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Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen

Hermann Stegemann: Die letzten Tage des Marschalls von Sachsen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
authorHermann Stegemann
year1930
firstpub1930
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
titleDie letzten Tage des Marschalls von Sachsen
pages266
created20160318
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Frau von Bauffremont empfing die Herren im Audienzsaale des Gouverneurs. Sie stand neben dem hohen Wappenstuhl an der Schmalwand, unter dem lilienbestickten Baldachin, auf dem die Straußenfedern verblichen und bestaubt im Luftzug schwankten, als die Flügeltüren sich öffneten und der Marschall von Sachsen, auf den Arm des Herrn von La Peyrouse gestützt, als Erster über 48 die Schwelle trat. Hinter ihm ordnete sich sein glänzendes Gefolge. Moritz spürte den Ruck im Arm seines Begleiters, aber auch er selbst war unwillkürlich zusammengezuckt, als er in der schlanken blassen Gestalt und unter dem perlgrauen, nonnenhaften Gewand der Damen von St. Sulpice die schöne, einst von allen Amoretten umgaukelte Marquise von Bauffremont erkannte.

»Mein Gott, welche Veränderung! Der Falter ist in sein Puppengespinst zurückgekehrt,« murmelte er. »Stützen Sie mich, La Peyrouse, es sind hundert Meilen bis zu ihr hin auf diesem spiegelnden Parkett.«

La Peyrouse zog den Arm des Marschalls fester an sich und maß seine Schritte sorgfältig nach Moritzens unsicherem Gang.

Die Sonne stand schräg in den tiefen Fensternischen und jagte schwere Schlagschatten aus der Balkendecke. Gebrochenes Licht stieß sich unruhig in den Winkeln.

Moritz von Sachsen raffte sich zusammen und tat die letzten Schritte in fester Haltung. Nun löste er die Hand vom Arme seines Begleiters, hob den Hut, trat allein vor die Estrade, auf der die graue, in dichte Schleier gehüllte Gestalt unbeweglich wartete, und neigte sich tief.

49 Drei Schritte rückwärts stand Herr von La Peyrouse, hinter ihm standen, rasch im Halbkreis geordnet, das Offizierkorps der Sachsenreiter, der Stab des Regiments La Couronne, die Führer von Dauphin und Orléans, der Piketts von Royal-Piemont, Royal-Pologne und La Morlière und der Stab des Platzes Vendôme.

Als der Marschall von Sachsen den Hut schwenkte und sich so tief verbeugte, daß das große Kreuz des heiligen Ludwig von der rechten Hüfte nach vorn schwang, neigten sich die gepuderten und bezopften Köpfe wie auf einen Schlag. Blaue, rote und gelbe Galaröcke, goldene Tressen und eine Wolke blütenweißer Jabots strahlten ihren Farbenzauber aus, Sporn und Degen klirrten, dann erstarrte alles zur Ruhe, und der Marschall von Sachsen festigte seine Stimme und sprach:

»Ich habe die Ehre, der Frau Marquise die Teilnahme der französischen Armee an dem schmerzlichen Verluste zu bezeigen, den der Hinschied des Generalmajors im königlichen Dienst, Gouverneurs von Vendôme, Charles Noel Marquis von Bauffremont verursacht hat. Wir betrauern in Herrn von Bauffremont den Sieger von Betoux, einen der glänzendsten Soldaten Frankreichs, einen treuen Diener des Königs und einen untadeligen 50 Kavalier. Die Herren, die sich mit mir vor der Grazie und der Trauer der Marquise von Bauffremont in Ehrfurcht verneigen, tragen die Farben aller Regimenter, die bei Betoux gefochten haben. Lesen Sie in den Gesichtern, Madame, Sie werden darin die Erinnerung an jene glorreichen Tage aufgezeichnet finden und zugleich den Ausdruck unserer Verehrung für dero Person darin ausgeprägt sehen.«

Als der Marschall die letzten Worte sprach, bewegten sich die Schleier der Marquise wie von darunter verborgenen Händen in Verwirrung gebracht. Dicht hinter dem Marschall aber knirschte sich reibendes Leder, klirrte ein Sporn, vom Beschlag der Degenscheide getroffen, und als Moritz einen Blick rückwärts schoß, sah er Herrn von La Peyrouse mit dem rechten Knie den Boden berühren und mit starrem Gesicht und brennenden Augen, beide Hände um die Plumage des Hutes gekrampft, in dieser hingebenden Haltung verharren.

Da fühlte er sich von Eiseskälte geschüttelt, aber er bezwang sich und fuhr fort:

»So sind Wir, dem Befehle des Königs gehorchend und von eigenem Antrieb gestachelt, hierher geeilt, Herrn von Bauffremont die letzte Ehre zu erweisen und Uns ein Beispiel an dem 51 Heldentum zu nehmen, mit dem der Sieger von Betoux das Martyrium trug, zu dem eine grausame Wunde ihn verurteilt hat.«

Wiederum bewegten sich die Schleier. Diesmal war die Gebärde so stark, so deutlich, daß jedermann die Marquise die Hände unter dem dichten Gewebe vor das Antlitz schlagen sah. Frau von Avarey, die ihr zur Rechten stand, und Frau von Jumilhac, die Oberin des Stiftes von St. Sulpice, die ihr zur Linken saß, schlangen rasch die Arme um die wankende Gestalt.

»Herr Marschall, ich beschwöre Sie,« flüsterte La Peyrouse tonlos und hob sich hastig aus der Knielage.

