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Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen

Hermann Stegemann: Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
authorHermann Stegemann
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
titleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
pages266
created20160318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Moritz erinnerte sich dieser Begegnung als der einzigen, die ihn Elianen nähergebracht hatte, mit 119 schmerzlich wirkender Deutlichkeit. Sie war ihm im Flackerspiel der Kerzen unendlich rührend erschienen. Erst als er sich über ihre Hand beugte, bemerkte er mit Staunen, daß sie klar und kühl blickte, obwohl er ihr hatte sagen lassen, daß er sie bäte, den Generalissimus in einer dringenden Angelegenheit und im Namen des Königs gnädigst zu empfangen.

»Sie bringen mir Nachrichten von Betoux, Herr Marschall? Nachrichten, die Sie keinem Adjutanten anvertrauen wollten? Ich weiß die Ehre zu schätzen,« sprach sie mit sanfter Stimme, in der nicht die leiseste Erregung zitterte, und bedeutete ihm, Platz zu nehmen.

Er war einen Augenblick in Verwirrung geraten.

»Komme ich zu spät, hat Herr von La Peyrouse Ihnen schon Bericht erstattet?« fragte er argwöhnisch, als fürchtete er, um seine Rolle betrogen zu werden.

»Herr von La Peyrouse?« hatte sie fragend, erstaunt und – wie ihn jetzt deuchte, da er die Szene in der Erinnerung nachschuf – mit einem freudigen Aufleuchten ihrer Augen, ja ihres ganzen Wesens geantwortet.

Er sah sie noch vor sich. Sie saß auf einem 120 niedrigen Sessel ohne Lehne, den geschmeidigen Leib vornübergeneigt, die Hände unter der Brust gefaltet, und er hatte von seinem höheren Sitz in ihre Augen geblickt, die voll zu ihm aufgeschlagen, von Licht erfüllt und von weichen Schatten umgeben, magisch leuchteten.

Da war es ihm zum Bewußtsein gekommen, daß er ihr Schmerz bereiten mußte, denn wie anders konnte Eliane von Bauffremont die Nachricht von der entstellenden, vielleicht tödlichen Verwundung ihres Gatten aufnehmen als mit tiefem Schmerz, so wenig Herr von Bauffremont auch ihrem Herzen bedeuten mochte!

Daß Herr von La Peyrouse diesem Herzen schon näher stand, hatte er damals nicht gewußt, nicht geahnt und deshalb auch ihre Frage nach La Peyrouse nicht so verstanden und gedeutet wie jetzt, nach drei jammervollen Jahren.

So verweilte er denn ausführlich bei dem Bericht der Schlacht und rühmte dabei in seiner Ahnungslosigkeit auch das Verdienst des Herrn von La Peyrouse um den Ausgang des Treffens.

Eliane hatte zugehört, voll Spannung, wie ihm damals schien, voller Ungeduld, wie er heute zu wissen glaubte.

Er berichtete von dem Verlauf des ersten 121 Schlachttages, erzählte, wie Herr von Bauffremont das Regiment Orléans unter der Führung des Herrn von La Peyrouse am Abend zur Rückeroberung des verlorenen Dorfes angesetzt und Royal-Piemont den englischen Gardereitern in die Flanke gesandt hatte, und wie man nach dem glücklichen Ausgang dieser Gegenangriffe zu dem heldenhaften Entschlusse gekommen sei, die Stellung noch einen Tag zu halten, um der Armee und den königlichen Equipagen Zeit zu lassen, sich gemächlich über den Fluß zu ziehen und das neu abgesteckte Lager unter den Mauern von Tongern und Cortessem zu gewinnen. Dies sei zwar nicht unbedingt nötig gewesen, da Waldeck schwerlich über den Fluß zu folgen gedachte, aber das Treffen, das Herr von Bauffremont am zweiten Tage geliefert habe, komme einem Siege gleich, der seine Rechtfertigung in sich selbst trage und Herrn von Bauffremont auf die Höhe der Feldherrschaft gehoben habe.

Da hatte Eliane nicht nach Herrn von Bauffremont gefragt, obwohl Moritz schon berichtet hatte, daß dieser zweite Tag durch einen Angriff der Kavallerie unter der persönlichen Führung des Generalmajors entschieden worden sei, ja, sogar die Worte wiederholt hatte, mit denen Royal-Piemont und Royal-Pologne von Herrn von Bauffremont 122 nach einem rühmlichen ersten Chock zum zweitenmal gegen die erschütterten hannoverschen Vierecke vorgerissen worden waren. Nein, sie hatte nicht nach dem Generalmajor gefragt, sondern mit Tränen in den Augen geantwortet, sie habe gewußt, daß ihr Gemahl willens gewesen sei, die Stellung bis zum Äußersten zu halten und sich darauf vorbereitet habe, das Gefecht nicht schon am Abend des ersten Tages abzubrechen.

»Herr von Bauffremont hat mich ersucht, den königlichen Equipagen zu folgen und mich in den Schutz des Marschalls von Sachsen zu begeben und hinzugefügt, er werde seine Aufgabe nicht als erfüllt betrachten, wenn er den Feind am ersten Abend von Betoux zurückgeworfen habe. Er gedächte vielmehr, bis zum andern Tage auszuharren und je nach dem Gefallen Fortunas bis zum bittern Ende zu fechten.«

Oh, wie er sich dieser Worte heute entsann! Worte, die er damals nicht auf ihren tiefern Sinn geprüft hatte, da er annahm, sie seien eher in der stolzen und geängstigten Seele Elianens entstanden als wirklich von Herrn von Bauffremont gesprochen worden. Worte, die er heute ganz anders zu deuten wußte! Heute wußte er, daß Herr von Bauffremont am Vorabend des Kampfes auf irgendeine Weise 123 von der Liebe Elianens zu La Peyrouse Kenntnis erhalten und seiner starren Auffassung gemäß gehandelt hatte. Er hatte seine Gattin von sich gewiesen und Herrn von La Peyrouse an seine eigene Person gefesselt und sich und ihn einem Gottesurteil unterstellt.

Ja, so, nicht anders war's, so erklärten sich Elianens Worte, die aus der Vergangenheit an sein Ohr schlugen und sich mit den Geständnissen des Herrn von La Peyrouse zur Deutung und Erkenntnis der Wahrheit vereinigten. –

Moritz lag mit weitgeöffneten Augen auf den Rücken gestreckt und folgte dem Widerschein des Nachtlichtes, das an der barocküberladenen Zimmerdecke glitzernde Fäden schoß und geheimnisvolle Kreise spann.

Wie schillerndes Wasser eines großen Waldteiches, auf dem verlorene Sonnenlichter spielen, erschien ihm der Widerschein des Ölnäpfchens an der Decke, gleich als läge er selbst auf dem Grunde dieses Teiches und sähe dort oben die Flut ihren Spiegel zwischen seine eigene Sehnsucht und das lockende Leben schieben.

Herr von Bauffremont war ein Mann aus einer anderen Zeit, nicht fähig, mit leichtem Herzen zu lieben, eine jener kalten, starren, majestätischen 124 Gestalten, von denen keine Wärme ausgeht, die aber die Strenge eines Cato auch sich selbst gegenüber bewahren. Er hatte eine Waldnymphe heimgeführt, die wie aus einem Teiche aufgestiegen war, und sandte sie wie eine Magd zurück, weil sie ihr Herz entdeckt hatte, das an seiner Seite nicht erwarmt war. Als ob eine Frau nicht diesem Herzen folgen dürfte, wenn ihr die Liebe versagt blieb! Als ob eine Frau nicht in jedem Falle ihrem Herzen folgen mußte, wenn die Liebe rief!

Als Moritz Frau von Bauffremont von der Verwundung des Marquis erzählt hatte, war sie unbewegt geblieben. Aber sie hatte ihn mit Augen angeschaut, die so fremd und verständnislos blickten, als wäre ihr der Sinn seiner Worte gar nicht deutlich geworden.

Da hatte er ihre Hände ergriffen, die widerstandslos seiner Gebärde folgten und mit kühlen, leise in den Gelenken zuckenden Fingern in seinen Fäusten liegenblieben.

Böse und gute, schlimme und hochherzige Gefühle waren in ihm wach geworden.

»Herr von Bauffremont hat die Stunde, in der er sich als Feldherr offenbarte, mit einer schweren Wunde bezahlt, aber diese Wunde wird verheilen und ihn Ihrem Herzen näherbringen, Eliane,« hatte 125 er endlich in einer edelmütigen Regung mit stockender Stimme gesprochen und sich zugleich einen Narren gescholten, der diese Stunde nicht besser zu nützen wußte.

Eliane aber hatte mit einem rätselvollen Blick geantwortet:

»Lassen Sie mich zu ihm eilen, Herr Marschall, meine Pflicht zu erfüllen!«

Darauf war er bemüht gewesen, ihr dies auszureden. Man hatte Herrn von Bauffremont schon aufgehoben und in einer Sänfte nach Namur getragen, und es gab keine Gelegenheit, Elianen dorthin zu senden, denn die Marodeure beider Armeen schwärmten und plünderten zwischen den Feldlagern und der Festung und machten die Gegend unsicher. Nur geschlossene Truppenkörper konnten sich ungestraft im offenen Gelände bewegen.

