Saal, in dem er mich empfängt, ist wie der erste mit Koffern und verschnürten Paketen angefüllt. Wir nehmen in Lehnsesseln Platz, einer gegenüber dem andern, ein Tisch zwischen uns, auf den Diener Zigaretten, Tee und Champagner stellen. Zunächst mustern wir uns gegenseitig wie zwei Wesen, die eine Welt trennt.

Nachdem er mich nach meinem Alter und der Höhe meines Einkommens gefragt hat (das ist eine chinesische Höflichkeitsformel), verbeugt er sich abermals und die Unterhaltung beginnt.

Als wir die brennenden Tagesfragen besprochen hatten, klagt Li-Hung-Tschang über China und die Ruinen von Peking.

»Ich habe ganz Europa bereist,« sagt er, »und die Museen aller Ihrer Hauptstädte gesehen. Auch Peking hatte das seinige, denn die ganze »Gelbe Stadt« war ein Museum, das schon seit Jahrhunderten angelegt ist und den Vergleich mit den schönsten europäischen aushielt . . . Und jetzt ist es zerstört . . .«

Dann fragt er mich, was wir eigentlich in unserem »Nordpalast« treiben, und forscht mich mit liebenswürdiger Vorsicht aus, ob wir dort auch nichts verderben.

Er weiß so gut wie ich, was wir dort machen, denn er hat überall seine Spione, selbst unter unseren Lastträgern; indes heuchelt sein rätselhaftes Gesicht Genugtuung bei meiner Versicherung, daß wir nichts zerstören.

Nachdem die Audienz beendigt ist und wir uns die Hände gedrückt haben, geleitet mich Li-Hung-Tschang, stets auf seine Diener gestützt, die er mit seiner hohen Gestalt überragt, bis in die Mitte des Hofes zurück. Als ich mich dann auf der Schwelle umwende, um ihn noch einmal zu grüßen, erinnert er mich verbindlich an mein Versprechen, ihm den Bericht über meine Reise nach Peking zu senden – falls ich überhaupt je Zeit fände, ihn zu schreiben. Trotz der vollendeten Liebenswürdigkeit des Empfanges, den ich hauptsächlich meinem Titel als Mandarin der Literatur verdanke, hat dieser alte Fürst aus der chinesischen »Tausend und eine Nacht« mir in seinem abgetragenen Kleide in einer Umgebung der Armut immerfort einen beunruhigenden, verstellten Eindruck gemacht. Er blieb undurchdringlich und war vielleicht im Stillen voll Verachtung oder Ironie.

Mitten durch Ruinen und Trümmer schlage ich den zwei Kilometer weiten Weg zum Gesandtschaftsviertel ein, um mich von unserem Gesandten zu verabschieden, der noch immer krank und bettlägerig ist, und seine Aufträge für den Admiral entgegenzunehmen, denn längstens übermorgen muß ich Peking verlassen und an Bord zurückkehren.

Nach Beendigung dieses Besuches will ich soeben wieder zu Pferde steigen, um nach der »Gelben Stadt« zurück zu reiten – da kommt ein Mitglied der Gesandtschaft auf mich zu und macht mir liebenswürdig eine bestimmte, ganz merkwürdige Angabe, dank der ich ohne Zweifel heute abend zwei kleine Schuhe der Kaiserin von China ergattern werde, um sie als Beuteanteil zu behalten. Auf einer schattigen Insel im südlichen Teil des Lotossees befindet sich nämlich fast verborgen ein zierlicher Palast, worin die Herrscherin die letzte bange Nacht zubrachte, bevor sie ihre tolle Flucht in einem Karren wie eine arme Frau antrat. Nun, das zweite Zimmer links im Hintergrunde des zweiten Hofes dieses Palastes war das ihre. Und dort sollen unter einem geschnitzten Bette zwei kleine Schuhe aus roter Seide mit eingestickten Schmetterlingen und Blumen zurückgeblieben sein, die nur ihr gehört haben können.

Ich kehre also flugs in die »Gelbe Stadt« zurück und frühstücke rasch in der Glasgalerie, aus der leider schon die wunderbaren Kunstgegenstände in ihren neuen Aufbewahrungsort weggetragen werden, damit die Zimmerleute mit den Einbauten beginnen können. Und schnell gehe ich jetzt zu Fuß mit meinen beiden treuen Burschen auf die Suche nach dieser Insel, diesem Palast und diesen kleinen Schuhen.

Die Mittagssonne brennt heiß auf die ausgetrockneten Wege und die alten, von Staub grau gefärbten Zedern hernieder.

Ungefähr zwei Kilometer südlich von unserer Wohnung finden wir unschwer die Insel; sie liegt an einem Teile des Sees, wo dieser sich in verschiedene kleine Arme verzweigt, über die Marmorbrücken führen, die von grün bekränzten Marmorbalustraden eingefaßt sind. Der halb unter den Bäumen verborgene Palast, reizend und zierlich, steht auf einer Terrasse aus weißem Marmor. Seine Dächer aus grüner, goldgetönter Fayence, seine durchbrochenen, bemalten und vergoldeten Mauern leuchten durch das staubige Grün uralter Zedern mit dem Glanz kostbarer, ganz neuer Gegenstände. Er war ein kleines Wunder von Anmut und Feinheit, und in dieser Verlassenheit und Stille ist er reizend.

Durch die geöffneten Tore, über die schneeweißen Stufen rieseln Bruchstücke von allen möglichen entzückenden Dingen wie ein Wasserfall herab: Scherben von kaiserlichem Porzellan, von Arbeiten in Goldlack, kleine Drachen aus Bronze, mit den Krallen nach oben, Fetzen von rosa Seide und künstliche Blumensträuße. Die Barbaren sind hier gewesen, aber welche? Gewiß nicht die Franzosen, gewiß nicht unsere Soldaten, denn niemals ist ihnen dieser Teil der »Gelben Stadt« übergeben worden, niemals sind sie hierher gekommen.

In den inneren Höfen, in denen bei unserem Eintritt eine Wolke von Raben auffliegt, herrscht die gleiche Verwüstung. Der Boden ist mit eleganten, zierlichen, etwas frauenhaft anmutenden Gegenständen bedeckt, die mutwillig zerstört sind, und zwar erst ganz vor kurzem. So haben denn die leichten Stoffe, die seidenen Blumen, die Schmuckfetzen ihre Frische noch nicht verloren.