Moritz aber schnellte herrisch den Kopf zurück und schloß mit klingender Stimme:

»Das letzte artikulierte Wort, das der Generalmajor von Bauffremont in diesem Leben gesprochen hat, fiel aus seinem Munde, ehe die Pistolenkugel das Band seiner Zunge zerriß. Es war der Angriffsbefehl vor der Front von Royal-Pologne auf dem Felde von Betoux, als er die zweite Attacke gegen Hannover und englische Garden ritt. »Noch einmal, meine Herren!« rief er aus und warf sich mit sechshundert Pferden auf dreifach überlegenen Feind. Er hat uns diese Devise zur 52 Nacheiferung hinterlassen, und es wäre mir keine Ehre, sie vor den Ohren der Frau Marquise von Bauffremont nicht wiederholt zu haben, denn es gibt nichts Stärkenderes, nichts Tröstlicheres als solches Heldentum.«

Hochaufgerichtet, das von der Krankheit gezeichnete Antlitz von einem wunderbaren innern Feuer erhellt, die Augen mit der Bläue des Himmels erfüllt und so vom Stolz seines eigenen Kämpfertums getragen, daß alles Verlebte, Verbuhlte von ihm fiel, stand Moritz von Sachsen vor der Witwe des Herrn von Bauffremont und strömte eine Kraft aus, die wie mit unsichtbaren Armen um sich griff und aller Schwachheit Halt gebot.

Die junge Frau, die sich wankend an ihre Ehrendamen gelehnt hatte, richtete sich auf und schlug mit einer unendlich zarten, weichen Bewegung die verhüllenden Schleier zurück. Wie eine silbergraue Taube, die die Schwingen zum Fluge lüftet, erschien sie Herrn von La Peyrouse, als das faltige Gewebe auseinanderwich und in breitem Fluß an ihren Schultern niederrann. Da die Schleier in ihrem getürmten Haar befestigt waren, lösten sie sich nicht ganz aus dem Faltenwurf, aber Eliane erschien nur noch rührender, noch liebreizender und glich einem ganz jungen Mädchen, als sie, völlig 53 vom schmiegsamen Gewand der Damen von St. Sulpice umflossen, ohne einen andern Schmuck als die Krone ihrer blonden Haare und das emaillierte Kreuz am schwarzen Band, mit ihren kleinen Füßen die Stufen der Estrade hinabzusteigen begann, um den Marschall von Sachsen zu begrüßen.

Aber sie kam nicht über die erste Stufe; Moritz war ihr schon mit zwei elastischen Schritten entgegengeeilt. Galant beugte er sich so tief, daß er den Ebenholzstock mit goldener Krücke auf den Teppich legen konnte, bevor er die weiße Hand ergriff und die Lippen auf die durchsichtig zarten Knöchel drückte.

»Ich habe Ihnen wehe getan, Eliane, verzeihen Sie mir den Ausbruch meiner Gefühle,« murmelte er und führte sie zeremoniös zu ihrem hohen Sitz.

Sie erwiderte kein Wort, aber er spürte den zaghaften Druck ihrer Finger und trat unsäglich beglückt zur Seite.

Da stieg Herr von La Peyrouse als der Erste seiner Offiziere mit raschen Schritten zur Estrade empor, und Moritz von Sachsen sah, wie Frau von Bauffremont den Kopf zur Seite wandte, als sie ihm die Hand zum Kusse reichte. La Peyrouse gab sich den Anschein, diese Hand zu küssen, aber nur sein heißer Atem streifte die krampfhaft zuckenden Finger.

Als er nach einer Verbeugung vor Frau von 54 Avarey und Frau von Jumilhac die Stufen wieder hinunterstieg, kreuzte sein Blick den Blick des Marschalls. Wie zwei Klingen stießen ihre Blicke aufeinander. Aber schon neigte sich der zweite, der dritte gepuderte Kopf über Elianens Hand – die Cour nahm ihren Fortgang.

Nachdem der letzte Offizier der Witwe des Herrn von Bauffremont seine Ehrfurcht bezeigt hatte, öffneten sich die Türen. Der Zeremonienmeister erschien, eine Flut rotröckiger Chorknaben und gelbroter Hellebardiere drängte sich in den Galerien, Spitzenstolen leuchteten auf, die Perücken der Schöffen, die Helme der Hartschiere glänzten, brennende Kerzen stachen blaß aus dem Helldunkel der Bogengänge, und eine Wolke von Weihrauch stieg als Wohlgeruch des Himmels aus den silbernen Räucherkörben, die in den Nischen der Arkaden aufgestellt waren.

Frau von Bauffremont lehnte blaß im geschnitzten Stuhl. Über ihrem Kopf hing das Wappen des Hauses Bauffremont, zwei silberne Türme auf einem schwarzen Berg. Ein Wappen, das heute zerbrochen wurde, denn das Geschlecht hatte auf zwei Augen gestanden, und dem Marquis von Bauffremont war kein Erbe geboren worden.

Als der Zeremonienmeister den Stab hob und 55 das Zeichen zum Öffnen der Flügeltür gab, die in den Nebensaal führte, wo der Leib des Herrn von Bauffremont aufgebahrt lag, zog Eliane die Schleier wieder über sich zusammen.

Noch einmal verneigte der Marschall von Sachsen sich tief vor dem verschleierten Frauenbild, dann ging er, seinen Platz an der Spitze des Leichenzuges einzunehmen. Der dumpfe Wirbel entspannter Pauken und Trommeln lief an den Mauern entlang, die Glocken der Trinité und der Madeleine begannen zu läuten.

