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Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen

Hermann Stegemann: Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
authorHermann Stegemann
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
titleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
pages266
created20160318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Von solchen Bildern und Erinnerungen umgetrieben, verlebte der Marschall von Sachsen in Chambord die ersten Tage nach seiner Rückkehr aus Vendôme.

Am siebenten Tage traf eine königliche Stafette ein und überbrachte ihm ein schmeichelhaftes, besorgtes Schreiben der Marquise von Pompadour.

Er empfing es im Pavillon, wohin er sich vor den geräuschvollen Vorbereitungen zurückgezogen hatte, die zu dem großen Ballfeste getroffen wurden und das ganze Schloß in Unruhe hielten. Das Wetter war immer noch schön, helle Sonne verbreitete wohlige Wärme, alle Wasserkünste sprangen, alle Statuen glänzten, alle Alleen waren von geputzten Menschen belebt, unendliche Heiterkeit durchwehte Schloß und Park.

Spöttisch lächelnd erbrach Moritz das duftende Schreiben. Sie war eine gute Briefschreiberin geworden, die kleine Etioles, die ihre ersten Billette an den König noch von dem Abbé Bernis hatte stilisieren lassen. Aber warum schrieb sie heute? Ihn 217 ihrer Bewunderung zu versichern? War etwas geschehen, bedurfte man seiner? War Chambord nicht der letzte Ort, wo der Marschall von Sachsen residierte!

Enttäuscht las er zu Ende.

Es war eine Paraphrase aus alter Zeit. So hatte ihm die Frau, die mehr und mehr in die Rolle der Herrscherin hineinglitt und dem schwach gewordenen, trägen König, der keine Vorträge mehr hören, nur noch kurz ja oder nein sagen wollte, um der Regierungsgeschäfte enthoben zu sein, nach Gefallen gängelte, schon mehr als einmal geschrieben! Vielleicht wünschte sie nur, daß diese Episteln nicht verloren gingen, daß er sich noch in ihrer Gunst wähnte, obwohl längst jüngere, geschmeidigere Herren vor ihrem Schemel das Knie zur Erde beugten, um einmal einen Marschallstab in ihrem Schoß zu finden.

Nichts stand in dem Brief als die Versicherung, daß man seiner ohne Unterlaß gedenke, und wer dies vergesse, der werde an ihn erinnert, wenn er die »Notre Dame« besuche, wo noch die Fahnen des Cumberländers hingen. Aber es gäbe Frauen, die nicht des Geruchs frisch geschnittener Lorbeeren bedürften, um die Erinnerung an den Marschall von Sachsen nicht minder frisch in ihrem Herzen zu bewahren.

218 »Leben Sie wohl, mein Herr Marschall! Es war mir ein Bedürfnis, Ihnen diese Zeilen zu schreiben, um mich Ihnen in Erinnerung zu bringen. Ich empfehle Ihnen um des Dienstes des Königs und des Vergnügens Ihrer Freunde willen, für Ihre Gesundheit zu sorgen. Oft ist der Verlust eines einzigen Mannes ein unermeßlicher allgemeiner Schaden. Einen solchen würde Frankreich erleiden, wenn es das Unglück hätte, Sie zu verlieren.«

Moritz ließ den Brief sinken. Was bedeutete diese Zuschrift? Gewohnt, Intrigen zu wittern, sann er darüber nach. Plötzlich befiel ihn die Erinnerung an Vendôme. Hatten sie damals nicht vom Hofe, von den Liebschaften des Königs, von den Schwestern De Nesle gesprochen, die Ludwig XV. nacheinander geliebt hatte, um die dritte zur Herzogin von Chateauroux zu machen? Er suchte sich die Unterhaltung zurückzurufen, aber es gelang ihm nicht. War nicht ein Höllengelächter um den Tisch gegangen, auf dem das silberne Tafelgeschirr der armen Lecouvreur geprangt hatte? War er nicht ein abgelebter Greis, ein schlotterndes Gerippe genannt und die Pompadour mit einer Staatseinrichtung verglichen worden? War Eliane mit zu Tisch gesessen, hatte sie ihm die Hand gestreichelt und ihm die herzlichsten Namen gegeben?

219 Eine große Verwirrung kam über seine bohrenden Erinnerungen – er raffte sich in die Höhe, griff nach dem Bild der Nymphe, ließ es fallen, trat vor das Gemälde seiner Mutter und sprach zu ihr:

»Beklagen Sie mich, teuerste Mutter, blicken Sie nicht so fremd und kühl auf Ihren Sohn! Man schreibt ihm Briefe, wie man sie einem abgedankten Bedienten schreibt, nachdem man ihn bei lebendigem Leib zu den Toten geworfen hat! Tröstet ihn mit Triumphen, die er erfocht, weil es ihm ein Lebensbedürfnis war zu triumphieren und sich vor sich selbst zu erhöhen! Doch nun zerfließt alles in einer nebelhaften Vorstellung, die nichts mehr klar erkennen läßt! Ist dies vielleicht der Sinn des Ganzen? Ist alles um uns und in uns nur Vorstellung? Sind auch Sie nur ein Bild, teuerste Mama, das aus mir stammt! Ach, wie schön wäre das, wenn solche Bilder größere, lebendigere Wahrheit wären als vergängliches Fleisch und Blut!«

Er wandte sich von dem Gemälde ab, erhaschte mit hart zugreifenden Fingern den Brief der Marquise von Pompadour und zerriß ihn in winzige Schnitzel.

Am Abend erlag er zum erstenmal wieder dem Rausch der Stunde, tafelte, als gäbe es keine Ärzte, befahl große Cour, erschien prunkvoll gekleidet im Festsaale und lud das Fräulein Saint-Pol, das mit 220 seinen kindlichen Reizen in Pantomimen und lebenden Bildern auf entzückende Art den Cupido spielte, auf den Platz an seiner Seite. Aber der Abend beglückte ihn nicht. Cupido trollte sich, nach Mitternacht zu Bett geschickt, allein nach Hause und dankte es nur einem Zufall, daß ein Offizier der Leibwache sich seiner frierenden Nacktheit erbarmte.

Zwei Tage später erschien ein Bote ans Saint Sulpice und überbrachte dem Marschall ein stattliches Schreiben, das schwer von roten Siegeln in Moritzens Hand fiel. Eine heiße Welle stieg in sein Gesicht.

»Mein Gott, bin ich wirklich immer noch verliebt?« fragte er sich laut und lachte, als Herr von Espagnac, der vor gerollten Karten und alten Befehlsbüchern am Tische saß, erstaunt die Augenbrauen emporzog.

»Spielen Sie nicht den Magister, Espagnac! Wenn der Marschall von Sachsen nicht mehr vom Herzen angetrieben wird, kann er auch nicht mehr Krieg führen,« rief er feurig.

Da merkte Espagnac, daß er zuviel war und entfernte sich.

Doch nun zögerte Moritz erst recht, dann zuckte er die Achseln über seine eigene Schwäche und sprengte die Siegel.

221 Ein Brief, von Frau von Jumilhac geschrieben, fiel heraus, und in diesem lag ein Brief, der nur von Frau von Bauffremont herrühren konnte.

Die Epistel der Frau von Jumilhac war kurz und nur als Geleitbrief des Schreibens Elianens gedacht.

Der Marschall las.

»Frau von Bauffremont bittet mich, ihr als sauve-garde zu dienen, mein lieber Marschall, damit ihr Brief nicht ohne Geleit vor Sie gelange. Wir haben das Grab des Herrn von Bauffremont in der Krypta zu Bauffremont besucht und unsere Gebete verrichtet. Er ruht als letzter in seiner Nische und hat den Raum, der noch dahinter freistand, schon bei Lebzeiten mit Ziegeln ausfüllen und vermauern lassen, damit kein Platz mehr sei unter seinem zerbrochenen Wappen.

»Welch ein Mann! Er wünschte allein zu sein mit denen, die vor ihm dahingingen. Frau von Bauffremont wird auch diese Willensäußerung achten. Sie begibt sich morgen nach Blois, um der Öffnung des Testamentes beizuwohnen, und ist gewappnet, dort noch Schlimmeres zu erfahren. Vielleicht ist ihre Besorgnis grundlos, denn ich nehme an, daß der Marquis auch im Tode die schöne Vorstellung aufrechterhält, wonach er Frau von Bauffremont 222 nur deshalb von seinem Lager und seinem Angesicht verbannte, weil er ihr die Pflege und den Anblick eines verstümmelten, zum Hungertode verurteilten Greises ersparen wollte.

»Ist dem so, so wird er sie nicht enterben. Aber Eliane wird darum nicht aufhören, ihn der Kälte und der Grausamkeit zu zeihen, und dies ist schmerzlich, denn wir sollen den Toten vergeben, was wir den Lebenden nicht zu vergeben vermochten.«

Der Marschall legte den Brief beiseite.