»So senden Sie mir Herrn von La Peyrouse, daß er mich mit einer Bedeckung geleite! Royal-Pologne wird gern ein Fähnlein stellen, um Frau von Bauffremont zu beschützen.«

Ihre Stimme hatte gezittert, als sie diese Bitte an ihn richtete. Zum erstenmal sah er eine Träne in ihren Augen, fühlte er den Pulsschlag der zarten Gelenke, zu denen seine Finger sich kosend verirrt hatten.

126 Er hatte auch diese Zeichen falsch gedeutet, nicht daran gedacht, sie mit Herrn von La Peyrouse in Verbindung zu bringen und Herrn von Bauffremont um solche Teilnahme beneidet. Heute wußte er, daß sie auf diese Weise nur von La Peyrouse hören und mit ihm in Verbindung treten wollte! Ach, die Frauen, diese unergründlichen, aus tausend Widersprüchen gebildeten und dennoch immer nur von einem großen Impuls getriebenen und gerade darum so liebenswerten, berückenden Geschöpfe!

Moritz breitete unwillkürlich die Arme aus, als könnte er eine Luftgestalt zu sich herniederziehen und umarmen. Aber seine Arme fielen leer und kraftlos herab, und das Lichterspiel an der Decke geriet darob in tanzende Bewegung, als läge er wirklich auf dem Grunde des Wassers hingestreckt, von kristallen wogender Flut zu Boden gedrückt, vom Leben abgeschieden und keiner Bewegung, keines freien Atemzuges mehr fähig.

Da empörte sich sein Lebenswille, und zugleich empörte sich sein stolzes Selbst gegen diese entnervenden, törichten Erinnerungen. Was lag daran, wie es damals wirklich gewesen war! Er hatte seine Stunde versäumt, sich wie ein Kornett, wie ein Held des Abbé Prevost benommen und Elianen versprochen, eine Eskadron Sachsenreiter aufsitzen zu 127 lassen, um ihr den Willen zu tun, statt sie bei sich zu behalten und dem Buchstaben nach den Willen des Herrn von Bauffremont zu erfüllen, der das Lämmlein in die Hut des Wolfes gegeben hatte! Wie ein einfältiger irrender Ritter hatte er gehandelt! Er mußte seine Leibeskorte daransetzen, denn Royal-Pologne deckte ja zur Hälfte die Erde, und was noch übrig war, suchte auf abgetriebenen Gäulen mit Orléans, Dauphin, Royal-Piemont und La Morlière den Anschluß an die Armee. Und er erfüllte ihren Wunsch, indem er sich zugleich einen Narren schalt!

Ach, er entsann sich mit grausamer Deutlichkeit des Ausgangs jener denkwürdigen Unterredung.

Eliane hatte ihm sein Versprechen, ihr zur Reise nach Namur zu helfen, mit leuchtenden Augen gedankt.

»Nun sind Sie in Ihrer Rolle, Herr Marschall, nun bin ich wirklich in Ihrem Schutz. Ich möchte Sie umarmen für Ihre Großmut,« hatte sie ausgerufen und so engelhaft zu ihm aufgesehen, daß er beinahe die Haltung verloren hätte. Einen Augenblick lag sie, halb von seinen Armen umfaßt, halb von ihren eigenen Händen zu ihm emporgezogen, an seiner Brust, dann hatten fünf Worte den Zauber gebrochen.

128 »Wo ist Herr von La Peyrouse?« fragte sie leise.

Da war ihm zum erstenmal der Gedanke gekommen, daß dieser Name ihr mehr bedeutete als alle anderen, waren Eifersucht und Enttäuschung über ihn hereingebrochen.

»Herr von La Peyrouse wird in einer Stunde mit geheimen Aufträgen auf dem Wege nach dem Rhein sein,« hatte er rasch gefaßt geantwortet. »Er darf auf den Lorbeeren von Betoux nicht schlafen, noch sich von den Damen allzusehr bewundern lassen. Junge Leute müssen ihr Glück im Fluge machen.«

Dabei hielt er sie immer noch in den Armen, aber ihr Gesicht erblich bei dieser Antwort so, und ihre Hände stemmten sich so heftig gegen seine Brust, daß er unwillkürlich den Griff lockerte.

Sie erhob sich, stand schön und fremd in der Weberkate und befahl mit hochmütig geschürzten Lippen:

»Meine Eskorte, Herr Marschall! Es drängt mich, zu Herrn von Bauffremont zu eilen.«

Auch ihm war das Bewußtsein seiner Würde zurückgekehrt. Er hatte sich ironisch lächelnd vor ihr verneigt.

»Ich wage nicht, dieser Bitte Gehör zu weigern. Der Sieger von Betoux verdient solche 129 Rücksichtnahme. Wir führen den Krieg auf eine galante Manier, von der man vielleicht bald nichts mehr wissen wird.«

Dann war er wütend in sein Quartier zurückgekehrt, um größere Dinge zu verrichten, und hatte dabei eine glückliche Hand bewiesen. Es war, als hätte dieses verunglückte Abenteuer sein ganzes gestautes Blut in Bewegung gebracht.

Die Berennung von Bergen op Zoom glückte. Moritz hielt die Entsatzarmee durch kühne Bewegungen in Schach, und am 16. September fiel die Festung, vom Grafen Löwendal, einem dänischen Vetter des Marschalls, im Sturm genommen.

Daß Frau von Bauffremont glücklich nach Namur gelangt war, hatte er zwei Tage später von Espagnac erfahren, daß der Generalmajor sie trotz seines Zustandes nicht vorgelassen, sondern ihr strenge Weisung erteilt hatte, sich ungesäumt nach Tours zu begeben, war ihm nicht bekannt geworden. Er hatte damals genug zu tun, die Alliierten vollends aus dem Feld links der Maas zu verdrängen und so die Früchte der Siege von Laafeld und Rocoux, des Treffens von Betoux und der Eroberung Bergens zu ernten, bevor der Winter einfiel, und hatte darüber nicht nur Frau von Bauffremont, sondern auch seiner Schmerzen vergessen und sogar seine 130 Balletttruppe vernachlässigt, die seit vier Jahren zwischen eroberten Festungen und blutigen Siegesfeldern die schönsten Allegorien tanzte. Er war selbst der Jagd nach der kleinen Favart überdrüssig geworden, um die er nebenbei wie ein Rasender geworben hatte, keine List, keine Gewalttat verschmähend. All das war wie gestautes Wasser aus einer plötzlich gezogenen Schleuse in braunen, klumpigen Wirbeln an ihm vorübergeschossen.

Was lag daran, ob Herr von Bauffremont Elianen nach St. Sulpice verbannt hatte, als er soweit zu Kräften gekommen war, daß er, mit Ruhm bedeckt, das Wundlager verlassen konnte, um nach Frankreich zurückzukehren und in Vendôme als Gouverneur einzuziehen! Drei Jahre waren vergangen, der Tod hatte dieser Verbannung ein Ziel gesetzt, und Eliane kehrte in die Welt zurück.

Aber diese drei Jahre hatten ihr Werk auch an ihm getan. Ihm war jenes kläglich verlaufene Liebesabenteuer zur Alterstragödie geworden. Es hatte ihn plötzlich sehend gemacht. Er saß wie ein Souverän im Königsschloß der Valois, aber er trauerte in Chambord seinem wundervollen, heldisch verklärten Leben nach, das in Bitternis ausging, weil er seine Schwachheit gegenüber den Frauenzimmern nicht hatte bemeistern können und darüber 131 sein Herz und seine Kraft verzettelt hatte. Er durfte nicht mehr hoffen, die Kräfte von hunderttausend Männern nach seinem Willen zu lenken. Aber er fühlte sich trotzdem nicht krank, nicht alt genug, den Teufel auszuziehen und den Klausner zu spielen, sondern gedachte dem nichtswürdigen Wort der Pompadour zum Trotz sein schlotterndes Gerippe noch einmal mit Fleisch und Blut zu füllen und auf dem Felde der Liebe seine letzte Schlacht zu schlagen, nachdem man ihn zum Exerziermeister der königlichen Armeen degradiert hatte.

Das Abenteuer war zu Ende, eine reinere Leidenschaft stieg aus der Asche.