Herr von La Peyrouse warf unter dem vorgehaltenen Hut noch einen Blick zurück, bevor er dem Marschall folgte. Er sah, wie Eliane sich vom Stuhl auf den Betschemel gleiten ließ, den geschickte Diener unbemerkt vor ihr aufgestellt hatten, und die Hände in den Schleiern um das Kruzifix krampfte. Aber aus dem Schleiergewölk brach, nur ihm sichtbar, mehr erahnt als wahrgenommen, der Strahl ihrer Augen und folgte ihm in die Paradekammer.

Moritz von Sachsen war zu der Leiche des Herrn von Bauffremont getreten, die im bauchig gewölbten, mit Silber beschlagenen Sarg auf dem Schaugerüst mitten im Zimmer stand. Vier Offiziere vom Regiment Gens d'armes Orléannais waren als Ehrenwache aufgepflanzt. Die gelben Wachslichte 56 schwelten, sechs Bombardiere des Platzes Vendôme hielten sich bereit, den Sarg aufzuheben und das Stiegenhaus hinunterzutragen. Der Paukenwirbel schwoll immer lauter zu Fenstern und Türen herein und begann dumpf und schwer in den Marschrhythmus überzugehen.

Moritz von Sachsen war Protestant, sofern seine ungläubige Seele solche Bezeichnung ertrug, aber er bequemte sich mit höfischem Anstand dem Zeremoniell der katholischen Kirche, empfing den Wedel aus der Hand des Priesters, der zu Füßen der Leiche kniete, und sprengte das geweihte Wasser über den Sarg und die darüber gebreiteten Insignien der Krone Frankreich. Ruhig forschend lag sein Blick auf dem Antlitz des Herrn von Bauffremont, das im Fenstersarg deutlich sichtbar war.

Die weiße Perücke war gut befestigt. Sie schmiegte sich vorschriftsmäßig eng an die Schläfen, ließ aber die Stirn frei. Herr von Bauffremont lag allem entrückt. Die eisgrauen Brauen waren entspannt, die Augen wie im Schlaf geschlossen. Kräftig sprang die hochrückige Nase, sprangen die enggestellten Backenknochen aus dem hageren, von pergamentener Haut hartgespannten Gesicht. Der zerschmetterte, mit Silberdraht kunstvoll geflickte Unterkiefer und der verstümmelte Mund waren durch die 57 Plumage des Generalshutes verdeckt, den man von der Brust so hoch hinaufgerückt hatte, daß den Leidtragenden der Anblick der furchtbaren Vernarbung der Wunde von Betoux erspart blieb. Unter dem Hut waren nur noch die schmalen sehnigen Hände sichtbar, die sich fest um den Degengriff schlossen, dann hatte der Fensterausschnitt ein Ende.

»Man hat dir ein schönes gläsernes Haus gebaut, Marquis,« murmelte Moritz, »und man sieht dir deine dreiundsechzig Jahre nicht an.«

Er wollte sich seine frivole Laune von der Majestät des Todes nicht abkaufen lassen. Deshalb murmelte er, sich selbst zur Ergötzung, den respektlosen Spruch, aber dann besann er sich darauf, daß er seine Rolle zu spielen hatte, und gab den Wedel zurück, ließ sich von Espagnac den Marschallstab reichen, streckte ihn über den Sarg und sprach mit lauter Stimme:

»Gehen Sie uns noch einmal voran, Herr von Bauffremont! Wir folgen Ihnen!«

Da winkte der diensthabende Offizier aus dem Fenster, Trompeten und Zinken schmetterten in den Wirbel der Pauken, die Bombardiere hoben den Sarg auf, die Offiziere schwenkten ein, die Räuchergefäße spien blaue Düfte, und der Zug setzte sich in Bewegung.

58 Der Marschall von Sachsen schritt dicht hinter dem Sarg. Herr von La Peyrouse aber stand im offenen Rahmen der Flügeltür, die in den Audienzsaal führte, und blieb dort stehen, den Rücken gegen den Saal gekehrt, als wollte er Frau von Bauffremont das Aufheben der Leiche verbergen und sie vor dem Ausblick auf den Trauerkondukt bewahren. Erst als der Sarg im Gewirre der Farben und Formen verschwand, verließ er seinen Platz und schloß sich dem Leichenzug an.

Espagnac hatte sich dicht hinter dem Marschall gehalten, um zur Hand zu sein. Moritz wartete einen Augenblick unter dem Portal, bis die Tambouren, die den Zug eröffneten und schon eine Weile auf der Stelle getreten hatten, vorübergezogen waren und der Sarg hinter der Klerisei eingeordnet war. Nun schwankte die Bahre vorüber.

Der Himmel hatte Wolkenfahnen ausgehängt, aus denen die Sonne in breiten Streifen herabschoß. Das Haupt des Herrn von Bauffremont badete noch einmal im Licht.

»Da kommt sein Rappe. Himmel, ist der Gaul dick! Der arme Marquis hatte ihn wohl schon lange ungeritten im Stall stehen. Ich lege Ihnen Juno ans Herz, Espagnac, lassen Sie sie fasten, bevor sie zu meinem Kondukt gezäumt wird. Es wäre mir 59 peinlich, wenn sie mir asthmatisch um die Perücke schnaubte!«

Moritz von Sachsen hatte ganz sachlich gesprochen. Er schwelgte jetzt nicht in Gefühlen und trat hinter dem Leibpferd des Herrn von Bauffremont, einen Schritt vor den Herren von Avarey und Espagnac, den Gang zur Kirche an. Es war nur eine Gasse weit, dann öffnete sich der Platz, auf dem die Dreifaltigkeitskirche ihre verwitterten Mauern türmte.