Frau von Jumilhac hatte die Ansichten des Herrn von Bauffremont so sehr zu den ihrigen gemacht, beide waren so einer Auffassung, daß Moritz von Sachsen diese Äußerungen wohl verstand. Aber vielleicht waltete hier doch ein Mißverständnis. Vielleicht waren diese beiden Menschen im Grunde doch sehr verschieden. Herr von Bauffremont war ein kalter Hasser, ohne Temperament, ohne alle die widerspruchsvollen Antriebe des Herzens, die in blutvolleren Menschen wirksam waren, Frau von Jumilhac aber war trotz ihrer Strenge eine gütige, warmfühlende Frau.

Moritz öffnete den Brief Elianens.

Über drei Zeilen jener zierlichen, wohltönenden Höflichkeitsphrasen, die von der Sitte gefordert werden und leicht aus jeder gutgeführten Feder 223 fließen, sprang Moritz von Sachsen eilig hinweg und las:

»So wird es mir leicht, in Ihnen einen Freund zu sehen und Sie als solchen anzureden, denn Sie erscheinen mir heute in Ihrer wahren, Ihrer ursprünglichen Gestalt.

»Glauben Sie mir, mein Freund, ich habe den Marschall von Sachsen bewundert, bevor ich ihn zu Gesicht bekam. Sprachen doch die jungen Offiziere, die uns damals in Tours die Zeit vertreiben halfen, von keinem anderen als von Ihnen. Da macht man sich leicht ein Bild, das so schön gemalt ist, daß die Wirklichkeit ihm nichts nachgibt, vielleicht sogar hinter ihm zurückbleibt. Auch ich bekenne mich schuldig, die Farben nicht richtig gemischt zu haben.

»Ich tat zuviel Süßigkeit hinein und hatte auch das Alter nicht richtig angesetzt. Nie sah ich Sie im Zeichen Ihrer Jahre, Sie waren mir immer der jugendliche Kriegsgott, der Herzen wie Festungen bricht, und dabei wußte ich doch ganz gut, daß Sie schon Triumphe gefeiert hatten, als die Wiege noch nicht auf mich wartete. Dieses Bild ist mir gegenwärtig geblieben, bis ich den Namen des Herrn von Bauffremont annahm und in Ihr Feldlager kam, ja es vermischte sich auf seltsame Weise mit der Gestalt eines jungen Offiziers, den ich in Tours kennen 224 gelernt hatte, so daß ich oft zweifelte, ob er nicht Ihre, Sie nicht seine Züge trügen. Dann lernte ich Sie von Angesicht kennen. Dies war, ich gestehe es Ihnen, ein Ereignis in meinem Leben.

»Erinnern Sie sich des Siegesfestes, das der König selbst anordnete, als ganz Brabant zu Ihren Füßen lag und Brüssel den Jubel kaum fassen konnte? Sie erinnern sich, ich weiß es. Da sah ich Sie, bevor Sie mich sahen und das war gut, denn ich brauchte Zeit, um Bild und Wirklichkeit zu trennen. Fürchten Sie nicht, daß ich enttäuscht war, Sie so ganz anders zu finden als meine Vorstellung! Ich sah auf einen Schlag, wie töricht meine Phantasie gemalt hatte.

»Ja, so sah der Mann aus, der mehr als dreißig Jahre zu Felde lag und den höchsten Ruhm genoß! So sah auch der Mann aus, der nicht Zeit hatte, krank zu sein und krank seine größten Schlachten schlug, aber vielleicht zu viel Zeit gefunden hatte, die wechselnden Launen seines unbeständigen Herzens zu befriedigen.

»Und dann hatte ich die Ehre, von Ihnen bemerkt zu werden.

»Nun bleibt mir noch dies zu sagen: in diesem Augenblick bin ich mir klar geworden, daß ich Herrn von La Peyrouse liebte, denn da vollzog sich in mir die Trennung seiner Gestalt von Ihrer geträumten, 225 da stand Moritz von Sachsen nicht mehr zwischen ihm und mir.

»Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, mein Freund, ich kann Ihnen nur sagen, wie es war.

»So wurde auch meine Abwehr zugleich gestärkt und gemildert, als Sie mir Huldigungen darbrachten, die meiner Eitelkeit schmeichelten, aber mein Herz nicht erreichten. Und nun geschah ein zweites. Ich stellte Ihr Bild, das sich so deutlich von dem meiner Vorstellung geschieden hatte, nun dem Bilde meines Gatten gegenüber – unwillkürlich verglich ich Herrn von Bauffremont mit Ihnen, und da wurde mir Herr von Bauffremont so weit entrückt, daß er mir gänzlich fremd wurde. Seine Kühle, seine Strenge, seine kalte Höflichkeit, die ganze Art seines Wesens hoben sich jetzt so scharf hervor, daß ich mich durch nichts mehr gebunden fühlte. Er hat nur um mich geworben, nie gesagt, daß er mich liebe, kurz – mich nie geliebt. Ich war nur die Wärmespenderin, der Schmuck seines abgeklärten Alters, eine schöne Figur in seinem Salon.

»Bin ich schuldig, mich gegen ihn vergangen zu haben? Bin ich's, so teilen Sie diese Schuld mit mir, Moritz von Sachsen! Sie – kein Anderer, denn kein Anderer ließ mich in mir selbst klarsehen und stieß das geheimnisvolle Ding an, das man Herz 226 nennt und das auf einmal zu gehen beginnt wie eine Uhr, die längst darauf gewartet hat, daß die gespannte Feder durch den Anstoß des Pendels zum Leben geweckt wird.

»Ihre Schuld ist nicht Gegenstand einer Anklage – Gott behüte mich –, ich habe Ihnen auch nichts zu verzeihen, Sie haben in meinem Leben ein wenig Schicksal gespielt, ohne gerade diese Rolle gesucht zu haben, das ist Alles

Der Brief war nicht zu Ende, aber Moritz von Sachsen konnte nicht weiterlesen. Er saß vornübergebückt, mit krummem Rücken, klopfenden Schläfen und starrte zornig, spöttisch, gerührt und beschämt auf das Papier. Das zweite Blatt lag schon vor ihm auf dem Teppich, das dritte bebte in seiner Hand. Endlich raffte er sich auf und lächelte frivol. In den nachher hergestellten Irrgängen eines weiblichen Herzens sich zurechtzufinden, war nicht seine Aufgabe. Er las weiter. Es war eine spannende Unterhaltung, weiter nichts. Aber seine Hände zitterten, als er las:

»Das ist Alles, ist viel, ist nichts – wie man will!

»Herr von Bauffremont aber hat erst an mein Herz geschlagen, als er mich in Namur von sich wies. Ich war zu ihm geeilt, meine Pflicht zu tun. Das 227 hatte nichts mit meiner Liebe zu schaffen. Es gibt Augenblicke, in denen wir etwas zu tun verlangen, bevor wir wissen, daß unsere Pflicht uns dazu ruft. Das sind Selbstverständlichkeiten der Wohlgezogenheit oder elementare Äußerungen unserer Gefühle. So bin ich nach Namur gefahren, nicht anders. Da wies man mir die Tür, sandte mich nach Tours, empfahl mir St. Sulpice als Zufluchtsort, hielt mich drei Jahre und bis zum Tode fern – das war nicht menschlich gehandelt! Man hat mir nicht nur das gute Werk unmöglich gemacht, mir nicht nur das Gefühl geraubt, meine Pflicht als Pflegerin meines Gatten erfüllt zu haben, sondern man hat mir auch unmöglich gemacht, vor Herrn von Bauffremont als vor meinen Ankläger und meinen Richter zu treten und mich zu verteidigen. So ist mir nichts als die Gewißheit geblieben, daß Herr von Bauffremont mich nie geliebt, nicht einmal so geliebt hat, wie ein Mann in seinen Jahren ein Kind lieben kann, das er an sein Herz genommen.

»Aber ich habe gebüßt. Ich bin zur Pönitenz in St. Sulpice eingekehrt und habe keinen Fuß aus seinen Mauern gesetzt, keinen Brief hinausgesandt, meine Gedanken in Zucht gehalten, gefastet, gebetet, ich habe gebüßt, um frei zu werden und ich werde mir meine Freiheit durch keine Maßregel des 228 Dahingeschiedenen verkümmern lassen. Er ruhe in Frieden, er ruhe, wie er gewünscht, allein, aber ich gehe frei von ihm aus. Ich habe ihn um Mitternacht in der Trinité zu Vendôme, als ich allein vor ihm knien durfte, um Verzeihung gebeten, ihm keinen Vorwurf gemacht, daß er mich nicht geliebt hat, denn dies stünde mir nicht an, und er hat unsäglich gelitten – aber ich nehme mein Leben aus der Hand des Schicksals zurück und ich bin glücklich, zu wissen, daß ich in Ihnen, Herr Marschall, heute einen Freund habe, dem ich mein Herz ausschütten durfte, ohne von ihm mißverstanden zu werden. Sie werden mir helfen!«

In Beteuerungen der Freundschaft und zärtlichen Wendungen endete der Brief, aber Moritz von Sachsen las sie so wenig, wie er die Eingangszeilen gelesen hatte.