Die Erinnerung an Elianen war nie verblaßt. Als ihm auf seiner dritten Reise zur Front in Valenciennes der Jude ihr Bildnis in die Hand gespielt hatte, war ihm dies nicht als Zufall erschienen. Er wußte, daß es nicht ihr Bildnis, sondern nur eine Ähnlichkeit war, aber er hatte den Zufall nicht als solchen gelten lassen, abergläubische Vorstellungen damit verbunden und das Bild auf seinem letzten Feldzug als Talisman mit sich getragen. Er war mit ihm nach Chambord zurückgekehrt und hatte sich über das Schicksal des Herrn von Bauffremont keine Gedanken mehr gemacht, bis er zu seinem Begräbnis befohlen worden war. Da wurde die Intrige zum 132 Heldengedicht, stieg aus dem Schlachtbericht des Herrn von La Peyrouse, der in Wirklichkeit eine Beichte war, die Tragödie auf, in der die Rollen so merkwürdig verschleiert waren, daß man nicht auf den Grund der Dinge sehen konnte. Da sah er sich selbst vor Enthüllungen gestellt, in denen Schicksalszüge, große und kleine Geheimnisse, Erinnerungen und Hoffnungen sich so seltsam mischten, daß ihm alles zu einer Phantasmagorie zusammenfloß, in der er sich selbst als Schattenbild auftreten und handeln sah. –

Moritz wälzte sich auf die Seite und rührte die Glocke. Stunden waren vergangen, ein grauer Schimmer bleichte das Fenster. Das Öllicht war erloschen. Der Marschall sandte den Leibdiener zu Belart. Nicht ohne Sorge trat der Arzt an das Bett des Marschalls.

Moritz las in seinem Gesicht.

»Sorgen Sie sich nicht, mein Freund! Ich brauche nichts als drei Stunden Morgenschlaf und ein heißes Bad. Mein Hirn will Ruhe haben.«

»Sie muten sich zuviel zu, Herr Marschall. Ihr Blut verbraucht sich rascher als das anderer Menschen. Gönnen Sie sich Ruhe, indem Sie mein Elixier nehmen, und lassen Sie uns am Nachmittag nach Chambord zurückkehren. Ihr Zustand ist 133 solchen Aufregungen nicht gewachsen. Bedenken Sie, daß Ihr Leben kostbar ist.«

»Geben Sie mir Ihr Wundermittel und lassen Sie mich drei Stunden ruhen! Ich verlange nicht mehr. Das Gefolge mag reisen. Ich bleibe, bis ich – doch das gehört nicht hierher. Nein – ich habe keine Schmerzen, nur die Wunde von Krachnitz brennt. Aber das ist ein Wetterzeichen, das ich seit sechsunddreißig Jahren mit mir führe. Die schönen Herbsttage gehen zu Ende.«

Er kehrte sich auf die andere Seite, die Vorhänge fielen zu, strenge Gebote verhinderten jede Störung – Moritz von Sachsen versuchte zu schlafen. Doch das ging trotz des Mittels nicht so schnell.

Krachnitz! – Er dachte an Viktoria von Löben, die ihm die Mutter als Gattin zugeführt hatte, und an seinen Ritt durch Sachsen und Schlesien, um zu seinem Regiment zu gelangen, das damals bei Sandomir kantonierte und sich fertig machte, nach Pommern zu rücken und gegen die neuerstandene schwedische Macht anzutreten. König Karl XII. war von Bender entwichen und nach Stralsund geeilt. Der Hufschlag seines Pferdes hallte durch Siebenbürgen, Ungarn und Deutschland und ließ den Ritt Moritzens von Dresden nach Sandomir weit hinter sich.

Moritz von Sachsen war bei Krachnitz von den 134 aufrührerischen polnischen Untertanen seines Vaters überfallen worden. Damals war es noch auf Hauen und Stechen gegangen. Er erinnerte sich sogar noch des greulichen Mahles, das man gerade vor ihm aufgetragen hatte, als die polnischen Dissidenten ins Dorf fegten, roch noch den Stank des schmorenden Talges in der verlausten Schenke, in der er sich mit fünf Offizieren und zwölf Bedienten gegen ihrer Hunderte verteidigen mußte. Da hatten sie ihn im Handgemenge in den Schenkel geschossen, aber nicht in ihre Gewalt bekommen.

Flucht in die Wälder – triefend nasse Wälder –die Wunde brannte heute noch – Anno 1737 war sie noch einmal aufgebrochen – damals lag Polen, lag sein Kampf um die Herzogskrone von Kurland, lagen schon viele Feldzüge hinter ihm. Sein Leben war längst zu einer heroischen Kavalkade geworden. Er hatte schon manche Geliebte, manche Enttäuschung vergessen und sich für immer von Dresden und Kaiser und Reich geschieden. Das galante Sachsen Augusts des Starken war verblaßt und hatte ihm nur den Namen gelassen. Er hatte diesen Namen mit Lorbeeren umflochten – ein Wald von Lorbeerbäumen rauschte um ihn her – Kugellorbeeren schmückten den Zwinger zu Dresden – nackte Nymphen standen in den 135 Muschelgrotten – Nymphen – Wasser rinnt – lullt ihn ein – eine Nymphe flieht vor einem hinkenden Faun – die Wunde brennt – erkaltende Glut durchirrt sein Gebein – Eliane – – –

Moritz fühlt die Gedanken entgleiten. Ein kühler Schweiß befeuchtet seine Stirn, Schlaf zieht ein in sein überreiztes Hirn – »Le roi fait battre tambour« klingt's, von einer neckischen Stimme gesungen, zu ihm her – auf einer Barke treibt er ins Reich der Träume. –

Als der Marschall von Sachsen nach erquickendem Schlaf erwachte, brach der helle Tag durch die Falten der Vorhänge. Da rief er herrisch nach dem Kammerdienst und befahl sein türkisches Bad. Um die Mittagsstunde trat er gestiefelt und gespornt in den Saal und verabschiedete sich von Frau von Avarey. Er fühlte sich frisch und völlig Herr seiner selbst.

Der Marschall speiste mit Espagnac und dem Arzt allein. Er hatte die Einladung Avareys zum Frühstück abgelehnt, um seine leichte Krankenkost nach Gefallen einzunehmen. An seiner Statt war Herr von La Peyrouse vom Platzkommandanten zu Gast gebeten worden.

Moritz speiste mit guter Laune. Er fühlte sich wohl und frei und hatte die Aufregungen des 136 vergangenen Tages, die schlaflose Nacht im Morgenschlaf überwunden und seine Krankheit im Bad gelassen. Seine blauen Augen blickten klar, die Wangen schienen gefestigt, die Hände gehorchten ihm ohne Zittern, und sein Atem ging leicht. Was in den hohen weichen Stiefeln an dumpfen Schmerzen und bleiener Schwere verborgen lag, kümmerte ihn nicht.

»Morgen sind wir wieder in Chambord,« sprach er lächelnd, indem er das Glas mit gewässertem Anjouwein zum Munde führte. »Wir wollen dort eine neue Ordnung einführen. Herr von Espagnac wird mit mir die Bemerkungen zur Erneuerung unserer Infanterietaktik ausfeilen, damit der Graf von Argenson endlich darangehen kann, die Truppen in größeren Verbänden auszubilden; ich will auch versuchen, meine militärischen ›Träumereien‹, eine Schrift, die nach den Erfahrungen von Hohenfriedberg und Fontenoy ganz veraltet ist, auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen, um den Truppenführern in einem neuen Kriege dadurch besseren Sukkurs zu leisten, als wenn ich selbst noch einmal ins Feld rückte, und ich werde mich freuen, von Espagnac zu erfahren, wie weit er die Geschichte meines Lebens getrieben hat und ob er auch nicht zuviel von Abenteuern und Amouren erzählt, die wie Unkraut im Weizen stehen.«

137 »Verzeihung, Herr Marschall – aber wo wäre das Leben richtig geschildert, wenn nicht auch ein wenig roter Mohn zwischen den goldenen Ähren stünde,« unterbrach Espagnac achtungsvoll den Fluß seiner Rede, »ich fürchte, man wird mir sogar den Vorwurf machen, viel zuviel von den Feldzügen der französischen Armeen in Böhmen, Bayern, am Rhein und in den Niederlanden zu erzählen und viel zuwenig von den Taten und dem Leben des Helden zu berichten, um den sich alles bewegt.«

»Dies kann nicht Ihr Ernst sein, Espagnac,« erwiderte Moritz lebhaft. »Ich habe meinen Degen nach so vielen Seiten geschwungen, daß Sie ein tolles Buch zustande brächten, wenn Sie diesem Hin- und Herreiten gemächlich folgen wollten. Mein Gott, was habe ich alles unternommen, um mich in ein wahrhaft großes Leben hineinzuträumen und zu -steigern! Ich bin mit dem Prinzen Eugen gegen Türken und Franzosen geritten, habe für Sachsen-Polen gegen Schweden gefochten, in Kurland mit dreihundert Mann gegen eine Armee Krieg geführt, habe dem König Eger und Prag erstreiten und später verteidigen helfen, habe ganz Flandern und Brabant erobert, und es ist mir trotz allem eigentlich nichts in den Händen geblieben. Generalfeldmarschall der französischen Armeen – 138 gewiß, ich weiß diese hohe Ehre nach Gebühr zu schätzen – aber im Grunde habe ich doch mein Los verfehlt. Kinder der Liebe sollten nicht an Thronen geboren werden, denn sie werden nie aufhören, Throne zu begehren!«

»Sie stehen neben den Königen, Moritz von Sachsen,« antwortete Espagnac, ohne daß es wie Schmeichelei geklungen hätte.