»Im Hintergrund des zweiten Hofes das zweite Zimmer links! . . .« Da ist's . . . Ein Thron ist noch da, Lehnsessel, ein großes, sehr niedriges Bett, von Künstlerhand geschnitzt. Aber alles ist verwüstet. Offenbar mit Kolbenstößen sind die Spiegelscheiben zertrümmert, durch welche die Kaiserin die Reflexe des Sees und die rosa Lotosblumen, die Marmorbrücken und Inselchen, kurz, die ganze für ihre Augen erfundene und geschaffene Landschaft betrachten konnte. In Fetzen hängt von der Wand ein Stück feinster weißer Seidentapete, auf die ein hervorragender Künstler in blassen Tönen Lotosblumen gemalt hatte, viel größer als die natürlichen, schmachtender, vom Herbstwind niedergebeugt und halb entblättert, ihre Blütenblätter verstreuend . . .

Unter diesem Bett, unter das ich sofort blicke, liegen Haufen von beschriebenem Papier, Seidenkleider, entzückende Lumpen. Meine beiden Diener, die mit Stöcken darin herumstöbern wie Lumpensammler, haben bald gefunden, was ich suche: ein paar kleine rote Schuhe, erstaunlich und drollig.

Es sind keine von den lächerlichen Puppenschuhen chinesischer Damen mit verkrüppelten Zehen; als tartarische Prinzessin hat die Kaiserin ihre Füße nicht verunstaltet, aber sie sind, wie es scheint, von Natur sehr klein. Nein, das sind gestickte Pantoffel von ganz normaler Form; das Außergewöhnliche an ihnen liegt nur in den Absätzen, die wenigstens dreißig Zentimeter hoch sind, die ganze Sohle einnehmen und sich nach unten wie die Sockel von Statuen verbreitern, weil ihre Trägerin sonst fallen müßte. Kurz, es sind ganz unwahrscheinliche Klötze aus weißem Leder.

Ich habe nie gedacht, daß Frauenschuhe einen solchen Umfang haben könnten. Und wie sie jetzt wegbringen, ohne den Schildwachen oder den Patrouillen, die wir unterwegs treffen können, als Plünderer zu erscheinen?

Da kommt Osman auf den Einfall, sie mit Bindfäden an Renauds Gürtel zu befestigen, wo sie unter den Zipfeln seines langen Wintermantels nicht zu sehen sein werden. Ein prächtiges Taschenspielerstückchen; selbst beim Gehen – denn wir lassen ihn vor uns auf- und abschreiten, um eine Probe zu machen – könnte man nichts erraten . . . Übrigens habe ich auch gar keine Gewissensbisse und stelle mir vor, daß die noch immer schöne Kaiserin, wenn sie die Szene von weitem sehen könnte, zuerst daüber lachte . . .

Jetzt kehren wir in der brennenden Sonne, im kargen Schatten der alten staubigen Zedern, raschen Schrittes in meinen Palast der Rotunde zurück, wo mir in meinem gläsernen Gartenhaus kaum noch zwei Stunden Licht und Wärme bleiben, um vor Einbruch der Nacht und Kälte zu arbeiten.

Allemal, wenn ich zu diesem Palast hinaufsteige, bin ich entzückt, die hallende Stille meiner Plattform wiederzufinden, die der Zinnenkranz der Wälle umgibt, jene künstlich geschaffene Plattform, von der man ringsum die gleichfalls künstlichen, aber weiten und uralten Landschaften überblickt, – die vor allem verboten sind, verboten, seit sie bestehen, und bis zu diesen Tagen von keinem Europäerauge erschaut wurden.

Alles hier ist so vollkommen chinesisch, daß man sozusagen im Herzen des Gelben Landes ist, in einer Art Quintessenz und Ausbund von China. Diese hängenden Gärten waren der Lieblingsaufenthalt für die ultrachinesischen Phantasien einer starrsinnigen Kaiserin, die vielleicht davon träumte, ihr Land wie in alten Zeiten vor der ganzen übrigen Welt zu verschließen, die aber heute ihr Reich, das durch und durch wurmstichig ist wie seine Myriaden von Tempeln und Götzen aus vergoldetem Holz, zu ihren Füßen zusammenstürzen sieht . . .

Zauberhaft ist hier die Stunde, wo die riesige rote Kugel der chinesischen Herbstabendsonne vor ihrem Untergehen die Dächer der »violetten Stadt« mit ihrem Licht übergießt. Dann verlasse ich jedesmal mein Gartenhaus, um immer wieder diesen auf Erden einzigen Anblick zu genießen.

Welch barbarische Häßlichkeit bietet im Vergleich damit eine unserer europäischen Städte, aus der Vogelperspektive gesehen: eine Anhäufung unförmiger Giebel und gemeiner Dachziegel, schmutzige Dächer mit Ofenröhren und Rauchfängen, und das Allerscheußlichste, ein schwarzes Netz sich kreuzender elektrischer Drähte! In China hält man freilich nichts von Pflastern und Straßenreinigung, dafür aber ist alles, was sich nur etwas in die Luft erhebt – das Gebiet der immerfort umherfliegenden Schutzgeister – stets tadellos. Und dieser ungeheuere Schlupfwinkel der Kaiser, heute öde und leer, entfaltet für mich allein zu dieser Abendstunde den verschwenderischen Luxus seiner Glasurdächer.

Trotz ihres Alters funkeln sie noch in der roten Abendsonne, die gelben Fayencepyramiden mit ihren geschweiften Formen von einer uns unbekannten Anmut. An allen Ecken ihrer Firste kommen große flügelartige Zierate vor, und weiter unten folgen die Reihen von Ungeheuern in immer gleichen Stellungen, die sich von Jahrhundert zu Jahrhundert wiederholen, geheiligt und unveränderlich.

Sie funkeln, die gelben Fayencepyramiden. Bis weit hinaus, vom blauen Himmel abgesetzt, wo der ewige Staub zittert, hat man gleichsam eine goldene Stadt vor sich, – und allmählich, je mehr die Sonne sinkt, eine Stadt von rotem Kupfer . . .

Zuerst herrscht Stille über alledem; dann erhebt sich überall das krächzende Schlaflied der Raben, und wie ein Leichentuch sinkt plötzlich Grabeskälte über diese glasierte Pracht, sobald die Sonne verlischt . . .

Wie vorgestern verlassen wir auch heute abend den Palast der Rotunde und begeben uns zu Monsignor Favier, ohne uns beim Nordpalast aufzuhalten.