Der Brief Elianens zog den Schlußstrich unter sein Liebesleben, das war das Ergebnis dieses letzten Abenteuers. Das Idealbild des Grafen von Sachsen war der Gegenstand ihrer Träume gewesen und hatte sich mit der Person des Herrn von La Peyrouse verwoben – der gealterte, kranke Marschall von Sachsen war zwar erst in dieser Gestalt zum größten Ruhm gelangt, aber er durfte nicht mehr auf Liebe hoffen.

229 So blieb ihm nichts als die Hefe des Bechers.

Moritz hätte in diesem Augenblick seinen ganzen Ruhm für ein Stück seiner Jugend gegeben. Aber dann rief er sich zur Ordnung, sonnte sich in seiner Glorie, weidete sich an Erinnerungen, die weit hinter ihm lagen, legte den Brief zu anderen Briefen und brachte den ganzen Hofstaat in Bewegung, das Schloß mit festlichem Leben zu füllen, um das Dasein ohne Skrupel und nach Kräften zu genießen. Er wollte in seiner großen Lebensrolle sterben.

Der Brief Elianens hatte alles in Bewegung gebracht, was in ihm gestaut lag, eine wilde Lustigkeit brach aus ihm hervor und schwemmte die traurigen, erschütternden Erkenntnisse hinweg, die dieser Frauenbrief in ihm aufgerührt hatte.

Am Abend des 13. November 1750 strahlte Schloß Chambord in nie gesehenem Glanz. Kein Valois, kein Bourbone hatte je solche Pracht in diesen Räumen entfaltet; Stanislaus Leszczynski der gute, spießbürgerliche Titular-König von Polen, der es vor Moritz bewohnt hatte und seit dem Ausgang des polnischen Erbfolgekrieges als Herzog von Lothringen und Bar in Nancy residierte, wäre vor der Zeit einem Schlag erlegen, wenn er diese Verschwendung mit Augen gesehen hätte.

Von der Freitreppe Ludwigs XIV. bis zu den 230 runden Türmen Königs Franz I. flammten Fackeln in die einbrechende Nacht. Weißes, gelbes, rotes Wachs troff aus kupfernen Leuchtbechern, von Wohlgerüchen gesättigt sprangen die Wasserkünste, Wein floß im Neptunsbrunnen vor der Kaserne der Sachsenreiter, Myriaden von Glühlämpchen leuchteten im Park. Der große Festsaal glitzerte in einem Strahlenmeer von tausend Kerzen, vor der Tafel, die zum Hufeisen gebogen war, stand ein Wasserbecken, aus dem anmutige Nymphen den Gästen taufeuchte Blumen reichten. Zwei Orchester spielten, einander ablösend, italienische und französische Musik und hinter dem schön bemalten Bühnenvorhang, auf dem eine grübchengeschmückte Venus sich im Silberschild des Mars spiegelte, der die Züge des Schloßherrn trug, bereitete man schon das große Ballett vor, zu dem Moritz selbst den Vorwurf geliefert hatte.

Der Marschall saß in sprühender Laune bei Tisch. Er hatte die Tischordnung gebrochen und sich auf beiden Seiten mit den schönsten Damen der Gesellschaft umgeben, so daß er, rings von blanken Schultern umglänzt, wie der Prophet im Paradies der Gläubigen thronte.

Nie war er witziger, heiterer, stürmischer erschienen als an diesem Feste. Eine fliegende Hitze, die ihn 231 gegen Abend befallen hatte, steigerte seine Lebhaftigkeit und ließ seine Wangen röter, seine Augen glänzender erscheinen. Er hatte so viel Sorgfalt auf sein Ansehen verwendet, daß er ein wenig jenem schönen Gemälde Nottiers glich, das ihn verjüngt in der Rüstung eines Marschalls zeigt.

Mit übereinandergeschlagenen Füßen und den rechten Arm auf Werke der Kriegswissenschaft und der Geschichte gestützt, steht er auf diesem Bilde unbedeckten Hauptes vor einem verwölkten Himmel im Vorhof des Ruhmestempels. Die Linke hält das kostbare Schwert, die Rechte hängt schlank, feingliedrig über die Folianten, neben denen der lorbeerumwundene Visierhelm glänzt. Dahinter aber wird Chronos sichtbar, der über diese zur Unsterblichkeit bestimmte Gestalt keine Macht hat. Doch das Antlitz des ritterlichen Kriegsfürsten und leichtfertigen Frauenjägers verrät weder Trotz noch Genußsucht. Ein seltsamer, schwermütiger Ernst spiegelt sich darin, eine Melancholie, die in der nervösen Spannung der Brauen und in der Bitterkeit des schiefgezogenen Mundes so starken Ausdruck findet, daß niemand hinter ihm den großen Menschenopferer und den skrupellosen Genießer sucht, von denen sein Leben kündet.

Wenn Moritz von Sachsen lachte, scherzte, 232 stürmisch warb oder als Feldherr seine Bataillone im Feuer schwenkte, trat dieser Zug in seinem Gesicht nicht hervor, aber wenn er plötzlich verstummte, einen Augenblick verwirrt den Kopf neigte, als horche er auf etwas, oder als rühre sich ein Schmerz in ihm, dann erschien dieser seltsame melancholische Ausdruck auch an diesem Abend hinter der heiteren, sorglosen, hochmütigen und genußsüchtigen Maske, die man gemeinhin für sein wahres Antlitz hielt.

Jetzt richtete er sich auf und gab über die Tafel weg das Zeichen zum Beginn des großen szenischen Spiels, das die Theatertruppe vorbereitet hatte.

Da rauschte der Vorhang, und die entzückte Gesellschaft sah die Nymphe Amaryllis mit ihren Schwestern auf offener Bühne zierliche Tänze drehen und vernahm aus Dianas Munde, daß den lieblichen Kindern des Waldes von bockfüßigen Gesellen Gefahr drohe. Die Warnung der Göttin verscheucht die Tänzerinnen, nur Amaryllis, die sorglose, bleibt zurück und singt, lieblich zur Quelle geneigt, eine perlende Ariette, indem sie tändelnd ihre Gewänder zu lösen beginnt.

Nie sahen die Gäste des Marschalls von Sachsen so unbefangen die durchsichtigsten Hüllen fallen. Aber kleine Liebesgötter waren rasch zur Stelle und verbargen die Schöne in silbergrau schimmernden 233 Schleiern, um sie vor den Blicken Cupidos zu bewahren, der lüstern durch die Büsche schielte. Hinter ihm raschelten, von ihm herbeigerufen, zwei Satyrn und nahten sich mit täppischen Tanzschritten der reizenden Beute.

Da flieht Amaryllis tänzelnd vor den Unholden, indem sie neckisch lockend Schleier um Schleier in ihren Händen läßt. Erst als diese alle Gesellen zu Hilfe rufen, wird sie bedrängt und späht angstvoll nach Rettung. Da erscheint Venus von Mars begleitet und jagt die faunische Schar in die Kulisse. Mars hält seinen Schild über die Nymphe, Venus aber winkt Amor herbei und befiehlt ihm, einen Pfeil in den Festsaal zu entsenden. Die kleine, nackte Tänzerin, die den Liebesgott spielt, macht dies so artig, läßt die leere Sehne so täuschend klingen, verfolgt so gespannt den Flug des eingebildeten Geschosses, daß die Gäste unwillkürlich nach dem Opfer Ausschau halten. Siehe da, der Pfeil findet sein Ziel. Ein junger, schöner Kavalier ist getroffen.

Die schmalhüftige Saint-Pol mimt die Szene allerliebst. Sie ist plötzlich aus einer Versenkung zwischen den Tafeln aufgetaucht, zieht den Pfeil aus dem Jabot ihres violettfarbenen Galarockes und eilt, graziös den Dreispitz schwenkend, über den Laufsteg auf die Bühne, wo Amaryllis den schönen Liebhaber 234 in einer Wolke von Amoretten empfängt. Amoretten überall: sie lassen sich aus der Luft herab, quellen zu allen Fenstern herein, springen aus den Blumenkörben, tauchen aus den Riesenfruchtschalen und erfüllen den ganzen Saal mit rosigen, flatternden Gestalten. Amaryllis liegt in den Armen ihres Kavaliers.

Die Zuschauer sind entzückt und hören nicht auf in die Hände zu klatschen und ihren Beifall zu bekunden.

Moritz von Sachsen wird von allen Seiten bestürmt und beglückwünscht. Eine Zeitlang gefällt er sich in dieser Pose, aber plötzlich fühlt er sich von einer großen Traurigkeit durchwühlt und von einer so tiefen Menschenverachtung ergriffen, daß er am liebsten diesen ganzen Saal in einen Brandherd verwandelt hätte, statt darin allen Göttern des Genusses zu opfern.