»Neben den Königen, Espagnac. Ganz recht. Sie werden nie verstehen, was das heißt, alter Freund, denn Ihnen ist diese närrische Sucht, sich selbst ein Königtum schaffen zu wollen, nicht verständlich. Sie sind zu sehr Pedant, um diesen Ehrgeiz zu billigen. Dabei weiß ich ganz gut, daß ich es als Herzog von Kurland nicht ertragen hätte, nicht zugleich König in Polen zu sein und auch in Polen nicht zufrieden gewesen wäre. Wer weiß – vielleicht ist das, was ich nicht erreicht habe, erst mein wahres Leben!«

»Sie sind in Ihrer Einbildungskraft, was immer Sie zu sein wünschen, Herr Marschall,« warf Belart beschwichtigend ein, indem er Espagnac einen Wink mit den Augen gab.

Da lächelte Moritz. Er hatte den Blick Belarts aufgefangen.

»Darüber wissen Sie nichts, mein gelehrter 139 Herr. Glauben Sie mir, in uns allen steckt etwas Fliehendes. Ich wollte König sein, gewiß, möchte heute noch meine Bemühungen um einen Thron erneuern, obwohl das Glück mich immer im Stich läßt, wenn ich die Hand für mich selbst ausstrecke, aber ist es nicht ergötzlich, daß ich, nachdem ich Kurland und Semigallien nicht behaupten konnte, mich mit einer Insel in Westindien begnügen wollte, ja sogar bereit war, in den Ländern der spanischen Krone jenseits der Meere mir ein Reich zu gründen? Wir sind in der Imagination immer nur das, was wir im Leben zu sein wünschen.«

»Nehmen Sie's, wie Sie wollen, teuerster Herr,« erwiderte der Arzt mit Wärme, »Sie sind in Ihrem Leben, so wie's vor uns steht, in Ihrer größten Rolle.«

»Glauben Sie wirklich? Ist's nicht vielleicht nur eine Rolle? Was sagen Sie dazu, Espagnac?«

Der Generaladjutant hob den Kopf. Sein schmales, hartknochiges Gesicht war noch ernster als sonst.

»Der Marschall von Sachsen ist jeder Rolle gewachsen, selbst der, die er so selbstherrlich gestaltet hat, daß sie kein anderer erfüllen könnte. Wäre er auf der Kolumbusinsel Tabago gelandet, die ihm von den Briten verweigert worden ist, so hätte er auch dort nichts anderes als sich selbst gefunden.«

140 Da erhob sich Moritz und warf das Mundtuch zwischen die Gedecke.

»Ich werde trachten, meine Rolle bis zu Ende zu spielen. Lassen Sie die Verhandlungen, die wir mit dem Senat der Korsen pflogen, wieder aufnehmen. König von Korsika zu sein ist meiner nicht unwürdig, mag auch Baron Neuhof das Abenteuer schon versucht haben. Chambord sei nicht das letzte Wort, so königlich sich dort residieren läßt.«

Darauf begab er sich in sein Zimmer und ließ Adjutant und Arzt voller Verwunderung zurück.

Er saß wohl eine Stunde in Gedanken versunken und lächelte zuweilen vor sich hin. Als Herr von Avarey gemeldet wurde, empfing er ihn in Gnaden und dankte ihm für die ausgezeichnete Gastfreundschaft und die trefflichen Anstalten zur Leichenfeier des Herrn von Bauffremont, worüber Herr von Espagnac einen Bericht an den Kriegsminister Grafen Argenson erstatten werde, damit solche Umsicht ihre Belohnung finde.

Avarey war sehr glücklich über die gnädige Aufnahme, die seine Bemühungen bei dem Marschall von Sachsen gefunden hatten, und versicherte ihn, daß Frau von Bauffremont dem Beileidsbesuch, den ihr der Marschall vor seiner Abreise zu machen gedenke, dankbar entgegensehe.

141 »Ich bitte Sie, mich mit den Herren von Espagnac und La Peyrouse auf diesem Wege zu begleiten,« antwortete Moritz artig und ersuchte die Herren, ihn in einer halben Stunde zu erwarten.

Der Kammerdienst hatte zu tun, bis der Marschall von Sachsen sich befriedigt erklärte und den Spiegel zurückgab, in dem er noch einmal sein Aussehen geprüft hatte. In einem Anflug von soldatischer Eitelkeit hatte er darauf verzichtet, den Mantel umzunehmen, und stieg mit festen Schritten, den Hut in der Hand, die Rechte leicht auf den Stock gestützt, die Treppe hinab. Als er den Saal betrat, wo die Herren ihn erwarteten, erschien er ihnen um Jahre verjüngt.

Herr von La Peyrouse, der ihn noch nicht gesehen hatte, tat einen Schritt auf ihn zu und meldete sich zu Dienst.

»Nicht zu Dienst, Herr von La Peyrouse, zum Besuch der Damen von Bauffremont und Jumilhac erbitte ich Ihre Begleitung,« erwiderte er.

La Peyrouse verbeugte sich stumm.

Es war einer jener silbergrau verhängten, weichen Herbsttage, wie sie an der Loire, der Sarthe und dem Loir im Garten Frankreichs nicht selten sind. Ganz Vendôme badete im silbernen Licht und erschien heller, freundlicher, feierlicher als im grellen 142 Sonnenschein, der sich an der Finsternis der alten Mauern zu stoßen drohte.

Frau von Jumilhac empfing die Herren in den Frauengemächern, die nach der Flußseite lagen, aber wie unbewohnte Räume kein eigenes Leben atmeten.

Moritz von Sachsen hatte Herrn von Jumilhac, der bei der Verteidigung Prags als Brigadier gefallen war, wohl gekannt und der Witwe des verdienten Offiziers seine Ergebenheit bezeigt, als er ihr nach der Rückkehr aus dem Felde vorgestellt worden war. Sie hatte sich damals in das Damenstift von St. Sulpice zurückgezogen und war diesen Entschluß nie leid geworden.

Als die Herren des Gefolges nach dem Handkuß ins Vorzimmer zurückkehrten und der Marschall mit der ehrwürdigen Dame allein war, zögerte er nicht, das Gespräch auf Frau von Bauffremont zu bringen.

Frau von Jumilhac schien darauf gewartet zu haben. Sie hatte wohlgebildete Züge von männlichen Umrissen, nichts von fraulicher Weichheit, aber ihre Augen standen gütig und klar in dem hartwangigen Gesicht, und der zarte Flaum, der auf ihrer Oberlippe einen dunkeln Schatten warf, vermochte sie nicht zu entstellen.

143 Sie lieh den vorsichtigen Fragen des Marschalls unbefangen Gehör und gefiel sich eine Weile in Ausdrücken der Teilnahme und des Bedauerns über den Tod des Herrn von Bauffremont. Doch dann rückte sie sich plötzlich zurecht, heftete ihre hellen grauen Augen furchtlos auf das Antlitz des Grafen von Sachsen und verließ unerschrocken die Bahn des konventionellen Gesprächs.

»Seien wir ehrlich, Herr Marschall, gestehen wir uns, daß Herr von Bauffremont nicht zu beklagen ist. Sein Leben war kein Leben mehr. Er schrieb, statt zu sprechen, er schluckte Brei, statt rechtschaffen zu essen, er war unmenschlich entstellt, war hart und scheu geworden, und er hat seit dem Tage von Betoux das Leben eines Mannes geführt, der lebt, um zu leiden, zu entbehren, ist darüber noch kälter, noch strenger, noch unnachgiebiger geworden, als er von jeher war – kurz, er hat ausgelitten, er ruhe in Frieden gebettet, den solches Erleiden und strenge Lebensführung wohl verdient haben, aber die ihn betrauern, sind zugleich von der Hand erlöst worden, die drückend auf ihnen lag.«

Frau von Jumilhac schöpfte Atem nach dem langen Satz – das Unsagbare war gesagt.

Moritz bewunderte ihre Wahrhaftigkeit und erwiderte:

144 »Herr von Bauffremont verdient, daß man sein Gedächtnis ehre und solches Heldentum preise, aber ich gestehe, daß man auch Grund hat, die Strenge seines Charakters zu bedauern, denn sie ließ ihn eine Handlung begehen, die man mit Recht tadeln kann.«

Da machte Frau von Jumilhac zu seiner Verwunderung eine abwehrende Gebärde.

»Nein, Herr Marschall, Tadel ist nicht am Platze. Sie mißverstehen mich. Mein Vetter hat keinen Tadel verdient, weil er Frau von Bauffremont für eine Verirrung des Herzens büßen ließ, über die ich nichts anderes weiß, als daß es sich nach seiner Aussage um eine Verletzung seiner Gattenehre handelte, während Eliane ganz darüber schweigt – ich habe kein Recht, in sie zu dringen, wir achten die Geheimnisse derer, die sich zu uns flüchten – ich tadle nur eins an ihm, daß er diese Buße mit Gründen umgab, die seiner nicht würdig waren.«

»Ich verstehe Sie nicht, Gräfin,« murmelte Moritz.