Er empfängt mich in dem gleichen weißen Saale, in dem hier und da Koffer und Reisetaschen auf den Möbeln umherliegen. Der Bischof reist morgen nach Europa ab, das er seit zwölf Jahren nicht gesehen hat. Zunächst geht er nach Rom zum Papst, dann nach Frankreich, um für seine in Not geratenen Missionen Geld zu erlangen. Sein vierzigjähriges großes Werk ist vernichtet, fünfzehntausend seiner Christen hingemordet, seine Kirchen, seine Kapellen, Spitäler und Schulen, alles ist zerstört, dem Boden gleichgemacht, die Friedhöfe geschändet. Und doch will er alles von neuem beginnen; er verzweifelt an nichts.

Als er mich durch den schon dunkelnden Garten zurückgeleitet, deutet er auf seine von Granaten durchlöcherte Kathedrale, das einzige, was noch steht und sich mit dem zerbrochenen Kreuze traurig vom Nachthimmel abhebt, und ich bewundere die prächtige Energie, mit der er zu mir sagt:

»Alle Kirchen, die sie mir zerstört haben, werde ich größer und höher wieder aufbauen! Und jede Tat des Hasses und der Gewalt gegen uns soll im Gegenteil einen Fortschritt für das Christentum in diesem Lande bedeuten. Vielleicht werden sie mir meine Kirchen noch einmal zerstören; wer kann es wissen? Wohlan! ich werde sie ein drittes Mal wieder aufbauen, und wir werden sehen, wer es zuerst satt wird, sie oder ich! . . .«

Da erschien er mir groß in seiner Festigkeit und seinem Glauben, und ich begreife, daß China mit diesem Apostel und Vorkämpfer wird rechnen müssen.

 
Samstag, 27. Oktober

Vor meinem Abschied wollte ich die »Violette Stadt« mit ihren Thronsälen noch einmal sehen und sie diesmal nicht auf versteckten Umwegen und durch Schlupfpforten betreten, sondern auf der Prunkstraße und durch die großen, seit Jahrhunderten verschlossenen Tore – um mir unter den Trümmern von heute doch eine Vorstellung von der glanzvollen Ankunft der Herrscher zu machen.

Keine unserer abendländischen Großstädte ist so einheitlich und kühn in Entwurf und Anlage, so von dem Gedanken beherrscht, die Pracht der Aufzüge zu steigern und vor allem die Wirkung des kaiserlichen Erscheinens eindrucksvoll zu gestalten. Der Thron hier ist der Mittelpunkt von allem; diese Stadt von der Regelmäßigkeit einer geometrischen Figur scheint nur geschaffen, um den Thron des Sohnes des Himmels, des Herrschers über vierhundert Millionen Seelen, zu umschließen und zu verherrlichen, um seinen Vorhof zu bilden, um den Zugang zu ihm durch Riesenstraßen zu führen, die an Theben oder Babylon gemahnen. Und man versteht jetzt, daß jene chinesischen Gesandtschaften, die in der Blütezeit ihres Riesenreiches zu unseren Königen kamen, nicht übermäßig geblendet waren, als sie das Paris von damals, das Louvre oder Versailles sahen! . . .

Das Südtor von Peking, durch das die Züge die Stadt betraten, liegt genau in der Achse dieses einst schreckensvollen Thrones, auf den in gerader Linie sechs Kilometer lange Straßen mit Torbauten und Ungeheuern münden. Hat man durch dies Südtor die Mauern der »Chinesischen Stadt« durchschritten und ist man zunächst zwischen den beiden Riesentempeln des Ackerbaus und des Himmels vorbeigekommen, so folgt man eine halbe Stunde lang der großen Verkehrsader mit ihrer goldspitzenartigen Häusereinfassung. Sie führt zu einer zweiten Umfassungsmauer – derjenigen der »Tartarenstadt« – die noch höher und beherrschender ist als die erste. Dort öffnet sich ein noch riesenhafteres Tor, von einem schwarzen Wartturm überragt, und weiter läuft die Straße, stets gleich grade und tadellos, bis zu einem dritten Tor in einem dritten blutrot gefärbten Wall – dem der »Kaiserlichen Stadt«.

Selbst nach Betreten der »Kaiserlichen Stadt« ist man noch immer weit von diesem Thron, auf den man in gerader Linie zuschreitet, der alles beherrscht und der ehemals unsichtbar war. Aber durch den Anblick der Umgebung ist man gleichsam auf seine Nähe vorbereitet; von hier ab mehren sich die marmornen Ungeheuer, die riesigen Löwen, die von ihren Sockeln höhnisch herabgrinsen; rechts und links stehen marmorne Obelisken, von Drachen umwundene Monolithe, auf deren Spitze stets das gleiche heraldische Tier sitzt, eine Art hagerer Schakal mit Hängeohren und todfletschendem Maule, der zu bellen und vor Schreck zu heulen scheint vor dem überirdischen Ding, das dort steht: dem Thron des Kaisers. Auch die Mauern vervielfältigen sich und schneiden den Weg, blutrote, dreißig Meter hohe Mauern, von geschweiften Dächern überragt und von dreifachen Toren durchbrochen, die immer unheimlicher, niedriger und enger werden, wie Mausefallen. Die Verteidigungsgräben am Fuß dieser Mauern haben weiße Marmorbrücken, dreifach wie die Tore. Und jetzt ist der Weg mit großen, prachtvollen Platten gepflastert, die sich schräg kreuzen wie ein Parkettboden.

Dann dringt diese schon meilenlange Straße in die »Kaiserliche Stadt« ein und wird plötzlich menschenleer, aber noch großartiger und breiter führt sie zwischen langen, regelmäßigen, düsteren Gebäuden hin: Wohnungen der Leibwachen und Soldaten. Keine vergoldeten Häuschen mehr, keine kleinen Läden, kein Menschengewimmel; hinter diesem letzten Mauerring macht das Leben des Volkes Halt vor der erdrückenden Wucht des Thrones. Und ganz im Hintergrunde dieser Einsamkeit, auf die von der Spitze der Obelisken magere Marmortiere als Wächter herabschauen, erblickt man endlich den ängstlich gehüteten Mittelpunkt Pekings, den Wohnsitz der Söhne des Himmels.

Die letzte Umwallung, die dort erscheint – die der »Violetten Stadt«, des Palastes – hat wie die vorhergehenden die Farbe gestillten Blutes; sie ist mit Warttürmen besetzt, deren dunkle Glanzziegeldächer an den Ecken zurückgebogen sind und in dräuende Spitzen auslaufen. Die dreifachen Tore, stets in der Achse der Riesenstadt liegend, sind zu klein, zu niedrig im Verhältnis zur Höhe der Mauer, zu tief und beängstigend, wie die Eingänge von Tunnels. Oh! wie schwer und riesenhaft ist das alles, wie fremdartig die Linie dieser Dächer, wie kennzeichnend für den Geist des »gelben Kolosses«! . . .