Der Marschall hielt sich immer noch aufrecht. Es schien, als hätten die Lust an der Rolle, die er zu spielen berufen war, und die Erregungen seines entzündlichen Herzens alle Hemmungen weggeschwemmt. Ein Begräbnis erfüllte ihn mit neuer Lebenslust und verjagte die melancholischen Launen, denen er sich in den letzten Wochen in Chambord so sehr hingegeben hatte, daß der Freudenpalast in ein Damenstift verwandelt schien.

Frau von Bauffremont hatte entzückend ausgesehen in dem Gewand der Damen von St. Sulpice. Er atmete noch den Wohlgeruch, der ihn aus den Schleiern angeweht hatte. Nun schritt er zwischen den wohlgeordneten Rotten seiner Regimenter hindurch zur Trinité. Die Orgel sang seraphisch in den dumpfen, langsam verebbenden Trommelwirbel. Letzte Paukenschläge der Sachsenreiter, von den Fäusten 60 des Nubiers so kunstvoll moduliert, daß sie wie Urwaldecho oder Botschaft an die Totenwelt in sanfter Klage verperlten, mischten sich in die Knabenchöre, die auf der Empore das »De Profundis« anstimmten.

Man hatte dem Marschall von Sachsen einen bequemen Sitz bereitet, damit er dem Trauergottesdienst ohne Beschwerden folgen könne, und Moritz war so klug, seine Rolle nicht zu übertreiben. Er sank mit einem Seufzer der Erleichterung in den gepolsterten Sessel und warf nur noch einen Blick auf die Fahnenträger, die mit den Trophäen und den Feldzeichen der französischen Regimenter zu beiden Seiten des Katafalks aufgepflanzt standen, überzeugte sich rasch, ob auch seine Offiziere Haltung bewahrten, dann verschwamm ihm bei Orgelklang und eintönigem Psalmodieren die Zeremonie vor den Augen, und er begann einzunicken. Es war kein Schlummer, sondern ein Dämmerzustand, in dem Erwägungen und Wünsche, Gedanken und Gefühle durcheinanderschwirrten und wie Stäubchen in der Sonne einen tollen Tanz aufführten.

Espagnac stand hinter ihm und behütete seine Träumereien, La Peyrouse war an der Spitze der Herren von La Couronne auf die Schattenseite des Kirchenschiffes getreten, wo ihre weißen Köpfe im 61 Halbdunkel verschwammen. Das war kein Dienst nach dem Geschmack der Herren, die dem Dienst überhaupt wenig Geschmack abgewannen und der Zucht längst entwachsen waren. Moritz wußte, daß die Armee den Frieden schlechter ertrug als den Krieg und daß alle Reformversuche des Kriegsministers d'Argenson zum Scheitern verurteilt waren, weil das Offizierkorps den Ernst zur Betätigung auf dem Exerzierfeld nicht mehr aufbrachte und hinter den Vorhängen der Alkoven besser Bescheid wußte als in der Führung der Truppe. Ging's zu Felde, so schlugen sie sich noch mit Grazie und Todesverachtung, um der Ehre und des Beifalls willen, aber sie fürchteten sich, die Strümpfe zu beschmutzen und den Puder aus den Haaren zu verlieren, und jetzt war schon zwei Jahre Frieden, zwei Jahre, die kein Gott mehr zurückbrachte. Der Aachener Traktat hatte die Geschicke Europas geregelt, auch das Ruhmbedürfnis des Königs von Preußen schien gestillt, nachdem er Schlesien davongetragen hatte, und das Leben verging bei Bällen und Konzerten, bei Philosophieren und Jubilieren und endete in einer starren Pose.

Moritz fuhr auf und blickte ärgerlich zu den Herren von La Couronne hinüber. Sie tuschelten hinter den vorgehaltenen Hüten, und La Peyrouse 62 ließ sie gewähren. Vielleicht bemerkte der Oberstleutnant die Ungehörigkeiten nicht, denn er stand starr, allem entrückt und hielt die Augen unverwandt auf das Kerzenflackerspiel am Hochaltar geheftet.

Es gelang Espagnac, die Aufmerksamkeit eines Stabsoffiziers von La Couronne zu erregen und ihm zu bedeuten, daß der Marschall die Herren im Auge habe. Da rückten sie sich zusammen.

Moritz sank wieder in seine Träumerei zurück.

Eliane von Morane hatte ein Opfer gebracht, als sie Herrn von Bauffremont zum Altar gefolgt war. Aber das geschieht alle Tage, und wie anders wäre die kleine Schäferin aus dem zerfallenen Herrensitz in der Beauce an den Hof gekommen, wenn nicht auf solche Weise! Man hatte Herrn von Bauffremont nicht um ihren Besitz beneidet, war doch damit erst die Möglichkeit gegeben, sich der jungen Schönheit zu nähern und sie zu Liebeleien zu gewinnen, die, flüchtig genossen und von galanten Intrigen getragen, erst die wahre Würze atmeten.

Moritz entsann sich des Tages, da er der Marquise zum erstenmal ansichtig geworden war. Das geschah im Feldlager vor Brüssel am 5. Mai 1746, kurz nach der Ankunft des Königs. Da die Armee gerade im Begriff war, den Feldzug zu eröffnen, 63 hielt Ludwig XV. in dem eroberten Brüssel einen glänzenden Empfang ab. Zu diesem war auch der Generalmajor von Bauffremont mit seiner jungen Frau erschienen. Damals schlug das entzündliche Herz Moritzens in hellen Flammen auf. Er hatte keine Zeit, ihr die Cour zu machen, und sein Leiden empfahl ihn nicht als Werber, denn er stand damals dem Tode näher als dem Leben, von wütender Wassersucht gequält, aber er wurde von Elianens Reizen so bezaubert, daß er alles vergaß. Er glaubte diese Festung ebenso rasch bezwingen zu können, wie er die flandrischen Festungen bezwungen hatte, und eröffnete sofort auf dem Balle die Belagerung.