Frau von Jumilhac legte die Hand auf seinen Arm.

»Sie werden sie nachher begrüßen, Herr Marschall. Sie werden eine Frau begrüßen, die drei Jahre Meßgewänder und Altardecken gestickt, kurz, 145 drei Jahre verloren hat und nie Gelegenheit hatte, Besseres zu tun. Sie ist nicht heute, sie ist damals zur Witwe geworden, als sie von Namur über Valenciennes nach Tours reiste, um zu uns zu kommen. Witwe, ohne es zu sein! Mit einundzwanzig Jahren nach drei Jahren einer kalten Ehe. Da aber Herr von Bauffremont seit dem Tage von Betoux in seiner Kraft gebrochen war, da er mit dem zerschmetterten Kiefer, den er in schwarzen Binden verbarg, eher einem Ungeheuer glich als einem Edelmann, so war der Platz Elianens an seiner Seite. Ihn zu pflegen, zu betreuen, ihm die letzten Jahre seines Lebens zu erleichtern, das war eine Buße des Herrn von Bauffremont und Elianens würdig: nicht die Verbannung von seinem Angesicht und die Verweisung nach St. Sulpice, wo die großen Schmerzen und die großen Enttäuschungen des Lebens in Frieden ausgetragen werden.«

»Wie wahr Sie sprechen,« murmelte Moritz, »aber so spricht eine Frau, die ihr Glück begraben hat und mit der verklärten Erinnerung lebt. Ein Mann, ein Mann wie Charles Noel von Bauffremont handelt anders.«

»Er soll anders handeln, er mag, mit den Augen einer Frau gesehen, falsch handeln, aber er darf diese Handlung nicht so begründen, wie Herr von 146 Bauffremont die Pönitenz seiner Gattin begründet hat. Man mag zur Befriedigung der Neugier der Welt geeignete Vorkehrungen treffen, die eine solche Verweisung als eine Maßnahme der Rücksicht erscheinen lassen, aber man darf die Wissenden nicht täuschen wollen.«

»Verzeihen Sie mir, teuerste Gräfin, aber ich bin ein plumper Kriegsmann –«

»Oh, ein plumper Kriegsmann,« unterbrach Frau Jumilhac Moritzens Einrede, »der Marschall von Sachsen gilt als der eleganteste Fechter und ist auch meines Wissens mit den Sporen noch in keinem Spitzenüberwurf hängengeblieben.«

Die Oberin von St. Sulpice vergaß einen Augenblick ihr graues Gewand.

»Sagen wir ein schlecht unterrichteter General, der daher die Manöver des Feindes nicht entziffern kann,« verbesserte sich Moritz. »Haben Sie die Güte, mir die beängstigende Geschichte der Verweisung der Frau von Bauffremont zu erzählen, damit ich kein falsches, ungerechtes Urteil fälle, und rechnen Sie mich nicht zu den Wissenden. Ich wünsche weder das Andenken meines tapferen Waffengefährten zu schmälern noch das Bild einer Frau zu trüben, die mir teuer ist und mehr als je anbetungswürdig erscheint.«

147 Frau von Jumilhac lehnte sich zurück. In ihren hellen Augen erschien ein Spottfünkchen, aber um ihren Mund huschte es wie Mitgefühl, das sich in einem nachsichtigen Lächeln löste.

»Der Marschall von Sachsen hat jegliches Vertrauen verdient – ich weiß, daß Herr von Bauffremont seine Gattin ausdrücklich dem Schutze des Marschalls überantwortet wissen wollte, als er sie vor dem Treffen mit den Equipagen zur Armee sandte.«

Moritz fühlte, daß ihm das Blut ins Gesicht stieg, aber er saß so voller Spannung und Erwartung im Vorzimmer Elianens, darauf gefaßt, endlich die volle Wahrheit zu hören und bereit, daraus die tollsten Hoffnungen abzuleiten, daß er sich dieser Wallung nicht schämte.

»Der Marschall von Sachsen,« erwiderte er leidenschaftlich, »wird nie aufhören, Frau von Bauffremont zu dienen – erzählen Sie! Fürchten Sie nicht, daß dieses Bild in meinem Herzen getrübt werden könnte.«

Ein großes gütiges Lächeln, an dem Augen, Mund, ja der ganze Mensch teilhatten, erschien und haftete in dem hartwangigen, reizlosen Gesicht der gealterten Frau.

»Wie jung Sie sind, Moritz von Sachsen! 148 Wahrlich, Sie sind besser als Ihr Ruf, der Ihnen übrigens, soviel ich weiß, nie geschadet hat. Ich bitte Sie, mich anzuhören.«

Frau von Jumilhac erzählte ihren Anteil an der Geschichte des Herrn von Bauffremont und des Fräuleins von Morane und was sie sonst von Herrn von Bauffremont vernommen. –

Herr von Bauffremont war eines Tages in St. Sulpice erschienen – das war vor fünf Jahren, etwa um die Zeit der Frühlingssaat – und hatte seiner Base einen Besuch gemacht. Frau von Jumilhac glaubte nicht anders, als daß er ihr einen jener zeremoniellen Höflichkeitsbesuche erstatten wolle, wie sie solche von seiner Seite gewohnt war, seit sie sich in die grauen Schleier gehüllt hatte. Sie war also nicht überrascht. Herr von Bauffremont weilte seit ein paar Wochen auf seinen Gütern, nachdem er sein Regiment im November von der Saar in die Winterquartiere zurückgeführt und während des tiefen Winters in Tours gelebt hatte. Nichts deutete auf besondere Dinge, als er Frau von Jumilhac begrüßte. Er war kalt, höflich, ernst und ein wenig hochmütig, wie es seine Art war. Er bat um eine Unterredung von Wichtigkeit und teilte Frau von Jumilhac in Kürze und ohne Erregung mit, daß er sich mit dem Fräulein von Morane verlobt habe und 149 sie im Laufe des nächsten Winters zu ehelichen gedenke, wenn er glücklich aus dem bevorstehenden Feldzug zurückkehre. Er trete unter den Befehl des Herzogs von Harcourt, der die Moselarmee führe und zweifle nicht, daß ihm das Glück hold sein werde, wünsche aber jeder Sorge um Fräulein von Morane enthoben zu sein und bitte daher Frau von Jumilhac, sich seiner Verlobten zu widmen und diese unter ihren Schutz zu nehmen.

»Ich traute meinen Ohren nicht,« fuhr die Erzählerin fort, »und fragte zweifelnd, ob ich recht verstanden hätte. Ich besänne mich eines Herrn von Morane, der eines schlimmen Todes gestorben sei, aber nicht einer Dame dieses Namens. Da erwiderte er mit einem kalten Lächeln, das Fräulein sei kaum aus dem Kloster zurückgekehrt und habe noch nicht von sich reden gemacht. Dies sei ein Vorzug, den er zu schätzen wisse. Ich rechnete im Kopfe rasch seine Jahre nach und erschrak. Gewiß, er sah gut aus für sein Alter, aber er zählte vierzig Jahre mehr als dieses Kind.

»›Mein Gott, Sie könnten ja ihr Vater und Fräulein von Morane dazu noch ein spätgeborener Nestling sein,‹ rief ich ganz außer Fassung gebracht. Er aber verbeugte sich steif und erwiderte ruhig:

»›Wer sagt, daß ich nicht ihr wahrer Vater zu 150 sein wünsche, da sie nur einen solchen von zweifelhaften Eigenschaften besitzt?‹

»Doch damit brachte er mich erst recht in Harnisch.

»›Und mit solchen Gefühlen wollen Sie ein junges und – wie ich jetzt nicht zweifle – hübsches Mädchen an sich fesseln! Es ist also keine späte Leidenschaft, kein Pfeilschuß Kupidos aus dem Hinterhalt auf ein bejahrtes Herz, die gefährlichste aller göttlichen Intrigen, aber als solche dem Zuspruch einer alten Freundin zugänglich und abwendbar!‹ rief ich heftig.

»Er blieb unbewegt, blickte steinern, faltete die Brauen und entgegnete, er denke nicht daran, den Schäfer zu spielen und die Amoretten zu bemühen, sondern wünsche lediglich, dem Fräulein Rang und Namen zu sichern und sein Haus mit dem Zauber ihrer Jugend zu erhellen.

»›Also ein gutes Werk zu tun!‹ versetzte ich erbittert durch diese Kühle. ›Sie wenden Ihre Mittel falsch an, lieber Vetter! Geben Sie dem Kinde eine Aussteuer, stellen Sie ihren Vater auf die Füße, Ihr Reichtum erlaubt Ihnen das, aber bemühen Sie sich nicht in eigner Person! Sie werden weder Elianens noch Ihr eigenes Glück machen mit dieser kalten Ehe!‹

».Lassen Sie dies meine Sorge sein und geben Sie mir gütigst zu erkennen, ob Sie meine Verlobte 151 während des Sommers in St. Sulpice und während des Herbstes bis zu meiner Rückkehr von der Mosel in Tours unter Ihren Schutz nehmen wollen, wozu ich Ihnen alle Bequemlichkeiten bereitstellen werde.‹ Das war die Antwort des Herrn von Bauffremont auf meine Einrede.«

Frau von Jumilhac holte Atem. Sie saß kerzengerade, streitbar aufgerichtet und ihre männlichen Züge ließen sie wie einen Fechter erscheinen, der zu einem neuen Hieb ausholt.