Er hebt die Tafel auf, befiehlt das Feuerwerk abzubrennen und macht so dem Spiel ein Ende. Aber es duldet den Marschall nicht lange auf der Freitreppe im Schwarm der Gäste. Er verlangt seinen Hut und steigt in den Park hinunter. Vergebens sucht Belart ihm den Weg zu vertreten. Eine herrschsüchtige, hochmütige Gebärde verbietet ihm, seine Warnung in Worte zu fassen. Diese Gebärde 235 verscheucht auch den Hofstaat. Außer Espagnac wagt ihm niemand zu folgen. –

Die Nacht war nicht sonderlich kühl, aber feucht und von einer eigentümlichen Klarheit, wie kurz vor dem Aufsteigen großer Nebel. Die Sternbilder standen schön geordnet, eine Silberbahn umschlang den Horizont. Zum erstenmal roch man die Erde so stark, daß der herbe Brodem der Beauce alle andern Düfte tötete.

Moritz schritt rüstig aus. Er hatte das Feuerwerk vergessen, war weit über den Pavillon Dianas hinausgeraten und ging zwischen den großen Teichen hin, die Ludwig XIII. für die Karpfenmast angelegt hatte. Goldbraun schimmerte das mit Blättern beworfene Wasser im Schein des fernher flackernden Feuerwerks.

Der Marschall hatte keinen Mantel umgenommen und trug den Hut in der Hand. Er war ohne Stock und drückte lässig schlendernd auf den Griff des vergoldeten Galanteriedegens. Sein Blick haftete auf den aufgeschreckten Schwänen, die das Knattern des Feuerwerks im Schlaf gestört hatte. Paarweise zogen sie mit steilen Hälsen und geblähten Flügeln durch die dunkelklare Flut.

»Sind diese stummen Tiere nicht voller Geheimnisse, Espagnac? Sehen Sie nur, wie sie aneinander 236 vorüberziehen, fremd, kalt, jedes Paar sein eigenes Leben lebend!«

Herr von Espagnac war leise hinter den Marschall getreten und legte ihm den großen, weißen Galamantel um, den der stets Besorgte rasch an sich gerafft hatte, ehe er Sachsen folgte.

Moritz ließ es ruhig geschehen. Er war in Gedanken und achtete kaum der Fürsorge des Getreuen, zog aber unwillkürlich die Falten zurecht.

»Man wird Sie vermissen, Herr Marschall,« sprach Espagnac leise mahnend.

»Mich vermissen? Wer? Wie lange? Sie übertreiben, lieber Freund!«

Wie bitter das klang!

»Sie müssen sich der Zukunft erhalten, Herr Marschall!«

»Mein Gott, die Zukunft! Ist Zukunft Leben? Lassen Sie uns die Gegenwart genießen! Ich tu's heute auf eigene Weise. Hören Sie, wie hohl die Sonnenwirbel lärmen! Wie anders spricht doch das Feuergewehr! Erinnern Sie sich des Feuers von Fontenoy? Des Lauffeuers eines Gevierthaufens von fünfzehntausend Mann, mit dem Cumberland uns um ein Haar zermalmt hätte! Vergessen Sie nicht, das recht eindrücklich zu machen 237 in Ihren Annalen! Man muß dem Gegner die Ehre geben, die er verdient.«

»Befehlen Sie, daß man dem Gegner die erste, fürchterliche Salve zubillige, wie es in Wahrheit geschah, Herr Marschall?«

Moritz wandte sich um.

»Es war ein Fehler, dem Gegner auch diesmal das Feuer abzulocken, denn die englischen Garden waren uns so nahegerückt, erschienen so dicht vor unserer Front auf der Geländekante, daß ihre Salve nicht, wie gewöhnlich zu Beginn eines Treffens über die Köpfe ging und unsere Feuerkraft intakt ließ. Der Nebel hatte uns einen Streich gespielt. Aber man lasse es bei der schönen Pose, die sich daraus ergab. Erzählen Sie, wie Lord Charles Hay den Hut hob und dem Grafen d'Hauteroche zurief, er solle Feuern lassen; Hauteroche aber die stolze Antwort gab: ›Nein, mein Herr, wir geben nie zuerst Feuer!‹ Erzählen Sie's, man wird aus einem Fehler eine ritterliche Gebärde machen, und diese Courtoisie wird dem Ruhme der französischen Armee und der französischen Sitte nützlicher sein als das Eingeständnis, daß wir diesmal falsch handelten. Auch Legenden haben Werbekraft, Espagnac.«

»Zu Befehl, Herr Marschall! Die königliche Haustruppe und das Schweizerregiment Courton 238 haben diese Legende mit ihrer Vernichtung teuer bezahlt.«

»Man wird in hundert Jahren noch davon sprechen. Das ist immerhin eine Salve wert,« erwiderte Moritz trocken.

Er wandte sich und schlug den Rückweg ein. Als sie zum Dianapavillon kamen, der, von innen erleuchtet, einen hellen Schein in die Nacht warf, bat Moritz seinen Adjutanten, einen Augenblick zu warten und stieg die Stufen hinauf, um das Bild seiner Mutter zu grüßen.

Die Knie waren ihm plötzlich schwer geworden. Taumelnd tat er die letzten Schritte. Vor dem Bilde Auroras stand er einen Augenblick wie betäubt, fuhr sich dann mit einem Seufzer über die Stirn, beschloß bei sich, das Gemälde in sein Schlafgemach zu verbringen, und verließ das Gemach, ohne sich nach andern Dingen umzusehen. Er war plötzlich wieder von einer Gedankenleere überfallen worden, die ihn wie einen Schlafwandler handeln ließ. Niemand begegnete ihm. Er ließ alle Türen hinter sich offen.

Als er in die Vorhalle trat und sich anschickte, die Stufen hinabzusteigen, fiel von rückwärts eine breite Lichtbahn vor ihm in den Park. Die weißen Marmorstufen schlugen die Lichtfülle kräftig zurück. Die Statuen, die in der Vorhalle standen, glänzten hell, 239 Trophäen, die von den Wänden hingen, schimmerten im Licht; er trat wie aus einer Grabkapelle in die Nacht. Den Hut in der Hand, vom weißen Mantel umwallt, den gepuderten Kopf in einer stolzen Bewegung zurückgeworfen, stieg Moritz von Sachsen langsam, Schritt für Schritt aus dem lichtdurchfluteten Pavillon Dianas in den dunkeln Park wie in die Unterwelt Proserpinas hinab. Eine Marmorbank, die blaß aus dem Dunkel tauchte, gewann das Aussehen eines Sarkophags, als er sich, noch geblendet von der Lichtfülle und von einem heftigen Schwindel übermannt, unsicher zu ihr hintastete. Er glaubte Espagnac vor sich zu erblicken, unterschied aber plötzlich statt einer zwei Gestalten und wurde durch dieses Doppelsehen vollends in Verwirrung gesetzt. Man sah ihn schwanken und nach einer Stütze suchen.

Da ergriff Espagnac rasch seinen rechten Arm.

»Sie sind von der Helle geblendet, Herr Marschall. Erlauben Sie uns, Sie zu führen. Ich bin nicht mehr allein. Herr von La Peyrouse ist soeben angekommen und wird die Ehre haben, an Ihrer linken Seite zu gehen.«

»La Peyrouse! Ihre Hand, Ihren Arm, mein Junge! Wie habe ich auf Sie gewartet!«

Ein Aufschrei war's, zärtlicher, herzlicher hatte 240 die Stimme des Marschalls von Sachsen noch nie geklungen – ein Lachen war darin und ein Schluchzen auch.

»Herr Marschall, ich konnte nicht schneller kommen,« antwortete La Peyrouse leise.

Aber der Marschall von Sachsen hörte die Antwort nur noch wie ein verworrenes Brausen an sein Ohr schlagen. Es war ihm als stürzte er ins Bodenlose.

»Espagnac, La Peyrouse, festhalten! Man lasse bis zum Morgen fideln und tanzen, sage der Wahrheit gemäß, ein Kurier sei angekommen, ich – müsse – arb–«

Er fiel schwer in die Arme, die hastig nach ihm griffen, ganz eingehüllt in den langen weißen Mantel, der wie ein Leichentuch um ihn fiel. Sein Kopf sank an die Brust des Herrn von La Peyrouse.

Seine letzten Befehle wurden erfüllt. Es gelang, ihn im Pavillon zu bergen, bis die Gäste in den Saal zurückgekehrt waren. Darauf trug man ihn auf Umwegen in sein Schlafgemach.

Als er zu Bett gebracht war, kehrte ihm das Bewußtsein zurück. Er war nie ganz ohne Besinnung gewesen, nie betäubt, nur unfähig sich zu rühren und wie durch tausend Meilen von denen getrennt, die um ihn beschäftigt waren. Ein dumpfer Schmerz riß 241 in seinem Nacken, Fieberschauer kamen und gingen, irgendwo in seinem Leib herrschte eine völlige Gefühlslosigkeit, die kalt wie Eis und schwer wie ein Erzklumpen in ihm lag, von der er aber nicht sagen konnte, wo sie nistete.