Doch diese korsettierte, hochgestöckelte Feste hielt länger stand als Menin, Cortryk, Knocke und Fürnen, die Anno 1744 binnen neununddreißig Tagen gefallen waren, und ließ ihm keine Hoffnung auf Erhörung seiner Wünsche. Er hatte vergebens alle Listen angewendet, vergebens den Liebhaber als väterlichen Freund maskiert und, sich selbst Lügen strafend, seine Jahre ins Feld geführt, es blieb ihm nichts als die Einnahme einiger Außenwerke, und auch aus diesen sah er sich wieder vertrieben, wenn er nach feurigen, gnädig geduldeten Handküssen, die bis zum Grübchen im Ellbogen stiegen, und nach lächelnd entgegengenommenen Liebeserklärungen, die 64 als artige Parlamentäre Gehör fanden, zum Sturm auf die Zitadelle übergehen wollte.

»Ich bete Sie an, Eliane, ich bin Ihr Gefangener, Sie haben mich mit Ketten gebunden, die ich noch nie geduldet, keine Erinnerung besteht vor Ihren Augen, die Taube hat den Adler gezähmt, lassen Sie sich lieben, wie noch nie eine Frau geliebt worden ist.«

So ungefähr hatte er zu ihr gesprochen, als er sich noch offen als Liebhaber zu erkennen gab.

»Ich will Ihre Jugend nicht an meine Jahre fesseln, will nichts als einen Augenblick des schönsten Glückes, um es ewig zu bewahren, wenn Sie längst an anderen Herzen ruhen,« hatte er gefleht, als er auf diese Weise nicht zum Ziel gekommen war.

»Ich lege Ihnen nur meine Freundschaft zu Füßen, die Freundschaft des Marschalls von Sachsen, der Frauen noch nie Freundschaft bezeigte, weil er nur begehrte, jetzt aber nichts Köstlicheres kennt, als Ihre Nähe zu atmen und Ihnen die Hände unter die Füße zu legen,« hatte er in entsagungsvoller Pose gebettelt, als ihm auch diese Gunst verweigert wurde.

»Stellen Sie Ihre Bedingungen, fordern Sie – Ihre Bedingungen sind die meinen,« hatte er kurz, herrisch, brutal, aber voller Verzweiflung zu ihr gesprochen.

65 Nichts hatte gefruchtet . . .

Man kann mehr an die Eroberung eines Weibes setzen als an alles, was das Leben, dieses kurze, krause, unverständliche Dasein, einem sonst bietet. Haben die Griechen nicht willig zehn Jahre vor Troja gelegen und Hekatomben gehäuft, um die entführte Helena zurückzugewinnen?

Moritz fühlte sich von Espagnac an der Schulter berührt und schrak auf. Der Trauergottesdienst ging zu Ende. Die Fahnenträger senkten die Fahnen auf den Katafalk, die Garden präsentierten, die Offiziere hatten das Knie gebeugt. Mit weitausholender, feierlicher Gebärde schlug der Priester das Kreuz über den Leichnam des Herrn von Bauffremont. In den Segen klang dumpf, zum Pianissimo gedämpft, der völlig aufgelöste Wirbel der Pauken und Trommeln auf dem Kirchplatz von Vendôme.

Moritz von Sachsen stand aufrecht, das gallig verfärbte Gesicht dem Katafalk zugewendet, und grüßte ehrerbietig mit dem Marschallstab.

Dann spreiteten die Kirchendiener ein riesiges Bahrtuch über den Sarg, um die Bestattung vorzutäuschen. Da Herr von Bauffremont verfügt hatte, daß sein Leib in der Nacht in aller Stille zu St. André-de Bauffremont beigesetzt werden sollte, war die Zeremonie damit zu Ende.

66 Als der Marschall von Sachsen die Kirche verließ, um sich ins Rathaus zu begeben, wo die Tafel angerichtet war, schlugen die Tambouren auf gespannten Trommeln zum Vorbeimarsch an. Grell stiegen die Fanfaren der Sachsenreiter in die laue Luft. Das Regiment war abgesessen und bildete Spalier. Zum Vorbeimarsch war nur La Couronne befohlen.

Der Marschall stemmte sich breitbeinig fest, als das Regiment, das sich auf dem engen Platz nicht hatte entfalten können, dicht aufgeschlossen, zum Geviertbataillon zusammengefaßt, die Offiziere in derselben Ordnung wie stehenden Fußes an der Kolonne, nach kurzem Auf-der-Stelle-treten ausschritt und wuchtig in Bewegung kam. Hoch starrte der Eisenwald der aufgepflanzten Bajonette, Ellbogen an Ellbogen, und so eng auf den Vordermann gepreßt, daß ein einziger Fehltritt das ganze Gebäude umwerfen konnte, kam die Stammtruppe des berühmten Regiments langsam heran. Oberstleutnant von La Peyrouse führte entblößten Hauptes und riß die gegliederte Masse im Stechschritt am Marschall vorbei.

Moritz von Sachsen war entzückt von der guten Haltung der Truppe, doch, zu den Herren von Avarey und Espagnac gewendet, sprach er spöttisch:

»Ich war vor einem Jahre in Potsdam. Man 67 macht das dort nicht besser. Aber es ist nur ein Schaustück, und Herr von La Peyrouse wird gut tun, La Couronne nicht allzu preußisch abzurichten.«

Die Eifersucht sprach aus ihm. Er hatte ganz vergessen, daß ihm selbst der Mangel an Drill und Zucht in der Armee ärgerlich war, und bedachte nicht, daß La Peyrouse soeben erst zum diensttuenden Kommandeur von La Couronne ernannt worden war, daß also sein Vorgänger mehr Verdienst an solchem Paradedrill hatte als er.