Der Verfall hat hier jedenfalls schon vor Jahrhunderten begonnen; der rote Bewurf der Mauern ist stellenweise abgefallen oder mit schwarzen Flecken bedeckt; der Marmor der dräuenden Obelisken und der plumpen, schielenden Löwen konnte nur unter dem Regen zahlloser Jahreszeiten so vergilben, und das grüne Gras, das überall in den Granitfugen sprießt, umzieht wie mit einer Sammetlinie das Muster der Marmorplatten.

Diese dreifachen Tore, die letzten, früher die unzugänglichsten der Welt, sind seit der Niederlage der Chinesen einer Abteilung amerikanischer Soldaten anvertraut und öffnen sich heute dem oder jenem Barbaren, wie mir, wenn er einen richtig unterzeichneten Erlaubnisschein vorweist.

Hat man die Tunnels durchschritten, so steht man in einer Weite aus weißem Marmor – ein Weiß, das allerdings ein wenig in das Gelb des Elfenbeins spielt und stark gefleckt ist vom Rostbraun der gefallenen Blätter, der herbstlichen Gräser und des wilden Gesträuchs, das diesen verlassenen Ort überwuchert. Man steht auf einem marmorgepflasterten Platz und hat vor sich eine erdrückende Plattform aus Marmor, die sich im Hintergrunde wie eine Mauer erhebt. Auf dieser Plattform steht der eigentliche Thronsaal mit gedrungenen blutroten Säulen und monumentalem Dache aus alten Glanzziegeln. Dieser weiße Platz ist wie ein Kirchhof: so viel Gestrüpp ist zwischen den gehobenen Steinplatten hervorgewachsen, und in der Stille hört man nichts, als das Krächzen der Elstern und Raben.

Am Boden liegen Reihen von Bronzeblöcken, einer wie der andere, eine Art von Kegeln, auf denen Tiergestalten angedeutet sind; sie stehen zwischen dem braunen Gras und den entlaubten Zweigen umher, und man könnte sie verstellen wie ein Spiel riesiger schwerer Kegel. Seinerzeit dienten sie bei feierlichen Aufzügen dazu, die Standplätze der Fahnen und die Punkte zu kennzeichnen, wo die höchsten Besucher sich niederwerfen mußten, wenn der Sohn des Himmels geruhte, im Hintergrunde auf der Höhe der Marmorterrassen wie ein Gott zu erscheinen, von Bannern umgeben, in goldnem Panzer, mit Köpfen von Ungeheuern auf den Schultern und goldenen Flügeln als Kopfschmuck, – eine Tracht, deren überirdischen Glanz uns die im Ahnentempel aufbewahrten Bilder überliefern.

Zu diesen Terrassen, die den Thronsaal tragen, steigt man auf Rampen von babylonischen Verhältnissen empor. Die dem Kaiser allein vorbehaltene ist der »Kaiserliche Pfad«, das heißt eine schiefe Ebene aus einem einzigen Stück Marmor, einer jener unverschiebbaren Blöcke, die von der Stelle zu bringen das Geheimnis der einstigen Menschheit war. Ein fünfkralliger Drache ringelt sich im Relief von oben bis unten über diesen Stein, der die breiten, weißen Treppen mitten durchteilt und zu Füßen des Thrones führt. Kein Chinese würde wagen, diesen »Pfad« zu betreten, den die Kaiser herabstiegen, ihre hohen Sohlen auf die Schuppen des heraldischen Tieres drückend, um nicht auszugleiten.

Diese Marmorrampen von einem durch die Jahrhunderte unberührten Weiß sind mit hunderten von Geländersteinen bedeckt, auf deren Spitze das Licht fällt und die, aus der Nähe gesehen, eine Art kleiner, von Reptilen umschlungener Zwerge darstellen.

Der Saal dort oben, der heute allen Winden und allen Vögeln des Himmels preisgegeben ist, trägt auf dem Dache die größte Menge gelber Fayence, die es in Peking gibt, und das stachligste Ungeheuer. Seine Eckzierate haben die Form großer ausgebreiteter Flügel. Im Innern ist natürlich alles Glanz, eine Feuersbrunst von rotem Gold, das einen in den chinesischen Palästen stets verfolgt. In der Wölbung mit ihrer unentwirrbaren Zeichnung winden sich Drachen nach allen Richtungen, ineinander verschlungen und verwickelt; ihre Krallen und Hörner erscheinen überall zwischen Wolken, – und einer löst sich von der Menge und scheint von diesem schrecklichen Himmel herabfallen zu wollen, in seiner hängenden Kralle eine goldene Weltkugel gerade über dem Throne haltend. Dieser Thron aus rotem und goldenen Lack ragt inmitten des dämmerigen Raumes auf einer Estrade; hinter ihm auf hohen Schäften zwei breite Federschirme, das Sinnbild der Herrschaft, und längs der Stufen, die zum Throne führen, Räuchergefäße wie in den Pagoden zu Füßen der Götter.

Wie die Straßen, auf denen ich gekommen bin, wie die Reihen von Brücken und die dreifachen Tore, liegt dieser Thron genau in der Achse von Peking, dessen Seele er darstellt; wären nicht alle diese Mauern und alle diese Umwallungen, so hätte der Kaiser, der auf diesem Sockel aus Marmor und Lack thronte, seinen Blick bis in die äußersten Tiefen der Stadt tauchen können, bis zu dem letzten Durchbruch der Mauern, die Peking umschließen. Die tributpflichtigen Herrscher, die ihm nahten, die Gesandtschaften, die Heere, waren von dem Augenblick, wo sie Peking durch das Südtor betraten, sozusagen unter dem Feuer seiner unsichtbaren Blicke.

Auf dem Boden liegt ein dicker Teppich von der goldgelben kaiserlichen Farbe, der in verblaßter Zeichnung den Kampf der Fabelwesen, den Alptraum des Schnitzwerks der Decke wiederholt. Es ist ein riesenhafter Teppich aus einem einzigen Stück und von so hochstehender, dichter Wolle, daß die Schritte darin ersticken, wie auf dem Gras einer Wiese; aber er ist ganz zerrissen, von Motten zerfressen und hier und dort mit grauem Vogelmist bedeckt, – denn Elstern, Tauben und Raben nisten hier in dem Schnitzwerk der Wölbung, und sobald ich eintrete, erfüllt sich die unheimliche Stille mit einem Schwirren erschreckt auffliegender Vögel, oben, hoch oben, bei den im Halbdunkel schimmernden Balken, unter dem Golde der Drachen und Wolken.