Der Marschall von Sachsen war so erregt, daß seine Lippen zitterten. Er tupfte sich die Feuchte vom Munde und sprach mit rauher Stimme:

»Dieser Mann ist nie jung gewesen, hat nie den Stachel der Liebe und das unbezähmbare Verlangen nach Gunst gespürt, das uns oft wie ein Rausch überfällt und alle Adern spannt. Ob ich eine Armee in Bewegung setze und meinen Atem in tausend, zehntausend Männern spüre, die zur Walstatt ziehen, oder ein Weib umarme – es ist ein Aufbäumen schöpferischer Kraft – ich könnte eins nicht von dem andern trennen. Sie hätten ihn mit stärkeren Worten beschwören müssen, Gräfin!«

Da lachte Frau von Jumilhac ihr hartes, herbes Lachen, in dem längst ausgekämpftes Leid nachschwang.

152 »Wissen Sie, was ich zur Bedingung stellte, als er mich drängte und mich auf meine Hilfspflicht aufmerksam machte? Ich verlangte zuerst Fräulein von Morane zu sehen, denn ich wollte wissen, ob er einer gefallsüchtigen Intrigantin ins Garn gegangen war. Wissen Sie, was ich zu ihm sagte, als er mich nach Bauffremont geladen hatte und Eliane mir dort an einem schönen Apriltag, an dem der Hauch des Frühlings in weißen Blüten und jungem Grün lebendig war, neckisch, unschuldig, liebreizend, wie die schönste Schäferin Watteaus, erschienen war – wissen Sie, was ich da zu ihm sagte? ›Mein Vetter,‹ sagte ich, ›wenn Sie dieses holdselige Geschöpf an sich ketten, so werden Sie einmal fremde Kinder wiegen oder eine große Karriere machen!‹«

Moritz von Sachsen schnellte puterrot vom Stuhl.

»Der Teufel, Sie schmeißen Handbomben wie ein Grenadier, Madame,« grollte er, als hätten die Worte ihm gegolten.

Dann setzte er sich und fuhr mit einem Versuch zu scherzen, ein wenig kläglich fort:

»Verzeihen Sie, Gräfin, ich bin in die Rolle des Herrn von Bauffremont gefallen, aber ich wette, er hat sie besser gespielt.«

»Anders, nicht besser,« antwortete Frau von 153 Jumilhac trocken. »Er erwiderte kalt: ›Fürchten Sie nichts, ich werde meine Ehre rein halten und es weder zu einer Vaterschaft noch zu einem Marschallstab bringen.‹

»Da nahm ich Elianen zu mir und tat ihm den Willen, denn dieses Mädchen hatte mich betört.«

Moritz von Sachsen sah ihr Gesicht weich werden, ihre Züge sich entspannen.

»Erzählen Sie weiter, Gräfin! Wie Sie, so hat Eliane auch mich einst betört, wenn ich dies so nennen darf. Nein, nicht betört, nicht zum Toren gemacht, so ich dies nicht selbst sein wollte; bezaubert hat sie mich, und so auch dies nicht gilt, weil viele Frauen sich rühmen dürfen, Moritz von Sachsen bezaubert zu haben, so bleibt mir keine andere Erklärung als die, die allein Herrn von Bauffremont von allem entlastet hätte: ich liebe Elianen, weiß seit gestern erst, daß mir an der Schwelle des Greisenalters, nach so viel vergeudetem Leben die Frau erschienen ist, die mich ganz erfüllt. Lächeln Sie nicht, ich bin kein Seladon, nicht dazu gemacht, mich schmachtend zu verzehren, und ich habe noch so viel Urteil, mir keine Illusionen zu machen, denn ich weiß, daß Eliane ihr Herz entdeckt hat und daß Herr von Bauffremont ihr daraus ein Verbrechen machte. Hören Sie nicht auf mich, erzählen Sie, gnädigste Gräfin!«

154 Frau von Jumilhac hatte ihn forschend betrachtet.

»Wie glücklich Sie sind, Moritz von Sachsen,« entgegnete sie mit einem mütterlichen Lächeln, das der Kinderlosen wie einer Mutter zu Gebote stand, »daß Sie auch dies noch erleben dürfen – die letzte große Leidenschaft, die von Entsagung getragene Liebe des alternden Mannes zu einer jungen, neu ins Leben verlangenden Frau!«

Diese Worte erschütterten den Marschall von Sachsen so, daß er die Hände der Frau von Jumilhac ergriff und sie dankbar küßte.

Darauf erzählte die Gräfin, wie sie mit Eliane von Morane nach Tours gereist sei und drei Monate in der Hauptstadt der Touraine geweilt habe, bis Herr von Bauffremont von Metz zurückkehrte und die Hochzeit gerichtet wurde.

»Es war die einzige Zeit, in der ich mich des grauen Gewandes entledigt habe, um in den Salons der Welt zu erscheinen. Tours ist eine tote Stadt, aber wir verlangten auch kein modisches Leben und waren zufrieden, in ein paar Häusern, vor allem bei Frau von Brézée so viel Gesellschaft zu finden, daß Eliane Gelegenheit hatte, sich im leichten Salonverkehr, wie er heute Sitte ist, Übung zu verschaffen, und einige Pas tanzen lernte.«

155 »Waren hiezu genügend junge Leute von Stande in Tours, da alles um Compiegne und Versailles schwärmt oder im Felde liegt?« fragte Moritz leichthin, begierig von La Peyrouse zu hören.

Frau von Jumilhac erwiderte, daß sie genügend Kavaliere gefunden hätten, zumal da das Regiment Touraine zerzaust und ausgebrannt aus Lothringen zurückgesandt worden sei, um sich in der Heimat zu erholen und die Lücken zu füllen. Als sie dabei den Namen des Herrn von La Peyrouse nicht erwähnte, kam der Marschall zu der Einsicht, daß die Bemühungen des jungen Offiziers um Fräulein von Morane die Aufmerksamkeit der Frau von Jumilhac nicht erregt hatten. Er drängte daher auf das Ende des Berichtes, auf die Erzählung von der Rückkehr Elianens von Bauffremont aus dem Felde und ihrer Aufnahme ins Stift von St. Sulpice.

»Sahen Sie Elianen nach der Hochzeit noch einmal, bevor sie ganz zu Ihnen zurückkehrte?« fragte er hastig.

»Ich habe drei Elianen gesehen,« antwortete Frau von Jumilhac. »Die erste kam als wohlgezogenes junges Mädchen zu mir, hinter dem ein Kobold stak. Eine Mischung so reizvoll und ergötzlich, daß einem das Herz aufging. Sie wußte noch gar nicht, was die Verbindung mit Herrn von 156 Bauffremont anders bedeutete als Rettung aus dem Elend eines heruntergekommenen Hauses, aus dem sie nichts davontrug als das goldblonde Haar ihrer Ahnen. Woher die neckische Ader stammte, wußte mir niemand zu sagen. Als ich sie fragte, ob sie sich des Umstandes wohl bewußt sei, daß sie Herrn von Bauffremont Treue gelobe, antwortete sie, wie könne sie wissen, was das bedeute, da sie davon wohl schon gehört, aber noch nichts gesehen habe. Sie sei begierig, den Vorbildern der Treue zu begegnen, ob ich ihr solche nennen könne.«

Moritz von Sachsen mußte lachen.

»Das dürfte Ihnen schwer gefallen sein, Gräfin, wenn Sie nicht die Heldinnen vergangener Zeiten bemüht haben.«

»Ich nannte ihr die Königin,« antwortete Frau von Jumilhac steif.

»Ach ja – die Königin! Arme Königin, die nur noch als Sinnbild dient.«

Frau von Jumilhac lenkte das Gespräch wieder auf Eliane zurück.

»Mein lieber Marschall, Sie sind ein großer Frauenfreund, aber ein Frauenkenner sind Sie nicht. Sehen Sie, ein Mädchen, das wie Eliane, kaum dem Kloster entwachsen, zwischen dem Geflügelhof und den Ställen eines verlotterten Gutes umherirrte, 157 also nichts von der Welt kannte, aber unendlich viel ahnte, springt mit beiden Füßen in eine Ehe, die diese Welt vor ihr aufschließt. Sie wird ja dadurch erst frei und ihrer selbst mächtig, so paradox das erscheint. So ist Eliane Frau von Bauffremont geworden, so entließ ich sie auf die Reise nach Versailles zur Vorstellung am Hofe. Zwei Jahre später sah ich sie wieder. Äußerlich unverändert, immer noch leicht und zierlich, schlank und beweglich, aber unstet, übermütig und verträumt, trotzig und schmiegsam, kurz, so wie wir sind, wenn die Liebe ihr erstes Wort flüstert.«

»Nach zwei Jahren? Vor Fontenoy, Laafeld und Betoux?«

Moritz von Sachsen krampfte die Fäuste. La Peyrouse hatte ihn die Wahrheit ahnen lassen.