Er lag ganz ruhig und befahl, daß man sich nicht um ihn kümmere. Der Arzt genüge an seinem Bett. Aber Espagnac und La Peyrouse weigerten sich, das Vorzimmer zu räumen, und da man ihm vorstellte, daß das nötig sei, um der Angabe, er arbeite, Glauben zu verleihen, fügte er sich darein.

Er ließ sich sogar noch das Schreiben des Staatssekretärs des Krieges verlesen, in dem dieser sich beeilte, ihn seiner Ergebenheit zu versichern, ihm für seine Bemühungen um die Erneuerung der Armee dankte und den Oberstleutnant von La Peyrouse zu seiner Verfügung stellte, und lallte:

»Gut, morgen fangen wir an! Herr von Espagnac suche die Schießvorschriften heraus, die jetzt in Potsdam neu überprüft worden sind. Der königliche Flötist von Sanssouci wird einmal ganz Europa nach seiner Pfeife tanzen machen. Er ist aus den Lehrjahren herausgewachsen und ein Genie – ein Genie und ein König. Er ist heute noch der Alliierte Frankreichs, aber Allianzen sind wandelbar.«

Dies war die letzte klare Rede, die er in dieser 242 Nacht noch gehalten hat. Er fiel gleich darauf in dumpfen Schlaf, aus dem er erst am nächsten Abend aufschreckte, besann sich aber auf nichts und lag dann noch zwei Tage in einer sanften Betäubung.

Am 15. November schien der Anfall beschworen, da aber kein Schweiß auftrat und die Lebensgeister untätig blieben, machte man sich auf das Schlimmste gefaßt. Eilboten flogen nach Paris und nach Versailles, dem Minister, dem Hof und den beiden Neffen des Marschalls, den Grafen von Frise und Löwenhaupt, das bevorstehende Unglück zu melden.

Als aber in der Nacht plötzlich neues Blut in sein Gesicht schoß, und er sich voller Klarheit und Lebendigkeit aus seinem Dämmerzustand aufraffte, begann man wieder zu hoffen.

Der Arzt zählte auf seine unbezähmbare Natur. Zwar war auch König August I. einer Zersetzung des Blutes erlegen, aber Moritz schien trotz des genußsüchtigen Lebens, das auch ihn erschöpft hatte, widerstandsfähiger als sein Vater. Er war auch nicht gesonnen, sich zu ergeben, sondern kämpfte um sein Leben.

Am 17. November bat er La Peyrouse zu sich. Das riesengroße Schlafgemach lag im Halbdunkel. Das breite, auf einer Estrade aufgebaute Bett stand frei in der Tiefe des Raumes, an der 243 gegenüberliegeuden Wand, durch die ganze Zimmerbreite getrennt, hing über dem Marmorkamin das Bild Auroras von Königsmark, das heimlich ins Schloß gebracht worden war. Auf einem Tisch neben dem Bett stand die Miniatur der Nymphe von Valenciennes neben einer kleinen Wachsbüste der Lecouvreur.

»Setzen Sie sich, La Peyrouse, und lassen Sie uns plaudern. Ich möchte ein wenig aus meinem Leben erzählen,« empfing Moritz den Offizier.

Als La Peyrouse ihn bat, sich nicht zu ermüden, zeigte der Marschall auf einen Bund beschriebener Blätter.

»Gut, ich werde schweigen. Lassen wir Herrn von Espagnac das Wort. Lesen Sie mir vor, was dort liegt. Nur die ersten Seiten. Wir befinden uns im Jahre 1728, also im zweiunddreißigsten meines Lebens. Lesen Sie, La Peyrouse!«

Da Herr von La Peyrouse sich dem Kranken gefällig zeigen wollte, erfüllte er seine Bitte und las:

»Am 28. April begab sich der Graf von Sachsen wieder nach Danzig, und besuchte da die verwitwete Herzogin von Kurland, ward aber nicht wie gewöhnlich von ihr empfangen. Diese Prinzessin hatte Anfangs Geschmack an dem Grafen von Sachsen gewonnen, war aber inne geworden, daß er ihre Gunst 244 nur aus Staatsklugheit suchte. Er hatte zu Mitau Liebeshändel gehabt, unter andern einen, der ausgekommen war, mit einem Hoffräulein der Herzogin. Die Prinzessin verzweifelte daran, sich seine Beständigkeit zu sichern, wollte von ihm nicht weiter reden hören, und war so standhaft in ihrer Gesinnung, daß der Graf von Sachsen sich vergebliche Mühe gab, sie wieder für sich einzunehmen, als sie im Jahre 1730 den russischen Thron bestieg.

Am 25. May begab sich der König von Polen mit dem Sächsischen Kurprinzen nach Potsdam. Der Graf von Sachsen kam an dem nämlichen Tage dorthin und blieb daselbst bis zum 14. Junius, an dem König August nach Dresden zurückkehrte. Unterdessen war Graf Flemming, der Minister dieses Herrn, der dem Grafen von Sachsen und der Gräfin von Königsmark so sehr entgegen gewesen war, zu Wien gestorben, und hatte eine junge, reiche und liebenswürdige Witwe hinterlassen. Man sprach davon, sie mit dem Grafen von Sachsen zu vermählen. Moritz gab dem Vorschlag mit Vergnügen Gehör, denn das war zugleich ein artiges Mittel, ihn für die von ihrem Manne erlittenen Verdrießlichkeiten zu entschädigen. Allein die nämlichen Ursachen, die ihn mit der Herzogin von Kurland entzweit hatten, machten auch diese Heirat zunichte.

245 Um dieselbe Zeit verlor der Graf seine Mutter, die Gräfin von Königsmark, nachdem sie viele Jahre krank gewesen. Sie nahm das Bedauern des sächsischen Hofes und besonders König Augusts mit sich. Der König hatte sie hochgeschätzt und einst sogar an König Karl XII. von Schweden abgeschickt, um mit ihm über einen Frieden zu verhandeln, als er selbst noch einen Teil von Polen inne hatte. Der König von Schweden aber scheute sich vor ihrer Schönheit und ihrem Verstande und wollte daher nicht mit ihr reden.

Dem Grafen von Sachsen ging der Tod der Gräfin von Königsmark sehr nahe. Er verlor an ihr eine zärtliche Mutter und eine Freundin, die nie aufgehört hat, auf seinen Vorteil zu sinnen.«

»Hören Sie auf, La Peyrouse!« rief Moritz mit gepreßter Stimme. »Sehen Sie dort das Bild der Mutter, hier den Sohn, der dieser Mutter den Tod bereitet hat! Sie hat sich nie von meiner Geburt erholt. Ich lag ihr zu ungebärdig im Schoß, habe zu heftig ans Licht verlangt.«

Er holte Atem und fuhr fort:

»Als ob dieses Leben so wichtig sei, das ihre nicht wichtiger gewesen wäre! Und nun sagen Sie mir, hat Herr von Espagnac nicht recht verdrießliche Dinge erzählt? Ich sehe nicht gerade nach einem 246 Helden aus, nicht wahr? Habe mein Spiel mit den Frauen schlecht gespielt und mich bei Grisetten und leichten Damen versäumt und mein Glück verzettelt. Es ist gerecht, daß dies Erwähnung finde. Der Schreiber ist dies der Wahrheit schuldig. Versuchen wir nicht das Bild zu färben!«

La Peyrouse hatte die Blätter beiseite gelegt und erwiderte mit einem Versuch zu scherzen:

»Herr von Espagnac ist sehr tugendhaft, aber auch sehr diskret. Ich wette, daß er von den Feldzügen des Marschalls von Sachsen ganz anders und umständlicher berichtet.«

Da richtete Moritz sich auf und blickte La Peyrouse fest an.

»Ich gab Ihnen dies nicht um meinetwillen zu lesen. Nehmen Sie sich eine Warnung daraus, mein Freund. Die Liebe einer Frau ist ein Geschenk, das man unverdient empfängt. Sie haben ein solches Geschenk empfangen, La Peyrouse.«

Darauf sank er erschöpft zurück und winkte ihm zu gehen. Aber seine Gedanken blieben noch mit dem Manuskript Espagnacs beschäftigt und schneidender Hohn zuckte um seinen Mund, als er des Feldmarschalls und Kabinettsministers Grafen Flemming gedachte, dessen Witwe zu heiraten ihn einst gelüstet hatte. Ein Meister in den großen Intrigen und 247 allen Staatsgeschäften, ein Favorit und ein Verschwender von Gottes Gnaden, aber – was für ein schlechter General!

Am Tage darauf fragte Moritz den Arzt:

»Wie nennt man diese Krankheit, Herr Belart? Haben Sie ihr einen hübschen Namen?«

Es war starkes Fieber eingetreten, der Puls stockte, und die Beine waren gefühllos geworden.

»Nein, Herr Marschall,« antwortete der Arzt ernst, »der Name ist nicht hübsch, und er wird auf mancherlei Leiden angewandt, die sich dem Ursprung nach unterscheiden und auch verschiedene Symptome aufweisen. Es ist das Faulfieber.«

Moritz schnitt eine Grimasse des Ekels. Aber dann faßte er sich.