Für uns uneingeweihte Barbaren ist das Unverständliche an diesem Palaste, daß er drei solcher ganz gleicher Säle mit den gleichen Thronen, den gleichen Teppichen, den gleichen Zieraten an den gleichen Stellen enthält; sie bilden eine Flucht hintereinander, stets genau in der Achse der vier ummauerten Städte, die alle zusammen Peking bilden; auch liegt vor jedem der gleiche große marmorne Hof, und jeder von ihnen steht auf der gleichen Marmorterrasse, zu der man auf den gleichen Treppen, den gleichen kaiserlichen Pfaden emporsteigt. Überall die gleiche Verlassenheit, das gleiche Wuchern der Gräser und Sträucher, der gleiche Verfall eines alten Friedhofes, die gleiche hallende Stille, die nur das Krächzen der Raben unterbricht.

Warum drei? da doch notwendigerweise der eine die beiden anderen verdecken muß und man, um vom ersten in den zweiten oder vom zweiten in den dritten zu gelangen, jedesmal in einen weiten, traurigen Hof ohne jede Aussicht hinabgehen und dann zwischen den prunkhaften, aber so eintönigen und bedrückenden Massen des elfenbeinfarbigen Marmors wieder hinaufsteigen muß!

Diese Dreizahl muß irgendeine geheimnisvolle Bedeutung haben, und auf unsere schon verwirrte Einbildungskraft macht diese Wiederholung den gleichen Eindruck wie die drei gleichen Heiligtümer und die drei gleichen Höfe im großen Tempel der Lamas . . .

Die Privatgemächer des jungen Kaisers hatte ich schon gesehen. Die der Kaiserin – denn sie hatte ihre Gemächer hier in der »Violetten Stadt« neben denen in den zierlichen Palästen, die ihre Herrscherlaune über die Parks der »Gelben Stadt« verstreut hatte – die der Kaiserin sind weniger melancholisch und vor allem weniger dunkel. Säle und Säle sind es, einer dem anderen gleich, mit großen Spiegelscheiben in den Fenstern und stets mit einer kostbaren Bedachung aus gelben Glanzziegeln; jeder hat seine marmorne Freitreppe, die von zwei goldfunkelnden Löwen bewacht ist, und die kleinen, dazwischen liegenden Gärtchen sind angefüllt mit Kunstgegenständen aus Bronze, großen heraldischen Tieren, schlanken Phönixen oder kauernden Ungeheuern.

Im Innern gelbe Seidenstoffe und viereckige Lehnstühle von der durch die Jahrhunderte geheiligten und wie ganz China unveränderlichen Form. Auf den Truhen und Tischen steht eine Menge kostbarer Gegenstände in kleinen Glaskästen, um sie vor dem ewigen Staube von Peking zu schützen. Das gibt diesen Dingen die Schwermut von Mumien und verbreitet in den Gemächern die Kälte eines Museums. Viele künstliche Blumensträuße, phantastische Blumen in blassen Tönen aus Bernstein, Nephrit, Achat oder Mondstein . . .

Der große unnachahmliche Luxus der Säle dieses Palastes ist immer eine Reihe ebenholzgeschnitzter, durchbrochener Bögen, die wie dichte Buchenhecken mit schwarzem Blattwerk aussehen. In welchen fernen Wäldern ist dies Ebenholz gewachsen, aus dem jede dieser Trauerbuchen in einem einzigen Stücke geschnitzt ist? Und mit welchen Meißeln und welcher Geduld konnte man derart im vollen Holze bis zum Kern des Baumes jeden Stengel und jedes Blatt dieser leichten Bambusse oder jede feine Nadel dieser Zedern schnitzen – und dazwischen noch Schmetterlinge und Vögel verteilen?

Hinter dem Schlafgemach der Kaiserin befindet sich eine Art von dunklem Betraum voll buddhistischer Gottheiten auf den Altären. Noch schwebt hier ein köstlicher Duft, den die elegante und galante, noch im Alter schöne Herrscherin zurückließ. Zwischen diesen Götterfiguren steht eine kleine, ganz verblichene, abgenutzte Figur aus uraltem Holz, deren Gold nicht mehr glänzt, mit einem Halsschmuck echter Perlen, und vor ihr ein welkender Blumenstrauß, die letzte Gabe, sagt mir einer der Eunuchen und Palastführer, welche die Kaiserin im Augenblick vor ihrer Flucht aus der »Violetten Stadt« diesem kleinen alten Buddha, ihrem Lieblingsfetisch, dargebracht hat.

Ich werde heute zum letzten Male diese Residenz durchwandern, und zwar in umgekehrter Richtung wie am ersten Tage.

Um hinauszukommen, muß ich jetzt also in jenes Viertel, wo alles ummauert und wieder ummauert ist, die Tore verbarrikadiert und von immer schrecklicheren Ungeheuern bewacht sind . . . Die versteckten Prinzessinnen, die Schätze, sind sie hier? . . . Stets die gleiche Blutfarbe der Mauern, die gleichen gelben Fayencen auf den Dächern und zahlreicher denn je Hörner, Klauen, grausame Gestalten, Hyänenlachen, fletschende Zähne und schielende Augen; die kleinsten Dinge bis zu den Riegeln und Klopfern nehmen Gesichtszüge an, die Haß und Tod grinsen.

Alles verfällt vor Alter; die Fliesen auf dem Boden sind abgewetzt, das Holz dieser fest verriegelten Tore zerfällt in Staub. Es gibt alte dunkle Höfe, die man hundertjährigen Dienern mit weißen Bärten überlassen hat. Die haben dort ärmliche Hütten errichtet und leben wie Klausner, ziehen gelehrige Elstern auf oder züchten angesichts der ewig grinsenden Marmor- oder Bronzetiere kranke Blumen in Porzellanvasen. Kein Klosterhof, kein Gefängnisgang reicht an die Traurigkeit dieser allzu engen und dumpfen Höfe hinan, auf denen Jahrhunderte lang unumschränkt die finstere Laune der chinesischen Kaiser lastete. Hier wäre die Stelle für den unerbittlichen Satz: »Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung schwinden!«

Je weiter man dringt, desto verwickelter und enger werden die Gänge; man sagt sich, daß man nie mehr hinausgelangen wird, daß die schweren Schlösser so vieler Türen nicht mehr aufgehen werden, oder daß die Wände aneinanderrücken, bis sie uns zerquetschen . . .