»Ja, vor dem Feldzug, aus dem Herr von Bauffremont und Eliane getrennt zurückkehrten. Die dritte Eliane empfing mich nach ihrer Rückkehr aus dem Feldlager in dem verwaisten Haus in Tours, wohin ich eilte, um sie nach St. Sulpice zu bringen. Als ich ihr die schriftliche Weisung ihres Gemahls zu lesen gab, nahm sie das Schreiben mit starren Fingern aus meiner Hand, blickte mich aus großen, schwarz verdunkelten Augen an und erwiderte: ›Nichts wäre mir lieber als in St. Sulpice Perlen 158 zu fädeln, aber ich wünsche das Schicksal des Herrn von Bauffremont zu teilen.‹«

»Sie erstaunen mich, Gräfin! Eliane wünschte sich Herrn von Bauffremont zu widmen?«

»Sie drang darauf. Vergebens hielt ich ihr den Willen des Gatten entgegen, vergebens erklärte ich ihr, daß er rücksichtsvoll handele, wenn er sie bitte, seine Nähe zu meiden. Sie erwiderte, daß sie darauf bestehe, zu ihm zu gelangen.«

»Und Sie rührten nicht an die wunde Stelle, sprachen ihr nicht von dem Vorwurf, den Herr von Bauffremont gegen sie erhob?«

»Von diesem Vorwurf stand in dem Briefe nichts. Von ihm war nur in dem privaten Schreiben die Rede, das mein Vetter meiner Verschwiegenheit anvertraut hatte. Ich hatte daher kein Recht, ihr gegenüber davon Gebrauch zu machen.«

»Und sie selbst nahm diesen Vorwurf nicht auf?«

»Sie stützte sich auf die Weisung und diese schwieg darüber.«

»Dies ist ein Spiel mit starren Masken, hinter denen die Gesichter verschwinden!« rief der Marschall erbittert.

»Eine Tragödie, Graf von Sachsen – nichts anderes. Doch ich tat eins! Ich fragte Elianen, ob 159 ich ihr den Aufenthalt in Bauffremont oder in Tours erwirken solle, sie aber nahm mir das Wort vom Munde und antwortete: ›Einen Aufenthalt auf Schloß Bauffremont oder in diesem Hause erwirken? Ich bin nicht die Witwe des Herrn von Bauffremont. Führen Sie mich nach St. Sulpice!‹«

»Und dies ist Eliane! Die Eliane, die mich tändelnd in respektvoller Entfernung hielt, tändelnd zu locken schien? Mir am Abend nach dem Treffen bei Betoux wie eine Sylphide aus den Armen glitt und mich zwang, ihr den Willen zu tun? Die Eliane, die, zur Liebe erwacht, sich nach dem Manne sehnte, der dieses spielerische Herz gewonnen hatte? Sie wollte nicht nur ihrer Pflicht am Bett ihres Gatten genugtun, sondern wählte starken Herzens das Asyl und das graue Gewand der Damen von St. Sulpice, statt sich mit allen Mitteln diesem Begräbnis bei lebendigem Leibe zu entziehen?«

Frau von Jumilhac lächelte ein wenig schwermütig und zugleich überlegen.

»Sie kennen die Frauen wirklich nicht, Marschall von Sachsen, kennen sie trotz einer Fülle von Erfahrungen nicht! Die arme Adrienne Lecouvreur hat einst ihr Silbergeschirr verpfändet, um Ihnen Geld zur Aufrechterhaltung Ihrer Bewerbung um 160 den Herzogshut von Kurland zu leihen und ist für Sie gestorben. Die Herzogin von Bouillon hat um Ihretwillen ein Verbrechen begangen, und Sie kennen die Frauen immer noch nicht. Aber trösten Sie sich, man kennt uns nicht aus. Und – wir kennen uns selbst nicht.«

Da erhob sich Moritz und raunte zu ihr herabgebeugt:

»Draußen harrt der, der Elianens Herz gewann. Kennen Sie Herrn von La Peyrouse?«

»Sie überraschen mich nicht, Herr Marschall. Ich wußte nichts von ihm, aber ich sah ihn gestern vor Frau von Bauffremont knien

Moritz trat schweratmend zurück. Es wurde still zwischen ihnen, kreischende Dohlen schossen an den Fenstern hin, vor denen die Silberhelle des Spätherbsttages in perlmutterfarbenen Spiegelungen wallte.

Frau von Jumilhac wartete höflich und nachsichtig.

Er war zu einem Entschluß gekommen.

»Gestatten Sie mir, Frau von Bauffremont nach der Verabschiedung der Herren Avarey, Espagnac und La Peyrouse allein zu sprechen, teuerste Frau, und seien Sie versichert, daß ich ihr Herz nicht bedrängen werde,« sprach er mit Haltung.

161 Frau von Jumilhac nickte mit ernstem Lächeln Gewährung.

»Sie bedürfen dazu meiner Einwilligung nicht, Herr Marschall. Frau von Bauffremont ist durch den Tod ihres Gatten emanzipiert worden. Auch darüber hat Herr von Bauffremont ausdrücklich Bestimmung getroffen. Sie trägt das Gewand der Damen von St. Sulpice nur noch als Trauerkleidung und gedenkt noch neun Tage in St. Sulpice zu verweilen, da erst am zehnten Tage die letzten Willensdokumente des Marquis entsiegelt werden sollen. Danach wird sie in Tours Aufenthalt nehmen.«

Moritz verbeugte sich und geleitete sie zur Tür, die zu Elianens Zimmer führte. Dann wandte er sich zurück und schellte dem Diener, um die Herren zu sich zu bitten.

»Sie haben Geduld üben müssen, meine Herren, aber ich werde Sie nicht mehr lange in Anspruch nehmen. Der Abschiedsbesuch, den wir Frau von Bauffremont erstatten, wird durch Kürze gewinnen.«

Argwöhnisch, eifersüchtig überwachte sein Blick das Gesicht des Herrn von La Peyrouse, doch dieser war so in einer verhaltenen Erregung befangen, daß er gar nicht darauf achtete.

162 Da ballte sich der Entschluß Moritzens zum Befehl.

»Noch ein Wort, bevor wir Frau von Bauffremont die Reverenz erweisen, auf die sie als Witwe des Generalmajors Marquis von Bauffremont Anspruch hat und die ihr eigenes Schicksal doppelt fordert. Herr von Espagnac wird nach der Audienz ohne Säumen einen kurzen Bericht an den Staatssekretär des Krieges, Grafen von Argenson, aufsetzen, in dem der guten Dienste des Herrn von Avarey besonders Erwähnung zu tun und der glänzenden Haltung der Truppe des Regiments La Couronne zu gedenken ist. Herr von Espagnac wird diesem Bericht ein Schreiben beifügen, in dem Wir um geneigte Mitteilung der Akten zur Einführung der neuen Infanterietaktik ersuchen und den Minister bitten, Herrn von La Peyrouse mit diesen nach Chambord abzuordnen. Wir erblicken in dem Oberstleutnant von La Peyrouse den geeignetsten Lehrmeister, wollen daher mit ihm in Chambord die Vorschriften ins reine bringen und erwarten ihn zu diesem Zwecke in zehn Tagen aus Paris zurück. Herr von La Peyrouse reitet sofort nach der Unterfertigung der Berichte ab.«

Der Marschall von Sachsen hatte knapp, scharf, mit hartem Anschlag gesprochen. Die Offiziere 163 verharrten mit ausgeschwenktem Hut in der Achtungstellung.

Die Augen des Marschalls bohrten sich, vom ruckweise bewegten Kopf gelenkt, zuerst in das Gesicht des Generaladjutanten Freiherrn von Espagnac, dann in das Gesicht des Kommandanten vom Platz, Obersten Grafen von Avarey und zuletzt in das Gesicht des Oberstleutnants Vicomte von La Peyrouse vom Regiment La Couronne. An diesem blieben sie haften.

»Sie haben verstanden, Oberstleutnant!«

»Zu Befehl, Herr Marschall!«

Ihre Augen brannten ineinander. Erlebnisse, Erinnerungen, Drohungen, Mißtrauen, Eifersucht, Groll, sanftere Regungen einer unerklärlichen Sympathie und eine sonderbare Feuchte, die ihren Blicken einen stärkeren Glanz verlieh, stiegen aus der Tiefe und flossen ineinander über.

Moritz atmete schwer, La Peyrouse stand unbeweglich.

»Es ist gut, folgen Sie mir, meine Herren!«

Er hatte den leichteren Gesellschaftston wiedergefunden und schritt ihnen, auf den Stock gestützt, voran. Sie betraten das Gemach der Frau von Bauffremont.