»Ich habe von dieser garstigen Krankheit schon gehört. Sie zu erproben ist etwas spät oder viel zu früh, aber ich werde alles tun, ihr den Abschied zu geben. Ich ihr, oder sie mir – man wird ja sehen. Ich glaube, daß dieses Faulfieber die Laufgräben schon bis an den Sitz des Lebens herangetrieben hat, so daß ich nur noch eine kurze Atempause genieße, bevor der Sturm auf die Zitadelle beginnt. Ich will sie nützen.«

Der Arzt ließ ihn gewähren.

Zuerst verlangte der Marschall nach Espagnac und ordnete mit diesem seine militärischen Papiere.

248 »Nun wird man meine Gedanken über die Kriegskunst ohne mich zu Druck bringen müssen. Sorgen Sie für eine magistrale Ausgabe, Espagnac, und geben Sie alle Skizzen dazu! Vergessen Sie vor allem die schönen Figuren der Schlacht bei Malplaquet nicht, an die ich so viel Liebe gewendet habe! Verlorene Schlachten sind die besten Lehrmeister.«

»Es wird alles geschehen, teuerster Herr,« murmelte Espagnac mit verschnupfter Stimme.

Ein sardonisches Lächeln zuckte um Moritzens Mund.

»Später, mein lieber Freund, mag man dann eine kompressere Ausgabe meiner Werke veranstalten. Sie werden zwar nicht so philosophisch und so bitter sein wie die des Herrn von Montesquieu, aber es ist doch seltsam, daß ich einen Traktat über die Gebärfähigkeit der Frauen geschrieben habe, obwohl Frau von Jumilhac mir vorwarf, ich verstünde nichts von den Frauen

Hierzu wußte der Generaladjutant nichts zu bemerken.

Plötzlich rief Moritz schrill:

»Bringen Sie dem Staatssekretär des Krieges nach meinem Tode meine geheimen Berichte über den letzten Feldzug in Brabant! Er soll sie lesen und verbrennen. Wenn d'Argenson dann die 249 Armee und das Offizierkorps nicht reformiert, lasse ich ihn in der Hölle von allen Teufeln plagen!«

In einem wilden Lachkrampf sank er zurück.

Als er sich erholt hatte, setzte er seinen Namen unter die militärischen Schriftstücke und entließ Espagnac in Gnaden.

Darauf befahl er noch Herrn von Mérac zu sich und erinnerte diesen daran, daß das Regiment Sachsenreiter nach seinem Ableben zwar sein Wappen verliere, aber nicht aufgelöst werde, so daß er hoffe, man werde ihn nicht ohne seine Leute zu Grabe ziehen lassen. Wirbele der Mohr, wie er Herrn von Bauffremont gewirbelt, so werde ihm das die Reise würzen.

Wie ein Betrunkener stolperte Mérac die Treppen hinunter, als Moritz ihm die letzten Grüße mitgegeben hatte. Die Offiziere aber wollten es nicht dabei lassen und baten, dem Marschall im Leben schon Ehrenposten stellen zu dürfen. Moritz nickte lächelnd Gewährung. Alsbald zog eine Eskadron mit der Standarte vor das Schloß. Offiziersposten standen wie Kerzen von der Freitreppe bis zu den Türen seiner Gemächer und behüteten die letzten Tage des Marschalls von Sachsen.

Eilfertig vollendete Moritz sein letztes Tagewerk, um nicht in Verzug zu geraten.

250 Er hatte schon lange bestimmt, daß er im Gewölbe der protestantischen Kirche St. Thomae zu Straßburg bestattet sein wollte, da St. Denis, das Mausoleum der Könige, dem Ketzer nicht offen stand.

Jetzt kam er noch einmal darauf zurück.

»Sehen Sie, Espagnac, es ist vielleicht eine Schrulle. Aber unsere Schrullen sind eigentlich das Respektabelste, was wir besitzen, denn darin spukt immer etwas von unserm innersten Selbst. Ich will meine Vettern in Dresden nicht um ein castrum doloris angehen, um dem Pöbel dort zur Schau zu liegen. Ich habe mir den Platz in den Mauern Straßburgs schon im Oktober 1733 ausgesucht, als ich mit meinen Grenadieren dort Quartier schlug, um über den Rhein zu setzen. Da habe ich in der Nacht vor dem Übergang auf dem Stroh hinter dem Altar gelegen und dann träumte mir, der Rhein hätte mein Lager unterspült und ich läge nun unter den roten Fliesen und hörte den Strom dicht an meinem Ohr rauschen. Es war kein widerwärtiges Gefühl, vielmehr ein angenehmes Murmeln wie von vielen befreundeten Stimmen, und ich spürte die Kälte so wenig wie ich sie jetzt spüre. Als ich aufwachte, wünschte ich abergläubisch, einst an diesem Orte zu ruhen. Ich werde dort schön allein sein. Man erfülle mir diesen schrulligen Wunsch 251 und fürchte nicht, daß ich darüber mit dem Himmel, an den ich nicht glaube, in Disput gerate.«

Danach kehrte er sich auf die Seite. Aber er schlummerte nur kurze Zeit.

Als er erwachte, verlangte er nach der Post. Ihn fror plötzlich und er befahl daher ein starkes Feuer anzuzünden. Bald tanzten die Flammen im Kamin. Nun schob er die unwichtigen Briefschaften beiseite, gab kurzen Bescheid, wie dies und das zu erledigen sei und behielt nur das gesiegelte Schreiben des Gerichtes von Blois zurück, das erst an diesem Tage eingelaufen war. Er war sehr erstaunt, von dieser Seite Bericht zu erhalten, aber sofort darüber im klaren, daß der Gerichtsherr ihm im Namen des Herrn von Bauffremont schrieb. Er bat Herrn Espagnac sich zurückzuziehen, entließ den Kammerdienst, befahl die Tür zu schließen und sah sich mit Befriedigung allein.

Es war um die achte Abendstunde des 22. November. Eine große Ampel verbreitete helles Licht, die Scheiter knackten im Kamin, vor den Fenstern strudelte ein Regenwind, der schon seit zwei Tagen um das Schloß wehte und in der Nacht immer am ungebärdigsten tat.

Moritz öffnet das Schreiben, das trocken in seinen erregten Händen raschelt.

252 Der Gerichtsherr teilt dem Marschall von Sachsen voller Ergebenheit mit, daß Herr von Bauffremont seinen Besitz zwischen entfernten Verwandten, deren Ansprüche nicht zweifelhaft waren, und seiner Witwe zur Hälfte geteilt habe, so daß Eliane Marquise von Bauffremont in keiner Weise benachteiligt erscheine.

»Gut, sehr gut,« murmelt der Kranke.

Moritz von Sachsen hat im tiefsten Innern nichts anderes erwartet. Herr von Bauffremont ist sich treu geblieben. Er hat Elianen nicht geliebt, hat sie gestraft, hat aber im Leben und im Tode die schuldige Rücksicht walten lassen. Eliane geht frei von ihm aus. Moritz glaubt, seit dem Einblick in den Brief Elianens alles zu wissen. Er versteht nur eins nicht: daß Herr von Bauffremont sich begnügt hat, Herrn von La Peyrouse bei Betoux einem Gottesurteil zu unterstellen, das eigentlich keins war, da La Peyrouse sein Leben ja als Offizier einsetzte, also nicht mehr tun konnte als alle anderen. Hätte der Marschall von Sachsen an Bauffremonts Stelle gestanden, weiß der Himmel, La Peyrouse wäre nicht auf solche Art davongekommen!

Moritz läßt die Mitteilung des Gerichts fallen und greift nach dem Brief, der darin eingesiegelt lag. Er fühlt sich von dumpfen Schmerzen und 253 wachsender Betäubung bedroht, aber er ist noch nicht von der Krankheit unterjocht und erbricht ungeduldig das Handschreiben des Herrn von Bauffremont, das ihm das Gericht von Blois, dem Willen des Testators gemäß, unter doppelten Siegeln übersandt hat.

Die kleine Handschrift des Marquis füllt zwei Seiten, wovon ein Teil abzuziehen bleibt, denn die zeremoniöse Anrede und die Ergebenheitsfloskeln brauchen Platz.

Moritz liest langsam und mit Anstrengung den seiner Ehre anvertrauten Bericht. Als er zu Ende ist, zittern ihm die Hände. Er hat sich, seine Krankheit, seine Rolle und seinen letzten Kampf vergessen. »Mein Gott!« ruft er laut, »wie anders ist doch alles!«

Er liest noch einmal, bewegt dabei die Lippen und spricht die Worte halblaut vor sich hin, als könnten sie ihm sonst entrinnen, denn er fühlt, wie sein Hirn sich langsam mit dunkeln Schatten füllt.

Er liest vor seinem Absterben das Bekenntnis des Herrn von Bauffremont.