Trotzdem bin ich schon fast draußen, denn ich habe die innere Umfassungsmauer durch zwei massive Torflügel verlassen, die sich rasch hinter mir schließen. Jetzt bin ich zwischen dem ersten und zweiten Wall eingeschlossen, einer so dräuend als der andere; ich befinde mich auf dem Rondenweg, der um die ganze Stadt läuft, ein Weg der Angst, endlos lang zwischen den beiden dunkelroten Mauern, die in der Ferne zusammenzulaufen scheinen; ein paar menschliche Überreste liegen umher, Fetzen von Soldatenkleidern; auch zwei oder drei Raben sieht man hüpfen und einen leichenfressenden Hund umherschnuppern.

Als endlich vor mir die Eichenbohlen fallen, die das äußere Tor (das von den Japanern bewachte) verrammeln, finde ich, wie beim Erwachen aus einem Alptraum, den Park der »Gelben Stadt«, den freien Raum unter den großen Zedern . . .

 
Sonntag, 28. Oktober

Die Nephritinsel im Lotossee ist ein Felsen – vielleicht künstlich, obgleich so groß wie ein Berg –, der inmitten der Haine der »Gelben Stadt« aufragt. An seine Flanken klammern sich alte Bäume und alte, emporgestufte Tempel, und das Ganze krönend strebt ein Turm empor, ein Wachtturm von gewaltiger Größe und seltsamer, geheimnisvoller Gestalt. Man sieht ihn von überall; sein Umriß von wahrhaft übertrieben chinesischer Form beherrscht ganz Peking, und in seiner luftigen Höhe birgt er ein entsetzliches Götzenbild, dessen drohende Gebärde und Todesgrinsen über der Stadt schweben. Unsere Soldaten haben dieses Idol den »großen chinesischen Teufel« genannt.

Ich steige heute morgen hinauf, diesem »großen Teufel« meinen Besuch abzustatten.

Ein Brückenbogen aus weißem Marmor, der sich über das Schilf und die Lotospflanzen spannt, bildet den Zugang zur Nephritinsel. Die beiden Köpfe dieser Brücke sind selbstverständlich von marmornen Ungeheuern bewacht, die jeden, der die Kühnheit hätte, über die Brücke zu gehen, wild angrinsen und anschielen. Die Ufer der Insel erheben sich steil unter den Zweigen der Zedernbäume, und sofort beginnt das Klettern über Treppen oder in den Felsen gehauene Wege. Nun stößt man auf eine ganze Reihe von Marmorterrassen, die sich stufenweise unter den dunklen Bäumen erheben, mit bronzenen Räuchergefäßen und dunklen Pagoden, in deren finsterem Hintergrunde riesige vergoldete Götzen funkeln.

Diese Nephritinsel ist ein wichtiger strategischer Punkt, denn sie beherrscht die ganze Umgebung, und so ist sie auch von einer Kompanie unserer Marine-Infanterie besetzt.

Unsere Soldaten haben hier kein anderes Obdach als die Pagoden und kein anderes Feldbett als die heiligen Tische. Um sich etwas Platz zu schaffen und sich nachts auf diese schönen roten Tische ausstrecken zu können, haben sie das Volk der kleinen Götzen zweiten Ranges, die seit Jahrhunderten darauf standen, vorsichtig vor die Türe gesetzt, die großen, feierlichen Götzenbilder aber auf ihren Thronen gelassen. So stehen sie draußen zu Hunderten, zu Tausenden, wie Spielzeug auf den weißen Terrassen aufgereiht, die armen kleinen, noch immer blinkenden Götzen, auf die jetzt Sonne und Staub herniederfällt. Und im Innern der Tempel, um die großen verschont gebliebenen Idole sind – ein rauher Anblick – die Gewehre unserer Soldaten zusammengestellt, ihre grauen Decken und Uniformen aufgehängt! Und wie haben unsere braven Leute schon mit ihrem Kasernengeruch diese verschlossenen Heiligtümer bis unter die lackierten Wölbungen erfüllt, die an den Duft von Sandelholz und Weihrauchstäben gewöhnt waren!

Zwischen den krummen Ästen der alten Zedern schimmert nach und nach ein grüner Horizont mit den rötlichen Tinten des Herbstes hervor: ein endloser Wald, aus dem nur hier und da gelbe Fayencedächer emportauchen. Dieser Wald ist Peking, das man sich gewiß nicht so vorgestellt hat – Peking von der Höhe der heiligsten Stätte aus gesehen, die nach aller Wahrscheinlichkeit der Fuß eines Europäers niemals betreten hatte.

Der Felsboden, der uns trägt, wird immer schmäler, je näher man dem »großen chinesischen Teufel« und der Spitze dieses isolierten Kegels kommt, der die Nephritinsel bildet.

Heute morgen kreuze ich beim Hinaufsteigen ein Häuflein merkwürdiger Pilger, die mir entgegenkommen: Lazaristen-Missionare in Mandarinentracht mit langem Zopfe, gefolgt von ein paar jungen chinesischen katholischen Priestern, die über ihr Hiersein bestürzt scheinen, als hätten sie trotz ihres auf den Väterglauben aufgepfropften Christentums noch das Gefühl, einen so lange verbotenen Ort durch ihre bloße Gegenwart zu entweihen.

Dicht am Fuße des großen Turmes, der diese Felsen krönt, liegt der Kiosk aus Fayence und Marmor, der den »großen Teufel« beherbergt. Man ist da in großer Höhe, in frischer reiner Luft, auf einer engen Terrasse über den breiten Wipfeln der Bäume, die heute kaum durch den gewöhnlichen Staub und Sonnendunst verschleiert sind.

Ich betrete die Wohnung des »großen Teufels«, des einzigen Bewohners dieser luftigen Region . . . Oh! welch scheußlicher Kerl! Er ist etwas über lebensgroß, in Bronze gegossen. Wie Shiva, der Gott des Todes, tanzt er über Leichen. Er hat fünf bis sechs gräßliche Gesichter, deren grinsende Fratzen fast unerträglich sind. Er trägt ein Halsband aus Totenschädeln und gestikuliert mit ungefähr vierzig Armen umher, die Marterwerkzeuge oder abgeschnittene Köpfe halten.

Das ist die Schutzgottheit, welche die Chinesen über ihrer Hauptstadt thronen lassen, höher als alle ihre pyramidenförmigen Fayencedächer, als ihre Türme und Pagoden – wie man bei uns einen Christus oder eine weiße heilige Jungfrau aufgerichtet hätte. Und dies ist gleichsam das greifbare Symbol ihrer tiefen Grausamkeit, das Wahrzeichen für den unerklärlichen Spalt im Gehirn dieser Menschen, die gewöhnlich so fügsam und sanft sind und so viel Sinn für den Reiz der Kinder und der Blumen haben, aber plötzlich mit wahnwitziger Freude zu Folterknechten werden können und Nägel und Eingeweide aus lebendigen Leibern reißen . . .