Die öffentliche Leichenfeier war zu Ende. Die Truppe strömte in die Quartiere, um sich gütlich zu tun und noch am Abend unter der Führung der unteren Chargen abzurücken, die Offiziere gingen zur Paradetafel.

Moritz von Sachsen war entschlossen, dem Arzt ein Schnippchen zu schlagen. Er war gereizt, traurig, hungrig, durstig, trink- und streitlustig zugleich. Verlangte nach Ruhe, Braten und Wein, nach Schlaf, Fisch und Wildbret, einem Kartenspiel und schönen Frauen, nach geistvoller Unterhaltung und pikanten Geschichten – alle Lüste waren in ihm aufgeweckt, alle Teufel lebendig.

Nachdem ihm die Leibdiener die Stiefel ausgezogen und die Brustplatte gelöst hatten, ließ er sich sorgfältig pudern und die Taschen mit Tabaksdosen, 68 Pastillenbüchschen und kleinen seidenen Geldbörsen füllen, den Galanteriedegen anstecken, die mit Diamanten besetzten Knieschnallen trotz der Schwellungen fester anziehen, damit die kunstvoll mit straffen Binden umwickelten, schön bestrumpften Beine besser zur Geltung kämen, und begab sich zu Frau von Avarey, sie zur Tafel abzuholen.

Frau von Avarey war beinahe bereit, als der Marschall artig nach ihrem Belieben fragte. Sie warf daher nur noch einen Blick in den Spiegel, heftete mit zierlicher Gebärde noch ein halbes Möndchen auf das verräterische Fältchen, das sich im Augenwinkel an ihrer linken Schläfe zu bilden begann, und trippelte dann mit einem guteingeübten, ernsten Lächeln und gesenkten Wimpern, leicht auf die Hand des Marschalls gestützt, in den künstlich erleuchteten, von Kandelabern und Spiegelkerzen glänzenden Saal.

Moritz hielt seine wilde Laune im Zügel und befliß sich einer würdevollen Haltung, die ihm wie keinem zu Gebot stand, wenn er sich im Glanze seiner Rolle und im Besitze seiner Kräfte fühlte. Aber er strafte die sorgenden Blicke Espagnacs und des Leibarztes mit Verachtung und aß und trank wie in seinen besten Tagen.

Man sprach von den Zuständen des Hofes, von 69 dem großen Siege, den die königliche Politik über den Klerus davongetragen hatte, dessen Versammlung im September kurzerhand aufgelöst worden war, weil die Klerisei sich der neuen Besteuerung widersetzt hatte, man tauschte pikante Neuigkeiten aus, die mit ernster Miene und frivolem Augenzwinkern von Mund zu Mund weitergegeben wurden, und flüsterte, durch die Offiziere von La Couronne bald über die wichtigsten Intrigen am Hoflager aufgeklärt, die Namen der neuen Günstlinge, die der Wille der Marquise von Pompadour zu Ehrenstellen und Geldquellen emporgehoben hatte.

Es fiel kein scharfes Wort, jede Gebärde war geziert, Höflichkeiten verbrämten jeden Satz, Schmeicheleien begleiteten Frage und Antwort, von Geist funkelnde Bemerkungen perlten wie der Wein im Glase. Die kleine Tafel, an der nur die ältesten und vornehmsten Offiziere saßen, genoß das Leben nach der Reverenz vor dem Tode ohne Scheu.

»Welche Künste wir auch lieben, keine ist größer als die Kunst, dieses Leben ganz in unserem Belieben aufgehen zu lassen,« antwortete Moritz, als Frau von Avarey von neuen Schauspielen sprach.

»Und es mit den guten Sitten in Einklang zu bringen,« versetzte die bigotte Dame erregt.

Espagnac warf einen besorgten Blick auf den 70 Marschall, in dessen Gesicht ein Spotteufel lauerte, und flocht rasch eine Frage ein:

»Hörten Sie schon, daß die Königliche Akademie zu Dijon eine Preisfrage ausgeschrieben hat des Inhalts: ›Hat die Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften die Sitten veredelt?‹ Finden Sie nicht, daß dies eine gefährliche Frage sei, gnädigste Gräfin?«

»Ach Gott, wie man's nimmt,« erwiderte Frau von Avarey ein wenig aus dem Gleis geworfen.

Moritz von Sachsen lachte leise.

»Ist diese Frage überhaupt beantwortungswert, Espagnac? Ist sie nicht selbst ein Eingeständnis, das eine Königliche Akademie, die zur Pflege der Künste und der Wissenschaften berufen ist, sich niemals entschlüpfen lassen dürfte? Werden nicht feurige Apostel der rohen Natur dadurch angeeifert werden, Pech und Schwefel auf uns herabzurufen! Und sind die Künste wie die Wissenschaften etwas anderes als Reflexe unserer Sitten, Spiegelbilder der Gesellschaft? Mit solchen Philosophismen könnte man eine Welt zum Einsturz bringen.«

»Herr Marschall, Sie übertreiben,« antwortete Frau von Avarey, die sich steif aufgerichtet hatte, »wie könnte eine Welt einstürzen, die nicht wir geschaffen haben!«

71 »Vielleicht wäre es besser, wir hätten sie selbst geschaffen!« rief Moritz zürnend.