»Mein Gewissen gebietet mir, Ihnen, Herr Marschall, vor meinem Tode die Eröffnung zu machen, daß meine Führung im Treffen bei Betoux, das meine Laufbahn als Soldat gekrönt hat, nicht durch strategische Erwägungen und taktische Einsicht 254 bestimmt worden ist. Ich war, wie immer, entschlossen, meine Pflicht zu tun und befehlsgemäß zu handeln, fühlte mich also gehalten, das Gefecht bei Einbruch der Dunkelheit abzubrechen und mich in Ordnung auf die Armee zurückzuziehen.

»Ein Umstand, der in meinem Privatleben wurzelt, dem ich aber keine Beachtung hätte schenken dürfen, hat mich aus dieser Rolle herausgerissen. Ich vertraue Ihrer Ehre dieses Geheimnis an, soweit es noch ein Geheimnis ist. Meine ungewöhnliche Handlungsweise ist durch nichts anderes als durch die Eifersucht bestimmt worden. Mag ich dies damals nicht gewußt und diesem Umstand nicht bewußt gehorcht haben, so gebe ich mir heute darüber um so klarer Rechenschaft.

»Ich war durch eine Nachlässigkeit der Briefschreiberin unterrichtet worden, daß meine Gattin in Beziehungen zu dem Oberstleutnant von La Peyrouse stand und kam so gerade auf die Spur dieser Untreue, als Sie mir die Ehre erzeigten, mich mit dem Befehl über die Nachhut zu betrauen und mich anwiesen, bei Betoux stehenzubleiben und den Abmarsch der Armee mit dem vollen Einsatz meines Korps zu decken. So blieb mir keine Zeit, Rechenschaft zu fordern. Ich mußte meine Pflicht tun.

»Ich sandte daher Frau von Bauffremont mit 255 den Equipagen zur Armee und stellte sie unter Ihren Schutz, wohl wissend, daß der Marschall von Sachsen, der sich vergebens um die junge Frau bemüht hatte, die Gattin des Herrn von Bauffremont unter solchen Umständen wohlbehüten werde und ordnete darauf mit Herrn von La Peyrouse die Aufstellung meiner Truppen.

»Der Oberstleutnant gab trefflichen Rat. Ich billigte alle seine Vorschläge, hätte sie selbst nicht zu machen verstanden. Aber als dann das Gefecht bis zum Abend durchgehalten, somit mein Auftrag erfüllt war, widersprach ich ihm und lehnte seinen Vorschlag, noch im Schutze der Nacht abzurücken, schroff ab. Ich hatte ihn aus dem stärksten Feuer unversehrt zurückkommen sehen und wünschte nicht, mit ihm ins Lager einzureiten, noch ihn ins Quartier zurückzusenden, in dem Frau von Bauffremont wartete.

»Zum erstenmal ergriff mich das Verlangen, auf meinen Kopf und über den Befehl hinaus zu handeln. So verweigerte ich den Abbruch des Gefechtes, so blieb ich auch am zweiten Tage stehen, nun ganz von den Folgen und Erfolgen mitgerissen, die dieses Heraustreten aus meiner Natur mit sich gebracht hatte. Nun wollte ich, mußte ich einen Sieg erkämpfen und mit meiner Person zahlen. So ist das 256 Treffen von Betoux nicht aus meiner Einsicht, sondern unter dem Einfluß einer Leidenschaft geschlagen worden, und ich fühle mich dadurch in meinem militärischen Gewissen bedrückt. Ich bitte Sie daher, Herr Marschall, dies dem König, der mir so gnädig war, in aller Form zu melden und den Gefechtsbericht richtigzustellen, daß mir nicht unverdientes Lob nachfolge.

»Ihnen aber, der, wie ich wohl bemerkt habe, Frau von Bauffremont mit Huldigungen umgab, die zuletzt nicht mehr dargebracht wurden, um galanten Wünschen Gehör zu verschaffen, sondern von tieferer Neigung eingegeben waren, sei noch zur Bewahrung und auf Ihre Ehre anvertraut, daß ich dieses Kind unendlich geliebt habe. Ich habe Elianen von Morane mit den Gefühlen eines Jünglings, den Begierden eines Mannes und der herzlichen, zu allen Opfern bereiten Zärtlichkeit eines Vaters geliebt, seit ich sie zum erstenmal gesehen hatte. Aber ich konnte, ich durfte ihr dies nicht zeigen, noch sagen. Ich wartete darauf, daß sie an meiner Seite erwarme und verhielt mich um so kälter, je ängstlicher ich war, ihr eine Liebe zu verbergen, über die sie vielleicht in ein Gelächter ausgebrochen wäre. Da ich mich nicht stark, nicht alt, nicht genügsam genug gefühlt hatte, sie als Kind ans 257 Herz zu ziehen, ward daraus eine kalte Ehe und aus dieser ist Eliane mit dem Recht, das uns Jugend und Herz verleihen, lächelnd geflohen.

»Als ich von Betoux nach Namur getragen wurde, quälte mich dies kaum weniger als meine Wunde. Aber ich hatte ja schon meinen Entschluß gefaßt. Ich wollte, ich durfte sie nicht wiedersehen. Tief erschüttert vernahm ich, daß sie den Weg zu mir gesucht und gefunden hatte und bat, vor mich gelassen zu werden und bei mir bleiben zu dürfen. Ich wies sie ab, sandte sie nach St. Sulpice. Weil ich sie liebte, sandte ich sie nach St. Sulpice! Dort war sie sicher bis zu meinem Ableben.

»Herr Marschall, lassen Sie mich enden! Ich schreibe dieses Bekenntnis am 27. September 1750 nieder. Gott wird gnädig sein und mir bald Ruhe geben. Dann kehre Eliane in die Welt zurück. Herr von La Peyrouse ist ihrer würdig – ich ziehe mich zurück. Sie aber, Marschall von Sachsen, bitte ich, in dieser delikaten Angelegenheit mein Anwalt zu sein und dafür einzutreten, daß ich Frau von Bauffremont von meinem Angesicht verbannt habe, weil ich ihr diese Rücksicht schuldig zu sein glaubte. Es ist die lautere Wahrheit. Daß ich es zugleich aus Liebe tat, daß ich Elianen von Morane von ganzer Seele geliebt habe, das allein, Herr 258 Marschall, ist mein Geheimnis und das Ihre. Sie werden meine Worte nicht bezweifeln. Vielleicht verstehen wir uns nach meinem Ableben besser, als Sie mir gegenüber zugäben, wenn wir einander im Leben, ja, beinahe als Rivalen, gegenüberträten! Vielleicht muß der Tod zwischen uns stehen, damit wir's besser begreifen! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.«

Wie Gebetmurmeln, das man noch zu hören vermeint, wenn es längst verklang, drang's aus dem Schlafgemach des Marschalls von Sachsen. In halblauten, in tiefer Erschütterung gesprochenen Worten klang es unverständlich aus.

Der Leibdiener, der Arzt, Herr von Espagnac und Herr von La Peyrouse horchten an der Tür, bis sie ganz sicher waren, daß es verstummt war.

Moritz von Sachsen liegt ausgestreckt und hält den Brief krampfhaft fest, als könnte er ihm von unbefugten Händen entrissen werden. Er ist bei klaren Sinnen. Seine Lippen zittern, seine Augen stehen voller Tränen. Lange liegt er im Kampf mit sich und wälzt die Verantwortung, die dieses Bekenntnis auf ihn gelegt hat, wie eine Last von einer Seite zur andern.

Plötzlich rafft er sich auf. Er weiß, was er zu tun hat. Will die Glocke rühren, läßt aber die 259 Hand wieder sinken, blickt suchend um sich, lächelt, ergreift, ertastet den silbernen Becher, der mit Würzwein und einem unbekannten Elixier gefüllt, neben ihm auf dem Tischchen steht, läßt den Inhalt auf den Teppich fließen, zerknüllt, ballt den Brief samt den Siegeln, daß die Splitter ins Bett regnen, und stößt den Papierknäuel so tief in den Pokal, daß er darin Halt findet. Dann drückt er den Becher zusammen. Die Adern seiner Stirn spannen sich, ein Schmerzenszug zerreißt seinen Mund, aber er besitzt noch Kraft genug – der Becher schließt sich langsam um das zerknüllte Papier.

Nun fehlt nur noch der Wurf. Er stemmt sich in die Höhe und zielt. Zweimal hebt er mühsam den Arm, dann schleudert er mit wütender Anstrengung Becher und Brief quer durch das Zimmer in den brennenden Kamin. Das seltsame Geschoß erreicht sein Ziel und schlägt mitten in die Scheiter. Der Rost dröhnt unter dem Aufschlag, ein Funkenregen stiebt auf den Teppich, die Flammen ergreifen das aus dem Becher ragende Papier. Bis zum Bilde der Gräfin von Königsmark flackert der Schein.

Als Espagnac, der Arzt, La Peyrouse und der Leibdiener hereinstürzen, liegt der Marschall, nach rechts überhängend, mit geschlossenen Augen im Bett. Die Briefe sind auf den Teppich gefallen, 260 geschmolzenes Siegelwachs steigt als wohlriechende Wolke zur Ampel empor, im Teppich irren verglimmende Funken. Man bettet ihn neu. Espagnac nimmt die Briefe an sich und vermißt das im Begleitbrief des Gerichtsherrn erwähnte Schreiben des Herrn von Bauffremont. Es ist nicht zu finden.