Was mich in der Luft trägt, die Felsen und Marmorterrassen, fällt unter mir zwischen den alten Zedernwipfeln in jähem, schwindelndem Sturz ab. Das Licht ist wunderbar, und die Stille vollkommen.

Peking zu meinen Füßen gleicht einem Walde! . . .

Ich war auf diesen unbegreiflichen Eindruck vorbereitet, aber meine Erwartung wird noch übertroffen. Ich hatte keine Ahnung, daß es außerhalb der Parks der »Kaiserlichen Stadt« so viel Bäume in den Höfen der Häuser, den Gärten und Straßen gibt. Alles ist wie mit Grün überflutet. Selbst jenseits der Wälle, die in der weiten Ferne ihren schwarzen Rahmen am Himmel abzeichnen, setzt sich der Wald schier endlos fort. Nur nach Westen liegt die graue Steppe, durch die ich an einem Schneemorgen gekommen bin, und nach Norden heben sich die Berge der Mongolei durchsichtig und schimmernd vom blassen Himmel reizvoll ab.

Die großen geraden Verkehrsadern dieser Stadt, nach einem einheitlichen Plan in einer Regelmäßigkeit und Breite gezogen, wie man sie in keiner unserer europäischen Hauptstädte findet, sehen von meinem Standpunkt wie Straßen im Walde aus, eingefaßt von drolligen, verschnörkelten, zierlichen Häuschen aus grauer Pappe oder fein ausgeschnittenem Goldpapier. Viele dieser Verkehrsadern sind ausgestorben; von hier oben betrachtet, erscheint das Treiben in den noch belebten wie eine Prozession kleiner brauner, auf den Boden gedrückter Tiere, etwa so wie ein Wanderzug von Ameisen; es sind die ewigen Karawanen, die langsam und still dahinziehen und sich in die vier Windrichtungen des gewaltigen Chinas zerstreuen.

Die Gegend unmittelbar zu meinen Füßen ist die entvölkerteste und stillste von ganz Peking. Nur Schweigen dringt herauf zu dem schrecklichen Götzen und zu mir, und wir beide berauschen uns gemeinsam an dem Licht und der frischen, eisigen Luft. Kaum ein Krächzen, verloren und unklar im weiten Raum, wenn unter uns ein Zug schwarzer Vögel vorbeiwirbelt . . .

Ein Gefühl des Bedauerns beschleicht mich heute nachmittag bei der Arbeit in meinem einsamen hohen Palaste: das Bedauern des Abschieds, denn ich stehe dicht vor meiner Abreise. Übrigens wird es ein Abschied für immer sein, denn käme ich später nach Peking zurück, so würde dieser Palast mir verschlossen sein, und jedenfalls fände ich nie meine reizende Einsamkeit wieder.

Dieser so entlegene, so unnahbare Punkt, den mir als Wohnung zu denken früher wie Wahnwitz erschienen wäre, ist mir schon so vertraut geworden wie alles, was sich darin befindet und was darin vorgeht! Die große Göttin aus Alabaster im dunklen Tempel, der tägliche Besuch der Katze, die Stille der Umgebung, der trübe Glanz der Oktobersonne, das Sterben der letzten Schmetterlinge an den Fensterscheiben, das Treiben der unter den glasierten Dächern nistenden Spatzen, das Wirbeln des welken Laubes und der Fall der kleinen balsamischen Zedernnadeln auf die Steinfliesen des Platzes, wenn der Wind sich regt . . . Welch merkwürdiges Geschick, wenn ich es bedenke, hat mich hier zum Herrn für wenige Tage gemacht! . . .

Im Nordpalast ist es mit der Herrlichkeit unserer langen Galerie bald vorbei. Schon ist sie in Zwischenräumen von leichten Holzwänden durchzogen, die rasch entfernt werden können, wenn die Kaiserin je an die Rückkehr denken sollte, die aber für den Augenblick Büros und Zimmer abteilen. In dem Teil, der den Salon des Generals bilden soll, stehen noch einige prächtige Kunstgegenstände; im übrigen ist alles vereinfacht, und die Seidenstoffe, die Porzellane, die Wandschirme und Bronzen sind heute ordnungsmäßig katalogisiert und in den Möbelspeicher gewandert. Unsere Soldaten haben sogar, um diese künftigen Räume des Generalstabes wohnlicher zu gestalten, europäische Sessel hergebracht, die sie hier und da in den Vorratsräumen des Palastes gefunden – Sophas und Lehnstühle in unklarem Renaissancestil mit altgoldenem Plüschbezug, wie in der guten Stube einer möblierten Provinzwohnung.

Ich werde jedenfalls morgen früh abreisen. Als Kapitän C. und ich noch ein letztes Mal zum Essen an unserem Ebenholztisch sitzen, stimmt uns beide der Anblick der großen Veränderung ringsum etwas schwermütig. Wie schnell ist unser chinesischer Kaisertraum ausgeträumt! . . .

 
Montag, 29. Oktober

Ich habe meine Abreise um vierundzwanzig Stunden verschoben, um den General Voyron, der heute abend nach Peking zurückkehrt, noch zu sehen und seine Mitteilungen für den Admiral entgegenzunehmen.

So bleibt mir denn ganz unversehens ein letzter Nachmittag, den ich in meiner hohen Warte verbringen kann, und ein letzter Besuch meines Kätzleins, das mich nicht morgen und niemals mehr an meinem gewohnten Platze wiederfinden wird. Übrigens wird es auch von Tag zu Tag kälter, und meine Arbeitsstätte wäre bald nicht mehr zu benützen.

Bevor sich das Tor dieses Palastes auf ewig hinter mir schließt, mache ich noch einen Abschiedsrundgang in alle entlegenen Winkel der Terrassen und alle verschnörkelten, reizenden Kioske, in denen die Kaiserin ohne Zweifel ihre Träume und ihre Liebschaften verbarg.

Als ich von der großen Alabastergöttin Abschied nehme, neigt sich die Sonne schon zum Untergang, und die Dächer der »Violetten Stadt« baden sich im Goldrot des Abends. Ich finde ihre ganze Umgebung verändert; die Soldaten, die unten die Pforte bewachen, sind heraufgekommen, um in ihrer Wohnung Ordnung zu machen; dabei haben sie die tausend Scherben von Porzellan und Armleuchtern, die tausend Reste von Vasen und Blumensträußen entfernt und den Platz sorgfältig ausgekehrt, und die alabasterne Göttin, so reizend blaß in ihrem Goldkleide, lächelt einsamer denn je im Hintergrunde ihres leeren Tempels.