Es wurde still um ihn her. Am andern Ende der Tafel löste der Wein die Zungen. Dort plauderte man vom Hofe.

»Wir verdanken der Marquise von Pompadour die Einführung eines neuen Staatsamtes, das in natura schon lange bestand, aber erst von ihr als solches gewürdigt worden ist,« sprach Herr von Avarey mit geheucheltem Ernst, während er mit einem maliziösen Seitenblick auf Herrn von La Peyrouse eine Weintraube in der Silberschale badete.

La Peyrouse unterhielt sich mit Frau von Avarey, die dem Gespräch mit Moritz rasch entflohen war, und tat, als hätte er nichts gehört. Da er seiner Dame gerade eine erlesene Schmeichelei sagte, hatte diese kein Ohr mehr für andere Dinge.

Der Marschall von Sachsen aber war nicht gesonnen, die Taktik des Herrn La Peyrouse zu dulden. Er hatte in ihm einen Nebenbuhler erkannt, von dem er bis auf diesen Tag keine Ahnung gehabt hatte. Nun wußte er, warum er vergebens geworben.

»Lassen Sie hören, Herr von Avarey! Ich bin in Chambord ganz außer Verbindung mit Compiègne und Versailles und muß mir mit Balletts, 72 Komödien à la Chantilly, den Romanen des Herrn Crébillon, meinem Gestüt, den Versen des Herrn Voltaire, meinen mechanischen Spielereien und meinen Erinnerungen die Zeit vertreiben. Aber Herr von La Peyrouse, der vortrefflich unterrichtet sein dürfte, wird sicherlich die Güte haben, Ihre Meinung zu begutachten, damit wir nicht in die Irre gehen.«

Er sprach mit vollendeter Höflichkeit und im liebenswürdigsten Plauderton, aber Espagnac und Avarey wechselten einen raschen Blick. Sie hörten dunklere Töne schwingen. Verhaltener Groll stieg aus der Tiefe. Die Mundwinkel des Marschalls waren wie von Bitterkeit herabgezogen und zwischen den schwarzen, breitgeschweiften Brauen war eine drohende Falte aufgestiegen. Der Mundschenk war nicht müde geworden, die rasch geleerten Gläser zu füllen, die sein Gedeck umgaben.

Niemand hatte Moritz von Sachsen je trunken gesehen, denn er trank Jeden unter den Tisch, aber man wußte, daß er nach großen Gelagen zu furchtbaren Zornausbrüchen neigte und scheinbar kalt berechneter Gewalttaten fähig war, die aus einer innern Erstarrung seines Wesens stammten.

Herr von La Peyrouse ließ sich nicht anfechten. Er neigte verbindlich den Kopf und entschuldigte sich laut bei Frau von Avarey.

73 »Der Marschall tut mir die Ehre an, mich persönlich ins Gespräch zu ziehen und zur Kritik zu laden. Verzeihen Sie, gnädigste Gräfin, daß ich unter diesen Umständen unsere Barke ans Ufer steuere. Wenn Mars die Stimme erhebt, flüchten die Grazien.«

Einen Augenblick war es still an der Tafel, die Offiziere erstarrten in Neugier und Beklemmung.

Da fiel Avarey rasch ein.

»Die schöne und kluge Dame, die die Gnade des Königs, unseres vielgeliebten Herrn, aus einfachem Stande zu sich erhoben hat, handelte durchaus folgerichtig, als sie sich einen Staatscharakter beilegte; die Maitresse des Königs ist nicht nur eine Respektsperson, von welcher Herkunft und Art sie auch sein möge, sondern auch eine Mittelsperson, deren der Hof nicht entbehren kann. Dies erkannt zu haben ist das Verdienst der Frau von Pompadour, die ihr Mittleramt bewußt als eine Staatseinrichtung betrachtet und mit großer Umsicht versieht.«

Das Schweigen stand wie eine Mauer um die Paradetafel, als die schneidende Rede zu Ende war. Herr von Avarey aber aß langsam seine Traube. Er wußte, daß er um seinen Kopf spielte, denn die Pompadour hatte schon so viel Macht, daß ihr auch unter dem Adel, der sich zuerst gegen ihre Erhöhung 74 empört hatte, Unzählige verpflichtet und beinahe das ganze Offizierkorps ergeben war. Aber Avarey war Frondeur von Hause aus und konnte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich in seinem eigenen Geist zu spiegeln. Da er seine Worte so spitzfindig zu setzen pflegte, daß Niemand, der sie nicht aus seinem Munde selbst gehört hatte, ihren wahren Sinn erraten konnte, war er im Grunde unbesorgt. Er las Beere für Beere sorgfältig aus und beobachtete La Peyrouse mit spöttischen Blicken.

Da lachte Moritz von Sachsen wild auf. Hektische Flecken stachen aus seinem Gesicht, das plötzlich unter dem Puder ganz zerfallen aussah. Am Hals sprangen die Adern hervor, die Hände zitterten, ein Todkranker reckte sich aus der glänzenden Vermummung, zerbrochen war der Aufschwung, der an diesem Tage alle Welt bezaubert und betrogen hatte. Es war ein Anblick zum Erbarmen.

Moritz lachte, das Gesicht zu einer schmerzlichen, wütenden Grimasse verzerrt. Er wollte diesem Gelächter ein Ende machen, aber der Krampf war stärker als er und brach immer wieder aus ihm heraus, so oft er auch versuchte zu Wort zu kommen.