Moritz von Sachsen erwacht aus seiner Schwäche nicht zum Bewußtsein. Er liegt zwei volle Tage in einem Schlaf, der ihn nicht zu sich kommen läßt. Die Kräfte beginnen zu sinken.

Als er am 25. November, dem vierten Tage der eigentlichen schweren Erkrankung, erwachte, war er schon ganz entkräftet, Beine und Leib schienen abgestorben, nur das Herz war noch ungebrochen und der Geist wieder rege.

Moritz von Sachsen erkannte, daß er diese Schlacht nicht gewinnen werde und fühlte, daß ihm nur noch wenige Tage blieben.

Er verlangte nach Espagnac.

Herr von Espagnac war sehr erschüttert ob des erbarmungswürdigen Zustandes des absterbenden Mannes. Auch er sah ein, daß es sich nur noch um einen stillen Abschied handelte, aber seine pedantische Ordnungsliebe ließ ihm keine Ruhe, er fragte nach dem Briefe des Herrn von Bauffremont.

»Verbrannt,« antwortete Moritz.

261 Seine Augen bohren sich noch einmal befehlend, Gehorsam, Verschwiegenheit heischend, in das hagere strenge Gesicht.

»Das verkohlte Papier in dem verbeulten Silberbecher? –«

Der Marschall bewegt ablehnend den Kopf.

»Nichts mehr davon! Machen Sie keine Änderungen am Gefechtsbericht von Betoux – keine! Herr von Bauffremont ist die Ehre selbst. Lassen Sie uns auch sonst keine Worte mehr machen und begnügen Sie sich mit der Versicherung, daß Sie mein gutes Gewissen waren. Leben Sie wohl, Espagnac!«

»Ich danke Ihnen, Herr Marschall!«

Die spröde Stimme Espagnacs hat nie spröder geknarrt als in diesem Augenblick.

Der Marschall von Sachsen läßt den krampfhaft aufgereckten Kopf schwer in die Kissen fallen.

Am Tage darauf traf Herr von Sennac, der Leibarzt des Königs, ein, den Ludwig XV. eilends nach Chambord entsandt hatte.

Er findet nichts mehr zu tun. Der Kranke ist zwar noch einmal zum Bewußtsein gelangt und das Fieber fällt gleichsam in sich zusammen, aber die Zersetzung des Blutes schreitet fort. Am 28. November blickt Moritz von Sachsen noch einmal klar.

262 Als der berühmte Arzt an sein Bett tritt und ihm den Gruß des Königs bringt, besinnt er sich auf seine Rolle. Es gelingt ihm nicht mehr, sie ganz zu spielen, aber es klingt gut, als er sagt:

»Sie finden nichts mehr zu tun, mein gelehrter Freund. Der Traum ist zu Ende. Das Leben ist ja nichts anderes als ein Traum. Der meinige ist zwar schön gewesen, aber kurz.«

»Wenn Sie wüßten, wie man für Sie betet, wäre Ihnen dies Gewißheit, daß es kein Traum ist,« erwiderte Sennac voll Salbung.

»Ach, lassen Sie nur – ich beklage mich ja nicht! Es ist trotzdem die beste aller Welten!« spottete Moritz.

Sennac verbeugte sich stumm.

Darauf verlangte der Marschall nach La Peyrouse.

Er konnte den jungen Offizier nicht mehr ins Auge fassen, sah nur eine unbestimmt umrissene Gestalt, bis La Peyrouse sich mit Tränen zu ihm niederbeugte.

Da seufzte er: »Die Jugend – die Jugend!«

Als La Peyrouse vergebens zu sprechen versuchte, stieg der Widerschein eines Lächelns in sein Gesicht.

»Bemühen Sie sich nicht, ich kenne Ihre 263 Gefühle. Grüßen Sie mir bei der nächsten schicklichen Gelegenheit – er zauderte, sardonisch zuckte der Mund – die Marquise von Pompadour!«

La Peyrouse bemühte sich, den letzten Stich des eleganten Fechters lächelnd hinzunehmen und erwiderte sanft:

»Ich werde diesen Gruß bestellen, Herr Marschall. Ihnen aber bringe ich die Grüße und die Gebete Elianens von Bauffremont.«

Das vergilbte Gesicht erstarrt in hochmütigem Stolz.

»Die Grüße nehme ich an, die Gebete nicht. Auch diese nicht. Ich habe so oft Anlaß zu einem Te Deum gegeben, daß ich ihrer entraten kann. Die schöne Eliane schuldet ihre Gebete dem Andenken des Herrn von Bauffremont.«

»Mein Gott, was hat sie Ihnen getan?« murmelte Herr von La Peyrouse bestürzt.

Da lächelte Moritz begütigend:

»Nichts, mein Junge! Werden Sie glücklich und vergessen Sie nicht, daß Herr von Bauffremont Elianen nur aus schuldiger Rücksicht von seinem Wundbett verbannt hat. Nur deshalb! Ich bürge Ihnen dafür.«

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber La Peyrouse kam ihm zuvor.

264 »Ich bin schuldig geworden vor Herrn von Bauffremont,« begann er in dienstlichem Ton.

Da raunte der Marschall unwillig:

»Lassen Sie den Unsinn, La Peyrouse! Sie werden Gelegenheit haben, dafür auf dem Schlachtfeld zu zahlen, aber hören Sie auf mich, tanzen Sie nie ein Menuett mit dem König von Preußen. Überlassen Sie das lieber dem Prinzen von Soubise!«

»Herr Marschall, was tat ich Ihnen? Ich verstehe Sie nicht ganz,« murmelte La Peyrouse verwirrt.

»Nichts, mein lieber Junge, nichts! Mir tat niemand etwas – nur die Kotillons fanden mich schwach.«

Seine Stimme sank in die Brust zurück. Das Bewußtsein schwand. Mit dem Hut vor den Augen verließ Herr von La Peyrouse das Sterbelager des Marschalls von Sachsen.

Als der Arzt sich über den Kranken beugte, um ihm Riechsalze zu reichen und den Atemspiegel vorzuhalten, schlug Moritz noch einmal die Augen auf.

»Teure Mutter,« murmelte er in einem verhaltenen Seufzer und lächelte wie ein Knabe.

Belart blickte erschüttert auf die blanke Silberscheibe, die der Hauch des Sterbenden so getrübt hatte, daß sie wie mit winzigen Perlen besetzt 265 erschien. Es waren die letzten Worte des Marschalls von Sachsen.

Zwei Stunden später wurde der Atem schwer, schlossen sich die Kiefer unter dem Einfluß des tödlichen Giftes, das sein Blut zerfraß, wie aufeinandergeschmiedet in einem furchtbaren Krampf.

Schloß Chambord war zu einem Siechenhaus geworden. Der Marschall von Sachsen starb einen schlimmen Tod. Ein Offizier, der vor der Sterbekammer Posten stand, brach ohnmächtig zusammen.

»War's auf dem Schlachtfeld anders, wenn man zwei Tage nach dem Treffen darüberschritt? Nehmen Sie Haltung an, Kornett!« fauchte Mérac grimmig, als der Offizier sich wieder zum Dienst meldete.

Der Marschall von Sachsen roch die Lorbeer- und Wacholderdüfte nicht mehr, mit denen man die Korridore ausräucherte, indem man Blätter und Beeren auf silbernen Pfannen verbrannte, um der Dünste Herr zu werden.

Furchtbar starrte sein zerrissenes Gesicht.

So lag er noch zwei Tage. Erst als er am 30. November den letzten Atemzug tat, trat aus der grotesken, faunischen Grimasse wieder der Mensch hervor. Aber das frivole Lächeln, das sich zuerst in sein entspanntes Antlitz eingrub und 266 den schwelgerischen Mund Augusts des Starken in Erinnerung rief, hatte keinen Bestand. Die ihn zuletzt erblickten, sahen einen melancholischen Zug in seinem rasch zerfallenden Gesicht. Eilig hoben sie ihn in den Sarkophag, um ihn in der Schloßkapelle beizusetzen, bis die prunkvolle Überführung der Leiche nach Straßburg stattfinden konnte, wo er seinem Wunsche gemäß in der Thomaskirche die letzte Ruhe fand und Pigalle ihm das gewaltige Grabdenkmal errichtet hat, das ihn in voller Größe und majestätischer Haltung zu den Schatten hinabsteigen sieht.

Als sein Leib am 2. Dezember 1750 zunächst in der Kapelle seines königlichen Ruhesitzes bestattet wurde, gaben ihm nur die Genossen seiner letzten Tage das Geleite.

Das Regiment Sachsenreiter stand Parade, in wundervollen Kadenzen wirbelte der Mohr. Es war ein freundlicher Tag, zu Haufen geschichtet lag bronzefarbenes Laub im entblätterten Park von Chambord.

Der Traum war aus und alles zu Ende.

 


 

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