Fremd saß Eliane im fremden, nicht für sie 164 eingerichteten, nie von ihr bewohnten Raume. Flüchtig zusammengestellt standen die zierlichen Möbel der Zeit in dem Bau aus dem 14. Jahrhundert. Ein paar schlafende Amoretten von der Hand Bouchers, die Frau von Avarey gehörten, hingen frierend an den dunkel bespannten Wänden. Die Fenster waren klein und blindverglast, aber der milde Tag hatte Frau von Jumilhac erlaubt, einen Flügel zu öffnen, durch den die weiche Wärme des Herbstes und der Silberschein einer verschleierten Sonne Einlaß fanden.

Frau von Bauffremont saß in ihrem lichtgrauen Gewand wie verirrt in dieser merkwürdigen Welt. Fremd blickte sie auf die Herren, die sich tief vor ihr verneigten.

Moritz von Sachsen hatte sich in der Gewalt, aber er war innerlich sehr bewegt. Auch er sah Elianen nun in der dritten Verkörperung vor sich. Die erste Eliane war ihm vor Brüssel und im festlichen Feldlager des Königs begegnet, die zweite nach dem Tage von Betoux im Quartier zu Cortessem. Doch diese beiden waren einander unendlich verwandter gewesen, das dritte Bild hatte nur noch den Umriß und einige zartere Züge mit jenen gemein. Und doch war die Ähnlichkeit mit der Miniatur des unbekannten Meisters von Valenciennes unverkennbar, ja sie 165 war sogar größer als je, wie ihn deuchte: er sah in ihr heute die von Faunen verfolgte, kühle, geängstigte, aber im Grunde ihrer Errettung sichere, unbekümmert ihre Hülle opfernde Nymphe.

Solche Gedanken und Gefühle waren ihm früher und vor anderen Frauen nie gekommen.

Moritz rückte sich zusammen und bat Frau von Bauffremont in kurzen, zeremoniösen Worten um die Erlaubnis, sich mit seinen Offizieren von ihr verabschieden zu dürfen.

Eliane neigte den Kopf. Der Schleier floß leicht aufgesteckt und anmutig gerafft von der blonden, vielleicht ein wenig gepuderten Haarkrone auf die Schultern und verlor sich in einer grauen Wolke, die aus der Tiefe des Sessels aufquellend die schlanke Gestalt gewissermaßen in der Schwebe zu halten schien. Nun sprach sie. Wenig Worte nur, in denen sie dem Marschall von Sachsen und den Herren, die zur Leichenfeier des Herrn von Bauffremont erschienen waren und seiner Witwe ihre Teilnahme auf so ritterliche, graziöse Weise bezeugt hatten, tiefgefühlten Dank aussprach; Worte, die überlegt, vorbereitet, eingeübt waren und dem Zeremoniell der Stunde entsprachen, an denen aber ein eigentümlicher persönlicher Zauber haftete, beinahe dem Silberduft vergleichbar, der draußen über der Landschaft hing 166 und sich mit dem nahenden Abend immer mehr verstärkte.

Moritz trat zurück und gab den Herren den Weg frei, indem er sich zu Frau von Jumilhac gesellte, die still im Hintergrund des Zimmers saß und auf einem Spieltischchen Patience legte. Sie kümmerte sich nicht um ihn, und auch er sorgte nicht für ein Gespräch, sondern blickte auf die kleinen bunten Blätter und über diese hinweg zu Eliane hinüber, nicht anders als Frau von Jumilhac selbst.

Espagnac hatte sich verabschiedet und war zurückgetreten, Avarey hatte seinen Dank empfangen und war ihm gefolgt, jetzt war die Reihe an La Peyrouse.

Hundert Pulse hämmerten in Moritz von Sachsen, als die schlanke, sehnige Gestalt sich Frau von Bauffremont näherte und mit der vollendeten Grazie des modischen Kavaliers über Elianens Hand neigte. La Peyrouse war blaß, aber seine Züge spiegelten keine Erregung. Sorgfältig toupiert lagen die Locken an den Schläfen, straff hing der schwarzbeschleifte Haarbeutel auf dem goldbestickten Ringkragen, blütenweiß hob sich das Jabot aus dem karminroten Rock, zierlich hielt er mit der Linken Hut und Degen, während er die Rechte leicht auf die Kopflehne des geschweiften, mit Schnitzwerk besäten Sessels legte.

167 Frau von Jumilhac lächelte gutmütig, als Moritzens schwerer Atem schneller ging. »O Liebe, Liebe, wenn du uns gefangen hältst,« flüsterte sie vor sich hin und zog die Karten ab.

Die Worte, die Herr von La Peyrouse und Frau von Bauffremont wechselten, fielen so leise, als der Anstand erlaubte, der nicht duldete, daß sie zu einem geflüsterten tête-à-tête wurden. Zuweilen flackerte ein Wort, ein Satz heller, wie eine Kerze, die plötzlich Licht wirft, dann war wieder nichts zu verstehen.

Der Marschall grub die Nägel ins weiche Fleisch der Handteller, aber er hielt an sich.

»O gewiß – es war mir eine schmerzliche Genugtuung, Sie gestern wiederzusehen!« klang's aus Elianens Munde deutlich zu ihm her.

»Erinnerungen, die nicht sterben –« die Worte stammten von La Peyrouse.

»Man kann Augenblicke durch Jahre erkaufen müssen – –« kam's von den Lippen Elianens.

»– – Und nicht aufhören zu hoffen . . .«

Als diese Worte des Herrn von La Peyrouse aus einem unverstanden gebliebenen Satz aufflackerten, klirrten die Sporen des Marschalls.

Er verbeugte sich vor Frau von Jumilhac und nahm Abschied von ihr.

168 »Ihr Spiel wird nicht aufgehen, teure Freundin,« sprach er mit unterdrückter Stimme, doch laut genug, um das Gespräch Elianens und des Herrn von La Peyrouse zu unterbrechen.

Einen Augenblick fiel Schweigen ein, dann hob Frau von Bauffremont langsam, wie widerstrebend, als wollte sie Zeit gewinnen, die Hand und reichte sie La Peyrouse zum Abschied.

»Der Tag von Betoux spielt im Feldzug des Marschalls von Sachsen nur eine kleine Rolle,« sprach sie deutlich vernehmbar, »aber er hat über mein Leben eine so große Erschütterung gebracht, daß alles darunter begraben liegt.«

La Peyrouse verlor seine Haltung, haschte nach ihrer Hand, bog das Knie, stammelte:

»Alles was begraben liegt, kann auferstehen, El–«

Da schnitt ihm Moritz von Sachsen das Wort vom Munde.

»Frau von Bauffremont hat nicht nur das Recht, sondern auch ein Verdienst, so zu sprechen. Verzeihen Sie diese Unterbrechung, sie ist nichts anderes als der Ausdruck meiner Gefühle und erlauben Sie mir, noch folgendes zu sagen: Herr von Bauffremont liegt auf dem Felde von Betoux in der Gestalt begraben, in der seine Witwe ihn gekannt hat. Wir aber 169 bewundern seinen Entschluß, sein entstelltes Bild vor den Augen der Frau verborgen zu halten, die ihm so nahestand, und wir zweifeln nicht, daß er gewußt hat, wie es um ihn bestellt war. Die Ärzte gaben ihm keine lange Frist mehr. Das gab ihm das Recht eine Verbannung auszusprechen, die ihn selbst traf. Aber auch Herr von La Peyrouse hat in unserem Sinn gesprochen, als er Frau von Bauffremont, vor der wir uns zum Abschied neigen, erwiderte: ›Alles, was begraben liegt, kann auferstehen.‹ Seien wir gläubig, lassen wir dieses Wort für die Toten und für die Lebenden gelten!«

Er trat mit einer leichten Verbeugung zurück.

Niemand suchte diese Worte zu übertreffen.

Stumm bückte La Peyrouse sich auf die weiße Hand, die sich krampfhaft um seine Finger schloß und ihm hastig die Wegzehrung reichte.

Eliane öffnete die Lippen, als ob sie sprechen wollte, aber sie fühlte sich beobachtet und schwieg.

Rückwärts schreitend gewannen die Herren die Tür.

Da bat Frau von Jumilhac den Marschall von Sachsen noch einen Augenblick zu verweilen. Darauf wandten Espagnac und Avarey sich zum Gehen, nur La Peyrouse zögerte. Er faßte mit hartem Gesicht seitlings des Ausgangs Stand, als wollte er dem 170 Marschall den Vortritt lassen und schien gesonnen, nicht zu weichen.

Moritz fühlte sich von einem jähaufsteigenden Zorn übermannt. Er war daran, La Peyrouse in einem seiner furchtbaren Ausbrüche zusammenzureißen.

Da trat Frau von Jumilhac rasch dazwischen und bat den Oberstleutnant um seine Begleitung.

»Folgen Sie mir, Sie werden dabei nichts verlieren,« raunte sie ihm zu und zog ihn mit sich.

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