Die Sonne dieses letzten Abends versinkt in den kleinen eisigen Winterwolken, deren bloßer Anblick mich frösteln läßt. Und während ich über die Marmorbrücke zurückgehe, um in den Nordpalast zu gelangen, läßt der Wind der Mongolei mich unter meinem Mantel erschauern. Der General ist mit einer Bedeckung von Kavallerie eben angekommen.

 
Dienstag, 30. Oktober

Um sieben Uhr früh, bei unveränderlich schöner Sonne und eisigem Winde, reite ich ab mit meinen zwei Burschen und dem jungen Chinesen Tum, unter Bedeckung von zwei Chasseurs d'Afrique, die mich bis zu meiner Dschunke begleiten sollen. Es sind ungefähr sechs Kilometer, bis wir die traurige Landschaft erreichen. Zunächst müssen wir natürlich über die Marmorbrücke durch den großen kaiserlichen Hain. Dann führt unser Weg in einer schwarzen Staubwolke durch das Peking der Ruinen, der Trümmer und der Armut, in dem morgendliches Gewimmel herrscht.

Endlich, nach den tiefen Toren, die in die hohen Wälle gebrochen sind, finden wir draußen die graue Steppe, über die ein furchtbarer Wind streicht, und sehen die riesigen mongolischen Kamele mit ihren Löwenmähnen, die in endlosem Zuge daherschreiten und unsere Pferde scheu machen.

 

Nachmittags sind wir in Tung-Tschau, der Stadt der Ruinen und Leichen, deren Stille man durchreiten muß, um an das Ufer des Pei-ho zu gelangen. Dort finde ich meine Dschunke am Ufer liegend, bewacht von einem Trainreiter; die gleiche Dschunke, die mich von Tientsin hierhergeführt hat, die gleiche chinesische Bemannung und vollkommen unversehrt all die kleinen Vorräte meines Wassertierlebens. Während meiner Abwesenheit wurde nur mein Vorrat an reinem Wasser geplündert, recht unangenehm für uns, aber wohl entschuldbar in dieser Zeit, wo das Flußwasser unseren armen Soldaten Entsetzen einflößt! Um so schlimmer! So werden wir siedenden Tee trinken.

Unterwegs bringe ich beim Etappenkommando meine Papiere in Ordnung, empfange unsere Feldration in dem in den Ruinen eingerichteten Lebensmitteldepot, und flugs machen wir die Dschunke von dem vergifteten Ufer los, das nach Pest und Tod stinkt, und beginnen mit der Strömung zum Meer hinabzuschwimmen.

Wenn es auch empfindlich kälter ist, als bei der Herfahrt, so ist es doch beinahe lustig, das Nomadenleben wieder aufzunehmen, in dem kleinen Sarkophag mit seinem Mattendach zu hausen und sich bei sinkender Nacht in die ungeheure Einsamkeit der Gräser zu vertiefen, während wir zwischen den schwarzen Ufern dahingleiten.

 
Mittwoch, 31. Oktober

Die Morgensonne glänzt über der von einer Eisdecke überzogenen Brücke der Dschunke. Das Thermometer zeigt 8° unter Null, und der mongolische Wind bläst heftig, scharf und grausam, aber großartig gesund.

Der schnelle Lauf des Flusses kommt uns zu statten, und viel rascher als bei der Bergfahrt ziehen die traurigen Ufer mit den gleichen Ruinen und den gleichen Leichen an den nämlichen Stellen vor unseren Augen vorüber. Von früh bis spät marschieren wir, um uns zu erwärmen, auf dem Leinpfad beinahe im Laufschritt neben den treidelnden Chinesen. Und es ist ein Hochgefühl physischen Lebens; in diesem Wind fühlt man sich unermüdlich und leicht.

 
Donnerstag, 1. November

Unsere Fahrt flußabwärts wird diesmal nur achtundvierzig Stunden währen, denn gegen Abend kommen wir in Tientsin an, und so haben wir nur zwei eisige Nächte unter dem dünnen Mattendach zugebracht, durch dessen Maschen die Sterne schimmern.

Tientsin, wo wir uns zunächst eine Unterkunft für die Nacht suchen müssen, hat sich seit unserer letzten Durchfahrt mächtig bevölkert. Wir brauchen beinahe zwei Stunden, um durch die riesige Stadt zu rudern, mitten unter Scharen von Kähnen und Dschunken, während die beiden Flußufer voll von chinesischem Volk sind, das schreit und herumläuft, kauft und verkauft, unbekümmert um den Einsturz der Mauern und Dächer.

 
Freitag, 2. November

Unter dem Frostwind, der unausgesetzt erbarmungslos weht und den Staub aufwirbelt, langen wir zu Mittag in dem gräßlichen Taku, an der Mündung des Flusses an. Aber leider ist es unmöglich, heute zum Geschwader zu kommen; die Flutverhältnisse sind ungünstig, die Sandbank schwierig, der Wasserstand niedrig. Vielleicht morgen oder noch später? . . .

Ich hatte fast Zeit genug gehabt, das ungewisse unerquickliche Leben zu vergessen, das man hier führen muß: ewige Sorge, wie das Wetter sein wird, Fürsorge für irgendeine mit Soldaten oder Kriegsmaterial gefüllte Barke, die draußen vielleicht überrascht wird oder an der Sandbank scheitern könnte, Schwierigkeiten und Gefahren aller Art bei dem fortwährenden Hin und Her zwischen dem Land und Schiffen bei der Ausschiffung des Expeditionskorps – was vielleicht dem Fernstehenden äußerst einfach erscheinen mag, an einer solchen Küste aber eine Welt von Schwierigkeiten birgt . . .

 
Samstag, 3. November

Seit dem Morgen bei hoher Flut unterwegs zum Geschwader. Nach einer halben Stunde ist das düstere Ufer Chinas hinter uns verschwunden, und der Rauch der Panzerschiffe beginnt seine schwarze Wolke am Horizont zu ziehen. Aber wir fürchten umkehren zu müssen, denn das Wetter ist allzu schlecht . . .

Ganz vom Sprühregen durchnäßt, komme ich schließlich an und springe zwischen zwei Wellen an Bord des »Redoutable«, wo meine Kameraden, die nicht wie ich ein hochchinesisches Zwischenspiel gehabt, schon seit vierzig Tagen unausgesetzt Dienst tun.

 

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