Espagnac war tief erschrocken hinter ihn getreten, und sein Leibarzt Belart, der an einem Nebentisch gespeist hatte, eilte herbei und schob dem Adjutanten 75 rasch ein mit Kampfer getränktes Tuch in die Hand, damit er es dem Marschall zuführe. Aber Moritz weigerte sich, das Tüchlein zu nehmen und wehrte dem Helfer, stieß ihn zurück und keuchte, gellte zwischen schluckenden Lachtönen:

»Eine – Staatseinrichtung – ein sakrosanktes Amt – die – Poisson d'Etioles, Marquise von Pompadour – meine liebenswürdige, intimste Feindin – die Sachsen totgesagt hat – bevor ich – die mich ein schlotterndes Gerippe genannt hat – eine Staatseinrichtung – das ist – das ist der Gipfel der Staatsweisheit – Graf von Avarey! – Eine Staatseinrichtung zur Beerdigung der Monarchie – das ist die Pompadour!«

Er schrie, er brüllte, keuchte die Worte wie von Dämonen geschüttelt, und schlug beide Fäuste vor sich auf den Tisch, daß die Gläser hochaufsprangen und eine silberne Fruchtschale ihren Inhalt nach allen Seiten ergoß.

Ein Wink Avareys hatte die Diener aus dem Saal gescheucht. Mitglieder der Gesellschaft schlossen hinter ihnen die Türen, damit man im Vorsaale, wo die Schöffen und die jüngeren Offiziere tafelten, nichts höre. Frau von Avarey sah sich ängstlich nach dem Rückzug um. Sie machte sich Vorwürfe, nicht schon früher daran gedacht zu haben.

76 Da stand Herr von La Peyrouse auf und bot der erschreckten Dame die Hand. »Gestatten Sie, daß ich Sie in Ihre Räume geleite, gnädigste Gräfin!«

Die ruhig und klar gesprochenen Worte fielen in eine Atempause des Anfalles des Marschalls von Sachsen und erstickten diesen.

Moritz riß Espagnac das Tuch aus der Hand, zog keuchend den Kampferduft ein, warf es dann unter den Tisch und sprach plötzlich mit rauher, aber beherrschter Stimme, aschgrau erblaßt, dicke Tränensäcke unter den verfärbten Augen:

»Was unterstehen Sie sich, Herr von La Peyrouse? Sie sind weder Gastgeber noch der Älteste am Tische, noch der Rangälteste wie mir deucht.«

»Teuerster Herr, ich beschwöre Sie,« murmelte Espagnac an Moritzens Ohr.

Da fuhr dieser wie rasend auf.

»Schweigen Sie, Espagnac, diese Worte habe ich heute schon einmal gehört!«

La Peyrouse hatte Frau von Avarey zur Tür geleitet, sich dort auf einen bittenden Blick von ihr verabschiedet und wandte sich jetzt zur Tafel zurück.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Marschall, ich war in diesem Falle nur diensttuender Kavalier.«

Er stand nach einer Verbeugung militärisch aufgerichtet.

77 »Es ist an mir, mich zu entschuldigen,« fiel Herr von Avarey rasch ein. »Ich habe einen Mißton in die Gesellschaft gebracht und den Zorn des Herrn Marschalls erregt. Ich bitte ihn, dies zu verzeihen.«

Moritz starrte ihn stumm an, winkte La Peyrouse ab und sank auf seinen Sitz zurück.

Er war plötzlich ganz ruhig geworden, aber diese Ruhe hatte etwas Unheimliches. Wie er so dahockte, von verhehlten Schmerzen gekrümmt und weder seiner Gebärden noch seiner Gedanken mächtig, wie er mit zitternden Händen die Gläser hin und her schob, in seinen Taschen kramte, hier eine Tabaksdose, dort eine Bonbonnière hervorzog, sie vor sich hinstellte und vergaß, sich ihrer zu bedienen, war er in Wirklichkeit nichts anderes als eine Ruine, ein schlotterndes Gerippe, von Ausschweifungen zerrüttet, von Ruhmsucht verzehrt und von allen guten Geistern verlassen.

Was er seit dem Triumph von Fontenoy und Laafeld in sich hineingefressen, als er als Kronfeldherr Frankreichs nach Paris zurückgekehrt war, um von der Krankheit ausgezehrt, nach Chambord in ein vergoldetes Asyl zu flüchten, da man ihm die Macht entzogen hatte, die in der Führung des Marschallstabes schlief, das war seiner Gesundheit nicht 78 minder verderblich geworden als sein tolles, buhlerisches Leben.

Unheimliche Stille brütete im Saale. Das lächelnde, bezaubernde Antlitz der Pompadour schwebte, zur Fratze verzerrt, in den Strahlenbündeln der Kerzen.

»Es war zu fürchten, die Anstrengungen, die Aufregungen waren zu groß, die letzte Phase seines Leidens hat begonnen,« murmelte Belart dem verzweifelten Espagnac ins Ohr. »Oh, daß wir wieder in Chambord wären!«

Noch saßen zehn Herren um den Tisch und bemühten sich, das Gespräch in Gang zu halten, aber alles war umsonst.

Moritz saß wie geistesabwesend und schob immer noch die goldenen und emaillierten Dosen und Döschen hin und her, legte die kleinen Geldbörsen dazu, wandte sich mit einem leeren Lächeln an Herrn von Mérac, den Oberstwachtmeister seines Regiments und fragte mit schwerer Zunge: »Haben Sie schon einmal bedacht, daß Herr von Bauffremont sehr glücklich ist?« und starrte dann wieder schweigend vor sich hin.

Belart bat die Herren durch Zeichen, sich nichts merken zu lassen.

So saßen sie eine Weile in gedrücktem Gespräch, 79 während nebenan der Lärm der Zecher höher stieg und auf der Gasse die Schatten dichter fielen.

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